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Full text of "Goettingische Gelehrte Anzeigen 1918"

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Göttingische 



gelehr teAnzeigen 



Unter der Aufsicht 



der 



Königl. Gesellschaft der Wissenschaften 



180. Jahrgang 



Berlin 

Weidmannache Buchhandlung 
1918 






UNIVERSITY 0F CALIFORNIA 









UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



180. Jahrgang (1918) 



Verzeichnis 

der 
Mitarbei ter 

Bickel, E., in Kiel 274 
Brackmann, A., in Königsberg 401 
Braun, 0., in Münster 470 

Cohn, B., in Straßburg 63 
Cohn, G M in Göttingen 316 378 

Daenell, E., in Münster 153 
Duensing, H., in Dassensen 143 

Edwards, W. H. ( in Cöln 1 . 

Frensdorff, F., in Göttingen 222 

Hashagen, J., in Bonn 456 
Hermann, E., in Göttingen 343 
His, R., in Münster 136 

Uberg, J., in Leipzig 305 

Meyer v. Knonau, G., in Zürich 233 239 

Oldenberg, H., in Göttingen 147 
Olson, E., in Lund 197 

Pohlenz, M., in Göttingen 321 

Reitzenstein, H., in Göttingen 241 
Robert, C, in Halle 161 320 



423092 

( " .,,%!,• Original (Vom 

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IV Verzeichnis der Mitarbeiter 

Schmidt, K. Fr. W., in Halle 81 126 

Schottmüller, Fr., in Berlin 464 

Schröder, E., in Göttingen 73 159 388 396 397 

Seemüller, J-, in Wien 41 

Sethe, K., in Göttingen 362 

Stille, H., in Göttingen 398 

Walzel, 0., in Dresden 447 
"Wolf, G., in Freiburg 426 






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Verzeichnis 

der besprochenen Schriften 

Abhandlungen d. Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften 

Jg. 1918. Phil.-hist. Kl. Nr. 3 s. Möller 362 

Ammiani Marcellini rerum gestarum libri qui supersunt rec. 

C. ü. Clark, vol. 2, p. 1 [Bickel] 274 

Arbeiten zur Religionsgeschichte des Urchristentums Bd. 1, 

H. 1 s. Heinrici 241 

Arbeten utg. med underst. af V. Ekmans Universitetsfond 19 

s. Nachmanson 305 

Ärsskrift, Lunds Universitets, N. F., Avd. 1, Bd. 12, Nr. 1 

s. Kock 197 

Baeßler-Archiv Beiheft 7 s. Friederici 153 

Bibl, V. 8. Maximilian II: Korrespondenz 426 

Blei, Fr. s. Lenz, J. M. R. : Gesammelte Schriften 396 

Caspar, E. : Pippin und die römische Kirche [Brackmann] 401 
Clark, C. U. s. Ammianus Marcellinus 274 

C o h n , G. : Universitätsfragen und Erinnerungen [Selbstanzeige] 378 

Demiadczuk, J. : Supplementum comicum. Comoediae Grae- 

cae fragmenta [Robert] 161 320 

Dobschütz, E. v. s. Heinrici 241 

Firmenich-Richartz, E.: Die Brüder Boisseröe Bd. 1 

[Walzel] 447 

Fischel, 0.: Die Zeichnungen der Umbrer [Schottmüller] 464 

Forschungen, Indische, H. 3 s. Hilka 147 

Freye, K. s. Lenz, J. M. R.: Briefe 388 
Friedensburg, W.: Geschichte der Universität Wittenberg 

[Frensdorff] 222 
Friederici, G. : Ein Beitrag zur Kenntnis der Trutzwaffen 

der Indonesier, Südseevölker und Indianer [Daenell] 153 






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VI Verzeichnis der besprochenen Schriften 

Gesetze, Die, der Angelsachsen s. Liebermann 136 

Grenfell, B. P. s. Oxyrhynchus Papyri 81 126 

Hartman, J. J. : De Plutarcho scriptore et philosopho [Poh- 
lenz] 321 

Heinrici, C. F. G. : Die Hennesmystik und das Neue Testa- 
ment. Hrsg. v. E. v. Dobschütz [Reitzenstein] 241 

H i 1 k a , A. : Beiträge zur Kenntnis der indischen Namengebung : 
Die altindischen Personennamen [Oldenberg] 147 

Hunt, A. S. s. Oxyrhynchus Papyri 81 126 

Kerl er, D. H.: Die Fichte - Schellingsche Wissenschaftslehre 
[Braun] 470 

Klein, 0.: Syrisch-griechisches Wörterbuch zu den vier kano- 
nischen Evangelien [Duensing] 143 

Kock, A.: Umlaut und Brechung im Altschwedischen [Olson] 197 

Korrespondenzen österreichischer Herrscher 8. Maxi- 
milian II. 426 

Lenz, J. M. FL: Briefe, ges. u. hrsg. von K. Freye u. W. Stamm- 
ler [Schröder] 388 

— : Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers. 
Hrsg. von L. Schmitz-Kallenberg [Ders.] 397 

— : Gesammelte Schriften. Hrsg. von Fr. Blei. Bd. 5 [Ders.] 396 

Liebermann, F.: Die Gesetze der Angelsachsen Bd. 2 u. 3 
[His] 136 

Mahler, E. : Handbuch der jüdischen Chronologie [B. Colin] 63 
Maximilian U: Korrespondenz, bearb. von V. Bibl. Bd. 1: 

Familienkorrespondenz 1564—1566 [Wolf] 426 
Meyer, K. : Die Capitanei von Locarno im Mittelalter [Meyer 

v. Knonau] 233 
Möller, G. : Zwei ägyptische Eheverträge auB vorsaitischer Zeit 

[Sethe] 362 

Münzen, Die, und Medaillen von Cöln Bd. 2 s. Noss 73 

— , Die, von Trier T. 1, Abschn. 2 s. Noss 73 

Nachmanson, E. : Erotianstudien [Ilberg] 305 

Noss, A.: Die Münzen der Erzbischöfe von Cöln 1306—1547 

[Schröder] 73 

— : Die Münzen von Trier T. 1, Abschn. 2: Beschreibung d. 

Münzen 1307—1556 [Schröder] 73 

Oxyrhynchus Papyri, The, P. 11 [K. Fr. W. Schmidt] 81 






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Verzeichnis der besprochenen Schriften VII 

Oxyrhynchus Papyri, The, P. 12 [K. Fr. W. Schmidt] 126 

Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichts- 
kunde 30 s. Nosa, A.: Die Münzen v. Trier 73 

Richartz, E. Firmenich- s. Firmenich-Richartz 447 

Rößler, J.: Die kirchliche Aufklärung unter dem Speierer 

Fürstbischof August von Limburg-Stirum [HashagenJ 456 

Röscher, W.: Geistliche Gedanken eines National-Oekonoinen. 

Neue Ausg. [G. Cohn] 316 

S a p p e r , K. : Katalog der geschichtlichen Vulkanausbrüche 
[Stille] 398 

Schmidt, G. : Erzbischof Siegfried I. von Mainz [Meyer v. Kno- 
nau] 239 

Schmitz-Kallenberg, L. s. Lenz, J. M. R.: Briefe 

über die Moralität d. Leiden d. jungen Werthers 397 

Schreibmüller, H.: Bayern und Pfalz 1816— 1916 [Hashagen] 461 

Schriften, hrsg. v. d. Gesellschaft z. Förderung d. Wissen- 
schaft d. Judentums s. Mahler 63 

— der wissenschaftlichen Gesellschaft Straßburg H. 27 s.Sapper 398 

Schröder, 0.: Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta 
[Robert] 179 

Schrötter, F. Frhr. v.: Geschichte des neuern Münz- und 
Geldwesens im Kurfürstentum Trier 1550—1794 [Schröder] 159 

Sombart, W.: Der moderne Kapitalismus. 2. Aufl. Bd. 1 
[Edwards] 1 

Stammler, W. s. Lenz, J. M. R.: Briefe 388 

Steinmeyer, E. v. : Die kleineren althochdeutschen Sprach- 
denkmäler [Seemüller] 41 

Texte, Kleine, für Vorlesungen undUebungen 135 s. Schröder 179 

Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte 
Oesterreichs 14 s. Maximilian IL 426 

Walde, A. : Ueber älteste sprachliche Beziehungen zwischen 
Kelten und Italikern [Hermann] 343 

Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft, Beiheft 28 
s. Klein 143 






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Nr. I u. 2 Januar u. Februar 1918 



Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische 
Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfangen bis 
zur Gegenwart. Zweite neubearbeitete Auflage. Erster Band: Einleitung; Die 
vorkapitalistische Wirtschaft. Die historischen Grundlagen des modernen Ka- 
pitalismus. München und Leipzig 1916. Duncker u. Humblot. XXVI u, 919 S. 
20 M. 

Die erste Auflage von Sombarts Hauptwerk, die 1902 erschien, 
erregte durch Vielseitigkeit der Darstellung und Neuartigkeit der 
leitenden Gesichtspunkte berechtigtes Aufsehen. Sie wurde von vielen 
Seiten mit Recht gelobt aber auch scharf angegriffen. Die nun vor- 
liegende zweite Auflage ist nicht nur äußerlich, sondern auch metho- 
disch ein neues Werk. Darüber sagt der Verf. (S. XV) : >methodisch 
sucht die zweite Auflage den vielleicht schlimmsten Fehler der ersten 
. . . nach Möglichkeit zu vermeiden, das ist die unzulässige Vermischung 
der theoretischen und empirisch-realistischen Betrachtungsweise..^. 

Diese wichtige methodologische Neuerung hat unzweifelhaft den 
Wert des ganzen Werkes erheblich erhöht. Der Theoretiker der 
Volkswirtschaft und der Historiker, der sich der Bedeutung der wirt- 
schaftlichen Entwicklung nicht einseitig verschließt, werden zu dem 
Werke mit größerer Klarheit Stellung nehmen und diese einzigartige 
Fundgrube wirtschaftshistorischer Materialien mit viel größerem Er- 
folge zu Rate ziehen können. Auch eine kritische Auseinandersetzung 
mit dem Inhalt des Werkes wird erheblich erleichtert. Als über- 
geordnetes, theoretische und empirisch-realistische Betrachtungsweisen 
verbindendes Zentralproblem erscheint zuerst die Frage nach der be- 
friedigenden Problemstellung in der Wirtschaftsgeschichte [ ). In Som- 
barts theoretischen Ausführungen gruppieren sich dann die im einzelnen 
strittigen Punkte um die Kapital- und die Preisbildungstheorien, wäh- 

1) Das aktuelle Problem, ob es überhaupt einen Kapitalismus gibt (Passow), 
soll erst bei der Besprechung des 3. Bandes behandelt werden. 

üfitt. gel. Am. 1918. Mr. 1 n. 2 1 






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2 . . - ...- .-.- - • Ciött. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 



rend im empirisch-realistischen Teile die Art der Zustandsschilderung 
und die Bewertung der dynamischen Kräfte in der wirtschaftshistori- 
schen Entwicklung als Gegenstände der Kontroverse in den Vorder- 
grund treten. In diese durch Form und Inhalt des Werkes gegebenen 
Abschnitte sollen sich auch die folgenden Ausführungen über den 
I. Band gruppieren. 

Sie enthalten keine eingehende Detailkritiken, sondern sollen nur 
positiv zur Lösung wichtiger Streitfragen Beiträge liefern. Das von 
S. mit unendlichem Fleiß herbeigeschaffte Tatsachen- und ürkunden- 
material an dieser Stelle einer exakten philologischen und diplomati- 
schen Einzelkritik zu unterziehen, wäre nicht am Platze. Der dazu 
notwendige Raum wird besser den obigen positiven Erörterungen 
gewidmet. 

A. Die Problemstellung in der Wirtschaftsgeschichte. 

>Der moderne Kapitalismus« hat nach Sombart die Auf- 
gabe (S. 22/23): >Das Wirtschaftsleben der europäischen Völker von 
seinen Anfängen an bis zur Gegenwart genetisch-systematisch zur 
Darstellung zu bringen <. 

>Dazu bemerke ich folgendes: 

1. 'Von seinen Anfängen an': das heißt von der Zeit an, 
da das Wirtschaftsleben der Völker, die Europa seit der Völker- 
wanderung in Besitz genommen hatten, aus eigener Wurzel neu zu 
wachsen beginnt: von der Zeit der Karolinger an etwa. 

2. 'Das Wirtschaftsleben der europäischen (insonder- 
heit süd-, west- und mitteleuropäischen) Völker 1 : soweit, muß hin- 
zugefügt werden, es sich einheitlich gestaltet und einheitlich verläuft. 

3. 'Genetisch-systematisch' soll das europäische 'Wirt- 
schaftsleben 1 zur Darstellung gebracht werden. 

Es mußten also die verschiedenen Wirtschaftssysteme, die in den 
elf Jahrhunderten von 800 — 1900 vorgeherrscht hatten, ermittelt und 
zunächst in begrifflicher Reinheit ('ideal typisch') beschrieben werden. 
Die solcherweise beschriebenen Wirtschaftssysteme sind; 

a) Die Eigenwirtschaft in ihrer doppelten Gestalt: als bäuerliche 
und grundherrliche Eigenwirtschaft; 

b) das Handwerk; 

c) der Kapitalismus. 

Diesen drei Wirtschaftssystemen entsprechen die drei Wirtschafts- 
epochen, die in dem letzten Jahrtausend aufeinander in Europa ge- 
folgt sind. Die wirkliche Gestaltung des Wirtschaftslebens in diesen 
drei Epochen darzustellen ist die eigentliche Aufgabe dieses Werkes<. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 3 

Die oben geschilderte Aufgabe ist als erfüllt zu betrachten, wenn 
der Nachweis erbracht werden kann, daß > der moderne Kapitalismus < 
die praktisch wirksamen und wirksam gewesenen dynamischen Ele- 
mente des Wirtschaftslebens nach Wirkung und Gegenwirkung richtig 
wiedergibt. Dieser Nachweis kann nur dann erbracht werden, wenn 
das Zentralproblem des Werkes: die Erfassung der 
Problemstellung in der Wirtschaftsgeschichte, gelöst 
worden ist. Dieses Problem harrt noch bis heute der Lösung. Es 
erhebt sich hier vorab die Frage: Ist das Problem vielleicht logisch 
oder methodisch unlösbar? Beides ist an sich zu verneinen. Sowohl 
eine logisch befriedigende Formulierung von Umfang und Zweck 
wirtschaftshistorischer Untersuchungen als auch die Entwicklung der 
dazu benötigten Methodik ist durchführbar. Bedingung dafür ist aber 
die voraussetzungslose Behandlung des Zentralproblem es. In 
den Wirtschaftswissenschaften und in der Geschichtsforschung fehlte 
sie aber bis heute. Die Ursachen, die in einer sachlich keineswegs 
leicht zu rechtfertigenden, allzu scharfen Trennung von Natur- und 
Geisteswissenschaften und in einer übertriebenen ethischen Motivation 
wirtschaftlicher Handlungen zu suchen sind, wurden bis vor kurzem 
als unabänderliche Faktoren hingenommen. Erst in neuster Zeit regte 
sich bei den Historikern (Lamprecht) und den Nationalökonomen 
(Lexis) ein stärkerer Widerstand gegen eine Verewigung dieser Uebel- 
stände in der zeitgenössischen Forschung. 

Die neue Auflage des > modernen Kapitalismus c hätte eine noch 
viel größere Tat bedeutet, wenn sie im Geiste einer bewußten Ab- 
kehr von den Fehlern der Vergangenheit gestaltet worden wäre. Gerade 
für Sombart wäre diese wissenschaftliche Reformation leicht durch- 
zuführen gewesen, da er bisher — wie er in seinem Vorwort mit 
Recht hervorhebt — nicht bei einer bestimmten Schule eingereiht 
werden konnte. Stets als genialer Außenseiter entweder freudig 
begrüßt oder heftig befehdet, konnte man von ihm am ersten einen 
rücksichtslosen Bruch mit veralteten Formeln erwarten. In dieser 
Beziehung ist man zweifellos enttäuscht. Sein Buch enthält im grund- 
legenden ersten Bande zwar zahlreiche anregende neue Gesichtspunkte, 
aber keine wesentliche neue Theorie und keinen erheblichen methodi- 
schen Fortschritt. Die Möglichkeit der vollständigen Erfassung der 
Problemstellung in der Wirtschaftsgeschichte setzt aber ein rücksichts- 
loses und gänzlich vorurteilsloses Vorgehen voraus. 

I. 

Gleich die erste Voraussetzung, die gemacht wird (S. 22. III sub 1), 
daß die Darstellung des Wirtschaftslebens >von seinen Anfängen 

1* 



( " ., , %l, • Original from 

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4 Gott. gel. Anz. 1018. Nr. 1 u. 2 

an c vorgehen wird, enthält in der Bestimmung des karolingischen 
Zeitalters als Ausgangspunkt eine äußerst willkürliche Annahme. Die 
nähere Erläuterung, die diese Zeit als die Periode umschreibt, in der 
das Wirtschaftslieben >aus eigener Wurzel zu wachsen beginnU, ver- 
stärkt diesen Eindruck noch. In einer historisch -politischen 
Zustandöschilderung jener Epochen konnte eine solche Abgrenzung 
aus äußerlichen Gründen statthaft sein. In einer wirtschafts- 
historischen Untersuchung, die bestrebt ist, die überzeitliche Unter- 
haltsfürsorge, > die Wirtschaftsweise«, klarzulegen, durfte das Wachs- 
tum der Wurzeln — um im Bilde zu bleiben — nicht im Unsicht- 
baren vor sich gehen. Die Wurzeln des Wirtschaftslebens, das nach 
der Völkerwanderung entstand, einfach als gegeben anzunehmen ohne 
Samenftrt und Wachstum zu erörtern, wäre nur bei einer Darstellung, 
die in einem ersten Urzustände der Kultur einsetzt, zu rechtfertigen. 
In diesem Falle fand man aber zwei historische Entwicklungsbedin- 
gungen des Wirtschaftslebens vor, die eine Erörterung ihres Einflusses 
geradezu herausforderten: die Kirche und die von *hr vermittelten 
Ueb'erlieferungen aus der Wirtschaftsweise der römisch-hellenistischen 
und orientalischen Reiche. 

Während die Kirche einen aus ihren Dogmen und Schriften ab- 
geleiteten > Wirtschaftsgeist« verbreitete, der allerdings nach seinem 
Sinn und Inhalt alles andere nur nicht > wirtschaftlich« in der mo- 
dernen Bedeutung dieses Wortes war, übertrug sie zugleich, indem 
sie durch ihre römischen und griechischen Beziehungen und Verbin- 
dungen an das Leben der Antike Anschluß fand, auf die jungen Völker 
wertvolle antike Gesichtspunkte und Verfahren für die Entwicklung 
der Wirtschaftsweise. 

Diese südenropäischen Einflüsse hatten drei Quellen: 

a) die antikapitalistische Gesinnung der christlichen Gemeinden 
im römischen Kaiserreiche; 

b) die ständige Betonung der Notwendigkeit des Gehorsams der 
Gläubigen gegenüber den Geboten der mit der Kirche verbün- 
deten Staatsgewalten; 

c) die Wirtschaftsweise und Produktionstechnik der alten Mittel- 
meervölker. 

Die im Mittelalter vorherrschenden aus dem kanonischen Rechte 
hergeleiteten Vorschriften für die wirtschaftlichen Handlungen und 
Unterlassungen (Zinsverbot!) standen unzweifelhaft unter dem Ein- 
fluß der kommunistischen und antikapitalistischen Gesinnungen der 
Führer und Lehrer der jungen römischen Christengemeinden. Das 
Christentum, das für seine Verbreitung in der damals bekannten 
Welt auf die in einer Periode des Hochkapitalismus befindlichen 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 5 

arischen und semitischen Völker der Mittelmeerländer angewiesen 
war, entwickelte sich als eine Reaktion gegen deren Wirtschafts- 
praxis. Während diese einen beschleunigten Kreislauf im Wirt- 
schaftsleben förderte, da nur dabei die raschen und leichten Ver- 
dienstmöglichkeiten sich eröffneten, die allein imstande waren, den 
ungeheuer komplizierten und kostspieligen Luxusbedari* der da- 
maligen besitzenden Klassen zu befriedigen — wenn auch nur 
durch Raubbau in der Natur und am Menschengeschlecht — war das 
Christentum auf eine Einwirkung auf die ärmeren und geistig einfach 
veranlagten Bevölkerungsschichten angewiesen. Ihnen, den Sklaven 
und den Aermsten, verhieß es für ihr Ausharren im Glauben und für 
ein sittenreines Leben die Belohnung in einem besseren Jenseits. Um 
die Gläubigen, denen ein wirtschaftlicher Aufstieg möglich war, vor 
der moralischen Infektion zu behüten, mußte die Kirche mit ge- 
schicktem Griffe diejenigen wirtschaftlichen Handlungen gewisser- 
maßen isolieren und dann verbieten, die als notwendige Vorbedin- 
gungen zur Erlangung des Reichtums und damit der zeitgenössi- 
schen Kulturgüter angesehen wurden. Sie mußte einmal versuchen, 
den durch die Entwicklung des römischen Privatrechtes außerordentlich 
vertieften Eigentumsbegriif zu entwerten, und sie mußte bestrebt sein, 
die notwendigste Vorbedingung einer intensiven Wirtschaftsführung: 
die entgeltliche Verwendung von Leihkapital, abzuschaffen. Für den 
ersten Zweck stand der Kirche neben zahlreichen Schriftstellen dogma- 
tischer Natur das warnende Beispiel des damals alltäglichen Miß- 
brauches des rechtlich erworbenen Besitzes zur Seite. Der zweite Zweck 
konnte durch Ableitung des Zinsverbotes erfüllt werden. »Nicht in einer 
Periode geringer wirtschaftlicher Entwicklung sondern als eine Re- 
aktion gegen die hochgesteigerte Geldwirtschaft des kaiserlichen 
Aegypten tauchte es zuerst bei Clemens von Alexandria zu Beginn 
des 3. Jahrhunderts auf. Auf alUestamentiichen Grundsätzen hat es 
Clemens, auf dem Humanitätsbegriff Laktanz zwischen 307 und 310 
aufgebaut, an die aristotelische Lehre von der Unfruchtbarkeit des 
Geldes suchte es dann zuerst Gregor von Nazianz (etwa 328— 3!)0) 
anzulehnen, bis schließlich Heronymus zwischen 410 und 415 die 
Stelle Lukas G, 35, Ambrosius (f 397) die Schrift Ciceros, De offieiis 
11,25 §81) zu seiner Begründung heranzog. Auf diesen Grundlagen 
fußte die kanonistische Zinstheorie des Mittelalters ')<• 

Die verschiedenartigen Begründungen des Verbotes, die zum Teil 
sogar vor der Verwendung angesehener > heidnischer < Autoritäten 

1) TL. Sommerlad: Artikel: Zinsfuß (MHHaltorj im Ilandwurtcrbucli der 
Staatswissenschaficn Bd. VIII S. 1023, 






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6 Gott gel. Am. 1918. Nr. 1 u. 2 

nicht zurückschreckten, sowie die intensive und vielseitige Bearbeitung 
der Frage innerhalb einer ziemlich beschränkten Zeitspanne beweisen 
zur Genüge die dem Verbote zu Grunde liegende dringende ethische 
Tendenz J ). 

Die Energie mit der die Kirche das Zinsverbot entwickelte, auf- 
stellte und jahrhundertelang verfocht, hat wie Sommerlad mit Recht 
feststellt, die Darlehensgewährung im Mittelalter keineswegs ausge- 
schaltet, aber sie hat zweifellos die Eigenwirtschaft weiter ver- 
breitet und länger am Leben erhalten, als es sonst der Fall gewesen 
wäre. Noch nachhaltiger war die Einwirkung der sehr engen Bezie- 
hungen zwischen der Kirche und den regierenden Gewalten 2 ) — 
womit keineswegs immer die Kaisergewalt gemeint ist, da diese nur in 
den Gebieten der kaiserlichen Hausmacht wirksam wurde — , die erst die 
Durchführung der geregelten Eigenwirtschaft als vorgeschriebene 
Wirtschaftsweise ermöglichte. Die Eigenwirtschaft ist nämlich keines- 
wegs das regellose Nebeneinanderleben isolierter Wirtschaftssubjekte, 
sondern das kollektive Zusammenleben von Wirtschaftseinheiten, die den 
ganzen geregelten Vorgang der eigenen Bedarfsdeckung so voll- 
ständig wie möglich in sich selbst zu vollziehen hatten. Hier lag 

1) Das Zinsverbot ist keineswegs organisch innerhalb der Entwicklung des 
dogmatischen Lehrgebäudes entstanden, sondern anorganisch und unvermittelt ein- 
gefügt worden. Schon eine Betrachtung der stärksten christlichen Stütze des 
Verbotes (Lukas 6,35) lehrt dies; dort heißt es nämlich: >... tut wohl und 
leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein«, . . . Zum Ver- 
ständnis dieser Stelle sei hervorgehoben, daß die in den unteren Volksschichten 
in jenen Zeiten bekannte Darlehensform fast ausschließlich das Fruchtdarlehen 
war. Es handelte sich somit um die zeitweilige Abhüfe einer Notlage des Nach- 
barn und zwar in der Form des Konsumtivdarlehens. Das kapitalistische Pro- 
duktivdarlehen ist dem Apostel wahrscheinlich unbekannt gewesen, da es, sowohl 
was Geldgeber, als auch Geldnehmer betraf, im wesentlichen auf die römische 
Ritterschaft und einige orientalische Großhändler beschränkt blieb. Das Frucht- 
darlehen wnrde zwar im Altertum vielfach durch Rückgabe einer größeren als der 
erhaltenen Menge Naturalien entgolten, diese Praxis stand aber offenbar im 
Widerspruch zu der christlichen Lehre, die das Vollbringen guter Werke nicht 
um irdischer, sondern nur um jenseitiger Erwartungen billigte. In diesem Geiste 
— wie schon aus der Zusammenstellung des Wohltuns mit der Leihe hervorgeht — 
ist die Stelle bei Lukas zu verstehen. Sie richtet sich nur gegen das Hegen von 
Erwartungen bezüglich einer Entschädigung bei Fruchtdarlehen oder auch anderer 
aus akuten Notlagen entstandenen Konsumtivdarlehen. Auch in dem Worte »hoffen« 
liegt dieser Zusammenhang klar, da die Verzinsung des Fruchtdarlehens nur aus- 
nahmsweise durch Abkommen geregelt, sondern meist auf stillschweigender Usance 
beruhte. Der ChriBt durfte also nicht »hoffen«, daß der Entleiher die erwiesene 
Gefälligkeit des Darlehens durch die übliche Zugabe erwidern würde. 

2) Vergl. Bluntschli, Deutsche Briefe über Staat und Kirche in »die 
Gegenwart«, Jbrg. 1, 1872. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 7 

vor allem für die unruhigen germanischen Stämme eine große Schwie- 
rigkeit psychologischer Art vor. Die einzelnen, an volle Ungebunden- 
heit gewöhnten Stammesglieder (Tacitus!) zu regelmäßigen Handlungen 
im Interesse der Unterhaltsfürsorge anzuhalten, war eine Aufgabe, die 
von den lockeren Gewalten der Staats- oder Stammeshoheit ohne Bei- 
hülfe nicht geleistet werden konnte. Hier sprang nun die Kirche und 
in ihr die Klöster ein. Unter ständiger Betonung der Schriftworte 
über den Gehorsam l ) gegenüber der Obrigkeit konnten die Mönche 
direkt oder indirekt über den Umweg staatlicher Verfügungen eine 
Bedarfsdeckungswirtschaft durchführen. Die dazu erforderliche Wirt- 
schaftsweise wurde, sobald sie als eine mehr oder weniger gottgewollte 
Ordnung erschien, in den Dörfern innegehalten und anerkannt. 

Sucht man nach den Beweggründen dieser weltlichen Betätigung 
der Kirche, so sind macht-, kultur- und wirtschaftspolitische Gründe 
nebeneinander zu unterscheiden. Gegenüber den areligiösen oder nur 
scheinreligiösen Staaten der Mittelmeerländer und des nahen Orients 
konnte die Kirche in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung 
sich nur eben behaupten oder als wesensfremder Staat im Staate 
existieren. Die west- und oströmischen Reiche konnten zwar formaliter 
zum Christentum übergehen, aber sie konnten doch nicht ohne Selbst- 
entwurzelung die altrömischen, griechischen und orientalischen Grund- 
lagen ihres Wesens aufgeben. Sie konnten zwar ein staatliches 
Christentum verkünden, aber sie konnten nicht mehr christliche 
Staaten werden. Dazu war in ihrem Gefüge zu viel aus nichtchrist- 
lichen Quellen gewissermaßen gegeben. Als der lebenskräftigste Zweig 
der christlichen Kirche seinen Mutterboden in Rom beibehielt, wäh- 
rend das römische Imperium seinen Sitz an den Bosporus verlegte, 
mußte die petrinische Kirche, die schon in Nicea die Bedeutung der 
Staatsgewalt für die Existenz einer zukunftsreichen und organisch 
starken Kirchengemeinschaft kennen gelernt hatte, darauf bedacht 
sein, Staaten zu bilden oder zu stützen, die entweder spezifisch christ- 
liche Staaten sein wollten, oder die wenigstens darauf angewiesen 
waren im engen Zusammenhange mit Rom zu bleiben, so daß ein ge- 
wisses Austauschverhältnis der Beeinflussung entstehen konnte. Zuerst 
ohne Verträge und ohne übergeordnetes geltendes Recht bildete sich 
so ein wichtiges Verhältnis zwischen Papst und Kaiser in Mitteleuropa 
und zwischen Papst und Stadtregierungen in Italien heraus. So ent- 
stand eine enge Bindung der Kirche und der öffentlichen Gewalt, die 
in ihrer ganzen Bedeutung zu den Zeiten bemerkbar wurde, in denen 

1) »Dem Kaiser zu geben was des Kaisers istc und (Paulus) »Jedermann sei 
unterthan der obrigkeitlichen Gewalt«. 






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Gott gel. Anz. 1918. Sr. 1 u. 2 

ihre Wirksamkeit versagte: d.h. wenn Fürst und Kirche sich gegen- 
seitig bekämpften, wie in Deutschland u. a. zu Zeiten Heinrich IV. 
und in England unter König Johann. 

Dann erwies sich an der Hand der unhaltbaren wirtschaftlichen 
und sozialen Zustände solcher Zeiten, daß nur Staat und Kirche zu- 
sammen, aber keine von beiden allein damals als Trager der zeit- 
genössischen Kultureinwirkung in Frage kamen. Einmal um das 
Eigentum an sich gegen Ueberfälle und Uebergriffe sicherzustellen, 
dann aber auch im allgemeineren Sinne, um eine wenn auch vielfach 
unvollkommene Rechtsordnung gegenüber angesehenen und starken 
Rechtsunterworfenen aufrecht zu erhalten. 

In dem Eintreten für die Aufrechterhaltung einer Rechtsordnung 
ist schon eine Zusammenwirkung politischer und kultureller Momente 
zu erblicken. Die kulturpolitische Begründung des Zusammenwirkens 
von Staat und Kirche war sowohl in der Notwendigkeit einer dirigie- 
renden technischen Beeinflussung der Staatsmaßnahmen zu erblicken, 
als in dem Bedürfnis einer durch staatlichen Zwang zu stabili- 
sierenden Regelung einer derHöhe der damaligen Wirt- 
schaftstechnik entsprechenden Wirtschaftsweise gelegen. 

Diese Haltung entsprach aber auch den wirtschaftlichen Interessen 
der Kirche. Sie war ja von altersher auf den Zehnten angewiesen. 
Diese rohe Ertragssteuer schuf das wirtschaftspolitische Motiv 
für ein Bündnis von Staat und Kirche im Mittelalter. Der Staat, der 
auf Naturalleistung seiner Untertanen angewiesen war, suchte natür- 
lich diese zu erhöhen, um ihre Individualleistungen (Zahl der berit- 
tenen Gefolgsleute) steigern zu können. Bei der beschränkten Anbau- 
fläche und der wenn auch nur langsam zunehmenden Bevölkerung 
war dieses Ziel nur durch Urbarmachung von Oedland, durch Ver- 
besserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise oder durch das 
Ausscheiden überflüssiger Glieder aus den Produktionsgemeinschaften 
zu erreichen. Was die Kirche und insbesondere die Klöster für die 
beiden ersten Gesichtspunkte getan haben, ist geschichtsnotorisch. 
Auch für den dritten Gesichtspunkt schufen sie in zweifacher Hin- 
sicht den geeigneten Ausweg. Die zweiten und weiteren Söhne der 
bäuerlichen Wirtschaften oder der Inhaber erblicher Gesindestellen 
konnten entweder Mönche werden oder als Handwerker der Klöster 
ein auskömmliches Dasein ohne agrarwirtschaftliche Tätigkeit, also 
ohne Verkleinerung des Ernährungsspielraumes der Anbaufläche des 
Heimatdorfes, erwerben. Diese Versorgungsaufgabe entsprach aber 
auch den Interessen der Kirche. Wollte die Kirche im Bündnis mit der 
jeweiligen Staatsgewalt — vielfach nur Fürstengewalt — als eine gleich- 
berechtigte Verhandlungspartei angesehen werden, so mußte sie sich 






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Sombftrt, Der moderne Kapitalismus !* 

nicht nur als Staat im Staate organisieren (Asylrecht u. a.j, sondern 
bedurfte einer Stützung durch weltliche Kräfte (Dienstleute und Lehns- 
träger der Klöster). Sie mußte daher im Zeitalter des Feudalismus 
auch insofern feudal sein, als sie einmal auf das ihr gehörige Land 
Familien ansetzte, aber auch indem sie die von ihr ausgebildeten 
Handwerker durch Privilegien oder Zwangsmittel um die Zentren 
ihrer Macht (Bischofssitze und Klöster) ansäßig machen mußte. So 
entstanden zahlreiche Märkte und Städte. So wuchs aber auch die 
Macht der einheitlich geleiteten Kirche im Gegensatze zu der streit- 
baren Laienwelt weit über die anteilmäßige Bedeutung der Zahl ihrer 
Lehnsleute und sonstigen Stützen hinaus. 

Hier erhebt sich nun das wirtschaftshistorische Problem, an dem 
Sombart in seinem Werke vorbeigeht: Was, d.h. welche Erfahrung 
und welches Können, befähigte die nach ihrer Lehre und ihren 
Anfängen als antiweltlich und antisachlich zu bezeichnende Kirche 
dazu, sich in diesem Umfange in das sachliche Weltgetriebe ein- 
zumischen und darin während mehrerer Jahrhunderte einen über- 
wiegenden gestaltenden Einfluß zu behaupten? Eine Beantwortung 
dieser Frage ist bei einer wirtschaftshistorischen Darstellung, die 
erat in der Karolingerzeit einsetzt, überhaupt nicht zu geben. 
Wir konnten oben schon an dem Beispiel des Zinsverbotes darlegen, 
daß die in der mittelalterlichen Wirtschaftsweise eingeführten kanoni- 
schen Regeln keineswegs Formulierungen praktischer Folgerungen 
aus reinen dogmatischen Sätzen darstellten, sondern vielfach unter 
anorganischen äußeren Einflüssen entstanden sind. Es stand vielmehr 
die von der Kirche propagierte Wirtschaftspraxis unter dem Einfluß 
historischer Erfahrung. Diese stammte aber aus den sozialen und 
ökonomischen Zuständen und Konflikten der Länder des Mittelmeeres 
und des nahen Orients. Zum Verständnis der Bedeutung dieser 
historischen Erfahrung sei folgendes vorausgeschickt. 

Die Kultur der Antike war in ihrem griechischen Bestandteil 
künstlerisch-philosophischer und in ihrem römischen Bestandteil vor- 
wiegend militärischer und rechtlicher Natur. Sie entwickelte und 
orientierte sich viel mehr an den höheren geistigen, ästhetischen und 
politischen Problemen als an den natürlichen Vorgängen des Lebens. 
Während Philosophie, Kunst, Literatur und Rechtswissenschaft blühten, 
wurden die physiologischen, biologischen und ökonomischen Vorgänge nur 
im Rahmen ihrer Bedeutung für die obigen liebevoll gepflegten Kultur- 
zweige beachtet. Waren also damals schon die theoretischen Grund- 
lagen der Welt- und Rechtsanschauungen von großen Denkern zum 
Teil in ihren letzten Tiefen klargelegt, so herrschte auf den anderen 
Gebieten der menschlichen Betätigung ein umso krasserer Aberglaube 






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10 Gott. gel. Anz. 1918. Mr. 1 u. 2 

oder nur ein empirisches Wissen. Ob dadurch, ob auch aus anderen 
Ursachen *) — das sei dahingestellt — herrschten auf diesen ver- 
nachlässigten Gebieten die gröbsten sittlichen Mißbräuche und Laster, 
gegen die die junge Kirche sich gedrungen sah Front zu machen. 
Hier galt es einen Kampf aufzunehmen gegen eine gefestigte tech- 
nologische und wirtschaftliche Praxis, deren Entstehung in ein mysti- 
sches Dunkel gehüllt war, während die Zustände, die sie gezeitigt 
hatte, dringend der Abhilfe bedurften. Welche Kennzeichen sind nun 
hierfür in ziemlich allgemeiner Uebereinstimmung in den südlichen 
und östlichen Ländern wahrzunehmen, in denen das junge Christentum 
sich ausbreitete? Wir greifen als wichtigste Symptome den Konsumtiv- 
luxus, den Latifundienbesitz, den agrartechnischen Raubbau und die 
Sklaverei heraus. Die aus diesen Wurzeln entsprungenen Uebel be- 
dürfen keiner weiteren Schilderung; sie bilden das wichtigste Stück 
Sitten- und Kulturgeschichte der antiken Welt. 

Hier ist also eine knappe und klare Antwort über Notwendigkeit 
und Zweck des Eingreifens der Kirche in das Wirtschaftsleben zu ent- 
nehmen : Unter dem historischen Einfluß von Milieuerfahrungen mußte 
die Kirche zur Herbeiführung eines Ausgleiches zwischen ihren Dogmen 
und den konkreten Tendenzen des Wirtschaftslebens eine Wirtschafts- 
weise zur allgemeingültigen zu erheben suchen, die in sich selbst, 
also unabhängig von der Wirksamkeit äußerer ethischer Einflüsse, die 
notwendigen Hemmungen gegen die Entwicklung und Verbreitung rö- 
misch-orientalischer Wirtschaftszustände bei den jungen Völkern Mittel- 
und Westeuropas enthielt. Für Einführung und Ausbreitung der neuen 
Wirtschaftsweise, der örtlich konzentrierten Bedarfsdeckung 
in Eigenwirtschaften, eigneten sich besonders die jungen Grenz- 
länder des alten Rom. Indem die Kirche als Kulturträgerin einen 
Schatz an empirisch-technologischem Wissen in der Landwirtschaft und 
in der RohstofFproduktion diesen Völkern — und darunter in erster 
Linie in Mittel- und Westeuropa den Germanen — darbot, war es 
zweifellos ihre sittliche Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, daß der tech- 
nologische Fortschritt nicht die im Christentum verkörperte ethische 
Kultur überwand, sondern daß diese die Betätigungsgrenzen der 
Produktionsverfahren in ihrem Sinne regelte. 

IL 

Als zweite wesentliche Voraussetzung für die Erledigung der 
Aufgabe des > modernen Kapitalismus< bezeichnet der Verfasser die 
Darstellung des Wirtschaftslebens der europäischen (...) Völker, 
>soweit ... es sich einheitlich gestaltet und einheitlich verläuft<. Diese 

1) Rassenmischungcn und Sexualdegeneration. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus II 

Art der Darstellung des Allgemeinen nennt Sombart die soziologische 
Fragestellung. Die Fragestellung nach der Besonderheit und Ver- 
schiedenheit bezeichnet er als die historische. Während er diese be- 
deutsame Unterscheidung nicht weiter erläutert oder begründet, baut 
er die ganze Anlage seines Beweismaterials darauf auf. Da es ihm 
in seinem Werke darum zu tun sein muß, allgemeine, gleiche Ten- 
denzen, die im modernen Kapitalismus konvergieren sollen, schon in 
der Vergangenheit des europäischen Wirtschaftslebens nachzuweisen, 
besteht für ihn die Gefahr, in dem Bilde der Entwicklung der na- 
tionalen Volkswirtschaften einseitig die Bedeutung und die Wirkung 
derjenigen Züge zu überschätzen, die sich in mehreren oder allen 
Bildern wiederholen. 

In der obigen Voraussetzung kommen zwei Begriffe vor, die 
ihrerseits wesentliche Voraussetzungen enthalten. Ueber Kennzeichen, 
Grad und Umfang der Einheit und über den Sinn dessen, was 
Verlauf und Gestaltung zu bedeuten haben, wird nichts gesagt. 
Diese definitorische Lücke kann entweder bedeuten, daß sich 
ein erfahrungsmäßig erreichbares Maß der Einheit nur im Laufe 
der Darstellung gewissermaßen als Unterdruck und Netzwerk 
zu jedem Bilde ergeben soll. Dann ist die Einheit nicht all- 
gemeiner Natur, sondern soll stets nur für eine Vergleichsreihe 
wie z. B. die wirtschaftlichen Handlungen der Wollhändler in einem 
bestimmten Jahrhundert — gelten. Sei es, daß dann ein Kenn- 
zeichen oder eine Gruppe von Merkmalen stets übereinstimmen muß, 
immer bleibt die Einheit Konstruktionsergebnis. Oder wenn diese An- 
nahme nicht zutrifft, so verbleibt nur die Feststellung, daß eine Einheit 
für den gedachten Zweck zwar als ideale Forderung aufgestellt wurde, 
aber im Laufe der Arbeit sich nicht herausschälen ließ. Diese zu- 
treffende Annahme wird — wie wir noch weiter unten sehen werden — 
auch nicht durch die drei sich ablösenden Wirtschaftssysteme Sombarts 
überwunden. Voraussetzung für die Einheit ist ja nicht etwa eine 
beliebige Einheit — also auch jede von außen an den Gegenstand 
der Untersuchung herangetragene — , sondern die Forderung geht aus- 
drücklich auf Einheit in der Gestaltung und im Verlauf einer kon- 
kreten Erscheinungsreihe: des Wirtschaftslebens. Dieser Forderung 
kann offenbar nur durch eine Anzahl einheitlicher gleichzeitiger Er- 
scheinungen genügt werden. Die Gleichartigkeit der etwa in Europa 
zur selben Zeit herrschenden Wirtschaftssysteme — wenn man die 
Annahme macht, es gäbe so etwas — setzt weder begrifflich noch in 
der Praxis der Wirtschaft eine Gleichartigkeit der wirtschaftlichen 
Erscheinungen voraus. Vielmehr können bei genau übereinstimmenden 
Wirtschaftssystemen in zwei Ländern ganz andere wirtschaftliche Er- 






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12 Gott gel. Adz. 1918. Nr. 1 u. 2 

scheinungen hervortreten. Dieselben im kapitalistischen Wirtschafts- 
system mit dem Ziele der Ueberschußproduktion arbeitenden Eisen- 
fabriken können, je nachdem sie vorwiegend Ramsch- oder Qualitäts- 
waren erzeugen, bezw. je nachdem sie ihre Arbeiter häufig wech- 
seln oder durch Gewinnbeteiligungschancen an sich zu fesseln suchen, 
die verschiedensten wirtschaftlichen Phänomene darbieten. In einer 
Vergleichsreihe, die sich auf das Gebaren kapitalistischer Unterneh- 
mungen bezieht, sind offenbar beide Typen gültige Beispiele? Die 
Erscheinungen welcher Type sollen nun den Verlauf und die Ge- 
staltung des Wirtschaftslebens in einheitlichem Sinne belegen? Hier 
schlummert offenbar die methodische Gefahr einer falschen Bewertung 
der quantitativen Wirkung bestimmter Faktoren, deren allgemeine Be- 
deutung dargetan werden soll. Hier ist auch auf die Gefahr einer zu 
weitgehenden Kategorisierung der wirtschaftlichen Erscheinungen im 
Rahmen des Schemas eines Wirtschaftssystemes hinzuweisen. Die über- 
trieben strenge geisteswissenschaftliche Behandlung der Er- 
scheinungen und der Entwicklung des sozialen Lebens hat dazu ge- 
führt, organische Erkenntnismethoden in einer aphoristischen Hal- 
tung abzulehnen, während der Untersuchungsgegenstand an sich min- 
destens ihre versuchsweise Anwendung zu fordern scheint. 

Sehen wir einmal von Sombarts Wirtschaftssystemen und seiner 
idealen Forderung ab und halten wir uns ausschließlich an eine organi- 
sche statt der anorganisch kategorisierenden Auffassung des Verlaufes 
des Wirtschaftslebens, so gelangen wir zu anderen Ergebnissen. 

Die Bezeichnung: das Wirtschaftsleben deckt sich nach den 
Auffassungen von Lexis mit der Umschreibung einer Vorgangsreihe, 
die gerade wie der Lebensprozeß im menschlichen Körper in sich ab- 
geschlossen in einem variabelen Tempo verläuft. Die Grenzen der 
Variabilität des Tempos stellen den Spielraum zwischen Stagnation 
und krisenhafter Ueberproduktion dar. Innerhalb dieser Grenzen ist 
der Kreislauf im Wirtschaftsleben bestrebt, seinen Ablauf in einer 
normalen Zeit, der durchschnittlichen Wirtschaftsperiode, zu vollziehen. 
Dieser Kreislauf vollzieht sich nun zu allen Zeiten wie der Kreislauf 
des Blutes bei dein Menschen von einer Eintrittsstelle über eine be- 
stimmte Anzahl durch sachliche Bedingungen gegebener Stationen 
oder Organe bis zum Erreichen der Austrittstelle. Die Anzahl dieser 
Stationen und ihre gegenseitigen Beziehungen würden den ersten 
konkreten Anhalt für die Feststellung der einheitlichen Gestaltung 
des Wirtschaftslebens abgeben können. Für die Feststellung der Ein- 
heit des Verlaufes des Wirtschaftslebens sind die Dauer und die 
quantitativen Leistungen der Kreisläufe maßgebend. Beide Gesichts- 
punkte für die Feststellung der Einheitlichkeit im wirtschaftlichen 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 13 

Geschehen sind auf diesem Wege aus den im Flusse befindlichen Pro- 
zessen selbst gewonnen und sie besitzen den Vorzug, nicht an ein 
künstliches System gebunden zu sein, sondern überhaupt nur das 
Wirtschaften in sozialer Gemeinschaft vorauszusetzen. 

Bei der Anwendung dieser logisch befriedigenden, vereinheit- 
lichenden Gesichtspunkte dürfte sich aber erweisen, daß das Allge- 
meine im Sinne von Sombart doch vielfach nur so äußerlicher Natur 
sein wird, daß die Uebereinstimmung zwar festgestellt werden kann, 
aber dennoch keine wirtschaftstheoretische Bedeutung besitzt. Eine 
wirkliche sachlich bedeutsame Einheit ist, wie wir oben andeuteten, 
aus dem wirtschaftlichen Geschehen nur für ein Land oder eine Gruppe 
gleichartiger Länder festzustellen. Milieu, Klima, Fruchtbarkeit und 
Bevölkerungsbewegung führen doch durch ihre Verschiedenheit zu 
weitgehende Divergenzen im gleichzeitigen Verlauf des Wirtschaftslebens 
verschiedener Völker herbei. Die Einheitlichkeit der Wirtschaftsweise 
läßt sich doch sogar innerhalb einer ein ausgestrecktes Gebiet um- 
fassenden nationalen Volkswirtschaft fast nie feststellen. Stets muß 
sie sich dem gestaltenden Einfluß von Faktoren unterordnen, die jeder 
allgemeinen soziologischen Entwicklung entzogen bleiben. Daher kommt 
es, daß, wie Sombart meint, die verschiedensten Systeme vielfach neben- 
einander existieren können und sich nicht etwa nach vollständigem 
Ablauf gegenseitig ablösen. Sie sollen nach Sombarts Auffassung 
einen Uebergang in einander vollziehen. Das neue System erscheint 
zuerst nur als Ausnahme, verbreitet sich langsam und gewinnt in den 
verschiedensten Produktionszweigen gegenüber dem bisher vorherr- 
schenden Systeme Raum bis zur Beherrschung der wichtigsten Unter- 
nehmungstypen. Das alte System gilt dann als sachlich überwunden 
und kann für die theoretische Behandlung der Erscheinungen des 
Wirtschaftslebens vernachlässigt werden. Dieser Ersatz kann, muß 
aber nicht Platz greifen. 

III. 

Diese Auffassung von S., die wir nicht teilen können, gründet sich 
auf die dritte Voraussetzung im Aufbau des »modernen Kapitalismus«. 
Sie besagt, daß das europäische Wirtschaftsleben >genetisch-syste- 
matisch« zur Darstellung gebracht werden soll. Darunter versteht 
Sombart, daß jede Einzelerscheinung des Wirtschaftslebens auf das 
herrschende Wirtschaftssystem ausgerichtet wird. Daß eine wirt- 
schafts-historische Untersuchung > genetisch« sein muß, versteht 
sich von selbst. Gegen die Sombartsche Auffassung der >systemati- 
schen« Darstellung müssen formal-logische und empirisch-praktische 
Bedenken vorgebracht werden. 






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14 Gott gel. Anz. 11)18 .Nr. 1 u. 2 

Die Ermittlung der Wirtschaftssysteme in >ideal- 
typischer« Reinheit. 

Hierzu sind die folgenden Fragen zu stellen und zu beantworten : 
a) Welche Anhaltspunkte sprechen dafür, daß es jemals zu einer Zeit 
ein Wirtschaftssystem gegeben hat? b) Warum muß sich das Wirt- 
schaftsleben innerhalb eines Systemes vollziehen? 

Es gibt unseres Erachtens überhaupt keine Wirtschafts- 
systeme, sondern nur zahlenmäßig vorherrschende, für 
bestimmte geschichtliche Epochen charakteristische, 
qualitative und quantitative Produktionsvorgänge. Der 
Nachdruck muß auf die unbefriedigende Verwendung des Begriffes 
>Sy8tem< gelegt werden, da das Uebersehen dieses Umstandes eine 
völlig falsche Stellungnahme zu den Grundlagen des >modernen Ka- 
pitali8mu8< herbeiführen kann. Sombart gelangt nämlich zur An- 
erkennung eines in den Wirtschaftswissenschaften immer noch leben- 
digen Vorurteils über den Fortgang der wirtschaftlichen 
Entwicklung in stufenartig sich folgenden Wirtschafts- 
systemen. 

Bisher war stets festzustellen, daß diejenigen Theoretiker der 
Volkswirtschaftslehre, die ohne Vorführung einer Systemfolge zu keiner 
Begründung ihres Lehrgebäudes gelangen konnten, diese Systeme nie 
als fertige Wirtschaftsverfassungen oder -Ordnungen nachgewiesen 
haben, sondern stets so vorgegangen sind, a priori Systeme zu ent- 
wickeln, die durch zusammengestellte und vielfach zurechtgestutzte 
praktisch-empirische Belege als allgemein gültig oder vorherrschend 
dargestellt wurden. Einwandfreie allgemeingültige Beweise für die 
Herrschaft bestimmter Wirtschaftssysteme sind bis heute nicht er- 
bracht worden. Sombart erkennt dies auch mehrfach an. Einmal 
indem er ausdrücklich das Nebeneinander verschiedener Systeme be- 
tont, und dann indem er ausdrücklich hervorhebt, daß kein > Systeme 
lückenlos und allgemein zur Einführung gelangt ist. Statt aus diesen 
Erkenntnissen, die sich in ihrer tapferen Ehrlichkeit so vorteilhaft 
von den üblichen Argumentationen der Vertreter der historischen Rich- 
tung abheben, den Schluß zu ziehen, von einer Systematisierung des 
Wirtschaftslebens überhaupt abzusehen, sucht Sombart in der voll- 
ständigen Abstraktion sein Heil. Er ermittelt die Wirtschaftssysteme 
in > ideal-typischere Reinheit. 

Da er also wohl die unbedingte, vollständige und allgemein gül- 
tige Herrschaft bestimmter Systeme größtenteils preis gibt, jedoch 
auf eine Systematisierung an sich nicht glaubt verzichten zu können, 
ist eine nähere Erörterung unserer zweiten Frage (b) nicht zu um- 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 15 

gehen. Unter welchen Bedingungen ließe sich nun annehmlich machen, 
daß sich das Wirtschaftsleben nur nach Systemen vollziehen könnte? 
Dazu müßten sich die folgenden Sätze beweisen lassen : 

1. Wirtschaften ist eine menschliche Tätigkeit, die sich jeweils in 
einer historischen Epoche nur nach einem Verfahren aus- 
führen läßt. 

2. Das jeweils angenommene Wirtschaftsverfahren beruht auf als 
logisch richtig nachweisbaren Erkenntnissen. 

3. Die geistigen Voraussetzungen zur Erfassung dieser Erkennt- 
nisse sind zur Zeit der Herrschaft des aus ihnen gewonnenen 
Wirtschaftssystems vorhanden gewesen. 

Lassen sich diese drei Sätze beweisen, so kann von dem Vor- 
handensein eines Systemes die Rede sein, anderenfalls ist das, was man 
System nennt, nur die Zusammenfassung einer Anzahl Regeln der 
Wirtschaftspraxis, die durch zufällige Umstände zu einer Zeit eine 
weitgehende Verbreitung gefunden haben. 

Bei allen Versuchen, eine Systematik des Wirtschaftslebens zu 
entwerfen, fällt eine Einseitigkeit besonders auf: Alle möglichen 
äußeren Merkmale, wie Größe des Betriebes, Verhältnis von Selb- 
ständigen zu Abhängigen, Verhältnis der fremden zu den eigenen Be- 
triebskapitalien, werden dazu als Kennzeichen genommen, dagegen 
geht man einer begrifflichen Klärung der Wechselwirkung von Pro- 
duktion und Konsum, sowie der Feststellung der Zeitdauer und der 
quantitativen Ergebnisse der Produktionsvorgänge aus dem Wege 1 ). 
Es rührte dies zweifellos daher, daß man vor dem Erscheinen des 
theoretischen Werkes von W. Lexis (Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
1910) überhaupt keine andere Vorstellung mit dem Begriff Wirt- 
schaften« verband als: Bedarfsdeckung durch Produktion. Erst in 
seiner klaren Darstellung ist — wie schon oben erwähnt wurde — 
klargelegt worden, daß nicht Produktion allein und nicht Konsum 
allein, sondern nur beide zusammen dynamisch auf das Sub- 
jekt jeder Wirtschaft, den Menschen, einzuwirken vermögen. Indem 
wir hier besonders auch (über Lexis hinausgehend) mit Liefmann 8 ) 
übereinstimmen, betrachten wir das Wirtschaften als Nutzen- und 
Kostenvergleichung und betrachten also die Bedürfnisse im Konsum 
als Anreger und die Mühen und Opfer der Produktion als Hemmungen 

1) Es ist offenbar für die Entwicklung zum Großbetriebe und zur Massen- 
produktion ,von viel größerer Bedeutung, daß man ein Paar der besten Schuhe 
aus gutem Leder heute mit der Maschine in ganz kurzer Zeit machen kann, 
während dies früher Tage dauerte, als die Feststellung wieviel Gesellen im 15. Jahr- 
hundert auf einen Meister entfielen. 

2) Liefmann, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Bd. 1, 1917. 






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16 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

der Intensität des Wirtschaftens. Wollen wir die Frage nach der 
möglichen Ausschließlichkeit eines Wirtschaftsverfahrens beantworten, 
so müssen wir offenbar in der Lage sein, treibendes Agens und Brems- 
wirkung dieser Bewegung auf Generalnenner für die einzelnen Wirt- 
schaften zu bringen. Hier verstehen wir unter Generalnenner eine 
derartige Neutralisation der Einwirkung beider Momente, daß bei 
jeder Wirtschaft annähernd der gleiche Tätigkeitsimpuls einsetzt. Dann, 
und offenbar auch nur dann, ist es überhaupt denkbar, daß sich die 
große Mehrzahl dazu entschließen könnte, im Rahmen ihrer Produk- 
tionsmittel überein zu handeln. Sei es aus konventionellen Gründen, 
sei es aus regelndem Rechtszwang, der auch, um wirksam zu sein, 
einem überwiegenden gleichartigen Bedürfnis entstammen muß, jeden- 
falls erheischt ein gleichartiges Verfahren des praktischen Handelns 
Gleichheit der Motive oder der Motivkomplexe. 

In diesem Falle liegt offenbar ein Motivkomplex vor. Die Wider- 
stände der Außenwelt — die voraussichtlichen Mühen der Produktion — 
schränken die Arbeitslust ein, während die eigenen Bedürfhisse und 
der Aufwand der Umwelt — wenn diese auch nur durch den kleinsten 
Kreis dargestellt wird — den einzelnen zur Gütererzeugung drängen. 
Ihre Ergebnisse werden eigenwirtschaftlich verbraucht oder vertauscht. 

Bevor wir die Begriffe Produktion und Konsum näher beleuchten, 
muß darauf hingewiesen werden, daß S. an Stelle dieses Motivkom- 
plexes als treibendes und zugleich regelndes Prinzip die sogenannte 
Wirtschaftsgesinnung einer Zeit oder eines Zeitalters einschaltet. Er 
sagt darüber '): > Das Wirtschaftsleben in seiner verschiedenen Gestal- 
tung lebendig werden zu lassen, war das Ziel, das ich mir in 
diesem Werke gesteckt habe. Also mußte vor allem die Methode, 
die schon Mephisto verspottet hat, die aber leider noch immer im 
Schwange ist, vermieden werden: 

'Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, 
Sucht erst den Geist herauszutreiben' . . . 
Vieiraehr war es mein heißes Bemühen das 'geistige Band', das alle 
lebendige Wirtschaft zusammenhält, bei meiner Untersuchung nicht 
zu zerstören, sondern in seiner allzusammenfassenden Kraft gerade 
aufzuweisen. Deshalb habe ich vor allem mich bemüht, den Geist, 
der je eine bestimmte Wirtschaftsepoche beherrscht hat, aus dem 
heraus das Wirtschaftsleben in dieser Epoche gestaltet worden ist, 
aufzusuchen und in seiner Wirksamkeit zu verfolgen. Es ist ein 
Grundgedanke dieses Werkes daß je zu verschiedenen Zeiten 
eine verschiedene Wirtschaftsgesinnung geherrscht 

1) S. 24 sab 4) 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 17 

habe, und daß es der Geist ist, der sich eine ihm ange- 
messene Form gibt und dadurch die wirtschaftliche Or- 
ganisation schafft ')<• 

Indem S. sich durch Ausführung des Zitates aus Faust ausdrück- 
lich gegen jede Objektivierung der Untersuchungsmethoden kehrt, 
leitet er sein geisteswissenschaftliches Glaubensbekenntnis wirkungs- 
voll ein, muß dieses aber in dem nächsten Satze — an der Hand seiner 
ausgedehnten empirisch-wirtschaftlichen Beobachtungen — doch wieder 
zurücknehmen, wenn er von dem geistigen Bande spricht, das alle 
lebendige Wirtschaft zusammenhält. Darin erblicken wir ein 
wesentliches Zugeständnis gegenüber einer naturwissenschaftlich-phy- 
siologischen Auffassung des Aufbaus des Wirtschaftslebens. Seine 
Qualifikation (geistig) des Bandes, das einen lebendigen — also 
sachlich vorhandenen — Organismus zusammenhält, ist ebenso 
nebensächlich, wie die Qualifikation >ätherisch< bei der Bezeichnung 
schwächlicher Menschen. Mit Recht legt S. durch Hervorhebung Nach- 
druck auf die Lebendigkeit also die Funktion der Wirtschaft. 

Diese indirekten Zugeständnisse von S. ermutigen uns geradezu, 
nunmehr seiner > Wirtschaftsgesinnung« die Wechselwirkung von Wirt- 
schaftsreizen und Wirtschaf tslähmungen gegenüberzustellen. Zu der 
ersteren Kategorie rechnen wir alle Faktoren, die den Konsum stei- 
gern. Also : 

a) physische Bedürfnisse, 

ß) Aufwandbestrebungen, 

t) notwendige Ersatzarbeiten. 

Alle wesentlichen Konsumanlässe lassen sich zwanglos nach diesen 
Gesichtspunkten gruppieren. Ihre Summe ergibt den Gesamtkonsum 
oder den periodischen durchschnittlichen Gesamtbedarf der be- 
obachteten Wirtschaftsgesellschaft. Wir erhalten also die schematische 
Gleichungsreihe (in der die Indices die Wirtschaftsperioden angeben): 

*. + ß, + 7, = «, 
«. + P.+T, - «, 

«•-r-ß. + T. — «i 

« n + ß.+ T, - *u 
Soll der Konsum nun während längerer Zeit (etwa in der historischen 
Periode 1 — n) mit annähernd gleicher Intensität auf die Wirtschafts- 
subjekte wirken, so wird man fordern müssen, daß annähernd 

a, + a t + a % + «„., + a n — n-K 

sei. Nach welchen Gesetzen die Streuung der a- Werte um ein K als 

1) Im Original nicht gesperrt. 

U6U. ftl. Ads. 1918. Nr. 1 u. 2 2 



, " ,, . , I . Original from 

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13 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

idealen Mittelwert zu bestimmen ist, sei dahingestellt. Von Bedeu- 
tung für unser Problem ist nur die Frage, ob allgemein a r als Summe 
von a r + ß P + Tr überhaupt Eigenschaften besitzt, die es ermöglichen, 
a als Abweichung von einer Konstanten aufzufassen. Dazu wäre eine 
gegenseitige Aufhebung der Schwankungen der einzelnen Komponenten 
wahrscheinlich zu machen. Es müßte dann den folgenden Gleichungen 
Genüge geschehen 

(«i - «,) + (ß. - ß.) + (Y. - Tt) = 

(«, - «.) + (P, - PJ + (T. - T.) = usw. 

Was bedeutet dies für die der wirtschaftlichen Praxis entnommenen 
Faktoren (a, p, ?)? Offenbar die Feststellung, daß sie 6ich ihrer 
Natur oder Verursachung nach gegenseitig in ihrer jeweiligen In- 
tensität beeinflussen, und daß sich Schwankungen kompensieren müßten. 
Dies ist aber sachlich unmöglich. Im Gegenteil weist empirische Er- 
fahrung darauf hin, daß eine Kompensation bei erheblichen Abwei- 
chungen fast ausgeschlossen ist, daß dagegen eine große Wahrschein- 
lichkeit für das Zusammentreffen gleichartiger (positiver nnd negativer) 
Abweichungen vom vorigen Werte bei mehr als einem der drei Fak- 
toren spricht. Nehmen wir als Beispiele, die besonders dem Mittel- 
alter angepaßt sind, die Wirkungen einer Seuche, einer Hungersnot 
und eines Krieges. 

. Erfahrungsgemäß war fast jede verbreitete Seuche von einem 
großen Sterben begleitet, daraus folgte naturgemäß ein Sinken des 
ersten Faktors, während die Flucht der besser situierten Kreise (Boc- 
cacio Dekamerone) nach Landschlössern durch Konzentration dieser 
vergnügungssüchtigen Elemente, die von dem Bedürfnis beherrscht 
waren, ihre Angst zu vergessen, eine Steigerung des Aufwandes her- 
beiführte. Endlich störte die Seuche durch die von ihr panikartig 
verursachte Bevölkerungsbewegung die handwerkliche Tätigkeit. Es 
besteht nun kein Anlaß anzunehmen, daß der Zuwachs von ß in irgend 
einem Verhältnis zu dem Abgang von a und 7 steht. Wenn wir da- 
von absehen wollen, daß ß meist mit dem Verbrauch exotischer Luxus- 
waren und feinerer Fertigerzeugnisse der einheimischen Arbeit zu 
identifizieren ist, während die Veränderungen von a und 7 im wesent- 
lichen den Verbrauch von Lebensmitteln und Rohstoffen betreffen, so 
genügt der Hinweis auf die Zahl der Konsumenten, um die quanti- 
tative Zusammenhanglosigkeit der Veränderungen ersichtlich zu machen. 
Bei ß ein Zuwachs, der aus höchstens einigen Hundert Wirtschaften 
stammt, dagegen bei et und 7 eine Verbrauchseinschränkung, die aus 
dem gesamten oder überwiegenden Verbrauchsanteil von Tausenden 
gebildet wird. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 19 

Im Falle der Hungersnot — wenn sie nicht, was vielfach der 
Fall war, mit einer Seuche zusammenfiel, oder sie verursachte — hat 
man es offenbar nur mit einer erheblichen Einschränkung von a zu tun. 

Der Kriegsfall bildet wiederum ein ganz anderes Bild. Es treffen 
dabei — je nach den Zeiten — entweder starke Steigerungen von a 
und 7 bei unverändertem ß (moderne Zeiten) oder unveränderte et 
und 7 bei stark vermindertem ß (Mittelalter) zusammen. 

Da nun cum grano salis die Produktion in ähnliche Bestandteile 
zerlegt werden kann, bei denen sich gleichfalls eine regellose Gestal- 
tung der gleichzeitigen Größenordnung nachweisen läßt, erübrigt sich 
die Wiederholung. Zusammenfassend stellen wir fest, daß Produktion 
und Konsum, sowohl nach ihren einzelnen Bestandteilen, aus denen 
sie als komplexe Erscheinungen gebildet sind, als auch in Bezug auf 
ihre Größenordnungen innerhalb einer beobachteten Zeitreihe keine 
Motive von konstanter Intensität bilden können. Damit ist aber das 
einheitliche Wirtschaften (== disponieren) als geistige Grundlage des 
einen herrschenden Wirtschaftssystemes entwurzelt. Es wirtschaftet 
eben jeder Wirtschafter nach der Konjunktur seiner Produkte ver- 
schieden. In manchen Jahren wird er reine Bedarfsdeckung an- 
streben, in anderen Jahren wird er dagegen aus spekulativen Ge- 
sichtspunkten reinste Ueber- und Massenproduktion treiben. 

Mit diesem Nachweis erledigen sich auch die Sätze b und c. 
Fallt die Annahme einer Gleichheit der Intensität der wirtschaftlichen 
Motive fort, bo ist ein auf Erkenntnis gegründetes einheitliches 
Verfahren auch undenkbar. Im Gegenteil muß die Erkenntnis der 
ungleichen Intensität der Motive notgedrungen schon a priori zur 
Ablehnung eines Wirtschaftssystemes und nur zur Anerkennung 
einer mehr oder weniger großen Sammlung von nach der empirischen 
Erfahrung in Einzelfällen der Konjunktur anwendbaren Wirtschafts- 
regeln führen. 

Aber auch in dem Falle, daß es nicht möglich gewesen wäre 
darzutun, wie ein System der jeweiligen Verschiedenheit der Wirt- 
schaftsvorgänge innerhalb eines beschränkten Zeitabschnittes nicht 
gerecht wird, hätte eine Klärung der Annahme sub. 3 diese Einheit 
des Systems erledigt. Bei jedem System setzt man stillschweigend 
den Begriff eines planmäßig Gewollten voraus. Dieses kann aber nur 
aus der logischen Einsicht in die Zusammenhänge der zu re- 
gelnden Dinge und Verhältnisse entwickelt werden. Notwendig ist 
also ein Maß der Kenntnisse, das ermöglicht, durch geistige Vor- 
gänge die zu dem System gehörenden Erkenntnisse gewinnen zu 
können. Dem modernen Verfasaungsstaat ging Montesquieu voraus, 
während hier Sombart mit seiner Wirtschaftsgesinnuag und leiner 

2* 



( " .,,-,!,. Original from 

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20 Gott sei. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 



n 



Stufenfolge von Wirtschaftssystemen post hoc diese Arbeit für das 
europäische Wirtschaftsleben zu leisten sucht. Daß die Erkenntnisse 
volkswirtschaftlicher Art, die zur Entwicklung und Durchführung der 
von S. angegebenen Systeme notwendig wären, bis vor kurzem (näm- 
lich bis vor etwa 1 50 Jahren) noch unbekannt waren , steht fest. 
Erst die moderne Zeit mit ihren Massenbeobachtungen, dem zen- 
tralisierten Staate und der rechtlich-begrifflichen Fixierung wirtschaft- 
licher Handlungen liefert jetzt post festum die geistigen und theoreti- 
schen Unterlagen der Sombartschen Gedankengänge. 

Im Sinne unserer bisherigen Ausführungen fassen wir unsere An- 
sicht von der Problemstellung in der Wirtschaftsgeschichte dahin zu- 
sammen, nicht — wie Sombart es tut — das Einigende in einer kon- 
struierten Wirtschaftegesinnung und in einer Reihenfolge von Systemen 
zu suchen, sondern voraussetzungslos das Wirtschaftleben als Funk- 
tion eines Organismus zu betrachten, an dem die Wandlungen der 
Lebenserscheinungen im Laufe der Zeiten nur durch Beobachtung der 
organischen Veränderungen der vitalen Teile zu erklären sind. 

B. Die Kapitalbildungstheorie. 

Schon bald nach dem Erscheinen der ersten Auflage des > Mo- 
dernen Kapitalismus« (1902) wurde auf dem Historikertage des Jahres 
1903 die Kapitalbildungstheorie jenes Werkes unter Führung von 
G. v. Below einer scharfen Kritik unterzogen. Den damaligen Ver- 
handlungen schlössen sich noch weitere publizistische Erörterungen 
an. Es nimmt daher nicht Wunder, wenn sich die zuerst erschienene 
längere Kritik der zweiten Auflage 1 ) abermals mit diesem Gegen- 
stande befaßt. 

In v. Belows Ausführungen 2 ) kommt der Angelpunkt des Streites 
wie folgt klar zum Ausdruck: >In der ersten Auflage hatte Sombart, 
wie angedeutet, erklärt, aus Handels- und Handwerksgewinnen habe 
sich im Mittelalter nicht Kapital bilden können. Dasjenige Kapital, 
das sich im Mittelalter gebildet hat, war nach ihm aufgespeicherte 
Grundrente. Auf 2 Arten wurde solche aufgespeichert: 1. Grund- 
herrn, welche Besitzungen auf dem Lande hatten, sammelten die von 
ihren Hörigen gezahlten Zinsen und wurden dadurch Kapitalisten; 
mit diesem Kapital zogen sie in die Stadt. 2. In der Stadt werden 
die alten Grundbesitzer reich, indem sie an die Einwanderer Grund- 
stücke verkaufen. 

1) G. v. Itelow . Die Entstehung des Kapitals im Mittelalter im Weltwirt- 
schaftlichen Archiv IM. 'J, Heft 2, S 242 ff. 

2) 1. c. S. 243/246. ' 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 21 

Gegen diese Theorie ist kurz folgendes einzuwenden. Wenn der 
Handel im Mittelalter nicht immer Riesengewinne abwarf, so genügte 
es zur Ansammlung von Kapital doch, daß nach und nach etwas 
aufgehäuft wird. Sandkorn auf Sandkorn macht schließ- 
lich auch etwas aus 1 ). Grundherrn, die mit großem Vermögen 
in die Stadt gezogen sind, lassen sich, zum mindestens für Deutsch- 
land, nicht nachweisen . . . 

Sombart hat sich durch diese Erwägungen, die man ihm ent- 
gegenhielt, nicht gehindert gesehen, seine Theorie in der jetzt vor- 
liegenden 2. Auflage seines Werkes zu wiederholen. Er hat sie jedoch 
etwas modifiziert und ferner mit neuen Argumenten und einem neuen, 
reichen Material zu stützen gesucht. 

Er trägt seine Theorie jetzt in der Form vor, daß er sagt : >die 
Städte sind aufgekommen und haben sich entwickelt im Schatten der 
Grundherrschaften und Regierungen als Residenzen und Hauptstädte. 
Kaufleute und Handwerker werden dadurch wohlhabend, daß sie an 
den Grundherren und Staatsoberhäuptern und an deren Beamten und 
ihrem Gefolge viel verdienen <. 

Man kann sich der Ansicht nicht verschließen, daß beide Gegner 
teilweise Recht haben, aber, daß auch beide übereinstimmend mit 
ihren Gedankengängen zum größten Teil an dem relevanten Kern in 
der tatsächlichen Entwicklung der großen Kapitalien vorbeiargumen- 
tieren. Sie gehen beide von der unbestreitbaren Tatsache aus, daß aus 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gewichtige Beweise für das Vor- 
handensein anlagebedürftiger Kapitalien in den größeren Städten Eu- 
ropas vorliegen. Die Anleihen und Unternehmungen der Welser, 
Fugger und Medici, die Erschließung der böhmischen, österreichischen 
und sächsischen Gruben sowie die Stadtindustrie Flanderns reden 
eine nicht mißverständliche Sprache. Wenn dieser Ausgangspunkt 
auch zweifellos als vorhanden anerkannt werden kann, so erheben sich 
hier doch zwei Fragen: 

a) Sind Sombart und Below sich darüber klar, welche Zeit des 
Mittelalters von ihnen übereinstimmend als Entstehungs- 
periode dieser Kapitalien (der vor dem dreißigjährigen Kriege 
vorhandenen Kapitalgrundlage Europas) angenommen wird V 

ß) Läßt sich der Nachweis erbringen, daß diese Kapitalien in 
nennenswertem Umfange den dreißigjährigen Krieg überdauert 
haben und damit also auch in die Grundlagen der 
modernen vkapitalistischen <- Organisation der 
nationalen Volkswirtschaften eingegangen sind? 

1) Im Original nicht gesperrt. 






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22 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Zwei Faktoren erschweren die Klärung der ersten Frage: Som- 
barts Bestreben der generalisierenden Erfassung gleich- 
artiger europäischer Wirtsch aftserscheinungen und Be- 
lows allgemeiner Ausdruck > Mittelalter <. Sombart möchte 
durch die Klammer >MitteIalter< das Kapitalwachstum als europäische 
Erscheinung an sich zusammenfassen. Dadurch gerät er in die Ver- 
legenheit, einen dem Einzelbegriff >Mittelalter< korrelativen einheit- 
lichen Ursachenbegriff einzuführen. Ginge er von der zweckmäßigen 
Annahme aus, daß Kapitalien nicht durch gleiche historische Zustände, 
sondern primär durch gleiche wirtschaftliche Vorgänge entstehen, so 
würde er sich den Vorwürfen Belows gegenüber in der stärkeren 
Stellung befinden. Below, der Detailkritiker, hat jetzt leichtes Spiel 
an der Hand seiner Spezialkenntnisse nachzuweisen, daß in dem sechs 
Jahrhunderte umfassenden Mittelalter zu gewissen Zeiten in gewissen 
Ländern die von Sombart als Ursachen der Kapitalbildung angefühlten 
Zustände entweder historisch überhaupt nicht bestanden haben oder 
jedenfalls die erwartete und behauptete Wirkung nicht gehabt haben 
können. Dagegen kann sich Sombart durch keinen Materialapparat 
decken. Daß der Kaiser Friedrich III. nichts, dagegen der Papst, 
der Markgraf von Brandenburg, die Erzbischöfe von Mainz, Aachen 
und Köln durch ihren Aufenthalt an bestimmten Orten sehr viel für 
deren wirtschaftliche Blüte getan haben, gibt scheinbar beiden recht. 
Der unselige Sammelbegriff > Mittelalter«, der wirtschaftshistorisch fast 
nichts besagt, schafft hier die Unklarheit. Der Uebergang vom Feu- 
dalismus zum Merkantilismus, von der Naturalwirtschaft zur Geldwirt- 
schaft und endlich vom Lehensverband mit persönlicher Dienstpflicht 
zur Beitragspflicht an der Erhaltung einer zentralisierten Schutzmacht 
(Söldnerheer, Landsknechte) des Territorialgebietes schuf erst die wirt- 
schaftliche Umwälzung großen Stiles. 

Diese Umwälzung kennzeichnete zwar — gemeinschaftlich mit 
anderen historischen und kulturellen Erscheinungen — den Uebergang 
vom Mittelalter in die Neuzeit, sie war aber trotzdem nicht eine scharf 
einschneidende Wendung der Dinge — wie etwa die Revolution von 
1789. Sie vollzog sich unmerklich, geographisch ungleichmäßig, und 
war weniger in ihren Anfängen als nach ihrer Vollendung ein Cha- 
rakteristikum der neuen Zeit. Wie jede größere geistespolitische Be- 
wegung durchdrang sie — ähnlich wie das Christentum und die Re- 
formation — die Länder in ungleicher Zeit. Wir sehen nun, warum 
Sombarts Zeitklamraer >das Mittelalters versagen mußte. Was sich 
in ßisilien in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vollzog, wirkte 
sich in Burgund erst zu den Zeiten eines Philipp und eines Karl des 
Kühnen aus. Offenbar liegt kein zwingender Grund vor anzunehmen, 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 23 

daß in beiden Landein in einem Zwischenraum von mehr als 200 Jahren 
nur ein und dieselbe Ursache aus den oben erwähnten hauptsäch- 
lichsten wirtschaftlichen Uebergängen enstanden und wirksam ge- 
wesen ist. 

Löst man aber das Problem der Kapitalbildung einmal vollständig 
vom Mittelalter und von der obigen Sombart-Belowschen Ursachen- 
kontroverse ab, so ist schon einiges für eine klärende Behandlung des 
Gegenstandes gewonnen. Beide Forscher behandeln in Uebereinstim- 
mung die Möglichkeit der Bildung des Kapitals. Sie denken dabei 
an den allgemeinen oder nur lokal wirksamen Kapitalfonds als Kon- 
zentration jener Ueberschüsse der Produktion, die bestimmt sind im 
heutigen Sinne als volkswirtschaftliches Kapital zu wirken. Da somit 
in der Vergangenheit nach dem Auftreten und Wirken eines post hoc 
geschaffenen Begriffes gesucht wird, muß dieses induktive Verfahren 
an der Unsicherheit scheitern feststellen zu können, ob gewisse histo- 
risch verbürgte wirtschaftliche Symptome Anzeichen des Wesens des 
neueren Begriffes sind. Der in diesem Streben zum Ausdruck kom- 
mende Historismus scheint falsch orientiert zu sein. Ein wirtschafts- 
theoretischer Begriff wie >das Kapital < kann nicht mit historisch ver- 
folgbaren dinglichen Benennungen, wie Heer, Kirche, Familie gleich- 
gesetzt werden. Soll man nun den Versuch einer Erklärung der Ka- 
pitalbildung aufgeben? Keineswegs, denn Kapital hat zwei scharf zu 
unterscheidende Seiten, einmal seine volkswirtschaftliche Funktion 
modemer Prägung und dann seine rechtliche Bedeutung als Umschrei- 
bung eines besonderen Vermögensbestandteiles. Und nun zeigt es 
sich, daß im Mittelalter beide Eigenschaften in jedem 
bedeutsamen Falle zusammen vorhanden sein mußten. 
Anlagesuchendes Kapital kann bis in die Anfänge des modernen 
Wirtschaftslebens in England, Frankreich und Deutschland in der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Kapitalvermögen, mit > mo- 
bilem Kapital« , gleichgesetzt werden. In den Gesetzen, Vorschriften 
und Gebräuchen, die sich auf die Uebertragung, Besteuerung, Ver- 
wendung und Anlage mobiler Kapitalien beziehen, finden wir 
also die wesentlichsten sicheren Anhaltspunkte für das formale Auf- 
treten und die sachliche Wirksamkeit (Betätigungsarten) des volks- 
wirtschaftlichen Kapitalfonds. Damit sind aber erst die Kriterien ge- 
wonnen, um das Vorhandensein und die Wirkung des Kapitals fest- 
zustellen. Seine Bildung läßt sich aber auch von diesem rechtlichen 
Ausgangspunkte klären. Einmal aus den Schutzbestimmungen für 
Eigentumsformen, dann aber vor allem aus den Verbotsbestimmungen, 
die sich gegen antisoziale Rechtsgeschäfte von wirtschaftlicher Bedeu- 
tung richten. Sombart acheint die Bedeutung der Rechtsvergleichung 






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24 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

als Mittel der volkswirtschaftlichen Forschung — wie aus manchen 
Stellen hervorgeht — gebührend einzuschätzen. Falls sie im Sinne 
der glänzenden Stadtrechtsforschungen von Konrad Beyerle fort- 
gesetzt und ausgedehnt wird, kann man erhoffen, für größere Gebiete 
mit einheitlicher rechtlicher und wirtschaftlicher Entwicklung durch 
sie die Entstehung des Kapitals endgültig aufklären zu können. 

Wenn wir — wie aus den vorstehenden Ausführungen hervor- 
geht — keineswegs das historische Interesse an Zeitpunkt und Art 
der Kapitalbildung im Mittelalter herabsetzen möchten, so liegt darin 
doch nicht eine Bejahung der zweiten Frage (ß) beschlossen. Viel- 
mehr neigen wir zu mindestens für alle die Länder, die im 16. und 
1 7. Jahrhundert von Religions- und Bürgerkriegen heimgesucht wurden, 
zu einer Verneinung der Frage. In diesen Kriegen, die von beiden 
Seiten meist mit besitzlosen Landsknechten geführt wurden, hat der 
mobile Besitz unverhältnismäßig viel mehr gelitten als die immobilen 
Besitztümer. Die letzteren sind eigentlich nur soweit dauernd in 
Mitleidenschaft gezogen worden, als es sich um Baulichkeiten han- 
delte, die zu Verteidigungszwecken verwendet werden konnten. Bei 
den langen Linien des Bewegungskrieges im 30jährigen Kriege kann 
man wohl geradezu Routen zerstörter Burgen, Orte und Städte nach- 
weisen (besonders in den Flußtälern), aber abseits dieser Straßen 
konnte die landwirtschaftliche Erzeugung, wenn auch nicht im ge- 
wöhnlichen Umfange, so doch zu einem großen Teile aufrecht erhalten 
werden. Die Produktionseinschränkung, die tatsächlich in Deutschland, 
Oesterreich und Frankreich im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts vor 
sich ging, war keineswegs nur direkte, sondern in viel erheblicherem 
Maße indirekte Kriegsfolge. Als direkte Kriegsfolge trat sie in den 
Gegenden in die Erscheinung, wo die Bevölkerung dezimiert, die Wohn- 
stätten verbrannt und die Aecker verwüstet waren. So traurig uns die 
einzelnen typischen Fälle dieser Art (Grimmeishausen) anmuten mögen, 
sind sie doch nur zahlreiche Einzelschicksale. Die indirekten Folgen 
des Krieges, die verminderte Kaufkraft und Verzehrlust der Städte, 
haben viel weitergehend auf eine Produktionseinschränkung gewirkt. 
Da Handel und Gewoibe daniederlagen, die Straßen unsicher waren 
und die Städte a!j wechselnder Besitz der Parteien den gründlichsten 
Plünderunger. wiederholt ausgesetzt wurden, konnten die Städter nicht 
zu einer Ausdehnung ihrer Tätigkeit und günstigen Verwertung ihrer 
Erzeugnisse gelangen. Infolgedessen schränkten sie ihren Verbrauch 
an entbehrlichen von der Landwirtschaft bezogenen Nahrungs- und 
Genußmitteln sowie landwirtschaftlich erzeugten Rohstoffen ein. Als 
die Erträge ihrer Arbeit sich durch die lange Dauer des Krieges 
ständig verminderten, reichten diese Ersparnisse nicht mehr aus, um 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 25 

Kinnahmen und notwendige Ausgaben zur Deckung zu bringen. Man 
schritt daher zum Kapitalverbrauch, d. h. zum Verzehr der angesam- 
melten Produktionsüberschüsse früherer Produktionsperioden. Damit 
wurde aber der Prozeß eingeleitet, den wir als die Abtragung der 
Grundlagen der vor dem dreißigjährigen Kriege kapitalistisch 
werdenden Wirtschaft bezeichnen können. Da im ausgehenden Mittel- 
alter die Transformationsmöglichkeiten für immobile Kapitalbestandteile 
recht gering waren, bedeutete der Verzehr der mobilen Kapitalien: 
Verbrauch des verfügbaren Kapitalfonds in volkswirtschaftlichem Sinne. 
Zwei Ursachen beschleunigten diesen durch den Einnahmerückgang 
von Handel und Gewerbe eingeleiteten Prozeß: Raub in jeder Art und 
Wanderungen aus religiösen Gründen. 

Was alles in den Hugenottenkriegen, im englischen Bürgerkriege 
und im dreißigjährigen Kriege geraubt und erpreßt wurde, läßt sich 
in Zahlen nicht erfassen. Qualitativ läßt es sich besser umschreibe n 
Der rudimentären Entwicklung des Handels und der Geldwirtschaft 
entsprechend, wurde in erster Linie von den Nutznießern des Raubes 
— seien sie Landsknechte oder Heerführer — auf die Verwertbarkeit 
und Beweglichkeit im Sinne von Transportfähigkeit Wert gelegt. 
Höchsten Tauschwert im geringsten Gewicht und Volumen war »ge- 
schätzt«. Diesen Ansprüchen entsprachen Goldmünzen, Schmuckstücke, 
Silber und wertvollere Gebrauchsgegenstände wie Waffen, Stiefel, 
Pferde und Wagen. Soweit die Kapitalien der Städter nicht zur 
Leihe gegeben waren, bestanden sie aber gerade in Vorräten oder 
jedenfalls in Ueberfluß an diesen Dingen. In sie griff der Krieg nun 
verheerend ein. 

Aber auch in Gegenden, wo der Krieg noch nicht gewütet hatte 
oder überhaupt nie fühlbar wurde, erlitt der Kapitalfonds empfindliche 
Verminderungen. In solchen Gegenden (es sei nur u. a. an Oester- 
reich gedacht) wurden die kapitalkräftigen Elemente in Handel und 
Gewerbe durch die Gegenreformation aus Besitz und Heimat ver- 
trieben. Da dies vielfach nur unter Mitnahme der notwendigsten 
Habe möglich war, wurden viele Besitzansamralungen verschenkt, ver- 
schleudert und vertan. Was bei Antritt der Wanderung noch im Be- 
sitze der betreffenden Familie verblieben war, verwendete man aber 
keineswegs nun restlos in der neuen Heimat als Betriebskapital der zu 
gründenden wirtschaftlichen Existenz, sondern das wurde zum erheb- 
lichen Teil schon auf der Wanderung und bis zur wirtschaftlichen 
Einordnung in der neuen Lebenssphäre verbraucht. 

Wenn man also von wenigen geschonten und begünstigten Teilen 
Europas absieht, kann man wohl behaupten, daß das Kapital, das 
etwa zur Zeit des Todes von Karl V. bestand, verzehrt, verstreut und 






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26 Gott. gel. Adz. 1918. Nr. 1 u. 2 

jedenfalls für Zwecke der wirtschaftlichen Entwicklung desorganisiert 
war. Die Kapitalquellen, die man sich für einheitliche Gebiete zum 
Kapitalfonds jenes Landesteila zusammengefaßt denken konnte, be- 
standen nicht mehr. Sie mußten erst, wie man dies im Holland und 
England des 17. Jahrhunderts (vor allem seit 1648) verfolgen kann, 
neugebildet werden. Hier haben aber neue historische und theoreti- 
sche Forschungen erst einzusetzen 1 ). 

C. Die Preisbildungstheorien. 

Sombart setzt sich im 33. Kapitel des >Modernen Kapitalismus< 
(>GeIdwert und Preis<) mit der Bedeutung der Preisgesetze ausein- 
ander. Da dieser Gegenstand und seine Behandlung schon bei der 
ersten Auflage des Werkes lebhafte Erörterungen der Kritik hervor- 
gerufen hat und Sombart überzeugt ist, in seinen neuerlichen Aus- 
führungen die dabei gestellten Fragen zu beantworten, wollen wir hier 
die Abschnitte z ) grundsätzlicher Natur unseren Betrachtungen voraus- 
schicken. 

>Ich stehe im wesentlichen auf dem Boden der 'klassischen 1 Preis- 
lehre und halte also das 'Gesetz von Angebot und Nachfrage' sowie 
das 'Produktionskostengesetz 1 für die besten Fassungen der 'Preis- 
gesetze*, über deren Natur ich folgendes, um Mißverständnissen vor- 
zubeugen, ausdrücklich bemerken möchte. 

Die Preisgesetze, deren Formulierung eine der wichtigsten Auf- 
gaben der sog. 'theoretischen Nationalökonomie 1 bildet, sind Hilfsmittel 
unseres Denkens, die wir zu dem Zwecke bilden, um die empirisch- 
historische Preisgestaltung zu begreifen. Sie stellen nicht den wirk- 
lichen Verlauf der Preisbildung dar, sondern geben eine schematisierte 
Vorstellung, wie diese unter bestimmten Voraussetzungen verlaufen 
würde. 

Treisgesetze' sind BegrifFsbilder, die in der Weise entstehen, daß 
wir eine der im wirklichen Leben wirksamen Ursachen (Motive) in 
ihrer Wirksamkeit verfolgen unter der Annahme, 

1. daß diese Ursache immer gleich und immer gleich stark bleibt; 

2. daß sie unter immer gleichen Bedingungen, die wir ebenfalls 
bestimmen, wirkt 

Das Motiv, dessen Wirksamkeit wir verfolgen, ist das Bestreben, 
so vorteilhaft wie möglich eine Kaufhandlung zu vollziehen; das Be- 
streben also des Verkaufes, so teuer wie möglich zu verkaufen, des 

1) Einen Beitrag fiir Holland wollen wir in unserer in Vorbereitung befind- 
lichen Schrift: »Das Werden der Wirtschaft« zu bringen suchen. 

2) S. 543— 54i', 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 27 

Käufers, so billig wie möglich einzukaufen. Die Bedingungen, die wir 
als gegebenes Mittel voraussetzen, sind folgende: 

a) volle Rationalität der Käufer und Verkäufer; 

b) freier Verkehr; 

c) daß schon Preise bestehen. 

Die Treisgesetze* sollen zunächst nur dazu dienen, um die Wir- 
kung zu bezeichnen, die durch die Veränderungen im Tauschwert der 
Waren herbeigeführt werden. Da nun aber im Preise eine Gleichung 
zwischen dem Tauschwert des Geldes und dem der Ware enthalten 
ist, so wird man Preisveränderungen nicht nur von derWaren- 
seite, sondern auch von der Geldseite her zu erklä- 
ren suchen müssen 1 )^ 

In weiteren Ausführungen 2 ) legt Sombart die Eigenart dieses 
Einflusses und die daraus von ihm abgeleiteten drei Preisgesetze wie 
folgt dar: >wir nehmen unsern Ausgangspunkt von dem Edelmetall- 
produzenten und seiner ganz einzigen Stellung im Wirtschaftsleben. 
Er ist der einzige unter allen Produzenten, der seine Waren nicht zu 
verkaufen braucht und sie doch verwerten kann. Damit aber, daß er 
der einzige NichtVerkäufer ist, wird er zum einzigen Nurkäufer. Er 
kann kaufen — er allein — ehe er verkauft hat. Seine Produkte 
stellen kein Angebot dar, wie alle andern, sondern 
Nachfrage. Denn sie sind achlechthin austauschfähig, schlechthin 
absatzfähig; in welcher Menge sie auch immer erzeugt werden. 

. . . Sollte von dieser Stelle aus nicht das Wertverhältnis zwischen 
Edelmetallen und Waren maßgebend beeinflußt werden können? Ich 
denke doch. Und zwar werden wir uns die Zusammenhänge etwa so 
vorstellen müssen. 

... 1. Satz: Jede Vermehrung (Verminderung) der Produktion von 
Edelmetall (Geldware) hat die Tendenz, die Warenpreise zu erhöhen 
(zu erniedrigen). 

... 2. Satz : Eine Preisbeeinflussung durch die Produktionsver- 
schiebungen der Edelmetalle kann immer nur kommen, wenn diese 
Verschiebung von einer entsprechenden Veränderung der Produktions- 
bedingungen, das heißt von einer Herabminderung oder Steigerung 
der Produktionskosten der Edelmetalle begleitet ist. 

...3. Satz: Die Verallgemeinerung der Preisveränderung hängt 
ab von dem Größenverhältnis der Edelmetallproduktion zur Waren- 
produktion <. 

Aus diesen beiden Zitaten geht hervor, daß Sombart der Quanti- 
tätstheorie anhängt und zu den Gesetzen, die er der Preisgestaltung 

1) Im Original nicht gesperrt. 
•2) S. 548, 549 und 551. 






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28 Gott. gel. Anz. 11)18. Nr. I u. 2 

unterlegt, nur auf Grund eines Isolierverfahrens gelangt Nur durch 
eine sorgfältige Prüfung seiner Voraussetzungen und Schlußfolgerungen 
läßt sich eine klare Stellungnahme zu den grundlegenden Sätzen (1—3) 
gewinnen. 

Einleitend wendet Sombart sich in seinen oben wiedergegebenen 
Ausführungen gegen die Zumutung eine ausführliche Preislehre zu 
entwickeln. Vielmehr schiebt er diese Aufgabe der >sog.< theoreti- 
schen Nationalökonomie zu. Wie sich die Preise als quantitative 
Erscheinungen in der Zeitreihe historisch verändern, ist aber in erster 
Linie ein Problem der wirtschaftshistorischen Forschungen des natio- 
nalen Volkswirtschaftspolitikers. Wenn wir auch mit Sombart — 
wie aus dessen Qualifikation >sog.< theoretische Nationalökonomie her- 
vorgeht — darin übereinstimmen werden, daß eine auf die Spitze ge- 
triebene Trennung von Theorie und Kunstlehre unangebracht ist und 
zwar von unserem Standpunkt unangebracht, weil sie unorganisch und 
somit der natürlichen Problembehandlung zuwiderlaufend ist, halten 
wir eine andersartige Behandlung von Kategorien und Erscheinungs- 
reihen für notwendig. In unserem Sinne sind die eigenen Erkenntnis- 
möglichkeiten in der Anatomie und Physiologie des Wirtschaftens zu 
berücksichtigen. Die Preisbewegung gehört als Lebensvorgang im 
Wirtschaftsprozeß unzweifelhaft zu den entwicklungsgeschichtlich zu 
behandelnden physiologischen Vorgängen. 

Sombart sucht sich einem solchen Einwurf zu entziehen, indem 
er die Preisgesetze als Hülfsraittel unseres Denkens darstellt, die 
durch Anwendung der Isoliermethode gewonnen sind. Es sind nach 
ihm >Begritfsbilder, die in der Weise entstehen, daß wir eine der im 
wirklichen Leben wirksamen Ursachen (Motive) in ihrer Wirksamkeit 
verfolgen« und zwar unter vorausgesetzten dauernd gleichen Bedin- 
gungen. Wir nehmen zum Verständnis der Sombartschen >Sätze< 
hiervon Kenntnis, müssen aber davon absehen, dieser Auffassung bei- 
zutreten. 

Unsere Abweichungen bringen wir in den folgenden grundsätz- 
lichen Feststellungen zum Ausdruck: 

1. Die Preise sind Massenerscheinungen. 

2. Die vorübergehenden und dauernden Preisbewegungen unter- 
liegen dem absoluten und spezifischen Relativismus 1 ) ökono- 
mischer Verhältniszahlen. 

3. Es sind daher Preisgesetze logisch denkbar und erfahrungs- 
mäßig belegbar, die binnen sachlich — nicht etwa willkürlich — 

1) Vgl. Edwards : Zur Theorie der Preisbewegung, Weltwirtschaftliches Archiv 
Bd. 9, Heft 1, S. 193. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 29 

bestimmbaren Fehlergrenzen Funktionscharakter annehmen und 
annehmen müssen. 
4. Der Funktionscharakter unterscheidet sich von der Tendenz 
— im Sinne von Sombart — durch die Abhängigkeit der Ab- 
weichungen von der Norm von sachlich meßbaren Folge- 
erscheinungen objektiver Ereignisse oder Zustände. 
Sombart klammert sich in seinem Bestreben, wenigstens durch 
psychologische Hüifsmittel ') die geisteswissenschaftliche Methodik für 
die Wirtschaftswissenschaften zu retten, an die Realität und Indivi- 
dualität der Kaufhandlungen als Grundlagen der Preisbildung. Immer 
stellt er sich bei allen seinen Betrachtungen Käufer und Verkäufer 
geradezu als Kontrahenten vor, die im ernsten Kampfe der von ihnen 
vertretenen Nachfrage und Angebotes den Preis bestimmen. Dann 
isoliert Sombart in viel zu weit gehendem Maße die Kaufhandlungen. 
Er abstrahiert zu wenig von der Vorstellung seiner eigenen Kauf- und 
Verkaufhandlungen. Diese sind allerdings zeitlich getrennte Einzel- 
handlungen, aber die Mehrzahl der preisbestimmenden Kauf- 
handlungen ist es nicht, sondern charakterisiert sich als zusammen- 
hängendeMassenerscheinungen. Realität und Individualität 
einer Kaufhandlung ist in der Mehrzahl der Fälle geradezu ein Kri- 
terium ihrer Bedeutungslosigkeit für die Preisbildung. Die Preis- 
bildung wird — keineswegs erst in neuerer Zeit — ausschlaggebend 
beeinflußt von Käufen: 

a) spekulativer Natur mit Bestimmung, die Preise maßgeblich zu 

richten, 
?) sozialer Natur, die die möglichst weitgehende Deckung eines 

erheblicheren Kollektivbedarfes anstreben. 
Daß Getreide-, Tuch- und Viehspekulationen im Altertum und im 
Mittelalter verhältnismäßig ebenso verbreitet waren als in der Neu- 
zeit, bedarf keines weiteren Beweises. Die Wirkung jeder spekulativen 
Tendenz als Motiv der Kauf- oder Verkaufhandlung ist aber un- 
zweifelhaft, einen dem natürlichen Spiele der Kräfte entgegengesetzten 
Preisverlauf herbeizuführen. Da dieses außerhalb der normalen 
Bedürfnisbefriedigung gelegene Motiv bei der Mehrzahl der als Kauf- 
kontrahenten in Betracht kommenden Personen vorlag bezw. noch 
heute vorliegt, kann man nicht von einem in der Natur der Sache 
liegenden Bestreben reden, im Kaufvorgang die volle Rationalität 
neben anderen Ursachen als Konstante wirksam zu sehen. In 

1) So sagt er an einer Stelle (3. 547): »Wir wissen heute: eine soziale 
Theorie wird psychologisch begründet sein oder aie wird nicht sein«. Wie Som- 
bart die Uevölkeruugstheorie vou Malthus oder die Standortstheorie von Alfred 
Weber psychologisch begründen will, ist mir unverstandlich. 






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30 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

der Preisfestsetzung bei dem Kaufvorgang als Massenerscheinung 
spricht nur in den wenigsten Fällen ein gegenwärtliches und gegen- 
standliches Werterapfinden mit, vielmehr werden die Preise fast immer 
im Ausgleich der Einschätzung zukünftiger Wertmöglichkeiten 
bestimmt. Aus diesem Grunde erscheint auch die Entstehung des Ter- 
minhandels als Form des Fiktivgeschäftes verständlich. Man kauft 
und verkauft Lieferungspflichten, um Gewinnchancen auszunutzen bezw. 
Verlustgefahren abzuwälzen. So entstehen die Preise nicht etwa nur 
aus den Geschäften, die zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage 
notwendig sind, sondern aus einem Gesamtumsatz, der die Masse 
von Produktion oder Konsum jeweils um das Vielfache übertrifft und der 
sich aus unendlich viel mehr Einzelhandlungen zusammensetzt, als zum 
Umsatz der von einer Hand in die andere Hand tatsächlich übergehenden 
Ware erforderlich wäre. Da wir schon gesehen haben, daß zwei — 
und vielfach noch mehr — Parteien sich bei diesem Handel als Kon- 
trahenten gegenüberstehen, die keineswegs mit Koliektivangebot und 
Kollektivnachfrage identisch sind, können wir die Preise als unpsy- 
chologische Massenerscheinungen auffassen. Scheinbar sprechen die 
geschilderten Umstände gegen jeden regelmäßigen Verlauf des Ergeb- 
nisses des Ausgleiches der spekulativen Tendenzen. Tatsächlich ergibt 
sich aber — trotz des Grundsatzes so viel Köpfe so viel Sinne — 
eben als Folge der Massenerscheinungen eine zur Abfassung von 
Preisgesetzen verlockende Regelmäßigkeit des Ablaufes der Preis- 
bewegungen. Im Gegensatz zu Sombart, der hier die Rationalität 
als Konstante und stabilisierendes Moment annimmt, erblicken wir 
vielmehr im inneren Zusammenhang aller Preise und in den sozialen 
Käufen die stabilisierenden Momente. 

Für das erste Moment genügt es auf den Zusammenhang von 
Vieh- und Getreidepreisen, von Kohlen-, Eisen- sowie Holzpreisen und 
Fabrikatpreisen, ferner von Nahrungsmittelpreisen und Löhnen hin- 
zuweisen. Jede erhebliche Ausschreitung wird hier nicht etwa durch 
Einwirkung der >Konstante< auf die Dauer überwunden, sondern findet 
ihren Ausgleich in einer Reaktion anderer Preise. 

Ein weiteres ausgleichendes Moment findet sich in den sozialen 
Käufen. Schon im Mittelalter finden wir Beispiele, wo der Kollektiv- 
bedarf — wenn auch nur für kriegerische Notfälle — seitens öffent- 
licher Gewalten beschafft wurde. In neuerer Zeit sind an ihre 
Stelle die Bedürfnisse der Heere, Flotten, Bauten und öffentlichen 
Betriebe der Staaten getreten. Ihr Bedarf ist so groß geworden, daß 
keine nationale Volkswirtschaft dieses Nachfrageelement entbehren kann, 
andrerseits ist aber gerade der öffentliche Haushalt durch eine fast 
stets im gewissen Umfange betriebene Vorratswirtschaft imstande, 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 31 

Zeiten anormaler Preisbildung durch Kanfabstinenz zu überwinden. 
Die einfache Kenntnis dieser Möglichkeit genügt — wie eine ange- 
drohte Strafe — um den Preisverlauf in ruhige Bahnen zu lenken. 
Wo durch besondere Umstände, wie jetzt im Weltkriege infolge des 
erhöhten Staatsbedarfes aller Länder, dieses Moment ausscheidet, ver- 
sagt jegliche Preisregulierung. Daß das quantitative Gewicht des 
Staatsbedarfes, aus sozialen Gründen auch über das Maß des Ratio- 
nalen hinaus in Zeiten des Preisdruckes durch umfangreiche Material- 
bestellungen, Bauten und Notstandsarbeiten wirksam wird, versteht 
sich von selbst. 

Durch die von Sombart vorgenommene Individualisierung der 
einzelnen Kaufhandlung und ihrer Folgeerscheinung des Preises ist 
auch seine Ablehnung des regelmäßigen Ablaufes der Preisbewegung 
(>Die Preise folgen in Wirklichkeit niemals [oder höchstens durch 
Zufall] den aufgestellten Preisregehu) zu erklären. Daß die Preise 
den Regeln der älteren Theorie niemals folgen konnten, ist beider 
üblichen anorganischen Ableitung dieser Regeln (schreckliches Wort!) 
ohne weiteres verständlich. Sobald der Preis dagegen in einer or- 
ganischen Auffassung der wirtschaftlichen Phänomene eingeordnet wird, 
verschwindet diese Inkongruenz des Preisbewegungsschemas und des 
Preisbewegungsverlaufes. Dazu ist allerdings notwendig, daß man 
von der Auffassung der Preise als Erfahrungstatsachen, die wie lose 
Perlen auf einer Schnur aufgezogen sind, absieht und sie als be- 
dingte Verhältniszahlen ökonomischer Natur umschreibt. Sombart zeigt 
in seinem ersten Satze grundsätzliches Verständnis für diese Auffassung. 
Es ist nun weiter unten die Frage zu prüfen, ob die darin angegebene 
Relation von erheblicher Bedeutung ist. Die Bedingtheit des Preises 
und seiner akuten und dauernden Bewegungen erblicken wir in den 
Grenzen des Einflusses dynamischer Faktoren. Preise sind doch stets 
Symptome von Umsätzen '). Da diese von dynamischen Faktoren aus- 
gelöst werden, so ergibt sich als Grenze — nach oben und nach 
unten — für jede Preisbewegung die wirtschaftliche Möglichkeit des 
Umsatzes. Sobald dessen Bedingungen unerfüllbar oder widersinnig 
werden, stockt der Umsatz (franz. Revolution, Kommune), und die 
Preise verlieren damit ihre Gegenständlichkeit. 

Wären wir nun auf eine bloße qualitative Kenntnis dieser dyna- 
mischen Faktoren angewiesen, so hätten wir allerdings nur Anhalts- 
punkte, wann Preisbewegungen ihr Maximum und Minimum erreichen 
würden. Aber wir können heutzutage dank der Massenbeobach- 
tungen mittels der statistischen Technik viel weiter gelangen. Es ist 

1) Nicht nur etwa von materiellen Tauschakten, sondern auch von Speknla- 
tümakaafen. 






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32 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

möglich festzustellen, welcher Teil des Bedarfes annähernd konstanter 
Natur ist, und welcher Anteil je nach der Preislage und der Kauflust 
der Konsumentenkreise von dehnbarer Größe ist. Ferner weiß man 
durch die Beobachtung einer Vielheit von Preisen, wann eine Ware 
bei Steigerung des Preises von einer anderen Ware, deren Preis un- 
verändert geblieben ist, vertreten werden kann und wird. Endlich ist 
man über Lager- und Transportfähigkeit sowie über die Möglichkeit 
des internationalen Ausgleichs von Angebot und Nachfrage sehr genau 
informiert. Alle diese Umstände werden es bei genauer Einschätzung 
und Klärung ihres Einflusses ermöglichen, Preisbewegungsregeln auf- 
zustellen, die der Preisbewegung bei jahrelanger Beobachtung den 
Charakter des Funktionsablaufes verleihen. Es stellt sich heraus, daß 
sowohl die Saisonbewegungen gleichartiger kurzer Zeitabschnitte (Kohlen 
im Winter, Getreide in den Erntemonaten), als auch die Preisstands- 
verschiebungen, die sich in Jahren langsam vollziehen können, sowohl 
für jede wichtige Warenart, als auch bei Vergleichen der Warenarten 
untereinander trotz aller Spekulation oder gerade durch ihren Einfluß, 
gleichmäßig und gleichartig verlaufen. 

Wendet man gegen diese Auffassung des Funktionellen in der Preis- 
bewegung ein, daß sie sich ja mit der Anerkennung der Preistendenz 
decke, so ist hier ein wesentlicher Unterschied zu betonen. Unter Ten- 
denz versteht man immer ein in der Natur des Objektes gelegenes Ent- 
wicklungsstreben, das durch willkürliche Einflüsse abgebogen, gefälscht 
oder unterdrückt wird. Wir finden dagegen bei der Preisbewegung 
gerade das Gegenteil: die Abweichungen von der dauernden 
Preisstandsverschiebung vollziehen sich nicht willkür- 
lich binnen beliebigen Grenzen, sondern folgen ge- 
wissermaßen einem ökonomischen Fehlergesetze. Statt 
der Zahl der Beobachtungen spielt in demselben eine periodisch 
wiederkehrende, gleichartige sachliche Störungsursache von an- 
nähernd derselben Stärke die Hauptrolle. Abweichungen von der 
Tendenz können eintreffen oder ausbleiben, Abweichungen von einer 
Funktion, die ihrerseits wieder Funktionscharakter haben, sind da- 
gegen Kennzeichen für einen organischen Verlauf des Wirtschafts- 
lebens. Man muß sich hierbei stets vor Augen halten, daß Funktion 
im allgemeineren Sinne — wie etwa die funktionelle Tätigkeit des 
Herzmuskels — zu denken ist. In der Mathematik kann man sich 
nur an Funktionen orientieren, die dem Fehlergesetze folgen. 

Sombarts Sätze 1—3 nehmen nun zu diesen Auffassungen eine 
verschiedene Stellung ein, Teils kann man ihnen zustimmen, teils 
stehen sie mit den obigen Darlegungen in Widerspruch. Da Sombart 
wohl zu stark die Bedeutung des sich tatsächlich vollständig voll- 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 33 

ziehenden realen Kaufes gegenüber der Zahl der Kaufakte — mithin 
der Preisnennungen — überschätzt, sieht er in der Nurnachfrage des 
mehr erzeugten Edelmetalls einen von ihm überschätzten Anreiz zur 
Preissteigerung. Tatsächlich braucht die vermehrte Edelmetallproduk- 
tion diesen Einfluß keineswegs zu haben. Und zwar deshalb weil die 
Gewinnung des Edelmetalls immer in den Händen von wenigen Personen 
gelegen hat. Diese Beschränkung der Produzentenzahl hat vor allem 
im Mittelalter eine Verwendung der Edelmetalle als Rohstoffe für 
künstlerische und kunstgewerbliche Luxusgegenstände der Bergwerks- 
herrn erleichtert. Das Edelmetall diffundierte mithin nicht rasch in 
die breiten Schichten. Wurde es nicht in dieser Form dem Verkehr 
entzogen, so verschwand es teils als Metallschatz in den Kammern 
der Fürsten, und kam nur zum Teil als Lohn in den Verkehr. 

Gegen den zweiten Satz müssen erheblichere Bedenken geltend 
gemacht werden. Hier schaltet Sombart als Bedingung der Preis- 
beeinflussung durch eine Vermehrung oder Verminderung der Edel- 
metallproduktion deren Produktionskostenverschiebung ein. Offenbar 
ist diese Bedingung nur dann als bedeutsam denkbar, wenn Produk- 
tionskostenverminderung und Ausbeutesteigerung zusammentreffen. In 
diesem günstigsten Falle stehen einer erheblichen Wirkung immer 
noch die obigen hemmenden Einflüsse entgegen. Trifft dieser Fall 
— der allerdings in Kalifornien und Transvaal (Gold) und Südamerika 
(Silber) mehrmals eingetroffen ist — nicht ein, so hat der Satz keine 
allgemeine Gültigkeit. Es ist sehr wohl denkbar, daß bei starkem 
Rückgang der Edelnietallproduktion gerade infolge erhöhter Produk- 
tionskosten trotzdem durch Streckung der Golddecke die gegenteilige 
Bewegung, nämlich eine Preishausse eintreten kann. 

Der dritte Satz endlich modifiziert die beiden anderen Sätze im 
Sinne unserer vorhergegangenen Ausführungen. In ihm kommt we- 
nigstens eine indirekte Anerkennung des ökonomischen Relativismus 
zum Ausdruck. Aber auch hier bleibt Sombart im Realen stecken, 
wenn er die Edelmetallproduktion der Warenproduktion gegenüber- 
stellt. Er muß vielmehr hier die Umsatzhöhe der viel gehandelten 
Waren einführen. Dann haben wir eine logische Ursachenreihe: Me- 
tallfülle — Leihgeldfülle — Spekulationsdrang — Preistreiberei. Wo- 
bei aber immer zu bedenken ist, daß diese Folgenreihe erst in der 
neueren Zeit ihre volle Bedeutung gewinnt. 

D. Die Art der Zustandsschilder ung. 
Sombarts Konstruktion des Ablaufes des Wirtschaftslebens in einer 
Aufeinanderfolge von Systemen prägt sich auch in seiner Darstellung 
wirtschafts-historischer Zustände aus. 

«Alt. ■•!. Anx. 1*18. Nr. 1 u. 2 3 



/ " ,,,,(. Original from 

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34 (iöt*. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Ueber das Gezwungene der scharfen Systematisierung der Ent- 
wicklung des europäischen Wirtschaftslebens ist das Erforderliche 
schon gesagt worden, so daß eB genügt darauf hinzuweisen, daß Som- 
bart insofern in seiner Zustandsschilderung einseitig verfahrt, als er 
nach Möglichkeit die große Verschiedenheit der überall gleichzeitig 
herrschenden Wirtschaftsformen zurücktreten läßt. Wenn er dadurch 
einerseits in seiner Zustandsschilderung den Eindruck hurvorruft, so 
etwas wie ein System ä la Kapitalismus zu brauchen, so bringt er 
andrerseits mit stilistischer Künstlerschaft bei dem Leser die Erwar- 
tung zu Stande, nun müsse auch in der Leere der Entwicklung ein 
Wesen entstehn, das alle wirtschaftlichen Bedürfnisse und Bewegungen 
so verkörpere, wie der Kapitalismus. So wenn er das 20. Kapitel 
(Das Werden des Kapitalismus) mit den Worten anfängt: 

>Aus dem tiefen Grunde der europäischen Seele ist der Kapi- 
talismus erwachsen. Derselbe Geist aus dem der neue Staat und die 
neue Religion, die neue Wissenschaft und die neue Technik geboren 
werden: er schafft auch das moderne Wirtschaftsleben. Wir wissen: 
es ist ein Geist der Irdischheit und Weltlichkeit; ein Geist mit un- 
geheurer Kraft zur Zerstörung alter Naturgebilde, alter Gebunden- 
heiten, alter Schranken, aber auch stark zum Wiederaufbau neuer 
Lebensformen, kunstvoller und künstlicher Zweckgebilde. Es ist jener 
Geist, der seit dem ausgehenden Mittelalter die Menschen aus den 
stillen, organisch gewachsenen Liebes- und Gemeinschaftsbeziehungen 
herausreißt und sie hinschleudert auf die Bahn ruheloser Eigensucht 
und Selbstbestimmung <. 

Wenn Sombart diesen > Geist« nicht ausdrücklich am Ausgange 
des Mittelalters entstehen ließe, würde man diesen Paten des Kapi- 
talismus Wort für Wort als Geist von 1789—1794 betrachten können. 
Hier erhalten wir also als Beweis für die Entstehung des Kapitalismus 
eine seelische Zustandsschilderung, die für die zwingende Neuschaffung 
gerade der Wirtschaftsformen nichts sagt. Passow 1 ) hat 
Recht, wenn er die schillernde Natur des Begriffes : kapitalistischer 
Geist betont 

Seine Verkünder empfinden auch teilweise die Hohlheit des Be- 
griffes. Um die dialektisch und politisch nützliche Ansdrucksweise 
beibehalten zu können, wird dann nach äußerlichen und quantitativen 
Stützen gesucht. Daß bei diesem quantitativen Verfahren die Syste- 
matik — die sich, nach ihrer logischen Entstehung, immer nur als 
qualitatives Schema zur Geltung bringen kann — verloren geht, 

l) Vergl. l'asaow, »Kapitalismus« in den Jahrbüchern f. Nationalökonomie 
und Statistik. Bd. 107, S. 433 ff. 






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Sombart, I>er moderne Kapitalismus 35 

wird sogar mehrfach von Sombart übersehen. So in der Schilderung 
der Bedeutung der Commenda: 

>Es ist bekannt, daß man gern in allen Gommenda-Verhältnissen 
Formen kapitalistischer Handelsorganisation erblickt. Nichts aber 
scheint mir verkehrter als dies. Die Commenda ist recht eigentlich 
die Bestätigung für den durch und durch handwerksmäßigen Charakter 
jener Zeit. Das haben meines Erachtens gerade auch Lastigs Unter- 
suchungen erwiesen, . . . Die Commenda ist seiner Auffassung nach 
eine 'einseitige Arbeitsgesellschaft 1 . 'Der Commendatarius oder Kom- 
plementär steht einfach im Dienste des Comandor oder Accomandans 
resp. der Societas accomendantium ... er hat die Verpflichtung, mit 
dem ihm übergebenen Kapital innerhalb der ihm gesteckten Grenzen 
für Rechnung seines Herrn aber auf eigenen Namen Geschäfte zu 
treiben und erhält dafür — häufig neben einem festen Gehalt — eine 
Quote des Geschäftsreinertrags . . . Allein der Commendatarius oder 
Komplementär ist Dritten gegenüber berechtigt und verpflichtet 1 . Diese 
Konstruktion hat auf den ersten Blick für den Nationalökonomeh 
etwas geradezu Abstoßendes; sie scheint den wirklichen Sachverhalt 
auf den Kopf zu stellen«. 

Sombart weiß augenscheinlich mit diesen Vertragsformen nichts 
anzufangen, da es ihm vermutlich unbekannt ist, daß die von ihm 
gewiß als kapitalistisch anzusprechenden großen englischen und hol- 
ländischen Handelshäuser des 17. und 18. Jahrhunderts, die in ihren 
Anfängen nicht immer groß waren, gerade auf diese Verträge auf- 
gebaut wurden. Der sleeping partner — der nur selten schlief, son- 
dern vielfach wegen seiner politischen Stellung oder seines adeligen 
Namens das Firmenschild nicht zieren und wegen der Festlegung 
seines Hauptvermögens im Fideikommiß nicht unbeschränkt haftbar 
werden wollte, im übrigen aber fleißig mit disponierte und mitarbeitete 
— spielt noch heute in England bei Gründungen eine wichtige Rolle. 

Da Sombart aber im Gegensatz zu Passow, der den kapitalisti- 
schen Geist< ablehnt, dagegen das Eigentümliche in der modernen 
wirtschaftlichen Entwicklung — darüber weiter unten — nicht in dem 
Unternehmerproblem erblickt, gelangt er zur Veräußerlichung seiner 
Kapitalkriterien. Dies prägt sich besonders in seiner weiteren Kom- 
mentierung des Commendaverhältnisses aus, wenn er schreibt: >Sie 
(die Konstruktion) bestätigt nämlich gerade den schlechthin hand- 
werksmäßigen Charakter des Handels jener Zeit dadurch, daß sie die 
vollständige Trennung zwischen Geldbesitzer und Händler zum deut- 
lichen Ausdruck bringt. Der Geldbesitzer steht noch außer jedem 
Konnex mit der Handelstätigkeit selbst, die vielmehr ausschließlich 
Sache eines technischen Arbeiters ist. Das zur Verwertung über- 

3* 






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m Gott. gel. Anz. 1018. Nr. 1 u. -2 

wiesene Geld hat noch nicht den Charakter des Kapitals angenommen, 
sondern ist nichts anderes als Betriebsfonds 1 ). Ich erinnere 
ferner an die Höhe der Summen, die den Commenda- 
verträgen meist zugrunde lagen: Beträge von einigen 
II un d er t M ar k in unsermGelde, die schonwegen ihrer 
Geringfügigkeit außer Stande sein würden, Kapital- 
eigenschaft anzunehmen 2 ) angesichts der Hochwertigkeit der 
Arbeitskraft in früherer Zeit. Daß dann im weiteren Verlauf der 
Entwicklung aus jenen Kompagniegeschäften zwischen Geldbesitzern 
und Handwerkern Abhängigkeitsverhältnisse und am Ende kapi- 
talistischeUntemehmungen*) erwachsen sind, soll natürlich 
nicht geleugnet werden. Das schließt aber nicht aus, daß ursprüng- 
lich jene Geschäftsformen gerade der rein handwerksmäßigen Organi- 
sation des Wirtschaftalebens ihre Entstehung verdankent. 

Da die psychologische Ableitung des Kapitalismus sich als einseitig 
erwies und erweisen mußte, sieht man hier den Versuch durch Einfüh- 
rung von Größenordnungen und quantitativen Begriffen künstliche Un- 
terscheidungen herauszuarbeiten, an denen festzustellen ist, ob Betriebs- 
fonds Kapitaleigenschaft haben oder nicht. Der ganze Abschnitt spiegelt 
deutlich die Schwierigkeiten des Verfassers wieder, das vorzeitige 
Auftreten neuartiger Wirtschaftsformen vom Standpunkte der Syste- 
matik zu erklären. So besonders dann wenn er die Unternehmer- 
tätigkeit des Geldgebers ausschließt, indem er sagt : > Der Geldbesitzer 
steht noch außer jedem Konnex mit der Handelstätigkeit selbst <, 
während er in dem Zitat von Lastig ausdrücklich die Feststellung 
übernimmt, daß der Common da tarius > innerhalb der ihm gesteckten 
Grenzen< Geschäfte betreibt. Das Stecken der Grenzen stellt doch 
wohl eine ganz erhebliche Unternehmerleistung und einen nahen 
Konnex des Geldbesitzers darV 

E. Die Bewertung der dynamischen Kräfte in der 
wirtschaftlichen Entwicklung. 

Das Bedürfnis, das Auftreten des Kapitalismus als eine psycho- 
logisch begründete aber in quantitativen Phänomenen bemerkbar 
werdende Erscheinung darzustellen, hat Sombart in seiner empirisch- 
realistischen Zustandsschilderung dazu veriihrt, die dynamischen Kräfte 
in der wirtschaftlichen Entwicklung zum Teil unrichtig zu bewerten. 
Daß z. B. der Kapitalismus, oder was wir richtiger die neuzeitlichen 
Wirtschaftsformen nennen werden, >aus dem tiefen Grunde der euro- 

1) Hier ist eine Fußnote zum Zitat weggelassen. 

2) Im Original nicht gesperrt. 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 37 

päischen Seele< entstanden sein soll, ist offenbar ein unbeweisbarer 
Ausruf. Denn eine europäische Seele ist als dynamische Kraft der 
Motivation überhaupt vor dem modernen Nachrichtenwesen nicht 
denkbar. Mithin können von ihr auch keine allgemein-wirksamen 
Impulse ausgegangen sein. Sombart empfindet diese Lücke auch, 
sucht sie aber durch die internationale Verbreitung der Juden und 
die Bevölkerungsbewegungen, die die Gegenreformation auslöste, zu 
erklären. Damit löst er sich aber gerade von jeder seelischen Mo- 
tivation ab. Diese Kreise befanden sich ja in einem Stadium des 
Verfolgt- oder Verfehmtseins, weil sie sich außer jedem Konnex mit 
der orthodoxen Seele ihrer Zeit befanden. Um seinen Gedanken 
dennoch zu sichern, versucht er nachzuweisen, daß die Lage und 
die seelischen Erfahrungen dieser Personen sie gewissermaßen günstig 
disponierten, kapitalistische Formen zu schaffen und sich vom kapi- 
talistischen Geiste beeinflussen zu lassen. Hier liegen offenbar grund- 
sätzliche Mißverständnisse über die Einordnung und Organisation 
dieser Kräfte in ihren Schutz- bezw. neuen Wohnstaaten vor. 

I) Das Judenproblem. 

Läßt man zur Klärung der Begriffe die Ausdrücke kapitalisti- 
scher Geist« und >Kapitalismus< aus dem Spiele, und unterscheidet 
man statt dessen Bodennutzung und Kapitalnutzung als die beiden 
großen Zweige des Einkommens — wobei die bis ins 19. Jahr- 
hundert herein nicht zahlreichen Vertreter der liberalen Berufe außer 
Betrachtung bleiben — , so folgt daraus eine weitere Scheidung der 
Einkommensempfänger in sozial und wirtschaftlich Privilegierte und 
in nur wirtschaftlich Privilegierte. Die erste Kategorie stellt die 
Schicht des grundbesitzenden Adels dar, der durch Verleihung einer 
gesicherten Einkommensquelle (Uebergang vom Lehen zum Eigentum, 
oder durch Schenkung bei der Nobilitierung) befähigt sein soll, nicht 
nur entsprechend der für Verdienste am Staate oder Fürstenhause 
erhaltenen neuen Würde zu leben, sondern dessen Nachkommen durch 
die Inhaberschaft erblicher Aemter oder den Besitz einträglicher Pro- 
duktionsquellen imstande gesetzt sein sollen, Staats- oder Fürsten* 
diener zu werden. Bei der bis vor ganz kurzer Zeit geforderten 
Uebereinstimmung des Glaubens des Herrschers und seiner beamteten 
und militärischen Stützen waren Juden auch dort, wo man ihnen die 
weitgehendste Toleranz angedeihen ließ, von der Privilegierung so- 
zialer Natur ausgeschlossen. 

Um Abwanderung und wirtschaftlichen Niedergang der vielfach 
wohlhabenden Juden zu verhüten, gingen einsichtige Staaten Europas 
dazu über, ihnen wenigstens wirtschaftliche Privilegien zu gewähren. 






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38 Oött gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Diese umschrieben diejenigen Tätigkeiten, aus denen man heute geneigt 
ist, den Juden einen Urheberanteil an dem Werdegang der modernen 
Wirtschaftsformen zuzusprechen. Nicht die Eignung der Juden, son- 
dern die Bedürfnisse des unter der Herrschaft des Merkantilismus 
weitgehend reglementierten nationalen Wirtschafts- 
lebens gaben zu diesen eine Rasse einseitig beschäftigenden an- 
reizenden Maßnahmen der Staaten den Anlaß. Es dürfte nicht exakt 
zu entscheiden sein, ob die finanztechnische Eignung der Juden Pro- 
dukt ihrer Anlage oder der Zwangsläufigkeit ihrer Beschäftigung ist. 
Uns erscheint die zweite Möglichkeit an der Hand der verhältnismäßig 
ähnlichen Entwicklung des englischen Volkscharakters (Ghetto und 
Insel, Abneigung gegen Mischehen, Vorgabe ein auserwähltes Volk zu 
sein) viel wahrscheinlicher zu sein. Beide, Juden und Engländer, 
lebten und mußten durch Lage und Umgebung leben von der Arbeit 
für Andere. Diese Dienste — durchweg Zwischenhändler- und Geldver- 
mittlertätigkeit — beruhten nicht auf eigenen produktiven Leistungen 
sondern auf Geschicklichkeit und raffiniertem Gewinnstreben. Die auf 
Ricardo (Jude und Engländer zugleich) gemünzte Aeußerung >er werde 
um den neunten Teil einer Haarbreite handeln <, ist kennzeichnend für 
die Rückwirkung der Beschäftigung auf den Menschen. Man kann 
sich daher auch des Eindruckes nicht erwehren, daß die Juden viel 
mehr in die Richtung der ersten Anwendung der neuen 
Wirtschaftsformen hineingetrieben sind, als daß sie etwa dem Neuen 
ursprünglich schaffend die Wege geebnet haben. Dagegen sprechen 
zu viele auch von Somhart zum Teil hervorgehobene Umstände. Die 
modernen Wirtschaftsformen sind nicht das Produkt der Erfindungs- 
gabe eines mehr oder weniger rechtlosen, überall nur geduldeten 
Fremdbestandteils gewesen, sondern bildeten die Ergebnisse der Ent- 
wicklung der Wirtachaftstechnik der Handelsstädte und der großen 
Einzelhändler (Bergherm, Klöster, Fürsten usw.). Sie gingen im Aus- 
gange des Mittelalters als Normen auf den Staat und in die Staats- 
gesetze über. Beides Faktoren, die aus Eigennutz und Stieben nach 
Uniformität für die möglichste Verbreitung und allgemeine Einführung 
neuer Formen wirken mußten. Zweifellos wurde dieser Prozeß noch 
beschleunigt durch die allgemeine Annahme merkantilistischer Grund- 
sätze in der Handelspolitik und durch die Zurückdrängung germani- 
scher Rechtsbegritfe in Mittel- und Westeuropa zu Gunsten starrer 
römisch-rechtlicher Formeln. Wie überhaupt ist auch im Wirtschafts- 
leben der Uebergang vom Mittelalter zur Neuzeit nicht so sehr eine 
innerliche, sondern eine äußerlich-technische Erscheinung. Er ist keine 
europäische, noch eine Rassenfrage, sondern stellt den Sieg des Ty- 
pischen über das Individuelle, der Zivilisation über die Kultur dar. 



( " .,,-,!,. Original from 

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Sombart, Der moderne Kapitalismus 39 

II) Die Reformation und die Protestantenwanderungen. 

>UIme Reformation keine Sozialdemokratie und keine soziale 
Frage< hat einst der christlich-soziale österreichische Parlamentarier 
Dr. Lueger im Wahlkampfe ausgerufen. In dieser Phrase, die wie 
jedes Schlagwort dieser Art durch ein Körnchen darin enthaltener 
Wahrheit gefährlich ist, kommt eine gerade in katholischen Kreisen 
weit verbreitete Auffassung zum Ausdruck. Diese Auffassung wird 
leider von protestantischer Seite unterstützt, so wenn Max Weber die 
Hypothese aufstellt, daß die Zugehörigkeit zu bestimmten Religions- 
gemeinschaften (asketischer Protestantismus) die Entstehung des ka- 
pitalistischen Geistes bedingt habe. Sombart geht weiter und schreibt 
dem Ketiertum allgemein die Fähigkeit zu, für diesen Geist besonders 
empfänglich zu sein. Bei näherer Ausführung dieses Gedankens macht 
er dem Weberschen Standpunkt doch wesentliche Konzessionen, wenn 
er schreibt: >Die ganze Fragestellung: ob ein bestimmtes Religions- 
bekenntnis eine bestimmte Wirtschaftsgesinnung erzeugt habe (und 
nicht vielmehr, wie andere behaupten, diese jene) scheint mir nicht 
glücklich. Ich meine vielmehr, daß beide Bekenntnisse (sei es zum 
Kapitalismus, sei es zum Protestantismus) Ausflüsse derselben Grund- 
veranlagung sind, daß in beiden nur der >neue< Geist seinen Aus- 
druck findet, den wir überall am Werke sehen, wo es sich um die 
Herausbildung des modernen Europa handelt. Beides: Protestantismus 
und Kapitalismus siud ihrem innersten Wesen nach > Ketzergeist«, 
Geist der Auflehnung gegen Schlendrian, Indolenz, Selbstgenügsam- 
keit, Stilleben. Kirchenreform und Wirtschaftsreform entspringen im 
Grande demselben Geiste des >Nonconformismus<, der vielleicht sogar 
(was wir nur vermuten können) an bestimmte Blutsveranlagung ge- 
bunden war. Selbstverständlich beeinflussen sich dann diese beiden 
Aeußerungen des gleichen Geistes gegenseitig. Und insofern kann 
man von einem Einfluß bestimmter Religionssysteme auf den Kapi- 
talismus (und dieses auf jene) sprechen«. 

Betrachtet man den modernen Sozialismus als eine Reaktion gegen 
die materiellen und ideellen Mißbräuche der als Kapitalismus um- 
schriebenen Gesamtheit der Wirschaftsformen und Wirtschaftsverfahren 
der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart, so stützen scheinbar 
Ausführungen wie die obigen die Stellungnahme gegen den Einfluß 
der Reformation auf das Wirtschaftsleben. Sieht man aber von > Ka- 
pitalismus« und > kapitalistischem Geiste« ab und beschränkt sich 
darauf, die Entwicklung des Wirtschaftelebens mehr unter dem Ge- 
sichtewinkel der technischen als der seelischen Motivation zu unter- 
uschen, so wird man die entscheidenden Uebergänge teils lange vor 






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40 Gott. gel. Ann. 1918. Nr. 1 u. 2 

der Reformation nachweisen, teils auf sachliche Ereignisse zurück- 
führen können, die in keinem, auch nicht dem losesten Konnex mit 
der Kirchenreform stehen (Erfindungen, Banknoten, Seeversicherung, 
Kolonialgründungen). An diesem Beispiel wird eindringlich klar, wie 
gefährlich es ist, Schlagwörter ohne sachlich-begrifflichen Hintergrund 
zu prägen. Würde man sich wn diesen Begriffen lossagen, um nur 
die formale und empirische Entwicklung der Wirtschaftsvorgänge und 
ihrer Organe zu verfolgen, so würde man feststellen müssen, daß nicht 
der ethisch -geistige Inhalt des Protestantismus in die Neuformung des 
Wirtschaftslebens eingegriffen hat, sondern daß die Protestanten durch 
ihre Glaubensnot getrieben auf ihren Wanderungen durch Europa nur 
unbewußt einen Ausgleich der verschiedenen nationalen Entwicklung 
der Wirtschaftsformen herbeigeführt haben. 

Es ist die Wechselwirkung von Protestantismus und Reforma- 
tionsstreben auf anderen als kirchlichen Lebensgebieten doch eine 
viel indirektere und schwächere, als Sombart sie annimmt. Der Pro- 
testant wurde keineswegs in weitem Umfange freiwillig Protestant, 
sondern die Länder wurden reformiert«. Sei es von den Landes- 
herren, sei es unter dem Einfluß der Grundherren oder der Stadt- 
regierungen. Bei der damals (Mitte des 16. Jahrhunderts) scharf aus- 
geprägten kirchlichen Indifferenz der Massen ging man vielfach aus 
Milieuanpassung ohne Bekenntnisdrang über. Nun folgte eine längere 
Spanne Zeit, in der die Anhänger des neuen Glaubens durch Ein- 
wirkung der Geistlichen erst wieder in ein engeres persönliches Ver- 
hältnis zur Religion gebracht wurden. Als nun die Gegenreformation 
mit Feuer und Schwert die Revokation forderte, fand sie nicht die- 
selben Massen vor, die gedankenlos der alten Kirche den Rücken 
gekehrt hatten, sondern eng verbundene Scharen, die unter dem see- 
lisch festigenden Einfluß ihrer Geistlichen an dem neuen Glauben 
hingen. Diese zogen es vor auszuwandern, wenn sie ihren Glauben in 
der Heimat aufgeben mußten. Warum diese im engen genossen- 
schaftlichen Leben ihre Stärke findenden Kreise zur beschleunigten 
Ausbildung des eigennützigen Kapitalismus geistig und seelisch be- 
sonders befähigt sein sollten, ist nicht ohne weiteres einzusehen. 

Vielmehr dürfte bei ihnen, wie bei den Juden, der Fremde 
in ihnen dein neuen Wohnstaate die Gelegenheit dargeboten haben, 
viele willige Träger seiner wirtschaftspolitischen Experimente und 
Neuerungen zu gewinnen. Der Fremde, der sich beliebt machen 
mußte, der zur Neugründung seiner wirtschaftlichen Existenz nicht nur 
Duldung sondern vielfach Privilegierung und Unterstützung der Ge- 
walten seiner neuen Heimat brauchte, war darauf angewiesen, die 
Handelspolitik des Wohnstaates zu stützen und zu fördern. Er konnte 






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Sombart, Der moderne Kapitalismus 41 

dies einmal durch Einführung von nur ihm bekannten Erwerbszweigen 
(Seidenindustrie , Bergbau) , dann aber auch durch Annahme jener 
Wirtschaftsformen, die dieser Staat zur allgemeinen Einführung bringen 
wollte. 

Zusammenfassend kann man von den dynamischen Kräften in der 
Wirtschaftsreform dasselbe sagen, was sich von der ganzen Entwick- 
lung des europäischen Wirtschaftslebens sagen läßt: sachliche und 
technische Faktoren waren von viel größerem Einfluß als subjektive 
und psychologische Elemente. Der Verstand hat stets ein ansehnliches 
Uebergewicht behalten. 

Göttingen Mai 1917 W. H. Edwards 



Die kleineren althochdeutsche» Sprachdenkmäler, Herausgegeben 
von Ellas von Stelniueyer. Berlin, Weidmannschc Buchhandlung 191*1, b', 
XI, 40b S. 9 M. 

Daß der erste Kenner des Althochdeutschen, dem wir das Glos- 
senwerk verdanken, der die dritte Auflage der Denkmäler Müllenhoff- 
Scherers besorgt, der durch Jahre hindurch im Bericht der Berliner 
Gesellschaft für Deutsche Philologie die althochdeutschen Erscheinungen 
an ihren Platz gestellt hat, nunmehr die 'kleineren althochdeutschen 
Sprachdenkmäler' von Grund aus neu bearbeitete und vorlegt, war 
für ihn wohl eine innere Notwendigkeit. Schon durch die dritte Auf- 
lage der Denkmäler, die das historisch werdende Werk wieder mitten 
in den Verlauf der Forschung hineinstellte, hat er es in gewissem 
Maße sich angeeignet. Aber das Bedürfnis, selbst zum Worte zu 
kommen, mußte ihm bleiben und die Fachgenossen konnten nur wün- 
schen, daß der Ertrag der weiteren 25 Jahre, die seitdem verflossen 
sind, gerade in seiner Beurteilung und in der ihm eigensten Form 
zum Vorschein komme. Nach beiden Seiten hin ist das neue Werk 
selbst ein Denkmal feinster philologischer Arbeit geworden: es be- 
zeichnet den Punkt, bis zu welchem vorausgehende Forschung gelangt 
ist, führt selbst in vielen Fällen darüber hinaus oder weist auf noch 
zu lösende Fragen hin; dabei der Reiz, den die Beobachtung der 
knappen Sachlichkeit, der strengen Selbstkritik des Verfassers ausübt, 
und der erzieherische Wert seines Verfahrens. 

Sein nächster Zweck war, die Ueberlieferung der Texte scharf zu 
fassen und den Punkt zu gewinnen, bis zu welchem ihre Herstellung 
möglich ist: in den meisten Fällen war bei der Erscheinungsform, die 
die überliefernde Hs. bot, Halt zu machen, bei ihren Sprachformen, 






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42 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u 2 

bei ihrer Schreibung. In welchen Grenzen dabei zu ändern sei, da- 
rüber entschied von Fall zu Fall, was über die Zuverlässigkeit der 
Aufzeichnung aus ihr selbst sich erschließen lieG. Daher wechselt 
auch das Verfahren des Herausgebers in dem Maße der Aenderungen, 
die er vornimmt. Seinen Gründen dabei nachzugehen ist immer lehr- 
reich und oft überraschend, sei es, daß seine scharfe Beobachtung 
ihn verborgene Schreibfehler erkennen oder vermeintliche Fehler als 
richtig erweisen läßt, sei es daß er tiefer liegendes Verderbnis durch 
Konjektur bessert. Auch in den selteneren Fällen, in denen mehr- 
fache Ueberlieferung zu Gebote steht, gibt er mehrmals nicht Rekon- 
struktion der Vorlage, sondern Doppeltexte. Und wer z. B. die Un- 
bequemlichkeit erfahren hat, aus den Varianten, die in MSD zum 
Emmeramer Gebet gegeben waren, die Sprachformen und die Schrei- 
bung der Hs. B zusammenzusuchen, wird auch von diesem prakti- 
schen Gesichtspunkt aus, hier wie bei der Exhortatio und dem Alt- 
bayr. [Freisinger] Paternoster, den Doppeldruck willkommen heißen. 

Da für die Texte die Handschriften (oder ihre Photographien) 
fast ausnahmslos verglichen worden sind, hat der Apparat, der in der 
Aufnahme der Einzelheiten jedesmal die Eigenart der Ueberlieferung 
berücksichtigt und für sich selbst schon das gesiebte Ergebnis der 
Einsicht in diese Eigenart ist, innerhalb dieser Grenzen aber Voll- 
ständigkeit anstrebt, mehrfach Vermehrung, Verfeinerung und Siche- 
rung der Beobachtungen ergeben. (Er enthält auch sprachliche An- 
merkungen und verweist auf Aufsätze, die sich nur mit der einzelnen 
Stelle beschäftigen.) 

Mit dieser sorgfältigen Berücksichtigung der Ueberlieferung hängt 
zusammen, daß Steinmeyer in den darstellenden und untersuchenden 
Bemerkungen, die er im Anhang zu jedem Texte beigibt, überall, wo 
eine in seinein Sinne eingehende Beschreibung der Hs. noch nicht 
vorliegt, eine solche bringt, in der das Aeußere, die Zusammensetzung, 
der Inhalt, die Geschichte der Hs. in knappster Form, aber voll zur 
Geltung kommt. Man weiß aus dem 4. Bande der Glossen, welche 
Fülle litterarhistorischen Stoffes in diesen seinen Beschreibungen steckt; 
sie sind für sich allein schon ein Merkmal des Buches. 

Auf sie folgt im Anhang jedesmal die Bibliographie, in der Stein- 
meyer die für das Auftauchen, die Ausgaben, die Untersuchungen des 
Denkmals wissenschaftlich in Betracht kommende Litteratur vollständig 
und kritisch verzeichnet. An ein und das andere dieser alth. Denk- 
mäler knüpfen sich Anfänge der deutschen Philologie durch das 16. 
bis 18. Jh. hindurch. Auch auf sie, von denen einßt Kelle den Otfrid 
betreffenden Ausschnitt zum ersten Mal gezeichnet hatte, fällt unter 
Steinmeyers Lupe helles neues Licht. 






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v. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 43 

Den Beschluß der Anhänge bilden kritische Bemerkungen, öfters 
Erörterungen zu Einzelheiten oder zum Ganzen des Denkmals, wo 
der Herausgeber die Forschung der Vorgänger weiterzuführen oder 
sonst Stellung zu ihr zu nehmen Anlaß findet. 

Wenn man von den Mondseer Bruchstücken und den Murbacher 
Hymnen absieht, die St. ausschloß, weil von ihnen Sonderausgaben 
vorhanden sind, und das Fehlen der Altdeutschen Gespräche entschul- 
digt, weil die Pariser Hs. durch den Krieg ihm unzugänglich geworden 
war, sind in dem Werke sämtliche 'kleineren' ahd. Stücke vereinigt, 
die wir heute kennen. Ihnen sind beigegeben die zwei sächsischen 
Segen De hoc quod spurihalz dieunt und Contra vermes, das sächsi- 
sche Taufgelöbnis, die sächsische Beichte, der ndd. Glaube und der 
sächsische Spruch Ad catarrum (S. 378), 'wegen ihrer engen Verwandt- 
schaft mit hd. Typen', und aus verwandtem Grunde die frühmittel- 
hochdeutschen Glauben und Beichten, die schon in MSD den althoch- 
deutschen angeschlossen waren. Diesem ihrem Programm gemäß ent- 
halten also Steinmeyers Sprachdenkmäler, verglichen mit Müllenhoff- 
Scherers Denkmälern, nicht: die dort gedruckten mittellateinischen 
Stücke, die vier sächsischen Nummern Abecedarium, Essener Hebe- 
rolle, Allerheiligen, l'sahnenkommentar, die mittelhochdeutschen poeti- 
schen Stücke vom Memento mori Nr. 30 b ab bis zum Bilsener Schluß- 
vers Nr. 50, die schwäbische Trauformel und den Erfurter Judeneid. 
Außerdem schied Steinmeyer aus die Sangallischen Stücke 26. 27 (mit 
Ausnahme von Nr. 9 b . 10 b . 12) und 79 als in Notkers Schriften ge- 
druckt, die Mondseer Stücke 59 und 60, als in den Ausgaben der 
Mondseer Bruchstücke enthalten, den Liebesgruß aus Ruodlieb und 
den Leis Nr. 29, als zu selbständigen lateinischen Werken gehörig 
(die Straßburger Eide aber sind beibehalten), endlich den von Haupt 
aus dem Lateinischen rück üb ersetzten Spiclmannsreim, als urkundlich 
unbewährt. Zugewachsen sind — außer dem Hauptstück, der Inter- 
linearversion der Benediktinerregel, der altalem. und der rheinfränk. 
Psalmenübersetzung — mehrere Segen, Reimsprüche, ein Rezept, eine 
Federprobe u.a.a., als Nr. LXIII, LXIX, LXXII, 1, 2, LXXIII, 
LXXIV, LXXX, LXXXI, LXXXII, 1, LXXXV, LXXXVII, LXXXVIII, 
größtenteils erst seit 1892 bekannt gewordene Funde (LXXII, 1 und 
LXXXVIII neu), mit denen der heutige Bestand an kleineren ahd. 
Stücken vorläufig abgeschlossen erscheint. 

In diesem Körper bildet der Herausgeber aus den Beichten, den 
Interlinearversionen, den Beschwörungen und Segen (unter denen 
LXXII, 1 und 2 aber Rezepte 1 sind) je eine eigene Gruppe: aus den 
erst- und letztgenannten, 'weil sie nur einzelne, zufällig uns bekannt 
gewordene, vielfach abgeleitete Glieder einer jahrhundertelang fort- 



, " ,,,.(. Original (Vom 

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44 Uött. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

wirkenden Tradition darstellen' (S. V) und chronologischer Einreihung 
unter die übrigen Denkmäler widerstreben, aus den Interlinearver- 
sionen, weil ihre Eigenart, die sie mehr zu den Glossen als zu den 
Literaturdenkmälern schiebt, sie von den übrigen trennt In einer 
letzten Gruppe vereinigt er 'Reimereien und andere Kleinigkeiten' 
gleichfalls in stofflicher, nicht chronologischer Anordnung. Diesen 
Gruppen gehen die anderen Stücke voraus, vom Hildebrandslied bis 
zu Otlohs Gebet, als Nr. I— XXXV, tunlichst in zeitlicher Abfolge, ohne 
Sonderung der Prosa- und Versstücke — denn 'die Klangform spielt 
eine geringere Rolle vom sprachlichen Standpunkt aus betrachtet als 
vom literarhistorischen 1 (S. V) und das Buch 'verfolgt zunächst sprach- 
liche Zwecke 1 (S. IV). 

Im Folgenden möchte ich den Leser durch das Werk geleiten 
und auf einiges von dem Neuen, das es bringt, hinweisen. 

Dem Apparat zum Hildebrandsliede (I) und Muspilli (XIV) sind 
'Listen der bisher empfohlenen Aenderungen und Umstellungen 1 bei- 
gegeben : 'nicht weil ich ihnen erheblichen Wert beilegte, sondern um 
zu verhüten, daß Vorschläge, die vor vierzig oder mehr Jahren ge- 
macht und dann verdienter Vergessenheit anheimgefallen waren, immer 
wieder in den Spalten unserer Zeitschriften auftauchen 1 . Die Text- 
gestaltung in 1 beschränkt sich auf vorsichtigste Reinigung der überlie- 
ferten Form, die Steinmeyer mit Saran für ziemlich genaue Wieder- 
gabe ihrer Vorlage halt : sein Text will denn als ihre Herstellung an- 
gesehen sein und verzichtet auf Ergänzung fehlender Halbverse und 
Aenderung der stabreiinlosen Zeilen. Die Richtung der Kritik, die 
schon sein Text in der 3. Ausg. der MSD eingehalten hatte, ist fort- 
gebildet und verfeinert (z. B. tver, /reliltUvs, wcnlar der Hs. nicht mehr 
in itcer usw. geändert). Innerhalb des überlieferten Bruchstückes 
sieht Steinmeyer mit einiger Sicherheit nur efne stärkere Aenderung 
erreichbar: sein Text von 1892 hatte nach Z. 40 HiU'dnaht t/ima/talta 
Heribnmtvs atum, die auf den Höhepunkt in Hadubrands vorausge- 
hender Rede tot tu lltltihrant UcribnuiU-s stino unmittelbar folgt, 
Lücke angenommen. Jetzt schlägt er (mit Wadstein) vor, Z. 45 samt 
der darauffolgenden dreizeiligen Rede nach Z. 57 zu denken, die Rede 
aber als von Hadubrand gesprochen, die Zeile 45 daher entsprechend 
geändert. Denn die Worte (von der Rüstung, die auf einen guten 
Herren weise und die Reckenschaft ihres Trägers verleugne) Z. 46 — 48 
könnten nicht von Hildebrand gesprochen sein : hnne und rcccJico passe 
nicht auf Hadubrand, ferner seien Hildebrands Reden nicht durch eine 
Formel, wie sie Z. 45 zeigt, eingeleitet (die vielmehr für Hadubrands 
Worte gelte), sondern durch beiseite gesprochenes qmd Hdtibrunt. 
Zu den Erwägungen, die an diese seit langem einen Anstoß bildenden 






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v. Steinmcycr, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 45 

Verse sich knüpfen, sei noch hinzugefügt: man könnte sie als Worte 
Hildebrands damit verteidigen, daG sie ein milder Einwurf auf Hadu- 
brands spitze Worte seien: -ich sehe wohl an deiner Rüstung, daß 
du Recke noch nicht gewesen bist, du sitzest wolgehegt in der Hei- 
mat (mußt dich auf die Reden von Seefahrern verlassen und glaubst 
diesen)' ; kerne und reeehco ließen sich dann wohl verstehen, aber der 
'(gute) Herr' bliebe eine formelhafte Vorstellung und — besonders — 
der Gefühlsausbruch Z. 49 widerstrebt solch schwächlicher Einleitung. 
Ebensowenig passen Z. 46—48 an ihrer Stelle im Munde Hadubrands, 
weil sie den Höhepunkt (und Abschluß) in Z. 44 nur abschwächen. 
Als Rede Hadubrands, nach V. 57 können die Zeilen immerhin gelten : 
dort sind sie zornige Erwiderung, da Hadubrand sich durch das V. 56 
angeschlagene Motiv von der Rüstung als Beutestück gereizt fühlt 
und daran eine neue Beobachtung knüpft, die den Gegner als Lügner 
erweisen soll. Und daß die Umstellung, wenn sie auch Aenderung 
des Subjektes der Einleitungsformel nötig macht, dadurch aber die 
durchgängige Einheitlichkeit in der Art, wie Hildebrands und Hadu- 
brands Reden unterschieden werden, herstellt, spricht doch gewichtig 
für den Wert des Vorschlags. 

Die Urform des Liedes hält Steinraeyer für hochdeutsch, Sarans 
'bayrische Spuren 1 entkräftet er durch Hinweisung auf fränkische Ent- 
sprechungen, insbesondere trifft sein Bedenken gegen die Annahme 
zu, daß der hochdeutsche Verfasser seine eigene Sprache einem säch- 
sischen Gönner zu Ehren gemodelt hätte; die ndd. Spuren, die im 
Grunde nur auf die Schreibung, nicht die Wortwahl sich beziehen, 
erklärt er vielmehr einfacher daraus, daß ein Hochdeutscher das hd. 
Lied nach Vortrag aus sächsischem Munde: aufgezeichnet habe. Die 
Abfassung vermutet er in den achtziger Jahren des 8. Jahrhunderts. 

Als Nr. II folgt das Wessobrunner Gebet, dessen christlicher 
Charakter und rein bayrische Herkunft betont wird. Im Text ver- 
zichtet St. jetzt auf die in MSD 3 getroffene Verteilung der in dem 
verderbten ninMieinitj (V. 4) enthaltenen Silben und bezeichnet die 
Lücken wie Braune : uoh panm . . . , noh pereg niuuas, \ ni . . . noh- 
heinig, ohne damit eine Wahrscheinlichkeit ausdrücken zu wollen, denn 
die Unterbrechung der Mo/t-Parallelismen durch ni . . . stört ihn. 

Zum sächsischen Taufgelöbnis (III), das er mit Leitzmann um 
790 ansetzt, ist die Konjektur bemerkenswert, durch die er Meiers 
Deutung des and uuordum (expressis verbis) weiterführt: er nimmt 
mit Recht am and Anstoß, formell und begrifflich, und vermutet Ver- 
lesung aus m'ul (deren Möglichkeit das Facsimile lehrt), die durch 
die Nähe des Dativs mter&iiu befördert wurde, den der Schreiber bei 
oberflächlicher Ueberlegung als parallel zu uuonlum ansah; mid uuor- 






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4ü Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

dum leitet dann die folgende Aufzählung der Heidengötter ein. Dabei 
faßt St. die Phrase in derselben Wortbedeutung auf, wie Meier sie 
annimmt. Noch besser aber ist die abgeschwächte Bedeutung, die 
aus Otfr. II, 7, 13 f. hervorgeht: oha thuzthie liuli ntrita }nh hungeren 
biwenta t irretit thiz mit worton thia werolt fon t/ten sunton: 'wenn 
das (zurückbezogen auf Z. 12 f., wo ther dm/itines sun genannt wird 
sin latnp), die Leute nährte und vor Hunger schützte, rettet dieses 
nämlich die Welt von den Sünden'. Der Zusammenhang im Tauf- 
gelöbnis wird dann scharf: 'ich entsage allen Werken des Teufels, 
nämlich dem Donner und Woden' usw., denn diese sind dann als 
Werke des Teufels bezeichnet, was durchaus zur kirchlichen Vor- 
stellung paßt. 

Im fränk. Taufgelöbnis (IV) hält Steinmeyer in der 3. Frage enti 
zi yotum für einen Zusatz der Hs. A; die Worte fehlen in B, und 
trotz der schlechten Ueberlieferung von B ist sein Zeugnis nicht wert- 
los, weil die Lesart Z. 9 thrinissi in din eninissi (für thr. indi in ein- 
nisse) zeigt, daß der Schreiber ohne Aenderungsabsicht abschrieb. 
Außerdem ist die Form enti an jener Stelle im Gegensatz zum son- 
stigen indi des Denkmals; und hauptsächlich deswegen vermutet St. 
Einschub durch die Hand des Schreibers von A. Ebendieser hat aber 
doch auch das indi seiner Vorlage in Z. 9 (das durch die eben an- 
geführte entstellte Lesart B gesichert ist) durch die Schreibung inti 
seiner Mundart angenähert — er könnte denn in Z. 4 vollends ein 
indi zu seinem mundarteignen enti verändert haben. Und wenn man 
enti zi gotum für interpoliert hält, muß man auch das vorausgehende 
indi den gotum streichen, denn zu den drei Gliedern bluostur, ijtlt, 
got des Hauptsatzes stehn die drei Glieder Muostar gehl got des Ne- 
bensatzes in vollständigem Parallelismus. — Im Apparat vermisse ich 
die von Piper, Nachträge (Kürschners Nationallitt., 162) S. 164, aus 
A angemerkten lateinischen Schlußworte : sie gehören zum Taufgelöb- 
nis, denn ihr Inhalt entspricht dem lat. Schlußsatz in B, den St. an- 
führt '). — 

Für den Weißenburger Katechismus (VI) ergab sich aus der Prü- 
fung der Hs. (außer Z. 106 fona für fon) in Z. 58 Streichung des 
auur, indem das dem ullichu übergeschriebene aü als autem und als 
nachträgliche Eintragung dieses unübersetzt gebliebenen Wortes er- 
kannt wird, ferner eine überzeugende Erklärung der 'Glossenzeichen 1 : 
sie sind Merke für vorzunehmende und meist wirklich vorgenommene 
Korrekturen. In der Stelle Z. 88 

1) In der Ueacbreibung von B S. 25, Z. M v. u. ist habet wohl Druckfehler 
für habet' (= habetur). 






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v. Stcinmevcr, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 47 

Hinz in fleiscnisse gihuuelih nt incarwitioiie/n qnoqw 

Imidin unaetan htitantan Christen . . ttoiuini ttostri lesu Christi . . 
gilanbe cfcMai 

entscheidet sieb St. für die Konjektur thtut in jkisenisse tjihttuelih 
trnhtin unserem heilanton Christ . . nilmtb(\ gegen Schcrers Herstel- 
lung fhaz in/teisenissi t/ihmictih trnhfines unseres htilantru Ctiristes . . 
f/iluuhc, weil ihm aus jener Gestaltung der Fehler der Ueberlieferung 
leichter verständlich ist: der Uebersetzer las in seiner Vorlage (oder 
glaubte zu lesen): in cuittcdione qmsqitf ihminum vostrum lesnm 
Christum; es sei nicht abzusehen, wie bei Voraussetzung der von 
Scherer angenommenen Urlesart die Genetive in Accusative verwandelt 
werden konnten. Bei Steinmeyers Annahme bleibt aber der Genetiv 
ekrates neben trnhtin unseran und vollends neben dem begrifflich so 
eng verbundenen krilantan ein ebenso schwieriges Rätsel; es wird 
nicht abgeschwächt durch die von St erwogene Möglichkeit, daß das 
auffallende -an in heilantan Schreibfehler unter Einfluß des voraus- 
gehenden nmemn und des a der Mittelsilbe sei, auch nicht durch 
seine Beobachtung, daß über dem Schluß-s- von ciirittks ein Strich 
stehe, der möglicherweise die Silbe es tilgen sollte. Gerne würde man 
hören, wie St. bei Voraussetzung seiner Urlesart den Fehler christes 
erklärt Sieht man diesen Genetiv aber als Rest der Urlesart an, so 
scheint mir ein Weg die Ueberlieferung zu erklären immerhin als 
gangbar, wenn auch unter Voraussetzung mehrerer Stufen der Ent- 
stellung: der Uebersetzer las die Vorlage — das Athanasianum — 
so wie sie oben zitiert wurde, nur daß er quisque statt quoque verlas 
(oder vor sich hatte); ein Abschreiber setzte für infteisenissi; in 
flmsenisst, ein Korrektor änderte demgemäß die folgenden Genetive 
in Accusative, übersah aber den letzten Genetiv christes ; dieser ging 
in die nächste Abschrift über. Eine Veränderung in den Accusativ 
würde also die Absicht jenes Korrektors treffen, nicht die Urlesart 
herstellen. — Die Beziehung des Denkmals auf die Admonitio gene- 
ralis von 789 erscheint St. nicht sicher, da er Unterschiede zwischen 
dem Sündenverzeichnis in ihr und der Aufzählung im Wk. nachweisen 
kann. 

Das Freisinger Paternoster heißt jetzt 'Altbayrisches [Freisinger] 
Paternoster 1 (Nr. Villi, denn St ist der Ansicht Koegels, daß die Hs. 
B nicht aus A stamme, sondern selbständig neben ihr auf gemein- 
same Quelle zurückgehe; er stützt dieses Verhältnis durch scharf- 
sinnige Beobachtungen an Sprachformen von B und A. Ich glaube 
einen Beweis dafür ans der Ueberlieferung der 5. Bitte beibringen 
zu können. Auf ihre Uebersetzung folgt dort zunächst die Mahnung, 
dem Nächsten m vergeben, damit Gott auch uns vergebe, und bis 






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48 Gütt. gel. An*. 1918. Nr. 1 u. 2 

Z. 59 A, 58 B stimmen A und B inhaltlich darin überein. Von 60 A, 
58 B ab weichen sie von einander ab : in A folgt nämlich der lücken- 
hafte Satz danna er detnu sinemu kanozze flazan niunili t danna * er 
qhuidit 'flaz uns sutna so nuir flazames' ; in B aber: so uuer so st- 
neino gnoz sino idazzit, denne piitit fr t daz imo der truhtin deo sino 
nlazze. dennf quidit 'flau mir sama so Üi fuidermo fktzzu\ Scherer 
hatte die Lücke in A mit ni tlazzit imu sama der truhtin, danna aus- 
gefüllt und sie durch Abspringen von danna auf danna erklärt. Die 
Lesung in B mußte dann als eine der vielen willkürlichen und so oft 
unglücklichen Aenderungen erscheinen, die B vornimmt; so faßt sie 
auch St. auf, der die Lücke schon in die gemeinsame Vorlage ver- 
setzt und die Lesart B für den Notbehelf des Schreibers ansieht, den 
er sich zur Ausfüllung der Lücke durch Variation eines kurz zuvor 
von ihm in modifizierter Gestalt benutzten Satzes der Vorlage ge- 
schaffen habe. Aber er hätte dann hier gegen seine Gewohnheit den 
Text erweitert und zwar durch einen erklärenden neuen Gedanken: 
vorher war zur Verzeihung gemahnt, jetzt wird die Tragweite des 
Wortlautes der 5. Bitte ins Licht gestellt: wer als ein selbst Ver- 
zeihender sie ausspricht, der erbittet sich selbst die Verzeihung. Liegt 
dann aber nicht nahe, daß derselbe Gedanke noch eindringlicher auch 
in seiner negativen Fassung eingeschärft wurde, und wird das nicht 
durch den negativen Eingang des in A erhaltenen lückenhaften Satzes 
zur Wahrscheinlichkeit? Zur Herstellung des ursprünglichen Gedan- 
kenganges und seines wahrscheinlichen Wortlautes muß dann aber 
die in A und in B erhaltene Ueberlieferung in gleichem Maß heran- 
gezogen werden und es ergäbe sich folgender Text, den A und B 
vor sich gehabt hätte. (Das von A durch Abirren des Auges Ueber- 
sprungene ist kursiv gedruckt, das was ich zur Rekonstruktion aus 
dem Wortlaut B genommen habe, gesperrt, das in B Ausgelassene 
ist durch <> bezeichnet): Z. 59 (. . daz imu der truhtin sama deo 
sino flazc 1 .) so uuer so sinemu kanozze sino flazzit. danna 
dikit er, daz Imu der truhtin sama deo sino flaze*\ «lanna 
er demu sinemu kanozze flazan niuuili, danna 1 dikit or, daz imu der 
truhtin sama deo sino ni//aze> % danna* er qhuidit *flaz uns sama so 
uuir tiazaraes\ B hat nach seiner Art gekürzt, indem es nur den 
positiven Teil der Verheißung aufnahm, hat ihr Gewicht dadurch zu- 
gleich abgeschwächt, und hat ihn mit dem Schluß des negativen, der 
ja auf beide Teile paßte, abgeschlossen. A änderte nicht, irrte aber 
von flazc 1 auf flaze" und von danna 1 auf danna- ab. — In der Da- 
tierung dieses Denkmals, sowie der darauffolgenden (IX) Exhortatio 
(deren textkritische Behandlung besonders lehrreich ist) und (X) des 
Bruchstückes der lex Salica schließt sich St. den Darlegungen Sche- 






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v. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 49 

rers an; beim fränkischen Gebet (XI, 'ein rhein-fränkisches Gebet 
liegt hier in bayrischer Umschrift vor 1 ) muß die Eigendatierung (821) 
der überliefernden Hs. den Anhaltspunkt geben, St. stellt es daher 
vor die Hammelburger Markbeschreibung (XII), die er frühestens ins 
2. Dezennium des 9. Jh. setzt. Den Priestereid (XIII), zu dessen 
Litteratur seither der Brief Schindlers an Wackernagel vom 11. X. 
1838 (hg. von Leitzmann, Sachs. Ges. d. Wiss., phiL-hist Gl. 34, S. 90)' 
gekommen ist, weist er bestimmter als Scherer tat, in die erste Hälfte 
des 9. Jh. 

Der Text des Muspilli (XIV) unterscheidet sich, abgesehen von 
näherem Anschluß an die Hs. in der Schreibung, Beseitigung der 
Kennzeichnung der metrisch unvollständigen Verse (wie beim Hilde- 
brandahed), Aenderungen der Interpunktion, vom Texte (Steinmeyers) 
in MSD S zunächst durch die Lesarten arlruknent 52 (mit Schmeller,- 
früher artruknet), uarprinnit 58 (mit der Hs., früher varprennit), ue 
deru suonu 71 (mit Hs., früher war dem gestrichen); stärker greift 
ein die Streichung der auf 99 folgenden, früher als 99* mit ihren 
Anfangswörtern gedruckten großenteils unlesbar gewordenen Verszeile 
und die Aenderung der zwei überlieferten ebenfalls teilweise unles- 
baren Verszeilen, die er in MSD 3 noch so wie Müllenhoff hergestellt 
hatte: enti sUi der snanari ana den sind arhevit 74, jetzt aber als 
enti sih der ana den sind arkeuit, der dar suannan scal gestaltet. 
Ich beschränke mich darauf zu referieren. Beide Fälle gehören zu 
den Merkmalen, die das Muspilli nach Steinmeyers alter Aeußerung 
zum verzweifeltsten Stück der ahd. Literatur machen; die Ueberlie- 
ferung scheint bald Abschrift, bald Niederschrift aus dem Gedächtnis, 
bald Verderbnis aus beiden Wegen. So ist ja auch die Herstellung 
des V. 72 (sie geschieht wie in MSD 3 ) aus einer dem Umfang von 
ungefähr drei Verszeilen entsprechenden Ueberlieferung ohne mehr 
oder minder gewaltsame Voraussetzungen nicht möglich, wenn auch 
sicher scheint, daß wenigstens ein Teil der Verderbnis hier Ab- 
schreib fehler (beim Wenden des Blattes) ist, während in der auf 
v. 99 folgenden Ueberlieferung ein sonst mehrmals wiederholter 
Vers zu stecken scheint, und in dem V. 74'" und seinem überlieferten 
Mehr der Wortlaut von 85 b und86 b steckt Und in den Schlußzeilen, 
mit denen die Ueberlieferung des Gedichtes abbricht, fällt auf, daß 
beide in m allitterieren, während sonst nie zwei aufeinanderfolgende 
eindeutig überlieferte Zeilen gleiche Allitteration haben : zwischen ihnen 
Lücke? oder die eine Variation und Ersatz der anderen? 

Der frühere Vorschlag (MSD 3 II, 41), die Verse 31—36 unmit- 
telbar vor 63 ff. zu denken, wird nicht mehr aufrechterhalten, auch 
nicht die Vermutung, daß in 37—62 Einfluß eines älteren Liedes zu 

ö*tt. Ml. Am. 1918. Nr. 1 D. 2 4 



/ " ,,,,(. Original (Vom 

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50 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

erkennen sei (weil St. den formalen Grund, aus dem er sie aussprach, 
als durch C. v. Kraus widerlegt erachtet). Während er früher die 
Niederschrift des Muspilli um 880 ansetzte, erscheint es ihm jetzt 
'untunlich, die Zeit der Aufzeichnung genauer zu fixieren als : 'zweite 
Hälfte des 9. Jhdts.' Denn mit Daten aus dem Leben Ludwigs des 
Deutschen sei nicht zu operieren und das Fehlen des 6 und ga- be- 
weise für Koegels Annahme des 10. Jh. nichts, da wir aus der Zeit 
zwischen 850 und 950 kein bayrisches Originaldenkmal — etwa ab- 
gesehen vom Petruslied — besitzen, also die ö und ga- der im 10. und 
11. Jh. angefertigten Abschriften der Stücke, die aus der ersten 
Hälftedes 9. Jh. stammen, für das 10. Jh. nichts beweisen. Grau's 
Ansicht, daß Predigten Ephraems Quelle für das Gedicht gewesen 
seien, wird abgelehnt, vollends seine Vermutung, daß es Originalnie- 
derschrift (eines Klosterschülers) sei. In der Konjekturenliste ist nach 
der (zu XIII) oben zitierten Veröffentlichung Leitzmanns S. 70 jetzt 
noch für V. 13 zu Möllers heffent der Name Lachmanns, kaum aber 
sein ebendort zu lesender Einfall zu V. 3 zu nennen. 

Im Ludwigslied (XVI; XV sind die Straßburger Eide) verwirft 
St. jetzt die früher von ihm gebilligte Konjektur Martins und Roe- 
digers: ewinsaliy, an der bekannten, schwer- oder vielmehr unleserlich 
gewordenen Stelle, V. 57, als mit den Tatsachen der handschriftlichen 
Lesung (soweit diese noch möglich) unvereinbar, das Gleiche gilt für 
uuigsalig; er vermutet uuurtsalig 'vom Schicksal beglückt 1 , das we- 
nigstens mit dem was einst Mabillon zu lesen glaubte (uuart) zu ver- 
einigen sei. Ist dieses uuurt- aber mit dem Stil des geistlichen 
Dichters im Einklang, der knapp vorher Gott und die Heiligen dafür 
preist, daß Ludwig sieghaft war? 

Christus und die Samariterin (XVII) betrachtet er mit Baesecke 
und Pongs als fränkisches Original , das von zwei alemannischen 
Schreibern abgeschrieben wurde, und begründet die sehr bemerkens- 
werte Vermutung, daß das in Reichenau geschehen sein könnte. 

Das 'Augsburger Gebet 1 heißt jetzt — nach seiner Sprache — 
Rheinfränkisches [Augsburger] Gebet (XVIII); zwar erkennt er den 
Augsburger Ursprung der Hs., in der es erhalten ist, an, bemerkt 
aber, daß das erste Blatt, auf dem das Gebet und das Stück aus dem 
55. Briefe des hl. Hieronymus steht, ursprünglich leer blieb und erst 
nachträglich, als der Hauptbestand des Codex eingetragen war, be- 
schrieben wurde. Auch sonst wird die Geschichte der Hs. richtig- 
gestellt : die ältere Vermutung, daß sie bald nach 882 in Westfranken 
Bich befunden habe, aber früh nach Augsburg gekommen sei, wird 
als unbegründet erwiesen. 

Im Georgslied (XIX), dessen handschriftliche Lesung mehrfach 






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v. Steiniueyer, Die kleiuereo althochdeutschen Sprachdenkmäler 51 

genauer bestimmt wird, schlieit sich St jetzt in V. 14 der Vermutung 
Hoffmanns fant er (für Haupts swullen) an, in der Form fand er: 
als Ueberlieferung gibt er fu . ..le . an , wobei nach Siemers / auch 
Rest eines d sein kann, und die drei Punkte ein Loch im Pergament 
bedeuten: wenn das Loch für mehr als einen Buchstaben wie es 
scheint Platz läßt, scheint mir firkaltn wahrscheinlicher (Dar firkalen 
ceuuei uuib); mit Siemers ändert er tuoht uuar 42 in tuot in uuar, 
ergänzt er nach meiner Vermutung die unlesbare Stelle in 46 durch 
toten ; die Lücke in 35 b und 56* läßt er unergänzt und verzichtet 
auch auf Herstellung von 39 b und 48. In V. 44. 45 schließt er sich 
Zarnckes Auffassung an und nimmt die einleuchtende Vermutung uuac 
(für uucelie) , die er schon MSD 8 ausgesprochen hatte, in den Text. 
V. 58. 59 wurden an ihrem überlieferten Platz belassen, der rührende 
Reim 29 und 35 nicht angetastet. 

In Verfolgung des Scherer'schen Gedankens vom Wechsel zwei- 
und dreizeiliger Gesetze legt St. in den Bemerkungen des Anhangs 
den Aufbau des Gedichtes dar, und seine Gliederung des Hauptteils 
V. 23—45 (der drei Martern), für die ihm der dreizeilige Refrain, 
den er als Jubilationsstrophe kennzeichnet, maßgebend ist, dürfte ab- 
schließend sein. Auch für die Gliederung der übrigen Teile entwickelt 
er einen leitenden Gedanken, der zugleich auf den Mittelteil Anwen- 
dung findet; doch ist dabei eine Umstellung der Verse 21. 22 not- 
wendig, die nach seinem Vorschlag zwischen V. 17 und 18 zu denken 
wären: durch die Umstellung wird erstens Uebereinstimmung der 
Reihenfolge der Wunder mit der Legende erreicht, zweitens ein Merk- 
mal gewonnen, das sonst die dreizeiligen Gesetze kennzeichnet: in 
ihnen 'wiederholt immer eine der drei Zeilen einen Vers, der auch 
sonst gleich oder ähnlich innerhalb des Liedes vorkommt 1 . Eine Schwie- 
rigkeit hängt aber an jener Umstellung: sie trennt von einander die 
VV. 17 und 18, deren Ueberlieferung so ist, daß sie mindestens in 
der Vorlage unmittelbar nebeneinander gestanden haben müssen, weil 
nur so das Abspringen des Auges verständlich wird, das innerhalb 
ihres Wortlautes stattgefunden und ihre unvollständige Ueberlieferung 
veranlaßt hat. Dieser Gesichtspunkt und ein zweiter, der aus der 
leitenden Rolle geschöpft ist, die St. dem Refrain im Mittelteile mit 
Recht zuweist, lassen an die Möglichkeit einer etwas abweichenden 
Gliederung des vorhergehenden und des nachfolgenden Teiles denken. 
Auch dort kommen refrainartige Zeilen vor. Refrain a : 6 daz keteta 
selbo der mure crabo Georio, 11 daz keteta telbo sancte Gorio, 50 das 
cunt uns selbo sancte Gorio, 57 das erdigita selbo hero sancte Gorio ; 
Refrain b: 16 das ceiken uuorhta dare Georio ce ttuare, ebenso 22. 
Jeder dieser Verse steht am Schluß eines Sinnes- und Handlungsab- 

4* 



/ " ,,,,(. Original from 

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.72 Gott. gel. Anx. 1918. Nr. 1 u. 2 

Schnittes. Man gelangt dadurch 1) zu einer Gruppe von 3 zweizei- 
ligen Gesetzen: Einleitung, abgeschlossen durch Refrain a, V. 1—6; 
2) Versuchung zum Abfall, 2 + 3 Zeilen, abgeschlossen durch Refrain 
a f V. 7— 11; 3) Einkerkerung und erstes Wunder dort, 2 + 3 Z. 
(Refr. a), V. 12—16; 4) zweite Wundergruppe und drittes Wunder, 
2 + 2 + 2 Z. (Refr. b), V. 17— 22. Hierauf der Mittelteil wie bei St, 
dann der Schluß, in welchem die Gliederung nach diesem Gesichts- 
punkt mit derjenigen St. 's zusammentrifft, d. h. 5) viertes Wunder, 
2 + 3 Z.. abgeschlossen durch Refr. a (variiert), V. 46—50, 6) Bekeh- 
rung Alexandras 2 + 2 + 3 (Refr. a, variiert), V. 51—57. Die noch 
übrigen zwei Verse, mit denen das Lied abbricht, entziehen sich wei- 
terer Gliederung. Demgemäß wäre die Einleitung aus nur zweizei- 
ligen Gesetzen gebildet, alles folgende schlösse jedesmal ein dreizei- 
liges Gesetz in sich — bis auf Nr. 4, und das ist dieselbe Stelle, an 
der auch St. zu Aenderungen sich veranlaßt sah, um seine Gliederung 
einheitlich durchzuführen, und der Verdacht steigert sich, daß die 
Urform des Gedichtes in V. 17. 18 anders lautete, als in der Vorlage 
unserer Abschrift. Hier scheint mir der tote Punkt zi liegen, über 
den vorläufig nicht hinauszukommen ist. 

Zwischen die zwei Strophen, die in MSD Sigiharts Gebet genannt 
waren, setzt St. jetzt (XX) mit Recht das Aliter der Hs. und nennt 
sie S/s Gebete. Daß der Sigihart, der in den zwei Freisinger Tausch- 
urkunden aus der Zeit Waldos als Zeuge erscheint, schwerlich der 
Priester Sigihart der Gebete sei, wird sehr wahrscheinlich gemacht. 

Den Vers 8, den der Bittgesang an S. Peter (XXI) mit Otfrida 
Evangelienbuch gemeinsam hat, behandelt St. jetzt (mit Brückner und 
Wilhelm) als aus Otfrid's Werk entlehnt, weil alles für, nichts gegen 
Freisinger Ursprung des Bittgesanges spricht und zu Anfang des 10. 
Jh. das Evangelienbuch dort abgeschrieben wurde. (Auch Sigiharts 
Gebete sind ja dort Otfridnachahmung !). 

Bei Psalm CXXXVIII (Nr. XXI) — aus dem nicht mehr wie in 
MSD Verse als 'Psalm 139 1 ausgeschieden werden — entscheidet sich 
St. (wie vorher Braune in der 7. Aufl. seines Lesebuches) mit Recht 
für Koegels konservative Behandlung und weist den neuerlichen Ver- 
such von Pongs, Umstellungen vorzunehmen, zurück: er hat den 
stärksten Anhaitapunkt an der in der Hs. durchgeführten Strophen- 
abteüung, in der die dreizeiligen Gesetze ganz guten Platz einneh- 
men ; außerdem stützt er sich auf die Freiheiten, die der Uebersetzer 
— besser der Bearbeiter — des Psalmes sich gestattete. Man muß 
auch in Betracht ziehen, daß seine lateinische Vorlage nicht überall 
genau so lautete, wie der Psalnitext im Wiener Notker: auf die Ver- 
lesung pracidisti (Ps. 138,4) statt pratvkUsti macht St. (mit Zacher) 






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v. Steiomeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 53 

selbst aufmerksam; ich glaube, er bat auch im Psalmvers 20 divUkxs 
statt civitatis gelesen (vgl. V, 17 der Bearbeitung), und vielleicht weist 
auch ane din gepot V. 10, dem in 138,4 nichts entspricht, auf eine 
Besonderheit der Vorlage. 

Von dem Hauptanstoß, den man an der überlieferten Versfolge 
nahm, daß nämlich in der deutschen Ueberlieferung V. 29 far ich in 
de finster . . . von den parallel klingenden VV- 13 und 14 getrennt 
ist, benimmt St. einen Teil der Geltung, indem er bemerkt, daß bei 
unmittelbarem Anschluß von 29 an 13. 14 der Vers 29 ungefähr das- 
selbe besagen würde, was M* ausdrückt (Höllenfahrt), ferner daß 
durch die Einleitung des Psalmverses 11 mit Et dixi er auch für 
den Bearbeiter formell deutlich vom Psalmv. 10 getrennt sein konnte. 
Außerdem liegt in der deutschen Ueberlieferung wohl ein weiterer 
Anhaltspunkt für Annahme von 'Umbiegungen des Sinnes 1 , denen der 
Bearbeiter die Vorlage unterwarf: er verband die tenebrm des Psalmv. 
1 1 f. mit der Vorstellung des occuUum und in inferioribtts terrae 
(Psalmv. 15) und fand so den Anschluß seines far ich in de finster 
an die Gedanken seiner Verse 25 — 28, und von der Nacht und Fin- 
sternis der Psalmv. 1 1 f. fand er den Weg zum Flug im Morgenzwie- 
licht, der ihm zugleich die Vermittlung zum Schlußtriolett bietet: 
Versicherung auf Gottes Wegen zu bleiben, womit die Gedanken des 
ersten Teils wiederaufgenommen sind (vgl. 8 das ih mich Charte öfter 
dir mit 36 upe ih mih chere öfter dir). 

Aus der Behandlung des Stückes XXIJl De Heinrlco hebe ich 
als gute Beispiele für die Grenzen, die St. der Text- und Sachkritik 
gegeben erachtet, hervor : Z. 1 beläßt er in der Form der Ueber- 
lieferung, weil immerhin ab und zu das Gedicht auch sonst die Schei- 
dung zwischen Latein in erster, Deutsch in 2. Halbzeile nicht strenge 
aufrechthält; in Z. 5 bewahrt er wie Braune 7 das handschriftliche 
namoda, mit Dieterich, gegen das rnanoda der Herausgeber, weil ein 
triftiger Grund dagegen nicht sich erhebt; und Z. 8 und 13 erklärt 
er als bisher unverständlich und nicht befriedigend erklärt, ohne wei- 
teren Versuch der Erklärung oder Konjektur zu machen. 

In De detinitione (XXV) verbessert St. das speciei der Hs. in 
speeifice auf Grund seiner Entdeckung, daß diese Anfangszeile sich 
auch in der aus S. Gallen stammenden Züricher Hs. befindet, die bei 
Piper, Notker I, S. V, D genannt ist, und dort das richtige specific? 
zu lesen ist; das unverständliche ludixet 10 wird in ausgezeichnet 
begründeter Konjektur als Alii dixerunt, seilhiu(diu dingsezei) 11 als 
selbiu (d. d.) erkannt. Durch die Heranziehung der Züricher Hs. tritt 
das Stück auch literarhistorisch in helleres Licht. 

Im Physiologus (XXVU) möchte ich Von din 69 (das Scherer, 



I . Original from 

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54 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Steinmeyer, Wilhelm [Münchener Texte VIII*] in Von diu ändern) be- 
lassen und als Von den auffassen, was in den Zusammenhang paßt 
und durch die Schreibung din (dpi. des Art.) 61 gerechtfertigt wird. 
(Die gewöhnliche Form ist dien, 101, 111, 119; ie als * geschrieben 
z.B. 30, 37, 59, 85). Z. 121 ist in einemo euantjclio doch auffallend: 
in sinemo eu.7 (die lat. Vorlage hat in evangelio). Z. 138 so tjat ee 
an eina ?irissci eeinero uvende : St. erklärt heissci (wofür Scherer eissci 
schrieb) für unverständlich: sollte es nicht 'auf die Suche 1 bedeuten? 
Die Vorlage hat Jnquirit parietem und in der Auslegung quere locum, 
die Uebersetzung dort (142) svohche die . . . stat. Uebergang von eiski 
'Frage' 'Verlangen 1 zur Bedeutung 'Suche 1 ist denkbar, vgl. den Ueber- 
gang von 'suchen 1 in die Bedeutung 'bitten'. 

Mit Recht lehnt St. die Annahme ab, daß die Unterschiede der 
Kap. 9 — 12 von den vorhergehenden auf einen zweiten Verfasser 
deuten. Er versteht sie als durch einen zweiten Schreiber der Vor- 
lage hervorgerufen und weist übrigens auch durchgehende Eigenheiten 
der Schreibung auf (zu denen man noch ie für e der Mittelsilbe in 
namceta 4, uueidaman 97, der Endsilbe slafcei 20, kagcen- 88 fügen 
kann). Dergleichen weist freilich zunächst nur auf ursprüngliche Ein- 
heitlichkeit der Schreibung, aber auf Schreibungsverschiedenheiten 
ging Scherers Vermutung in erster Linie zurück, und das auf den 
Hauptpunkt zielende Argument verschiedener Technik der Bearbeitung 
wird durch St. 's Bemerkungen zu diesem Gesichtspunkt entkräftet. 
Er macht außerdem auf die durchgängige einförmige Verknüpfung der 
Sätze durch utide, so, denne aufmerksam. (Auch polysyndetisches unde 
findet sich 18 f., 33 f., so 123 ff.). 

Die folgenden Nummern XXVIII — XXXIII sind ein Glanzpunkt 
des Werkes. St vereinigt sie unter dem Gesamttitel: 'Aus dem 
Wiener Notker und seiner Sippe 1 . Bamberger und Wessobrunner 
Glaube und Beichte (XXXVIII) eröffnen die Gruppe. Ihre Texte, zum 
ersten Mal in das richtige Verhältnis gestellt, stehn jetzt nebenein- 
ander. Dem ausführlicheren Texte des clm. 4460 (B) ist sein Recht 
als ursprünglicheres Zeugnis, der bedeutenden Sprachmächtigkeit und 
Uebersetzerleistung des Verfassers damit auch der gebührende Rang 
zugewiesen worden. St. zeigt schlagend, daß der 'Wessobrunner' Text 
(W) in seinem Verhältnis zum ausführlicheren der Münchener Hs. 
technisch und sprachlich, kennzeichnende Eigentümlichkeiten mit der 
Wiener Notkerbearbeitung geraeinsam hat und vom Verfasser dieser 
Bearbeitung herrührt. Er hat den zweiten Teil, das Sündenbekenntnis, 
im großen und ganzen (von Fehlern der Flüchtigkeit und des Miß- 
verständnisses und von seinen sprachlichen Aenderungen abgesehen) 
voll übernommen, im ersten aber stark gekürzt, insbesondere an der 






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t. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 55 

Stelle, die vom Wesen der Gottheit und Dreieinigkeit handelt, wohl 
in Rücksicht auf das weibliche Publikum, für das die Bearbeitung 
bestimmt war: statt der schwierigen Auseinandersetzungen über die 
Verschiedenheit und Wesensgleichheit der drei Personen benutzt er 
eine einfachere Formel, deren Uebereinstimmung mit der späteren 
des Honorius St aufzeigt Ich glaube, daß auch bei einer Aenderung 
im Sündenverzeichnis diese Rücksicht gewirkt hat, wenn 142,26 die 
Lesung in maginkreftc urecJii B (die im Zusammenhang der dort auf- 
gezählten Hochmuteünden gewiß das Ursprüngliche ist) als für Frauen 
weniger zutreffend zu in demo flize unerltlichero uuercho geändert ist 
— daß dagegen z. B. 145, 14 in wigis gisturme B beibehalten wurde, 
braucht bei der Ungleichmäßigkeit, mit der der Bearbeiter seine Ten- 
denzen durchführt, nicht zu wundern. 

St. hat beide Texte, als Einzelüberlieferungen hergestellt, neben- 
einander abgedruckt und an jedem nur geändert, was offenbares Ver- 
sehen und unbeabsichtigter Irrtum seines Schreibers ist; so in W 
(mit MSD) 143,38 merzesali statt merresali, 144,15 firmanidi statt 
firmaridi, (gegen MSD) 140,7 allen statt alle, 145,35 \tberchose statt 
-chofe, 146,2 sunthaftero statt sunthaften, in B (gegen MSD) 143,36 
heilsite statt Jieilside und 145, 35 harmilsame statt Iiarmisale (beide 
Besserungen von ihm schon MSD 8 2, 441.42 vorgeschlagen), 144,25 
in blandini statt in inblandini ; er beläßt aber in W die willkürlichen 
Aenderungen 140,2 bitozet, 142,3 frist, 142,36 in geriuna, 143,3 in 
ulleino ubelemo uuUlen, 146,24 flu u.a.a., ergänzt in B zwar die 
Lücke 139,9, nicht aber in 140, 2, weil sie gewiß schon in der Vor- 
lage war (die W hier willkürlich ändert); warum beließ er sie aber 
auch B 141,6 und 142,30, wo nichts dafür spricht, daß sie schon 
der Vorlage angehörten? Eine Abweichung von dem sonstigen Ver- 
fahren sehe ich auch darin, daß er die (sehr wahrscheinliche) Kon- 
jektur von Petters intwerdunga für twerdttnga BW 142,27 in beide 
Texte nahm, und an der Ueberlieferung B 137,7 iro ie wesentc einer 
unviruartnn . . magide nicht bloß den Schreibfehler wesente in we- 
senter ändert, sondern auch (mit Scherer) einer streicht. 

St vermutet wie Scherer Interpolationen schon in der gemein- 
samen Vorlage unserer Ueberlieferungen, er grenzt sie aber z. T. an- 
ders ab als Scherer; so ist ihm nicht bloß der Satz 139, 23 ff. im 
Glauben (der die auffallende vokativiBche Anrede Gottes enthält) ver- 
dächtig, sondern auch der darauffolgende 139,31 — 140,8, in welchem 
das unpassende mennisglich vorkommt und dessen Wortlaut und Ge- 
danken 140, 19—27 wiederkehren. Der Anstoß wenigstens, den er 
an diesen Wiederholungen nimmt, kann aber vielleicht behoben werden : 
denn auch in dem echten Satze 140, 19 ff. ist eine Unklarheit: was 






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6C GOtt gel. Anc. 1918. Nr. 1 u. 2 

soll aber denne (von W ausgelassen) bedeuten? Sähe mau hierin 
einen Schreibfehler der Vorlage für ab erde denne, so entfiele der 
Vorwurf, Bpäter Gesagtes vorweg zu nehmen, dem der Satz 139,31 
—140,8 ausgesetzt ist. 

Auf Bamb. und Wessobr. Glaube und Beichte folgt Himmel und 
Hölle (XXIX), das St als vom Verfasser des Bamberger Glaubens 
herrührend ansieht; er stützt diese schon von Scherer ausgesprochene 
Ansicht durch weitere Beobachtungen. 

Für die Stücke XXX . XXXII , XXXIII hat er die in MSD ein- 
geführte Unterscheidung als Predigtsammlung A, B, C beibehalten, 
weil sie auf verschiedene Quellen zurückgehen; im übrigen aber wer- 
den sie als eine äußere Einheit erwiesen. Schon in MSD waren die 
Bruchstücke A und C ein und derselben Hs. zugewiesen und war ver- 
mutet worden, daß diese einst Bestandteil der Wiener Notker Hs. 
gewesen sei. Nunmehr erweist St. die Identität des Schreibers von 
G mit dem Schreiber der im Wiener Notker enthaltenen Sammlung 
B, weist auch die orthographischen Gemeinsamkeiten zwischen B und 
C im Gegensatz zu den Eigentümlichkeiten von A auf, und kommt 
zum Schlüsse, daß alle drei Sammlungen Bestandteile der Wiener 
Notker Hs. waren, aber aus verschiedenen Vorlagen stammten. Aber 
noch ein Denkmal kommt hinzu : die 'Geistlichen Ratschläge' (Nr. XXXI) 
erweist er als von der Hand des Schreibers der Predigtsammlung 
A geschrieben und ebenfalls Bestandteil der Hs. des Wiener Notker. 
So vereinigen sich jetzt alle diese vier Stücke in dieser einzigen Hs. 
als deren einstige Teile. Zu ihnen tritt die Fassung W der Vorlage 
des Bamberger Glaubens. Zwischen diesen Denkmälern besteht noch 
engere Verwandtschaft als die durch die äußerliche Vereinigung in 
einer Hs. gegebene : mehrfach und in breiterem Maße als es in MSD 5 
gelegentlich geschah, ist jetzt im Apparat wie in den Anhängen auf 
innere Beziehungen zum Wiener Notker selbst hingedeutet: sie sind 
am stärksten im Wessobrunner Glauben, so daß die den Wiener Notker 
bearbeitende Hand in ihm wiedererscheint, aber auch in den Pre- 
digten tauchen Eigentümlichkeiten der Wortwahl auf, die sonst nur 
im Wiener Notker sich zeigen und noch der Erklärung harren. 

Daß St. auch den Bamberger Glauben und Himmel und Hölle 
unter dem Titel 'Aus dem Wiener Notker und seiner Sippe 1 einbezog, 
hat offenbar nur den praktischen Hauptgrund, daß dadurch die par- 
allele Gegenüberstellung der Texte B u. W des Glaubens möglich 
wurde; immerhin mag auch B zur 'Sippe des Wiener Notker' ge- 
rechnet werden, weil seine Vorlage am Orte sich befunden haben 
muß, wo der Wiener Notker geschrieben wurde ; das muß aber nicht 
für Himmel und Hölle gelten, denn dessen Ueberlieferung in der 






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t. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmaler 57 

Münchener Ha. hatte dort andere Vorlage, als der Glaube, wie St. 
S. 154 f. zeigt. 

Zu Otlohs Gebet (XXXV) hat St. den lateinischen Text nach 
seiner gesamten Ueberlieferung untersucht und unter der Zeile ge- 
bracht. Es zeigt sich nunmehr, daß das deutsche Gebet den kür- 
zeren Fassungen des lateinischen, nicht der längeren, die ihm in der 
Hs. vorhergeht, näher verwandt ist. Doch läßt es sich auch nicht 
einer der drei kürzeren unmittelbar anreihen, sondern zeigt seinerseits 
im Vergleich zu ihnen Erweiterungen und anderswo wechselnde Be- 
rührungen, so daß man wie bei den lateinischen Fassungen fortge- 
setzte Feilung und Aenderung des Wortlautes durch den Autor selbst 
annehmen muß. 

Mit der Benediktinerregel (XXXVI) beginnt die Gruppe der In- 
terlinearversionen. Sie umfaßt noch das Carmen ad Deum, die alt- 
alemannische, die rheinfränkische Psalmenübersetzung und Aus einem 
Capitulare. 

Die Untersuchung der Kegel ergab ihm: Wohl in S. Gallen war 
ein lateinischer Text der Benediktinerregel vorhanden, dieser sollte 
interlinear deutsche Glossierung erhalten. Für sie benutzte man eine 
andere Hs., aus der man die Glossierung in die Sangaller Hs. ein- 
trug. Diese andere Hs. bestand aus lat. Text und deutscher Glos- 
sierung: beweisend dafür ist, daß mehrfach beim Ueberschreiben der 
Uebersetzung vom jeweiligen Schreiber bemerkt wurde, daß der latei- 
nische Sangaller Text unvollständig oder sonst fehlerhaft war, so daß 
das fehlende oder fehlerhafte Latein von ihm ergänzt oder sonst ver- 
bessert wurde. An Schreibern erkennt St. bis S. 105, mit bestimmter 
Seitenzuweisung, drei; nach S. 105 begegnen ihm wieder mehrere 
Hände, nach seiner Ansicht drei, von denen er aber nicht zu ermitteln 
vermag, ob sie schon an den früheren Partien beteiligt waren. Neben 
diesen Beobachtungen, die sich auf die Schriftformen stützen, stehen 
sprachliche, die St. schon in der ZsfdA. 16 und 17 formuliert und die 
ihm zwei verschiedene Verfasser ergeben hatten, die abwechselnd an 
der Uebersetzung arbeiteten. Den damaligen Unterscheidungen fügt 
er jetzt noch einige sie erhellende Beobachtungen hinzu, aber er er- 
klärt sie nicht mehr als Folge der Arbeit zweier Verfasser, son- 
dern zweier Schreiber, die die Vorstufe unserer Ueberlieferung her- 
stellten, und ein Teil der beobachteten sprachlichen Verschiedenheiten 
findet seine Erklärung darin, daß die Vorstufe ihrer Arbeit zahl- 
reiche Abkürzungen — besonders durch bare Notierung der Schluß- 
silbe des deutschen Wortes — enthielt, sodaß z. B. die Gestalt der 
Vorsilbe ya- t der //-Anlaut vor Konsonanz vom einen Schreiber anders 
ergänzt werden konnte als vom anderen. Ein Teil dieser Abkür- 






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58 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 a. 2 

zungen ist auch in ihrem Manuskript noch geblieben, und aus diesem 
auch in die Sangaller Kopie übergegangen. 

Diese Entstehungsgeschichte des erhaltenen Textes ist von St. 
mit scharfsinniger allseitiger Beobachtung der Sangaller Ueberliefe- 
rung, ihrer aus verschiedenen Zeiten rührenden Korrekturen, des Ver- 
hältnisses der Uebersetzung zum lat. Text, der wechselnden Schrift- 
züge und sprachlichen Erscheinungen hervorgegangen und muß der- 
zeit als abschließend gelten. Mag man auch die Benediktinerregel 
im Verhältnis ihres Umfangs zu den übrigen Stücken der 'kleineren* 
ahd. Denkmäler ein 'größeres' nennen, man kann dem Herausgeber 
nur danken, daß er sie in seine Sammlung aufgenommen und in der 
Wiedergabe der zahlreichen verwickelten Einzelheiten der Hs., vollends 
in ihrer methodischen Durchdringung weit über seine Vorgänger hinaus- 
gelangt ist. Litterarhistorisch wichtig ist seine Andeutung, daß er 
den Verfasser der Version wegen ihrer Berührungen mit Glossar Rb 
in Reichenau sucht. Dürfen wir ausführlichere Begründung anderswo 
erwarten ? 

Das Carmen ad deum (XXXVII) setzt St. wegen der mittelmäßigen 
Sprachkenntnis einerseits (die Belege ließen sich vermehren), des Laut- 
zustandes anderseits ins 2. Jahrzehnt des 9. Jahrhundert. 

Seine früher, auf Grund der damals vorliegenden ungenauen Ab- 
drücke ausgesprochene Ansicht, daß die Altalem. Psalmenübersetzung 
(XXXVIII) in zwei Teile zerfalle, zieht er jetzt zurück: 'sie zeichnet 
sich vielmehr durch orthographische Gleichmäßigkeit aus'; er beob- 
achtet auch, daß Adj. und Part, in der Regel stark flektiert verwendet 
werden (zu den Ausnahmen, die er anführt, kommt noch kehaltanti 
Ps. 114,6 und un/ardraganlifi 123,5). St. setzt das Denkmal nach 
Reichenau, um 820, und weist Berührungen mit Glossar Rb und, 
was besonders bemerkenswert, mit der Benediktinerregel nach. 

Die Rheinfränk. Psalmenübersetzung (XXXIX) setzt er in ihrer 
jetzigen Gestalt nicht hinter das Jahr 1000 zurück, entstanden dürfte 
aber das Denkmal kaum später sein als um 900 (wegen der Form 
singemis, 1. p. pl.), und zwar in rheinfränkischem Gebiet, während 
seine erhaltene Abschrift ihm in eine mehr nördliche Gegend zu weisen 
scheint. 

Die Uebersetzung des Capitulares (XL) hält St. für eine 'Privat- 
übung ohne praktischen Zweck 1 , also wohl eine Schulübung? Dagegen 
spricht aber — trotz ihren Fehlern — doch ihre verhältnismäßige 
Gewandtheit, die sich mehrfach von dem Kleben einer Interlinear- 
verßion entfernt, vgl. die Uebertragung des uel Z. 23 dem Sinne nach 
durch auur und St. 's Anmerkung 2 S. 306. 

Die Altbayrische Beichte (XLI) und das Altbayrische [Sanct Em- 






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v. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 59 

meramer] Gebet (XLII) eröffnen die Gruppe der Beichten. St. trennt 
diese beiden Denkmäler jetzt schärfer, als er es in MSD 3 getan hatte, 
wo er die Beichte, obwohl sie fast wörtlich im 1. Teil des Emmeramer 
Gebetes wiederkehrt, deshalb lieber selbständig abdruckte, 'damit der 
sprachliche Charakter beider Denkmäler klarer zutage träte 1 . Jetzt 
betrachtet er sie aber als ein von jeher selbständiges Stück, das 
später durch Vereinigung mit einem Gebetsanhang zu dem Denkmal 
geworden sei, das Emmeramer Gebet genannt wurde (wir nach seinem 
Vorschlag besser 'Altb. 1 Gebet nennen wollen, weil sein Ursprung in 
St. Emmeram nicht sicher ist). 

Die Unterscheidung der zwei in ihm enthaltenen Teile ('Beichte* 
und 'Gebet 1 ) ist nicht anzufechten. Das 'Gebet 1 ist ein Zusatz zur 
'Beichte 1 . Aber die Hs. von Orleans, die uns die 'Altb. Beichte' — 
deren Text auch erster Teil des 'Altb. Gebetes 1 ist — überliefert, 
darf nicht unter den Zeugnissen für die ursprüngliche Selbständigkeit 
des Beichtteiles gezählt werden, denn ihre Vorlage hatte schon die 
Verbindung beider Teile. Das scheint mir aus seinem Schluß, dem 
Vokativ ultes nualtantio truktin hervorzugehn und nicht abzuweisen. 
Dieser Vokativ ist als Schluß der Beichte an und für sich auffal- 
lend, aber man könnte ihn allenfalls als emphatisches Gegenstück zum 
vokativischen Eingangswort truktin auffassen. Doch die Parallele der 
kirchenslavischen Version im Euchologiura sinaiticum, deren von Ber- 
neker beigesteuerte Uebersetzung Steinmeyer S. 313 f. bringt, erweist 
als Eingang des Gebetteiles die Anrede 'Allherrscher Herr 1 ..., 
gerade so wie sie in der Hs. B des 'Altbayr. Gebetes 1 den Gebetteil 
einleitet (S. 310, 22 alles uualtanto trohtin . . .). In der Hs. A des- 
selben Denkmals ist sie allerdings in den Schluß des Beichtteiles 
hineingezogen und leitet dort einen weder in der Hs. von Orleans, 
noch in Hs. B, noch im Euchologium vorkommenden Schlußsatz der 
Beichte ein, der aus Worten des vorausgehenden Beichtteiles und des 
folgenden Gebetsatzes zusammengesetzt und mit ein Beweis für die 
auch von St. vertretene Ansicht ist, daß die Hs. B einen echteren 
Text des 'Altb. Gebetes 1 bietet als A. Jedenfalls scheidet der Schluß 
des Beichtteils in A als Zeugnis dafür aus, daß der Vokativ alles 
nualtantio trohtin noch zum Beichtteil gehöre. Dann ist aber die 
Ueberlieferung in der Hs. von Orleans als unvollständig anzusehen, 
man darf annehmen, daß auch ihre Vorlage schon Beichte + Gebet 
enthalten habe, und sie wird zu einer dritten Ueberlieferung des 
'Altbayr. Gebetes 1 . In ihr folgt auf jenen Schlußvokativ noch dasselbe 
lateinische Gebet, das in Hs. B des 'Altb. Geb. 1 auf dieses folgt : man 
mag denn die Weglassung des deutschen Gebetteiles in der Hs. von 
Orleans daraus erklären, daß ihr Schreiber den Eingang des Gebet- 



( " ,, , vi, . Original (Vom 

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60 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 1 u. 2 

teiles begann, die Kopie aber abbrach und das deutsche Gebet durch 
das lateinische ersetzte. 

Auf diese Stücke läßt St die Jüngere bayrische Beichte (XLIII) 
in MSD 'Baier. Beichte' genannt folgen, deren Eingang die Verwandt- 
schaft mit XLI und XLII zeigt, dann die Würzburger (XLIV). In 
den Zusammenhang der drei nächsten Stücke, Sächsische, Lorscher 
Beichte und Bruchstück einer Beichte (XLV— XLVLU, hat St. inso- 
ferne jetzt helleres Licht gebracht, als die Selbständigkeit der Lorscher 
Beichte gegenüber der sächsischen durch Aufdeckung einer lateinischen 
Parallele sichergestellt ist, der die Lorscher ganz nahe steht, wäh- 
rend die sächsische nur entfernter damit verwandt ist: sie stellt um, 
hat einiges weniger, anderes mehr. Das wesentliche Mehr hat St. 
im Texte von XLV in eckige Klammern gestellt. An der Seite der 
Lorscher steht das Bruchstück XL VII, es entstammt derselben deut- 
schen Beichtformel wie jene. Ob das, worin es von XLVI abweicht, 
der Ueberlieferung zur Last fällt oder Schluß auf die Vorlage er- 
laubt, bleibt mir zweifelhaft. 

Auch die Reihe der nächsten Stücke, der Fuldaer, Mainzer (zu 
der eine ne»e Spur aus Federproben des 11. Jh. in einer vatic. Ha. 
beigebracht wird), Pfälzer, Reichenauer Beichte (XLVIII — LI), stimmt 
mit der Anordnung in MSD überein. Im Anhang zur Reichenauer 
wird das Verhältnis dieser vier Beichten zu den drei vorausgehenden 
erörtert. Gegen Scherers Stammbaum macht St. wahrscheinlich, daß 
die Fuldaer, Mainzer und Pfälzer unabhängig von der sächsischen 
und Lorscher auf eine andere lateinische Vorlage zurückgehn, die 
Reichenauer aber, die in junger Redaktion vorliegt, auf einer hier 
und da vollständigeren Hs. der Form Lorscher-Sächsische Beichte 
beruht. 

Benediktbeurer Glaube und Beichte II (LH) eröffnet die Reihe 
der jüngeren Beicht- und Glaubensformeln. St. hat ihn hauptsächlich 
wegen seiner Berührung mit dem Schlüsse von Nummer XLIII an 
ihre Spitze gestellt, vor das gleichnamige Denkmal I (LIII). Es folgen 
Sangaller Glaube und Beichte I und II, Süddeutscher [Münchener], 
Alemannischer, Sangaller III, Wessobrunner II, Benediktbeurer Glaube 
und Beichte III und Niederdeutscher Glaube (LIV— LXI). Ueber die 
Quellen- und Abhängigkeitsverhältnisse dieser Stücke äußert er sich 
in den Anhängen zu LH, LV, LVII, LVIII, LX, LXI. 

Der Text von LVI, Südd. [Münchener] Gl. und B., konnte durch 
die Auffindung der Hs. B mehrfach berichtigt werden. Er hat durch 
sie auch einen neuen Bestandteil des Ganzen, die Oratio pro ecclesia, 
erhalten. Daß diese trotz der jungen Ueberlieferung (14. Jh.) ur- 
sprünglich zum Ganzen gehörte, wird dadurch wahrscheinlich, daß 






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v. Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler 61 

auch in anderen älteren Denkmälern dieses StUck einen Teil des Ri- 
tuales bildet, hauptsächlich aber dadurch, daß der erste Abschnitt 
des ganzen Denkmals, 'die Glaubenspredigt 1 in Z. 12 — 14 darauf an- 
zuspielen scheint. In Z. 115 wird das hsl. warnet B nicht in manet 
zu ändern sondern als meinet zu schreiben sein, mit dem Sinn: (Ihr 
sollt auch für alle die beten, die diesem Gotteshaus .... geholfen 
haben), wo man sie im Gottesdienst deswegen 'meint 1 ('christliche 
Meinung 1 für sie erweckt, 'aufopfert')- 

Waa in der vielzähligen Gruppe 'Beschwörungen und Segen 1 , den 
Nummern LXI1 — LXXVIII, von denen mehrere in sich wieder mehr- 
gliedrig sind) und in der Schlußgruppe 'Reimereien und andere Klei- 
nigkeiten 1 (LXX1X— LXXXVIII) über den Bestand der MSD hinaus- 
geht, ist oben genannt. In den Beschreibungen der Hss. und sonst 
in den Anhängen zu den Segen ist außerordentlich reicher Stoff zur 
Geschichte dieser Formeln und der mittelalterlichen Medizin nicht 
bloß aufgehäuft, sondern vielfach schon mit Merken zu seiner Be- 
nützung versehen: ich erinnere mich dabei eines Planes zu einer 
Schrift 'Allerhand I&hhentuom 1 , den St. vor Jahren brieflich mir an- 
deutete; sein Wiederschein ist wohl in der Fülle dieser Mitteilungen 
zu erkennen. 

Den Trierer Spruch (LXIII) betrachtet er als christliche Kontra- 
faktur des zweiten Merseburgers. Zum zweiten Teil des Pferdesegens 
LXIV (in dessen erstem die bisherige Lesung fales MSD 8 2, 304, 
fases bei Wilhelm, Münchener Texte VIII A S. 48, zu fares richtig- 
gestellt und als Eigenname Fares aufgefaßt wird), bringt St. jetzt 
eine neue Parallele aus einer Pariser Hs. Im Segen Spurihalz (LXV) 
erkennt er nur mehr im Anfang metrisch gemessene Zeilen und druckt 
die zweite Hälfte als Prosa, ohne die Ueberlieferung anzutasten; im 
Wiener Hundesegen (LXXVI) sieht er Prosa mit eingemischten alli- 
terierenden Formeln. Im Lorscher Bienensegen (LXXVII) findet er 
mit Recht den vokativischen Eingang Kirst, imbi ist hnze! auffallend, 
und denkt an Lücke im folgenden oder an Vermischung mit Anfängen 
anderer Bienensegen. Das Auffallende verschwindet, wenn man Kirsten 
imbi ist hüte liest, vgl. im Anfange des MSD 8 2, 92 zitierten Segens 
Ad apes conformandos: vos estis ancillae damivri» Damit ist auf den 
'besonderen Fall 1 angespielt, auf ihn wird sogleich der gegenwärtige 
— fiku minaz l b — angewendet Außerdem befremdet, daß Z. 1. 2 
die Biene auffordert (zu fliegen und ?) heimzukommen und zwar hera 
heim, die folgenden Zeilen heißen sie aber zu sitzen, sich nicht zu 
verfliegen: ist 1.2 daher ein Segen zu Beginn des Frühlingsausflugs, 
die übrigen Zeilen ein zweiter, beim Schwärmen? Den Weingartner 
Reisesegen (LXXVIH), der nach Aufzeichnung und Form nicht mehr 






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62 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

ahd. ist, hat St. aufgenommen, weil MüllenhofF ihn an die alliterie- 
renden Sprüche gereiht und Koegel stabreimende Vorlage vermutet 
hatte. St sieht in ihm rhythmische Prosa; die Absätze der ersten 
Hälfte entsprechen den Halbversen, die MSD annahm ; nicht so sicher 
ist die Abteilung in der 2. Hälfte, die wie ich mit St glaube nicht 
von Anfang an mit der ersten zusammengehörte: in ihrem 5. 6. 7. 
Kolon ist wohl nur mehr syntaktische Gliederung ersichtlich. 

Aus der Schlußgruppe der 'Kleinigkeiten 1 hebe ich hervor, daß 
St. den durch Priebsch bekannt gewordenen Reimspruch LXXXI, der 
eine Sentenz aus Gregors Moralia übersetzt, trotz is und use für Trier 
in Anspruch nimmt und das begründet. Das Gebetbruchstück LXXXIV, 
das MSD 3 2, 42 mitgeteilt war, weist er als Uebersetzung eines 
Stückes nach, das der Priester bei der Messe nach der Elevation des 
Kelches spricht, und bringt nach dem Fulder Sakramentar dessen 
Wortlaut 

Am Schluß der Vorrede schreibt Steinmeyer: 'Im Anschluß an 
die Litteraturübersichten nahm ich, so knapp als möglich, Stellung 
zu den Arbeiten der Fachgenossen. Da mein Buch zwar die Mehr- 
zahl der Texte, nicht aber den Kommentar der Denkmäler ersetzen 
will, so verwies ich entweder kurzerhand auf ihn, wenn ich nichts zu 
beanstanden fand, oder ich knüpfte meinen Widerspruch, der zumeist 
vorschneller Folgerung galt, an Schwächen seiner Argumentation an. 
Ich glaubte, durch solches Verfahren am ehesten einem Hauptwerk 
unserer Disziplin, aus dem Generationen gelernt haben, das mich 
durch mein ganzes Leben begleitete (denn mit der ersten Auflage 
machte gleich nach ihrem Erscheinen mein Vater dem Gymnasiasten 
ein Geburtstagsgeschenk) und dem ich unendlich viel verdanke, Be- 
deutung und Einfluß auch feruerhin zu sichern 1 . Der Leser wird 
gerne hier die eigenen Worte des Meisters lesen und aus der Kraft, 
die ihn daraus anweht, die Hoffnung schöpfen, daß sein Wissen und 
seine Strenge noch lange über den altdeutschen Studien wachen wird 
— eine Hoffnung, die als Wunsch zu seinem kommenden Siebziger 
auszudrücken hier erlaubt sein möge! 

Joseph Seemüller 






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Mailler, Handbuch der judischen Chronologie. 63 



Handbuch der jüdischen Chronologie von Dr. Eduard Muhler. (Schriften, 
hrsg. v. d. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) Leip- 
zig, Gustav Fock, 191G. XVI, C35 S. H°. 12 M. 

Im Februar-März-Heft d, J. 1807 seiner monatlichen Korre- 
spondenz < widmet der bekannte Astronom Baron v. Zach den Ideler- 
schen > historischen Untersuchungen über die astronomischen Beob- 
achtungen der Alten < u. a. folgende Zeilen: >Da eigene Mittel und 
Kräfte eines einzelnen Gelehrten und Privatmannes nicht hinreichen, 
dergleichen ihren Unternehmern einen so ärmlichen Lohn verheißende 
Arbeiten ins große zu wagen, so konnte Herr Ideler sich nur zum 
Zweck machen, einen der wichtigsten und nützlichsten Zweige zu be- 
arbeiten und über die verschiedenen uns fremden Zeitrechnungen, die 
wir im Almagest antreffen, Untersuchungen anzustellen, ihren Ur- 
sprung und ihre Beschaffenheit zu erforschen, sie unter einander und 
mit der uns geläufigen julianischen Zeitrechnung zu vergleichen, mit 
einem Wort, die Chronologie des Ptolemäus ins Reine zu bringen, so 
weit es durch astronomischen Kalkül und genaue Prüfung aller dahin 
gehörigen Stellen der alten Autoren geschehen konnte«. Der erste 
Teil dieses Zitats betr. die uns fremden Zeitrechnungen kann für die 
Gegenwart eine weitere Einschränkung erfahren. Infolge der seit dem 
Erscheinen des Idelerachen Handbuchs (1825/6) über alle das Gebiet 
der Chronologie betreffenden Fragen angewachsenen Literatur über- 
steigt es die Kraft eines Einzelnen, die Zeitrechnungen aller Völker 
mit gleicher Gründlichkeit zu behandeln. Das zeigt sich ja auch bei 
der Ginzelschen Neubearbeitung des eben genannten > Handbuchs der 
mathematischen und technischen Chronologie. < Zwar wird der > drei- 
bändige Ginzeh für Jahre hinaus das Standardwerk für Chronologen 
und Historiker bleiben ; daneben tritt aber das Bedürfnis hervor, daß 
über spezielle Gegenstände aus der Lehre von der Kalenderkunde 
umfassendere Darstellungen dargeboten werden, welche dann eine 
wertvolle Ergänzung zu den Ideler-Ginzelschen Untersuchungen bilden 
dürften. 

Ed. Mahler hat im Auftrage der Gesellschaft zur För- 
derung der Wissenschaft des Judentums« die Geschichte 
der jüdischen Chronologie bearbeitet. Wenn im allgemeinen von 
einem Schriftsteller über wissenschaftliche Zeitrechnung gefordert wer- 
den darf, daß er die Kenntnisse eines Historikers, Mathematikers, 
Philologen und Theologen mit einander vereinigt, so müssen die An- 
forderungen an einen Autor über jüdische Kalenderkunde noch dahin 
erweitert werden, daß er auch in der talmudischen Wissenschaft, die 
ja wohl keiner der soeben angedeuteten beigezählt werden darf, be- 






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«4 Gott. gel. Ana. 1918. Nr. 1 u. 2 

wandert ist. Der Verfasser des hier zu besprechenden Buches er- 
füllt diese Bedingung ; das bezeugen seine Studien über geschichtliche 
und astronomische Themata aus Bibel und Talmud. Wer den Inhalt 
dieser Spezialabhandlungen kennt, dem wird das Handbuch, das möchte 
ich hier gleich vorweg bemerken, nicht viel Neues bieten. Nichts- 
destoweniger ist es dankbar zu begrüßen, daß M. seine an verschie- 
denen Stellen niedergelegten Theorien weiteren Kreisen durch Zu- 
sammenstellung zugänglich gemacht hat; daß auch die neueste Lite- 
ratur von ihm berücksichtigt worden ist, möchte ich besonders her- 
vorheben. 

Es liegt nahe, einen Vergleich anzustellen zwischen den beiden 
neuesten, zeitlich kaum um ein Jahrzehnt von einander getrennten 
Publikationen über die Zeitrechnung der Juden. Ginzel behandelt 
das (in diesen Anzeigen Bd. 174 (1912) S. 486 mit 9 Zeilen besprochene) 
Thema im ersten Abschnitt des zweiten Bandes in 4 Kapiteln unter 
den Ueberschnften 1) Die altjüdische Zeitrechnung bis auf Esra S. 1 
—36. 2) Von Esra bis R. Juda Hanasi S. 36—63. 3) Von R. Juda 
Hanasi bis auf Hillel S. 63—83. 4) Technische Chronologie des jüdi- 
schen Kalenders S. 83— 115. Bei Mahler finden wir zunächst ein 
längeres Kapitel über >die Entstehung der Zeiteinteilung im allge- 
meinen und bei den Juden insbesondere« und sodann folgende 5 Teile 
1) die Zeit bis zum Exodus S. 170—194, 2) vom Exodus bis zum ba- 
bylonischen Exil S. 194— 336, 3) vom babylonischen Exil bis zum 
Abschluß der Mischnah S. 336—439, 4) vom Abschluß der Mischnah 
bis zur Einführung unseres heutigen konstanten Kalenders S. 439 — 
479, 5) der konstante Kalender S. 479 — 521. Wie man sieht, decken 
sich die einzelnen Perioden bei beiden Autoren, wenn man den 1. 
und 2. Mahlerschen Teil zusammenfaßt und die Zeit der babylonischen 
Gefangenschaft selbst bei dem einen der früheren , bei dem andern 
der späteren Periode zuweist. Man erkennt zugleich aus den bei- 
geschriebenen Seitenzahlen, daß Mahler das Schwergewicht seiner 
Untersuchungen auf die Zeit von der Zerstörung des ersten Tempels 
bis zu den letzten Tannaiten legt. Während dieser Epoche hat sich 
nach M. der jüdische Kalender erst entwickelt, und ihr kommt des- 
halb die größte Bedeutung zu. 

Verweilen wir ein wenig bei der M.schen Theorie, daß die Grund- 
lagen des jüdischen Kalenders, also das Lunisolarjahr, der Beginn des 
Jahres mit dem Frühlingsmonat, der Schaltzyklus, ja sogar die Insti- 
tution der Woche insgesamt den Babyloniern entlehnt seien. Was 
die letztere betrifft, so vertritt M. die Meinholdsche Hypothese, daß 
Sabbatu ursprünglich den Vollmondstag bedeutete (womit zugleich 
die Identifizierung des Zeitbegriffs raun rinüü = 16. 7C3 erklärt 






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Mahler, Handbuch der jüdischen Chronologie 65 

wird), und rqnj = aufhören das Ende der Zunahme des Mondlichts 
ausdrückte. Der Teilung des Zeitraums zwischen zwei Vollmonden 
in vier gleiche Teile, entsprechend der Spaltung eines ganzen Tages 
durch Mittag und Mitternacht, liegt die siebentägige Woche zu- 
grunde. Die vielen Beweise für obige Uebersetzung des hebräischen 
Wortes hätte M. sich wohl sparen können , da ro© = ruhen ihr ja 
nicht widerspricht, indem >von einer Arbeit ausruhen« und >mit ihr 
fertig sein< wohl fast identische Begriffe sind. Ich möchte übrigens 
mit Ginzel gegen diese Sabbathypothese den Einwand erheben, daß 
es kaum denkbar sei, daß antike Völker den Vollmondstag zum Aus- 
gangspunkt einer Kalenderrechnung gewählt haben, da dieser dem 
Auge keine von dem vorhergehenden Abend sich abhebende Erschei- 
nung darbietet. Aus demselben Grunde kann ich auch seiner An- 
sicht nicht beistimmen, daß in einer späteren Zeit die Babylonier 
den Monat mit dem Unsichtbarwerden des Mondes begonnen haben, 
um eine Uebereinstimmung zu erzielen mit dem Anfang des Tages 
beim Unsichtbarwerden der Sonne l ). Was M. in Verbindung damit 
tom lunaren Monotheismus der Babylonier und vom solaren Mono- 
theismus der Aegypter vorträgt, aus denen sich der jüdische Mono- 
theismus entwickelt haben soll, das mag von den jüdischen Theologen 
widerlegt werden; ich möchte mich hier auf die eigentliche Chrono- 
logie beschränken. Hinter allen, auch den belanglosesten Eigentüm- 
lichkeiten des jüdischen Kalenders, wittert M. babylonische und ägyp- 
tische Einwirkung. Die Einteilung der Stunde in 1080 Teile, die nur 
in der Kalenderrechnung, niemals aber in der Praxis, auch nicht in 
der religionsgesetzlichen, Anwendung gefunden hat, führt M. auf die 
Gegenüberstellung der himmlischen Zeiteinheit von einem Quadrien- 
nium gegenüber der irdischen von einem Tag, so daß 24.1080 = 
25920 d. i. die babylonische Präzessionsperiode in Jahren zurück. Die 
einfache Erklärung, daß die synodische Umlaufszeit des Mondes nach 
Hipparch 29 d 12 h 44 m 3J i d. i. 29 d 12 1 y 8 3 ö h beträgt, die Minuten und 
Sekunden in Bruchteile der Stunde umgerechnet, läßt M. nicht gelten. 
Sämtliche jüdischen Feiertage haben nach M. ihren Ursprung in 
ägyptischen und babylonischen Festen. So soll der Tag der Erst- 
lingsfrüchte, der sechste Siwan dem Neujahrsfest des Naturjahres der 
Aegypter entsprechen und das Passah- und Sukkothfest sollen astraler 
und zwar lumsolarer Art sein. Bei Chanukah und Purim äußert der 
Verf. zwar nicht seine eigene Ansicht, er stellt aber die Theorieen der 
modernen Theologen wie Zimmern, Wellhausen und Lagarde zusam- 
men, ohne den Versuch einer Widerlegung zu machen. Selbst die 

1) Auch der jüdische Kalendertag beginnt nicht mit dem Verschwinden der 
Sonne, sondern mit der Sichtbarkeit der Sterne. 

(3 AU. toi. Ans. 1B17. Kr. 1 u 2 f> 



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66 Gott. gel. Adz. 1918 Nr. 1 u. 2 

scheinbar so unbedeutende dem jüdischen Kalender eigentümliche Da- 
tierung mo a^r und vPP 3"i? für den Rüsttag zum Sabbath und 
Feiertag führt M. auf ägyptischen Gebrauch zurück. Darin kann man 
ihm resp. Caspari wohl beistimmen, daß der mit 'STVP identische Zeit- 
begriff o^rron pa >während des Abends< heißt und die Dauer vor 
und nach Beginn der Dunkelheit ausdrückt, gerade so wie cnnr 
die Zeit um Mittag herum bedeutet, die allerdings von so kurzer 
Dauer ist, daß hier die Präposition JO nicht angebracht ist. Wenn 
M. aber hinzufügt, daß deshalb die Pharisäer und auch >die heutigen 
Juden« das Osterlamm zu Unrecht schon von Mittag ab geschlachtet 
hätten, so möchte ich ihm die Erklärung des Ibn Esra entgegenhalten, 
daß es eine mündliche Tradition gegeben haben müsse, wonach sofort 
nach Mittag das Peßachopfer geschlachtet werden durfte (Hoffmann, 
Leviticus 11 p. 141). Nach dem gesagten wird es nicht wunder neh- 
men, daß M. auch die wichtigsten Religionsvorschriften, wie >das 
Blutopfer der Beschneidung« aus ägyptischen Quellen herleitet, wie 
er auch die Institution der Jobeljahre mit der Dauer der Apisperiode 
von 25 Jahren in Zusammenhang bringt. Auch die in Kön. A VIi 
angeführte Zahl von 480 Jahren zwischen Exodus und Bau des Salo- 
monischen Tempels sei eine Folge der Zählung nach Himmelsjahren 
zu 3 x 480 Jahren ebenso wie die Lebensdauer des Moses (120 Jahre) 
daran erinnern sollte. Selbst der für >Gott< in der Bibel häufig ge- 
brauchte Ausdruck pTÄ sei weiter nichts als eine Umschreibung des 
Namens für den ägyptischen Sonnengott Aten, der gerade kurze Zeit 
vor dem Auszuge Israels sich allgemeiner Verehrung erfreute. Die 
Beispiele ließen sich noch vermehren: das bisherige mag genügen, 
um darzutun, daß M. den Juden eigene Leistungen selbst auf dem 
ihnen eigensten Gebiete, der Entwickelung der Religion, ganz ab- 
spricht. Man erhält vielmehr den Eindruck, daß M. den ganzen Teil 
der Einleitung ad majorem Aegyptiorum gloriam geschrieben hat. 

Es ist soeben angedeutet worden, daß M. eine mündliche auf die 
sinaitische Gesetzgebung zurückgehende Ueberlieferung in der jüdi- 
schen Religion zu leugnen scheint. Ohne eine solche kommt man 
aber nicht aus; andernfalls ergeben sich Konsequenzen, die von der 
jüdischen Wissenschaft nicht akzeptiert werden können. Bekanntlich 
scheinen die beiden Verse Exodus 13e und Deuteronomium 16b in 
Widerspruch zu einander zu stehen, der natürlich keinem Kommen- 
tator der Bibel entgangen ist, und im Talmud auf einfache W r eise auf- 
geklärt wird. Unser Verfasser dagegen schreibt auf S. 330: >Es liegt 
also in dem EW r.OT) unbedingt ein Irrtum vor, der vielleicht so 
entstanden sein mag, daß in der Vorlage im Origiual d^cp 'T stand, 
hieraus wurde in der Abschrift QMS 1 'i und daraus W rvctJ«. Das 






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Mahler, Handbuch der jüdischen Chronologie 67 

ist allerdings ein bequemes Mittel, schwierige Stellen im Text der 
Bibel aus dem Wege zu räumen. Da nun in der hebräischen Schrift 
viele Buchstaben in der Form gleich aussehen, jeder einzelne über- 
dies einen Zahlenwert hat, bo würde nach diesem Verfahren jede 
noch so verfehlte Hypothese, soweit Zahlen ihre Grundlage bilden, aus 
dem biblischen Wortlaut hergeleitet werden können. In der Tat 
glaubt der Verf. in Nehemias II 1 hinter ffnw die Ziffer « und in 
Esra VI i6 ein 3 vor nnbn, als infolge eines Schreibfehlers ausgefallen, 
ergänzen zu dürfen. 

Auch dem Urteil Mahlers über die Vermittler der Tradition, die 
Tannaiten und Amoräer, kann ich nicht beistimmen. Wenn er von 
dem > religiösen Fanatismus und den maßlosen Uebertreibungen< 
Schamraai8 spricht, so zeugt diese Charakteristik des Gegners Hillels 
von einer geringen Kenntnis der Entscheidungen der > Schammaischen 
Schule«. Ebenso wenig trifft der Ausspruch über Samuel zu, daß er 
> bestrebt war, landesüblichen Gewohnheiten und Bräuchen, soweit sie 
den religiösen Satzungen nicht widersprachen, bei seinen Glaubens- 
genossen nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen, und so hat er 
auch das julianische Sonnenjahr zur Basis seiner astronomisch-kalen- 
darischen Arbeiten genommen«. Die Regel des Samuel »rfobtfl «3*1 
jcn >das Gesetz des Staates ist Gesetz« will, wie es in dem Wort 
TH liegt und auch aus den vier zitierten Talmudstellen hervorgeht, 
doch nichts anderes besagen, als daß die von Staatswegen erlassenen 
Bestimmungen betr. Steuern, Zölle o. ä. für die Juden dieselbe bin- 
dende Kraft haben, wie wenn sie eine jüdische Behörde festgesetzt 
hätte; mehr daraus zu folgern, ist subjektive Auffassung. Eine ein- 
seitige Verzerrung der tatsächlichen Verhältnisse liegt m. E. auch in 
den Sätzen auf S. 440, wonach die Beobachtung des Neumonds be- 
rücksichtigt wurde, um »beim Volke ein gewisses Interesse für die 
Himmelsbeobachtung« wach zu erhalten, und daß es > gewisse reli- 
giöse Strömungen« gab, welche in der Rechnung >stets nur ein — 
weil von den Babyloniern übernommenes — fremdes, nicht nationales 
Element erblickten«. Wenn das fremde Element nicht der Ueber- 
lieferung widersprach, so lag kein Grund vor, sich ablehnend dagegen 
zu verhalten; andernfalls aber hätten sich keine Männer gefunden, 
die Neuerung einzuführen. 

Bei der Institution des jüdischen Kalenders ist doch vor allem 
zu beachten, daß die religiöse Vorschrift, den Neumondstag durch 
Beobachtung des Neulichts zu bestimmen nur Geltung haben konnte, 
so lange der oberste Gerichtshof in Jerusalem tagte. Als die jüdi- 
schen Gelehrten des vierten Jahrhunderts p. C. das Ende der natio- 
nalen Herrschaft herankommen sahen, haben sie, um die Einheit der 

5* 



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VtS (Jött. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Religion nach jeder Richtung hin herzustellen, kraft der ihnen inne- 
wohnenden Autorität, einen Kalender ersonnen, der sich möglichst an 
den bisher geübten Modus anschmiegen sollte. Dabei war es aber 
z. B. ganz gleichgültig, ob die Monatsnamen Ordnungszahlen erhielten 
oder nach babylonischer Weise benannt wurden. M. mag wohl das 
richtige getroffen haben, wenn er die Ansicht vertritt, daß zur Zeit 
der Propheten die erstere Art die vorherrschende war, und deshalb 
bei Doppeldatierungen zuerst der Name erwähnt wird und dann die 
Zahl, in den nachexilischen Büchern aber die umgekehrte Reihenfolge 
Platz griff. Von relativ untergeordneter Bedeutung war auch die 
Reihenfolge der Schaltjahre — der Talmud kennt eine dreifache — 
deren Verschiedenheit sich mit M. wohl durch die verschiedene Aus- 
gangsepoche erklären läßt; ausschlaggebend war eben nur die Rück- 
sicht auf die am Passahfest darzubringenden Opfer und die dadurch 
notwendig gewordene Beobachtung der Natur (nicht auch deB Him- 
mels, wie M. hervorhebt). Wenn man das in betracht zieht, so wird 
auch die Frage, wann der konstante Kalender eingeführt worden ist, 
mit der Annahme, daß es um die Mitte des 4. Jahrhunderts geschehen 
ist, endgültig gelöst sein. Denn Hillel II. fühlte sich als der letzte 
>Fürst< in Jerusalem dazu berufen, die Kalenderreform durchzuführen; 
nach ihm hätte niemand die Machtbefugnis dazu in sich vereinigt. 
Die Mahlersche Begründung für das Jahr 344 p. C. = 4105 nach der 
Weltschöpfung als Einführungszeit des neuen Kalenders scheint mir 
aber nicht stichhaltig. Er sagt auf S. 467, die Weisen konnten > durch 
Rechnung festsetzen, daß im Jahre 3449 vorseleucidischer Aera = 
3760 a. C. am Sonntag 6. Oktober abends das Neulicht sichtbar und 
daher der erste Tischri dieses Jahres auf Montag den 7. Oktober 
gefallen wart. So hoch ich auch das Wissen der talmudischen Ge- 
lehrten einschätze, möchte ich doch bezweifeln, daß sie dazu imstande 
waren. Uebrigens war das Neulicht an jenem Sonntag vermutlich 
nicht sichtbar, denn einige Zeilen vorher gibt M. für die Zeit der 
wahren Konjunktion Sonntag vormittags 6M1" m. Z. Jerusalem an 
— über das Rechnungsverfahren, das für eine so weit zurückliegende 
Epoche verschiedene Korrektionsglieder der Mondbewegung hätte be- 
rücksichtigen müssen, läßt der Verf. nichts verlauten — , so daß 
der Mond bei seiner ersten Sichtbarkeit ein Alter von rund 12 Stunden 
gehabt hätte, das an die untere Grenze für derartige Beobachtungen 
noch nicht heranreicht. Denselben Irrtum begeht M., wenn er auf 
derselben Seite schreibt: >Thatsächlich hatte am Sonntag den 23. 
Sept. d. J. 344 p. C. um 10 b 45 m vormittags mittlere bürgerliche jerus. 
Zeit die wahre Konjunktion stattgefunden, am Abend dieses Tages 
war sonach das Neulicht sichtbar, und somit war Montag 24. Sept. 






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Mahler, Handbuch der jüdischen Chronologie fi9 

Rosch-Haschanah<. Eine Neumondsichel 7 bis 8 Stunden nach der 
Konjunktion kommt für die Sichtbarkeit gar nicht in Frage. Sicher- 
lich werden aber die jüdischen Weisen doch ein solches Jahr zum 
Ausgangspunkt ihrer Rechnung gewählt haben, in welchem der erste 
Tischri ein Freitag war, weil nach der Ueberlieferung der erste Mensch 
an diesem Wochentage erschaffen wurde. Hillel IL und sein Ge- 
richtshof werden deshalb vermutlich vom Jahre 346 p. C. ausgegangen 
sein, weil damals in der Tat der mittlere Neumond für den Tischri an 
einem Freitag war und sich ihnen die Gelegenheit dargeboten hat, ihre 
Rechnung durch die Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis zu 
kontrollieren. Da M. die diese Frage behandelnde Abhandlung aus 
den Berliner Sitzungsber. mehrmals erwähnt, ist es auffallend, daß er 
das sehr wichtige, dort den Schwerpunkt der Betrachtung bildende 
Faktum von der Finsternis verschweigt. Das m. W. von M. zum 
ersten Mal hervorgehobene Moment, das es fast zur Sicherheit macht, 
daß der heutige Kalender im fünften Jahrzehnt des vierten Jahrhun- 
derts festgesetzt worden ist, daß nämlich im Jahre 344 der dem jüdi- 
schen Kalender zugrunde liegende Frühlingsbeginn mit dem wirklichen 
vom 20. März zusammengefallen ist, spricht durchaus nicht gegen das 
Jahr 346 als Einführungszeit, da ja das Frühlingsäquinox nach der 
Addaschen Berechnung mehrere Jahrzehnte hindurch auf dasselbe 
julianische Datum fällt. Allerdings wird dann diese Tag- und Nacht- 
gleiche nicht mehr auf den Tag des Moleds Nissan gefallen sein wie 
es im Jahre 344 der Fall war; darauf brauchte aber um so weniger 
Wert gelegt zu werden, als man ja infolge der 19jährigen strengen 
Ausgleichung zwischen beiden die Nichtübereinstimmung in den übrigen 
18 Jahren kannte. Aus dem Zusammentreffen aber der Samuelschen 
Tekuphath Tischri mit dem Moled dieses Monats, worauf M. hinweist, 
werden die jüdischen Gelehrten herausgefunden haben, daß 4104 Jahre 
zuvor die Addasche Rechnung der Samuelschen um sieben Tage voraus 
war; vielleicht ist deshalb für das Jahr der Weltschöpfung das Sa- 
muelsche Frühlingsäquinox genau eine Woche vor dem Addaschen 
angesetzt worden. 

Die wichtige Frage, wann zum ersten Male die Addasche Te- 
kupha erwähnt wird, wer dieser Adda ') war und wann er gelebt hat, 
finden wir auch bei M. nicht einwandfrei beantwortet. Soviel steht 
wohl fest, daß sie um die Mitte des vierten Jahrhunderts im jüdi- 
schen Kalender Eingang gefunden hat und jüngeren Datums ist als 
die Samuelsche Tekupha, die sich mit dem julianischen Kalender deckt 
und der religionsgesetzlichen Praxis zugrunde liegt. Nachdem einmal 

1) Nach Tosaphoth KidduscMn 72b hat es zwei Amoräer Adda gegeben; 
M. erwähnt das riebt. 






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70 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

der Metonsche 19 jährige Schaltzyklus der übliche geworden war, lag 
es nahe, seiner Zeitdauer entsprechend die tropische Sonnenbewegung 
anzupassen ; es wird aber kein Zweifel darüber obgewaltet haben, 
daß es sich dann eben nur um ein reines Rechnungsresultat handeln 
konnte. Wenn aber M., auf Piniles sich stützend, die Ansicht ver- 
tritt, daß R. Jochanan, der in der ersten Hallte des 3. Jahrhunderts 
p. C. gelebt hat, die Länge der Addaschen Jahreszeiten gekannt hat, 
so mag die Tatsache nicht bestritten werden, bezüglich des Beweises 
aber wird er auf Widerspruch stoßen. Die wörtliche Uebersetzung 
der in Betracht kommenden Talmudstelle (Jer. Ab. Sara 10 lautet 
wie folgt: >Raw sagte, die Saturnalien finden statt acht Tage vor der 
Wintersonnenwende, die Kaienden acht Tage nachher. Es sagte 
R. Jochanan >Prokto< sei der Anfang der Wintersonnenwenden Wenn 
man das unbekannte Wort mit xp6y$&$ identifiziert (s. A. Schwarz, 
Der jüdische Kalender, Breslau 1872, S. 33), so würde der Satz be- 
sagen: nach Raw beginnen die Saturnalien 8 Tage vor dem zu seiner 
Zeit am 25. Dezember stattfindenden Wintersolstitium d. i. am 17. 
Dez., die Kaienden am 2. Januar; nach R. Jochanan, dessen Ausspruch 
sich ebenfalls auf die Saturnalien beziehen soll, Avürde daraus folgen, 
daß das Solstitium am 19. Dez. gewesen ist, was in der Tat nach 
der Addaschen Berechnung stimmt. Es ist aber folgendes zu beachten : 
zunächst ist noch nicht erwiesen, daß Prokto die Bedeutung von »zwei 
Tagen < hat, und der Ausspruch des R. Jochanan bezieht sich doch 
auf das unmittelbar vorher genannte Fest der Kaienden und nicht auf 
das der Saturnalien, falls die beiden Talmudisten überhaupt verschie- 
dene Ansichten äußern. Diese Divergenz folgt aus dem zitierten Wortlaut 
aber durchaus nicht. Im babylonischen Talmud gilt als Regel, und im 
jerusalemitischen wird es nicht anders sein, daß bei zwei aufeinander- 
folgenden Meinungen zweier Gelehrter ein Widerspruch zwischen bei- 
den besteht, wenn die zweite in derselben Form eingeleitet wird, wie 
die erste d.h. der Name des Amoräers vor dem Verbum >sagen< 
steht. Wenn aber, wie in unserem Falle, der Satz beginnt: es sagt 
Rabbi . . . (und nicht Rabbi . . . sagt), so handelt es sich nicht um 
Meinungsverschiedenheiten über denselben Gegenstand, sondern um 
Urteilssprüche, die sich nicht unbedingt gegenseitig auszuschließen 
brauchen. Demnach will R. Jochanan mit seiner Behauptung gar 
keine Zeitbestimmung der von Raw genannten Feste geben, sondern 
nur über den Beginn der winterlichen Jahreszeit etwas aussagen, was 
durch das noch nicht genügend aufgeklärte Wort nopviD erfolgt, 
lieber das Alter der Addaschen Tekupha erfahren wir aus dieser 
Talmudstelle aber jedenfalls nichts. Damit soll aber nicht für die 
Theorie des E. Schwartz (>Christliche und jüdische Ostertafeln< in 






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Makler, Handbuch der jüdischen Chronologie 71 

Abhdl. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Gott. VIII e, 1905) ein Beweis er- 
bracht sein, der sie für eine Erfindung des 11. oder 12. Jahrhunderts 
hält und eine Stütze für seine Behauptung bei Al-Biruni (gest. um 
1050) findet, weil dieser sie nicht erwähnt. Tatsächlich findet sich 
nämlich, worauf M. an geeigneter Stelle (S. 167) hätte aufmerksam 
machen sollen, der Hinweis darauf nach Ginzel (Bd. II S. 96) in Al- 
Birunis Chronology of ancient nations (Ausgabe von Sachau S. 163). 

In der Darstellung der Entwickelung und der Geschichte des 
jüdischen Kalenders hat der Verf. seine im vorhergehenden ausreichend 
charakterisierte Ansicht so sehr hervortreten lassen, daß er selbst im 
Vorwort sich zu der Bemerkung veranlaßt sieht, er befürchte vielen 
zu radikal zu erscheinen. Diesen in Aussicht gestellten Radikalismus 
sucht er allerdings abzuschwächen durch die Behauptung, daß man 
zu Unrecht den aufgefundenen Denkmälern, wie Inschriften, Münzen 
usw. zu großes Gewicht gegenüber dem Inhalt der Bibel beilege, und 
er fügt die Befürchtung hinzu, er werde vielleicht auch manchen Seiten 
zu konservativ gelten. Doch wird dieser letztere Vorwurf dem Verf. 
von keiner Seite gemacht werden können; eine Stelle, die darauf hin- 
deuten könnte, findet sich erst auf S. 456 und steht in vollständigem 
Gegensatz zu den bis dahin vorgetragenen Lehren. Der betr. Ab- 
schnitt lautet: > Indem man den Kalender der Babylonier den reli- 
giösen Satzungen und Bräuchen der Juden anzupassen bestrebt war, 
entwickelten sich jene Regeln, welche dem jüdischen Kalender das 
charakteristische Gepräge verliehen. Und wenn es Männer gab, wie 
Saadjah Gaon und Chananel ben Chuschiel, die behaupten wollten, 
daß der Kalender der Juden eine Schöpfung Mosis sei, so kann dies 
bei aller Würdigung der Verdienste, welche sich diese Männer um 
das Judentum erworben haben, gewiß nicht wissenschaftlich ernst ge- 
nommen werden, aber man kann und darf auch nicht ihre Thesen 
mit völligem Stillschweigen übergehen, mit der Motivierung, es seien 
dies nur Märchen, die keine weitere Beachtung verdienen. Ein Körn- 
chen Wahrheit liegt schon in ihren Worten, insofern das Entstehen 
vieler Institutionen, die zum Gerippe des heutigen jüdischen Kalenders 
gehören, so die Sabbatfeier, das Mazzoth- oder Passafest, das Wo- 
chenfest-Fest der Erstlinge, das Laubhüttenfest, die Einteilung des 
Jahres in zwölf Mondmonate und damit in Verbindung das Lunisolar- 
jahr u. a. m. auf jene Urzeit zurückgreift^, womit eine traditio- 
nelle Ueberlieferuug im Prinzip zugegeben wird. 

Mit wenigen Worten sei noch des letzten Abschnitts, der sogen. 
technischen Chronologie gedacht, die mit der Anwendung der Gaufi- 
schen Osterformel für das Passahfest — diejenige für die christlichen 
Ostern war in der letzten Zeit Gegenstand häufiger Auseinandersetzung 






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72 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

in den > Astronomischen Nachrichten< — schließt, ohne leider einen 
Beweis für die Formel zu geben, noch auch Wißbegierige auf die 
Literatur hierüber zu verweisen. Mit demselben Ausdruck des Be- 
dauerns wird man jedwedes Eingehen auf astronomische Dinge ver- 
missen, wie man es doch in einer so ausführlichen Chronologie wie 
der vorliegenden erwarten dürfte. Gerade im jüdischen Kalender 
hat, wie man ja aus dem Buche erfährt, die astronomische Berech- 
nung der Sichtbarkeit des Neumonds eine so hervorragende Bedeu- 
tung gehabt, daß der Verfasser, der als Herausgeber einer deutschen 
Uebersetzung des annn trnp bekannt ist, sie hier nicht hätte über- 
gehen sollen. Sowohl Ginzel als auch A. Schwarz in seinem jüdi- 
schen Kalender« widmen den astronomischen Elementen mehrere 
Kapitel. Uneingeschränktes Lob verdienen dagegen die Mahlerschen 
Tabellen zur Umrechnung eines jüdischen Datums in ein julianisches 
und umgekehrt. Diese Tabellen sind bereits im Jahre 1889 in den 
Denkschriften der Wiener Akademie erschienen, und es gebührt dem 
Verf. aufrichtiger Dank, daß er sie in kleinerem Format dem Hand- 
buch als Anhang beigegeben und so weiteren Kreisen zugänglich ge- 
macht hat. Sie erstrecken sich über den zweitausendjährigen Zeit- 
raum von 4000 bis G000 der jüdischen Zeitrechnung, d. i. vom Jahre 
240 bis 2240 p. C. und sind infolge dessen die umfangreichsten ihrer 
Art; durch ihre praktische Einrichtung machen sie jede Nebenrech- 
nung überflüssig und liefern ä vue zu jedem Datum den gesuchten 
Gegenwert. Sollten nach dem Weltkriege die Bestrebungen zur Ver- 
einfachung des julianischen Kalenders zum Ziele führen , so wäre zu 
wünschen, daß die Mahlerschen Tabellen auf Grund des neuen Systems 
umgearbeitet und zugleich fortgesetzt würden. 

Von hohem wissenschaftlichen Wert sind u. a. die chronologische 
Uebersicht der Könige von Juda und Israel S. 289—304, welcher der 
Gedanke zugrunde liegt, daß oft zwei Könige gleichzeitig regiert 
haben, wodurch manche Widersprüche im biblischen Text aufgeklärt 
weiden, ferner eine Zusammenstellung sämtlicher Monatsdatierungen 
des a. T. (S. 201—206), die Gegenüberstellung der Jahre des jüdi- 
schen und des babylonischen Schaltzyklus, denen nur ein verschiedenes 
Epochenjahr zugrunde liegt, auf S. 345 und die damit in Verbindung 
stehenden Zyklen des R. Gamliel und R. Eliezer auf S. 372/3. Die 
vielen kleinen Tabellen zur Berechnung der Moledoth und Tekuphoth, 
über die Seiten 472-515 zerstreut — in der letzten Rubrik der 
Tabelle auf S. 472 scheinen die letzten 5 Zahlengruppen durch Druck- 
fehler entstellt zu sein, da die ersten Differenzen variieren — , werden 
den Bedürfnissen des Kalenderrechners sehr zustatten kommen. Man- 






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Mahler, Handbuch der jüdischen Chronologie 73 

eher wird vielleicht eine andere Anordnung vorziehen, aber das ist 
Geschmacksache. 

Die Fortsetzung des obigen Zitats aus dem Vorwort mag den 
Schluß dieser Besprechung bilden: >in gar mancher Frage wird man 
durch die vorliegende Arbeit Anknüpfungspunkte zu weiterer For- 
schung finden, und in mehr denn einem Punkte, der bisher von Seite 
der Chronologen gar nicht beachtet ward, wird man Anregung zu 
neuen Untersuchungen finden <. 

Straßburg i. K, April 1917 Berthold Cohn 



Die Münzen der Krzbischöfe von Coln 1306 — 1547, bearbeitet von 
Alfred Noss. Mit 31 Lichtdrucktafeln. Cöln, Selbstverlag der Stadt Cöln 1913. 
XVIII u. 347 S. 4°. 30 M [= Die Münzen und Medaillen von Cölu, II. Hand]. 

Die Münzen von Trier. Erster Teil, zweiter Abschnitt. Beschreibung 
der Münzen 1307— 1556. Mit 32 I.ichtdrucktafeln. Rearbeitet von Alfred 
Nobs. Bonn, Feter Hansteins Verlag 1916. 30 M [= Publikationen der Gesell- 
schaft für Rheinische (ieschichtskunde XXX]. 

Diese beiden vornehm ausgestatteten Münzwerke, die den gleichen 
Zeitraum mit einer kleinen, sich aus der Pause der Trierer Münz- 
prägung von 1540 — 1556 ergebenden Abweichung im Schlußtermin 
umfassen, gehören nicht nur ihrem äußeren Umfang und der Bedeu- 
tung des behandelten Quellenstoffs nach, sondern auch nach ihrem 
innern Wert zu den bedeutendsten Leistungen auf dem Gebiete der 
mittelalterlichen Numismatik, der durch sie eine Fülle von neuen Er- 
gebnissen im Einzelnen und obendrein bedeutende praktische und 
methodische Fortschritte zugeführt werden. Sie haben den gerechten 
Anspruch, als wissenschaftliche Leistungen anerkannt und da gewür- 
digt zu werden, wo die gelehrte Literatur zur Besprechung kommt, 
denn obwohl von einem Sammler und Liebhaber verfaßt, stehn sie 
hoch über den meisten Werken die aus diesen Kreisen stammen und 
die noch immer den Charakter des alten '»Münz- und Medailleu- 
kabinetts< festhalten, statt sich in den Dienst der landschaftlichen 
Geldgeschichte zu stellen, wie es hier mit Energie und Erfolg ge- 
schieht. 

Herr Alfred Noss aus Elberfeld, jetzt in München wohnhaft, 
war den Münzfreunden längst als ein Sammler von ausgesprochen 
wissenschaftlicher Richtung bekannt, der in zahlreichen kleineren Stu- 
dien, von denen ich nur die über die > Vierschildheller« und den 
> Rheinischen Albus* erwähne, die Münzgeschichte seiner Heimat auf- 
gehellt und gefördert hat. Die Arbeitskraft von der die beiden vor- 






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74 tlött. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

liegenden Bände Zeugnis ablegen, wird das Ansehen dessen er sieb 
seither erfreute, zur aufrichtigen Hochachtung steigern. 

Es handelt sich beidemal um den zweiten Band eines umfassenden 
Unternehmens. Von dem Trierer Münzwerk ist der von dem Frhrn. 
v. Schrötter verfaßte Schluß-Teil schon 1908 erschienen und von mir 
GGA. 1910 Nr. 1 angezeigt worden, auf das Erscheinen des ersten 
Bandes vermag uns der Vorstand der Gesellschaft für Rheinische Ge- 
schichtskunde auch jetzt noch keine Aussicht zu eröffnen. Der gleiche 
Bearbeiter der dieses verzögert, scheint auch den ersten Band des 
Cölner Corpus hintanzuhalten; dafür erfahren wir aber, daß die 
Bände 3 — 5 dieses wahrhaft monumentalen Werkes weit vorgeschritten 
sind; das von Dr. Bruno Kuske verfaßte druckfertige Manuskript 
des Urkundenbandes konnte Noss bereits bei dem Trierer Werk be- 
nutzen, für das er ja vielfach den gleichen Wert haben wird wie für 
Cöln selbst. 

Während trierisches und cölnisches Münzwesen in der voraus- 
gehenden Pfennigperiode scharf geschieden sind und insbesondere auch 
die äußere Erscheinung der mit der lothringischen >Fabrik< ver- 
wandten Denare von Trier sich scharf von den Cölnern abhebt, 
nähern sie sich bald in der von Noss behandelten Groschenzeit und 
werden durch Münzverträge und zeitweise obendrein durch die Per- 
sonalunion des trierischen Erzbischofs und cölnischen Koadjutors, 
Vikars und Administrators Kuno von Falkenstein (1366 — 1371) voll- 
ends in die gleiche Bahn gelenkt. Auch aus diesem Grunde ist es 
höchst erfreulich, daß die Behandlung des ausgehenden Mittelalters 
für Cöln und Trier in die gleichen Hände gelegt werden konnte. 

Um nun die großen Vorzüge der Noss'schen Arbeiten vor so gut 
wie allen Bearbeitungen des Spätmittelalters gleich an der Spitze zu 
erwähnen, so hat N. einmal den Grundsatz durchgeführt, für die sämt- 
lichen Gepräge den Wert und womöglich den urkundlichen Namen zu 
ermitteln, so daß bei ihm niemals Bezeichnungen allgemeiner Art 
('Groschen 1 , 'Halbgroschen 1 , 'Schilling 1 ) oder Notbehelfe (wie 'Groß- 
pfennig 1 ) begegnen, wo er sie nicht rechtfertigen kann, und noch weniger 
solche die landschaftlich unmöglich sind — und dann hat er die Methode 
der Einzeluntersuchung der Gepräge unter beständiger Heranziehung 
des sehr reichlichen Urkundenmaterials derart verfeinert, daß es ihm 
gelungen ist, die großenteils undatierten Stücke zunächst in eine ge- 
sicherte relative Ordnung zu bringen, und weiterhin die Mehrzahl mit 
genauen oder ungefähren Jahreszahlen zu versehen, die an der Spitze 
der Einzel- Beschreibung rechts hinausgestellt erscheinen, während die 
im Gepräge selbst überlieferten Daten links neben der Benennung 
des Nominals erscheinen. Niemand kann diese Fortschritte dankbarer 






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Nose, Die Münzen der Krzbischöfe von Cöln. Die Münzen von Trier. 75 

empfinden, als ein Münzfreund der wie ich das Studium der Münz- 
typen und im engen Zusammenhang damit der Münznamen als Spe- 
zialität pflegt. Es gibt nichts verdrießlicheres als sich durch Werke 
hindurcharbeiten zu müssen, deren Chronologie unsicher oder unüber- 
sichtlich ist und bei denen man beständig Verlegenheitsbenennungen 
abschütteln muß, die irgendwo einmal in Auktionskatalogen oder auch 
ßchon in den ganz unzuverlässigen Münzbüchern des 16. u. 17. Jahr- 
hunderts angewendet worden sind und sich dann durch Generationen 
fortgeschleppt haben. 

Der Cöln er Band reicht von Eb. Heinrich (II) von Virneburg 
(1306—1332) bis zu Eb. Hermann (V) von Wied (1515—1547), dessen 
Silberprägung bereits 1522 aufhört, während die Gulden fortlaufend 
bis 1531 reichen und damit die Prägungen im Rahmen des Münz- 
vereins ihren vollen Abschluß finden; darüber hinaus ragt ein ver- 
einzelter Gulden von 1545, das erste Stück mit den römischen Buch- 
staben der Renaissance, aber im übrigen ein unschöner Vorbote der 
neuen Zeit. Münzen mit Jahreszahl kommen zuerst unter Eb. Dietrich 
von Mors (seit 1432) vor. 

Von den 'Rheinischen Prägungen 1 (S. 1 — 321) getrennt folgen die 
'Westfälischen Prägungen 1 (S. 323 — 341), die hier (ohne anfangs ge- 
nauer datierbar zu sein) gleichfalls mit Heinrich von Virneburg be- 
ginnen, aber schon mit Hermann (IV) von Hessen vorläufig ihr Ende 
erreichen, und zwar die letzten chronologisch faßbaren 1489, während 
die umstrittenen Vierschildheller mit dem westfälischen Roß (Xr. 653) 
von Noss, der sie im Gegensatz zu Grote, Dannenberg und Buchenau 
bestimmt dem Eb. Hermann IV zuweist, in die Jahre 1502 — 1508 
gesetzt werden. Die Angabe auf S. 323 'Westfälische Prägungen 
1304 — 1547* wird im Inhaltsverzeichnis (S. XI) stillschweigend be- 
richtigt in '1306— 1508 1 . Auf S. 326. 28. 30. 32. 34 hat der Setzer 
die Ueberschrift 'Rheinische Prägungen 1 (statt 'Westfälische 1 ) weiter- 
geführt. — Dem sog. 'Soester Zeichen 1 , das für die hier geprägten 
Denare durch Jahrhunderte charakteristisch ist (man hat es gewiß 
sehr unzutreffend als 'Schlüsselloch 1 bezeichnet) möchte N. S. 326 eine 
derbobszöne Deutung geben, und die von ihm angezogene Urkunde 
des 15. Jhs. beweist mit dem Ausdruck 'Kuttenpfennige 1 in der Tat. 
daß dies die volkstümliche Auffassung war — der Ursprung des son- 
derbaren Gebildes ist damit noch nicht festgestellt, denn der Humor 
des Volkes neigte zu derartigen Ausdeutungen: hat man doch im 
Norden sogar die Brakteaten Kg. Olaf Hakonssons mit dem rhombi- 
schen auf die Königin Margarethe bezogen, um das Münzbild als 
den Gipfel ihrer Schamlosigkeit hinzustellen! — 






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7»i Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

Noss hat für seine Münzwerke eine große Anzahl öffentlicher und 
privater Sammlungen herangezogen — auch die im Januar d. J. ver- 
steigerte Sammlung Weygand fehlt darunter nicht — , so daß man 
ihnen den erreichbaren Grad von Vollständigkeit zugestehn darf. Die 
Literatur ist Behr sorgfältig und sehr verständig benutzt — der alte 
Unfug, bei jeder Münze alle altern, großen Teils unzuverlässigen und 
vielfach geradezu nichtsnutzigen Beschreibungen anzuführen, darf nun 
wohl als endgiltig beseitigt gelten. Von größeren Darstellungen fand 
er erstaunlich wenig vor: besonders für Cöln, wo das v. Merlesche 
Verzeichnis der Sammlung Wallraf von 1792 ') noch immer wertvoller 
war als des übelberufenen Cappe viel zu oft zitiertes Werk von 1853, 
das hoffentlich bald der völligen Vergessenheit anheimfällt. Für die 
Goldmünzen von Cöln und Trier hatte P. Joseph wertvolle, aber doch 
vielfach der Kritik bedürftige Vorarbeiten geliefert. Trier war im 
allgemeinen besser bedacht als Cöln: das Verhältnis des fast ver- 
schollenen Buches von Dinget (zuerst 1821) zu dem vielbenutzten von 
Bohl (zuerst 1827) hat erst Noss in der Einleitung klargestellt und 
Dingets selbständiges Verdienst gewürdigt. 

Die Einzelbeschreibungen sind sehr sorgfältig und genau, ihre 
Umständlichkeit entschuldigt N. im Vorwort zu Cöln S. XIV ; noch 
besser werden sie gerechtfertigt durch die Ergebnisse, die für die 
zeitliche Anordnung damit erzielt sind und die wir nun Schritt für 
Schritt auf ihre Grundlagen prüfen können. >In jeder Prägezeit hat 
es Unterscheidungsmerkmale für die Ueberwachung des innem Be- 
triebes gegeben, deren Spuren wir in höherem oder minderem Maß 
noch heute verfolgen können. Sofern als ihr Zweck die Kennzeich- 
nung der zeitlichen Folge angesehen wurde, begründen sie die Tren- 
nung der sonst gleichartigen Nummern«. 

Heinrich von Virneburg, der letzte Erzbischof der, wenigstens im 
Beginn seiner Regierungszeit, noch in Cöln selbst geprägt hat, machte 
anfangs einen Versuch, die unter seinem Vorgänger Wigbold von Holte 
ganz eingeschlafene Pfennigprägung wieder aufleben zu lassen (Nr. 1), 
ging dann aber gleich zu 'Großpfennigen 1 — nach Noss Benennung — 
über (Nrr. 2—4), für die der Wert von 'quinque obolP (2 1 /« Pfennigen) 
gesichert ist. Ihre Fortsetzung sind daun die wohlbekannten Groß- 
pfennige Bonner Schlags mit der Cassiuskirche und der Umschrift 
BEATA VERONA VINCES (Nrr. 6— 14), die in unsern Katalogen bald 
als Cassiusgroschen bald als Cassiusdenare (oder auch Cassiushalb- 
groschen) figurieren. N. bringt, wie andere vor ihm, ihre erste Aus- 
prägung (aber nicht die Umschrift, die schon bei Sifrid von Wester- 

1) Dazu gibt es wertvolle Handzeichnungen von Importen?, die in den lie- 
sitz des Historischen Museums der Stadt Cöln gelangt sind. 






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Noss, Die Münzen der Erzbischöt'e von Cöln. Die Münzen von Trier. 77 

bürg begegnet) mit der Königskrönung Friedrichs von Oesterreich zu 
Bonn am 25. Nov. 1314 zusammen. 'Um 1318 1 folgen dann 'Sterlinge 1 
(Nrr. 15— 18), die wahrscheinlich für die Ausfuhr bestimmt waren. 
Soviel ich nach meiner eigenen Typensammlung feststellen konnte, ist 
das Gepräge gemischt aus dem irischen und dem schottischen Typus : 
Vs. Kopf im Dreieck (Vorbild : Edward II., Dublin), Rs. Sterne in den 
Kreuzwinkeln (Vorbild: Alexander III.); Noss irrt (S. 13) wenn er 
diese Sterne für 'eine heimische Verschönerung' hält. — Den Schluß 
bilden wieder 'Großpfennige' (Nrr. 19. 20 unbestimmt, Nrr. 21— 35 
Bonn), die Bonner jetzt mit der auffälligen Umschrift der Rs. 
SIGNECCE. SCI. CASSII. BUNEN, welche Noss auf die Vermutung 
bringt, es könnte — möglicherweise — die Bonner Münzstätte damals 
an das Cassiusstift verpfändet gewesen sein, dem als Propst (seit ca. 
1312 — 1316) ein gleichnamiger Neffe des Erzbischofs vorstand. 

Auch Walram von Jülich (1332—1349) hat noch mit solchen 
Cassiusmünzen begonnen (Nrr. 36. 37), denen ein gleichwertiger Sieger 
Großpfennig (Nr. 38) zur Seite tritt. Dann aber setzt die vornehme 
Serie seiner Groschenmünzen ein, die mas auf den Tafeln 2 — 4 mustern 
möge : voran die Cassius-Groschen (Nrr. 39—42), die N. als Zehnpfennig- 
Stücke bestimmt, dann der Sterngroschen zu zwölf Pfennigen und sein 
Drittelstück (Nrr. 43. 44); nun, 'um 1340 1 beginnend, die lange Reihe 
der Bonner und Deutzer Turnosen (18 Pf.) und Drittelstücke (6 Pf.) 
mit dem Kopf des Erzbischofs (Nrr. 45—90), und schließlich zwei neue 
Gepräge: ein echter und rechter 'Königsturnos 1 zu 24 Pf. (Nr. 93), 
den man wohl mit der Krönung Karls IV. (1346) zusammenbringen 
darf, und der Adlerturnos nebst Drittel von 1348 (Nrr. 94. 95), dem 
wir als Ergebnis der ersten rheinischen Münzvereinigung bei Trier 
wiederbegegnen. — Diesen beiden höchstseltenen Groschenmünzen 
stehn die ältesten cölnischen Goldmünzen — beide Unikal — zur 
Seite: ins Jahr 1346 fällt der 'goldene Schild 1 nach französischem 
Muster (Nr. 91), ins Jahr 1348 der Gulden nach Florentiner Typus 
(Nr. 92). 

Wilhelm von Gennep und die Grafen Adolf und Engelbert von 
der Mark führen die Guldenprägung fort und schaffen neue Typen 
von Groschenmünzen. Mit der Stellvertretung durch Kuno von Fal- 
kenstein (1366—1371) und unter der langen Regierung seines Ver- 
wandten Friedrich von Saarwerden setzen sich die Nominale und die 
Münzbilder fest, die mit den gegebenen Variationen und mit gering- 
fügigen zeitlichen Veränderungen das Gebiet der rheinischen Münz- 
verträge südlich bis zur Pfalz und westlich bis Hessen 
Der unter Wilhelm von Gennep 1354 zuerst geprägte 'Doppelschilling 
(Nr. 99) wird 1368 durch den 'denarius albus 1 oder 'Weißpfennig' ab- 






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73 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 1 u. 2 

gelöst (Nr. 136), uud dieser erhält im Zeitalter des jungen Humanis- 
mus den Namen 'Albus 1 auch in deutschen Texten. Noss dringt 
darauf, an dieser Unterscheidung von 'Weißpfennig' für die frühere 
und 'Albus' für die spätere Periode festzuhalten — wie ilas übrigens 
auch schon der von Menadier und Oppermann verfaßte Katalog der 
Münzsammlung in der Hahnenportz zu Cöln(1902) tut, vielleicht auf 
einen Vorschlag eben von Noss hin? Aber er selbst widerspricht 
sich bei dem Versuche, das Aufkommen der Bezeichnung 'Albus' zeit- 
lich festzulegen; S. 81 Bagt er: 'Man sollte sich deshalb daran ge- 
wöhnen, vor 1502 ausschließlich von Weißpfennigen, nachher nur von 
Albus zu sprechen', S. 256 aber setzt er das erstmalige Vorkommen 
der amtlichen Bezeichnung Albus ins Jahr 1488 und beginnt denn 
auch mit den datierten 'Albus 1 Hermanns von Hessen v. J. 1489 
(Nr. 482) selbst den Ausdruck anzuwenden. Es handelt sich offenbar 
um eine Wandlung der eignen Ansicht oder Einsicht, wie sie im Ver- 
lauf einer so umfassenden Arbeit ganz natürlich erscheint, immerhin 
mußte ich auf den Widerspruch hinweisen, da es der Verfasser selbst 
nicht tut. 

'Halbe Weißpfennige 1 , die sich durch die 12 Kugeln in den Win- 
keln des Kreuzes als 'Schillinge 1 zu erkennen geben, hat Friedrich 
von Saarwerden seit 1374 (Nr. 163) massenhaft geprägt (vgl. die 
Uebersicht S. 155); nach ihm verschwinden sie über zwei Generationen 
hin; die anscheinend für Westfalen bestimmte Emission Ruprechts 
v. d. Pfalz v. J. 1474 (Nr. 458) blieb zunächst ein Versuch, der mit 
besserem Erfolg erst durch Hermann v. Hessen 1502 (Nr. 490, vgl. 
die Tabelle S. 277) wieder aufgenommen wurde. 

Neben den Groschenmünzen bieten in der spätmittelalterlichen 
Münzgeschichte Cölns auch die Pfennigmünzen mancherlei Inter- 
essantes, und stellen Fragen, die nicht durchweg zu einer unbestrit- 
tenen Lösung gelangen. Solche Fragen betreifen die ältesten cölni- 
schen Heller Friedrichs von Saarwerden 'um 1387* (Nr. 217, S. 126), 
die Heller Dietrichs von Mors 'vor 1419' (Nr. 283— 285, S. 162, vgl. 
S. 168), die 'alten Möhrchen (iYt Heller) Ruprechts 'um 1469' (Nr 435. 
436, S. 234), die vielumstrittenen 'Vierschildheller' (S. 234. 277. 280. 
340). 

Der Trierer Band reicht von Balduin von Luxemburg (1307 — 
1354) bis zu Johann (III.) von Metzenhausen (1531—1540); den Schluß 
bildet ein datierter Schilling von 1538 mit Renaissanceschrift (Nr. 629), 
über den je ein undatierter Pfennig und Heller (Nrr. 630. 31) kaum 
hinausreichen; die beiden nächsten Erzbischöfe Johann (IV.) Ludwig 
von Hagen (1540—1547) und Johann (V.) von Isenburg (1547— 1556) 






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Koss, Die Münzen der Krzliisrliöfc von (uln. Die Münzen von Trier 79 

haben keine Münzen schlagen lassen. Die frühsten datierten Stücke 
fallen unter Raban von Helmstadt 1436. 

Gleich die Behandlung der Gepräge Balduins ist ein Muster von 
Klarheit und methodisch gewonnener Ordnung, welche unmittelbar 
der Geldgeschichte zu Gute kommt. Balduin setzt ein mit 'Pfennigen* 
(Nrr. 1 — 4), von denen die beiden ersten ('1308— 1313') noch durchaus 
an ältere Trierer und Metzer Gepräge erinnern, die beiden folgenden 
('um 1313 — 1323') bereits durch Münzbild und Technik auf die nun 
folgende Reihe der 'Doppelpfennige 1 hinweisen, deren Ausprägung 
sich durch die Verschlechterung des Pfennigs notwendig gemacht hat: 
Nrr. 5— 7. 9 ('um 1323— 1335 1 ), Nrr. 11. 12 ('um 1333 1 ), Nr. 13 ('um 
1340'), Nr. 14 ('um 1335'), Nr. 15 ('um 1336'). Sie gehören zu den 
zierlichsten, feinstgeschnittenen Münzen des ganzen Mittelalters, und 
da einige (wie bes. Nrr. 7. 11. 15) recht häufig vorkommen, darf sich 
auch ein Sammler von bescheidenen Mitteln an ihrem Besitz erfreuen. 
'Um 1338' treten, vielleicht im Gefolge des Hoftags von Koblenz, bei 
dem auch König Edward III. als Gast zugegen war, die ersten 'Ster- 
linge\ von echtem englischen Typus, auf: Nrr. 16 — 18, denen N. einen 
Wert von 8 rheinischen Pfennigen zuschreibt, und diese werden 'um 
1340' abgelöst von 'halben Schillingen 1 Nr. 20 (dazu Teilstücke Nrr. 21. 
22), Nrr. 23—27 ('um 1346—1354'), einer ebenfalls sehr häufigen 
Münzart. Auf den ersten rheinischen Münzvertrag vom Nov. 1348 
(Trier, Cöln, Jülich, Luxemburg) führt N. den seltenen Turnos und 
Drittel-Turnos (Nrr. 28. 29, 'um 1349 1 ) zurück. Abseits stehn ein 
paar einseitige 'Pfennige 1 nach Straßburger Typus, deren Entstehung 
N., einem Winke H. Buchenaus folgend, geneigt ist, nach dem in Bal- 
duins Pfandbesitz gelangten Kaiserslautern zu verlegen. — Mit dieser 
lichtvollen Darstellung vergleiche man etwa die Behandlung, welche 
1894 Engel und Serrure, Tratte* de numismatique du moyen äge II 616 
den Münzen Balduins, mit sichtbarer Liebe, zu Teil werden lassen, 
und man wird den Fortschritt im Ganzen und im Einzelnen ermessen. 

Beginnt mit Balduin die Zeit der 'Groschenmünzen ' im weitern 
Sinne, so setzt mit dessen Nachfolger Boemund IL, den wir jetzt 'von 
Warsberg 1 nennen müssen (1354 — 1362), die nicht genauer datierbare 
-erste Prägung von Goldgulden ein (Nrr. 33 — 37), anfangs noch getreu 
nach dem Florentiner Vorbild mit der großen Lilie auf der Vs. und 
dem stehenden Täufer auf der Rs. Als weitere Neuerungen bringt 
er die großen 'Doppelschillinge 1 (Nrr. 38—42) von Koblenz und die 
in Luxemburg geschlagenen Gemeinschaftsmünzen ('um 1359 1 ): 'Gro- 
schen 1 (Nrr. 50— 52), 'Schillinge 1 (Nrr. 53. 54), 'halbe Schillinge 1 (Nr. 55). 

Den Höhepunkt erreicht die trierische Münzprägung und mit ihr 
die Darstellung und Beschreibung N.s unter Kuno von Falkenstein 






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8o Gott. gel. Anz. 191*. Nr. 1 u. 2 

(1362—1386) und seinem Großneffen Werner von Falkenstein (1388 
— 1418). Diese Partie umfaßt mehr als die Hälfte des Bandes 
(S. 48— 243) und der beschriebenen Gepräge (357 von 631). Die Zahl 
der Münzstätten, die hier getrennt behandelt werden, beträgt unter 
Kuno sechs (das S. 123 — 125 angesetzte Kochern fehlt im Inhalts- 
verzeichnis), unter Werner, wo außer Kochern naturgemäß Deutz fort- 
fällt, tritt für die Guldenprägung Offenbach hinzu, das dem Grafen 
von Falkenstein aus der Münzenbergschen Erbschaft zugefallen war. 
Die Nennung der gleichen Münzstätte auf einem Goldgulden von 
Werners Nachfolger Gr. Otto von Ziegenhain (Nr. 450) erklärt N. 
S. 261 auf eine Weise, die ich nicht zu kritisieren vermag. 

Unter den beiden Falkensteinern treten die Besonderheiten des 
trierischen Münzwesens gemäß dem Einfluß der Verträge mehr und 
mehr zurück, alle wichtigen Neuerungen im Nominal wie im Münz- 
bild sind mit Cöln gemeinsam: so der 'Weißpfennig 1 (seit 1368/69) 
und seine Fortsetzung der 'Albus* (datiert seit 1508), dessen Hälfte 
den Namen 'Schilling 1 führt (datiert seit 1502), dazwischen die Episode 
des Metzer 'Blanken 1 (hier unter Johann II. von Baden 1470). Auch 
die höchst auffällige Bezeichnung einer um 1469 neu aufkommenden 
Pfennigmünze als 'Lübischer 1 (Nrr. 519. 20. 524 — 27) scheint, wenn 
ich Noss (Cöln S. 234) recht versteh, in Cöln nicht fremd zu sein. 

Der Kundige wird leicht ersehen, daß ich aus dem ungemein 
reichen Inhalt der beiden Werke nur die eine Seite hervorgehoben 
und gewürdigt habe, für die ich mich durch eigene Studien und meine 
bescheidene Typensammlung gerüstet fühle. Die Fülle der geld- 
geschichtlichen Ergebnisse konnte nur eben gestreift werden. Immer- 
hin reicht mein Urteil weit genug, um zum Schlüsse dem dringenden 
Wunsche Ausdruck zu geben, daß Herr Noss sein reiches Wissen, seine 
Arbeitskraft und Gewissenhaftigkeit bald einer neuen großen münz- 
geschichtlichen Aufgabe zuwenden möge: nachdem er für Cöln und 
Trier das Beste geleistet hat, liegt es sehr nahe an Mainz zu denken, 
dessen Vernachlässigung für die deutsche Geschichtswissenschaft jetzt 
geradezu ehrenrührig erscheinen muß. Vielleicht gelingt es der jungen 
historischen Kommission für das Großherzogtum Hessen, sich diese 
ausgezeichnete Kraft zu verpflichten V 

Göttingen Edward Schröder 



Kur die Redaktion verantwortlich: Dr. J. Joachim in Göttingen. 






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Nr. 3 u. 4 März u. April 1918 



The Oxyrhynchus Papyri Part XI. Edited with translations and notes 
by Beruard P. Orenfell and Arthur 8. Huut. (Egypt Exploration Fund, 
Graeco-Roman Brauch). London 1915. XII, 278 S. 7 Tafeln. 4°. 

Der Krieg hat nur wenige Exemplare dieses neuen Bandes nach 
Deutschland gelangen lassen. Da sein Inhalt aber wichtig genug scheint, 
die Aufmerksamkeit der Philologen, Theologen, Aegyptologen zu fes- 
seln, so habe ich mich entschlossen, die Texte in weiterm Umfange 
als sonst üblich hier abzudrucken, um sie allgemeinerer Benutzung 
zugänglich zu machen. Es war das umso eher möglich, als die Ur- 
kunden, die sonst etwa die Hälfte des Bandes ausmachten, diesmal 
ganz fehlen. 

Neben den theologischen Bruchstücken (Levit. 27,12. 15. 16. 19. 
20, Psalm 82,6—19; 83, 1—4 J ); 1. Petrusbrief 5, 5—13 "); 
Römerbrief 1,1—16; 8,12—27. 33—39; 9,1—9), die den be- 
kannten Mischcharakter der Ueberlieferung zeigen, stehen in Nr. 1256, 
3. Jhd. n. Chr., bisher unbekannte Bruchstücke aus Philon. 
Der Papyrus gehört zu demselben Buche, aus dem Nr. 1173 stammt. 
Daß auch das neue Bruchstück Philon ist, zeigen die mannigfachen 
Uebereinstimmungen im Sprachgebrauche, worauf G.-H. hinweisen, 
und die ganz philonische Denkweise. Der Text lautet 3 ): 

PQß 
tec fijc <[>D)^c rijv rcspi . . ANCO.f ] . []|£jrt|i.eXe£ac xert jrpoota- 

atac TO[.]G[ av] |dpcüÄiva)v atpafu.äTü>v AM . . [ ] | Iv apetaie; 

1) 82, 6 steht SUÖovTo wie 3uv*9ovto p. Petr. II 45 col. 1, 7, 'jzepxtöovTo LXX 
Sprüche 15, 22. Anderes bei Crönert, Mem. Herc. S. 27S, 5, Herwerden lex. supp. 

8. V. Ttöivai. 

2) 5, 8 [xaTa]j:ef(v) wie häufig in LXX und NT. 

3) Wo nichts besonders bemerkt wird, stammen die Ergänzungen in [J 
Klammern von G.-H , in <> von mir. Orthographisches habe ich im allgemeinen 
stiUschweigend umgeschrieben ; sicher erscheinende kleine Ergänzungen lasse ich 
unbezeichnet. Die Interpunktion ist vielfach neu gesetzt. 

ÜÖU. gtl. Am. 1018. Nr. S D. 4 6 






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82 Uött. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

xaXXiateuoöoT]? OCI ..[...]....[.] |(5)CIN * otc SeoVeüx; av ei7rotu;sv ' 
TO<ifäproi> |u|xpo<|>t>xtCr tt]v fteoö [tefaXövotav rcapajteTpsi | te * tj ot>x 
bft'i Ott fyiEic Äa^TJitaat jiövotc | feXaovöjie^a xai ?;apa\h]7Ö|iE\hx rcpföc 

SJppOVOc] iwJeSSooc, ava^xaCöp-evot Ttotsto^at, <5> T<j> v<<j>>| (10) rca- 
va^tcp xai dtnoup 1 ) rcpdagaTiv XofLO|i<j) | fäp u.övq> ypTjtat xüßepvijrf] to*jc 
ap|iÖTTOv|tac ex4atot< xatpoöc irepLadpEtv *). <ol 5>fe Sv8pt[c] <xat ol 
aet> 3 ) tpiXoao^pia oojtßtoöv e7cijiopcpaCo[v]|Tec <ao>qye<toöot>, fovatxöc 4 ) 

7co7]tpt5oc £ajr)(15)<poö<; eoßooXia <7ru>>c ö ) ttepi $eü>v ^Tt(ü[iev<or>| 
«p-nai T Ap\, deot A[. .".]. N6CW. [. .] .Tl xaXävf. . . ,]|€ ... HA. Der Rest 
des Blattes enthält nur noch einzelne Buchstaben. Daß es sich um 
eine Dichterin, nicht um eine Gauklerin 6 ), wie G.-H meinen, handeln 
muß, zeigt das rühmende eußooXia. So wird Zaacfoüc richtig sein. 
Das Metrum des leider nicht mehr zurückgewinnbaren Zitates scheint 
der alkäische Elfsilber zu sein; xoXdv paßt dazu 7 ). Der Gedanke ist 
klar: selbst Männer, die vorgeben, immer mit der Philosophie zu- 
sammenzuleben, lassen sich an kluger Erkenntnis göttlichen Wesens 
von einer Frau, einer Dichterin, schlagen. Daß Gott einem jeden das 
gibt, was für ihn paßt, ist ein echt philonischer Gedanke, z. B. auch 
de Spec. leg. I 329 : täte aa(op.droL<; Soväu-eoiv . . . xaTe^pTJaato (6 dsöc) 
npöe xb 7£voc ?xaotov tt;v apjj-öttooaav Xaßeiv jiop'fTJv. Er kehrt auch 
auf der Rückseite des Blattes wieder. Sie lautet: 

f. .] TH [ ] tooe vdjfcooc ft&g' o&* ei>xara(pptfv7)|(25)TO<; o[uv 

$ox]7)d£vTi Kpototj) twv xad 1 eamöv a^av|t[o>v fsvopijvwv Gu5at|xovsotat<() 
eivai, xadd | (pafatv, e"x to]ö AsX(ptxoö TpircoSoc evdououöv 6 a|X7]{Hjc 
ji[dv]tic TTpoid^OTitOEV t£Xgc opäv p.axpoö | ß[to]t>' t[äv -r]ap aStxcov 8 ) dtt- 
u.ci)pT]toc ooSbIc 7cpöc| (30) äXi^eiav aytetat, 5ixa<; 5s tac ap|iattOüoac| 

1) Ueberliefert: [.]T03N[]| T€ ANAflCO KAIAnOO^- Gott = voO; in stoi- 
scher Lehre (Oiog. L. VII 135 u. ö.) und bei Philon (de mundi opif. 7,2, leg. 
alleg. III 29 u. Ö.) ; voO; nicht seoitfe, also äzotoc, ä-^0/,;: Aristot. de anima III 4, 
429 a; Gott efcows: Philon leg. alleß. I 36. 61. 

2) G.-H.; überliefert: TTGPIAPePGIN. 

3) Ueberliefert: . . CANAP€[]| - ■ - CYM ; »the Y w too far from the M« 
G.-H. 

4) Ueberliefert: . . YNA[-] . € • • 

5) Ueberliefert: n'HTPlAOCCYI". 1 4>OYCeYBOYAIA[. ]YC 

6) 707]Tpf« wäre an sich gut gebildet, obwohl 707)71; und yoT^vj-zpix das Be- 
dürfnis nach einem Femininum zu yfyc genug befriedigen. 

7) Ueberliefert: KAAAH[- 

8) G.-H. übersetzen : no utijust person. In Wahrheit ist tüjv äMxtuv Neu- 
tram, abhängig von dTi[Mi>pr f To; und Ay(tTai. 






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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 83 

«Stäcooiv, el xal |id) fiü^oc, aXX* <oo5'> *) btyk foöv, üx; otovraE | ttvsc ' £<{»e 
?äp oü>8sv tö>v £v ?"jj ^uasi ßpa{3eüoo|oi 2 ), rcävta 8s Iv xatp<j>. d£8a>ot [tev- 
*oi xa£, el p.7] evraöjda xal rcap' -fjjüv, aXX 1 ev ff At8oo "ra 8 ) ^«pa 8l- 
xaatalc| (35) xpefooai, XeXo^iivotc twv ou^atoc 8so(j.<üv, | [8 t]ä icdftrj 
xal tac xaxtac eCü>3ti>p6i xal ev£<pXe|?ev e£ Saotoö* «JiO^atc ?äp <|nr/ac 
5txaCovtec "p|[iva<; 8Xac 81* 5Xwv xatavooöat elXtxpiväc, oÖ|<t'> 4 ) aud* 
•öjtö twv itGptarctoiv, fotp' <ü]v 6 ) xate(X7]|iiTTO I (40) Äpötepov, air<aTü»jiEvoi 
<o8ts> Iv Ttvt ouvSs|<o|i,<j) 7c>apa<f öjisvot> 8 ). Mit dem ganzen Rest 
kann ich nichts anfangen, es sind immer nur Zeilenanfänge oder 
-Schlüsse erhalten, die noch auf mancherlei Interessantes deuten, aber 
keinen Zusammenhang ergeben. Deutlich ist, daß nach dem Sappho- 
zitate noch ein Stück aus einem heidnischen Schriftsteller folgte; die 
ganze zweite Seite gehört dazu. Die starke Berührung mit Piatons 
Gorgias legt nahe, an einen Platoniker (im weitesten Sinne) zu denken. 
Plutarchs xepl twv unö toö dsioo ßpa5e\oc n|Xü)poo[j.£vu)v ist verwandt, 
zeigt aber keinen engen Zusammenhang. 

Ein für Kirchenhistoriker sehr wichtiger Fund ist Nr. 1357: ein 
Kalender christlicher Gottesdienste aus Oxyrhynchos, da- 
tiert p.stä xb xatsXft( s - v ) ev *AXe£avÖp(Et^) töv nana, lv5(txrtovoc) tä 
<*>aa><pi xy bis 4>a^evwd [xc?], d.h. vom 21 Okt. 535— 22(?) März 536 
n. Chr. Der irarcac ist nach einer mir 6ehr wahrscheinlich vorkom- 
menden Vermutung von W. E. Crum der Monophysit Severus von 
Antiochien, der nach seiner 519 n.Chr. erfolgten Entthronung sich in 
Aegypten aufgehalten hat und kurz nach 540 dort gestorben ist. Daß 
es sich um Gottesdienste in Oxyrhynchos handelt, ergibt sich aus der 
weitgehenden Uebereinstimmung der genannten Kirchen mit den dort 
aus früheren Urkunden bekannten. Auf die zahlreichen Heiligen sei 
besonders aufmerksam gemacht. Der Text lautet: 

t Tviöotc ouvajecov |i6tä xb xateX^(eiv) | ev 'AXsJavSp(eca) töv ffdffa, 

1) oW im Papyrus ausgelassen. Der Satz gibt ohne da« keinen vernünftigen 
Sinn. Wenn G.-H. übersetzen : if not at once, then late at any rate, an some 
think, although nothing in nature is determined late, so ist das eine gewalt- 
same Umdeutung des klaren 74p. Der Sinn von öyi ist, wie so oft, »zu spät«. 

2) >ßpaß«6oi>oi hos no deßnite subject and is perhaps an error for ßpajJrjexai«, 
meinen G.-H.; in Wahrheit sind die Götter Subjekt. 

3) G.-H., überliefert: ENAOYT6- 

4) o6|P'] G.-H. 

5) ipKp 1 J>]v might weil be restored . . ., but there then seetns to be no sub- 
ject for (he verb, unless xaxc(Xi]fi;r;o icas regarded as pluraU G.-H. Das Subjekt 
ist aü)[ia, vgl. Z. 35. 

6) üeberliefert : ATT[ . . .]M€NOI . [- -1 ■ 6NTINKYNAO | [• . . ]APA .[.... 
. . .; zu ouvÄtajuji vgl. ivßilaBoi e(; aütjia Piaton Pbaidon Kap. 30 f., öiaSgiaflat iv Tip 
atupcm eb. Kap. 33. 

6* 



( " .,,-,!,. Original from 

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84 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

oo(tü)e)' I lvö*(txt(ovoc) tS 4>aw^t xt; sie tfjv 4>otßäii{iü>voc xopiax(TJ), | xs 
sie töv a?t(ov) SepTjvov ifiipfa) u-Etav(otae), | (5) X sie tTjv u,aptöp(ü>v) 
xoptaxTJ, | 'Aöop 7 sie t^jV <I>oißäu.|tu)voc Tju.£p(a) 'Eict|iax(o D )> | C ele töv 
EÖa^feXtat^v) xoptaxTJ, | iß sie töv aft(ov) Mt)(aT]Xä T)u.£pa aötoö, | 17 sie 
töv aötöv, | (10) tS sie töv 5ft(ov) 'Ioöotov f^jispa aötoö, | ts sie töv 
Ä7t(ov) Mtjväv "fjpipa aötoö, | te sie töv aötäv, | tC sie töv a7;i(ov) 'Ioöotov, | 
es fehlen 6 Zeilen, dann geht es im Xotdx weiter: (20) C etc töv 
äftfov) Btxtcpa, | [t]ß sie t-fjv 'AvvtavTjc x[upia]xTJ, | te eIc töv afi(ov) 
Koo|Lä ^[(xe]pa 'Ioüuvoc, | td sie töv sövafTEXiat[(T]v) x]optax(TJ), | xß sie 
töv a?t(ov) 4>iXd£svov fj{lip(a) aötoö, | (25) x? sie töv aötöv, | xfi sie töv 
aötäv, | xs 6p.ottoe etc töv aötöv, | xq etc töv aY;t(ov) EspTjvov xoptax(T)),| 
xC sie töv aötöv, | (30) X7] sie ttjv aY,l(av) Maptav fevva toü Xptatoö, | 
x$ sie tt}v aötTJv, | X sie TTjv aötTjv 6p.oEo)c, | (col. II) Tößt a ele töv 
fiYi(ov) üdtp[(ov) iü&pa aötoö,] | 6u(otü>e) x(ai) sie töv aft(ov) [IlaöXov 
^|i£pa aötoö,] | (35) ? sie ttjv <t>oißau4i[o>voc xoptaxT),] | ta sie tt)v <l>ot- 
ßap.[j.[ü)voe 4«to4v«a toö Xpiatoö,] | tß sie ttjv vottvfjfv IxxXTjatav,] | tf sie 

töv a?;t(ov) <I>tXö£[evov.] | -.8 sie töv aftov Mtx[aTjXä Tjuipa ,] | (40) 

sie ttjv ä(ia ['HpatSoe v ( pipa aöxiJc(V)], | ts sie ttjv aft(av) Ewp[rj|itav 

■fjpipa ,] | sie töv söafffeXtGt^v),] | te ele ttjv 4>otßa|i[p.ü>voe T^pipa 

4>iXodeol>(?),] | tC ele rfjv 'Avviafvfjc xuptaxTJ,] | (45) xa sie ttjv aft(av) 
Ma[ptav TJjtspa aötT)c(?) r ] | [x8 sie töv a*|]t(ov) 'Ie[p7]^tav xupiaxrj(?),] | 
[x. sie töv ßaJttr.oftTJv.] | [Msysip a(?) sie töv aft(ov)] MouX[tavöv Yj^apa 

aötoö (?),] ' [. sie töv aft](ov) aßß[ä %cpa aötoö (?),] | (50) ( 

6u.ot(wc) tt(ai) ele] tö ß[opp*vöv |iaptüptov(?).] | [. e]je [ttjv af]t(av) Eö- 

^Tj[jt£av,] | [tj] sie töv a-ft(ov) Zay[aptav xop-axT} (?),] | d ele töv aYt(ov) 
Sepffjvov.] | ta sie töv «7t(ov) raßpftTjX ^[ispa aötoö (?),] | (55) [tß] sie 

töv aötöv, | [18 ?J sie töv aft(ov) &7ra Noött tj|tip[flt ,J i [t]s sie ttjv 

3>otßap.[[uovoe xoptaxTJ,] | xa sie töv Syi(ov) <1>iX[ö£svov jjpipa ] | 

6u.(otcoe) xat sie töv a[ft(ov) ,] | (60) x(ß] sie töv aötöv [xopta- 

xt),] I x[t)] sie rfjv vottv(^v) ExfxXTjoiav Tjuipa ] | %f sie TT]v aötTjV 

[xuptaxT],) | <I>a|j.EVüid fc?] ele töv 8fl(ov) 8eö[5otov ^[lepa aötoö (?),]| 

[tß?] elc töv a7t(ov) ^tXo'JIsvov Tjuepa ,] | (65) [t^V] sie töv Sft(ov) 

0E[ö6tüpov f,[j.Epa aötoö.] | [tdVJ ele tT^v 4>otß[a|i[tü>voc %^pa KoXXo£)ö , oa(?),]| 
[x?] sie ttjv aötffjv XüptaxTJ (?),] [x^V s]le ttjv a7t[(av) Maplav r^ipa. 

(?]• 

Die neuen klassischen Texte werden durch zwei Stücke aus 
Hesiods Frauenkatalog Buch III eröffnet, Nr. 1358, 3. Jhd. 
n. Chr., die noch manches Rätsel enthalten und zu mancherlei Unter- 
suchungen Anstoß geben werden. Ich beschränke mich auf einige 
Anmerkungen zum Texte: 

[Europa .]sjCEpTjas 6' Äp* aXu.opöv oSwp 

<7tatpt5oe ix KpTjtTjvSs> Atöe 6*|iT)$etaa SöXotot. 



I . Original from 

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GrenfeU and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 85 

<rfl pct U.E77] (ptXöt7]n> TcatTjp xai Swpov ISwxev 

[opp.ov ot ^pöaetov, Sv] "IIcpatOTOc xXotot^vT]? 
5 [icob|o£v tcot' &faXu.a iÖuijTjatv 7cpa7riSeoeu 

[xai xteavov Tcöps narpi] tpipcov 8 5* i5d£aro Süpov, 

[auTÖc 8* flto 5ü>xev xo6p7]]t <3>oivixoc afaüoi). 

[aotäp eitel] <y&pw> eiXs *) tavi<ypüp<p 2 ) EupcoTte^ 

<(ietx^eic> [ßv rptXörqxi] Trarrjp avSptöv te £sd>v te, 
10 [auttc STCGtt' ajrd^T] vu]p.^7]c rcapä xaXXtxö|ioto. 

[ij 8' Äpa ;tat8a<; Suxtjsy osepfiivfl Kpoviam 

[xoSaXtjiouc, eoij^ejv&ov frpjropa? ävSptbv, 

fMtvw te xpeEovta] St'xatdv ts Ta8ä|tavduv 

[xai EapJt7j8dva Slov], a(ju>|iovä te xpatsptfv T6. 
15 [totacv säg t'.jxäc 8t]c6[ä]ooato [iTjttsta Zsü<;* 

[fjtot 8 uiv AuxiTjc eüp]etT]c tcpt Svaocu 

f. tcöJXe'.c eö vaistawoac 

[ 7CoX]Xt] 8§ Ot EOTTETO TtJJLlJ 

[ jj,EYaX7]]T0p'. zot[tsvt Xawv. 

20 f ] . (i£pÖTü>v avdpcöffcov 

[ j'Xato |i7]ttETa Zsöc 

[ tcoXJüv 8' Exptvato Äaöv. 

[ Tplüieaa' efftXQ&pOOC ' 

[ J "oXspLOio öcoju,cov. 

25 [ eJt* äptar]Epä 07j^axa <pa*lvo>v 

[ Zsoc] &f fota [ivjoea etSu>c. 

[ ] ATOI ä^tßaXoüaatc 

f .....] Atö$Ev t^pac ^sv. 

[ ff Exx]opoc avSpo^övoto 

30 [ ] Se xtjSs' £&7]xe ' 

[ ] C 'ApYEtotat ' 

Die zweite Kolumne enthält nur kümmerliche Zeilenanfänge. Wäh- 
rend dies Bruchstück Neues nicht bietet, so sehr uns die Bestätigung 
des Bekannten für die Geschichte der alten Mythen wertvoll ist, er- 
leben wir bei dem folgenden die größten Ueberraschungen. Aus Har- 
pokration s. v. üjtö ffjv olxoövtsc war bekannt, daß im 3. Buche des 
Frauenkatalogs Hesiod die KaxouSatot 3 ) und üofu-atot erwähnte. Unser 
Bruchstück, das in vs. 9 und 18 von ihnen spricht, wird deshalb mit 
Recht dem 3. Buche des Frauenkatalogs zugeschrieben werden dürfen. 
Das beweist auch der aus den Trümmern noch hinlänglich sicher zu 

1) Ueberliefert: ]HA€ 

2) Diese Form auch im Berliner Bruchstück des Frauenkatalogs : Berl. Klass. 
Texte V 1 S. 29 col. 3, 23. 

3) Das scheinen die späteren Tpo^oö'jxat zu sein. 



Original from 
UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



86 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 3 0. 4 

erschließende Zusammenhang. Es handelt sich um die aus mehreren 
Bruchstücken Hesiods schon bekannte Geschichte von der Verfolgung 
der Harpyien durch die Boreaden; das hat T.W.Alien richtig er- 
kannt. Wir haben es also mit der ?i)c ffepi'oBoc zu tun, in der diese 
Geschichte nach frg. 54 vorkam; frg. 55. 60. 65 fugen sich ohne wei- 
teres hier ein, 57. 62. 209 scheinen ebenfalls hierher zu gehören. Die 
Verfolgung geht nach einigen ganz trümmerhaften Versen so weiter: 
| ] e Ea7cs<pt>flv 0C[ 

[ ]€TTA[.j.K€P[ 

[ ]' hd Sp-ref xat H[ 

[. . . . KaTooS]afo)v ' xa£ IIo7[jwt(o)v] <atpixovTO> 

10 <£7)|iov> [äffiejtpeottüv MsXävaKv xe «dXetc 7roXoxpöoooc > ') 
<ol (iiv, oowv> Tixe ?aia itekwpr^ «pip|iaxa ffXetota> 2 ) 
f|tavtooov]ac tz riavojJLCpaEoD <reXetac te ioaai> 
<ffXe£ota<;,> Ötppa {rsoiaiv {xpetfiivoi atjLG<uo)o>iv *) 
<euaeߣü)i;,> 4 ) tü>v u.£v te vöoc fXcüoa-qc xa\K>nep\rev. 

15 [AWHwrdc] ts A(ßo« te I5e Exödac tiwri|u.6[X70u]c, 
<tü>v dpy_öc> fäved' u'.öc o7cspu.ev£oc Kpoviwvoc 5 ), 

20 <toog 7:avta>c icipt xöxX(p e&üveov ataaovtec 

<xat rcspi I\r>vea jj.<axpä> Tffiepßopecov euimccov, 

[ou«; täxe ?i}J <p£pj2ooaa TcoXüOJcep^ai; ttoXd^oitodc 6 ) 

[tt)Xs rcap* 'HptSavoiJo ßa[^opp]öoo aircä p£e$pa. 

0CA[ ] 

[ J TTP . [ ] T^Xextpoto. 

1) Vgl. Ilias 9,381, Odyss. 4, 126. 

2) Vgl. Odyss. 4,231. 

3) Ueberliefert : ATAC[ - -]IN ; ära3[8ü»G]iv G.-H., eine unglaubliche Form. 

Das sonst nur bei Nikander überlieferte dTfisäu» ist, wie die Alten erkannt haben, 
Ableitung von ixpip »Diener« und gebort zu der zahlreichen Gruppe von Verben 
auf -viiii, die »dienen« bedeuten; vgl. Frankel, Griech. Denominativa S. ISO. 184, 
wo (itjif'jtu fehlt. •dTfxvE'jiu wird durch Konsonantenerleichterung zu ftafituai wie 
vieUeicht SpayfiEJü» neben opay^ia-EÜu) aus *opa , y|A*e'jui. Der nichtgriechische Wort- 
stamm erleichterte die Neubildung. 

4) Vgl. Herodot II 37 a. 

5) Ihr Stammvater ist £x69v]c, Sohn des Zeus oder des Herakles; es kommt 
auf dasselbe hinaus. Auf vs. IG folgen 3 Verse: 

17. <äUd xal o?,> MAavtc te xal Atöfont; fitTdÖup-oi 
[yfil KaTouJoaioi xal IIuftiaEoi d|jLEV7jvot 
<xal A(ß'jt;> xpe(ov-o; 'EptxTÖTiou ih\ yEv£ti).T). 
Sie machen den Eindruck, eine Anmerkung des Dichters, oder was mir wahr- 
scheinlicher ist, eines Nachdichters zu sein, die nicht richtig in den Text ver- 
woben worden ist 

C) Ueberliefert: TTOAY<t>OPBOC d.i. Synonym von ^{pßousa; -ofojfftfpßo'j;, 
was (1. -II. vorschlagen, paßt nicht zu Rotasftsf&j. 



Original from 
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Grenfell and Hunt, The OxyrhynchuB Papyri Part XI 87 

25 [NeßpwS^c t 5 Öpoc] alrco x[al Atxvjry TcauraXdeooav 
<*7jXdov 18*> 'OptyYtTjv AouoTp[oYOv]t7jv xs ■yevSd'X'rjv, 
[lv$a rioastJSdwvo? £ptai)6vsoc ?&«£* otö<; ' 
[rf]v rcdpa 5]tc rcöXeaav, rcspt t' ajjupt xe xuxXwoavto 
[i£u,evot] jxäp^at, tat S* bwpu^eiv xal äXütat. 

30 [Sc te KE(paXX]7Jvü>v äYepü>-/ü>v <püXov Spouoav, 
<ouc tdxev 'Ep>u.aüm *) KaXu<|)(i> Trtftvta vöp.fi]. 

dopövtec. *) 
[ 7]atav 'Ap7]ttä5ao Ävaxtoc ' 

[ ]([. . .JA xXuov ' aXX 1 Äpa xal tdc 

[ ] N 6td t' alxrepoc äTpofe*oio 

35 [ [tetajxpovtoiat TtdSeaat av(o>) 

Die Verfolgung geht also über Hesperien zu den M6Xavec, die 
ni. E. mit den Aegyptern gleichzusetzen sind, ihr Land heißt ja das 
Schwarze, zu den Aethiopen und Libyern, dann in kühnem Sprunge 
zu den Skythen, den Hyperboreern, nach Sizilien und zurück zu den 
ionischen Inseln, Kephallenia, Dulichion, um dort vermutlich zu enden; 
nach anderer Ueberlieferung hört sie auf den Sxpo<pdös<; auf, die süd- 
lich von ZakynthoB angesetzt werden. Wie unsere Geschichte mit 
dem Raube der Europa und ihrer Nachkommenschaft verbunden war, 
ist schwer zu sagen. Immerhin darf daran erinnert werden, daß nach 
einer alten Ueberlieferung Phineus zu einem Sohne des Phoinix und 
der Kassiopeia gemacht wird, also Bruder der Europa ist und dies 
den Ueberleitungsgedanken gegeben haben kann. 

Noch mehr Ueberraschung bringt Nr. 1359, Anfang des 3. Jhd. 
n.Chr.: Hesiods Frauenkatalog 3 ). Nach einigen Verstrümmern, 
die nichts ergeben, heißt es : 

<fjtot 6 dä>jfß<7]0>Ev te xal Löte ^lödov axoöo<ac> 4 ) 

1) Ueberliefert: [ ]AAWNIi G H lesen [ UoMt]Wu»vi, ge- 
stehen aber : 'rt seema impossible to obtain any conncxion for this verse . . . Pro- 
bdbly, thcn, eithtr something has dropped out, . . . or the verse is out of its place'. 
Der Heros Eponymos der Kephallenier ist Kephalos, der auch als Sohn des Her- 
mes gilt, während der Name der Mutter schwankt. Kalypso in diesem Zusammen, 
hange ist neu. Aber die Verbindung der -Hehlerin, Verbcrgerin« mit dem chthoni- 
schen Hermes, der als Buhle der Persephone und Hekate oder Gatte der Daeira 
angesehen wird, ist nicht auffällig. Die Namensform 'Ef.uacuv bei Hesiod (dv Ka- 
TaX<S 7H >) frg. 23 Rz. = Strabo I 42. 

2) ÖopöVce«, xa-r((u), J€[ ] und vs. 35 in kleinerer Schrift nachgetragen. 

3) [Vgl. jetzt Robert, Hermes 1917, 477 — 1), der in unserm Papyrus »den 
Rest einer poetischen Atlantiasc sieht. Korr.-Note] 

4) Ueberliefert: [ ]M€[. .]€NT€KAieiAI€MYL . ]AKOYC[. - ! [« ty 

b 1 fj]pt[).).]<v ti xal it ZU |x0[8ov] äxoüo[at] G.-H. ; Wj]|m[XX]cv is quitc ca\jectural\ 



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88 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

5 fä^avÄJTtov, ot ol töV £vapf£ec ävtecpdvTjoav. 
[xeivijjv 8' ev iie-fäpotaiv 16 tp&psv rfi 1 at[tTa).Xe] 
[SeJd[i]svoc, taov Öfe th^aTpiaiv -jotv ittixa. 
[9j t£xg] T^Xecpov 'ApxaaiSrjv, Moowv ßaatX^a, 
[[lety^eJCa* Iv cptXörntt ßtTQ 'HpaxX7]e:^] ' 
10 [o<; £a |ied' cjTTTtoog otetyev afaooö Aao[i£oovco<;, 
[ot Stj rcoaai]v Äptatot £v 'AatÖt itpa^ev arg ■ 
[ix S 1 5 fs] <AapSav>i5a>v *) fxsYadö|A<i>v <pöXov £vaupe 

<T6tOtXJt6VOC> XGIV7]? 56 t£ fTJC IJ^XaOS TüdOTj?. 

[ ] Stpaff' 'Ayatwv x a ^ X0 X tT( * )VÜ>v 

15 [ ]e [xeXatväwv kizi v[7]ä>v.] 

[ ] 7r§Xaa£v ydovt ß(i>[Tiavsip"r|,] 

[ ]o ßto) t' övSpoxtaatTj te. 

[ ] H xctTÖmadcV 6 [ 

[ J . WC ö° Txovto f 

[ ] re^oß7][ievo [ 

Die folgenden Verse sind zu sehr zertrümmert. Das Auffälligste 
ist, was den Herausgebern nicht recht zum Bewußtsein gekommen zu 
sein scheint, die starke Abweichung der hesiodischen Augesage 2 ) von 
der bisher bekannten Fassung. Bei Hesiod kommt Auge als Kind 
oder sehr junges Mädchen ins Haus eines asiatischen Königs, der 
mehrere Töchter hat. Der will sie offenbar zunächst nicht annehmen, 
wird aber durch die Erscheinung von Göttern dazu bewogen. In 
seinem Hause wächst das Mädchen heran und vereinigt sich mit He- 
rakles, als dieser nach Troja kommt, um die ihm einst für die Ret- 
tung der Hesione versprochenen und dann vorenthaltenen Rosse des 
Laomedon einzufordern; bei der Gelegenheit wird der Stamm der 
Dardaniden bis auf Priamos ausgerottet. Wer war dieser König? 
Robert sprach mir die Vermutung aus, daß es Laomedon selbst sei, 
nicht Teuthras, wie G.-H. annehmen; dieser habe in der uns be- 
kannten Ueberlieferung keine Töchter, jener mehrere; Laomedon seien 
tatsächlich Apoll und Poseidon leibhaftig erschienen ; daß Telephos in 
Troja aufwachse und eine Tochter des Priamos zur Gattin habe, sei 
auch sonst überliefert. Diese glänzende Vermutung scheint mir richtig 
zu sein. Trotzdem bleiben noch manche Schwierigkeiten. Warum 

the doubtful M »*ay be H. ttnd there is barely room for the Uro lambdas.* tote: 
— v«j wie in Töiov Odyss. 20,204. 

1) ['AuaCovJtötuv G.-H.; in vs. 1-4 ff. suchen sie die Geschichte des Telephos, 
wo icli an Apollodors BIM. II 134 Wag. erinnert werde. 

2) Ob die Mutter des Telephos bei Hesiod schon Auge hieß, ist nicht Bicher ; 
Robert sprach mir eiumal die Vermutung aus, daß in vs. (i [A^yrjv statt [xe(vTj]v 
zu lesen sei. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 89 

kommt Auge nach Troja? Ist ihr Sohn Telephos vielleicht nur des- 
halb zu einem Arkader in der späteren Sage gemacht, weil er \Ap- 
xaotöT]«; heißt 1 )? Warum das Eingreifen der Götter? Wie wird Te- 
lephos Myserkönig? Eigentümlich berührt das Sprunghafte der Er- 
zählung. Die Zuhörer kennen diese Sagen im Wesentlichen; der 
Dichter beschränkt sich deshalb darauf, die Hauptsachen heraus- 
zugreifen und über anderes schnell hinwegzugehen, wie wir es in der 
Chorlyrik und in der Balladendichtung ähnlich finden. — Bruchstück 2 
zeigt nur Zeilenanfänge: nach vs. 4 Paragraphos; dann (5) 'HX6xtp[i] ]| 
Ystvad* [ ] | Aäp6av[ov ] | 'HetC»v[a ] ! 8c «otc Afrju/rjTp . .] | (10) xat xov 
jtffev 'Hett(i>va[ ] | ouvexa A[TJ[iTjTp . .] | ahtäp Aä[p5avo? : | ex toö 

'EpfaMvioc ] | (15) TXoc[ ] | vtqI[ ] |. Bruchstück 3 ist ganz unklar; 
4 zeigt Zeilenschlüsse : ]xXeo[ ] | ']5ao d'Vrarfp ] | [ ]yßovioio \ [ ] . xäX- 
Xo< €[ ] | (5) [ ioffX]öxap.ov A[iou.]tj5[t]v] | [\ 5 ? TAxiv&ov Yslvott' ajiö]- 
p.ovä ts xpatepdv ts | | Ja ' tÖV pa nox* aotöc | [4>otßo; xtdvs v7]Xe]t 
Stox(|>. Bruchstück 5. 2 ) 6. 7 geben nichts aus. Daraus wird klar, 
daß in Bruchstück 2 die Nachkommenschaft der Plejade Elektra be- 
handelt war, in 4 die der Plejade Tqor&i] ; daß 4, 3 zu 'Ept]-/$o- 
vtoto ergänzt werden dürfe, will mir nicht in den Sinn ; wie sollte in 
vs. 4 und 5 erste Hälfte die Geschlechterfolge TTjüfärn, Aaxs5ai(j.<ov, 
3 A(t6xXac erzählt worden sein? Mit Bruchstück 4 wird 5 eng zu- 
sammengehören, wenn meine Ergänzung in 5, 3 richtig ist. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach wird aber, wie auch Robert vermutet, Bruch- 
stück 1, das die weiteren Schicksale des Geschlechts der Elektra be- 
handelt, hinter 2 zu setzen sein. Ist das richtig, so muß Bruch- 
stück 4. 5 vor 2. 1 gestanden haben ; denn nach dem Uebergang zur 
Telephossage in 1 wird man schwerlich eine Rückkehr zu den Schick- 
salen der Plejaden annehmen können. Doch wird man weitere Funde 
abzuwarten haben, ehe man zu endgiltigem Urteil darüber kommen will. 
Nr. 1360 enthält neue Bruchstücke des in Band X nr. 1234 ver- 
öffentlichten Papyrus mit Liedern des Alkaios. Nr. 1234,1 be- 
steht, wie sich jetzt herausstellt, aus den Resten zweier Gedichte, die 
durch Koronis nach vs. 6 getrennt sind. Der Beginn des zweiten 
lautet jetzt : 

Zeö KÄiep, AöÖoi jifev e^a<).XäY£i3i> 

oojt^pöpa'.ot öto'/sXtotc atdfTTjpac] 

1) Stcph. Byz. s. v. 'ApxaStd sagt: tä -flTptovujuxvj 'Waaiöar üfjiO.tv ouv 
'Apxa3t&Tj«, d).).i 5:ä -cö xax^pwvov vjtüi; tylvt-o. Das heiüt das richtige Verhältnis 
auf den Kopf stellen. Die 'Apxssßfft sind zu Arkadern gewordeu, und deshalb hat 
die Dichtung die Arkader mit diesem I'atronymikon bezeichnet. 

2) Z. 3 darf min wohl lesen <AcrxE$>ai>ovt £v[, G.-H. schreiben: ]AIMON- 

T€N[. 



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90 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Äjiji' £5(i)xav, aX xe 8ova((u&' fy[av] 

äc rcöXiv SXdTjv, 10 

06 TTfidovicC o!>8a|j.ä tuü> 'oXöv ou[5£v] 

oo3£ 7tv(i>oxovTec ' ö 3 1 üj; äX(i>?ra£ 

noixiXötppuv euaäpea ?rpoXe£a[ic] 
^Xreto Xäo7]v. 
Der Rest fehlt. Gegen wen das Gedicht gerichtet ist, zeigt seine 
Stellung zwischen dem vorausgehenden und folgenden. Dieses ist wegen 
Z. 6 7raci>d£ic 'ATpet&xic, d. h. FlEv&tXiSatc, sicher auf Pittakos gemünzt; 
hier kehrt auch der Vorwurf der Geldgier und Bestechlichkeit wieder 
(Z. 4 <p'.X<üvo)v jreö' äXejiatwv), den unser Gedicht gegen einen früheren 
Bundesgenossen, jetzt Gegner, erhebt 1 ). Auch der letzte Vers des 
vorhergehenden Gedichtes, [uooc ÄXttpov, wird am besten auf Pittakos 
bezogen. Ist das richtig, so führt uns unser Gedicht in die Zeit, wo 
Alkaios mit Pittakos im Bunde gegen einen andern Tyrannen, ich 
denke Melanchros, ankämpft und eine unerhoffte Unterstützung von 
Lydien erhält. Doch der Erfolg ist nicht, wie ihn Alkaios erwartete, 
da Pittakos den Kampf mit den Warfen aus tbffj&puw, Bequemlichkeit, 
wie Alkaios schmäht, ablehnt, um im Trüben zu fischen. Es muß 
also zu einer friedlicheren Lösung gekommen sein, als Alkaios hoffte. 
Das am Rande stehende, auf Z. 7. 8 sich beziehende Scholion ist 
überliefert : 

].NYTTO 

]A] 
JÜPC9AIC 

]OTTOYMOI 
Das scheint zu heißen: <Sott>V' &jcö|<t>at(c) | <ot»|Jupopratc | <x>o- 
itoo|t(£v)oi(c). — In dem vorhergehenden Gedichte scheint Z. 3 <erc>dßo- 

Xov zu stehen wie Theokr. 28, 2. Z. 2 ot>[ Jtatpet gibt ein neues 

Rätsel: haben wir es hier mit der gemeingriechischen Form atpet zu 
tun, wofür sonst immer a£ppsi erscheint? Wir wissen jetzt, wie 
selbstverständlich Alkaios und Sappho dialektfremde Formen aufge- 
nommen haben, wenn sie das Metrum verlangte. Aber man stutzt 
doch jedesmal von neuem. Eine Entscheidung ist nicht möglich, da 
der Zusammenhang ganz unklar bleibt. — Nr. 1360, 1 besteht aus 
dem Schluß und dem Anfange je eines Gedichtes. Dies zweite lautet: 
oü tcävt' ifi Ä^[opoc] <(j.ivttc 6 llöfttxoo 
oüö° ioDWETöc, aXXotot ') o' <#jroaTov eu> 

1) Dieselben [öis/c]Xioi; z-ix[r,^z] kehre» auch in nr. 13U0, 5,7 wieder, wo 
also auch von l'ittakos die Rede sein muß. 

2) Uelicrliefert ist OYAACYNN€T(-]CAMOICh fofrl** GH - 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchua Papyri Part XI 91 

ßw|Kü AatotSa toöx' £^üX<i£a<to>, 
p.75 xiz tÄV xaxoTtatpCöav 

siostai cpävEpai t' <w>3tv x ) a;c4pxa<ot> 

<W« ßöXXao, der Rest fehlt. 
Hierin ist rfi offenbar = jjv wie bei Theokr. 30,16; daraus folgt die 
Ergänzung £fpuXd£a<To> ; das Medium, weil es die Anteilnahme des 
Sehers ausdrückt, äaöwttoe wie äoowinjftt Alkaios frg. 18,1. xaxo- 
naxpidat; ist neu; es steht neben xctxö;caTpic wie euJtaTpiÖ7]c neben 
siS7catptc; gemeint ist Pittakos und sein Anhang. Der Wechsel von 
Futurum und Konjunktiv nach jt^, weil beides gleichberechtigt ist. 
ajcApxaoc, mit verkürzter vorletzter Silbe, ist neu; es muß das Ad- 
jektiv zu dir* apxfa sein und bedeuten >von Anfang an bestimmte 
Statt Hm ist natürlich auch i>swv möglich. Wenn meine Ergänzungen 
im ganzen richtig sind, so muß das Gedicht entstanden sein, als ein 
Spruch des delphischen Orakels sich zum Schaden der Tyrannenpartei 
erfüllt hatte, worüber Alkaios frohlockt. Auch Bruchstück 2 ist, wie 
die Randnotiz 2 ) beweist, gegen diesen Tyrannen, also Pittakos, ge- 
richtet; ebenso, wie ßchon gesagt, Bruchstück 5. Wir haben es 
also mit einem ganzen Kreise von Gedichten gegen Pittakos zu tun. 
Die Fetzen, die sonst erhalten sind, ermöglichen leider keine an- 
nähernd sichere Deutung und Ergänzung. 

Nr. 1361, erstes Jahrhundert n. Chr., enthält Skolien des Bak- 
chylides. Bruchstück 1 deckt sich zum größten Teile mit dem aus 
Athen. II 39 e bekannten Frg. 20. Ich setze das Ganze, soweit es 
lesbar ist, hierher. Die f ] Klammern umschließen das in P Fehlende; 
C, E sind die Handschriften des Athenaeus. 

<L ßdpßtte, uvnx£ti jräooaXov <poXäo[o(üv] 

entaTovov Xtfupäv xä~7raue fäpov 

Seüp' ec iu.ac yßß*G' opu,aiv» xt Ä^|X7c[etv] 

"^puosov Mouaäv AXe£av3p<p Rtepöv 

xal ao|j.7toa[iot]otv ÄfaXu^' ev] eixä8ea[otv], 5 

sute vecüv ä[*fai}ü>v f^ u * s t äjväfxa 
asoou.eväv 3 ) x[oXixiov däXffi]]eu dopJöv] 
KöffptWc t' £Xä[U Siatd*Jaa*Q 4 ) <pp£]vac* 

1) (pdvipai t[oi]3tv G.-H. 

2) Sie lautet: Opeic öe 3iY'I~e <u3ncp vexpuiv tepo't iu;:-.':, -,■'.■ ^v Suvap-cvoi äv- 
TtaT^vai T(L TupavMüi, und 2 Verse weiter : i)X w MuttÄijvctfoCj tun l~t xccttvov jiövov 
dotnoi -ö cjäov, toüt 1 (c3tiv) eu>c oüotTTiu T*jpavv[ey tt,] xgt*a33£<aflf>Ti xal xaTana'iaaTt 
xayiu)«, jit) Xa[firp<i]|Tcpov xö ipü« ytVrjTat. Ucberliefcrt: xa-ras^cTt. 

3) So schon Maß; oeuopiva C, ytuopiva E. 

4) KYTTPIAOCT€ATTl ]NAC P; «fcpta ü.nU 8» aOtan« 0, *. £. 

V tv&üsa« E, KüTTpiö',; £' Wwäc StttflittMi Erfurdt, 3iaö , iaTJi Blaß. 



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92 Gott. gel. Anz. 1018. Nr. 3 u. 4 

ä [Ui*rvDߣv[a ') Atowofotot] Swpoig 
avSpAotv u^o[tätü> «6|Mttt] p.Epiu.v[ae;]- 10 

aöttxa u,fev *) rcfoXuov xpa3s]u.va 8 ) X[t>st], 
TCÄoft 5' av$p<i);rot<; jiovap]^TJo[etv Soxst], 

■/pü[o]<i> [5 1 iXeyavti ts UApji]atp[oooiv oly.ot,J 
Tropexpföpoi 5e xat' aifXaevTJa 4 ) rdfvrov] 6 ) 
väec 6 ) a7o[ooiv ö^' 7 ) Alyü^roo uiftotov] lö 

ttXoütov * ü>c [jiivovto; opjxaCyfiE xeap.] 

to jr[a]t iw^aXfoaä-evfio^? 

Es kommen noch 6 Zeilen mit einzelnen Buchstaben und 2 kleine 
Stücke, die keine sichere Ergänzung ermöglichen. Das Gedicht ist, 
wie ys. 5 zeigt, ein Skolion; die außerordentlich einfache metrische 
Form wird es besonders leicht singbar gemacht haben. Angeredet 
ist offenbar der makedonische König Alexandros I, Sohn des Amyntas; 
am Rande, links von vs. 2 f. scheint sein Name zu stehen: [*AXeJA]v|- 
[3p(j>]| ['Au.övt]a. Daß dieser nach seiner ganzen Haltung während 
der Perserkriege den Anschluß an die griechische Kultur suchte, war 
bekannt; auch Pindar hat eine Ode an ihn gerichtet, wie frg. 120 
zeigt. In welche Zeit unser Lied fällt, läßt sich nicht ausmachen. 
Frühester Punkt bleibt 478, nach der Befreiung Makedoniens von der 
Perserherrschaft; andererseits macht das Lied den Eindruck, an einen 
noch jungen Mann gerichtet zu sein. Wir werden es also um 475 
ansetzen dürfen. — Bruchstück 4 ist ein an König Hieron Attvav e<; 
Eüxtitov gesandtes, also in Griechenland vermutlich verfaßtes Skolion 
(vs. 6 aojuEÖtaig fivSpeaat), das wohl bald nach 476 anzusetzen ist: 
Ode 5, die Hierons Sieg mit seinem Rennpferde Phereuikos vom Jahre 
476 feiert, wird Z. 8 ff. erwähnt. Am linken Rande steht diesmal 
deutlich [ c I]ep<ov: | [So]paxoot(|>. Nach den einleitenden Versen folgt 
ein Mythos, den ich leider nicht bestimmen kann, so viele Einzel- 
heiten auch deutlich zu sein scheinen. Sehr sonderbar ist ein zu 
Z. 13 f. gegebenes Scholion, das zu der im Texte stehenden Lesart 

1) So P; dvttptrvttfjiva CE. 

2) AYTiK[]M6N P, «M I* C, «***« |**v E; rittf 6 fUv Bergk, »th« 

;i£v Kaibel. 

3) • • ]MNA I*i xp^öeuvov CE, xpV.Sijiva Erfurdt, xpBocpva Bergk; doch vgl. 

xaW.ixpTjOEfiv&u 3e5; 1361, frg. 5,22 und das attische x>£ßij; eh. 7>. 9. 11, xtfpijv eb. 
Z. 19 neben xoüpz 1361, frg. 4, 13. 

4) Bergk, at^ma CE. 

5) Von CE ausgelassen, ergäuzt von Erfurdt. 

6) Bergk, vf.e? CE. 

7) Musurus, In' CE. 



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Orenfell and Hunt, The Oxyrbynchus Papyri Part XI. 93 

xpatEpt* tex.'|. . . .] Sovt *) avd^xa eine Variante gibt, die ein Ptolemaios 
gelesen haben soll: DtoX(s|MiCoc) xapte[p4 tsx]etv. Da hätten wir also 
eine Textrezension, von der wir bisher nichts wußten. Ist die Ver- 
mutung der Herausgeber richtig, daß es Ptolemaios Pindarion ist, so 
hätten wir es mit einem Grammatiker zu tun, der die beiden Rivalen, 
Pindar und Bakchylides, herausgegeben und vermutlich wechselseitig 
erklärt hat. 

Ein wertvoller Zuwachs für unsere Kenntnis und Schätzung 
alexandrinischer Poesie ist Nr. 1362 (1. Jhd. n. Chr.): Kallimachos, 
Aitia. Ich setze das, was im Zusammenhange lesbar ist, wieder 
hierher, damit jeder sich daran freuen kann. Kallimachos berichtet 
von einem in Aegypten ansässigen Athener Pollis, der auch in der 
Fremde seine altheimischen attischen Feste feiert (Athen. XI 477 c, 
wo 'Ixfoo statt olxeioo zu lesen ist = frg. 109). 

7]tbc oüSs jctdoiftt; iXdv#avev oi>5' 5ts SoüXotc 

Tjjiap 'Op6atstoi Xsoxöv cryouai X° s d 
'Ixapfou xai zatSöc Äfwv E7e£tsiov afiatöv, 

'Atdtotv oixTioti], aöv <pdoc, 'HpifdvTj, 
e? Sait7]v IxdXsaaEV 6u.7]$Ea<;, ev di Vü totat 5 

£elvov, 5? AlfÖTitq) xatv&c aveotp^sto 2 ) 
|teü.ßXü>X{i)<; YStdv tt xarä Y0&C * ijv ob 76v£$Xt]v 

"Ixtoc ' (J> JovfjV efyov ef <j) xXtaujv 
oüx sTcitdJ, aXX* aivoc ( 0|M}ßlxÖ£i aüv ojiotov 

&G $E<5c, of> tjwo&fc, ^C TÖV OftOtOV ÄfSl. 10 

xal Y«p 6 Bp7]txc7]v u.ev dizeatofs ^avoöv SfJLUOTtV 

oivoTCotEtv 3 ), oXtftj) 3* fjSsTO xtoaußE(|>. 
t<j> jtev sfü) tdS* 4 ) s^Eja 7rBptoTst-/ovtoc aXEtaoo 

tö tpttov, bot ISä7]v ouvou,a xal fEvsTJv 
*H p-aX' s'jtoc to'8' aXT}&6c, 3t* oi> u.övov uSaroc alaav 15 

aXX' tu xal Xiox^c otvo« *x« v IM**") - 
ri)v "^u-stc, ofcx iv fäp apooTTipEaai tpopEttai 

ouSe" (UV sie axfevEic] &pffiai$ 6 ) oivo'/öwv 

1) Das muß der Namo des Kindes seiü ; er kehrt nachher wieder Z. 18 ]vxo; 
cXßiov Tfrffffi wo daraus der Vater eines neuen Geschlechtes geworden ist. 

2) Ueberliefert AN6CTPA06TO mit übergeschriebenem €■ 

3) C* u& o< tOT| t v Ath. 

4) töo* Atb. 

5) V8. 15. 16 = Ath. I 32 b anonym, mit frg. 88 des Simonides verbunden : 
tj yefp CE; t,v äp' Poraon: ^jxdX' Pj >.£>//,; CE: '/}^ T fi Bergk: Mogqc P. 

6) G.-II. schreiben: o-joe* jxtv ei; dt[cve:;] oder ä-:[pE|«r;] oder ÖT[p<5(io'j;] oder 
dt[p>£i:ou;] ofppuac. 



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94 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 8 u. 4 

airrjoetc 6ptfü>v oY IXeöö-epoc Ät|iiva aatvst 1 ) l 

ßäXXü)[i£v ^aXsrtij) (pAp|j.axov iv ird*iatt, 20 

OeufevGc» oaaa 8' £[ieio aftdw rcäpa do^öc; äxoöaai 

IvaCvu, tASs jiot X6£ov [ävstpop.6vJ(|). 
Mupjitöövwv ioafjva 2 ) t[t icätpiov uj|i[ii odßeodat 

ri7]X£a, %Ü>c v Ixip £uv[ä t& 060oaXij%<& 3 ), 
teü S' Ivex=v -pjteiov i5<fe a>UT<öm)p*> *) Äptov Syooaat 25 
^pü)0<; xa&dSoo Jta[pd6voc col. II 

eISötec <5>C ivdjcou[ot 
xeivTjv T] Tcept 07]v[ 
oöd' kzip-qv fe'Yvwxa* t[ 

oSovca u.t>deEodai ßo[ 30 

tfaöt 1 ] i(j.6dsv Xejavtoc [ 

T[pio]p.axap, r) Traüpwv #[Xßtdc eaai [lera,] 
[vaimjXfrjc et V7jtv SfaetC ß'-ov äXX' eu.öc; aicöv] 
[xufiaatv ai]{rob]c |J-ä[XXov eocpxioato.] 5 ) 
Die folgenden Bruchstücke 2—5 geben nichts mehr aus. Neu sind 
auch hier wieder, wie zu erwarten war, mehrere Wörter: mftoifCc vs. 1, 
a-fiotiK vs. 3, lyaivi» vs. 22 = ixaväw, eme regelrechte Bildung zu 
I^ap ; vgl. über diesen Wechsel von n/r-Stämmen Fränkel, Griechische 
Denominativa S. 10. 12. Auch hier wie so oft das Spiel mit der Ge- 
lehrsamkeit, der Kenntnis alter Mythen und seltener Wörter 6 ); aber 
daneben doch soviel frisches natürliches Leben, daß man daran seine 
volle Freude haben kann. — Auch Nr. 1363 (2. oder 1. Jhd. n. Chr.) 
gibt Kallimachos, und zwar aus den Jamben wie die großen 
Stücke von Nr. 1011. vs. 5— 7 stimmt mit frg. 86 überein; aber da 
Anfang und Schluß der Verse durchgehend fehlen, ist mit dem Er- 
haltenen nichts anzufangen. 

1) Für diese Lesung und gegen drpivcr; ai.ef spricht die Hesychglosse aalvti * 
xoXaxc'Jet, rpoGrjvt'Jrrcu . [xiväaacij dffs^ctai , Ouincjct. 

2) Der Spiritus asper ist im Papyrus besonders bezeichnet, und wir haben, 
solange die Etymologie mit einem alten anlautenden a rechnet, kein Recht, diese 
Schreibung als falsch zu bezeichnen. Mupfiiolviov E«fjva = frg. 508. 

3) Lohel. 

4) Das Wort aütdrcup = afconupo; habe ich mir vor Jahren notiert, kann 
aber die Fundstelle augenblicklich nicht nachweisen. Daß es hier stehen muß, 
lehren die von Athenaios III 100 ff. zusammengestellten Brotbezeichnungen. Vokal- 
länge wie in öfnüpo; neben aürfinüpo;. 

5) vs. 32 — 34 = frg. 111, 2 — 4, wo vautiX&QSiv tjv überliefert ist; vauiiMr,; 6; 
vt)iv Dentley, v. tl v. Xauck. 

6) Bei Athen. XI 477 c wird Kallimachos der Vorwurf gemacht: foixt otafiap- 
•ravtiv iv x^ Svjypf.au xiüv ivcifjaxtuv . . . . ö fäp Myom dXeisov tö oütö xal xiaaißtov 
ttjv dxpipTJ Woiv tä>v Ävop.dt(uv oü 5ia(puXärm. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrbynchus Papyri Part XI 95 

Eine sehr große Ueberraschuog bietet Nr. 1364, Anfang des 
3. Jhd., ein großes, zusammenhängendes Stück aus dem 
Buche rcepl aXi]döta<; des Sophisten Antiphon. Ich glaube 
auch dies hierher setzen zu sollen, obwohl H. Diels es schon in den 
Sitzungsberichten d. Berl. Akad. d. Wiss. 1916, XXXVIII S. 931— 6, 

abgedruckt hat. Es lautet 1 ): \ ]&od | [ ]tj | f. . . 

](tB 1 [. . .]<oüxoü>v eo | (5) <&ptotat, <pTj>[ü | <e-rü>,> SixaioouvT] | 

jrävta (tä)*) rrfc irö|Xscoc vä^iia, | ev -jj Sv :roXt|(10)TeÜ7]Ta{ Tic, |if)| 

itapaßatvetv. XPV 1 * ^ v °" v I £vdpco7ro<; |ii|Xiata iaot<j> | (15) £o|i<pepdvTü>c;| 
Stxatoaövfj, ei | |i.etä |iev |iap| xöpoiv tol>c vö|(i.oüc [j.&'räXooc | (20) ÄYOt, jxo- 
voüu,s|voc Se [i.apt6 Ipwv ta tt)c; <p6|aeci>c- t« |iev fäp | twv vd[iü>v | (25) 
[iftidjeta, tä Se | tijc foaecac alva^xata" xai xä | p^v tüv vö||ia>v 6110X077]- 1 
(30)ddvta 00 ^öv|t' eattv, ta Se | xffi cp'j06<oc ^t>v|ta, ou^ 6|toXoY7]|- 
d£vta [[o&x ö]] | (35)[[u.oXof7]dev]] | [fta]]. ia ouv vö(tt|p.a rcapaßatvtov | 
eäv 3 ) Xä$-fl toijc | 6u.oXo-pjaavTac, | (40) xai atcrxövijc | xai Cvjjxtac a]:njX- 
Xaxtai, [vi] | Xa£üv S'oB - tö>v | Se rjj tpöoet $0^1(4 5)<pÖTü>v eäv Tt 4 ) rcapi 
xö Suvatöv | ßiäCqtai, eäv | te fcävtac äv|^pü>Tcouc Xd^jj, | (50) oöSev 
£Xat*ov | tö xaxöv, eav te | aavtec; iScoaiv, | ooSev jLetCov | 06 fap StA 
Sö£av | (55) ßXäjttetat, äXXa | 8t' aXiJdeuxv. Sott | 8s rcdvtcov 6 ) evs|xa 
TGÜTiov f| ox£|<[jt<;, ort ra rcoXXä | (60) tüv xata vö|[iov Stxatcov | 5roXey.üi>c 
T D | <p6oet xsttat. ve|vo|ioireT7)tat | (65) ?ap im te tote ö|^>daX[j.otc, & 
Set I auroüc 6päv xai | a oö Sei, xai lici | tote wot'v, a Set ao|(70)ta 
äxoÖEtv xai | & oö Set, xai km tfj | fXwTrj], a ce | Set aörfjv X&r/Btv | xai 
S 06 Set, xai e|(75)fli tat«; x £ P°^ v t I 8 te Set aitäc Späv | xai a ou Ssl, 
■xai | erci tote jtooiv, e|<p' a te Set aotooe | (80) livat xai ey' a ou | Set, 
xai km tq> v*j>, | <Lv te Set aotöv | snidou-etv xai | d>v u.tj. [00 ite]v ö ) ouv | 
(85) ooSev t-q «pooet | ytXtiötepa oüS* oi|xetdtepa, atp' J>v | 01 vöjtot ano- 
xp^|7rooot tOÖc ävdpwTcooc, | (90) 7j ey' & 7tpotpe|jtooaiv. t[ö S' au] 7 )|Cr)v 



1) Ich lasse kleinere, mir sicher scheinende Ergänzungen unbezeichnet. 

2) Im Pap. ausgelassen, von G.-H. ergänzt. 

H 

3) ebb Wilamowitz, übcrl. HAN- 

4) G.-H., übcrl. xe; xt auch Diels. 

TTAN 

5) Ueberlief. A6 Tu)N[[A€]] ; "clvriuc tävoc Diels. Ich halte die Ueber- 

lieferung für richtig, allerdings auch die Deutung von G.-H. für falsch. Die Worte 
heißen nicht: »all this is the objeet of our inquiry*, sondern: »bei allem geht die 
Untersuchung um diese Dinge«, d. b. um 5o;a und dW,8uft, vSp.0; und cpuai;. Der 
Ausdruck ist nicht gerade schön; aber Hermogenes wird schon gewußt haben, 
warum er de ideis 119 Antiphon vorwirft: Wfffi föv ),4ygv xai It«v daatp)]« xä 

6) Diels: [£3tt]v G.-H. 

7) Diels: x[ö Yrfp] G.-H. 



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96 Gott. geh Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

eau f/jc (pö|oen>c xat xb arco |\ravetv * xal xb \ (95) jiiv C^v a6t[otc] | ecmv 
airö tü>v | {oji^spövtüiv, | tö 2e arcodavetv | änö tojv jt-Jj £uji.| (100)<pepdv- 
tü>v. :a | £fe Juu^pEpovta | rä [tev uJtö ') roiv ] vdu.o>v xet||ieva Seo^ia | (105) 
t?); <föaeü>; eoTt, | tä 8' ÜJtö n); ^d[<je(o; eXeö^Epa. oB|xoov xa aX?(>|- 
vovto 2 ) öpdcj) fe 3 ) Xö|(110)y<j) iviV7]Otv tt]v | tpüotv jiäXXov | t) tä eü- 
fpatvov|ca* oftxoov av ou|Se £o|j.^epov|(115) t* etirj tä XujroövTa | u,äXXov 
t) tä TJ|8ovta" Tä 70p x<j> | äXTjdet Ju|i9^|povta ou ßXa|(120)7iTEtv Sei, 
aXX* (üJ^eXelv. tä toIvdv | t*j) tp6oßt £u[i|^dpovta TOYT[. | es fehlen 
2 Zeilen; dann geht es weiter (126) [ ]OTIA[. .] | [ ]ATT[ 

H 

. . .] | [ ]ANA [. .] | [ ]KAIOI . [.] | (130) [ ]NTAI. xat|[o?Ttve]< 

av 7ta|dövTec äp.uvtüv|tat xai (17) aÜTol | ap'/wat toö opäv | (135) xal 
otTtve; av | toü; ?stvau.e|voD; xal xaxouc | ävTa; Et; auTou; | eu JCOtÄOtV 
xal o*. | (140) xaTÖu.vuadat | SiSövte; £x6|pot< 9 aÜTol 5e uvq | xatopu^s |vot ■ 
xai toütcüv | (145) töv etpTjpivcov | ttöXX 1 £v t*-c eu|pot rcoX£[ua T*f,|<pöoet. 
Ivi c" ev aü|Tot; äXfüveaftat | (150) ts |xaXXov e£öv | tjttw, xal sXät|T(i> 
vß&affax e£öv | ttXsEü), xal xaxüc | rcäcr/etv e£ov | (155) {ii] zätr/etv. | ei 
jifev oov Tt; ! tote Toiaöta ffpooj lepivot; 4 ) erctxoö|p7iO'.; £717ve|(160)to 
?:apa iffiv vö|juüv, Toi; Se jitj | 7rpoatE|iivot; *) äX|X* evavTtouu;£|vot; eXäTTco- 
ot;, | (165) oüx av[wpeXec £v] | f,v x[b Tot; vö]|[iot; ffsi[deadat" vöy] | Se 
<pai've[tai tot;] | «poaiepivoic | (170) tä TO'.aöta tö Ix | vöjioo Sixatov | 
o&x txavöv EÄ'.|xoopEtv o ?e rcp<ü|tGV jifev littxߣ\(]15)zei T<j> ^äo*/ov|tt 
aaftsiy xai T(j> | Spwvrt Späoat, j xal oüte evTaülda SlexojXue töv | (180) 
5tdo-/ovTa p.fj | Traä-etv ouSe töv | SpwvTa (uvrj) 5 ) Späaat, | et; T6 ttjv ti- 
ix(ü|ptav ava^pepö|(185)[isvov oöSev | tÖubtepOV eni | xip Tte^ovdört | i] T(j> 
(5e6paxö|Tf ^etoat t ) 70p 6<et> T ) | (190) ai>TÖ<v> ®) <TO>i); T<t|j.ü>>|- 
p<ijoovT>ac 11 ) (ix; S|«acA«y« <xal> 10 ) Söva|a$ai at[ttdo]et") St|xTjv [ E Xst]v 11 ) 
Tau|(l95)Ta Se xaTaXEl|^Etat xal T(j> 3pd|aavTt äpvEta^at 12 ). Es fehlen 
5 Zeilen; dann geht es weiter: (203) CTINMAA[]| oor^ep t[(j> xa]-](205) 

1) Ucberliefert ir.6. 

2) G.-H., überliefert dXpv&uvTB. 

3) G.-H., über!. -1. 

4) G.-H., übcrl. rp&Vciiivoi;. 

5) In V ausgelassen. 

6) Diels; TT6PAI G.-H.; die Lücke zwischen € und A scheint mehr für 2 

als für 1 Buchstaben zu passen. 

7) A[ G.-H. 

S) A[ ]TO • G--H. ; von dem Y ist noch die rechte obere Kcke zu sehen. 
9) . ]YCT ■ [Ol P[ ]AC G.-H. ; dieselbe Ergänzung hat auch Diels. 

10) So auch Diels. 

11) Diels. 

12) Diels ergänzt [Uouivip] \ das scheint mir unnötig, wenn cataf im Sinne 
von >ebenso« gefaßt wird. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchns Papyri Part XI 97 

■ei]? opoöfvtt i{\ | xatTjf op<tXTJ, lbt)> *) «etOco d<|tovrtx^> 2 ) | T<j> te rce- 
[ffov^ö] jxt xai Tij) 5e8pa|(210)x<5ti -^[verac] <^> | -rdtp v[(xt] 8 ). . . Es folgen 
noch 20 meist ganz kurze Zeilenanfänge, die keine Ergänzung ge- 
statten. Das zweite Bruchstück zeigt in der ersten Kolumne nur 
ebenso kurze Zeilenenden. Zusammenhängenden Text gewinnen wir 
dagegen wieder in Kolumne 2; er lautet: <toöc [ifev g£ e&jrd>|pa>v 
6B[oriÖoöjts]|dÄ « xfat OEßäu,eda], | roüc $k [k% \t.i\ xa]|Xoö 4 ) otxfoo 8v- 
tac] | (270) oifce i«[ai8oou.e] |da oBts oeßdu-cda, | kv zobxtp fäp | Ttpöc 
ÄXXijXoi* | ßeßapßapaju.e|(275) ^a* tasl cpöost | ftdvrat iravts; | 6u.oEü>c 
SMp&xa[|Uy xai ßäpßa|pot xal ^EXXtjve? | (280) etvat. oxoneiv | 8fe fffltpfytl 
tä | tüv ^üosi [Svicov] | avcrpcatwv | fläotv av^pco | (285) tcoic * 7t<pöc ßpü- 
otv> | ts xatä ta<&xä siaiv> 5 ) | Sovd<jtetc tivic> | xai £x<xptatv ao>|- 
toic — oBte ßapßa| (290) poc a<pci>piotat | ^[Läv o|u8etc] | oote ^EXXtjv — * 
a|va«v6o|xev | te ?ap tlc töv a|(295)£pa arcavtcc | xata tö OTÖ[ia | xal 

xatä tac pt|vac' x[at ] | [. .]N X[ ; es folgen noch kleinere Fetzen 

ohne erkennbaren inneren Zusammenhang. — Es ist gewiß nichts 
Kleines, daß uns hier einmal ein Stück ältester attischer Prosa ge- 
schenkt wird, an dem wir das Werden der rhetorischen Kunst stu- 
dieren können. G.-H. haben auf einige Seiten dieser Stilgattung 
richtig aufmerksam gemacht; es scheint aber sehr wünschenswert, daß 
die Frage nach Wesen und Art des Stils des Sophisten Antiphon neu 
bearbeitet wird. Auch die nach seiner sophistischen Rabulistik. Erst 
jetzt wird uns der Gegensatz recht klar, in dem Sokrates zu diesem 
Manne gestanden hat. Mit Staunen und Grauen sehen wir in diesen 
Abgrund wissenschaftlich sein wollender sittlicher Haltlosigkeit. Außer 
den von G.-H. angeführten Stellen aus Piaton sei noch besonders auf 
den Gorgias aufmerksam gemacht, wo die langen Auseinandersetzungen 
über das vö^icp und tpbaei Gute und Schlechte erst jetzt ihr volles Licht 
von diesem neuen Funde erhalten. Piaton hat das Werk offenbar 
gekannt und ohne Namensnennung bekämpft. Wie gefährlich die So- 
phistik für die sittliche Erziehung eines jugendlichen Volkes sein 

*) H *T,5]|xaTT,7op[itt« . . .] G.-H. 

2) ä|>Wv] Diels. 

3) Diels schließt den Satz hinter 5e3pax6Tt and fährt fort: yfy[nxat] | jap 
■*[(xTj xai K]{t*04t x[»l- Dagegen spricht die sonst sehr sorgfältig durchgeführte 
Interpunktion, die hier jedes Zeichen der Satztrennung vermissen läßt. 

4) Diels. 

TAI 

5) Ueherlicfert KAT[ ; **Ta ~a[u7ä auch Diels. Dieser ergänzt die 

ganze Stelle so: -[opiaai] | xt xaxä *ra[\)Tä] | öuva[Ta rast] | xai i\ [rAzt ?oü][~eu 
ojte xie. Dabei wird die vor <me stehende Interpunktion nicht berücksichtigt und 
das in Z. 288 überlieferte €K geändert. 

GM. (ol. Au. 1918. Nr. 3 n. 4 7 



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93 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 n. 4 

mußte, dafür kann man sich kaum einen besseren Zeugen wünschen 
als diese Schrift Antiphons. 

Von einem bisher noch nicht bestimmten Verfasser, vielleicht 
Aristoteles, stammt Nr. 1365, 3. Jhd. n. Chr. : Geschichte derTy- 
rannis von Sikyon. Der Text lautet: (6pd>v 6 S^|xoc oder ähnlich) 
|#vxa S'np.jtYjv *xat | cpaöXov *cöv av$pa>|7:ov rcapTjuiXTps | toü u-avteioo '). 
xai tac | (5) jifev aXXac $oaia<; tä<; | kxixa'f&siaa.s kv. twv | A?X?ä>v aj:§- 
Scoxe | tote ^sotc, t>); 8e Tr>|pavvt5o<; tt)<; [isX|(10)X9ua7]c Sosodai xats- 
[<ppövT]06V. 6 8e 'Av|8p£ac tö 7svö|isvov | a6t<j> icaiÖiov ¥rpe[cpev Övojta W- 
u.evo; | (15) T Opda?<5pav 6c |t*XP* | ulv ^Xtxtac Sftetfi] |[X]eas 5iaira>|is- 
voc | xcti 7rat8Et)6p.Evoc | odtü>c, &arc£p "^v ei|(20)xöc oiöv r$vra p-afetlpot) 
xai toö to^övtoc | täv TcoXtTtüV £jcei|5t] 5e ttjv tä»v 7ra(|8(ov ttap^XXaJey 
*^|(25)Xtxtav, fev6{iSyoc | **&v TcepticdXtov tü>v | <ppoupODVTü>v ttjv | x ( * ) P av » 
xoXd[ioo <3dv|sotü>to<; tote Sixuioj (30)v(otc rcpöc IIsXX-rj|v^ac "qv |xev ev 
ajjcaat toic xatpot« I|vEpYOC xai ^aptetc ' | xata5pap.övTü>v | (35) 8s tüv 
ITeXXTjvdwv | xai au^ßafXövcwv l£ <u]|<pvi5tOD ßo[i]$^aac] | &ftftxxeiv[ev t<öv 
ffo]|X£jit(üv Ttv[äc xai] | (40) ttoX& Äävtfwv eo5o]|xt|j.7]as |ta[Xiota] | täv 
7C£pt7r[öXo)v], | dvd' tov ot £[ixo(im]|oi T:EptÄÖX[ap^ov ao]|(45)röv äff£5et- 
[£av. e&döc] | 8e tu'/ü>v rfaurqc] | Tq<; xt|i.^c 6[vlxtj3g] | wjc äoXe[i»[ou? 
fett] | Xa(i7rpÖTep[ov , coots] | (50) tu>v 7toXitüj[v rcoXXoöc] | <}>xsiodto x[al 
rcpoo] \1flB%o ' xai ^[pdvou] I KpoeXÄövTo[c e?Xov]|to iroX6(j.ap/[ov ao]|(55)töv, 
ftäXtaia [jtsv 8t]|ä ttjv av8pet[av xai] | rqv EÜro^tav [rrjv] | xatä röXeaov* 
[EirEt]|ta xai tö «Xi^o; twv] | (60) tcoXitwv eo [flpö<; aü]|töv er/ev ■ rc[o- 
Xe]||wjaavTOc 8[e xarä] | r?]v äpyrjV a[v8pEtü><;J | rr)v te )(ü>pav [ttjv] | (65) 
oixEtav 8ia[<poXa]|£avT0<; xai 7i[oXXä xa]|xa tol>c icoXe[[j.Eouc] | iroi^aavto[c 
6 |t£v] | öt)u,oc 6 twv [Stxua]|vC»v au&t[c — damit bricht das Erhaltene 
ab. Ob sich die Frage nach dem Verfasser mit den uns augenblick- 
lich zur Verfügung stehenden Mitteln wird lösen lassen, erscheint mir 
zweifelhaft. Auffällig ist die enge Berührung mit Diodor, weswegen 
G.-H. geneigt sind, Ephoros als Verfasser anzunehmen; aber das ge- 
nügt nicht zu einer einigermaßen sicheren Feststellung. Die Frage 
muß offen bleiben. Interessant genug, daß diese alten Geschichten 
im 3. Jhd. n. Chr. in Aegypten ihre Leser fanden. 

Mit Nr. 1366, Ausgang des 3. Jhd. n. Chr., die einen Fetzen aus 
einer attischen Gerichtsrede enthält, läßt sich leider nichts 

anfangen trotz der Namen ]ofEvoo<; col. I und 'Avnoftsvofuc] col. II 1. 

Was in der Geschichte wertvoller mittelalterlicher Handschriften 
so wohl bekannt ist, daß sie zerschnitten und zum Einbinden oder 
Verkleben anderer, höher gewerteter Handschriften benutzt wurden, 

1) Vgl. Diodor, Exe. Vat. VIII 24, Plutarch, de aer. num. vind. 7. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 99 

bis die moderne Wissenschaft sie aus diesem Frohndienst löst und 
zum Reden bringt, das ist auch im alten Aegypten geschehen : brüchig 
gewordene Rollen wurden mit zerschnittenen älteren Papyrusblättern 
unterklebt und gesteift und so für einige Zeit zu weiterem Gebrauche 
gerettet. Aber wenn das meist für die Wissenschaft wertlose Blätter 
sind, so fand sich doch unter Nr. 1248, einer Abschrift von Piatons 
Politikos, auch ein wertvolles Stück: Nr. 1367, Ausgang des 2. Jhd. 
n.Chr., enthält Herakleides Lembos, Auszug aus Hermip- 
pos rcspi vojj.o^etü>v I u. II. Bruchstück 2 lautet: f HpaxXs(5o-> 
»oü | Eapajrüüvoc £rctto|i.T) l tü>v 'Epuinjtoo 7ispi | (70) vojj-o&etdöv xal | 
erctä ao^pwv xal | Ilo&aY<5poo. Da das Buch in Oxyrhynchos zu Tage 
gekommen ist, wo Herakleides Lembos zu Hause war, ist der Schluß 
naheliegend, daß er mit Herakleides, dem Sohne des Sarapion, ein 
und dieselbe Person ist, die Angabe des Demetrios Magnes also auf 
einem Irrtume beruhen muß, daß er KaVXattavdc sei, also aus KaXXa- 
ttc am Pontos stamme. Das Stück lehrt aber auch noch etwas Wich- 
tiges für die Arbeitsweise des Herakleides : er hat nicht aus mehreren 
Werken über denselben Gegenstand ein neues zusammengeschrieben, 
sondern die ihm vorliegenden umfangreichen Werke einzeln ausge- 
zogen und sie dadurch selbständig erhalten. Ein größeres zusammen- 
hängendes Stück gibt frg. 1 ; es lautet : 5tö xai ttvec | Sixtjv sjnjve*pcav 
aö|r<j> exaröv xal svsv>j|(5)xovTa taXavrwv w; 7ta|pa IlroXsjiatoo Xa- 
ßdvti ') st? rrjv TttSXtv ' TaötTjv | S' äito:pt>7Övro; ÄXXtjv I sTr^vs^xav taXav- 
twv | (10) [sxatövj ffsvr^xovTa. | xai 6 [isv sl? Köp:v$ov | ^sto' xara8*.- 
xaaftsic | 5s sitwXstTo Ttpöc ri]v xataStXTjv jistä | (15) täv uicap^övtcov. 
o65s|vöc 5s Ttöv ffoX'.ttöv | ü>vou[isvoo ot TS *) aypoi | SispftäpTpav xai ^ 
ol|xta aov^ireasv. Wer dieser vojig^eit]; gewesen ist, kann auch ich 
nicht sagen. Daß es sich vermutlich um die Stadt Kyrene selbst 
oder eine ihrer Nachbarstädte in der Kyrenaika handelt, zeigt die 
Erwähnung des Ptoleraaios; in Aegypten selbst käme ja keine Stadt 
inbetracht. Von Demonax aus Mantinea, dem vo[ioi>st7]c von Kyrene, 
handelt der folgende Abschnitt, der leider stark zerstört ist; das paßt 
zu Athen. IV 154d, wonach Hermippos sv a' stpl vojio&stäv darüber 
gehandelt hat. Wir können jetzt noch genauer sagen, daß das am 
Ende des I.Buches geschehen sein muß, weil in unserm Papyrus un- 
mittelbar anschließend in Z. 40 die Buchbezeichnung ß folgt. Aus 
dem 2. Buche sind noch einige Zeilen über Kekrops und nach einer 
großen Lücke etwas mehr über Buzyges und einßn bisher unbekannten 

1) Ueberliefert tef)4vfo& 

2) ueberliefert OY T€ 



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100 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 n. 4 

ArchimachoB erhalten; doch läßt sich ein klarer Zusammenhang nicht 
finden. 

Nr. 1368, Mitte des 3. Jhd. n.Chr., enthält ein Stück aus 
einem unbekannten Roman. Die erste Kolumne gibt nur die 
Endbuchstaben der Zeilen ; der zusammenhängende Text der 2. Ko- 
lumne lautet: >NIOIC rf)v aotrjv da<|*at | puxpöv azb vffi oöoö exrpa- 
|(30)itelc' xetjtat 6i] ottö ff, JcXa|tavloT<|> exeiv-fl xai (ter' £|u,oö xöpfj 
xaXij, $|i<pe) avfjpT]|uivGt.< 6 5e FXauxerqc sx|zXaYElc Sanep etxöc £- 
^Ä£f((35)4aTo piv ouSev Jtpöc taö|Ta, ercevsoev 5e jiövov xal|[au.]a TJXauvev 
6 6fc vEavi|oxoc T^avto^i] e*tveöaav|[toc. 6] 8e rXaoxerqc xatä xpd-|(40) 
toc 7jXaovev xal ajia s7re|oTpe<psto, ei äqu aödtc töot | exstvov aXX' oöxiti 
IßXsKGv. | atpxveirat ouv vüxtöc er. | et? rJ)v xtopjv, xal ^v na\(4o)ff ao- 
t^j 7iotajtöc toötov Öt|aßäc 6p$ ttva iJticöoral atv avs(pYjiiv>]v xal ev | 
aörg attßäSa staeX**) xal | yauX^v. xataSijaac oov | (50) rcp&c rj) tpatv^ 
töv fairov, | ßaXwv aütöc ß*i rijc attßä|Soc ejrsyeipei xa^söSetv. | xäv 
todt(j) xäteiot fovf] &|ä xXiu-axoc, 7] fy e£ uitsp(p| (55)ou SfODOOt xät(o etc 
r$]v iff|[Kdotaotv]. Das ist alles; nicht viel, aber mit den allmählich 
immer zahlreicher werdenden Bruchstücken alter Romane hilft es doch 
unsere Vorstellung erweitern und berichtigen. Nach dem wenigen 
Erhaltenen würde unser Roman unter die mit Wundererzählungen 
verbundenen Reiseromane einzuordnen sein; doch deutet das ermor- 
dete Liebespaar auch wieder auf den Liebesroman hin. 

Es folgen BruchstückeerhaltenerklassischerAutoren. 
Nr. 1369, 5. Jhd. n. Chr.; Sophokles, König Oedipus vss. 688— 
697. 708—10. 731-40. 751—53. 775-84. 819—27. 1304—10. 1351 
— 58. In vs. 688 steht xatau,ßX]üV(öv und offenbar also auch [napieic] wie 
in der übrigen Ueberlieferung; vs. 693 ]voa«pCoa[ bringt keine Ent- 
scheidung; vs. 694 f. paßt die Lücke am besten zu der sonst über- 
lieferten Lesart [ev rcovotc aXöo]o[oav]; vs. 709 Schluß verloren; vs. 824 
fälschlich (pt&fOvtt statt (po^dvtt; ^[ijjte wie in A: pjoti L, in pjrs ge- 
ändert; vs. 825 Anfang verloren; eu.]ßaTeOoai : eußaTeöetv LA; vs. 827 
[IlöXüßovJ, 6c e£e$ps<|t[e xäfifcpuoe' as wie M scheint ursprünglicher als 

e£&puo6 xä56dps«|»s LA; 1310 [ot]a;c[ [Je]] ]rat[at : dtaizixaxai LA; >the 
letter above the lvne is not a or s, but might be o. otartütäta» . . . 
is adopted by Jebb from Musgrave and Seidler«; vs. 1351 ]??[ovo]i> 
wie in LA; vs. 1352 ojo&ey sc "/A o:v: ooSsv etc ■/• LA. Daraus ergibt 
sich, was schon früher gegenüber den Verteidigern von L behauptet 
worden war, nunmehr mit großer Wahrscheinlichkeit, daß die Neben- 
überlieferung von AM und den jüngeren Handschriften von L unab- 
hängig auf eine selbständig daneben stehende Ueberlieferung zurück- 
geht. — Nr. 1 370, 5. Jhd. n. Chr. ; Euripides.Medea vs. 20—26. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchos Papyri Part X\ ' ioT 

57— 63, Orest vs. 445— 49. 469—73. 482—86. 508-12. 685—90. 
723—29. 811—17. 850-54. 89G-98. 907—10. 934-36. 945—47. 
1247—1263. 1297—1305. 1334—45. 1370. 1. Medea vs. 58 |ioX(w[<J7]]t 
wie ABPV 1 : (wXoOsav V 2 L; Mr<8=£ac V'LP: ösoito'va); V 2 AB, schol. 
Phoen. 1. Orest vs. 448 ^[ij wie A B L P V : y 7 t) M (7 in rasura) ; 
TS. 485 kv ßap]ßäpot? wie ABLMPV: Yp^srai äf f £XXä$o; Mv, Apollon. 
Ty. Epist. 34; vs. 508 arcoxteijv.sv <3ÖXXsxTp[oc: Ä;coxrsEvetsv öjj.öXsxrpo; 
Hss. ; vs. 686, von Hermann gestrichen, steht hier wie in allen Hss. ; 
vs. 816 o$av vor <pöv(i> aasgelassen wie in A; doch da der Schluß des 
vorhergehenden Verses fehlt, bleibt die Lesnng unsicher; vs. 910 
äo«[c: aolhc Hss.; vs. 946 jtijTpfoöjiJevoc wie M: xstpoopivoo- AB LP V; 
vor vs. 1247 steht 'HXi'extpa), vor 1260 #X]Xo %x( ö P l0v ) 1 ▼»• 1335 
&]£iotai t' ap[ : aJio*.ot t 1 äp' A, ä&o'.aiv äp' L, ajtotaiv ötp' B 2 , a£iotc 
t' Äp' P, <i££oi3iv vap MB; vs. 1340 af, wie Weil vermutete: äXV 
Hss.; rechts von vs. 1370 steht das Scholion etöo? urtoS^aatofi;] ; vs. 
1371 TspE|iva wie in ALP: t6pa|i.va BMV; rechts von vs. 1371 das 
Scholion tj jraotäc | ir[e]jco[t]x'.Xuivo[<;] | [otjxoc. — Nr. 1371, 5. Jhd. n. 
Chr.: Ar istophanes , Wolken 1 — 11. 38—48 mit Scholien. 
Die auf dem breiten oberen und rechten Rande des Verso (vs. 1—11) 
stehenden Scholien sind mit dem Texte gleichzeitig in derselben Tinte 
und, wie es scheint, in derselben Handschrift geschrieben; die auf 
dem linken Rande des Rekto (vs. 38— 48) in schwarzer Tinte von an- 
derer Hand. Schol. vs. 1 stimmt zu schol. RV6 Aid., hat aber 
ducX&c statt apföc, xataxX-Joat statt des richtigen xaTaXöoor., Ir/sofat 
TaÖTT^ statt taÜTTjc eysa&a'.; schol. vs. 3 x / x otj^icod* ^ipa 7sv7J3STar 
toöro xa'. | op7tW|*svoc xal ujroxpivötisvoc | S&VOttac X^eiv paßt zu schol. 
V, toöto xa! &pY'Ctf[ievoc (überl. optCöjisvo;) Sövatat Xä-fetv ; schol. vs. 5 
(auf dem oberen Rande) stimmt eng zu den vorhandenen mit gering- 
fügigen Abweichungen; schol. vs. 10 ^XExaX^ijiivos ist aus dem langen 
schol. Y T , das &7X£%op$oXi]|iivoc als £7xsxaXo|i|jivo<; xal ouvsorpaauivo? 
erklärt, ein kürzester Auszug; vs. 39 oö 5' ouv wie RVAG: jtsv oöv 
oder oöv sonst; vs. 40 ec wie R: sie V; schol. vs. 41 zu »ri: xaft' 
iototov | Xejst wie schol. V töta xb <p=0 oder Aid. tö Ss <peö t5üo<;; ftpsV 
fälschlich statt #'fsX'; vs. 43 ejioi 7äp f,v 9J3e[oto? ÄYpotxoc ßto?]: äfpOi- 
xo; T-5'.axo? Hss. ; schol. vs. 44 zu euptor.wv : poirapö?, wieder ein kür- 
zester Auszug der erhaltenen längeren Scholien; schol. vs. 45 zu 
ßpücov: 3tX[fj]d<ov: schol. R. au;cov xat tsfrqXcbc, schol. 8 ddXXwv, Suid. 
8. v. äxöpTjtoc: xai irXi]dt>vc»>v; vs. 47 : a^po'.xoc wv a5[ßXyiö'i]v e; aote- 
a>c]: aoeX^tSfjV #7po».xo<; cov Hss. ; schol. vs. 47 zu a5=X^t6f]v: tijv $*>- 
7at£pa toö äSeX^oü. schol. toö äSeXsoö d>fo5 d'rfarlpa; schol. vs. 52 
auf dem oberen Rande: | Xa? (07^.00) t(^c) tposfjc 13 xeviboswc (ge- 
schrieben xeveaew-) ypm[dtttv: KioX(ca§oc) vaöj . . . .] | sv « tt|xär«'. *rj 



Original from 
UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



"1Ö2' ' ' """ tiött. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

\Afpofitrn: revetoX(Xt£oc)[ (geschrieben reveTsX(Xt5oc)) ; die andern Scho- 
lien weichen hier stark ab. — Nr. 1372, 5. Jhd. n.Chr.: Aristo- 
phanes, Frösche vs. 44— 50. 85—91. 840—861. 879—902. vs. 
853 «vatfe wie R: Äzofe VUAM; vs. 857 icpifcfi wie RVAM: &i- 
jtt<; U; vs. 887 |tapti]p$[av] verschrieben für poairfiiwv ; vs. 888 [i7Tf9-fe]c 
xat ab St] Xißav[(oTÖ]v Xaßcl>[v wie Suidas (ohne /.ajb(i>v): xat 5t] oo Xtß. 
Xaßcüv R, Xaßwv £•>; xat ot> Xtß. VUAM; vs. 890 ti]vec ot statt ttvec 
ooi, so VUA: tivsc ooo R, nvsc ool xat M; vs. 891 Sij wie RVM; 
vöv UA Aid; Kpoosbypn t[.].tototv t[: %. totatv IStonatc Hss. ; vs. 892: 
vor aidr,p noch 3—4 ganz verlöschte Buchstaben; vs. 893 Juvsot wie 
R: £oveatc VUAM; vs. 894 äv SjtT[ü>u.at wie VUAM: artou.atR.; vs. 
897 £|i[i[ä]X[eiav] Izte 8at[a]y: iirtte RVUA, inixz M. — Nr. 1373, 
5. Jhd. n. Chr. : Aristophanes, Frieden vs. 1326—35, Ritter 
vs. 6— 15. 1013—17. 1057—62. Frieden V8. 1326: navta oaa: ^ävd' 
ca' Hss.; vs. 1329 ist wiederholt, dann die Wiederholung gestrichen; 
vs. 1334 o) &xai[(o<;: w<; 8. Hss. Ritter vs. 7 aoxaic wie RPAld.: 
abzaloi VAr8; vs. 8 vov wie VA: £tj RVat. 2 ; vs. 11 xpvupdp.Bä-' (statt xi- 
vüpöjied') wie AT0: xtvapöu-ead' RP, xovt>pdu.ea$ a V; vs. 12 vö>v wie 
F0PMA: vwtv VA, vwtv RVat. ; vs. 13 u [o]uv: ttc o*V> Hss.; hinter 
7^vott' äv fehlt Zeichen für Personenwechsel wie in RV; vs. 14 iva u,tj 
wie in RAld. Vat.: tva aot jmj VA; vs. 1017 exeXs]u\ wie Blaydes ver- 
mutet hatte: exdXeua' RV, exeXeooev A9; vs. 1060 ?][[.]] ijiofv: yrpi 
Hss. — Nr. 1374, 5. Jhd. n.Chr.: Aristophanes, Wespen vs. 
443—67. 486—513. 558—77. 607—26. 746—60. 790—808.814—19. 
825—30. 863—69. 875—78. vs. 449 gW wie V: oöV R; vs. 454 
et«: lc Hss.; vs. 456 ttcüs wie VF: jraüe R; vs. 459 demselben Sprecher 
wie vs. 458 zugewiesen: oixfaije R, Xanthias V; vs. 460 durch Per- 
sonenwechsel von vs. 460 getrennt wie in R: keine Trennung V; vs. 
497 «p7jatvj7:apaßX^aoa : TrapaßXeCaoä <pT,ot H6S. ; vs. 499 tp&petv: <pepetv 
Hss. ; vs. 506 syco w * e V : ^X wv R 1 vs - °07 tupavvtxä wie V, Suid. : 
xopavvtSa R; vs. 508 ojüosv: oöS' Äv Hss.; vs. 511 Trejrvrrjjivov wie V: 
jiEJTTifuivov R; vs. 558 a<;: 5c V, w; R; vor und hinter vs. 559 fehlt 
Zeichen für Personenwechsel ; vs. 560 et 7 : &%* Hss. ; vs. 565 xaxo : 
xaxä Hss.; vs. 568 äva^si^wjieoda wie VBC: ava^etftwjxeda R; vs. 
570 tfo[?]xT$avt ? statt ot^xü^avT* wie RV: oü^xüntovr' BCAld. ; arco- 
$\rff[äxai wie V: 5p. ajta ßX^yätot R, au.a ßX^yäta*. BC ; vs. 571 deöv 
wie RBC: derf<; V; vs. 573 yoip[i8i]oic wie VBC: x°'f>'-<"« R; vs. 576 
7pätfo[iJ.at, wie Brunck vermutet hatte: fpä<J.ou.at Hss. ; vs. 607 (Schluß) 
jiev : \li Hss. ; vs. 608 rpojoxö^aaa wie RBC : Kpooxüoaaa V ; <piXfj<rQ 
wie Hss.; vs. 612 xat u.tj p.e £et,ot]c: xal ^ jj.s £s>ja^ Hss.; vs. 614 
äXX ? *jv wie Vi «XXt,v R VBC; vs. 620 toü Atou? (statt Aide) wie R\T: 
**c toü Aide BCAld.; vs. 621 Susp wie VBAld/: wanep R, ooswp C; 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrbynchus Papyri Part. XI 103 

vs. 624 t[b 5t]xaat[Tjpto]v wie R VC: ta StxaoTTJpta B; vs. 749 tl ßotjc 
wie V: %i [tot ßoäc RVC; V8. 752 tpypt^: tprpi Hss., <p7]atv R; ys. 756 
oTreüS' wie RBC: axivV V; vs. 790 x&tett*] eve&faxE, wie Bergk ver- 
mutet hatte: xäxbit faidipts RBC Aid., xiratdev gfrrjxsv V; vs. 795 
xad^e'-c wieHss.: xats^etc Suidas ; 7' apf öpiov : t&pföptov Hss. ; vs. 796 
oo]ov xai xoÖTo 2f,Ta wie RBC: oc ooov xat toöto V; vs. 867 £t>]y£ß7j- 
to[v wie Hss. ; vs. 875 «pod6]po[u wie RBC : Äpoo^öXou V. — Nr. 1 375, An- 
fang des 2. Jhd. n.Chr.: Herodot VII § 166 f. .. KapxT][8]ovtü>v xat' 
ävSpaflajdajv: xat' a. K. Hss.; at)u.ßoXTj ts eyeivetg : a. t. e^evstg S; 
TJaototo: ü>g saaooto Hss.; § 167 ev t-jj S'.xgXi?,: fehlt in P*RSV; to- 
ooöto: toooötov EBV; XEJ7£x[a]t: Xe^eiv RSV. — Nr. 1376, um 200 
n.Chr.: Thukydides VII 54—82,4. Das ist weitaus der längste 
Thukydidestext auf Papyrus, den wir bisher kennen. Auch der inter- 
essanteste. Er steht mitten zwischen den beiden Handschriftenklassen, 
die durch B (Vaticanus des 11. Jhd. n.Chr.) und C (Laurentianus des 
10. Jhd. n. Chr.) geführt werden. Fast die Hälfte der zahlreichen 
Sonderlesarten, die B abweichend von seiner Klasse für sich allein 
zeigt, hat auch unser Papyrus; er stimmt in dieser Neigung zu B 
mit Nr. 1246. 7 und mit p. Wess. (Wiener Stud. VII) überein. Anderer- 
seits steht er in etwa ebensoviel Fällen zu C gegen B. Aber in 7 
oder 8 Fällen stimmt er auch gegen BC mit den jüngeren Hss. über- 
ein, sodaß die Hoffnung nicht aufgegeben zu werden braucht, auch 
durch weitere Verglekhung solcher Hss. noch hier und da das Echte 
zu finden. An 26 Stellen zeigt er Sonderlesarten, die in keiner son- 
stigen Ueberlieferung stehen, davon wenigstens 8 wirkliche Verbesse- 
rungen. Das ist für die Größe des Erhaltenen nicht viel, doch er- 
klärt es sich daraus, daß für diesen Text schon die hervorragende 
Sondcrüberlieferung in B vorliegt, die auch in unserm Papyrus ent- 
halten ist. Auch er zeigt demnach denselben Mischcharakter der 
Ueberlieferung, den wir in den Texten Piatons, Xenophons, des Iso- 
krates und Demosthenes finden, d. h. aller derjenigen Autoren, für die 
wissenschaftliche Behandlung durch die Alexandriner nachzuweisen ist. 
54: T*»ppTjvot: TupoTjvot Hss.; tü>: ftsCüt: twv ;r«Cä>v Hss.: 55,1: xal 
toü v[auttxoö]: om. B; Trpötepov -jap: 7c. ji.sv -fäp Hss.; jra]v[u tjStj] wie 
in B: Travtl 3-rj ACEFGM; OTp[aT]sta<;, wie Aem. Portus vermutet 
hatte: otpar.ät; Hss.; 55,2: [idfvatc ö]tj, wie Gertz vermutet hatte: |t. 
tJSt) Hss.; 6[j.[oT]pd[rto]t[<;] : 6^.ototpö^ot(; BCFGe 2 , o^oiorpo'-a'-c AE, 
ojtototpöirtoc MG (übergeschrieben); vaüc xat] 7^[s]ouc *ai [|i-]s7£[^ 
i'/]o6[oat]c: vaoai xat T^7ro*.? (vaäc WO r^^oiü; Ba 2 ) xat y&fitei (iieys^t] 
C M (übergeschrieben) a 2 P) bfobomt (<xo^o6oacc a 2 ) Hss. ; 56, 2 : xeo- 
Xöao]u[at wie C : XttX&ottOt A B E F G M ; [xä zpdv|xata] wie ACEFGM: 
om. B.; <poj3[o]u wie CG: tttfßttt ABEFM; ävsvEfXEtv: evs?xstv Hss. 



I . Original from 

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104 Gott. gel. Aoz. 1916. Kr. 3 u. 4 

(etkvsyxsiv M); a&T[ü>v atttojt wie ACEFGM: arttot a&täv B; xafi. 
iwv Snetjta wie C: xat t>jrö twv £. ABEFM; farl ico[X]£>: noXö Hss. ; 
56,3: \i.sxä Kopi[v\Kwv wie ABCEFM: {Uta täv K. G; ffpoxi|v]8ov[ei>- 
oat xal]: TrpoxtvSuveöaaE te xat Hss.; 56,4: wöXtv taujrrjv wie ACEFGM: 
tafcrqv irdXtv B ; [jtXtJv ^b to]ö wie B : s. ?. W] toö ACEFGM ; das 
hinter £[i>]ti[«avtoc] folgende Wort ist nicht festzustellen; 57,1: Si- 
xs]Xia[? to]i[c wie ABCEGM: S. toi>« F; s]XÄ[dvte«: wie ABCEFM: om. 
G; f{uv8t]aoii)[(3]ovr[6i; wie B (übergeschrieben) E: £ov8taoiooavTsc ABC 
FM; exaot]otc wie AB (übergeschrieben) CEFMG: Ixaotot B Paris. 
1638; 57 9 2: < Eoti]«iqc wieACEF: "Eattatstc BGMc 2 ; 57,4: Tiji[ot wie 
ACEFGM: TijyiocB; oü>[x ujtotejXst? övtec <pd[poo wie ACEFGM: qsdpou 

o&X 6, 2. B; [ ] fi« 7«: y Ia>v6? 7s B, "Iiovec W ACEFGM; 57,5: 

xaT[a]vuxpt) BotiüTot^ wie Paris. 1636: x. Bouotol Bouotoic ABCEFGM ; 
xatä g x *oc wieAEF: xat g. CG, xata tö I. BM; 57,6: ixst' 5 Adi)- 
vaEwv wie ACEFM (^eta'A.): jj.etä twv 'A. G; &r£'fspov wie B: &pg- 

T 

pov ACEFGM; Awptfj<; A<opt[eöov. Awpisüoi Hss,; 57,7: T<bv[[8]]s irspt: 
twv te k. ACEFM: tö>v 8s B; ot 'A^vatot wie ABEFGM: 'Afrijvaioi 
C; 57,8: ex Nao*äxTo]o wieB: ev Nao7rdxT<|> ACEFGM; 57,9: ot]pa- 
Tta wie EF: atpateta ABCGM; 'A[pfe]tot [p.sv oi>] wie ACEFG: 'A. jiev 
?ap oo B, \A. jisv oov M; &yaXE[ac wie B (-etac) a* marg. : om. AC 
EFGM; aet [roXs]p.{ou[c wie ACEFGM: Xeiäo^vooc B; «»d]öte[c i]£vat 
wie B: ifivai clwdÖTsc ACEFGM; 58,1: ol[x]o[övtec] wie ABEFGM: 
oi otx. C; (j-et' [aö]ToGc wie BCEGMf 2 : (xeTä toüc AF; ^ooxtaCövTtov 
wie ABEFGM: om. C; 58,4: 6 [ÄXXoc wie B: SXXoc ACEFGM; 60,3: 
x]ai täc vaüc wie ABEFM: täc v. C; [. . . .]ac e(o)ßaivEiv: eaßaEvstv 
Hss.; 60,4: Sjcaofai] in ai «äo[ai] geändert: ai rc. Hss.; xal w« ej 
ava^xfaio»: e£ a. Hss.; 61,3: ü|id»v at>[Tä>v] wie BCEFGM: om. A; 
ff]apeoxEua[Csod]E (aus -$lat verbessert) wie BG: rcapaaxEuaCsadat ex 

A [8e ev]EtSo 
corr. c 2 , rapaoxEoäCsode ACEFMg 2 ; TIO[. äpar^a 0IM6N : a Se apu-fä 
6veE8o|isv Hss.: 62,2 : ujt ßapürgn wie ABCEFMg 2 : ßapoTYjTt G; 62, 3: xpi] 
avT[iva]oÄ7]77(foat wie Ba 2 : p.7] avr.vaujrqfeiada'. ACEFGM; cpTrcp wie 
ACEFGM: $icep 8>j B; 62,4: ävalxpo]üso&at wie BCGMf: avaxpoöosadai 
AEF; (pa-vETat wie CEFG; yatv^at ABM; 63,4: 8tx[aCa>; auJTTjv vüv 
jt[fj xaTaKpo]5t[8]oT[e: 8. av a6r/;v xts Hss. (pj om. AF, xaTajrpo5E8iüT6 
E, -6i8ä>TE e 2 , 5y om. Paris. 1637. 1638. 1736); xai jist' äo$sv]etac : 
xat om. B; ojj.ET§]pa wie ABCEFG: om M; 64,1: flX]eo[oo]n[£vooc wie 
BFM: TrXEoaoojievöoc CE, 7rXeuaü>[jivoD<; A; 65,1: s;rißoo[X7J: iirißoXT] 
ABCEFGM; 65,2: Znw;] a7ro[Xto]dä[vot : oskoc (xai gjicoc M) av äjcoX. 
Hss.: 65,3: icÄvjt* It[oi]ji.a wie ACEFGM: ETot|xa zavTa B; 66,1: 
aoTwv o]5t« wie B: ootwc aör&v ACEFGM; 66,2: e'r[E:]T[a eIJ: s'^e'.t* 



| . Original from 

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Greofell und Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 105 

A ACEFGM, Ittstta 6e et B; ne]X[ojcovvTJao*j tsj wie B: te om. ACEF 
GM; 67,2: rc]pöc ix[aa]tov wie B: «pöc vtp ixdorqv ACEFGM; axo[v- 
Ttoxai wie CE: xai a. ABFGM; 67,3: e'aovw[t wie ABEFGM: feoö>evat 

C; ßXÄKt[sa]da[t d? wv ] [%[t]v: ßX. fy a>v •fff.lv Hss.; 68,1: 

dtxatco;] tust : Stxauuawat C, BixaubatM&v ABEFGMc 2 ; 72, 2 : c[ßo]o[X]eo- 
ovxowie ACEFGM: eßoöXovto B; 72,3: [ai Xo]tJtat: Ktt at X. B, £tt at 
X. etat ACEFGM; Se *oXG|j.iot;: S'evavtEow ABCEFG, Ss i. M; 72,4: 
a&Täv wie BEMPg*: autöv ACFG; xaTare7:Xi5[-/dat] t[s] wie B: ts om. 

o 

ACEFGM; äva[^]o)pTJo[[a|]v[T]sc: dva^(op^oovT6c ABEFg 2 , äva^copTJoavtfi? 

CGM; 73,1: ajr|oxG>pTJa]aoa wie CE: &Toxa>pTJ'3a(3a ABFGM; rco]o wie 
Paris. 1637: not ABCEFGM; a xai wie BCG : xai fi EM, xat a xa£ 
AFg (übergeschrieben); eSöxet wie ABCEFG: eSdxst elvat M; otejvÖKopa 
wie BCEFM: otevtftspa AB 7pd<p6tat; :rpo]cp$daavcas wie ABEFMB fpd- 
tpetat: 8iaXaß(5vtac B; 73,2: £ov|e]Yiivcöaxov wie ACFM: Juveyivwoxov 
BE; lfasov wie CEFGM: f^tov AB; & xai eSdxet: xai e. Hss.; äreö [x]t 
vaou.aytac: a. v. t6 Hss.; [jrejjraottevooc; wie B: ävajrs;rau|jL£voi><; ACEFGM; 
«HpaxXet wie ACEFGM: 'HpdxXeta ('HpaxXst -^stat) B; 73,3: oux 
STKifo, wie Krüger vermutet hatte: ooxen ABCEFGM; <p$do<o3t: rcpo- 
<pfrdowat C, zpo^ddotootv ABEFGM; 78,5: 7cpöo&e : Kpoafov ABCEFG, 
s>ipoo$ivM; 78,6: exdtepot ACEFGM: exarSpwdsv B ; 80,2: xb ere]- 
p[ov u.]epo[c wie ACEFGM : xb It6pov B ; 80, 5 : &«[ ! . ttj> ^orajj.(j» wie B : 
Tiapa t. x ACEFGM; Std tijc] |iefa]oTei[a;] wie B: ti)c om. ACEFMG; 
81,2: ev[gxdx]Xoöv[/co] : evxoxXoövto Paris. 317, sxdxXoüvto ABCEFGM; 
■Sjfcrj 6vx]z$ wie B (mit übergeschriebenem Sij) : St) #vrac ACEFGM ; 
81,3: icpö[<3de wie C : Trpöodsv ABEFG, I^poo^v M; x]ai [^vtji^xov- 
[r]a wie ACEFGM: exatöv xai ir. B; oo)t7]piav: ownjptov mit überge- 
schriebenem acürqptav B, owrrjp'.av ACEFGM; dva'/xdCovtat wie ABEF 
GMc; ävavxdCwvrat CK; 81,4: irdvcp wie B, CasselL, Paris 1733: *6- 
vtp te ACEFGM; itpüxy wie ABEFMg*: om. CG ; ^v=td3[aeio wie ABEF: 
£oveTdxteto CG, r t £ovsTaooero M ; 82, 1 : ot £op[ax6o'.oi wie Clarendon : 
ot om. ABCEFGM; xai €6|i|ta]xot: xai ot l Hss. — Nr. 1377, Aus- 
gang des 1. Jhd. v.Chr. : Demosthenes, Vom Kranze § 167 — 9; 
die älteste bisher bekannte Demostheneshandschrift. 167 : xai [tdXiowt: 
xat om. Hss. ; ßooXe&so&at toötwv : ßooXeöoaaila: ffepl t. Hss. ; rcpods- 
oeo)c : ft. eppwa^e Hss. ; 168: o5tü>c Stad-st? : gotco 6. Hss. ; «Jn'j'f tauajatjv : 
<j*. xai täte aroxpiaeoiv Hss. ; ouvffVEufaöJvtwv : e'tt oojiirvsoaövTttv F vulg., 
£tt oüjt^vsooövTwv fiv SLA ; a]u|xßävTa Wpofßov xf^t T:öX[et : o'j^ßdvta Tg 
icöXst \K A; x[ä ÄJvaYxatöfxaTa Tiberius: äva^xaiÖTara S'L 1 , aütd xa ä. 
vulg.; ei? froix; ftptdv«?: w« t. z. Hss. — Nr. 1378, 3. Jhd. n.Chr.: 
Demosthenes, Gegen Midias § 131—4; 154: £;• xai w; : 
a>c Stxatcos Hss. ; eXatiov wie S: iXdtTco sonst. — Nr. 1379, Ausgang 



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106 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 3 n. 4 

des 3. Jhd. n.Chr.: Livius I 5,6; 6,1; zum ersten Male das Ge- 
schichtswerk selbst, nachdem ein Stück eines Auszuges in Nr. 668 
vorausgegangen war. Korrekter Text; 6,1: sce[le|ra], nicht sce- 
lus (M). 

Die Stelle der Urkunden vertreten diesmal einige griechisch- 
aegyptische literarische Papyri. Nr. 1380, Anfang des 
2. Jhd. n. Chr., enthält ein offenbar noch aus dem 1. Jhd. n. Chr. 
stammendes Gebet an Isis, das die Verbreitung ihres Kultes in 
Aegypten und im griechisch-römischen Weltreiche wie den starken 
Synkretismus der damaligen griechisch-aegyptischen Religion beson- 
ders klar zeigt. Es scheint von einem Isispriester aus Memphis zu 
stammen. Der ganze erste Teil ist verloren; dagegen scheint vom 
Schlüsse nur wenig zu fehlen. Der Text lautet: rfjv Iv...]äöXbi 

*Ove l ) | [ ' xty ev t(j>] f Hipatotoo olxw *) | [ | <Ia>yu.oöviv *) ■ 

rfjv | [sv ]6 r f et Boüßao| (5) [ttv, x]aXoo|t^v7]v ■ ttjv | 

[iv AtjtJoöc [n]ö[Xe]t [rjj] jj-sfäX-fl Mtäv 4 ) | [ ]iov rijv £v 'A^poSirrjc 

1) Der Name scheint mir vollkommen zu sein, in der Lücke also eine zweite 
Epiklesis gestanden zu haben. Deutlich enthält die i-UXr^n *Ove der theophore 
Name "EöjJ-Äwt (oder 'E9^-oüvt?) Preisigke, Sammelbuch griech. Urk. aus Aeg., 
nr. 3456, gebildet wie 'Etkc-wj/oc = Btp-Sbk, Aeg. Ztschr. 45, 1908, S. 106, 
['EtJ^e-ußaaTis eb., Etp-'mH eb. = 'E*ap-t|*o5*tc p. Tcbt. I nr. 61 II Z. 50; 62 
Z. 112, 'Ath-ej; Preis, nr. 4631, 'Ätna- /voäßu Wilcken, Ostr. nr. 58= 'Vrre-^Q'Jjätc 
eb. nr. 244 = 'ATite-yv&üfit; eb. nr. 299 u. a. m. j sie enthalten kopt. oein *despon~ 
dere*\ 'KftjKwe also = »geweiht der 'Ovec. Il-a/ofi-na-övi,; = >der Sperber der 
der "live«, P. M. Meyer, Griech. Texte aus Aeg., S. 1S6, ist ein Synonym zum 
häutigen Ap-ai-f^u »Hör Sohn der Isis«. T-aXi-övTj Preis, nr. 5626 tss »die Kleine 
der "Ovc«, U-aX-ävt; eb. nr. o26. 3669 = »der Kleine der "Ovt«, 'Ovijs 'öv^ouc eb. 
2269, 1"Mo-j; gen. Aeg. Ztschr. 45, 1908, S. 107, 'i»vi; UUU 194, 5, Vtv-iLvi; »der 
bohn der IKw Preis, ur. 3566. 5354,15, <Z>-üvt; »der der ü«« eb. nr. 2474 
u. a. in. 

2) =: Hat-ka-ptah = domus numinis J'tah = Memphis. G.-H. vermuten 
wegen dieser sakralen Bezeichnung, daß der Verfasser aus M. stammte. 

3) Uebcrliefcrt : ]XM€YNIN- Darin stockt vermutlich der Name '<lvc und 
aeg. shm »mächtig, stark«, also: »stark ist IM« ; vergl. unten zu Z. 6. 

4) G.-H schreiben fifev, fassen das also als griechisch auf. In Wahrheit ist 
es aegyptisch; vgl. kopt. «jlie, julih »teaena*. Das ist die starkverkürzte Form 
von aeg. mi = kopt. «juryi »fco«, die auch in aeg. mj-ft» = Mtüai; Wilcken, 
Ostr. nr. 1209, P. M. Meyer, Griech. Texte aus Aeg. S. 138 nr. 19, S. 203 nr. 82, 
*Ap-(AÜ3i; Spiegelberg, Mumienetikette S. 4*, Muöcis Preisigke nr. 5124, 328 (Mitüc 
Mtüoi 'Ap-imü; Oüoto*|u<nf eb. nr. 5620), Tott-fAyätOf gen. eb. nr. 2640. 1735 steckt. 
Wenn Hör und Osiris als Liiwen bezeichnet werden, so ist es nicht zu verwun- 
dern, Isis als Löwin angerufen zu sehen ; sie ist gemeint, wenn eine Krau Ataiva 
Aiovroc heißt, Preisigke nr. 3 43)5 j vgl. auch Boeder, Pauly-Wiss. IX Sp. 2092. Isis 
und Osiris und Hör sind »die Löwen«, die in vielen theophoren Personennamen 
vorkommen: Ila-vo-fjur!)*, Wa-vo-fttri;, Ila-vo-j^ri;, *Pa-vo-uyey;, Ta-vo-jxu'j;, Ta-vo-fj.yrj;, 



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Grenfell ud Hunt, The Oxyrbynchuß Papyri Part XI 107 

7rö|Xst toö IIpoaa>7EtTOO I,z6kapy>}\Ba *), IloXüjioptpov, 'A^poSCT7]V rJ)v|(10) 
fat toö A£Xtct XapiToSoVtsipav *) • | sv Kakapiai*) 'Hztav £v TTjxa- 

No-ptcj« bei Spiegelberg, Mum. S. 2o*, ria-va-^rjc Wilck. Ostr. häufig, IIa-va-|x*u*; 
gen. BGU 302,3, Tct-va-(ic!>t eb. nr. 561,18 bedeuten »der der Löwen«, »die der 
Löwen«, Vc-vt-(ii^ou; gen. Preiaigke nr. 75 = »der Sohn der Löwen«, lla-vc- 
fieiTj?]; Spiegelberg S. 23*, II a-vo- fAtf, ?&; gen. eb. sind entweder mit der Endung -ffi 
gebildet und bedeuten »der des Lüwen« oder von der kopt. Form jjuh und heißen 
dann »der der Löwin«. Dieselbe Unsicherheit herrscht bei Namen wie MtSc p. 
Lond. IV nr. 1420,97. 138; 1521,23; 1562,7, IIa-(j.iä; eb. nr. 1420,213; 1431,73; 
1452,21 u. ü., <Pe-nwtoj gen. Fay. ostr. nr. 22, Ilo-^ä p. Ox. X nr. 1290, 1. 15 
(so, nicht Ila(j.f ( a zu schreiben !). Deutliche Bezeichnung Hors steckt in dem Namen 
' Ivaapü Sayep.-tfa-fj.tci; Preisigke nr. 4964 (so statt 'kaapiuaa yc^ap.iac zu lesen 1); 
d.i. 'Naapü (vgl. zu dem Namen Wücken Ostr. nr. 933, 'IvaptuGÜTo? gen. Preisigke 
nr. 678, 26, 'IvaptuO-ro; gen. statt 'Kaptürroc p. Lond. I S. 49 Z. 2, 'IvaptüToc; gen. 
eb. II S. 10 Z. 15. Preisigke nr. 286) »Sohn des 'Mächtig (ist) der Löwe'«, vgl. 
aeg. sfym »mächtig sein, Macht«, das auch im Namen der Gottin Seckmet steckt, 
'Up-'jE/|A!; Preisigke nr. 4103 = »Hör (ist) machtig« und den Kurznamen Xo'xpt 
p. Paris. 48, 14. Vgl. oben <2a>/_pi-o5vtv Z. 3. Dagegen scheint im Frauennamen 
'lVcpi-uiä: Wiener Denkschr. 1*99, S. 222 die Epiklesis der Isis noch herausge- 
fühlt zu werden. Der Name enthält aeg. irj »gehörig zu, Freund«, das in theo- 
pboren Personennamen erscheint und immer mit einem Gütternamen verbunden 
ist: 'Ep-fjuvt; Preisigke nr. 3793, 'Kp-poö; eb. nr. 5341, 1. 8, T-ip-oß'Jati; p. Lond. II 
S. 35 Z. 255, T-ap-o^iori; Preisigke nr. 5489, ü-ape-ußdcTc; Journ. of Hell. Stud. 
1901 S. 280, 'Api-fi-ßaan; p. Paris, nr. 11, p. Lond. I S. 34 Z. 33 (-ßaavtc Heraus- 
geber), T-ipi-TjG« Preisigke nr. 79, 'Ap-DwTTjc Wücken Ostr. nr. 1232, Preisigke 
nr. 98, 'Apc-v-TwTqc eb. nr. 77, 'Apt-v-WiTTj; Wilcken Ostr. nr. 584, 'Apo-v-3cunj; eb. 
nr. 1250, 'Ape-v-^pi; Preisigke nr. 431. 'Ap-aSpr); p. Tebt. I nr. 91, T-api-ato; 
Spiegelberg Mum. S. 49*, T-apt-oO; p. Ox. I nr. 76, T-apt-ooOx p. Lond. IV nr. 1423, 4, 
n-ap-tf^ncuv Preisigke nr. 5124, 164, p. Ox. I nr. 116, 'Api-tifj; p. Tobt. I nr. 121, 
110 u. a. m. 

1) Neues Wort. Die hier genannte 'AtppoW-nj; cdXis scheint mir von \V;ap- 
?TO ? U v ^ b^S 'AtppoöfTTji {pov äft&v Herodot II 41) nicht zu trennen. Im Stadt- 
namen steckt doch wohl der der Göttin Hathor, die mit 'AcppoSf-rrj gleichzusetzen 
ist, ßijx 1 « = ae ß- &'*» kopt. fcH<^ »Sperber« (des Hör). 

2) Neues Wort. 

3) Der Ortsname ist wie so häufig ein alter Personenname. KaXa*[*fo<e ent- 
hält als erstes Glied kopt. &eA »klein« (vgl. &eA-u]iui = KaXa-otpt;, Spicgel- 
berg, Mum. S. 17*) wie in Ka/.a-j/aJ« »kleine Mutter* Wilcken Ostr. nr. 491 (kopt- 
a**>Y, jucv *mater*) = Ka>.o-fi(<o r j;>) Preisigke nr. 4789 = KaXa-nc r jT(o;) gen. 
Preisigke nr. 5124, 326 f. = KouaXa-paüic dat. p. Lond. I S. 192 Z. 14 (vgl. T-xo-jaXa- 
-TtTvc Preisigke nr. 2611, zu kopt. -rinne *terminus, limes agri*?), KsXa-pTt; Prei- 
sigke nr. 5247, 10. 20, p. Tebt. I 61 IV Z. 90 f. = »d«r kleine Vater« (zu kopt 
iai*i »pater*, vgl. 'üp(-7uVc(<io;>) gen. p. Lond. IV nr. 1419, 1195 = * Ap-yoüTic 
BGU 316, 12 = »Hör Vater«, IleTe-ap-ioO<-:o5> gen. = »der welchen (gegeben 
hat) Hör Vater«, P. M. Meyer, Griech. Texte aus Aeg. S. 33 nr. 5, 7, KaXf,; Prei- 
sigke nr. 144. 3792 = XoX?,; p. Magd. BCH 26 S. 109 = Kia>^; BGU 358,6; 
659, 2, 22, Preisigke nr. 4439. 5124, 123 f., p. Lond. II S. 34 Z. 221 = XiaX?,; eb. 



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108 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Fi |["JS*) 4>tXöotop*fov • fiv rfl Ntxloo | <'A>u.*t[av a ), Aötnpov' kv f$ 

Itpaoq» | [ ] 'Adpotxiv 8 )' sv Ma>pLi|t][ft v Avao]aav iv 9T«S^[Ui A ) 

( e O]p^o|[tptav] B )- ev MuXwvt y Av«wav tty | [iv] K€.. KYAHMI[..]THN- 

II S. 31 Z. 79 = KcXrj; Preisigke nr. 5354, 12 u. a. m. Das zweite Glied gehört 
zu aeg. mij »gebären, erzeugen« = kopt. xiice »parere, natus*, auci *foetut, 
fruetus, generatio, gignere, parcrt*, aeg. m« = kopt. juuici »Kind«. Vgl. iU-\ihi 
p. Lond. IV 1421,81; 1474 (zur Ortsbezeichnung geworden), *Pe-ufcw; gen. (so 
Btatt Vcpufou zu schreiben!) Preisigke nr. 2377, Ta-gou-fifan eb. nr. 5973 (zu aeg. 
£{w »Zuwachs, Vermehrung«, kopt. oofe *major, mtlior*, 90T& »niagis, amp/ius«, 
Xoü; Preisigke nr. 417 a). Neben juuci steht jucci in Mcn-Optc »Kind des Hör« 
Spiegelberg, Mum. S. 19*, Ta-ptn-oü; »die Tochter des (oder der?) AOc« eb. S. 48* 
(darin muß ein Gottesname stecken, den ich sonst nur in Personennamen nach- 
weisen kann: A 7 Jt p. Lond. IV nr. 1419, 1065, Vev-a-jrjc Preisigke nr. 2269, 6-ajr,; 

eb. nr. 1667. 4088, lla-vrrß-a-ac p. Ox. X nr. 1254, 16; zu kopt. +y »pton'a« ? vgl. 

n-au-T)«tu; Preisigke nr. 5124, 29), Vtv-ui« Preisigke nr. 4336, Mfetö; gen. (so statt 

MGTIOC 2Q lesen!) eb. nr. 5467, Ka).a-pfa; (so statt Kau.utai;!) eb. nr. 4463,3; 

bei den letzten Namen ist möglicherweise auch an die Sonderbedeutung des kopt. 

aacci >tauru8, bos, vitulus* zu denken. Da neben 8-fOStü; Preisigke nr. 3828. 

4181 (von Spiegelberg, Mum. S. 14* wohl richtig aus kopt. juecim *obstetrix, nu- 

irix* auf eine Geburtsgöttin gedeutet) und 9-fUndc eb. nr. 2057 auch B-puiftüTo; 

gen. eb. nr. 2632 steht, so ist die Vermutung der Herausgeber nicht von der Hand 

zu weisen, daS der beim Geogr. Rav. 24 genannte Ort Colomos mit unserm 

gleich ist. 

1) G.-II. schreiben 2v ttj kapyj[v]7j. Das ist ein mysisclier Stadtname, der 
nicht nach Aegypten paßt. Zudem, was soll hier der Artikel? Trjxapn[.]ij erinnert 
an den im Delta bezeugten Ort Tckcbi; vielleicht steckt darin kopt. thk »fortii, 
ßrmus, compactus*. 

2) G.-H. geben als überliefert an [.]0AriAN oder [.J0ANAN und lesen 

äöavar&v. Zu meiner Vermutung vgl. 'Atta-h BGU 475 R 2, 'Ajmt Preisigke nr. 
4574, 'Ap&f dat. m. eb. nr. 5099, 'AX-ajiifcio; gen. eb. nr. 3575, 'Aji«r-r:u eb. nr. 
3921. Dieser Name bedeutet: »Mächtig (ist) Isis«; vgl. kopt. ^jul^o-tc *robus, 
fortitudo, potestas*. 

3) »Thcrc is a blank apace before o« G.-H. 'AHp-or/i; würde heißen: »Zwil- 
ling des Mondes«, vgl kopt. p^rpe = aeg. lUr »Zwilling« und kopt oio »luna«. 
Der Name paßt ausgezeichnet für die alte Lümmelsgüttin, deren Sohn Hör ist, die 
als »Auge der Sonne« verehrt (Z. 112) oder mit lOJ^ gleichgesetzt wird (Z. 104). 
Vgl. Roeder, Pauly-Wiss. IX Sp. 2115. Bei demotischen Umschreibungen der Per- 
sonennamen 'ATp?^, 0-a7p7j;, «ev-a-pf,;, ■Fn-ato?); (Spiegelberg, Mum. S. 8*) er- 
scheint öfter das Götterdeterminativ, sodaß eine Epiklesis zu Grunde liegen muß; 
vgl. z. B. auch den Personennamen 'AroÄ/.o-oi'-juo; Preisigke nr. 5225, 11. [Vgl. den 
ganz gleichgebildeten Personennamen Hcun-ai/i; Preisigke nr. 96. Korr.-Notiz.] 

4) Von G.-H. wohl richtig mit u/ut/euim; bei Steph. Byz. gleichgesetzt 

5) In 'Opuiatpw klingt die ursprüngliche mit der übertragenen Bedeutung zu- 
sammen: vgl. z. B. Empedokles vs. 205: KOrpcöo; öp{j.i3&t?73 TcXcfot; £v hu-ivt :;*'., oder 
Sophokles, Oid. Tyr. 422 f. : ?6v üuiwtov, öv 3ö*|*o« cfvopjMV eW-Xrj3i;. Vgl. unten 
Z. 147. 



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Grenfell and Hont, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 109 

rJjv ev | ['Ep]u.o[ö rcjöXet KaXXCjtoptpov, ' iepäv ■ | rijv iv Naoxpdtst 'AÄdtei- 
pav *), Ebtp po| (20) oov7)v, Swteipav, ILxvxoxpATetpav, | MsfEarrjv ev Ni- 
OtviQ toö rovatxo jftoXCroo \A<ppo&t7]v sv TlstppTjljtt 2 ) T Iatv, y Avaooav, 

'Eottav, | Koptav ftdten); x^P*« ' I ( 25 ) *ty * v e ^[ ] • [ ] N I 

"Hpav, Ata[v ] Y[ •] 6v | Boot<j> AO[ •] &v| 

Ocövt 'A^hv ] WXPOINöKAIATOf.J. [ ]HN • ev | (30) \ 

t$ latrq N[t]x^t[piav, 'Ajjhjvijv, Nuu/p^v | iv NHB60 (oder M) 5 ) [.....] 
.[.]ty ev Katv-Q Eu|<ppooövnv" ev Sil "Hpav, v Avaoaav, Te|Xetav 4v 
'I[oei<j> Tö]fy' ev 2eßevv6|T(o 'Ent[votav, Ao]väcmv, "Hpav, f A|(35)vEav" äv 
r Epu.oü xöXet 'AypoSttTjv, | BaoiX'.ofaav, 'Afriay' ev Aiöc ffö|Xet rfl u.ixp$ 
^Avaaoav $v BoößÄ|<u<|> Toavw 4 ) ■ ev 'HXtou JttfXet 'Aqcpoj £trnv ■ ev 'A&pi'ßt 

1) »Tfte reading is practically certain* G.-H. Da8 Wort ist neu. Es ver- 
hält sich zu ärd-rtop wie riiKtteipa (Epiklcsis der Nike, Burs. Jahresb. 137, S. 566) 
zu ajr. jt'.uo, wie aotoxpaTttpa, izavTOxpdreipa za aütoxpärcup, ravroxpa'Ttup, wie dvrtavttpa 
zu dvr/,viup, wie g uy t tviwp g, c'jyrvlTitpa zu auvyiw^TfOp u. a., wie fifwzökfciipz zu 
•;iTv,-'jU-u>p. ä-ittap ist hier nicht mit a privativum zusammengesetzt, wie G.-II. 
anzunehmen scheinen, sondern bedeutet (pOTKErptoc und ist das Stammwort zu 
tJzaxojpia. Hephaistos heißt änaiiop, Zeus ärsToupto;, Athene d-aToupfa ; an den 
attischen dna-ro'jpia werden Hephaistos und Athene als die angestammten Götter 
des attischen Volkes gefeiert. So heißt auch Aphrodite i-oToüp»), etefttoupufc in 
den jonischen Staaten. Da Naukratis eine milesische Gründung ist, werden wir 
uns über die Isis-Aphrodite 'Ararrctpa nicht zu wundern brauchen. [Vgl. auch den 
Fr^uennamen KaXXi-rruTeipa. Korr. -Notiz.] 

2) = Ilanpf^u bei Herodot II 63; III 12. 

3) Der Name wird von G.-II. mit dem modernen Ortsnamen Nebeira, nahe 
bei Naukratis, zusammengebracht; es könnte ja auch NHB€IP[A] gelesen werden. 
Der Name macht den Eindruck, einer der mit kopt. hhb »dominus, herus* gebil- 
deten Götternamen oder der davon abgeleiteten Personennamen zu sein; vgl. Nefi- 
-tT/i; BGU 630 IV 22, Wilcken Ostr. nr. 1217 (Üa-v^-ttlx« Preisigke nr. 79, Ttv- 
-vtß-Ti/« eb. nr. 4968, Ta-rr/io; gen. p. Lond. II S. 28 Z. 275, Ta-n-it/i; p. Ox. VI 
nr. 9e4, *AXi--iy Preisigke nr. 4326, Göttin Xpou-n-Ttyi;, von kopt. *%sAt *grus*) r 
Ta-vo?--jpiäa(-:ic) Preisigke nr. 3459, Ntß-ytüvcc eb. nr. 4512,47 (EIa-vofi-Y_o5vt« BGU 
994, Aeg. Ztschr.42, 1905,3.49, na-vo?-y>ic Preisigke nr. 4638), lleTe-vc^-ttÄ; eb. 
nr. 4636,5 (UtTt-vo?-toO<To>? gen. p. Lond. I S. 156 Z. 108, liere-voß-Süu Wilcken 
Ostr. nr. 587. 848. 850, öiv-vep-Sooü; eb. nr. 210 = »die des Herrn der beiden 
Lander c) u.a.m. Efp« findet sich als Frauenname Preisigke nr. 2643, Ta-tlpt eb. 
nr. 4636, 4. 

4) G.-H. schreiben xit ävui und quälen sich mit einer unmöglichen Deutung 
der griechisch aufgefaßten Worte ab. Ks ist ein aegyptiseber Name wio T-ouävi; 
Preisigke nr. 5124,39. 123; am Ende steht als 2. Glied -ti> „große. Der Name 
scheint zu aeg. t-icinn »die Griechinc zu gehören; vgl. T-ouatavtao; gen. Spiegel- 
berg Mum. S. 54*, T-ouaiiawmvt eb., T-«t>avfCtv p. Lond. IV 1432,68, 'Aßjjä Oi- 
Uiv eb. nr. 1461,3, Qa-ßatv- eb. nr. 1474, Ha ßavive Preisigke nr. 5481. Vgl. unten 
Z. 95 die Epiklcsis 'EW.d;. 



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110 Gott. gel. Aus. 1918. Nr. 3 u. 4 

Matav l ) t 'Opthoaiav ■ ev | (40) c Iepä <t>dEU/pdouTOi> Awro^öpov ' ev | Teo { r/t s ) 
'lepäv, AovAotiV * kv tote | BooxoXsöat Matav ' ev Söt Toavio, | XpT]ap.<poöv * 
ev Kataßad{i(f) npö|votav kni toö 'Atteok 4>pövt]atv | (45) kiti Asoxtjj 
'Axr^c 'AcppoStrrjv, Moölxtv 5 ), 'Eoepe^p'.v*)* ev <J>paYoopiov 7rö|Xet 5 )[ J 

1) Dieselbe Epiklesis auch Z. 42. Daß sie wirklich ursprünglich gleich Mata, 
der Mutter des Hermes, sein sollte, glaube ich nicht. Vgl. die theophoren Namen 
*Ap-;x«io; nom. Prcisigkc nr. 5272,41, 'Ap-^di; BGl' 425,3, p. Lond. I S. 32 Z. 2, 
Preisigke nr. 5107, [leTe-ap-^io; nom. p. Lond. I S. 151 Z. 41, Ile-fxat; eh. II S. 235 
Z. 49. 57, Te-jirfu Preisigke nr. 3386, Oet-u/ho; eb. nr. 4, Ttae-u«i-y^a eb. nr. 5099 
u. a. Das Glied -luttoc, -y-'^i ist m. E. dasselbe, das in Msu-Spte "Qpo-j Ostr. StraBb. 
(Archiv IV S. 146) und in Mai-öü>Tis f. Preisigke nr. 5106 steckt und m. E. mit 
kopt. jm6.i *amor, amator, amarc* gleich ist. Vgl. unten zu Z. GG. 

2) =3 Ttu&Yis -öhz Alyj--la Stepb. Byz. s. v., von G.-H. mit Recht verglichen. 

3) Moü/cc kommt mehrfach als Ortsname vor (z. B. auch Preisigke nr. 1968) 
und scheint mit acg. w& = kopt. xjloto *implere, rcplert, plenum, e$*e* t xxoq 
»plenitudo, satietan, plcnus* zusammenzugehören, Isis also mit Copia gleichgesetzt 
zu sein. Von dem als Ortsnamen verwandten Gottesnamen ist dann das Demo- 
tikon Mouxefrr,; BGU nr. 1046 II 13 abgeleitet. Andere Ortsnamen sind Mouyt-v- 
-apoo» p. Ox. X nr. 1285, 137 = copia sociorum duorum, Mw/i-v-ütp p. Ox. III nr. 
491,3; VI nr.985 = Mou/i-v-üp p. Ox. VIII nr. 1127,7 = »copia Hori*, Kei- 
-uoüyu p. Ox. X nr. 1285, 31 = »alta copia*'t (vgl. kopt. a'oee *aUu$, elatus<, 
3*oci »eminentia, nitissimwt, »upremus*, Koo-pfj« p. Ox. X nr. 1333 >der Höchste 
(ist) Re«, n-xu)3t7t dat. Ortsbezeichnung p. Lond. IV 1422,49; 1423,9, KoOsi; 
BGü 700). Unklar ist mir der Ortsname Mou/i-vä;(a;) p. Ox. X nr. 1285, 79. Der 
Mannesname Moy-J*p (so statt Moysao zu lesen!) Preisigke nr. 1740 bedeutet »er- 
füllt von Kraft«, vgl. aeg. ifj-t »Kraft« im Gottesnamen 'Ap-3acp»]; = Hri-sfjt und 

den Personennamen ]srf<poj gen. Preisigke nr. 1744, Next-32ep8i; p. Tebt. I nr. 61 

II 40; 62,110 = »grob (ist) ihre Stärke«. 

4) Die Epiklesis war schon aus einer von G.-H. angeführten Inschrift aas 
Theadelphia bekannt. Die Deutung Spiegolbergs : »Isis, die einen guten Namen 
macht«, scheint mir unrichtig. Ich glaube, der Name zerlegt sich in 'Esc-, d. i. 
Isis (vgl. "E-jc Preisigke nr. 5097, 'Ew-veü; f. »Isis kommt« p. Ox. X 1282, 12 (wie 
'Atgii-vcO;, 'Afiev-veO; u.a.), "bi8i tt* 1e-v-3xsitV,v^ CIG 4839,11 = 'Eae-v-axcir^vyj 
»Isis von Skete« oder "taioi 'Ew-Y-yWJii Archiv III S. 131) und -ptjupi; = aeg. rnp 
»jung sein«, vgl. die Vegetationsguttin rnp«. Das gleiche Namensglied steckt in 
Ta-pc'jMpt dat. f. Preisigke nr. 3892 (entweder »die Junge« oder »die der Jungen«), 
in 'l'cvz-v-ißpe Spiegelbcrg Mum. S.83* (— »Jungglücklich«, nicht »glückliches Jahr«, 
wie Spiegelberg deutet) und in 'EaovT-p-Jvre (oder richtiger 'Eiovr-p^vre?) Spiegel- 
berg Mum. S. 11* = Preisigke nr. 5464. 4283 = »junge Akazie« (zu kopt. ig o ine 
»Spinat, »Akazie«, vgl. die von Spiegelberg S. 63* f. angeführten Namen und IIa- 
-v-oövTc p. Lond. IV nr. 1432, 40, T-aev-t^vöto; gen. Preisigke nr. 836, £ov-ei4vno; 
gen. eb. nr. 1636, T-3ov-r.3<Svd[; eb. nr. 5726, <Ktv-aov-c3*vÖio; gen. eb. nr. 801 u. a. m.). 
Nicht hierher gehört der Frauenname T«-xpou;:k p. Lond. IV nr. 1419, 160. 1321 ; 
1469. 1518,25 u. ö. = T E -xpiu|j.;:(i eb. nr. 1460,65; dieser enthält kopt. ^poiine, 
c^pojuni, cfpuijuLTii *columba*. 

5) = OttyptüpciTroXi; Strabo XVII 805, «Darptupiov Steph. Byz., Phagorior Ge- 
ogr. Rav. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhyncbus Papyri Part XI 111 

<ptv • lv Xoattvfl | NiXTJTp[tav ev r]pau.|(iat:xYJv, [ " kv 

Kuvöc] itokei | (50) toö Bouotpitou Hp*£[t]?[i]y.[T)]v ' I & v Bouaipet Töyjnv, 
*AyäOiJV' £v I c Ep|ioü rcöXet toö MevOTjotou 'IllfEu.ovtSa' lv <I>ap|3atfrq> 
KaX|Xt|iop^ov ev t<j> ? loioi(|> ') toö Ls|(55)$poitoo 'AvSpaacöteipav • ev| 
'HpaxX^ooc ?:6Xet toö SE^potto'j | AovÄatiV sv 4>;pvoi>^pt "Avaaoav | jiö- 
XecbV ev Aeovto7röXst \Aofct8a 2 ), \A?adijv ev Tävt Xapitd|(60)jtop- ] 
^ov 3 ), "Hpav ' erci Eye8ta<; 'E^t|votav e7ct toö 'HpaxXetoo IlsXifoix; | Ko- 
piav ' ev Kavwßip Mooaavalfc&föv 3 )" ev Msvoöxh T AX7]^etav ■ iv | M€N 
OYe!IOYCHKTIZ€TAin[. . .] . | (65)[.]M€P€I[AJC«) Hpoxa^ev-qv ixt toö| 
, A^.<eo>t(t)ipo 5 ) Meftotoö 6 ), ru7röu,op|<pov 7 ), 'A^poSttTjV ev Tanooipi\ 
Öaoijotiv *), llpav, Aiötetpav ev rft Nijlaqi TayovUrjv 7 )* ev üeoxeattSt 9 ) 
Ko|(70)ßspvf,r:v ev MeXatSt 10 ) HoXö{iop|tpov' ev M[e]vot«pt Itp[ajttay ev| 
MsrqXfag KdpTjv • eVi Xäpaxoc \A|\Hjvi]V ev IlXtviKv-g c Ewav ev | ITtj- 
Xouattp 'ÜpjLiotpiav * e~i toö | (75) Kaoioo Tayyrfyw 11 )' feirl toö n Ex|- 

1) Bisher unbekannt. 

2) äa-t'c ist kopt. *.Kiupi, &£>uipi; nach der Isis hcilit also der üa-v-a/iöpi; 
Preisigke nr. 2137, 13; auf ein Isisbild bezieht sich die Inschrift eb. nr. 906: 
A'jpT ( ).io; May-rt; thv nYÄplv itpi^a; tw xoXtS "AtUMBYt rV/aonTT^a; .... ctv^B/jxev. 
Isis als Sclilauge: Roeder, Pauly-AViss. IX Sp. 2097 f. 

3) Neues Wort. 

4) G.-H. schreiben £v Mcv[t]o;jci 'loü; r ä xd£tTttt r.[. . .] . | [-];xtpl([«]s. Ob hinter 
dorn v von Mcv[t)o6« wirklich ein i anzusetzen ist, bleibt zweifelhaft. I>ie Kon- 
struktion ist ganz unklar. Mir scheint am Anfange MtvojBt toü zu stehen; dann 
XijxrJ(tOv), das mit dem modernen Ortsnamen Sekket gleichzusetzen sein wird ; 
hängt es mit kopt. meK ujckt »foderc* zusammen? Dann lese ich --•<'//. 
n<avtu|T)>u.^pei[a]y, llpoxalrr^iv^v. Zu E'Iiv vgl. E*;<e>i; Preisigke nr. 967, Soiofou 
gen. BGU 45,21. Dazu gehört offenbar der Stadtnamo Hm; im Delta. 

5) M[- ]N€CTI0Y *the first letitr is nearly certain, but the reat are very 

doubtfuJ, espccially \Q, nhich might be read as £« G.-H. 'AjuStttua ein Fest des 
»Amon, des Herrn der zwei Länder«, p. Amh. II nr. 93, 9 ('Apcran'«; die Her- 
ausgeber), IU7-ep.e"oD; p. Lond. I S. 46 Z. 12 = Petc-amn-stni-totcj »der welchen 
Amon, Herr der zwei Länder, (gegeben)«, Spiegelberg, Mum. S. 42*. 

6) G.-H. wollen dafür juyürxv lesen. Das ist jetzt, wo wir in 'AfAtötiütov 
ein Amonheiligtum entdeckt haben, nicht mehr nötig. Mcrc-mS enthält den Namen 
des Amon stni-touj und kopt. jmei *amor, desiderium, gratus, amare, diligere*, 
dialektische Nebenformen von ju.a.1, vgl. oben zu Z. 39. 7 ist zwischen Vokalen 
entfaltet wie so oft; vgl. Mayser, Gramm, d. gr. Pap. S. 168. Neben ja*.!, juei 
steht dann noch die kürzeste Form xxc ; vgl. Mc-stoqj; (so statt Mtttoovc zu 
schreiben!) Preisigke nr. 5124,320, Mt-Otoü eb. nr. 5985. 5991. 

7) Neues Wort. 

8) Zu kopt. o^hujci »latitudo, profunditas* V 

9) Das muß die Gründung eines [Irjxtaa; sein, also makedonisch; Peucestim 
Geogr. Rav. 73. 

10) = MtviXoßt? 

11) Das bisher nicht belegte Wort '\ ay-v-r^i scheint »Holzstatue« zu bedeuten; 
vgl. kopt. t^^ »fragmtntum, massa, moles, statua* und icnpjH »ligneust. 



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112 Gört. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

xpij<Laxoc ') *Iatv, XcüCooaav. ev rfl | 'Apaßtti Ms-räXvjv 8g<5v ev rg [Nij]- 
|a<|) 'IepovixoteXoöaav 8 ) ■ ev \oxt<$ | Atjtü) ■ e*v Mopotc rijc Aoxtac KeSvTJy, | 
(80) *EXsu^€[pt]av ev Kvt&p "Afcoiv* £<p' <'AXtä> )5ü>v •) Eopetpiav Iv 
Ku-pfrvin Tbtv | ev KpijrQ Atxtüvvtv ev XaXx7]5d|vt Bfijttv* ev 'Pwuvg Stpa- 
cfaw* ev|tatc KoxXAat vTJootc Tpi^oTJv, *Ap|(85)t6(tLV" ev IIdt>u.q> N£av 4 ), 
M.[.]I0[..|KH- ev Ili&fcp 'AfVTJv, Aiav, 'Hsttav 5 )- ev | Xty Ststxawav 
ev EaXau-ivt KalTÖJtttv 8 )* iv KÖ7rpc|) nav£x<p$o|y[o]v 6 )' iv r§ XaXxi&xfl 
f Afriav- ev | (90) ty) Ilispifa] 'Qpaiav- ev rfl 'Aai<* | Tpioftttv* feiri tfjc 
üsrpac Sü)|xeipav ev T|y}Xtj MvyiavrjV' | iv 'PecvoxopoöXotc IlavTdjrfxiv ' | 
sv A(i>pot<; 4>tXtav iv £rp[Ät»]y[oc | (95) riöpYV 'EXXdSa 7 ), 'A-rafrijv' fev| 
'AaxäXtj) KpaTEotrjV iv £ivcb|irQ IloXüci)Vü[iov * iv 'Pa^a Ao|viattv iv 
TpuröXst 'Opdwaiav iv TäC-fl EöxXeav 8 )" iv AeXfpotc 'Apto|(100)oT7]v, 
KaXXtot7]V iv Bavßöx-fl 'AlTap^dtiv")- iv Qp$£t xav AijX<p üo ]Xöü>vo[iov " 
iv 'AjiaCöai 10 ) StpacC|ay* iv 'IvSotc Maiav 11 -)" iv OeaaaXotc | SeXyjvTjv ■ 
iv [Upoatc Aatet'vTjv 1Ä ) • sv | (105) Md T ot< ia ) KcSprjv, 0AV[.]YCIN • iv 
Xgu|oo!<; Navtav 14 )' iv 4>otvtxt Suptac | Ösöv 15 )" iv Ia|iodpa;cfl Taupö- 

1) = 'Ex-p^yixato;, vgl. zu der Schreibung Mayser, Gramm, d. griech. Tap. S. 166. 

2) Neues Wort. 

3) Ueberliefert: Cj0[ ]!Afr)N; G.-H. schreiben: ä'y.siv £tp[';]|3uiv, was ich 
nicht verstehe. 'AXtdöi; oi K-jpTjvaituv Skyl. 47. 

4) Ueberliefert N€A- 

5) Ueberliefert ÄlAHTTIA- 
(i) Neues Wort. 

7) Das ist nicht die Personifikation von Griechenland, wie G.-H. meinen, son- 
dern >die Griechin«, vgl. oben Z. 38. 42 T-oav-to. 

ö) Die Bildung ist neu ; doch vgl. Sia-rJeo;, lr.l-n. t xvzd-r.. u. a. m. 
y) Ueberliefert: A!TAPrAT€l- 

10) Ueberliefert: AMAZOIC 

11) Ist das gleich sanskr. mäyä f. »Wunderkraft. Weisheit, Zauberei«, mäyin 
»wunderkrüftig, weise, zauberhaft«? »Isis die Zauberreiche« : Roeder, Pauly-Wies. 
IX Sp. 2089f. 2120f. 

12) G.-H. setzen das = Latinam und schließen daraus, daß »the Perstans 
Itarnt Isis-worship from the Romans*. Das will mir bei den alten Beziehungen 
zwischen Pcrsien und Aegypten nicht in den Sinn. Sollte es sich nicht vielmehr 
am eine einheimische persische Göttin handeln? Ich denke an sanskr. rali »Liebes- 
genuß, Wollust«, auch Gattin des Liebesgottes; Adjektivsuffix -ina: Whitney, 
Sanscr. Gramm.* 8.469; Wechsel von r>l in den iranischen Sprachen ganz ge- 
wöhnlich. 

13) Ueberliefert MATOIC 

14) G.-H. vergleichen die altbabylonische Göttin der Fruchtbarkeit Nanai. 
Aber die nach 2. Makk. 1, 13 bei Susa verehrte Göttin Nanaea braucht nicht die 
babylonische Göttin zu sein; sanskr. nanä »Mütterchen« bezeugt auch für das 
Iranische ein Wort, das sehr gut wie griech. Mai« oder M^-njp eine Göttin der 
Fruchtbarkeit bezeichnen konnte. 'Ich; Navata in Nabta (Fayum) = p. Ox. I 
nr. 34 v. 

15) Ueberliefert 0€OC- 



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Grenfell and Hont, The Oxyrhynckus Papyri Part XI 113 

äiv 1 )' | ev UspY^tp AeeurdTiv 2 )' iv llov-<.> | : A|itavTov 3 ) * ev 'ItaXtcf 'Afä- 
ätjv ^s |(1 10) üv* ev Eäp-io f lspav ev *EXX7]arcdv| tw Möemv* iv M6vgcj> 
Ai[a]v iv | Btdov^ ( EXev7]V iv Tsv^ e H|X'ou öp-u^*)- iv Kotpü* Txd-y- 
t>]v 5 )- ev j Tp<pä8t xav AivSöu^ T<op.>ß[l]ay 6 ), | (115) IIc(XevTpa[v] 7 ), 
'Aßtßaatofv, T Ia]ty* | iv B7]pi>T<j) Matov 8 ) - ev S'.Stovt 'AoltapTTjv ev IIto- 
XejxatSt 4>povi'p.T]v " | iv Soöooic tote 9 ) xaxä r/]v 'Epo&päv dä|Xaooav 
Sapxoövtv lü )' 7) xal iv tote S£|(120)xa rcavti 11 ) £eap.oic ipuvr/veuetc rcpw- \ 
ttata | y Avaaaa xffi otxoojjievv)?" 'Eirttpo|7cov xat 'OStjyöv daXaaoiwv xai ! 
jroTa|p.''ü)v oxojtättüv Koptav rpap,p.a|ttX7Jv, AoTtaTixijv, <f>povip,7]v ■ | (125) 
tt]v xai töv NetXov iri itäaav ywpav | 'ETraväToooav • deiöv Jcavruv xö | 
KaXöv C*j>ov ' tTjv iv Ar^-ß MXa|päv &|>iv tijV MooaavaYtDföv ' | r?]v Ilo- 
XuötpdaXjAov • tt)v iv | (130) 'OX&vftcp Oeäv Eu^peTT/jv ' Köap.ov | ÖTjXetwv 
xai 4>tXöotop7ov * ttjv iv | rate ouvä8o*c 'HStac '*) EoTcoptav | ttjv iv täte 
^avTj^üpsatv BöfaJTpol'/ov 13 )' tü>v täc xaXäc afövcwv | (135) TJpipa«; Eü\b]- 

1) üeberliefert TAYPWTTIC 

2) Üeberliefert A6CTTOTIC- 

3) Üeberliefert AMIANTOC 

4) Üeberliefert ONOMA; aber es bandelt eich offenbar um uebersetzung \^ 
des aeg. Ausdrucks »Auge der Sonne«. [ 

5) üeberliefert €KA[.]rf 

6) Vgl. Aphrodite 'KrtTuußiSfa und Tupßüjpu/o; und Z. 189. 196 f.; Rocder, 
Pauly-Wiss. XI Sp.UlKf. 

7) Der offenbar einheimische Name erinnert merkwürdig an die etruski- 
sche Namensgruppe der palni t Schulze, Zur Gesch. lat. Eigenn. S. 20ti ; vgl. be- 
sonders Pallentitia Florentina CJL VI 23732; Bildungen auf -tra: Schulze S. S9M. 
Doch ist vielleicht na/.cvx(a[v] zu schreiben. Beziehungen zwischen Kleinasien und 
Etmrien sind wohl bekannt. 

8) üeberliefert M€AN 

9) üeberliefert THC 

10) Unbekannt. 

I 

11) üeberliefert AGKATTANT[[€lj] ; G.-H. lesen ocxarrcvTe, wissen aber mit 

der Zahl 15 auch nichts auznfangen. Die »zehn Satzungen für jeden« müssen 
ein aeg. Buchtitel sein. 

12) Neues Wort; vgl. <J>i),-t,öi3, ä'Jit-i]., 'i-*n. 

13) G.-H. mühen sich vergeblich um eine Erklärung. Ich glaube sie aus 
der Schilderung einer Isisprozession entnehmen zu dürfen, die bei Apulejus, Met. 
XI 8 ff., erhalten ist. Dort gehen aliae (muliercs), quae nitentibus speculls ponc 
tergum reversis venienti deae (Jsidi) obvium commonstrarent obsequium et quac 
pectines eburnvs ferentes gestu brackior um flexuque digi- 
torum ornutum atque ob p ex um er in iu in regalium fin gereut. 
cap. 9. B'^Tp-j/o; muß Uebersetzung eines darauf sich beziehenden aegyptischen 
Kultwortes sein. Ist das gleich kupt. •xi-xaii = entlehntem staörj? Das Wort 
steckt in dem Personennamen Stf&c Spiegelberg, Mum. S. 45 *, Preisigke nr. 3S77. 
1249, BGÜ 211,2; 237,1, Tä-swm; Preisigke nr. 5207, der, wenn die Vermutung 
richtig ist, die Kpiklesis der Isis enthalten würde. 

dfllft, nl. An, IblS. Nr. 3 o. 4 8 



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114 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

vtctv • tt]v tcüv Öetöv | 'Ap^oxpÄTtv ' ttjv lv täte td»v &e<i>v | ijofiiatc ITdv- 
•capyov, Mtoe/dVjV 1 )" «dj> | qsUtc taoTCiv 2 ) av^jiou xai C<j>|ijc 8iä5:r]u.a- 
&£ -rfi at eixövec xai | (140) tä C«pa ttdvttov twv dscöv rc<apä toö> s ) | 
6vöu.aTdc oou n<a>pairXi]3<!ac ävou.aat>|ac 4 ) £y_ovta Trpoaxuvettai ■ 
x[op]ta T Iot, Me|f[orr] £ea>v, [IpüTov övojia, 'Icn|aä>{h 5 ), tö (tsr^copov xpa- 
tele <tö> | (145) ajtfetpTjtov H«]vo|Cf xai ta [.] . N[ ]|8 -dJA 8 ) 
bffjyax' oo xai rä<; <j>ßa<iac;> ') [Yo]|vatxac dvSpaoi ai>vopfü<3\H)vat | $e- 
Xfitc" <o>oi Tcpeogeia äKaytö)(?<t>, el <Te>|xyü>aooat ")■ v£at dxu.aiai 
az<apyas Os|(150)<Xd>oai 9 ) hv 'HpaxXSooc rcdXst ip[£p]pv|Tat kizi aoö 
xai Ixnaav aol rrjv | '/üpav ' 6pä»qt I0 ) oe ot xara tö xtaxbv | erixaXoö- 

1) Neues Wort; vgl. Bim-ivßf.c, ei3-e., är-e. 

2) G.-H. lesen riatotaartv und bemerken dazu, das sei »a curioua Compound. 
TEi« tö W3nv<ov> might be read, but, though a letter may have beert lost at the 
end of the previous line, a]jyei; or | äyei; is inadmissible.« Es ist also überliefert -. 
-|T6ICTOIACniN Auf den demotischen Namen »Isis mit dem Lasursteine« ver- 
weisen G.-H. Die Bedeutung des Windes erbellt aus den Personcnnamen O-ihi; 
Spiegelberg, Mum. S. 56*, Preisigke nr. 1482. 5771. 1619, Trijoe gen. BtJÜ 139, 3, 
He-Skjc £i-goütos to\> flc-ttu»; p. Lond. II S. 29 Z. 20, Hi-Sri; sehr häufig BGU, 
Öeü-ro; gen. f. p. Amh. II no. 75 Z. 1, u.ijTpA; Xcv-Oiärg; p. Ox. II nr. 260, UTjxpds 
2cv-8t9xoe eb. IV nr. 716, [U-T^aÜTo; gen. Preisigke nr. 5025, iiv-ÖEu; p. Ox. VI[ 
nr. 1039,2; 1040,3, Ila-ze-»«!»; BGU nr. 525, 4, IH-jte-O^u); gen. eb. nr. 277 II 16, 
Ta-vE-ÖcüTo; gen. Preisigke nr. 797. Vgl. aeg. p-ta = kopt. thot. tut. «hot 
n-entus, Spiritus*. 

3) G.-H. lesen T[o r j] | ; doch die Zeile scheint dann etwas sehr klein zu 
werden. 

4) G.-H. lesen : aoO X . paxta^p [ ]j«. Da die folgende Zeile 29 Buch- 
staben zeigt, wird meine Ergäuzung, die den Sinn angeben soll, nicht zu groß 
erscheinen. 

5) Vgl. p. Lond. I 121. 495; G.-H. schreiben 'Iol | Saft. 

6) Darin steckt ein Stoffname wie xposauita, ypjSüiti. 

7) T'is qwa[c yu] | vatxa; G.-H. 

8) Nach OcAcic ist C ausgefallen; G.-H. schreiben: oi r.pirftii &ray-Tfc 

^MH[--]iKT(0 tt<u>ouai. Der Zusammenhang lehrt, daß es 6ich auch hier um 
du« Geschlechtslehen der Frauen handeln muß. 

9) «Snaaat a\ ..[...]. 6 i [. -]CAI G.-H ; »Szasai is very doubtful, but cf. I 148 

K 

faavrw. Possibly the stcond letter was ^ icith n wüten above itt, also AMAIAI- 
'-;[:■-■ \'>*,-'u >sie drängen sich dazuc. Offenbar haben wir es hier mit einem Brauche 
zu tun, der im Kulte der Mylitta und Aphrodite mehrfach bezeugt ist, in Aegypten 
selten vorkommt, der kultischen Prostitution; vgl. Strabo XVII 816 Schluß, Jo- 
sephus XVIII 3. 4 (Isisdienst in Rom). 

P 

10) Ueberliefert: 0[[TT]]G)O. Der Satz hat mit »visions of Isis in dreams* 
nichts zu tun; er heißt: »auf dich sehen diejenigen, die nach ihrer Zuverlässig- 
keit benannt werden«. Ibis heißt ja nach Z. 63 'AAV ( 8cia. Ein aegyptiBcher Aus- 
druck dafür acheint in den Personennamen T[o]ap-tf p. Lond. IV nr. 1419,54 und 



I . Original from 

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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 115 

jievo*. * ex ooö e<v»>a<OTÖc> l ) xatä ajpetYjv twv aoväatrjxouov ?jue|(155)- 
pä>v t£s. TjTcia ooo xai GüStaX|XaxToc t] XW? T "* v ?[&j° ffpoa|ta7ji.ät<i>v ' 
TjXiov an' avatoX^c | p.4/pt Söaewc aö £jrcp£psic, xai 0X01 | eo'fpaEvovtat ot 
deot' aoTptov a|(160)vaToXatc; ae 'Axajiättot 2 ) itpooxovoöa'.v | ot iict^wptor 
xai tä aXXa tepä C<jJ a ev t(j> 'OoiptSoc aSotcp tXapoi 7 ; .|vovrai 3 ), 5rav os 
ovou-äawatv | ot . [. .]S[a]{u,ove<; ojnjxoot ooi 7t|(165)vovra'.* ta oa 0... 

[ ]|M .[..]. qyrat ■ to ooö [ ] j T [. . .] KAC . NOY- 

BANA[.]A| . . . [. . j . P . [ JN • aTreSsi^ac JO . KAI | [....]. . [. .] TTAN [. .' .'.] 
....[[. .]JH | (170)..[. J.xai ttjv pp o«op((ti]v | [..].. ACA[.j arcavta 

töv ßfov | [. .] . [.] .[.]■•[ ] • £*Vta$l ] T^A ■ • K . . . . eirtvooöoa ttjv 

öpö|aoy xai cä <v£tiö>jiäva *) «dvta* xai | (175) 'fd-opäv ot; triXstc 
SiSotc, tote 5s | xats^^ap^evote att£Tjoiv 5i|5[otc] xai arcavta Siaxa^aipe'.c'l 
7rdoay Yjfiip[av] t-j) Eotppoaovfj xajtÄSatSa^' aö x<ai 7)>8<ta>y 5 j eopoöaa] 

(180) oivoo nav tö <x*p|ta> 6 ) 7tapsoysc | irpütov ev täte twv irswv na|- 
vT]7op=otv €TT...[.]TOA xai €Y|X€AIC xai CTTIKAN . . [. . •] aa 7cävtü>v| 
o-fptuv xai £ijp&V xai ^[o a /]pü>v, ej u>v | (185) arcavra oovs'ornxEv, eopetpta| 
sravtuv e^EVT^Tjc' oö töv a5eX|<pöv qo[o §ica]vT}[f]a7ec jiövt] xoߣp|viJoaaa 
xaXwc xai EOappLÖcrttoc | {►ä'Jiaaa [• oo toö äf]a{roö Sai^ovo? | (190) 
K.[ ]|CI[ ]-T-P[ ] I A.[ ] fftfXsi KA- 

'AXc-(afii l'reisigke nr. 8660 zu stecken ('AXc£api 'Aptttdrä' 'lat; ruvi] ajtoj Ijtofast 
heißt die Inschrift, nicht AA€ZAM€AP€C€CT(i) *-*'); ich sehe darin kopt. 
•xcjlic »tendicum esse«. 'AXc-C*fji »Kleiner der Wahrhaftigen« ist Sohn eines 'Ap- 
-c3c-atu> d.i. »Freund der Isis, der Herrin beider Länder«. Toap-6 »die Wahrhaf- 
tige (ist) groß«. 

AU 

1) Ueberliefert: €Z(i)N€[ 1-. [■ ]• Mi * d em Krühaufgang des Sothis beginnt 
bekanntlich das aegyptische Jahr; 'Iscsft&i; Z. 143. 

2) ä-/,-iu- ; -'A schreiben G.-H. und fassen das als griechisches Wort. Ich kann 
den Sinn nicht recht verstehen, ot tucyiüpioi deutet an, daß hier eine einheimische 
Bezeichnung stehen muß. Man vgl. den Personennamen 'Ax-afidiio; aus Heliupolis 
bei Suidas. Er ist mit Namen wie 'Ax-dpujv BGU 9 III 14, 'Ax-üiv:; Preisigke 
nr. 5124,222, Ht-ax-oüvi; eb. nr. 4365, 'Ex-tjsi; *ßpou BGÜ 89, 4 zusammenzustellen, 
die kopt. &cik. &ik ck »dedicatio* zu enthalten scheinen. Der zweite Teil findet 
eich in 'Aficrc-tou Preisigke nr. 3921, 'Apar eb. nr. 4574, 'A|ian dat. eb. 5099, 
\\\i'i-ii BGU 475 r. 2. Diese Namen enthalten wahrscheinlich kopt. &.u.,\o i e 
»robur, fortüudo, potestas*. Wie 'AfLctT-Taic zeigt, ist 'A^t, 'AfMfas als Epiklesis 
der Isis voraufzusetzen, wie 0-ofjp« »die Große« neben 'Ei-oqpt;. »Die der Mäch- 
tigen Geweihten« sind offenbar ein Kollegium von Priestern oder Verehrern der 
Göttin. 

3) Subjekt sind die Upi C'p»; *ls Vertreter der Götter werden sie nicht wie 
Neutra behandelt, darum tXap&l *t(vqvtm. Die Erklärung der Herausgeber verstehe 
ich nicht. 

4) Gegensatz zu ~)^ j-tv anop(^r ( v. 

5) Ueberliefert: K[ ] . [JA[. JA ; 4«« wie in Z. 132. 

6) Ueberliefert: TO ■ [.] . [.]A[J ; vgl. xd x«P(*^ao>a (Upi) Plut. de Ia. et Os. 29. 

8* 



| . Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



116 Gütt. gel. ädz. 1918. Nr. 3 u. 4 

[. .] . |K [.] . [ ] 7]B£T]oac • <fi[7je|tf[o]ylc Seafyu.äTwv ' a&[$]7J06ü>c| 

(195) xal <?t>opäc xa[l xivJtJosüx; x[ai] <otd>q8|a><; *) xoptor oü TOYTTA 
..N[..] ta|^c K[..]ANAr.[...].*IA[-J q? [.."'.]. |ACTG) .... 'Ootp'[- ."] 

TT. . . N [ ] | xal ..[..]... [. .]TA lata €[ j | (200) CAC "00 tot 

«Äyta . . . M . . [ J | xal xä rcdvra irpöc AIA . . . f. . .] P[. .]] CAC ■ 'Icetä 

ftdoatfe] ÄÖXsotv st? töy [aaav]|ra ypdvo[v %ax]ia[x]rpas ' x[ai ff]äa[tv]| 
ta vrijf.u-a xfal ejvtaotöv tiXEtjov jr]a|(205)pe5(oxac['] x[al . . .] . ouptova 
«äoi . . . [.]|C€[.]€I[.] . A x[atä afravta t6scov[-] ev | iravtl TOTT [. .' '. .] 
SÄsi^ac Äpöc tö ci|£ivai Ttdvtac ävdpojjrouc, 8ti at> | MAN . OYNAf. . .] . 
APA aoö • a& töv ol|(210)öv aoo T fipov 'AirdXXtova sdvrfl xöpi|ov v£ov 

va[ft irajytoc xdop.00 xai | ATT .... K[ ] . N[. . . r]^v|A AHN [*rä]- 

qav sie töv Sftavta | ypdvov xateonjaac • 00 fovai£iv | (215) «njv S&ya|UV 
t&v avSpfiv i7ro£|T,aac' xa[l iv tip] aSÜTio 7r<dvt'> &vt] |aa; 2 ) £$vt][ . . . . 

]OPAN| AINf.J.C ßaa&caaa HP .'[.] . . . N[. . .]NH xopia | s[p]o- 

eXoüaa Jtäoav x*P av l ]Q Y I ( 22 °) «M? «Äpofitv • Y . . .f.] . T [. . .] 

MON | Eoitv* x6 x<ö>p<0>?, 8 u!p£aT7}x<a<; eic> 3 ) fjXtov, | 5>p<atc> a<ö*iä- 
X>utoy ['o]ö xfjC Jj[c "'•'jjp.i* |A.P[.... lcX>J]miDpav ffotapöv | T[.]. . 
[.J.[. ...]H Äfe'-c' XäI toÖ iv Al|(225)f6icT(|) Xs[tXo]y, ev 8k Tp'.~öXei 
'EXsodi|poo, iv 56 rjj ? Iv£'.y.rj rdfroü' xaito<[>') | St' t)v tö jräv x[al t]ö ev 
xatp<td>y 5 ) iaxtv fitä «av |töc fytßpoo xai ttöotjc RlQTflJ? xat safoTjJc Spo- 
ooo xai -/idvoc xal 7td|(230)a7]c a<X>qe[w]« 6 ) xai -,f,<; xal daXdao7;c[.]| 
06 xai ravTüiv Seardtic fitaasi ' | T .[..].. H [.] AC jtdvta; toö jtgXoo | töv 
. [.]€0N "ßpov etj nX*» •[•]•[• -M • • [.jOT[.]N kXeEgv yüpav «äv *Qpoc[-]j 

(235) ai) Aio3xoö<pooc o>ü><r? l >p<a<;> 7 ) eiroi^oac* | CA [ J xatd. 

. ON [. .] tpcffc TTAN | . . [. . .]P[.]G N ijggijaat • oö avÄp.»v | xai ßpov- 
tüjv xal äotpaTCtüV xal | yiövtov tö xpatoc e'x 6 '«' 00 atpa|(240)t6tac **l 
Tjejtoviac xopta<*> toüc tupäwoo^ & ) eo|xö7:ü)(; StOffaCpCtC ff'.ototc ßoo|Xe»j- 
jiaotv ' ab t6v {Uyav "Ootpiv | adavato[v itoi]Tj[ ]?[?] • [ ] I ** L ^«o-q 

1) y.*[l . . .]/,aecu; »[«!.] - - '.[ä]!* » G.-1I. »'xtvj^dHOfl « pnssibly . . ., &lrf /A« trord 
ccntrasted trith it is not ata'aiiuc«. Die von G.-II. angenommene Zeilenl&nge ist zu 
groß ; sie müssen sich geirrt haben. fc3€r r 3ie, »9of;4, »t'vr^t; zusammen z. B. Aristot. 
de gen. et corr. I 8, 324 b. 

2) Uebcrliefert: H[- ■ 10NH CAC 

e e 

3) Veberliefert: Y0CCTH , n!so vermutli-b: YOCCTHIKACIC]- 

4) relierliefert: KAITO &AU klammern 70 ein. 

5) l'eberlicfert: KCP--N- 

(i) riberliefeit: A[]C€-C; '^'i »Gedeihen« slcckt auch in der Hesych- 
glossc ä/.stv r .tf T&ÜT& izi tf ( ; iyr* twatpvii txuMXO, 

7) Ueberlicfert: AIOCKOYI 10) .. P- 

S) T'jf'ivvo-j; ist ausgclaseen, von G.-H. richtig nach ('IG XII 5, 14, 21) er- 
gänzt 



| . Original froni 

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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 117 

yüpa T[.] . T[ fra]|(245)p$8(oxac dp7Joxs'.a [ ]| 

6|ÜCttC 84 xai *Qp[ov] t<öv ftarp>ö<; ! ) 6o|ep-rsrnv ^svau-svov xai a-ra&tfv '| 
oü xai <pu>tö<; xal ©Xe-fu-äTow x-j|pia' o-j ev Msu/pi<& ^x>e[i]c 2 ) 8fatov*| )• 
(250) "üp(j>, rpoxpEvao' 3t<s> s;iroi]7]3ac ai|to5 S'.aSoyov, <jr>a<p- 

f,>a<da> dpo|vtoti<; 9 )- Xf>ijo[|iM8 .] . f. . .] €AHN | ta ifteatp« [ ] 

T.[ ] ACIAI | TT[ ]H[ ]A[.JCAN- | (255) xal [ ]l 

xai 6 [. . .] xatä-rsi« toic | l€[." ]N . ATT . f. ,]EIN xai a T iav ■ | €Y 

[. .'. .*.]N xaxhö'l^aac xpäto'c | €[ '. . JTA • • • - Al [4]ß«At*W | f. . 

] CÄC . . .[.] xsXsöoooa | (260) a AN0 f ] . NTAAN A0OPA T7AN |- 

TAT[jÖM€NüNTTANTöN | fü)NKA[ ] . . <tt);> icdv- 

to)v | *rsd>v x<upsi>ac 8iä8oyov aitöv £ itoüjoa; ' xai töv T . [.] . PON [.] .| 
(265) BY[.]Tj[. . . r]Av[t]ioy dpöyoo xopt]ov xal xpTjOfUjjSöv ßaa*.X6a | xa- 
•csarrjoa*; sri coö rcatpioo | ol'xou sie töv airavta ypövov * | ircel aoö ix 
tptwv tö sv Boo|(270)oscpt ispöv tö xaXo(>;isvov \ B[. .]...[...]. . OYAN- 
[..].. [...!• I es fehlen 3 Zeilen; (275) x[a]i [ ]|T|TH[ ]|H rfipata. 
€.[ ] | tspü) xai äoXs[ v A]|ßo3ov dopay [ ] | (280) oä ^ xtfoaoa £y 
[ ] | (MNANTON*) KA[ ] | A€ . €0€Y- xai A[ ] | tt]v soö-siav T[ ]| 
au Ixttoac . . .[ 1| (285) xal [s]v tg 7rpoo[ ] | TAABA€Y- od A[ ]|- 
<?[ J I € .A • • • •[•] • A[ ] | oü icay [.] . . [ ] | (290) TWN . . [ ] | enobpac 
töv [ tic] | töv aitüva* [ J | owtstpa- o-j . [ ]| NOYCA [Spu^ ] ] (295) 
ou xai tö f&<; T[ ]|QI wxsavoü 5 )' IA[ ]|T0Y- 06 effao£[ ] | äosß[si]<; 
[x]ai Y[ . Wir sind dicht am Ende der ganzen Zusammenstellung ; 
es fehlen nur etwa 2 Kolumnen. 

Auf der Rückseite von Nr. 1380 steht Nr. 1381, Anfang des 

1) Ueberliefert : T[] ■ [ ]OC ■ Vgl. den Kampf Hors gegen Seth und die 

Wiedererweckung des Osiris: Ad. Erman, Aeg. Relig. (Berlin 1909) S. 41. 
U) Ueberliefert : M€M[-]I • [■] ■ USX 

3) Ueberliefert: fOPOCTTPOKPINACqT[.]€[. . .]HCACAY|TOY AIAAO- 
XON- AI- •]-€[••] 0PONICTHC Das bezieht sich alles offenbar auf das Ge- 
rieht, das infolge der Klage Scths vor den Göttern abgehalten und in dem Hör 
als rechtmäßiger Erbe des Osiris anerkannt und gekrönt wird; vgl. Ad. Erman 
a. a. 0. Daraus folgt, daß ÜpoM3T/ ( ; falsche Schreibung für ttpovnrf; sein muß ; 
denn Isis muß das Subjekt sein, ü-iovi^; ist neu; es steht neben ÖpoviaW,; wie 
dfliöistt; neben äfoiuTn-,;, rjp^tic neben i : jpiTr ( ;, np&rt; neben -pisrT,;, ßo'jnpTjan; und 
x-jvÖn^STi; neben zot^tt,;, d. h. überall wirkt die Dissimilation, die xaiptostf;, 
öco|j.7^ti;, cipj5Ti; neben y.aipwatpk, tepuastpw, apimpi; erzeugt hat. rpoxpt'vcisa geht 
deutlich auf den Mythos von der Gerichtsverhandlung, ojtoj, das G.-H. in oüt-Jv 
ändern wollen, glaube ich halten zu sollen. Es bezieht sich auf ncrcp-S; Z. 246 
zurück. Damit ist zugleich gesagt, daß Z. 24b. !), die den Zusammenhang so böse 
unterbrechen, ausgeschieden werden müssen; sie gehören nicht hierher. 

4) d«(üvavTov = dowvTjTov, wie G.-H. vorschlagen, ist eine ganz unmögliche 
Form. 

€ 

5) Ueberliefert: OIWKANGY {statt K auch H möglich). 



. I , Original from 

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118 Gott. gel. Anz 1918. Nr. 3 u. 4 

2. Jhd. n. Chr. : ein Lobpreis des Imuthes-Asklepios. Der 
Verfasser, vermutlich im 1. Jhd. n. Chr. lebend, ist ein rhetorisch ge- 
bildeter Grieche, der sich für aegyptische Religion interessiert und 
durch eine wunderbare Heilung des Imuthes, eine echte aperrj, ver- 
anlaßt wird, eine angeblich unter Nektanebo im Tempel des Imuthes 
zu Memphis aufgefundene aegyptische Papyrusrolle zu übersetzen. 
Am Anfange fehlen höchstens 2 Kolumnen; dann folgen die Erzäh- 
lungen von der "Wiederauffindung der Rolle und der Neuausstattung 
des Gottesdienstes des Imuthes, von dem Entschluß des Verfassers, 
die Rolle zu übersetzen, von der langen Verschiebung und endlichen 
Ausführung des Planes. Von dem uns zumeist reizenden Teile, der 
Uebersetzung oder richtiger Besprechung der alten aegyptischen Rolle 
ist leider nur der Anfang erhalten. Der Text lautet: [. ]N taöra 
axoöoac 6 Ne[xts]| [vejtßtc 1 ) xal rcapo£ovdslc o<pd|5pa piv kni tol<; arcoata- 
■coujatv toö tepoö, ßGoXdp.evoc | (5) 6fe k£ ava?pa^)c tö 7rX7]&oc aü|tä»v 
iTTixpivai dättov, rca|pexE>.&üs*o Ne^aüTt 2 ) xy Stelsovtt töts xty ap^t5[i]- 
x[aa]te[i]|av s ) £pauvav toö ßißXoo p.7]vi 4 ) | (10) evl p.aXtoxa ffoiijoaotrat. 
6 oe | ixtEV^OTEpov a&rrjv avaCt]|njoac k'/M'.oz t 1 7> ßaatXet, | Suo avtl 
Tptdxov-ca £|ispffiv | p.<Svov avaXuioac elc ^)v | (15) C^t?]<kv. avafvooc 5fe 
6 ßaoi|Xet>c flavo jifev jjfdojh] Ist | t<j> rijc totopCac $GU|>, i£ Sfe | xai etxoat 
eupwv tep6tc toüc | anö 'HXEoo TtöXetoc rcpoTcop | (20) ffeöaavtac töv deöv 
eic t7]v | M£p.<ptv a7tivst|iev a6tä>v | tote fyfävoic rqv 3rpoa7Jxoo| aav exäatq> 
TrpotpTjtetav. o& | p/i]v aXXä xal <£Xjr>otTJoa<; ttjv | (25) ßtßXov dvav<tiX>6fü>c 
autöf 5 ) | 'AoxXtjtciov fl;iXo]{maev ÄX|Xaic rcupotpöpotc äpoupaic Tpta|xoa(a».g 
tpiaxovta, xal u,äXi|ata äxofcoa«; Öiä rfle ßißXoo | (30) töv deöv bnb 
MefX°P^ 0D C I B ^C u,6fe^oc ^oxTjpivov ae|ßaau.üjv. S^w 2£ ;roXXäxtc tfjc| 
aätf^c ßißXou TTjv ip|j.T]vetav | apjaptsvoc 'EXXtjviS: •jXwao'Q | (35) <$.f>$Q- 
vov 8 ) atävt X7]pö Jat xal | sv uitrQ jieöcov *) rjj 7pa<p-fl | iTtsayi&rp ti)v *po- 

1) Dieselbe Namensform Theopomp frg. 101, p. Tcbt. I nr. Gl IV b5; nr. 61b 
I 7, Nr/8cveißu p. Ox. I nr.69; X nr. 1287. 

2) Ist das derselbe Name wie NeyoÜTT); BGU nr. 997, Wilcken Ostr. nr. 1150. 
1621, p. Lond. II S. 15, Z. 2, Preißigke nr. 5105, [fo-vtx&Ti]« BGÜ nr. 91,22? 

3) Neues Wort. 

4) TJeberliefert: MH. verbessert von G.-H. 

5) Ueberliefert: KAI l JOIHCACTHN I BIBAONANAN [- .]CQ3CAY- 

TOC ; G.-H. schreiben mit unmöglicher Konstruktion xal [. . ?:]oi^cas rfw | fiißXov 
dvav[tü)]a«aj; ajflv. ränratijsafi is possible. The last letttr of ctO-dv is reduced to 
a mere speck of ink, and aüto; can equally be read.* 'ArxX^-tov ist nun nicht 
mehr >a mistake for 'AoxXtj-uIov«, sondern der richtige Gottesname. Nektaneibis 
führt nicht nur unweigerlich aus, was sein großer Vorgänger Menchores dem 
Asklepios gestiftet hat, sondern fugt selbst neue Stiftungen hinzu. 

6) Ueberliefert: [. JA0ONON ; [ty>]?»ov & G.-H., mit unverständlicher Kon- 
struktion. Erst durch die griechische Uebersetzung wird die Schrift allen zu- 
gänglich, ihr Inhalt nicht mehr neidisch vorenthalten; das will efy&ovov ausdrücken. 

7) Bisher nicht belegt. 



| . Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



GrenfeU and Hunt, The Oxyrbynchua Papyri Part XI 119 

dujifav | T(j> rjc iatoptac ju-rddEt, | Stött 2£<o IXelv £u.eXXov ao|(40)T?jv' 
deotc fäp jtövot^ aXX' oü|dv7]totc Itpixtöv tä<; de|ä»v StTj^etadat Soväu,etc. 
oo | fäp a7cotoxövtt p.01 [itfvov | al$ä>c "fjv «pdc ävSpcöv, aXXa | xal ex 
£soö oa<ov> ay&p\o<xo<; a7]>6ta 1 ) a"ravaxrijoavTOc <t7jc;> [ada]|vato!> 
apet^e; aoxoö t<$> 7pa|fB <[C>o<ü> ayatpoo|iiy[>jc] tfajretjlvtüjia 2 ), tütps- 
XTjaavtt 6e 6 ßtoc | (50) (tev EÖ8a£p.cov, 7) 6e <p7j[iir] | a&avatoc. etotu;o*repoc 
fäp 6 | treöc rcpöc süepfGOtav, eü 7s xal | toöc aotixa 3 ) jtövov soasßsis | t-g 
7rpo^O|tta rcoXXäxic ä7C7]ü|(55)57]xoiT]<; tfjc iatptxf)<; rpö? | tac xate-/ooaac 
aotoö<; vöaooc | Kocoaev. 8dsv tpovcbv [tö p]it|>oxtv|3ovov, <eü»c 4 ) xatpöv 
etTJpowv | töv toö 07100c 5 ), avsßaXXö(i7jv | (60) ttjv JMcdaytotV. töte 70p jiä|- 
Xtata Tceptoaöv ti rrjv -^Xixtav | fppovstv ftfyoxi ■ ta^(6 ^äp **) | vsörrjc xal 
e^opji.^] (pdavei | ÄpeVfoooa rqv TTpodojitav. ind | (65) 3s tptETTjc irap<j)-/TjTo 
ypövoc | u.7)ößv e'tt [100 xap.vovtoc, | tpurJjc S 1 <kv <J>> rj) uvyjTpt 67ct| ax[ij- 
<|ia]<<; 6> $eöc «taptata t) | fppi'x^ e ) aimjv e'atpößEt, öN|i& | (70) p.öXic vo- 
TJoavtEi; txfetat ica|p?j|iGV eitl töv dsov t-fl pvijTpl [Se] |du.svoi 7 ) äxeoiv Stu- 
vsöoat | xf)c vöaoo. 6 5' 01a xal rcpöc rcäv|tac /p^atöc oV övsipäTcov| 
(75) tpavEtc eu«X£env aorfjv | a7T7)XXa£ev ßoY]\hj|iaaiv, | ^[Lstc Sfe täc £01- 
xoEa? | ota doo«i>v itj> awaavu | a;rs3LSoy.EV ^äpttac. isel | (80) Sfe xäu.ot 
u.et<x taöxa al^vt|8tov ÄX^^p-a xarä öejioö | £ppi>7] rXsopoo, Ta?&C fa&\ 
xöv ßoTjdöv tijc ävdpo)| ä(vt]5 2»p[i7)oa cpöoEioc, | (85) [xal] xaXtv eto'.[töTE- 
poc; | o;raxo6aa<; el? £Xsov | evepY^atspov xtjv IStav | affEÖetJa'co EU-epYGOiav, | 
•fjv e;caX*r]\hü) ;jiXXwv | (90) tac aoroö ^ptxtäc 5o|väp.Et(; ä^aYY^XXs'.v. 
voj | Tjv, ote aäv EX£Xoi[t7jTO | C<i»ov icXf^v twv äXY0Öv|t(ov, tö 5e ^Etov 
£vep7^| (95)oTspov e^aivsto" xat |te | a(po5pö<; e^Xe^e nupetdc*), aod[xa|tt 
ts xal ßijxl tfjC a^ö toü | nXeopoo ävafopeVqc o5ü|vt]^ iaoaSatCoy' xa- 
pr^ßaKlOOipT^eic 5fe toi? Ttövotc äX7]|dap7oc lt ) eic Bffivov 4yspö|jiT]v. -^ 6e 

1) Ueberliefcrt : KAI€KGJAYC€ [• . ] AX (oder K) ATIO[ ] | AIA j xd 

x U'^yst [f*c TJä xaTi'Ä[xo . . ,J ,oia G -H. 

"2) Ueberliefcrt <DH[-]C[Y]NnAHPOYM€N[. -]T[. . . -HNöMAj 4£ta£w»- 
f^h«] G.-H. 

3) G.-H.; überliefert: AYTA- 

4) [ii]« G.-H., die binter ävcßaUö^v ein ös einschielten. 

5) Ueberliefcrt: TONTOYH (oder AG» P (oder | oder <J>) [.]YC d.h. TONTOY 
YDIOYC; ~<*v to^ 7^00; G.-H. ist gewiß falsch, wie die folgenden Zeilen zeigen. 

6) Überliefert : TP[- JTHC A[ ■ OJHMHrPIGni | CK [5 oder 6 Buchstaben] 
G60CT6TAPTAIAH <t>P6IKH; G.-H. schreiben: ttf«]^; oi[ . ,] -rj wfi E-.| 3 x[v^ 3a 
d]Öcoc T(Tapxa(a r, | tfpe(x7). Diese Ergänzung lilßt die Lücke hinter V: | unerklärt, 
gibt das nach meinem Gefühl unertrügliclie [ä]t)co; und zerstört die feste Ge- 
schlossenheit des Nebensatzes. 

7) üebcrliefert: THHTPI[- ■] ; ü)M€NO|. 

8) G.-H., überl. F1YP0C 

9) Das Wort ist nicht mit G.-H. in X/jttapyoc zu verändern. Es bedeutet 
offenbar, wie aus Z. 126f. 133ff. hervorgeht, eine Steigerung von X-Mfoffos, also 



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120 Gott. gel. Aur. 1918. Nr. 3 u. 4 

injrqp ü>c £rci | iratSi, xat <p£>aei <ptXdatopYOc | ?ap £ottv, täte £u.atc ujrsp- 
|(105)aXYOöaa ßaaavotc exadi|CEto jit]5e xat' oXtfov ottvou | <j.=~aXau.ßä- 
vooaa. Bit' E$a?:£|vTjc ecöpa — o&Y Övap oöd' u|7cvoc' oydaXu.ol fäp 7Joav| 
(110) axtv7]tot St7)vot7iiivot, | ßXfiTrovtsc [iev oux axpt|ßwc» fota 7<xp aorijv 
[j,Etä | ö£ouc eto^jet <pavtatata | xai äxtococ xat07itsöstv (115) xwXöoooa — 
efte aotöv töv | $eöv efre aütoö thparcov|ta *). äX^v tjv ttc ojtspinj |x:nc 
jtev T] xat' &vdp<o|jrov, Xau.ffpatc •fyi/pieajii|(120)voc o&dvatc, tfl sü(üvö| [tcj) 
Xßtpi 9^pti>v ßtßXov, | 8c [lovov arcö xe<paX?)c | ea>c tcoSäv Sic xal cplc| 
iicioxojnjaac |ie a<pav*r]c | (125) e^vbto. -f) 5b avav7J<j>aoa | In tpoji(i>57)c 
E^EipEty (iE | iffstpäto. Eüpoöoa Se" (te | toö |j.sv rcupEtoö airr]XXa| fpivov, 
töpwtoc Se" (j.01 7CoX(130)Xoö EJtaÄoXto^dvovtoc 2 ), r/]v |jiv toö £eoö rcpoo- 
e|xi>vt]oev imcpavEtav, ä|[tE 6e affojiäaaouoa v7j!pa|Xui)tspov sttoItjosv. xati| 
(135) 5taya<vi]>4iavt{ 3 ) (iot tVjv toö | dsoö ffp[o£]XojiEV7) u.7]vöeiv aps|- 
ttjv — TTpoXaßwv sfü> Trävta a|rciJ7 , rEXXov*) a & T tl * ° aa T*P 8t£ ti}c| 
o^etoc stSev, taöta fr/Ä) 3t' 6|(140)vEtpat<ov ecpavtaoUbihQv. | xat twv öe 
tijc rcXEOpdc Xtoyr] joavTwv jiot aXfTjStfviov, Itt | [iot u.tav Sövtoc toö deoö 
öxe|o(öSovov tatpEt'av, ex^poocov | (145) a&toö täc Eoep^eatac. jrdXtv S' 
^Itiäv xatä Söva[itv aotöv | ££su|isviaa|j.s , vü)v O-ooEatc | aötöc afl^tst öta 
toö iv afvstatc | auttj> 7rpoo7roXoövtoc l£pEü>c | (150) rfjv rcaXat xatTflY e ^~ 
(jlIvtjv aotip | &7cöaxEotv. y^eic 5e r ^ 5 ) Öo|oiÄV ttYjtE avad")ju,atoc XP e l" 
toatac aotoöc EtSötec ojjuoc | toötotc autöv flaXtv tXEtEü|(155)o|A£v. <i>c 8' 
oo toötotc roXXäxtc | Et7TEv 6 ) rfizo&ai, äXXa ttj» ?cpo |xa^ü)(ioXo7T]|iivtp ? 
oYn7tä|pou[v xa]i |iöXtc taytoXoöv|tt 7 ) jiqt toöto tö \rEtov tfjc fpa|(160)- 

»todmüde«. Es ist das aus a crep^-nx-^ entstandene a iniTa-rix'iv. [Vgl. drffxT ( To; 
»hocbgeehrtc p. Ox. XII nr. 1414, 22. Korr.-Not.]. 

1) Ueberlicfert: 0GPATTONTAC. ötp^novta; G.-H., was Bicher falsch ist, wie 

das Folgende zeigt. Die Konstruktion des ganzen Satzes ist von G.-H. merk- 
würdig mißverstanden. Das Objekt zu cuipa ist natürlich eirc o-jtov töv Öeöv efre 
aÖToJ Ötpärovra, Was dazwischen steht, ist nur eine genauere Bestimmung des 
Begriffes äupa. Dem jj.£v Z. 111 entspricht kein 5£, aber der Gegensatz ist auch 
ohne das deutlich. Das -?.^v /.te Z. 117 ist nicht der Gegensatz zu fjiv, sondern 
schließt die Frage, ob Gott oder Diener des Gottes, ab; »jedenfalls war's je- 
mand usw.« 

2) üeberliefert: IAP03TAA€MOI nOA|AOYenATT[.]AICeANONTOC; das 
Verb ist neu. 

3) Üeberliefert: AIAAA[- ]CANTI ; &4«[kQ?ovti G.-H. 

4) Ueberlicfert: ATTHfrCAONi an einen Aorist f t f$,w möchte ich nicht 
glauben. 

5) üeberliefert: MHA6 ; v-rfii G.-U. 
ü) G.-H.; überliefert: GITT6IN. 

7) Üeberliefert: TATT6INOYN Tl ; TaKitvöSvtt G.-H. Es muß ein Verbum der 

Gemütsbewegung dastehen oder eins, von dem toüto abhängen kann, also »er- 
wägen, prüfen«; TaneivÄu ist in beiden Fällen ausgeschlossen. -ravtaXId) ist bisher 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 121 

(pf)C uTTQSt jjl6 XP^ 0? - ^ ffEC I ^ ärcaj fe7tG7vti)X6tc fis ä[te|Xetv t 5£arcota, ri]c 
£e£ac ßt'lßXoo, rqv otjv e7rixaXeaäu.e|voc Jtpdvotav y.at flX7)|(165)pü)\rsU ri)c 
ofjc ftetdrnroc | £~i töv r/jc; tatoptac; a»pu.Tj| oa dsTjXatov afrXov. xai | oifiat 
%ata<ßt>ü>asLv x ) ttjv | a*J]v irpo^7]teüü>v lztvot|(170)av xal yäp töv *rijc 
xoau^>|roita<; ?r:$avoXo77]tr£v| ta jtödov £v et£pcf ßtßXtp | (paixip rcpöc; dtXiJ- 
detav ävTJlrXtooo Xd-ftp. xal iv rj) 6X-Q | (175) fpa^ tö p.ev uatepov apoo|- 
ezXijpwaa, tö 3e jcepiaoso|ov ä^eiXov, 8tij?7]p.a 85 | ~oo |xaxpoXofo{>p.s- 
vo<v> B ) | auvxdjwüc feXäXTjoa | (180) xai äXXaTToXo70<öu.ev>ov s ) | affa$ 
ifpaoa • otrev, Seoirota, | xatä rr^v crfjv eou.[6vei]av, | aXX' o& xatä t?]v 
EjtTjv tppd|vY]atv TeteXeotoopYTja&a'. | (185) Tsx|Aaipou.a*. rrjv ßißXov. | rj) 
fap a^ detÖT7]tt tota6|tY] appöCst *fpa<p7J. T[a6r]T]c | 5' eopsnfc. pi^tote 
dscbv | 'AaxXTJirte xai SiSäoxaXe, | (190) xai täte äei <Öv>twv l ) Sstxvo|- 
aat xap tot - rcäaa fäp äva|^TJ(iÄtoc tJ dooiac ötüpsä | töv sapauttxa \l6- 
vov | axu-äCe'- xatptfv, Icpö"ap|(195)tat 8e töv [liXXovta* Ypa) cpTj oe ädä- 
vatoc X^P t? xa l t( * **tp&v av7]ßäoxooaa 5 ) rqv u;vtju.t]v. 'EXXtjv'ic; 5s | fläaa 
7X(i>aoa tyjv cvjjv Xa| (200)Xijoet urcopiav xai näc | "EXXtjv avTjp töv tof> 
4>t>ä | oeßTJoetat 'Iu.oö\h]v. | oovtts Seöpo, u> ÄvSps? \ eüu;GVsft; 

xai ä^adot, Ä7ct|(205)Te, ßäaxavoi xai äasßeic " | ouvtte, a> [. . .] Of. .] 
. [.], ooot dt] |xeüoavTec töv deöv vö|a<i>v aTnjXXävYjts, oooi I ttjv tatpix/jv 
jieTaxstpt|(210)Ceo^£ ertotV^TjV " <6S>oi|«opTioete 6 ) t C7]X[wtaJi ape|t^Ct 
Soot ~oXX(j> TcX^det 1 6r7]o J7]d7]t6 a^adwv, | ooot xtv5üvouc daXäcoT]?! 
(215) 7r6pteoü>{h]T6. eic 7räv|ta ?dp tötcov 5tajt6<poiT7j |xev *f] toö deoö S£>- 
vapLtc | awt^ptoc. u.6XXü> fap autoö | tspatüiSstc äTraffdXXe'.v | (220) fifft- 

m. W. nicht bezeugte Nebenform zu TavTsXrW ; bekanntlich gehen die Verben auf 
cjio and iv* in dieser Zeit ganz durch einander. 

1) Uebcrliefcrt : KATA[ ]10C€IN ; xaad<nX>ü)«[v G.-H. *It is not certain, 

that more than one Utttr is lost*, jüuüsto im späteren Oriecliiscb gewöhnlich. 

2) ^axpoXo70'jji[c]vG[;] G.-H. 

3) d//ar:6X&7o[v (iüöjov G.-H. ist unmöglich; |i r jUo; in Z. 172, worauf sich 
G.-H. berufen, bat anderen Sinn; hier könnte nur /.ojov oder Äd;[v stehen, beides 
neben äUarriXoiov unerträglich. a/XzTzohjflw ist neu, die JHldung spät. 

4) Ueberliefert : TAIC ATT[- JTU)N i «i; ar[avj7iuv (l.-II. Das 1-olgeude zeigt, 
daß hier ein Begriff wie »künftig« oder »ewige stehen muß. Mit der Krnndung 
der Schrift hat Asklepios natürlich nichts zu tun. -ravtr,; bezieht sich auf die von 
unserm Frommen verfaßte Schrift zu Ehren seines Gottes; die hat dieser Gott 
ihm eingegeben, wie kurz vorher Z. 182 ff. gesagt worden ist; darum auch oi'Wrxa/.e. 
Durch diese Schritt wird Asklcpios als ihr Urheber dem Dank aller Zeiten kund- 
getan. 

5) Der transitive Gebrauch des Verbs ist bemerkenswert. 

(i) Ueberliefert: [. -]0! ÜON (oder | oder P) HC€TG; G.-H.: [osjot rroW.sm. 

Deutlich ist der Parallelisraus der Glieder, der durch öor.iropr^eTe wiedergewonnen 
wird. Er läßt dichterische Sprache dieses Teils des aegyptiseben Originals er- 
schließen. 



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122 Gott. gel. Anr. 1918. Nr. 3 u. 4 

qsavetac 5ovdu.Eü>c | (UflOir) te ') 606p76T7]u.ä[t<ov &aa^u.ü>v 8 ). Sf/et öfe oo|- 
To>c 6 ßaotXeöc M£ve|'/spf;C tptwv $eä>v X7]|(225)6siav euosßijaac 
alwvtav | tTtoppt Stfjav [xat Sta tf)c?J | ßtßXoo rqv <p[i5|i.i]v suto ?] Ix^aac 
r?]v t[oö *AoxXt]]|äIgd iratöö»; 'H<p[aiotoD ra]|(230)<p7]v xat rfjv n<oo(i»pot> 
*Ep| [tfojö s ), £tt Se KaXeeißtoc 4 ) | 'ArcdXXcovoc rcatSöc acp^öjvot«; YfftjUCCOtV 
5ü)p7]aa|[tevoc ävtäTrotvav 5 ) £a|(235)-/ev suSat^oviac «Xij|doc. arcoX£u,7)TOc 
fäp tö|te Atfoictoc Stä toöto xai | xapTcotc atpdtfvotc euO-i] |vsito. rj) fäp 
toö ?tpo6o|(240)t(I>TO(; eiosßsta onote |Taf|i6vai sojropoöot x*Mpat> xa ^ 

1) Ueberliefert: T€M6r€0H- 

2) Ueberliefert: €Ye[.]r€THMAiTCdNAUPHMttN oder AWPHMATA; 
»A w fairly certain, but the next ttco letters are very doubtful and the tcrmination 
might be HMWN« G.-H.; sie schreiben: B'jv7|i«cus | t« [Ufibr^ iuefpfreTTifis'lTiuv <re> 

'\ti»p/.;o-v Deutlich ist r daß oixoS zu beiden Gliedern gehören muß; dem Gliede 
TipattüScic t-iyzvtl*z 8uva'fiiuic entspricht das gleich schwere, aber in der Form 
etwas abgewandelte tuiittr, rjeoyrnjfiäTüJv 8iaö^i«uv (es könnte auch cEpttr^pa» heißen). 
Daraus folgt, daß u an falsche Stelle geraten ist; es gehört zu p^citr,. 

3) Ueberliefert: T[. - ]POY€P[IM[jYi G.-H. schreiben t[o5"0]poo ISpJrfVß 
und plagen sich dann mit dem selbstgcschaffeuen Rätsel, wie llor Sohn des Tbot 
Bein kann. Q-otM&ßoo ist Genitiv zu El-ogüßi »der Hund«, vgl. aeg. whr = kopt. 
°T£° Pi °T2.°P> OT^P * Crtm * € - derselbe Genitivausgang z.B. in Tiv-T-o^pou 
p. Lond. IV nr. 1419, 562. 1267, Vovr-otrfpoti (so statt Vovuöwipöu zu lesen!) Prei- 
sigke nr. 4106; derselbe Nominativ in Tev-T-o'joöpee p. Lond. IV nr. 1469. Wahr- 
scheinlich ist bei Preisigke nr. 90 'Kppfa; Ilocfcou in 'Eppfe; fl-owpo'j zu Ändern. 
Hermes-Thot ist der Hundskopfaffe heilig ; >der Hunde als Sohn des Hermes-Thot 
wird also nicht besonders auffallen. Auf einen Gott H-ouäipe deuten auch die 
Personennamen Il-piojx-o'jiüp (nicht Ilpiufio'j *QpJ) p. Lond. IV nr. 1420, 199 = »der 
Diener des Hundes« = [I-pf^oooX eb. nr. 1474, ü-ouiiipcwc gen. BGU 85 II 10, n- 
-ouäpcü>; gen. p. Lond. II S. 159 Z. 1, ri-o'jütpio; gen. Preisigke nr. 1663, Üa-oyctp p. 
Lond. IV nr. 1419, 1064, Otapi; Preisigke nr. 3493, 'Ocr'pi eb. nr. 5124, 375 (so statt 
Hapt zu lesen!), K-iiov eb. nr. 4351. 

4) G.-H. lesen KaXeoißio;; das ist ein unmöglicher Name, wie die Verglei- 
chung mit Ks/.-ißt; p. Grcnf. 1132,7, Preisigke nr. 5104 zeigt. Ka).t-tlfe enthält 
kopt. jöcA »klein« und oin »Ibis«. Mit dem Ibis wird die Mondsichel verglichen, 
daher ist der Vogel dem Mondgotte Thot heilig. Der Mond ist aber auch das 
Auge des Hor-jcrti (Ad. Erman, Aeg. Relig. S. 13) ; so kanu KaXc-eißioc ein Sohn 
Hors sein. 

5) Der Ucbergang in die Femininbildung der 1. Deklination ist merkwürdig. 
Es ist die rückläufige Bewegung, die einst aus echten Femininen der 1. Dekl. 
Neutra Plur. der 2. Dekl. gemacht hat. Verwandt ist üSar») statt M«a in dem 
Schifferliede p. Ox. III nr. 425; bekanntlich zeigen die neugriechischen Neutra im 
Nom. Plur. tj neben a; verwandt auch der Uebergang der griechischen Lehnwörter 
auf -f*a in die lateinische Femininbildung oder neugriechische Feminina an Stelle 
altgriechischer Neutra auf -i (Hatzidakis, Einleitung S. 360) oder Neubildung eines 
Femininums castra, -ae zu castra, -orum. Erleichtert wurde die Neubildung be- 
sonders da, wo das Wort nur noch als Plural mit Singularbedeutung vor- 
handen war. 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 125 

to&vavtfov, ktp 1 ofc | Ixelvog SoaoeßEt, ifll | rootot« xaxoic avaX[oxov|(245)- 
tat. 8v 5£ tpdrcov Ixp7]|aev aut(j> 6 $eöc 'AaxXijjriot; | oarooSäCetv aotoö 
flt6pi|[ti)c tafS)c? .... 

Den Schluß einer Wundererzählung enthält Nr. 1382, 
2. Jhd. n. Chr. Erhalten ist der rechte Rand einer und eine ganze 
zweite Kolumne; diese lautet: (15) etwev* „5ta ak -/apiao^at zb üdmp 
4><xp{Taic." | xal ao7raodp.svoc autöv äv£3rXsoasv, | xataöEScoot ! ) zb uSiop 
4>aptTaic xai Xa(ißävEt | zap 1 a'Jtcöv sie ti|j.tjv apY(opioo) (Spa^jiäc) p. 
xai | xata'/cöpECeTat ^ apetfj ev tat*; Mepxooptoo | (20) ßtßXio$i] xat C' °^ 
irapövtsc elTrats' „sie Zeüc | Xäpajrtc." 



(25) 



Aiöc 'HXtou tisfäXoo £apd- 

ttiSoc apetT] -^ Äspi £o- 
püüva töv xußepvTJ- 

TTjV. 



Die erwähnte Bibliothek scheint die des Mercurium, des Tempels 
des 'Epp-Tjc-OtüT, vgl. den von G.-H. herangezogenen Papyrus p. Ox. 
VI 886 : ävtEfpaepov ispäg ßtßXou zifi Eopedeio7]c ev toic toÖ 'Ep[ioö ta- 
(letotc, die von Cumont verglichene Stelle Catal. codd. astr. graec. VII 
S. 62: ßi'ßXoc eopedetoa ev 'HX'.O'iiröXst tijc ArpTTtoo £v t(j> tep<j> e"v a56- 
toi«; i'i:Y E TP a l JL ^ v ''] e\ tepoSc fpä^aot und das von Wilcken (Archiv V 
S. 271,1) dazu gestellte Töpferorakel (Hermes 40, S. 549): zi\v 8e 
ßtßXov xa^iSpuoev ev Upotc Tajj-Eioti; aotoö (Heliopolis). An den Stadt- 
bezirk Mercurium in Alexandreia wird man deshalb schwerlich 
denken dürfen. Thot als Erfinder der Schrift heißt ja auch >Herr 
der Bibliothek<. 

Ein besonders hübsches Stück gibt Nr. 1383, Ausgang des 3. Jhd. 
n.Chr.: Seemannslied an die Winde. Am rechten Rande steht : 
To6£ot<; avfijiotc. Der Text lautet in meiner Gliederung, mit Bei- 
behaltung der im Papyrus an mehreren Stellen stehenden schrägen 
Striche, die Versende bedeuten müssen: 

'PoStoti; exeXeuov ävey.oi<; | 
xai \kipsat toi«;*) TreXa^toic» 
3ts jiXssiv tJ&eXov e*f(i), | 
ots jiivsiv 7]\kXov exsl* 
5 <sXeyov (jipE(o'.v) xekafiois' 
*J17] tofi-j] tä ffcXä^T) ' | 
aX' bzoz6.ia.zt vauotßa-caic; * 

1) Ueberliefert: KAIAAIA03CI; *»* ä<;:<»otöu>3i G.-H. 

2) Ueberliefert: COIC 



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124 Gott, gel Anz. 191S. Nr. 3 u. 4 

oXoc Äp 5 £vs|ioc ewi^eX^ l ) ■ 
arctfxXeie*) ta TTveuu-axa xaE, N6£, 
20 ööc td <vo>Tspä ^öpata.* 

Die Aenderuug von €TTir€TAI zu eTct?eXä (voluntativer Konjunktiv der 
späten xotvTj) ist notwendig, ein Indikativ Praesentis ist in diesem 
Gebete unerträglich, nötig ein Futurum, Konjunktiv, Optativ oder 
Imperativ. Eine Vokalverkürzung, wie G.-H. sie bei mfet« annehmen, 
kommt hier sonst nirgends vor; nur xa( ist, wie längst bekannt, zu 
xi geworden 3 ) und nur in historischer Schreibung als xat erhalten. 
?eXü>c von den Wellen ausgesagt bei Oppian Hai. 4, 334, ta YeXwvra 
3üX£ovtsc uSarr] im Schifferliede p. Ox. III nr. 425, 4, fsXapij;- •yaXTjvTj- 
Aäxo>vsc Hesych, u.ei5iä ti)c daXätrqc 7aXTjv.ü>07]<; '/ a P'-^ ots P 0V Alkiphr. 
I 11, tö xöu.a eirtfeXä Aristot. Probl. 23, 1, atdu-ata (Flußmündungen) . . 
ta (ifev tutpXa xai |ii]5e txpopu.ov a^oXstTiovra, Ta 5s flavteXüc iTrifeXwvca 
Strabo XI p. 501 4 ). Was vom windstillen Meere ausgesagt werden 
kann, muß auch vom ruhigen Winde gelten dürfen. Auch die zweite 
Aenderung <vo>TepA (oder <vö>tta) wird richtig sein. G.-H. schreiben 
<ü6>ara und meinen, das ü sei unter der Wirkung des Akzentes ge- 
längt ebenso wie das erste e in [lipaai, rcXsetv und uiveiv Z. 2. 3. 4. 
Das alles ist unrichtig. Ich schreibe das metrische Schema her: 

VA«> — Wv_f I i_A_» U 

_ V VA^ I VAJ W 

W'J U — j UU *-J 

5 L«J U"J «-A7 U 

tj .'-. V — __ 

I 

U»J <_/ I L"J uu _. 

10 V UU I t>J u 

Hiat findet sich hinter vs. 3. 4. G. S, d. h. wir haben es mit deutlich 
abgesetzten Kurzzeilen von je 2 Metren zu tun. Vorherrscht trochä- 
isch-kretischer Rhythmus; er wechselt in vs. 1. 5. 7 mit einer ana- 
pästischen Dipodie; dies erinnert an das Schifferlied p. Ox. III nr. 425, 

1) Ueberlicfort : £TTir€TAI; G.-H. schreiben: i-lftTzt = izziyi-cu, lesen e3 
aber mit kurzer 2. Silbe. 

2) G.-H.; überliefert: ATT€KAeifJ. 

3) Vgl. Mayscr, Gramm, d. griceb. Pap. S. 10Ü; dazu 'Isioi xi toT; o-jwäoi; 
Äeol; Preisigke nr. 4073, oder im Fluclie der Avtemisia eb. nr. 5103,1: 'Ostpoia xd 
Öeol oi [uzä toü 'Oatpcinio; (aber Z. 4: 'Ooipart; xat ot öeo() und Z.6: dro/J.jotTO ■/ 
ey 75 x' tv daXaoTT, x* oütg; xai ti autoö, Z. 14 f. ü»3rep x' oüx trapxta» . . . 

4) Die Ueberlieferung setzt xai jxr^o* foopfiov etaoXifcevrci fälschlich hinter 
iriYeXmvra. 



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Grcnfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XI 125 

das den Vers w-^-lw«, stichisch verwendet, und an den 
christlichen Hymnus p. Amh. 2. Aber von der gleichmäßigen Beto- 
nung der vorletzten Silbe und der ebenso gleichmäßigen Länge der 
letzten, die dort zu beobachten sind, ist hier nichts zu spüren. Noch 
sind die metrischen Gebilde der Zeit um 300 n. Chr. zu wenig be- 
kannt, als daß wir wagen dürften, einem angenommenen Schema zu- 
liebe mit G.-H. vs. 6 und 10 für korrupt anzusehen. Der Text ist 
völlig in Ordnung, und so wird unser Lied bestimmt sein, in der Ge- 
schichte der griechischen Metrik der Spätzeit noch eine Rolle zu 
spielen als ein fester Punkt, nach dem weniger Sicheres sich wird 
richten müssen. 

Der folgende Papyrus Nr. 1384, 5. Jhd. n.Chr., ist wegen seiner 
Verbindung von medizinischen Rezepten mit Erzäh- 
lungen von wunderbaren Heilungen Jesu für den Theologen 
wie für den Mediziner und den Kulturhistoriker, wegen einiger Sprach- 
erscheinungen auch für den Grammatiker lehrreich. Ich setze den 
Text in seiner eigentümlichen Schreibung hierher: foöoxac 1 } xadap- 
atoo' | Christusmonogramm (senkrecht gestelltes P mit wagerechtem 
Querbalken und Schnörkel an dessen rechtem Ende) xopivoo (Spayjutl) 
8, | u,apddoi> (öp.) ß, | aeXivoo (5p.) 8, | (5) xdatou (8p.) 8, | [laattyjnc 
(8p.) 8, ] xtopioo (8p-) C» | Sa-pvöxoxxa xa, | xapoioo (8p.) [] | (10) ze- 

P»lO («PO [ ] I TMiX«voc (*p.) [ ], 1 «olXXoo (8p.) [ ], | SXatoc [], | 
oSoog [ ],| (15) Monogramm attfjvrrjaav HM 8 )[ £v8]pe$| kv t$ £pT)|i.q> 

xo[l EtTrav tw x(upQü)]* | „'Fsooü, t£c*) Evnj dapasria appd>[orotc; u ] | xal 
Xifi aÜTotg • „§Xeov ä«£Ä[<i>xa e]|XTJac xai oßupvfalv (oder €) H (oder 
Z) € (oder .1) X (oder K oder Y) [ ] | (20) *e;rotdöcii t[cj> ovou.au 
toö] | iraTpöc xal aftoo [7rv(et>u.aTo)c xal toö] | otoü. -))))))" Mono- 
gramm oYfeXoi x(upio)u avyjpdav ;rpös [if^oov] | töv oopavöv öcp\>aXu.ooc | 
(25) irovövTec xal o/pö^ov xpa|ToövTsc- "k&fi *&???£ 8 x(6pto)c ■ „tt 
avr]p|daTe, a^voi jravxadapo*. 5 ) ;** „taoiv Xaßtv | avijX&a[j.sv, 'law Sa- 

1) (p6ü5za = posca. 

2) »Whether in this context afova Aas t(s ordinary meaning of 'Aawt' is 
doubtfuUy sagen G.-H.; »a Act!» tcotfbi 6« expected*. Es ist = r^pva;- Öpioa; He- 
sych. Offenbar eine Weiterbildung von rrepdv wie zTept; mit der bekannten Kon- 
sonantenei leichtcrung. 

3) G.-H. ergänzen V[ fv li wollen also unsere Erzäblung zu einem Stück aus 
einem unkanonischen Evangelium machen. Das scheint mir nach der Art der fol- 
genden zweiten Erzählung sehr unwahrscheinlich. 

4) Ueherliefert: TL 

5) Neues Wort. 



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126 ' Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

ßawd, ott ooi | 8otvatö<; xai olo^tpö;." | (30) si; arpaffoopiTtv *), täos 2 ) 

töv Ttovövta* | Monogramm Xaßöv ajr£p[ia «71700 £epdv [ ' | tpitjiac u.sta 

uotvoo 'AoxctXwlvitoo elw depp.ä kcvve. | Monogramm et? dapaictav ooXöv '| 

Xaßöv p-f^Xa xorapiaoo | Csoac xXoiCoo. 

Unter den kleineren klassischen Bruchstücken fällt auf Nr. 1399, 

2— 3. Jhd. n.Chr., anscheinend Ende einer Rolle mit dem Titel: 

XOIPIAOY TTOIHMATA 

K 
BAPBAPIKA- MHAI- TT€P[CIKA 

Das wird das bekannte Gedicht des Choirilos sein, das sonst -q 
, A$T J vat<ov vlxi) xaxä Sepjoo, Uepoi]i? oder llepatxdt heißt. 
Es folgen die bekannten Indices und sieben gute Tafeln. 

Halle Karl Fr. W. Schmidt 



The Oxyrhynclius Papyri l'art XU. Editcd with translations and notes 
by llernard P. G reu feil and Arthur 8. Hunt. (Kgypt Exploration Fund, 
Gracco-Koman Brauch), London, 191U. XVI, 352 S., 2 Tafeln. 4°. 

Dem Litteraturbande von 1914 folgt hier ein Urkundenband; er 
wird dem Geschichtsforscher besonders wertvoll sein, dem Philologen 
weniger bedeuten; sprachlich enthält er wie seine Vorgänger man- 
cherlei Interessantes. 

In Nr, 1405 (3. Jhd. n. Chr.) bietet ein Mann cessio bonorum 
an, um von der Liturgie der ^paxTopsia dtpfopix&v xü>u,7]t*xü>v Xr ( u.u.ä- 
tcüv freizukommen. Ein Schreiben des Severus macht ihn darauf auf- 
merksam: u.7] t<j> | [xa|j.= t](]) 3 ) t^jj-cüv ttjv rcapa/wpTjaiv | [fev^ajdat, äXXä 
t<j> etc tTjv XetTOüp^Eav | (5) <xaXoo>u.^ytp, 8<; ävaXaßcov aoo xä | öjrap- 
yovxa zb VEV<ou.touivo>v e<xot>a ttxö<.v> 4 ) ?ap££et xat tyjv Xetroopfiav 
d7t07rX7]ptüaet * xb fäp tau.etov 7ju,(i>v | tcüv xoioortüv jrapa^top^aeojv | (10) 
oux ecpetetat. yj fife e7rtxet[tta 000 ex toötoo oofiev ßXaßr,aetat, ooSfe etc 
tö | otbu-a oßpetod>jaet. — Mehrere Papyri handeln von den seit 202 
n. Chr. in den Gauhauptstädten eingesetzten Senaten. Ihre Verhand- 
le Ueberliefert : CTPAfTOYPITIA. von G.-H. als axpa-j-joupr^law gedeutet. 
Das Wort ist neu. 

2) Ucbergang von Medium in Aktivum : Mayser, Gramm, d. griech. Pap. 
S. 385 f.; Hatzidakis, Einleitung in d. neugriech. Gramm. S. 197 ff. 

3) Wo nichts Besonderes bemerkt wird, stammen die Ergänzungen iu [ ] 
Klammern von den Herausgebern, die in < > von mir. 

4) G.-H. schreiben: tö X?t|i:öv toj . .] ro[. . .] ;|tixo[ü]; vgl. tö vtvopts^vov 
Tpfxov CPR 20; Exnodtc = bonoium cessio: Preisigke, Fachwörter des öff. Ver- 
waltungsdienstes Aegyptens S. 72; *£wTav<Jp.evo; Z. 24 fehlt dort. 



I . Original from 

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(irenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XII 127 

lungen müssen manchmal recht stürmisch verlaufen sein: in Nr. 1406 
(213—7 n. Chr.) bestimmt Caracalla: eäv ßooXet>r?]<; töv [ttputaviv ij 

pODXto] TTjV Ttxjcfl T, Jt^Jl^fT]Ta]t [ ,] | 6 (1SV ßOüXsuTT]C 17}? 

ßoüX=Eac af^aXXä] Jetat xai dt; #Ti[iov /wpav [y.aTaarrj'Pj'asTai. Nr. 1412 
(um 284 n. Chr.) beruft den Senat von Oxyrhynchos zu einer dring- 
lichen Sitzung mit Angabe des Verhandlungsgegenstandes auf den- 
selben Tag ein ; das Präskript ist wichtig für die Kenntnis des cursus 
hon o mm dieser Beamten. Nr. 1413 — 6 (aus den Jahren 270 IT. n.Chr.) 
geben Berichte von Senatsverhandlungen mit den bekannten Zurufen. 
Nr. 1413, 17 zeigt deutlich, daß Munizipalämter häufig länger als ein 
Jahr bekleidet wurden: tö itpoiteviaoTov rj;<; XtTot>p77]ota[c]. Nr. 1414 wird 
für die Frage nach dem Gemeindeaufsichtsrecht über die Webereien 
wichtig werden; das Tempelbudget wird hier vom Senat verwaltet; 
der Prytane wird 6 Monate vor Amtsantritt bestimmt. Nr. 1415 
zeigt die drückende Last der Liturgien an mehreren Beispielen: ein 
xataip^ptüv ■/.azaKO\j.itoi><; otvoo und ein xata'f^pwv ki 'Apaßiac toöc xa- 
tottou-zgüi; xptdijc haben sich davongemacht, sodaG an ihre Stelle 
andere gewählt werden müssen; und ein 1\zoU\lt.Io<; Aau.aptwvoc ap- 
yupeüc bittet, ihn nicht zu einer Liturgie zu bestimmen: (Z. 22) 
3eo[ta'. uiiwv, oü> 5ovajj.a*. ■ {xetptöc etju, rcapä zatpi Tpixojj-at, das nützt 
ihm ebensowenig wie der Hinweis, daß er schon eine andere Liturgie 
versehe; er muß sich trotz allem Sträuben schließlich darin fügen, 
rrjv ciju.oo'!av TpasreSitetav zu übernehmen. In Nr. 1417 muß der Senat 
vor dem Strategen gegen einige Männer klagen, die nach Erwählung 
zu sü^bjvCapxot ihre Pflicht nicht erfüllen. Nr. 1416 zeigt das für 
Aegypten selten bezeugte Amt des aftovodirrjc- — Den vergeblichen 
Kampf des Staates gegen Räuberbanden, die in der Bevölkerung viel- 
fach Unterstützung und Unterschlupf finden, beleuchtet von neuem eine 
Rundverfügung des Präfekten Baebius Juncinus, Nr. 1408 (210—4 
n. Chr.). — Ein strenger Runderlaß des Dioiketes Ulpius Aurelius, 
Nr. 1409 (278 n.Chr.) 1 ), verlangt von den Strategen und oexäjrpiotoi 
'ETcxavou-iag xai 'Apatvofroo die Durchführung der notwendigen Deich- 
arbeiten; die Ablösung der Fronarbeit durch Geld wird untersagt: 
exÄOTOoc xä rcpooTjxovTa fe'pfa aütotc aci>p.[aotv ä7ro]|(15)ffX7]pä>oat xata 
töv Sod£vta opov hv vft toü a^OT^xroo ouotäoet Äveo tivöc a7csx$etac t) 
yäpixos. — In Nr. 1410 (Beginn des 4. Jhd. n. Chr.) verbietet der 
xadoXtxöc Magnius Rufus , die Sexäitpwtot eines bestimmten Jahres 
für ein folgendes Jahr zum selben Amt einzugeben ; damit ist gesagt, 
daß es das Gewöhnliche war, dies Amt länger als 1 Jahr zu be- 
kleiden, und Seecks Auffassung vielleicht die richtige ist, der die 

1) Z. 10: trA -zä 6(a<p£povta a-JTOtc fx<«pfOfiarx>. 



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128 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

66xä7rp<oTot mit den qitinquenndles gleichsetzte. Da unser Papyrus 
die letzte Erwähnung des Amtes gibt, so liegt die Vermutung nahe, 
daß wir es hier mit dem Abbau der Einrichtung zu tun haben. — 
In Nr. 1411 (260 n. Chr.) wendet sich ein Stratege unter Hinweis 
auf frühere Erlasse der Präfekten gegen den Versuch der Wechsler 
tö»v xoXXoßtottxöv tpa^eCoiv, Kaisermünzen nicht in Zahlung nehmen 
zu wollen; offenbar war diese in den ewigen Kämpfen um die Herr- 
schaft stark entwertet, sodaß wir uns nicht zu wundern brauchen, 
wenn in Kontrakten der Zeit die gute alte Königsmünze als Wert- 
messer gilt. — Wichtig für Münzwährung ist Nr. 1430 (324 n. Chr.). 

— Nr. 1426, 4 (332 n. Chr.) bringt die früheste Erwähnung des Ix- 
Stxoc, hinter dem Xofiotifc. — Nr. 1429 (300 n. Chr.) bestätigt 
Wilcltens Erklärung von BGU 697; es zeigt sich ein Alaunmonopol 
des Staates. — Der bevorstehende Besuch des dux veranlaßt einen 
offenbar wohlhabenden Mann in Nr. 1431 (352 n. Chr.), seinen x e -- 
pwttfjc mit dem Einkauf eines xanrixiov für 2250000 Silberdenare zu 
beauftragen; selbst bei sehr starker Geldentwertung ist der Preis 
noch immer recht hoch und läßt vermuten, daß der Auftraggeber 
etwas Besonderes zu erreichen hoffte. Der Papyrus ist noch beson- 
ders merkwürdig, weil er nach 3 Jahren datiert ist (wie auch Nr. 1632 
vom Jahre 353 n. Chr.), die sich auf 3 verschiedene Aeren beziehen ; 
vgl. die ausführliche Anmerkung der Verfasser. — Der sonst be- 
kannte Torzoll SiasiüXtov 'OdoEwc erscheint für Oxyrhynchos zum 
ersten Male in Nr. 1439 (75 n. Chr.). — pitptp tcj> xavxdXX<p wird in 
Nr. 1447, 4 (44 n. Chr.) Korn gemessen; es war hisher nur aus 
späten byzantinischem Papyri bekannt, scheint aber nach einer Ver- 
mutung der Herausgeber auch in p. Lond. I 256* 12 (15 n. Chr.) 
zu stecken. — Für Archäologen besonders merkwürdig ist Nr. 1449 
(213 — 7 n. Chr.): Verzeichnis von Tempeleigentum verschiedener 
Tempel in Oxyrhynchos und im Oxyrhynchites und Kynopolites, in 
denen Zeus, Hera, Atargatis Bethennynis, Köre, Dionysos, Apollo 
und Neotera (= Hathor-Aphrodite oder auch = Isis) verehrt werden. 

— Die mannigfaltigen Fragen, die mit der inixpiotc zusammenhängen, 
werden durch Nr. 1451 (175 n. Chr.) neu aufgerührt: unter den 
vom Flotten präfekten Juvencus Valens >geprüften< Veteranen, Rö- 
mern, Freigelassenen, Sklaven und etepot erscheinen auch der Sohn 
und die Tochter einer Römerin und ihre 3 Sklaven; der Papyrus 
wird für eine künftige Neubehandlung der ercixptatc von größter Be- 
deutung sein. — Auch Nr. 1452 (127—8 n. Chr.) enthält 2 eiuxpi- 
sek; eines 13jährigen Griechen, der in die Klassen der injTpojroXiTcu 
Oü>or/.iopay[iot und derer sx xoi> -pp-vasioo aufgenommen werden soll; 
damit wird bewiesen, daß beide Klassen nicht dasselbe sind, so nah 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XII 129 

sie sich auch berühren und teilweise decken. — Nr. 1453 (30 — 29 
v. Chr.), eine eidliche Erklärung von 4 Xo/väTctot (so!) von Oxyrhyncbos, 
ist als älteste erhaltene Urkunde der römischen Zeit wichtig für die 
Berechnung der Regierungsjahre des Augustus und die Datierung 
anderer Urkunden seiner Zeit. — Nr. 1460 (219—20 n. Chr.) ver- 
langt eine Römerin ^pTjjtattlouaa xaplc xopioo xatä sä T(ojj.aitov e'vb] 
t£xvü>v 5ixat(i> beim Strategen eine Revision der Listen der Grund- 
besitzer, da sie mit den tatsächlich eingetretenen Verhältnissen nicht 
mehr stimmen und viele dadurch Schaden und Unrecht erleiden. — 
Nr. 1463 (215 n. Chr.) gibt die ävixpiotc einer Sklavin. — Ein U- 
belltts Ubdlatici der bekannten Gattung ist Nr. 1464 (250 n.Chr.) 1 )- — 
In Nr. 1466 (245 n. Chr.), einer lateinisch - griechischen Doppel- 
urkunde, bittet eine Frau den Präfekten, ihr einen vorgeschlagenen 
Mann als auctor (= xüpto«;) ex lef/e Julia et Titia zu bestellen. — 
Für die Frage des ins triam Uberorinn ist Nr. 1467 (263 n. Ch.) 
von ausschlaggebender Bedeutung: eine Frau beruft sich auf die Be- 
stimmungen, otuvsc | äJoüGtav ö'.Säaaiv rat? "pvai^tv tat? twv Tptä>v 
tsxv<dv | (5) Sota»« %EXOO[A'/j[iivat<; s(Xü|tü>v xypieüsiv xal x^P^ *upiou 
■/pr^aTiCE'-v ev atg ^oi jo&vtai olxovofüatc, ttoXXw | £s kXs'ov xait; Ypä[i|j.<XTa | 
(10) knioxaphzis, und verlangt deshalb : xal aürf] xoijvov t<j> jjiv xöojty 
xii$ eü^atosia? sott>-/TJaaaa, | evYpäp.|iato<; Ss xal £<; xä ] (j.äXtota ?pä- 
^s'.v euxöfiüx; | (15) SovajiivT], oäö zepiooTj«; | aaipaXst'ac Sta toütüiv jjloo | 
Td)V ßißXetO'.wv ^poa^ojvä) | tü> a<p iiEf^-ih Trpö«; tö Süva'ofta'. avejiftootaitoc 
a<; ev |(20)tsödsv ;:otoü[iat oixovo^tai; | Stanpäooecrte. a£*.Ü> s'^etv | atua 
OffpoxpCTioc toi? Ötxaioic p.oo ev t$ o^ toü SiajariiiotaTou tct£i, Tv* o> 
ßeßoj(25)v}&i]|fc£yi] xtf. — Ein sehr ausführlicher, gut erhaltener Pa- 
pyrus Nr. 1473 (201 n. Chr.) berichtet von einem Paar Horion 
und Apollinarion, das offenbar Schuldenhalber auseinander gegangen 
war und nun wieder sich zusammengefunden hat; es ist die Ver- 
öffentlichung eines Ehekontrakts mit vermögensrechtlichen Bestim- 
mungen und Anerkenntnis des ehelichen Ursprungs ihres Sohnes. — 
Nr. 1476 (260 n. Chr.) und 1563—5 (258. 283. 293 n. Chr.) ent- 
halten Horoskope. — Eine Zusammenstellung von üblichen Orakel- 
fragen gibt Nr. 1477 (3.-4. Jhd. n. Chr.); sie sind nummeriert von 
71 — 92. Das scheint mir darauf zu deuten, daß es eine Art Uebungs- 
buch für Orakelschulen war, wo die künftigen Priester lernten, was 
für Fragen an sie gestellt werden würden und wie sie beantwortet 
werden könnten ; den Schlüssel zu diesem Aufgabenbuche werden die 
Lehrer für sich behalten haben. — Ein Zauberspruch, Nr. 1476 
(3. — 4. Jhd. n. Chr.) sei hier abgedruckt: vsixtjuxöv Sapa^d|j.|icüVGt 

I) l. 10 f. x<a->|a;iü». 
Gölt. Ml. Ant. 1918. Nr. 3 Q. 4 9 



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130 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

üEtj> 'AffoX|Xü)vetoD. Magische Zeichen. | Söc vsExyjv 6XoxX>]ptav aaöfoo 
(= oiaSCou) xat | 2-/Xoo tcj> rcpoxetuivq> Xapa7tdu,u.ü>vt | (5) ij avdu.atoc 
(so!) CYAIKYCHCOY. Das ist gnostisch, wie der Name zeigt, der an 
loXtijX (p. Lond. I 124, 36) und die Bildung von 'Itjooöc erinnert 1 ). — 
Es folgen Privatbriefe von Heiden und Christen und mehrere Fest- 
einladungen. — Unter den kleineren Urkunden, die kürzer besprochen 
und nur z. T. abgedruckt werden, hebe ich nur weniges hervor: 
Nr. 1508 (2. Jhd. n. Chr.) kauft ein Veteran nach ehrenvoller Ent- 
lassung von der Flotte Land änb urtoXö^oo elc xoXwvefcxv flepi xü>u,t]v 
Xeve7tt<x. Nr. 1512 (4. Jhd. n.Chr.) gibt eine Verteilung von Sexaviat 
an Offiziere; einer hat nur 1, der zweite 4, der dritte 5 Sexavtat. 
Von Bierlieferung an dalmatische Soldaten handelt Nr. 1513 (4. Jhd. 
n. Chr.); ihr Unteroffizier Aioöpag (so statt Atoopäc zu schreiben!) 
trägt den Namen des thrakischen Volkes Atoöpat (Steph. Byz.). 
Zahlungen des /etpoivaStov enthält Nr. 1517 (272 oder 278 n. Chr.); 
Fleischlieferungen fürs Heer Nr. 1545 (4. Jhd. n.Chr.); Todesanzeige 
Nr. 1550 (156 n. Chr.); Klage wegen Körperverletzung Nr. 1556 
(247 n.Chr.); eine sehr ausführliche &xu.apropi]3ic SeoX&omc Nr. 1562 
(276—82 n. Chr,); ein gnostisches Gebet mit sehr merkwürdigen 
Epikleseis, die eine genaue Nachprüfung erfordern, Nr. 1566 (4. Jhd.); 
Anweisung eines Weinhändlers, Vorzeiger dieses zur Weinprobe zu- 
zulassen, Nr. 1576 (3. Jhd. n. Chr.); Hochzeitseinladungen Nr. 1579 f. 
(3. Jhd. n. Chr.); eine große Reihe von Privatbriefen. Einer davon 
mag hier abgedruckt werden: Nr. 1581 (2. Jhd. n. Chr.): 'Azia. 
Zu>t'X(i> t<j> I aSeXtp«}) yatpetv. | npb rcävroiv eu^ou-at oe i>7t|atveiv. äpwrqö'etc, 
äSsX'f i, | (5) Eapanttova pjj äcp-flc äpfstv | xai p£u,ßsodat, äXXä elc sp- 
?aat|av autöv ßäXe. Ifio u,ev | touc Äp TOÜ C befapOL* 7r£[J.t]»w di | 00t Stä 
ntoXeu,atoo, otav abxbs 6 | (10) ntoXejtatoc XaßTj. äorcaoat Mo|5soräv 
xai töv utdv. "apaSwoGtc | 3e xat T(j> MoSeotä ay* <Lv eäv | xoa'.iO-r; 00t. 
8ta icavtöc ^X e I T ^ v E«powriiava £rctu.eXü>c. | (15) Äosaaat xai *Ep|j.töv7]v 
xai f Hpa|xXet§T]v xai töv otöv a&toö. | da7cäCera£ oe xai Xaparcuoya | 
[ ]tc xat 6 itaxiip jioo ... 

Sprachlich sind diese Urkunden wie immer in mancher Hin- 
sicht interessant. Vortonige Vokalschwächung: xattd statt xatd 
Nr. 1453, 27 wie in BGU 620 oder in xattotxfac p. Tebt. I 72, 166. 
Wechsel von a und 0: (jlgtoJü Nr. 1475, 20 wie VIII 1126, 11, vgl. 
Thumb, Griech. Spr. i. Zeitalter d. Hellen. S. 186; von zu a: i£ 
ävöu-atoc Nr. 1478, 5, dvojiaota 1566, 10. Vokalschwund im Anlaut: 
irep tijnjv Nr. 1430, 12 wie in rcsp od X 1299, 8, zupenjc (= OTteperfc) 
XII 1550, 26, nkp tüv p. Lond. I S. 9, 6; im Auslaut: tv xa^w 

1) Sollte etwa XuXüjX 'IrjaoO gemeint sein? [Korrekturnotiz.] 



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Greufell and Hunt, The Oxyrhynchus Papyri Part XII 131 

Nr. 1589, 12 entspricht der Kürzung von 8(6, xata, rcapa, bnö zu 8i 
(5t ooö P. M. Meyer, Griech. Texte aus Aeg. Nr. 22, 5), x4t, itäp t Stc, 
vgl. Mayser, Gramm, d. griech. Pap. S. 145; ebenso ava zu &v in 
ÄvsöSatoc statt avaijjüiewc Preisigke, SB. 5716, 11. Vokalentfaltung 
vor p: tsooaepäxovta Nr. 1474, 22, vor X: aiXXa«; Nr. 1461, 24. 
Schwund des 7 zwischen Vokalen: tnSveiv Nr. 1493, 4, otaivetv Nr. 

1583, 3; des ß vor Konsonant: IvoptCou statt IvoßpöCou Nr. 1430, 16, 
wo Verwechslung von ößpoCov und tfpoCov mitspricht; des x nach 0: 
oaStoo statt oraStoo Nr. 1478, 3 (vgl. otffirtov statt attrcjriov, axwxzsiov 
Vlll 1130, 12.29, X 1288 öfter, XII 1430, 14, ivta«ptao-g statt -otf) 
Preisigke SB 4170, rcXslacov statt -otiov eb. 4284, 7, avextTjaai statt 
-odat eb. 4295, 8, xä «poaax^vta statt rcpoot- eb. 4448). Wechsel 
von x und d: £vtpa$ Nr. 1430, 12, Ippwots Nr. 1489, 10, xa^Xrsiv 
1494, 2, ouvTaxteto-Q Nr. 1470, 13, xidcöv Nr. 1489, 2. 8, xödpa Nr. 

1584, 22, jtoodtov Nr. 1589, 16 (= nmstum), dst^c Nr. 1482, 11; 
8 und x: ttoaij Nr. 1474, 19. 23. Dissimilation von Liquiden: ipevij- 
xovtct Nr. 1573, 4, teaaaXaptoc Nr. 1425, 5 (vgl. MepxooXtoo p. Lond. 
IV 1430, 67), <poX£xptaov Nr. 1589, 16, «pöXerpov Nr. 1490 recto; 
1589, 19, wie ?rpTjX7)c E7rp7]Xü>{b] X 1331, otcopäXxoo eb.; Wechsel von 
X und p: 5epu.attX7J Nr. 1583, 9 wie av7)pdav XI 1384, 23, av7jpdate 
eb. Z. 27, iXEo&eXtoo und ßaato^öXoo Preisigke SB. 360 u. a. ; in tpiT]- 
Sap/wv Nr. 1508, 4 vereinigt sich Dissimilation mit der Neigung des 
Wechsels von 5 und p, vgl. XöStjv VII 1015, 3, äSiotov VI 966, ßp&- 
Xtov VIII 1142, 3. Nasalschwund: oößoXa Nr. 1570, 8, 'O^opoxwv 
Nr. 1453, 9, erstu*)« Nr. 1471, 6, ivSoTJxora Nr. 1570, 6; vgl. eloeX- 
döta p. Lond. IV 1384, 36, cpofdta, eb. Z. 38, Eexot>5a P. M. Meyer, 
Griech. Texte, Ostr. Nr. 56, 4, AoadSpa Preisigke SB. 337. 389, 
ÄdpcoTtov eb. 2266, 10, Jidtwv eb. 5110, 20; bei Präposition: ivöocp 
Nr. 1414, 26. Nasalentfaltung: Stxaupv (dat.) Nr. 1463, 9, 6ta5exo- 
jUvqw (dat.) Nr. 1473, 23, vgl. aiz£yt* v C 1 - sin g-) p - M.Meyer, Griech. 
Texte, Ostr. No. 31,2; 32, 2, Preisigke, SB. 4251, oo^x^pöv (1. sing.) 
eb. 4224, 19. Falsche Aspiration: dtpeuvöc Nr. 1482, 12, ifptßefv Nr. 
1556, 2, l'fiopxoövu Nr. 1453, 28. Schwund des 0: aztfcCsxat Nr. 
1584, 30; vgl. Sxatoc P. M. Meyer, Griech. Texte, Ostr. 66, 5, Prei- 
sigke, SB. 5126, 20, alxatTjv (= äaxärqv) p. Ox. VI 902, 11; im 
Auslaut: n)c ävvwvt] Nr. 1415, 7. Entfaltung von o: ol Xsiv^vjtopoic 
Nr. 1414, 9, ii xataTtou-irfc Nr. 1415, 7, toö xXifoouc Nr. 1482, 19, 
Eüxppoauvfjc (dat. sing,) Nr. 1489, 1, |nj evöxXsu; Nr. 1489, 7, ßoöX-nc 
(2. sing.) Nr. 1593, 14; vgl. rcäostc (dat. plur.) Preisigke, SB. 5803, 
kyb . . . &rpa<pa<; eb. 5557 B, £oy)tsc neben atpTjte eb. 4324, 7, xvtfita 
Staxöotac eb. 1979, 7pa<p7]<; (nom. sing.) p. Ox. X 1256, 8, vouiCetc 
(3. sing.) p. Lond. IV 1343, 38, MÄpda« (nom. sing, fem.) eb. 1518, 24. 

9* 



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132 Gott. gel. Änz. 1918. Nr. 3 u. 4 

"Wechsel von C und 5: cpasedfcoo Nr. 1415, 14, TpajrsÄiteiav eb. Z. 26. 
Schreibung r.l statt g: exgfiTdoac Nr. 1482, 14, 'AßpaadtxJ Nr. 1566, 4; 
vgl. ix£ otxou Preisigke, SB. 5243, 6, ix£ öxoo eb. 5110. 12. 28; *x 
vor £: I^eaic Nr. 1435, 16; 1448, 1; 1519, L 15; vgl. p. Lond. IV 
1453, 168. Haplologie: xÄxty . . . dtdtaliv Nr. 1405, 25; vgl. xäta 
3rpofEYpa|i|i.dva Preisigke, SB. 5865, 18. Heteroklisie : Xo-/vdztot (nom. 
plur.) Nr. 1453, 4.8; vgl. wie vafctotc VII 1071, 4, ol aovfhaaitoi 
Preisigke, SB. 5627, 4, scribus p. Ox. VIII 1106, 10. Ausgleich der 
Personalendungen: kreji^ec Nr. 1489, 4, vgl. Mfaxtc X 1295, 17. 
Ersatz der Reduplikation durch Augment: Mfpatpa Nr. 1473, 30, 
vgl. e-fpacpa Preisigke, SB. 5175, 21, £rcaoi*ivo<; und eduv.au.Ev p. Ox. 
X 1299, 6. 7, i^päyau.ev Preisigke, SB. 4075, avsxtTjoat (= avaxsx- 
tijadai) eb. 4295, 8, Exepjiatoojt^va eb. 4490, 22, esemiothai eb. 
4485, 17; 4488, 39 u. ö. Verschlepptes Augment: avTeXXö^oov Nr. 
1578, 11; vgl. te$vtXr,ctc P.M.Meyer, Griech. Texte, Ostr. nr. 58,4, 
a;n;vE7XEiv Preisigke, bB. 4683, 6, TcapEo/stv eb. 4491, 8, otav u.e 
erS7]ts eb. 3924, 35, av^rp^ac e-3:ev Tob. II 3 = p. Ox. VIII 1076. 
Futurbildung: irpoasvE7xoüu.Ev Nr. 1414, 10, vgl. etasvE7y.0ou.Ev p. Flor. 
21, 14, ejrsvEfxä) p. Hanib. 44, 7, xaTEvs-pcü p. Ox. X 1260, 28. Ver- 
mischung von Aorist und Perfekt: rcejrXfjptuoa Nr. 1489, 5. Perfekt: 
aovspeoxtix; Nr. 1475, 16. Aorist: axcxppa-pjvaL Nr. 1409, 16 wie Prei- 
sigke, SB. 6000 vs. 29. Falscher Optativ: SSev M «povttSo? 6u.lv 
YEvsodü) ijrsicat aravra? . . . wote tc1<; Sttip'r/a? avaxadapdijvat . . . , 
tva eou.apü><; t7]v egou-evt^ twv uSätwv slbpoiav uTroSE^otvto Nr. 
1409, 19; ei p.7] neidap^njotav r{j5s rj) Kap | a-ffEXta, TrEtpad^aovtat 
xte. Nr. 1411, 16. Konjunktiv ohne av: avTiX7]u.<Jjetai 6 c ßpe£(ov twv 
ffpooö5tüv . . . , ecoc oov (ou av ändern G.-F.) | aXTjpwd'j Nr. 1473, 14. 
S)Titaktischer Austausch von Aorist und Perfekt: ei&s ftdwtac ict«Xlj- 
ptoxa Nr. 1489, 6; des Infinitivs Futuri und Aoristi: oux iSoviJih] 
u.et s aütoö Sgetv Nr. 1495, 13, vgl. Hatzidakis, Einleitung S. 190 f. 
Kasusverwirrung bei Präpositionen: tö xidävlv sjriX£Xtou.s mtpa Te- 
xoöoav sie tiv rcuXüva Nr. 1489, 3. Erstarrung der Eigennamen: 
Eids rävtac Jcen>.r)pa>xa u>c 'A'fadoc Satjxwv (acc.) Nr. 1489, 4, 6 
Tp6pijj.oc toö Aiovuo'.oc 6 etc toy paYtotTJc Nr. 1491, 11, gY eu-oü 
üau-oüvi,; Nr. 1542, 15 u. a. m. 

Die Namen geben manche Aufklärung und manche neue Frage. 
Ist 'Aeötoc (gen.) Nr. 1446, 54 richtig? Ich kenne den Namen nicht 
und vermute 'Aoötoc, vgl. 'AoOc p. Lond. IV 1447, 78, Ila-vf-opa- 
-aoötoc p. Ox. IV 708, 17, II-aio (gen.) unflektiert, P. M.Meyer, Griech. 
Texte, Ostr. 57, 2, Eev-a* ON. p. Ox. X 1285, 78, Frauenname VI 
938, T-aoöc Preis. SB. 4063 (vielleicht aber auch = Ta-oö« >die 
des Ouc<); darin steckt ein Gottesname, wie 'At^a-atö Preisigke SB. 



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Grenfell and Hant, The Oxyrhynchus Papyri Part XII 133 

4104 zeigt 1 ) oder auch Il-pou>aoa>c P- Lond. IV 1419, 992, II-pcöu.- 
-a»C eb. 1449,90")- Nr. 1446, 57 muß f Op-at>&neü><; (ß en statt *0p- 
o69|i8tt€ gelesen werden; der Name heißt: >Hor hört<, vgl. ( Ap- 
-oüTjj.tc BGU 499, 13, p. Tebt. I 61 III Z. 74; 98; Hiwtj-sim = 
>Thot hört< Aeg. Ztschr. 45, 1908, S. 89 f., Ti-sn-Thwtj-stm demo- 
tische Inschrift Kairo 22136, £6v-du-a*>T|uc, Preis. SB. 4063, Thy-syl- 
mes Aeg. Ztschr. 42, 1905, S. 46, 0o-aöto(j. Spiegelberg, Mum. S. 15*, 
ÖOT-oöfytc Preis. SB. 57; Meota-oörp.t<: p. Tebt. I 58; 61 IV 79 >Mest 
(Geburtsgöttin) hört«, Ta-u;s3da-oi>Tu.ic Preis. SB. 5231, 10. 13; 5275, 
10. 13. Ist in Nr. 1448, 17 der ON HeXattoo nicht aus Üs-Xictoc 
verlesen? Das wäre der richtige Genitiv des Mannesnamens Ile-X&c, 
der als IIa-X£si<; Preis. SB. 243 erscheint, als Üa-Xaitoc (gen.) eb. 1192 ; 
vgl. kopt. A0.1 ycrispus capillust. In A<»7Öu;e<i>c (gen. f.) Nr. 1452, 12 

wird Ao>T-öu.i<; enthalten sein; vgl. Amts p. Lond. IV 1460, 126, Ta- 
-Xcöxetf. eb. 1419, 349. 753, Ila-Xün^ eb. 1420, 194, Ila-Xütcc Preis. 
SB. 5124, 224; -ü[iic scheint Nebenform zu -ipiG, -ip^tc (kopt. ex» 
yscicntia, cogvitio, intelligent ia<) wie in IIa - vetpp - 6|l[UC Preis. SB. 
5119, üa-veipp-üpLtc eb. 5109, p. Lond. II S. 110 Z. 7, BGU 189, 13, 
Ta-vecpp-ü[uc Preis. SB. 5109 neben T Iatc Ns<pp-eu.tuc $eä pefiorr] BGU 
296, 13; 337, 6, Ta-ve^u^tc Preis. SB. 731, öfters in BGU II, Da- 
-V6fp-£p.|uc häufig BGU, Ila-£p.[uc eb. 325, 7. In Nr. 1517, 14 ist 
Zcopwpo«; nicht = Zwirupog; vielmehr ist es ein mit Hör gebildeter 
theophorer Name, der ohne Endung und mit Schwund des ersten p 
auch als TCw-töp Preis. SB. 5949 und mit Vokalkürzung in vortoniger 
Silbe als Toa-wp p. Lond. IV 1474 erscheint; es steckt darin kopt. 
•xiupe, -xuipi yfortis, potcnst, dessen iu in •x^p-^H-r >fortttudo< ebenso 
zu *. geküzt wird. Der bisher nicht belegte Dorfname Nweco; (gen.) 
Nr. 1462, 32 deckt sich mit kopt. noifoe, no-ygi >sycoworus<, f. Bei 
der Bedeutung des Baumkultus in Aegypten (vgl. Ad. Erman, Die 
aeg. Relig. 2 , 1909, S. 27) werden wir uns nicht zu wundern haben, 
wenn wir das Wort in theophoren Personennamen wiederfinden: Ila- 
-t-vGöEt Preis. SB. 3920 >der der Sykomore«, II-aps-voöe eb. 4077 = 
>der Freund derS. 3 )«, T-voüot] Preis. SB. 5969, Msoo-vöswc, (gen.) BGU 

1) Kopt. pc-rn »despondere«, vgl. 'Attt-cO; SB. 403 1, "A—a-yvoOßt; Wilcken 
Ostr. 58 = 'A— c-y_voOpi; eb. 244 = 'Atzt-y^u eb. 299, 'AT7:-f ( ;"eb. 1219. 292. 
149, Preis. SB. 1922. 1923, 'Et-e-öqü/o; = Htp-Sbk Aeg. Ztschr. 45, 1908, S. IOC, 
[TA]tpE-ufl'i3Ti; eb., Hty-'mn eb. = ' F.Ttp-euojvi; p. Tebt. I 61 II Z. 50; 62 Z. 112. 

2) Zur Bildung vgl. Spiegelberg, Mumienetiketten, S. 55* und n-piou-oump 
p. Lond. IV 1420, 199 = II-pu-cv<ft eb. 1474 «= »der Diener des Hundesc. 

3) Zu aeg. irj »gehörig zu, Freund von«, das immer mit einem göttlichen 
Namen verbunden wird wie T-opi-aio; Spicgelberg, Mum. S. 49*, T-aoe-oü; p. Ox. 
I 76, T-apt-ooÜT p. Lond. IV 1423, 4, n-ap-'iiijiwv Preis. SB. 5124, 164, p. Ox. I 



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184 Gott. gel. Adz. 1918. Nr. 3 u. 4 

193, 5 = >geboren von der S.< (zu kopt. juec >natus<, ynasci, 
parere, gignere<). Ka-v-ßapoöc, nicht KavßäpT]c heißt der Mann in 
Nr. 1518, 1; das bedeutet »Abbild des Sturmes«, vgl. kopt. Äcpra 
ytempestas, turbo, gurges, procellat, Bepoöc Preis. SB. 81 und davon 
weitergebildet Bcpootätoc (gen.) eb. 625 (so statt des überlieferten 
B6POTTATOC zu schreiben!); das ist das aeg. Gegenstück zu lat. 
Turbo, griech. SrpößtXo? (vgl. Hermes 1902, S. 209, p. Tebt. I 180 
u. Menanders Sam. vs. 210 f.), STpoßtXdg Nr. 1446, 58 1 ), anderes bei 
Bechtel, Die einstämmigen Personenn. S. 50. Sicher falsch ist der 
Mannesname IxoßäToc Nr. 1515, 14; er muß in SxoßaXoc geändert 
werden, vgl. p. Ox. I 43 vs. III 25. Der von oxößaXov abgeleitete 
Name ist ein Verwandter der Könpcov, K&rpic, Korcpiac bei Bechtel, 
a. a. 0, S. 77, Koffpta? Preis. SB. 712, Kcncpiotc eb. 678, 16. 19. 20. 
21. 52, Ko3rpoX<io>v> eb. 678, 55. In Nr. 1551, 10 scheint sx pj- 
xpöc MpptXdac den Namen der Amazone MupX£a erhalten zu haben, 
nach der bei Steph. Byz. die bithynische Stadt benannt sein soll ; der 
Frauenname wäre bei Fick - Bechtel , Die griech. Personennamen 2 , 
S. 351 nachzutragen. Thrakisch - phrygisch wird der Mannesname 
Idttoc in Nr. 1489, 1 und vs. sein; er enthält denselben Stamm 
Qatu-, der in aaxivT) >Streitwagen< steckt; vgl. die Erklärung des 
thrakischen Volksnamens Sdtpat bei F. Solmsen, Kuhns Zeitschr. 34, 
1897, S. 68 f. Mcpctuv Nr. 1472, 16 gehört zum Flußnamen Nitidus 
und den Personennamen Mincullius, Mincukius, Mincilius bei W. 
Schulze, Zur Geschichte lateinischer Eigennamen, S. 407. Der Bei- 
name n eXtöc Nr. 1486, 1 ist bei Bechtel, Die einstämm. Personen- 
namen S. 40 nachzutragen, ebenso TeXwvijc Nr. 1499, 2 bei Fick- 
Bechtel, Die griech. Personennamen 2 , S. 360 (der ganze Abschnitt 
läßt sich stark erweitern). Neu ist AtaSe<p.ä>Tioc Nr. 1515, 8; vgl. 
Aia8oop.evtfi;, AiaSoojtcvtavöc, AiaST^atäc. Heroennaraen als Personen- 
namen verwandt: TptotXoc Nr. 1496, 20. 22. 34 (vgl. Preis. SB. 606d) 
und TaXdüßtoc Nr. 1522 vs. 3; beide fehlen bei Fick-Bechtel, a.a.O., 
S. 312 8 ). Die Ausbildung von Familiennamen zeigt Nr. 1548, 2: «apa 
flXoDtfoivoc IIXodtüovoc toö IIXoudü>voc. 

Ich muß abbrechen, um noch einige neue Wörter zu ver- 

116, 'Afu-rftp p. Tebt. 1 121, 110, 'Ap-fiA-njs Wilcken Ostr. 1282, Preis. SB. 98, 
'Apt-v-Tü»T7]s eb. 77, 'Ap«-vB&TijC Wilcken Ostr. 584, 'Apo-v-fitü-n); eb. 1250, T-ap- 
-opaawc Preis. SB. 5489, Il-apt-ußatmc JHSt. 1901, S. 280, T-tp-oßaotic p. Lond. 
II S. 35, Z. 255, 'Ape-n-pefan« eb. 1 S. 34, Z. 33 (-J3a:mc schreiben die Heraus- 
geber), p. Paris. 11 u. a. m. 

1) Von den Herausgebern nicht als Name erkannt. 

2) [Jetzt bei Bechtel, Die historischen Personennamen des Griechischen S. 577. 
Korrekturnotiz.] 



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Grenfell and Hunt, The Oxyrbynchus Papyri Part XII 135 

zeichnen. *a{H]poffa>X?)c Nr. 1432, 6. 12. äuuxTwptov Nr. 1535 vs. 8 
ist nicht >an unknown word< , sondern = lat. amidorium; es er- 
scheint als dßixtcopt bei P. M. Meyer, Griech. Texte aus Aeg., Nr. 
22, 10 1 ). *avTiX W auC<ü Nr. 1577, 11; 1578, 17. * at^ijto« Nr. 
1414, 22 ehrendes Beiwort eines Prytanen = >invaluable< t unschätz- 
bar, hochgeschätzt< mit a intensivum, vgl. äXijdap-roc XI 1381, 100 
im Sinne von unspX-q^apfo^. ßtöirpatoc oder ßtÖTtpwtoi; Nr. 1477, 14 
wird in *ßi<ftp6)toc geändert werden müssen. *3idxo7roc Nr. 1409, 16 
(toüc StaxÖJtoo«; (der Deiche) aTccxpporpjvai xpb[$xb 8öva]|a&ai dvts^fiiv 
rfi iaouivg eütd^(ü)c 3tXT][iüp^ toö UpüiTÄxoo NstXoo), Nr. 1469, 6 (Stä- 
xotco? xal töffot £xvevip.u.£vot ivaßoX7jc elxdtüx; Ssöjisvot). *8taa^sveü) 
Nr. 1502, VS. 6 (Staadevoöoac xal viXoßpo-/7)d , st|aa<; (apoopac)). *8to- 
Äep^7]|i.t Nr. 1479, 6. *eiapota Nr. 1409, 19 (rrjv £ooiiiv>jv tä>v | 
o&xxtov stopotav). *^pLtaptäßtoi; (adj.) Nr. 1472, 18. 21 (\i-£%pt# 8r^Looitf 
^(ttaptaßt<()). *7j[uxfc>p'.ov Nr. 1413, 1 = die halbe Stelle eines Be- 
amten oder Liturgen. *xata;coujrtf<; Nr. 1414, 19. 20 (xaT<xjro|i.7rol 
C<j>ü>v); 1415, 5 (x. otvoo), eb. Z. 6 (x. xpt&ijc). *xü>8öc Nr. 1519, 4 
= > Fellbearbeiter oder -händler<. *\ayavQntö\i.%6<; Nr. 1461, 6. 
* XeiToop?7jo(a = Xeitoop-ria Nr. 1413, 17. * Xiv£(iiropo« Nr. 1414, 9. 
*XttptCti> = >mit dem Liter messen<, Nr. 1543, 1. *Xoxavoc (?) Nr. 
1486: xaXt oat Eevtxöi; 6 xai IleXtöc sie tooe fä|u.ooc aoroü AYKANON 
errju-epov <t>ap | p.oü$i xß anb wpac t\. Ich möchte darin eine Orts- 
bezeichnung sehen; etwa >zum Lukaner< ? Die Lukaner Würste 
werden auch in Aegypten geschmeckt und einem Wirtshaus Gäste 
zugeführt haben 2 ). *|teXXoxo6pta (pl. n.) Nr. 1484, 4, yprobabhj a 
festival in honour either of (leXXo&pTjßoL, or of persons ceasing to be 
a^Xtxsc, or possibly in honour of an approacfnng marriagc< ; die 
erste Möglichkeit ist mir die wahrscheinlichste. *ti6XXojrputavt<; Nr. 
1414, 24. *|ioXoßäc >Bleiarbeiter oder -händlerc Nr. 1517, 12. 
*|ioodtov = mustum Nr. 1589, 17. *vtXoßpox£ou.at Nr. 1502 vs. 6. 
*öpvtdä<; Geflügelzüchter« Nr. 1568, 1. Hapaicpooeya Nr. 1493, 12 
(o6x g((1eX^oü) Sfe | ava^xACstv ahzbv napanpoai |^stv t<j> £pf<|>). *rctvto- 
ttov Nr. 1449, 25 = >Perlenhalsband«. *7cXaxoovTä<; = placentarius 
Nr. 1495, 7. *rcXsonto&Ea Nr. 1414, 13. *7tXeoTtu.<a Nr. 1414, 13. 14. 
*7ro6ox£ipaXov unbekannter Bedeutung, erscheint in Nr. 1513, 13 unter 
Naturalien, die an Soldaten geliefert werden. *jropTä<; Nr. 1519,7 = 
>Schweizer<? *7cptüT6vtaoxov Nr. 1413, 17. *oxcupo7rdxTü>v Nr. 1554, 7. 

1) Zum Wechsel von p. und ß vgl. Mayser, Gramm, d. griech. Pap. S. 199, 
wo auch yjjr Preis. SB. 5109, 3 nachzutragen ist 

2) Ortsbestimmung im bloßen Akkusativ: 7jxuj "Aß*jou>v Preis. SU. 1060, 
ähnlich 3815. 4170. 4970; Jjxtt« xo (j-j(j.iov P. M. Meyer, Griech. Texte, Nr. 20, 
Schluß. 



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136 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

♦otifcüotc Nr. 1450, 9, ^motefüjotc Nr. 1450, 8. *<jTsfftixo'c Nr. 1413, 
4. 6. 7. *or*]|xovixdc Nr. 1414, 8. 10. *ot>Uewn]<; otvoo Nr. 1415,9. 
*tain)täc > Teppichweber oder -händler« Nr. 1517, 3. *tetpajtTjvioc 
Nr. 1418, 18 wie efftau,i)vto;. *cp«wC«*(a Nr. 1415, 26. *ööponapo- 
yto^dc Nr. 1590, 10, vgl. oSporcäpoxot eb. Z. 8. *üJtoaxeoApto<; Nr. 
1432, 5 >Pachtbieter< (urcoer/eoapioo tuvrjc | ad7]pojroXtbv xai öpßio|ffo- 
Xwv). Der schon mehrfach bekannte Zuruf wxeavS erscheint in Nr. 
1413, 3. 21. 24, noch immer ungedeutet. Unklar bleibt trotz des 
klaren Zusammenhangs in Nr. 1454, 6 KOTTTOYIAC gen.; es muß 
eine Tätigkeit von Bäckern bedeuten, die Worte lauten: wir Bäcker 
X^^öu-e^ra Se üirep JtpatlXOÖ xai KOTTTOYIAC | [xai Sa;rav]T]<; rcacrrjc 
exäotTjc (äpTaßTjc) oßo(Xoüc) t. Wahrscheinlich steckt darin ein Wort 
auf -topta, vielleicht ein lateinisches Lehnwort, aber es ist mir nicht 
gelungen es zu fassen. 

Es folgen die bekannten Indices, in denen leider die bisher nicht 
belegten Wörter und Namen noch immer nicht durch Stern kenntlich 
gemacht sind, und zwei schöne Tafeln. 

Halle Karl Fr. W. Schmidt 



Die Gesetze der Angelsachsen, herausgegeben im Auftrage der Suvigny- 
Stiftung von Felix Liebermann. Hand '2 Erste Hälfte: Wörterbuch. VIII, 
253 S. 1906. M 16; Zweite Hälfte: Hechts- und Sachglossar. III u. S. 255—753. 
1912. M 36. — Hand 3: Einleitung zu jedem Stück; Erklärungen zu einzelnen 
Stellen. IV, 35G S. 191Ü. M 28. Halle a. S. : M. Niemeyer. Lex. 8° '). 

Unter den Stürmen des Weltkrieges hat ein großes Werk seinen 
Abschluß gefunden, das eine Ruhmestat der deutschen Wissenschaft 
bedeutet, die Ausgabe der altenglischen Gesetze von Felix Liebermann. 

Der im Jahre 1903 erschienene erste Band brachte die Texte 
(nebst deutscher üebersetzung) in einer Vollständigkeit und Zuver- 
lässigkeit, wie sie die früheren Ausgaben auch nicht von ferne er- 
reicht hatten, so daß die Liebermann'sche Ausgabe fortan hinsichtlich 
des Textes nicht nur als die beste, sondern als die einzige wissen- 
schaftlich brauchbare bezeichnet werden mußte. Immerhin hatten die 
älteren Ausgaben damit noch nicht allen Wert eingebüßt: das gilt 
insbesondere von der für ihre Zeit vortrefflichen Ausgabe von Rein- 
hold Schmid (in 2. Auflage 1858) mit ihrem brauchbaren und bei 

1) An der Verspätung der Anzeige des zweiten Bandes trage ich zum Teil 
selbst die Schuld, zum andern Teil ist sie durch meine Einziehung zum Heere 
verursacht. Aber die Verspätung gewährt mir den Vorteil, daß ich die beiden 
Bände zusammen besprechen kann. 



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Liebermann, Die Gesetze der Angelsachsen 137 

manchen Artikeln geradezu kleine rechtsgeschichtliche Aufsätze bie- 
tenden Glossar. Durch die Vollendung der Liebennann'schen Ausgabe 
sind diese älteren Drucke nun auch hinsichtlich des Beiwerks, der 
Anmerkungen und des Glossars, überholt und entbehrlich geworden. 

Der zweite Band zerfällt in zwei Hälften, ein Wörterbuch und 
ein Rechts- und Sachglossar. 

Das Wörterbuch enthält nicht nur die angelsächsischen Wörter, 
sondern auch die lateinischen und die altfranzösischen, die lateinischen 
allerdings nur insoweit, als sie in den Wörterbüchern des klassischen 
Lateins fehlen. Bei jedem Wort sind die sämtlichen Belegstellen, bei 
jedem Simplex die Zusammensetzungen mit aufgeführt. Die verschie- 
denen Bedeutungen eines Wortes werden stets sorgfältig von einander 
gesondert. Die Etymologie ist in der Regel nicht berücksichtigt, 
doch wird mitunter ein Rechtsausdruck der dem Angelsächsischen 
nahe verwandten friesischen Sprache zum Vergleich herangezogen, 
z. B. fries. lithsiama zu ags. lidscaw, Gliedwasser, oder fries. lade zu 
ags. lad, Reinigungseid. Zwischen die Wortartikel eingestreut finden 
sich sprachgeschichtliche Artikel, die für den Philologen wie für den 
Rechtshistoriker von Wert sind, wie Allitteration, Endreim, Formeln, 
Wortbildung, Wortschatz, Nordische Lehnwörter, Artikel, Nominativ, 
Konjugation usw. Es ist geradezu erstaunlich, wie viel das Wörter- 
bach auf engem Räume bietet, und wie es dabei doch ungemein 
übersichtlich bleibt. 

Die zweite Hälfte des zweiten Bandes trägt mit vollem Recht das 
Motto: > Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringend Sie bietet 
ein äußerst reichhaltiges Reallexikon des altenglischen Rechtes, ein 
wertvolles Hilfsmittel für Jeden, der sich mit diesem Rechte befaßt. 
Ein derartiges Werk konnte nur ein Gelehrter schaffen, der die ältere 
englische Geschichte so vollständig beherrscht, wie Liebermann es tut. 
Nicht nur die Gesetze und die juristischen Privatarbeiten der angel- 
sächsischen Zeit, auch die spätem Quellen, insbesondere die englischen 
Stadtrechte, sowie die Urkunden, die Geschichtschreiber und Dichter 
werden berücksichtigt, andere germanische Rechte, insbesondere das 
friesische Recht, werden zum Vergleiche herangezogen. Die neuere 
Literatur ist ausgiebig verwertet; nur würde vielleicht mancher Be- 
nutzer etwas weniger Sparsamkeit in den Literaturangaben gewünscht 
haben. Im übrigen aber ist auch hier wieder der Reichtum des auf 
knappem Räume gebotenen staunenswert. Die längeren Artikel, zum 
Teil eigentliche rechtsgeschichtliche Aufsätze, sind übersichtlich ge- 
gliedert, und diese Gliederung wird durcli die Kapitelüberschriften an 
der Spitze des Artikels in sehr zweckmäßiger Weise zum Ausdruck 
gebracht. Ich nenne beispielsweise die inhaltsreichen Artikel Bauer, 



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138 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Bocland, Bürgschaft, Diebstahl, Eheschließung, Eideshelfer, Erbgang, 
Geistliche, Gericht, private Gerichtsbarkeit, Ordal, Rechtsgang, Schieds- 
gericht (mit eingehender Darstellung der Totschlagsühne), Schutz, 
Sippe, Strafe, Unfreie, Vogt, Wergeid. Besonderes Interesse verdient 
die Zusammenstellung der verlorenen Gesetze, die wir nur aus der 
gelegentlichen Erwähnung in anderen Quellen erschließen können 
(S. 709). Wertvoll sind ferner die unter dem Stichwort Zugabe 
(S. 753) gesammelten Belege für den bereits von Jakob Grimm 
(Rechtsaltertümer 1, 303 ff.) nachgewiesenen Brauch, zu einer nach 
Jahren berechneten Frist noch einen Tag, zu einer in Schillingen 
angesetzten Summe noch einen Pfennig hinzuzuschlagen u. dgl. 

An vielen Stellen werden die Ansichten anderer Schriftsteller be- 
kämpft und berichtigt. In dem Artikel Folcland spricht Liebermann 
die Vermutung aus, daß dieses Wort nicht, wie Brunner wollte, das 
nach Volksrecht besessene Land bezeichne, sondern den der staatlichen 
Pflicht, der nationalen Abgabe unterworfenen Grundbesitz (S. 403). 
In dem bereits erwähnten Artikel über die Eheschließung weist Lieber- 
mann (S. 369) nach, daß der sceat bei der altkentischen Eheschließung 
(Aethelberht 83) nichts mit der Rechtssitte der Schoß- oder Knie- 
setzung zu tun hat, sondern als Schatz, d. h. als Brautpreis, gedeutet 
werden muß. In dem Verlobungsleiter des Stückes be wifmannes 
beweddung sieht Liebermann nicht, wie 0. v. Gierke und v. Amira, 
den Vorsprecher der Braut, sondern einen unparteiischen Dritten 
(S. 370). Die gislas, die nach dem Vertrage zwischen Alfred und dem 
Dänenkönig Guthrum (c. 5) die Kaufleute bei Reisen ins Ausland 
stellen müssen, faßt Liebermann, wiederum im Gegensatz zu 0. v. 
Gierke, als echte Geiseln, nicht als Bürgen auf (S. 431). Wenn in 
Alfreds Gesetzen (1,4) der Vertragsbruch mit 40tagiger Gefängnis- 
haft belegt wird, so liegt darin, nach einer ansprechenden Vermutung 
Liebermanns (S. 713), ein Ueberrest von ehemaliger Verknechtung. 

Auch für die Geschichte des Strafrechts ist das Glossar ergiebig. 
Die später unterschiedslos gebrauchten Bezeichnungen des Königs- 
schutzes, mund und borg, haben nach Liebermann ursprünglich nicht 
die gleiche Bedeutung gehabt. Vielleicht ist mund >der dauernd 
durch die ganze Person allgemein geübte Schutz, borg die Gewähr 
für eine einzelne bestimmte Beziehung oder Person, durch letztere an- 
gerufen < (S. 642). Wenn in einem Gesetze König Knuts (II, 56) von der 
Auslieferung des Mörders an die tote Hand die Rede ist, so darf man 
dabei nicht, wie Brunner wollte, an eine Auslieferungspflicht der Sippe 
denken: vielmehr ist es Sache des Gerichts, den Mörder den Bluts- 
freunden des Toten zur Rache auszuliefern (S. 654). Interessant sind 
die Ausführungen über das murdrum (S. 593), eine Brüche, die in 



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Liebermann, Die Gesetze der Angelsachsen 139 

normannischer Zeit der Bezirk des Leichenfundortes bei heimlicher 
Tötung eines Normannen oder Franzosen zahlte. Liebermann führt 
dieses murdrum auf verschiedene Wurzeln zurück, die im Laufe der 
Zeit zusammengewachsen sind, den gemein-germanischen Königsschutz 
gegenüber Dienstmannen und Fremden, die nordische Königsbuße von 
40 Mark und die angelsächsische Einrichtung der Zehnerschaft als 
Friedbürgschaft. 

Ueber die vielbesprochenen Institute der Zehnerschaft und der 
Freibürgschaft und die damit in Zusammenhang stehende und eben- 
falls lebhaft erörterte Frage der angelsächsischen Hundertschaft hat 
sich Liebermann in seinem Glossar ausführlich ausgesprochen. 

Für die angelsächsische Hundertschaft (hundred) verwirft er die 
verschiedenen Ansichten, die sie für etwas althergebrachtes erklärt 
hatten; auch die Auffassung von Rietschel, der eine planmäßige Ein- 
teilung des Landes bei der ßesiedelung angenommen hatte, wird mit 
guten Gründen zurückgewiesen. Nach Lieberraann ist das hundred, 
das unter König Edmund I. (940 — 46) zuerst belegt ist, eine künst- 
liche Neuschöpfung zunächst zu fiskalischen Zwecken. Seine Ent- 
stehung versetzt er in die Zeit der Könige Edward I. (901 — 025) oder 
Aethelstan (925—940). 

Auch bezüglich der Zehnerschaft (teothung) will Liebermann die 
Ansicht, als habe man es mit einer uralten Einrichtung zu tun, nicht 
gelten lassen. Die angelsächsische Zehnerschaft, von der Gesetze 
König Aethelstans um 935 die erste Kunde geben, ist, ebenso wie die 
Hundertschaft, unter diesem König oder unter seinem Vater Edward 
ins Leben gerufen worden, und zwar zunächst als ein rein persön- 
licher Verband für polizeiliche Zwecke. Erst in der Normannenzeit 
erscheint die Zehnerschaft als territorialer Bezirk, als Teil der Hun- 
dertschaft, und oft fällt sie jetzt mit dem Dorf zusammen. Die Wur- 
zeln der Freibürgschaft (friborg, francum plegium, später frithborg) 
reichen zurück bis in die Zeit König Edgars (958—975): jeder Ge- 
meinfreie, so bestimmen die Gesetze, soll in Bürgschaft stehen. Aber 
es fehlt noch das für die Freibürgschaft wesentliche Moment der Ge- 
genseitigkeit. Erst unter Aethelred (978 — 1016) oder wahrscheinlicher 
unter Knut (1017 — 1035) erscheint der Gedanke der gegenseitigen 
Verbürgung, und gleichzeitig wird das neu entstandene Institut mit 
der Zehnerschaft verschmolzen : die Genossen der Zehnerschaft bilden 
einen gegenseitigen Bürgschaftsverband. 

Besondere Beachtung beanspruchen die Beiträge zu der so schwie- 
rigen und bestrittenen Geschichte der angelsächsischen Standesverhält- 
nisse. Die Gesetze Wihtraeds von Kent (601—604) und Ines von 
Wessex (Ende des 7. Jahrhunderts) stellen über den Gemeinfreien den 



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140 Gott. gel. Anz. 1918. Kr. 3 u. 4 

Gesith, über den sich wiederum der Königsthegn erhebt. Abgesehen 
von diesem Königsthegn erscheint der Thegn in den Gesetzen nicht 
vor dem 10. Jahrhundert, während der Gesith seit der Zeit Königs 
Ines aus den Gesetzen verschwindet. Brunner hatte den Gesith für 
den Gefolgsmann einer älteren Schicht angesehen und angenommen, 
daß diese ältere Schicht, ähnlich dem fränkischen Antrustionat, durch 
Landabfindung zu einer Klasse von Großgrundbesitzern geworden und 
dann durch die, den fränkischen Vasallen vergleichbare, jüngere 
Schicht der Thegn abgelöst worden sei. Dann müßte man aber er- 
warten, daß der Gesith als die vornehmere Klasse über dem Königs- 
thegn steht, während doch das Umgekehrte der Fall ist. Liebermann 
vertritt folgende Auffassung (S. 428 ff. 680) : Gesith ist der Angehörige 
des Gefolgsadels, mit dem der alte Geburtsadel verschmolzen ist, 
Königsthegn aber bezeichnet eine ausgezeichnete Klasse unter dem 
Königsgefolge, den Gefolgsmann, der ein Hofamt bekleidet (daher 
minister; vgl. die festländischen Ministerialen!) und über unabhängigen 
Großgrundbesitz verfügt. Später ist der Name Thegn für alle Ge- 
folgsleute üblich geworden, während die Bezeichnung gesith, ebenso 
wie die gleichbedeutenden Ausdrücke gefera und geneat, verschwand, 
weil sie >die Urbedeutung ständischer und beruflicher Gleichheit mit 
dem Herrn noch anklingen ließ und daher unpassend wurde, als die 
Königsvasallen über's ganze Land hin verteilt wohnten und der König 
mit erhöhter Macht und erweitertem Gebiete längst nicht mehr nur 
primus inter pares war< (S. 430). Es handelt sich also hier um eine 
Veränderung des Sprachgebrauches und nicht um die Ablösung einer 
älteren Gefolgschicht durch eine jüngere. Diese Auffassung Lieber- 
manns hat manches für sich, und es ist darum auffallend, wenn er an 
einer andern Stelle des Glossars (S. 6S3) doch wieder der Ansicht 
Brunners zuneigt. 

Im Gegensatz zu v. Amira und Rhamm nimmt Liebermann an, 
daß in den Zeiten Ines und Alfreds jedem sächsischen Gefolgsmann, 
und nicht nur dem Königsthegn, ein Wergeid von 1200 Schillingen 
zugekommen sei. Den Sexhyndemon der damaligen Gesetze hält er, 
ebenso wie Seebohm, für einen Gefolgsmann welscher Abstammung, 
eine Ansicht, die Vinogradoff (The growth of the manor 125) und 
neuerdings Hatschek (Englische Verfassungsgeschichte 41) mit be- 
achtenswerten Gründen bekämpft haben. Für die Meinung von See- 
bohm und Liebermann ließe sich allerdings die auffallende Tatsache 
ins Feld führen, daß die späteren Gesetze eine Mittelstufe zwischen 
dem gemeinfreien Zweihunderter und dem Than mit 1200 Schilling 
Wergeid nicht mehr kennen: das würde sich dann aus der allmäh- 
lichen Verschmelzung der Welschen mit den sächsischen Einwanderern 
erklären lassen. 



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Lieberraann, Die Gesetze der Angelsachsen 141 

Was die verschiedenen Bauernklassen anlangt, so will ich nur 
hervorheben, daß Liebermann den gafolgilda in Ines Gesetzen für 
einen Zinsbauern ansieht, während Rhamm ihn für den gemeinfreien 
und mit öffentlich-rechtlichen Steuern belasteten Grundeigentümer hält. 
Liebermann vermutet weiter (S. 298), daß der gafolgilda mit dem ge- 
neat im engeren Sinne zusammenfalle und zu unterscheiden sei von 
dem >Bauernc (gebur im engeren Sinne), der neben dem Zins auch 
Frondienst leistet, und von dem Kotier (cotsetla), der, wenigstens 
nach einer Quelle des 11. Jahrhunderts, nur front. 

Der dritte Band bringt die Einleitungen und die Anmerkungen 
zu den einzelnen Stücken der Sammlung. Die Einleitungen geben 
Aufschluß über Entstehung und Quellen der Gesetze, über ihre Ueber- 
lieferung und spätere Benutzung und stellen endlich in sehr dankens- 
werter Weise die darin enthaltenen Neuerungen übersichtlich zu- 
sammen. Ganz kurze Stücke von wenigen Zeilen, wie etwa der 
northumbrische Kirchenfriede (S. 267), werden mit der gleichen Sorg- 
falt behandelt, wie die umfangreicheren Quellen. Zum großen Teil 
konnte Liebermann in den Einleitungen die Ergebnisse seiner eigenen 
früheren Sonderarbeiten verwerten. Wo dies nicht der Fall ist, ent- 
halten die Einleitungen vielfach wichtige neue Beiträge zur Geschichte 
der angelsächsischen Rechtsquellen. So wird der Nachweis geführt, 
daß Ine von Wessex die Gesetze der Kenter Könige Aethelberht und 
Hlothaere, Wihtraed von Kent wiederum die Ines benutzt hat (S. 23. 
65). Manche Stücke, wie der angebliche Vertrag Edwards I. mit dem 
Dänenkönig Guthrum, erfahren eine genauere Zeitbestimmung (S. 87 f.). 
Die Stücke Edgar II und III, die frühere Herausgeber getrennt hat- 
ten, gehören zusammen (S. 133), dagegen ist der sogenannte Appendix 
zu Aethelred II (Band I S. 225) von dem voranstehenden Vertrage 
Aethelreds mit König Olaf Tryggwason zu trennen (S. 154). Das Stück 
Aethelred IV wird als ein Londoner Weistum gekennzeichnet (S. 162). 
Dazwischen finden sich interessante Bemerkungen allgemeiner Art, 
z. B. über die Anfänge des Bauernschutzes unter König Ine (S. 66), 
über Alfred des Großen philosophischen Standpunkt und seine Stel- 
lung zur Bibel (S. 35). Den Höhepunkt der angelsächsischen Gesetz- 
gebung unter den Königen Edmund I. und Edgar wird in das rechte 
Licht gerückt, bei den Gesetzen Knuts der persönliche Zug hervor- 
gehoben, der freilich über ihre technischen Mängel nicht hinwegzu- 
täuschen vermag. Von den juristischen Privatarbeiten wird das für 
die angelsächsischen Standesverhältnisse wichtige Stück Gepyncdo, das 
einzelne Schriftsteller für sehr alt erklärt hatten, richtig datiert und 
in die Zeit von 1040—1060 verlegt (S. 257). Bezüglich der Instituta 
Cnuti berichtigt Liebermann die Ergebnisse seiner eigenen früheren 



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142 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Untersuchungen: die Arbeit ist nicht in Worcester, sondern in Kent 
oder im südöstlichen Mercien entstanden (S. 331). 

Die Erläuterungen zu den einzelnen Stücken legen Zeugnis ab 
von ungemein gewissenhafter und entsagungsvoller Kleinarbeit. Mehr- 
fach gelangt Liebermann dazu, nicht nur die Uebersetzungen und Er- 
klärungen älterer Schriftsteller, sondern auch seine eigenen zu berich- 
tigen. Natürlich ist es im Rahmen dieser Anzeige nicht möglich, auch 
nur das Wichtigste von dem hervorzuheben, was Liebermann in seinen 
Erläuterungen für das Verständnis der Quellen geleistet hat. Ich be- 
schränke mich auf wenige Beispiele. S. 55 schließt Liebermann aus 
der Tatsache, daß die lateinische Uebersetzung des Quadripartitus 
den bei Alfred 13, 1 erwähnten Brautbürgen wegläßt, daß das Institut 
um das Jahr 1100 bereits abgestorben war. Zu Edgar IV (9G2— 63) 
bemerkt er, daß Northumbrien damals zuerst von der weltlichen Ge- 
setzgebung des angelsächsischen Reiches mit erfaßt wird, während bis 
dahin nur internationale Rechtsbeziehungen vorhanden gewesen waren 
(S. 141). 

Die Erklärungen zu den lateinischen und französischen Stücken 
nehmen weniger Raum ein, teils weil diese Texte vieles aus älteren 
angelsächsischen Gesetzen entnommen haben, teils weil Liebermann 
kurze Erläuterungen zu diesen Stücken bereits im Band I gegeben 
hatte. Immerhin wird auch zum Verständnis dieser Texte noch manch 
wertvoller Beitrag geliefert. So die Ausführungen über Schatz- und 
Strandregal (S. 317 f.), der Beleg für die Fortdauer der Sitte des 
Waffenschlages (wapnatak) bis zum Ende des 11. Jahrhunderts (S. 348). 
Für die mittelalterliche Volkskunde ist beachtenswert, was S. 326 über 
die Schädigung des Feindes durch Verletzung eines Wachsbildes mit- 
geteilt wird. Den Strafrechtshistoriker werden interessieren die Be- 
lege für die Bezeichnung des Verbrechers als Wolf (S. 344), für die 
Verwendung grausamer Strafen (Ausweiden, Schinden u. a.) bei Her- 
renverrat (S. 326) oder für die auch auf dem Festlande häufig be- 
zeugte Tatsache, daß hohe Geistliche den verurteilten Missetäter vom 
Galgen losbitten (S. 346). 

Liebermann widmet den dritten Band seines Werkes >dem An- 
denken an Heinrich Brunner und Frederic William Maitland, die 
größten zeitgenössischen Förderer der Rechtsgeschichte Englands im 
Mittelalter«. Er gibt dabei in schönen und ergreifenden W r orten der 
Hoffnung Ausdruck, daß eine Zeit kommen werde, wo Deutsche und 
Engländer, >die heutigen Feinde wieder lernen werden einander zu 
achten und, wie einst, einander zu helfen zu der Menschheit hohen 
Zielen ! < 

Münster i. W. Rudolf His 



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Klein, Syrisch-Griechisches Wörterbuch zu den vier kanonischen Evangelien 143 

Otto Klein, Dr. phil., Syrisch-Griechisches Wörterbuch zu den vier 
kanonischen Evangelien nebst einleitenden Untersuchungen. 
Verlag von Alfred Töpelmann. Gießen 1916. IV, 123 S. Gr. 8°. G,G0 M. 
(Ueihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 23). 

Das vorliegende Wörterbuch bezweckt nach dem Vorwort >vor 
allen Dingen Vergleichungen der einzelnen Übersetzungen der grie- 
chischen Evangelien. < Beim Versuch, in den Sinn dieser Worte ein- 
zudringen, könnte man das auf S. 2 vom Verfasser angeführte Urteil 
Gressmanns heranziehen: >Ein dringendes Bedürfnis ist jetzt ein Se- 
parat-Lexikon zum Sin-Cur und zur Peschitta. Nur so kann über 
die Frage entschieden werden, ob die verschiedenen Evangelien von 
denselben Verfassern herrühren oder nicht< ; denn nach dem Folgen- 
den ist des Verfassers Arbeit eine nur noch durch Einbeziehung der 
Philoxeniana verstärkte Erfüllung des Gressmannschen Wunsches. 
Also ein Lexikon, aus dem man die Übersetzungsweise der einzelnen 
syrischen Übersetzer der Evangelien erkennen kann. Dieses müßte 
aber nicht wie das des Verfassers vom syrischen, sondern umgekehrt 
vom griechischen Text ausgehen, müßte also ein griechisch-syrisches 
Lexikon sein, woneben ein syrisch-griechischer Index angebracht wäre. 
Nun trägt ja dem angegebenen wissenschaftlichen Interesse der bei- 
gegebene >Griechi8ch-syrische Indexe Rechnung, aber daß diese In- 
dexform, bei der man bei den meisten griechischen Wörtern an meh- 
reren Stellen des Buches nachschlagen muß, für wissenschaftliche Un- 
tersuchungen der angegebenen Art bequem und übersichtlich wäre, 
kann man nicht behaupten. In Wahrheit scheint auch für die Anlage 
des Buches ganlicht so sehr das Interesse wissenschaftlicher Unter- 
suchungen das letztlich Bestimmende gewesen zu sein als vielmehr und 
vielleicht unbewußt der praktische Zweck, den die folgenden Sätze 
des Vorwortes verraten: >Ich wollte durch diese Erörterungen den 
alten und jungen Theologen Lust machen, auch ihrerseits syrisch zu 
lernen. Und hierzu soll mein Wörterbuch behilflich sein. Man lernt 
eine Sprache am schnellsten und angenehmsten durch Lektüre. < Ist 
das die Absicht, Anfängern mit diesem Lexikon durch die Lektüre 
der syrischen Evangelienübersetzungen zu helfen, dann mußte freilich 
das Wörterbuch vom Syrischen ausgehen. Und dann vielleicht auch 
in der vom Verfasser gewählten Form, daß die syrischen Worte nicht 
nach den alphabetisch geordneten Wurzeln, zu denen sie gehören, 
sondern vielfach rein nach der alphabetischen Reihenfolge der Buch- 
staben aufgeführt werden, nur daß hierin leider nicht völlige Kon- 
sequenz herrscht, sodaß man z. B. fb^oo*! unter i suchen muß, wäh- 
rend man das Aphel von »m^i unter ^ !l findet. — 

Mit dem Schwanken des die Anlage bestimmenden Zweckes des 



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144 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Buches hängt eine zweite Unklarheit zusammen, nämlich das Schwanken 
zwischen Lexikon und Konkordanz. Es ist keine Frage, daß für wis- 
s enschaftliche Untersuchungen eine Konkordanz oder ein Index, wie 
Smend ihn griechisch-syrisch-hebräisch zum Sirach geliefert hat, das 
beste Mittel ist. Es wäre also eine Anlage etwa wie die von Albert 
Bonus 1896 in seiner Collatio Codicis Lewisiani gewählte empfehlens- 
wert gewesen. Bonus druckte in drei Kolumnen nebeneinander die 
Lesart der Syr ,iB , der Syr" r und die der Peschitta. Es hätte nur 
das griechische Wort davor in eine Kolumne gesetzt werden müssen 
und für ganz seltene Interessen auch eine Kolumne für die Philoxe- 
niana hinzugefügt werden können. Oder, da so die verschiedenen Stellen 
mit ihren mancherlei Abweichungen manchmal schwer in die Kolumnen 
hätten gepreßt werden können, so wäre noch besser Smend's Form 
eingeführt worden. Der angegebene praktische Zweck verbot aber 
die beiden angegebenen Formen und gebot vielmehr, ein Lexikon zu 
liefern, nur daß auch in dieser Hinsicht wieder keine reine Sache 
herrscht, insofern als etwas, was in einer Konkordanz erlaubt, ja ge- 
boten, in einem Lexikon aber unstatthaft ist, gleichwohl im Werke 
des Verfassers erscheint. Zwei Beispiele mögen zeigen, was ich meine. 
S. 43 ist zu lesen: >kof99* vj5öoou.ov s Mt 23s3.< JL»;$ot ist Fehler 
für J^jjo» , mag nun Frau Dr. Lewis sich verlesen haben oder ein 
Fehler der Hs. vorliegen. In einer Konkordanz muß natürlich auch 
das Fehlerhafte auftreten, denn die muß so mechanisch wie möglich 
sein. In einem Lexikon aber, dazu noch einem für Anfänger, darf 
ein Textfehler nicht erscheinen, ohne daß er als solcher kenntlich 
gemacht wird. S. 105 lesen wir unter J-^J. als angeblich zweite 
Bedeutung ewe c Mt 17 g. Eine Konkordanz, die von dem jetzt durch- 
weg benutzten Texte Nestles ausginge, müßte natürlich melden, daß 
in Mt 17 2 für griechisches <sük bei c |^>,i erscheine. Aber der 
Text von c setzt vielmehr die auch sonst bezeugte Lesart <i>c ytüv 
für tu; xb z (o; voraus, und in einem Lexikon darf niemals als Bedeu- 
tung von L,nJ^L cpüjc angegeben werden. Ob ein syrisch-griechisches 
Lexikon zu den Evangelien ein praktisches Bedürfnis war, kann nur 
die Erfahrung zeigen. Der Verfasser hat es nun einmal für ein Be- 
dürfnis gehalten, und so haben wir uns fortan nur mit der Frage zu 
beschäftigen, wie er diesem von ihm empfundenen Bedürfnis abge- 
holfen hat. 

Im Vorwort bekennt der Verfasser, aus Interesse an Fragen der 
Kanongeschichte zur Erlernung des Syrischen getrieben zu sein. Nun 
wird es leicht verhängnisvoll, wenn man eine Sprache nicht zunächst 
aus sprachlichem, sondern aus irgend einem sachlichen Interesse er- 
lernt und dann gleich als Lehrmeister in solcher Sprache auftritt. 



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Klein, Syrisch-Griechisches Wörterbuch zu den vier kanonischeu Evangelien 145 

Dem Verfasser ist in der Tat diese dem Neophyten eigene Sucht zum 
Verhängnis geworden. Er hat das Syrische nicht so weit gelernt, 
daß er Verbalformen sicher richtig ableiten, Worte richtig punktieren 
und zu den syrischen Wörtern der syrischen Texte die entsprechenden 
griechischen des Urtextes sicher herausfinden, d. h. also richtig über- 
setzen kann. Für jeden der drei genannten schweren Mängel ein 
paar Beispiele. Gleich auf der ersten Lexikonseite (S. 25 des Buches) 
liest man Folgendes: ;^j u.todö(i>|xat Pa (seq. > \*. j!*>o*) jiaxpo&ouiü). 
Der Verfasser weiß also nicht, daß hier das Aphel eines ganz ande- 
ren Verbalstammes, nämlich ^^ vorliegt. Ebenso schlimm ist fol- 
gende Ableitung auf S. 65: ^Xw* Pa ßspYjAöw, wo das Participium 
des Aphel von \£^ vorliegt. S. 81 Ia^. Pa exX»Jou.at, während es 
das Imperf. des Pe. von *ft> ist. Vgl. auch das oben S. 143 ange- 
zogene Aphel oa^f. Fehler der Punktation, die nicht Versehen sein 
können, sondern mangelhafte Kenntnis verraten, sind folgende: S. 64 
Jlc^ (seq. lÄs^Af). Es muß heißen: i*s^*?. S. 42 JL?ot» 6%<5c; 
lies ILiiowo. Falsch gegriffene griechische Worte: S. 71 *a&j Pa 
sit'.(ot>v)pp(i7rr<i> s Mc 2 21. *afco entspricht Mc2bi und auch, was der 
Verfasser übersehen hat, Mt 9 10 in der Syr*' n und der Peschitta ai- 
pstv. S. 85 werden alte und junge Theologen belehrt, daß yv^ bei 
c Mt 12 1 tiXXw bedeutet. Minime vero! ,oowt-t=» ^i* entspricht 
dem aus Lc 61 in c eingefügten ty&ypvxes tat? /epcw, das dort auch 
p hat. Aus diesen beiden letzten Beispielen ersieht man zugleich, 
wie unvollständig und unsicher das vom Verfasser beigebrachte Ma- 
terial ist. Und damit komme ich zu dem, was das Werk sowohl für 
Anfangsstudien als auch für wissenschaftliche Zwecke gänzlich unzu- 
reichend macht : es ist zu unvollständig. Zwar nimmt der Verfasser 
im Vorwort von vornherein Indemnität für sich in Anspruch: >Es ist 
klar, daß ich gerade bei diesem Wörterbuch keinerlei Vollkommenheit 
beanspruchen darf<, aber die Sache geht doch zu weit, wenn man 
schon bei oberflächlicher Prüfung, bei der nicht einmal die Philoxe- 
niana verglichen worden ist, darin folgende Wörter vermißt: Lc 8m 
sp iaooo*L = i\ äßüoooc. ff^jj Lc 14 32 = rcpsoßsta scp. Jj^p 
tö Sp£iravov Mc 420 p. (l»£oL Lc In tö /poviCeiv p. %raail (apyäc) 
sc Lc 12 n. v viji Mc 4 2« reif sein (-apaSot) p. <-aa Pe Mc 4s2 
xataax^voöv p. JLaia-o* Lc IIa sp (amicitia tö eivott <piXov a&ToO). 
i-u-o* Mt 7i3cp. j&.Nä Lc 12u s U^4 Lr 12 n pc und J^k*. 
c bezw. y^t s in 22 ss. ik-L» Mc 16s p. ilaj;o*Ä*. Mc 7 22 sp 
(6;rep7]<pavia). (Kä bzw. J-fi^s cp in Mt 7 13. +d abrupit. Lc 5 36 p. 
^aoa constr. von Jjutoa Lc 21 25 cp (mit jL«~{) ä^opta. N \Aoi s 
Lc 21 2a. ^i-^^ö praetorium p Mt 27 27 Jo 18 is (s ^$cl£*^). ^-Xo^s 
Jo 14 ig scp. ^«^J Lc 14 ig Ceö-fos s p. Vq-^-V' Mt 13 32 t£ aitip- 

GfiU. gel. Am. 1918. Nr. 8 n. * 10 



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146 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

\paxa scp. ^^ **^ Mc 4a9 p. lj*># Mc 5>7 compressio p. 
(Jöaaod Lc 824 spc xXoScov. L^ö r i Lc 23*9 p (-fvwato:). |*.*L Lc 
84s p (iv püost). Wi^~£ Lc 97 sp Mt 14 1 cp. Dies durfte um so 
weniger fehlen, als s in Mt 14 1 dafür J*^*a) Jl*.» hat, ein Umstand, 
der als Stütze für die doch wohl abzulehnende These Hjelts von den 
verschiedenen Übersetzern der Evangelien der Syr ,iD geltend gemacht 
werden könnte. {Laua^ot Lc 2s p. jLoo? Preis Mt 1346 scp (mit 
l^ix. = 7toXüu[i.oi;). Ls^o? Mt 15 34 p (um das Demin. iy^üSia aus- 
zudrücken, wofür c (äa^j setzt). ^.oiaoK.j Siafrrjx-r]? — aotoö Lc 1 72 

von i*A*k*j sp. llda! 'f a-jo; Mc 11 19 SCp. iot^ Jo IO34 S p. lh.^1 

odium Mt 5 23 s p. K^Nonftoai speculator Mc 6 27 s p. L^a\a^ 
ßouXeoTTJc Mc 15 48 sp Lc 23 50 scp. J*ia (qattäl) Mt 21 42 oi oixo- 
Sou-oüvtec p, s c lassen sich ebenso vokalisieren. JL^a Ei Lc 11 scp. 
^4a*aod Lc I53 p. ^ja*^v Mt 26 sä scp. Ia^b Lc 23 a* actt- 
tdxtov für iTCt^pa^Tj scp. uai^ Aph. Lc 942 S p OMJcapdaaoj. la^^-CD 
Lc 14 ls p. flojA*. servitus Lc löse Jo 833 scp. cxctu Ethp. Lc 
10 42 p. Juwqj Mc 4 39 p vaXi]V7]. 04.^ Aphel die Nacht zubringen 
s p Lc 619. llo^A- tö Äspwaeüeiv Lc 12 13 p. Ich breche ab, ob- 
wohl meine Liste noch nicht zu Ende ist. Dazu kommen nun noch 
Versehen und Fehler anderer Art ; so liest man beispielsweise unter 
*aJ Af. xiv&ö. Gemeint ist natürlich das Aphel von »oj. Das An- 
geführte genügt völlig, um zu einem Urteil zu kommen. Das Urteil 
zu fällen, überlasse ich dem Leser. Es widerstrebt mir, einem 
Schützengrabenkämpfer, der an seiner eigenen Arbeit empfunden hat, 
was wir alle empfinden, nämlich die Nebensächlichkeit und Interesse- 
losigkeit minutiöser Detailforschung in einer Zeit, wo es um Sein 
oder Nichtsein des Ganzen und damit auch der Blüte der deutschen 
Kultur, nämlich der Wissenschaft geht, irgendwie wehtun zu müssen. 
Ich freue mich an dem mutigen Schlußsatz des Vorwortes, in dem 
der Verfasser seine Arbeit als ein kleines Symbol dafür ansieht, daQ 
sich der Geist, der deutsche Geist, siegreich behaupten wird gegen- 
über allen physischen Gewalten, muß aber doch im Interesse der Auf- 
richtigkeit hinzufügen, daß man nur dann auf den deutschen Geist 
bauen darf, wenn er etwas solider und zuverlässiger ist wie der im 
Buche des Verfassers sich offenbarende. Seinem Wörterbuch hat Klein 
23 Seiten umfassende einleitende Untersuchungen vorangestellt, in denen 
er Stellung nimmt zu der Frage, ob der von White gedruckte Text 
die Philoxeniana repräsentiere oder nicht, wobei der Verfasser die 
Möglichkeit der Herkunft von Philoxenus feststellt, ferner Stellung 
nimmt zu der These Hjelts, die er ablehnt; in denen er weiter die 
Begriffe StxatoaövT] und atßTTjpia in den syrischen Evangelienüber- 
setzungen untersucht und endlich eine kurze kritische Darstellung der 



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Klein, Syriach-Griechisches Wörterbuch zu den vier kanonischen Evangelien 147 

Geschichte der syrischen Evangelienübersetzung (sie) und ihrer Pro- 
bleme unternimmt, worin er die Reihenfolge Tatian, Sinaisyrer und 
Curetonianus und endlich die Peschitta als geschichtlich richtig er- 
weist. Dem Resultat dieser letzten umfangreichsten Untersuchung ge- 
bührt m. E. volle Zustimmung. Im Übrigen wäre auch in diesen Ab- 
schnitten Einiges richtig zu stellen, was aber nur unter weitläufigen 
Darlegungen möglich wäre. — Der Umfang und damit die Kosten 
des Buches hätten sich verringern lassen, wenn an allen Stellen, wo 
sämtliche Versionen zusammengehen, die Aufzählung s c p phil ganz 
fortgelassen und die Zeugen nur dann aufgeführt wären, wenn sie 
allein oder nur mit einigen andern verbündet auftreten. Aus dem 
Vorwort erfahren wir, daß von Bogen 5 an bis zum Ende des syri- 
schen Glossars Herr Geh. Hofrat Prof. Dr. C. Bezold die Korrektur 
übernommen hat, >ohne jedoch irgendwelche inhaltlichen Verbesserungen 
vorzunehmen«. 

Dassensen, Kr. Einbeck Hugo Duensing 



Alfous Uilka, Beiträge zur Kenntnis der indischen Nainengeoun g. 
Die altindischen Personennamen (= Indische Forschungen, hrsg. von 
Alfr. Hillebrandt, Heft 3). Breslau: M. & iL Markus 1910. XII u. 1Ü0 S. gr. 8°. 
G M. 

Stark verspätet zeige ich ein Buch an, dem ich Dank und An- 
regung schulde. Das möchte ich aussprechen. Der Verfasser will 
seine Arbeit > lediglich als einen Versuch auf noch unbebautem Felde < 
aufgenommen sehen. Mit einigen Wünschen inbezug auf die weitere 
Ausgestaltung dieser Bemühungen, auf die Ausfüllung von Lücken 
halte ich nicht zurück. 

Nach der glänzenden, die Bahn eröffnenden Leistung Fi cks und 
wertvollen, leider etwas fragmentarischen Bemerkungen 0. Frankes 
in seinem Aufsatz >Die indischen Namen< (Anhang zu seiner Schrift 
>Die indischen Genuslehren< 1890) war auf dem Gebiet der indischen 
Namenforschung nicht viel geschehen. Nur die Patronymica waren 
in der sehr sorgfältigen und umsichtigen, überall Vollständigkeit er- 
strebenden Baseler Dissertation Th, Grublers (Göttingen 1903) be- 
handelt; im Uebrigen war natürlich eine Fülle Durcharbeitung ver- 
langender Materialien zusammengebracht worden: vor allem in den 
epigraphischen und numismatischen Indices, für den alten Buddhismus 
in Indices der Veröffentlichungen der Pali Text Society; für den 
Veda — füge ich hinzu, obwohl nach Hilkas Buch erschienen 1 ) — 

1) "Was übrigenB teilweise auch von den Schriften der Pali T. S. gilt. 

10* 



I . Original from 

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148 Gott. gel. Anz. 1918. J*r. 3 u. 4 

in Macdonell-Keiths Vedic Index. Hilka nun legte seiner Arbeit 
die Gupta- und andre alte Inschriften, die mit geringen Ausnahmen 
das erste Jahrtausend n. Chr. nicht überschreiten, im Corpus Inscr. 
Ind. III und den ersten Bänden der Epigraphia Indica zu Grunde, 
> unter Heranziehung der alten Namen (nach PW und pw) und unter 
angemessener Berücksichtigung der buddhistischen Periode (zumal der 
Felseninschriften)«. Nach einer allgemeinen Einleitung über den Be- 
fund der Volkskunde betreffend Namen, Namengebung, Namenzauber 1 ) 
stellt er zunächst die indischen Vorschriften über die Namengebung 
dar und behandelt dann in den zwei Hauptabschnitten seines Buchs 
einerseits die sprachliche Struktur der indischen Namen, anderseits 
ihren Bedeutungsinhalt: Religiöses, Naturgeschichtliches, Beziehungen 
auf menschliche Zustände mannigfachster Art usw. 

Ich glaube, daß H. in dem Abschnitt über den Bau der Namen 
vollkommen recht daran tut, den zweigliedrigen Zusammensetzungen 
bez. den aus ihnen gebildeten Kurznamen prinzipielle Alleinherrschaft 
oder auch nur annähernde Alleinherrschaft nicht einzuräumen. Neben 
ihnen erkennt er den einstämmigen Namen ein weites Gebiet zu, wo- 
bei er die Schwierigkeit keineswegs übersieht, in jedem Fall zu ent- 
scheiden, ob ein solcher oder vielmehr Kürzung eines zweistämmigen 
vorliegt (s. S. 64). Die Materialsammlungen für die verschiedenen 
Bildungstypen und für die Typen des Nameninhalts sind für jetzt, 
wo es an derartigem noch fast ganz fehlt, außerordentlich willkommen : 
ich hebe unter manchem andern, was H. bietet, die Gegenüberstel- 
lung der in der sakralen und gesetzlichen Literatur begegnenden Re- 
geln über das Aussehen der Namen und anderseits des tatsächlichen 
Bestandes hervor (S. 16 f.), ferner die sehr nützliche Sammlung der 
nach dem Prinzip bhimavut {Bliima für Bhimascna) oder hhütnävat 
(Bhflmü für Satyabhäma), dazu der mit Kosesuffixen gebildeten Kurz- 
namen, die als solche ausdrücklich bezeugt sind (S. 59f.). 

Dies alles freilich stellt in der Tat eben nur einen Vorstoß in 
das weite, unabsehbare Materialien bietende Reich des indischen Na- 
menwesens dar, dessen mannigfache Unwegsamkeiten F ick doch wohl 
unterschätzt hat, wenn er urteilte, daß >das indische Namensystem 
alle seine Verwandten an glänzender Durchsichtigkeit übertrifft«. Und 
manche Bedenken gegen das Vorgehen H.s im Ganzen wie gegen 
Einzelheiten scheinen mir zu bleiben, zu deren Darlegung ich mich 
jetzt wende. 

1) Beiläufig erwähne ich, daß dabei das Thema der >häßlichen Namen c 
(S. 8. 40 f.) berührt wird. Zu diesem mache ich auf den »Päpakac von Jät. 1)7 
aufmerksam. 



| . Original froni 

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Hilka, Beiträge zur Kenntnis der indischen Namengebung 149 

Wenn H. mitteilt, daß die Materialien einiger Bände epigraphi- 
echer Publikationen für ihn die Grundlage gebildet haben, so wird 
man die Tatsache in Anschlag bringen müssen, daß in Indien, anders 
als in der griechisch-römischen Welt, die erhaltenen inschriftlichen 
Dokumente im Verhältnis zur anderweitigen Literatur überaus spät 
einsetzen. Ihnen voran geht die ganze vedische, dazu die altbuddhi- 
stische Literatur; diese beiden sind an Namenmaterial recht reich. 
Was den Veda anlangt, bietet er neben den im IJgveda usw., dann 
in den Brähmapas und Sütras zerstreuten Namen mehrere Fundorte 
ersten Ranges großer, kompakter Namenmassen: ich hebe die Pra- 
varaverzeichnisse hervor 1 ), die Verzeichnisse der angeblichen rgvedi- 
schen Liedverfasser 8 ), die Listen der Lehrer, in deren Sukzession ge- 
wisse Texte überliefert worden sind. Wenn da auch zum Teil nicht 
Individualnamen erscheinen sondern gentilizische, überzeugt man sich 
leicht, daß das eine vom andern in der Untersuchung nicht getrennt 
werden kann. Aus den Gentilnamen blicken Individualnamen — wenn 
auch teilweise legendarische — hervor; die MaudgalyAyanas gehen 
auf einen Mudgala zurück, den ja ein bekanntes rgvedisches Lied uns 
direkt vorführt. Und um sich zu veranschaulichen, wie — wenig- 
stens für gewisse Zeitalter — zur Bezeichnung einer Person der 
Gentilname durchaus auf einer Linie mit dem persönlichen Namen 
steht, genügt es Stellen der buddhistischen kanonischen Literatur wie 
etwa die folgende zu betrachten (Mahävagga X, 5, 6) : assosi kho a- 
yasmä Jtfahämog ff allein o . assosi kho dyismä Mahäkassapo , 
assosi kho äyasmä Mahäkaccäno^ ass. kho äy. Mahäkofthito, 
ass. kho üy. Mahäkappino, ass. klu> äy. Mahäcundo, aas. kho 
äy. licvatOy ass. kho äy. Upäli, ass. kho äy. Anantlo, ass. kho 
äy. Anurudäho, ass. kho äy. Rähulo; ganz ähnlich Cull. I, 18,1. 
So ist es in einer Betrachtung des indischen Namenwesens unum- 
gänglich nötig, Typen wie den der -ö*/a;/a-Nanien, auch hinsichtlich 
der Chronologie ihres Auftretens, mit in Betracht zu ziehen: wofür 
in diesem Fall die Untersuchungen Gublers wesentliche Unter- 
stützung gewähren. Ergebnisse auch für literargeschichtliche Fragen 
können dabei nicht ausbleiben. Wenn im rlgveda der -öyana-Typus 
nur zweimal vertreten, offenbar eben erst im Aufkommen begriffen ist 
(Kanväyana in einem Välakhilyaliede : eine Ausnahme, welche die 
Regel bestätigt; dann üksanynyana, vgl. dazu Gubler 95), so wird 

1) D. h. die Tabellen darüber, in welcher Form von den Angehörigen der 
verichiedenen FamUien Gott Agni als schon den Vorfahren der betreffenden Fa- 
milie verbunden anzurufen ist. Vgl. ZDMG. XLII, 233 ff. 

2) Ich habe ZDMG. a.a.O. 222 f. gezeigt, daß diese Verzeichnisse ihrem 
Inhalt nach in die Brähmanazeit zurückgehen. 



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150 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

man dem amvfyäyana am Schluß des bekannten Varunaliedes Athar- 
vaveda IV, 16 wohl — zusammen mit anderweitigen Erwägungen — 
ein Argument zu entnehmen sich berechtigt fühlen gegenüber der 
Auffassung, die ausgesprochen worden ist: dies Lied zeige vom Aus- 
sehen der besten rgvedischen Lieddichtung keine Unterschiede. 

Wer die durch das indische Namenwesen durchgehende, dazu die 
von ihm aus auf andern Lebensgebieten erkennbare geschichtliche 
E ntwicklung hervortreten zu sehen wünscht, wird es danach nicht 
ohne Bedauern betrachten, daß der Vf. die vedischen Namen als zu- 
meist dunkel und unsichere (S. XII) nur wenig berücksichtigt hat 1 ). 
Ist es nicht eine allzu unvollständige Wiedergabe des Tatbestandes, 
wenn S. 54 unter den ein Zahlwort als Vorderglied enthaltenden Namen 
Tryaruna allein mit Berufung auf das Paücavimsa Bräbmana erwähnt 
wird, während der Name schon im Rgveda vorkommt? Wenn S. 138 
R? v isena allein aus späteren Quellen belegt wird, während es durch 
das Patronynnkum Ar?ti?ena auch für die rgvedische Zeit gesichert 
ist ? Wenn bei der Erörterung der Frauennamen S. 148ff. der nicht 
nur für Göttinnen (Indräni usw.), sondern auch für menschliche Frauen 
geläufige Typus, den der Bgveda in Purukutsäni, Mudgalänl aufweist, 
überhaupt unberücksichtigt geblieben ist 2 )? 

Eine größere Rolle als derVeda spielt bei H. die von ihm etwas 
kurzweg so benannte buddhistische Zeit. Hier erscheinen Materialien, 
die ihrer Herkunft nach recht weit auseinanderliegen. Wenn als Fund- 

1) Dies Zurücktreten <les Veda bei H. ist nm so bemerkbarer, als er, wie 
schon erwähnt, nicht unterlassen hat die weiten Fernen der volkskundlicben Ma- 
terialien in seine Betrachtung hineinzuziehen (S. 4 — 10): ein Teil der Arbeit, der 
meiner Empfindung nach als Hors d'oeuvre wirkt und doch nur unvollkommen 
damit motiviert ist, daß >dem Verf. häufiger der Gedanke vorgeschwebt hat, einen 
auch weitere Kreise interessierenden Beitrag zur idg. Namengebung zu lietern« 
(S. 4). Die in jenem Verhalten zum Veda, wie mir scheint, sich kundgebende ge- 
ringe Intensität des Strebens, den Lauf der geschichtlichen Entwicklung in mög- 
lichster Klarheit hervortreten zu lassen, zeigt sich m. E. auch in der Anordnung, 
die der Vf. seinen Namenzusammenstellungen zu geben pflegt: 1. Inschriftennamen. 

2. Episch-puränische, »zuweilen auch vedische«. 3. Kamen aus Fänini und Kom- 
mentaren. 4. Buddhistische, jaini6tische. 5. Sonstige (ans Katbäsaritsägara, Rä- 
j ataranigipi etc.). Ein befremdendes Hin und Her zwischen Aelterem und Jün- 
gerem. 

2) Von Vediscfcem erwilhne ich hier noch, daß S. 30 Mätarisvan als >der 
Geheimname des Agni« erklärt wird: das wird von H. im Zusammenhang mit dem 
Gebrauch erwähnt, dem Kinde einen Geheimnamen zu geben um es vor bösem 
Zauber zu schützen. Doch wenn die rgvedischen Theologen Agni wie mit vielen 
andern Wesenheiten so auch mit Mätarisvan identifizieren (vgl. darüber meine Re- 
ligion des Veda 1 , 121 A. 1): gehört das nicht in ganz andern Zusammenhang als 
in jenen der Verwendung von Geheimnamen? 



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Hilka, Beiträge zur Kenntnis der indischen Namengebung 151 

ort des betreffenden Namens oft genannt wird >Jät.<, d.h. Lines An- 
dersens Index zur Jätakaausgabe, so umfaCt der bekanntlich ucunter- 
schieden den kanonischen Jätakatext und den um eine stattliche Reihe 
von Jahrhunderten jüngeren Kommentar. Ebenso vereinigt das als 
>E. Müller < zitierte Verzeichnis von Palinamen, Journ. of the Pali 
Text Society 1888, Materialien der alten Texte mit denen recht später 
literarischer Ausläufer. Wäre es nicht richtig gewesen, da Unter- 
scheidungen zu machen, genauer zu zitieren 1 )? Ich weiß nicht, wie 
es mit dem einst von Rhys Davids in Aussicht gestellten Fall 
Onomasticon jetzt steht und wie dieses, sollten wir es wirklich er- 
halten, aussehen wird: das aber scheint mir evident, daß von dem 
erreichbaren geschichtlichen Gewinn viel verloren geht, wenn auf dem 
buddhistischen Gebiet nicht zuvörderst versucht wird, vom Stande des 
Namen- und Benennungswesens der altbuddhistischen Zeit — des in 
den beiden älteren Pali-Pifakas sich darstellenden Zeitalters — eine 
Vorstellung zu gewinnen, welcher dann das aus den späteren Quellen 
Ableitbare gegenüberzustellen sein wird. Ich exemplifiziere an einem 
wichtigen Punkt. H. behauptet auf Grund der Namen Beliebtheit 
des Krsnakultus in der > buddhistischen Zeit< (S. 93); er beruft sich 
für die Rolle, die der Vi?nu- und der Öivakult in dieser Zeit gespielt 
haben soll, wiederholt auf die Bemerkungen Bühlers Ep. Ind. II 
p. 95. Mir scheint, wenn man das a 1 1 buddhistische Namenwesen be- 
trachtet, ein durchaus andres Resultat sich zu ergeben: den Namen 
nach zu urteilen — und so zu urteilen haben wir offenbar alles Recht ; 
auch stimmen m. E. die sonstigen Indizien durchaus — haben in dem 
Milieu, das die Pitakas uns kennen lehren, jene Kulte eine irgend 
nennenswerte Rolle nicht gespielt. Wenn Bühler aus einem Pitaka- 
text den Stier Nandivisäla anführt, so will ein vereinzelter Fall dieser 
Art, dem noch dazu eben die von Bühler aufgestellte Deutung*) 
zu geben nichts nötigt, kaum sehr viel sagen : insonderheit angesichts 
dessen, was im übrigen unsre Quellen in dieser Richtung ergeben 
bz. nicht ergeben. Erscheint dann in den Inschriften von Sänchi ein 
andrer Zustand, so liegen die eben chronologisch — ist es auch von 

1) Ich füge hinzu: wäre es nicht richtig gewesen, die Sanskritisierung volks- 
dialektischer XameD, die der Vf. »der Einheitlichkeit halber« durchgeführt hat, 
zu unterlassen V Würde ein Gräzist, ein Germanist, der griechisches oder deut- 
sches Namenmaterial behandelt, da dialektische Verschiedenheiten der Einheitlich- 
keit zuliebe wegglutten wollen? Und ferner, sind wir denn gewiß, überall richtig 
sanskritisieren zu können? 

2) »'As big aB Nandi', it is not doubtful that the animal had reeeived its 
name in honour ofbiva's vehicle, and that äaivism was populär at the timc when 
the Suttavibhaiiga was composed and probably earlier«. 



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152 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Bedeutung, daß dasselbe in geographischer Hinsicht gilt? — von jenen 
alten Texten weit genug ab, daß der Unterschied begreiflich scheint: 
wobei wir denn über die Zeit (bz. die örtlichen Verhältnisse?) der 
Ausbreitung jener Kulte ein wichtiges Resultat erhalten, das uns, so 
lange wir eben nur mit der allgemeinen Kategorie der > buddhisti- 
schen Zeit« operieren, unerreichbar bleiben muß. Ich füge hinzu, 
daß mir auch die von H. S. 93 gesammelten Eigennamen keineswegs 
alle geeignet scheinen, die Krsnaverehrung als in der > buddhistischen 
Zeit< beliebt zu erweisen 1 ): der Name Kr§na selbst kommt ja schon 
im IJgveda vor, für den doch, hoffe ich, solche Beliebtheit nicht be- 
hauptet werden wird -). 

Betreffs der Verwertung der inschriftlichen Materialien ist ein 
ähnliches Bedenken zu erheben, wie es inbezug auf die buddhistischen 
berührt wurde: ein Zitat wie >Ep, Ind. II«, ohne Zusatz, sagt doch 
allzuwenig über die Herkunft des betreffenden Namens. — 

Ich schließe mit einigen vermischten Bemerkungen zu Einzel- 
heiten. 

Unter der Rubrik >Beinamen neben den gewöhnlichen Namen« 
bemerkt H. (S. 73): >Dahin gehört wohl Devaräta = SunaU-Äepa 
(Äit. Br.).« Wenn in der bekannten alten Erzählung Sunabäepa aus 
seiner Familie in die der Viävämitriden übertritt und fortan Devaräta 
heißt, so verstehe ich dies als die durch besondere Schicksale moti- 
vierte Annahme eines neuen Namens statt des alten (sa Jux Bevarato 
Vaisvämitra äsa. Ait. Br.) 3 ), nicht als Annahme eines Beinamens 
neben dem alten Namen. 

Gewagt scheint mir, den Namen des Jivaka, der bekannten Per- 
sönlichkeit der buddhistischen Tradition, als tbeophor aufzufassen 
(S. 86), indem man Jiva — Brhaspati darin findet. Andre Auffassungen 
liegen nah; der Mahävagga (VIII, 1, 4) sagt — ich will dem natürlich 
nicht den Wert eines authentischen Zeugnisses beilegen — : tussa ji- 
vatiii Jitoho ti nniawp akinjisu. 

Ist wirklich Citta neben Ummädacittä (Namen einer Königin) eine 

1) Daß die Krsnasage (bz. gewisse Teile von ibr) aucb für den alten Bud- 
dbismus vorhanden gewesen igt, steht bekanntlich fest und ist bei dem bier Ge- 
sagten natürlich nicht übersehen. 

2) S. 34 übrigens gibt II. unbedenklich den Satz Bumoufs wieder, daß 
bei den Buddhisten »on ti'en renconire (keinen Xamcn) tjui rappttte les noms fa- 
milicrs ä la mytholoyie moderne, comme sont Xfffuu etr. 

3) So erscheint denn aucli in der Pravaraliste As v. Sr. XII, 14 der Name 
Devaräta, nicht Sunahsepa. Daß die Erzählung des Ait Br. auch nach den eben 
angeführten Porten fortführt zu sagen sa hoväca &unalise2>ali kann kaum be- 
fremden, zumal das Adoptionsverfahren da noch im Gange ist. 



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Hilka, Beiträge zur Kenntnis der indischen Namengebung 153 

Kürzung hhämavat (S. 61)y Mir scheint klar, daß der längere Name 
keineswegs als Vollnaine der eigentliche ist. Sondern die Königin 
hieß Cittä, von Haus aus oder mit einem Kurznaraen anstelle irgend 
eines uns nicht bekannten Vollnamens. Dann wurde sie um ihrer 
Schönheit willen Ummädacittä genannt, wie der Dlpavaipsa (X, 4) l ) 
ausdrücklich erzählt. Also nicht der kürzere Name aus dem längeren 
gekürzt, sondern dieser aus jenem gebildet wie jener >Mus-Pänini<, 
>Ziegendecken-SauÄruta< u.dgl. mehr 2 ), aus welchen Namen — ähn- 
liche sind ja auch heute geläutig, und vermutlich hat jeder von uns 
selbst einmal solche gebildet — man doch nicht Pänini und SauSruta 
als Kürzungen wird ableiten wollen. 

Marutta (offenbar mit -tta wie ihvatU») nicht aus *Maruä-datta, 
fällt nicht unter die Kategorie der Kurznamen (vgl. S. 63). 

Nicht überflüssig wäre es gewesen, auch die indischen Adaptie- 
rungen griechischer und sonstiger unindischer Namen zu besprechen, 
ferner — was teilweise damit zusammenhängt — neben den epigra- 
phischen Materialien auch die numismatischen zu berücksichtigen. 

Bei den Uebersetzungen wäre gelegentlich strengere Genauigkeit 
zu wünschen: pravanäk$ara (Vi?nu Pur.) heißt nicht >mit kurzen 
Silben«, apasabdayuia (ebend.) nicht >gewöhnlich< (S. 15). Pänini 
und die an ihn anschließenden Texte verlangen doch subtilere Be- 
handlung als ihnen S. 55 ff. zuteil geworden ist. 

Alle Bedenken aber, die ich hier nicht verschweigen wollte, 
dürfen uns das erhebliche Verdienst des Vfs. nicht übersehen lassen, 
das er durch die in so vieler Hinsicht fördernde Behandlung des 
schwierigen, wichtigen Themas sich erworben hat. 

Göttingen H. Oldenberg 



Hauptmann a. T). l>r. G. Frlederlci, Ein Beitrag zur Kenntnis d er Tru tz- 

w äffen der Indonesier, Südscc Völker und Indianer. Häßler- Archiv, 
lieiheft VII. Leipzig u. Berlin : Tcubncr. 1915. 7rs Seiten, 2 Taf. u. 8 Karten- 
skizzen. 

Wissenschaftliche Ergebnisse seiner beiden Forschungsreisen in 
der Südsee, deren eine er im Auftrage des Reichskolonialamts zu- 
sammen mit Professor Sapper-Straßburg im Bismarck-Archipel, deren 

\) Denn dieser, bz. der Mahävamsa IX, ö ist es, der den Namen liefert; 
nicht wie H. angibt das .lätaka. — Aehnlicll wird schon im Mahävappa (I, G, 31) 
erziihlt, als Buddhas erster Jünger Kopdanfia die Krkenntnis erlangt hatte: iti A' 
idam äyasmato Kotiäannassa Aniiätakoijdanno fr etil nämaip ahotti. 

2) Ausdrücklich und zutreffend Li Li: der Mahavamsa hier die Leute ein nä- 
marp sopapadaiji bildeu. 



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154 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

andre er als Leiter der Hanseatischen Südseeexpedition unternommen 
hat, hatte Friedend bisher niedergelegt in zwei vortrefflichen Ab- 
handlungen: Beiträge zur Völker- und Sprachenkunde von Deutsch- 
Neuguinea in den Mitteilungen aus den deutschen Schutzgebieten, 
Ergänzungsheft 5, 1912, und Untersuchungen über eine melanesische 
Wanderstraße, daselbst Ergänzungsheft 7, 1913. Dazu gesellte sich 
sein auf dem Geographentag in Straßburg 1914 gehaltener Vortrag: 
Malaio-polynesische Wanderungen (vgl. das kurze Referat darüber in 
Petermanns Mitteilungen, 60. Jahrgang, 1914, Juliheft), der mit reichen 
Nachweisen versehen auch selbständig im Druck erschienen ist (Leipzig, 
Simmel 1914). Ihnen reiht sich die vorliegende Abhandlung an, die 
in enger innerer Beziehung zu den beiden letztgenannten steht. 

Der Gegenstand ist voll von Schwierigkeiten mannigfaltiger Art, 
und der Verfasser unterläßt es denn auch nicht, weniger fundierte 
Punkte seiner Beweisführung als solche kritisch seibst hervorzuheben. 
Wie in allen seinen Arbeiten berührt auch hier die gewaltige Belesen- 
heit und die solide, vorsichtige Gründlichkeit und Umsicht, mit der 
er, gestützt auf das breiteste erreichbare Material, seine Quellen 
prüft und sichtet und seine Schlüsse zieht, besonders wohltuend. 

Das eine Ergebnis seiner Untersuchung, das Ergebnis allgemeinen 
Charakters, ist dies, daß die auf Grund andrer Merkmale von ihm 
bereits in den früheren Arbeiten nachgewiesenen beiden Wanderströme, 
ein aus dem Sundaarchipel von den Molukken-Alfuren ausgegangener 
und ein philippinischer oder subphilippinischer, durch den Nachweis 
der Verbreitung bestimmter Waffen über Neu-Guinea, den Bismarck- 
Archipel, die Salomonen und weiter erhärtet werden. Denn die Waffen 
scheiden sich beinahe scharf — karthographisch — in zwei Gruppen, 
indem je einem der beiden Wanderströme eine Gruppe derselben zu- 
kommt; ein klares Bild, das für die Güte und Zuverlässigkeit der 
von ihm in der vorliegenden und den ihr vorangegangenen Abhand- 
lungen angewandten Untersuchungsmethode spricht, wie er selbst am 
Schlüsse freudig feststellen kann (S. 59 f.) und wie es die beigegebenen 
Kartenskizzen für die Verbreitung von Keule, Messer, Speer, Stein- 
schleuder, Blasrohr, Bogen, Pfeil und Schild in bestimmten Wort- 
formen deutlich machen. Es geht daraus auch hervor, daß die 
Torresstraße als Einfallstor in die Südsee überhaupt nicht in Frage 
kommt, sondern vornehmlich der Weg um Neu-Hannover und Neu- 
Mecklenburg herum, sodann die Dampier- und Vitiazstraßen und — 
aber ohne die Bedeutung eines Haupteinfallstors — der St. Georgs- 
kanal. 

Das andre Ergebnis seiner Untersuchung, das Ergebnis mehr spe- 
ziellem Charakters, ist der Nachweis, daß die einzelnen Waffen nichts 



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Friedend, Ein Beitrag zur Kenntnis der Trutzwaffen der Indonesier nsw. 155 

Starres, von vornherein Gegebenes, Unveränderliches sind, sondern 
daß sie sich entwickeln, daß sich zwischen fast allen Hauptwaffen und 
ihren Nachbarn Entwicklungs-, Uebergangsfornien finden, dasselbe 
Bild, wie es bei fast allen diesen "Waffen auch in Amerika festzu- 
stellen ist. Sie verändern sich mit der Zeit, wie die Erfahrung und 
die Rutine der Verfertiger wächst und wie die Anforderungen des 
praktischen Lebens es nötig machen. Andrerseits aber verändern sich 
auch die Bezeichnungen für sie. Und weiter ergibt sich die Beob- 
achtung, daß diese Veränderungen in den Gegenständen und ihren 
sprachlichen Bezeichnungen mit einander nicht parallel laufen oder 
gleichen Schritt halten. Vielmehr finden sich für gleiche Waffen sehr 
verschiedene Bezeichnungen, und umgekehrt werden sprachlich gleiche 
Bezeichnungen auf recht verschieden gestaltete Waffen angewendet 
(S. 3 u. 35). Die Untersuchung über die Verbreitung primitiver 
Waffen erleidet gerade hierdurch große Erschwerungen. Und noch 
durch einen andern Umstand, nämlich dadurch, daß der Gebrauch so 
vieler Geräte und besonders Waffen in historischer Zeit mehr und 
mehr zurückgegangen ist oder gar seit mehr oder minder langer Zeit 
überhaupt aufgehört hat. Diesen sonst von der Forschung wenig be- 
achteten Zwischen- und Uebergangsformen von einer Waffe zur an- 
dern, die er überhaupt viel mehr zu beachten und zu untersuchen 
mahnt, widmet er eine besondre Aufmerksamkeit und verfolgt sie 
sprachlich. Es steckt, wie in seinen früheren Arbeiten, so auch wieder 
in dieser sehr viel neues, von ihm gesammeltes, bisher unveröffent- 
lichtes sprachliches Material. Dieses muß ihm insbesondere, wie ja 
begreiflich, zu seiner Beweisführung dienen, denn der ethnologische 
Beweis ist nicht wie der sprachliche von absoluter Zuverlässigkeit. 
Vorgänger hat er auf diesem Gebiete der Forschung nur wenige, er 
steht sehr selbständig da. 

Behandelt sind in der vorliegenden Arbeit 1) die Hiebwaffen 
(Kampfstock, Keule, Wurfkeule, Schwert, Streitaxt), 2) Messer und 
Dolch, 3) Speer, 4) Speerschleuder, 5) Steinschleuder, 6) Bola, 
7) Wurfholz, 8) Blasrohr, 9) Bogen, 10) Lasso und schließlich der 
Schild. 

Eine Anzahl Gesichtspunkte dieser Einzeluntersuchungen mag im 
folgenden hervorgehoben sein. 

Einblick in die Geschichte der Keule über gewisse verhältnis- 
mäßig beschränkte Grenzen hinaus auf Grund materieller Formen allein 
zu erlangen, hält er für ausgeschlossen. Anders ist es mit dem lin- 
guistischen Material. Da zeigt die Verbreitung der Worte palu und 
pukul für Keule — auch für die Tukkeule gilt das — , daß ein phi- 
lippinischer oder subphilippinischer Wanderzug Neu-Mecklenburg ge- 



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156 Gott. gel. Adz. 1918. Kr. 3 u. 4 

troffen hat (S. 15), während der Alfurenwanderstrom durch die Be- 
zeichnungen gari und mada für Keulen belegt wird, wobei indeß das 
Anfangsglied der Linie, das in die Molukken gehören müßte, fehlt 
(S.16). 

Den philippinischen Wanderzug zeigt auch die Verbreitung des 
pisau-Messers, wobei S. 17 auf die Möglichkeit einer Nainenübernahme 
aus dem Chinesischen und die daraus sich dann ergebenden Folge- 
rungen aufmerksam gemacht wird. 

Unter >Speer< greift er aus dem gewaltigen Material zunächst 
zwei Spezialitäten heraus, eine Schleudertechnik und den Strickspeer. 
Jene ist ein im Bismarekarchipel wie über Australien verbreiteter 
Trick, den Speer vor dem Abwurf stark zittern zu machen. Der 
Strickspeer ist keine Schleudervorrichtung, sondern eine Uebergangs- 
form zwischen zwei Waffen, eine Art Verbindung von Speer und Lasso, 
indem der vom Speer getroffene Gegenstand mit dem Strick heran- 
gezogen wurde, aber zugleich auch dafür gesorgt wurde, daß die kost- 
bare und schwer zu ersetzende Waffe nicht verloren ging. Friedend 
findet diese Sitte bei den Indianern Amerikas, wo auch Pfeile in der- 
selben Weise gebraucht sind, bei den Eingeborenen Formosas, der 
Molukken, Westaustraliens und anderswo, auch bereits bei den alten 
Nordgermanen; es handelt sich also um eine Erfindung, die an den 
verschiedensten Stellen der Erde und unabhängig von einander von 
Völkern gemacht worden ist, wie er mit Recht betont (S. 20). 

Von den linguistischen Speeren meint er nur den tao-Speer in 
seiner melanesischen K-Form einem subphilippinischen Wanderstrom 
zuschreiben zu dürfen. 

Beim Kapitel > Speerschleuder«, über die eine Reihe guter Ar- 
beiten vorliegt, vermag er, namentlich was ihr Verbreitungsgebiet in 
Amerika anlangt, aus eigenen Stücken in mehreren Richtungen Er- 
gänzungen zu geben (S. 22 ff.). Auch dem Altertum war ja die 
Schleudervorrichtung nicht unbekannt. Ich weiß nicht, ob die von 
ihm angeführte Arbeit von Fritz Krause, die mir hier nicht zugäng- 
lich ist, darauf Bezug nimmt. In Xenophons Anabasis findet sich der 
Gebrauch an verschiedenen Stelleu erwähnt (IV, 2,28, IV, 3,28, V, 2,12), 
auch in Vergils Aeneis (IX, 665), wobei Servius in seinem Kom- 
mentar dazu Amentum (vgl. das von Friedend S. 23 erwähnte Ami- 
ento) erklärt als lorum quo hasta media religatur. Auch die Ver- 
breitung der Bola verfolgt er vor allem in Amerika (über die Ver- 
breitung der Steinschleuder in Amerika vgl. Friederici im Globus 
Bd. 98 S. 287 ff.). 

Bei der Feststellung der Verbreitung und Verwendung des Wurf- 
hokes liegt die Schwierigkeit darin, daß es vielfach nur einen provi- 



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Friederici, Ein Beitrag zur Kenntnis der Trutz waffen der Indonesier usw. 157 

sorischen Charakter trägt, als Jagdwaffe vor dem Gebrauch verfertigt, 
danach weggeworfen und erst aufbewahrt wird, wenn Kunst und Ar- 
beit auf seine Anfertigung verwendet werden (S. 35). So hat Frie- 
dend denn auch linguistisch keine über lokale Grenzen hinaus- 
reichenden Zusammenhänge feststellen können. 

Die Verbreitung des Blasrohrs hat er für Amerika bereits früher 
festgestellt (vgl. Petermanns Mitteilungen 1911 S. 71 ff. mit einer 
Karte, auf der auch das Verbreitungsgebiet der Schleuder in Amerika 
abgetönt ist). Als Herkunftsgebiet des Blasrohrs der Südsee, das 
bisher nur ganz wenig beachtet worden ist, glaubt er mit Sicherheit 
nach den sprachlichen Zeugnissen Indonesien oder die Philippinen be- 
zeichnen zu können. Indeß betont er, daß erst die Forschung die 
Vorarbeiten zu leisten hat, ehe festgestellt werden kann, welchen 
indonesischen und philippinischen Wanderschichten das Südseeblasrohr 
zuzuschreiben ist (S. 37). Aber das geschlossene Auftreten und die 
im allgemeinen unverdorbene Form lassen schließen, daß es in Mela- 
nesien nicht entlehnt oder übertragen, sondern von einwandernden 
Stämmen mitgebracht worden ist (S. 39). Gestützt auf die melane- 
sische linguistische Blasrohrreihe widerruft er (S. 41) die von ihm in 
den Ergänzungsheften 5 u. 7 vertretene Auffassung und spricht jetzt 
seine Meinung dahin aus, daß der Alfurenstrom ein rein molukkischer 
gewesen sei und die ihm eigentümlichen philippinischen Sprachelemente 
erst in Melanesien aufgenommen habe. 

Auch auf dem weiten Gebiet des Kapitels > Bogen < beschränkt 
er sich wie beim Kapitel >Speer< darauf, etliche beachtenswerte Tat- 
sachen hervorzuheben. Im übrigen legt er das Hauptgewicht darauf, 
die Bogenverteilung in den Südseegebieten nach dem linguistischen 
Befunde festzustellen. Die hierdurch gewonnenen Ergebnisse werden 
auch durch die linguistische Betrachtung des Pfeils bestätigt. Im 
Zusammenhang dieser Fragen äußert er eine Anzahl wichtiger Wün- 
sche und W r inke. Eine eingehende Untersuchung der Bögen der 
Philippinen und Indonesiens, namentlich im Osten, würde einen wert- 
vollen Beitrag zur Lösung der Frage über die Zusammensetzung der 
Völkerelemente in diesen Gebieten geben. Der Nachweis eines Zu- 
sammenhanges des Tuamotubogens mit dem Neuguineabogen würde 
ein Beweis mehr für das Vorhandensein einer dunkelfarbigen Bevöl- 
kerungsschicht auch auf den äußern polynesischen Inseln sein. Für 
Neuguinea, wo die Lücken unserer Kenntnisse noch sehr groß sind, 
wünscht er besonders eine Abgrenzung der geographischen Verbrei- 
tung der Bogenformen (Holzbogen verschiedener Art, Bambusbogen 
mit Innenseite des Rohrs nach außen oder innen). Scharf stellt er 
der Ansicht von Frobenius-Gräbner (vgl. Gräbner, Die melanesische 



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158 Uött. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

Bogenkultur und ihre Verwandten. Anthropos IV, 1909, S. 726— 80, 
998—1032, bes. S. 754, dazu HaberlandU Kritik in Peterraanns Mit- 
teilungen, 57. Jahrg., 1911 I, S. 115 ff.), daß Neuguinea- u. Salomonen- 
bogen sowie ein Teil der Bogenformen der ueuen Hebriden eine ein- 
heitliche Gruppe bilden, seine Ansicht entgegen, daß die Neuguinea- 
Bambusbögen mit den Salomonenbögen überhaupt nichts gemein 
haben, und ebenso bestreitet er die von Gräbner betonte Verwandt- 
schaft der Ornamentierung und der Formen der beiderseitigen Pfeile. 
Vielmehr führt der melanesische busur-Bogen nach Indonesien zurück, 
wie die linguistische Reihe erweist, die klar von Sumatra über die 
Molukken, Philippinen, den Bismarck-Archipel bis hinunter nach den 
Fidschiinseln reicht. Und auch die andre linguistische Reise, der 
pana-Bogen, belegt, daß der melanesische Bogen auf der Linie Indo- 
nesien — Philippinen in die Südsee gelangt ist und nicht mit dem Pa- 
puabogen Neuguineas zusammengehört, wie Gräbner in seiner mela- 
nesischen Bogenkultur mit Bestimmtheit behauptet hatte. 

Den Lasso hat der Verfasser deshalb in den Kreis der Erörte- 
rungen mit einbezogen, weil in ethnologischen Kreisen über den Lasso 
bei den Indianern Amerikas eine unrichtige Auffassung herrscht. Er 
ist dort wie in andern Teilen ihrer überseeischen Besitzungen erst 
von den Spaniern eingebürgert worden. 

Für den Schild schließlich weist er eine linguistische Reise nach, 
die dem auch sonst von ihm nachgewiesenen Molukkenzuge angehört. 

Mancherlei Anregungen und Richtigstellungen stecken auch in 
den umfangreichen Anmerkungen, die der Arbeit beigegeben sind und 
die Beherrschung aller irgendwie einschlägigen Literatur nur von 
neuem beweisen. 

Wer, so wie er, angelegt oder geschult ist zu denken und zu 
folgern, der vermag nicht phantasievoll Hypothesen in die Welt 
zu setzen oder Konstruktionen zuzustimmen, die ihm der kritischen 
Exaktheit und Beweisführung zu entbehren scheinen. Auf die Ver- 
treter der sogen. Kulturkreis-Theorie ist er daher schlecht zu sprechen 
(vgl. S. 61 Anm. 8, S. 70 Anm. 207). Seinen prinzipiellen Standpunkt 
dazu hat er bereits maßvoll urteilend, abwägend und ablehnend im 
Zentralblatt für Anthropologie, 17. Jahrg., 1912, Heft 4 genommen 
(vgl. dazu die Ausstellungen von Haberlaudt an der Gräbner-Foy'schen 
Lehre von den Kulturschichten und Kulturkreisen, Petermanns Mit- 
teilungen, 57. Jhrg., 1911 I, S. 113 ff., wozu die Erwiderung der beiden 
Gegner und Haberlandt's Antwort das. S. 228 ff.). 

Münster i. W. Daenell 



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v. Sehrötter, Geschichte d. neuern Münz- u. Geldwesens im Kurfürstentum Trier 159 

Geschichte des neuern Münz- und Geldwesens im Kurfürstentum 
Trier 1550—1794. Von Friedrich Freiherr toh Sehrötter. Mit einer Karteu- 
skizze des Kurfürstentums Trier. Berlin, Paul Parey 1917. VIII u. 214 S. 8°, 
geb. 6 M. 

Prof. Frhr. v. Sehrötter hat für das Trierische Münz werk der 
Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 1908 ein beschreibendes 
Verzeichnis der neuern trierischen Münzen veröffentlicht (GGA. 1909 
Nr. 1). Das Bedauern, daß diesem nicht eine niünzgeschichtliche Dar- 
stellung von der Art zur Seite steht, wie sie v. Sehrötter für das 
preußische Münzwerk der Acta Borussica geliefert hat, wurde neu 
geweckt, als wir sahen, wie Alfred Xoss zwischen seine beschreibende 
Darstellung der vorausgehenden Münzperiode Kurtriers eine Fülle 
geschichtlicher Forschung verwob. Aber: kaum gedacht — ist der 
Not ein End gemacht! Es hat offenbar v. Sehrötter selbst, der eben 
doch von Haus aus Historiker ist, nicht Ruhe gelassen, und so bietet 
er uns denn jetzt alles was uns fehlte, und mit einer Sachkunde wie 
sie so wie ihm nur ganz Wenigen zur Verfügung steht. Man merkt 
Seite für Seite, daß man es mit einem Gelehrten zu tun hat, dessen 
Gesichtskreis bereits durch die Lösung einer größereu Aufgabe ge- 
weitet und der mit allen einschlägigen Fragen bis ins Technische 
hinein (vgl. z. B. S. 76 f.) gründlich vertraut ist. 

Freilich eine leichte Lektüre ist eine solche münz- und geld- 
geschichtliche Darstellung nicht, und ich fürchte, daß die Fülle des 
Details, das nur für den Spezialisten Interesse zu bieten scheint, die 
Historiker abhalten wird, das Buch so zu lesen (nicht nur nachzu- 
schlagen) wie es gelesen werden will. Ich selbst, der ich zwar nicht 
Spezialist bin, aber immerhin eine für diese Periode ausreichende 
Typensammlung zur Hand habe, möchte glauben, daß sich in manchen 
Punkten eine Entlastung empfohlen hätte ; auch das Register, das, wie 
immer bei v. Seh., mit größter Sorgfalt gearbeitet, nicht weniger als 
16 Seiten umfaßt, hätte wenigstens durch Hervorhebung der wichtigen 
Seitenzahlen in fetten Typen einen bequemern Zugang eröffnen können. 

Als Territorium das sich in einem langen Streifen moselabwärts 
und lahnaufwärts von der luxemburgischen Grenze bis an die Wet- 
terau erstreckte und obendrein im Norden und Süden eine Menge 
kleinerer und größerer Münzstände zu Nachbarn hatte, bot das Hoch- 
stift Trier einer eigenen Münzpolitik von jeher große Schwierigkeiten, 
die in der vorausgehenden Periode zum Teil durch die rheinischen 
Münzverträge behoben werden konnten, in der Folgezeit aber zu 
immer neuen Verwickelungen führten. Den Münzfreunden war daraus 
wenig mehr bekannt als (durch H. Grote) der Triumphzug und die 
spätere Leidensgeschichte der Jüngern trierischen Albus, der 'Peter- 



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160 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 3 u. 4 

männchen', und weiterhin der 'Dreipetermännchen 1 . Jetzt lernen wir 
Triers Verhältnis zum Reichsmünzwesen nach der Mitte des 16. Jh.s 
genauer kennen, erhalten eine interessante Darstellung der Münz- 
verschlechterung, die unter Lothar von Metternich auch hier zu den 
Kippennünzen führt, sehen, wie man sich mit dem Zinnaischen Münz- 
fuß (1667) und mit dem Leipziger Münzfuß (1690) auseinandersetzt, 
wie man sich anfangs gegen den Konventionsfuß wehrt und sich ihm 
(seit 1770) anbequemt. Neben der eigenen Ausprägung spielt hier 
durchweg, mehr vielleicht noch als anderwärts, der Kampf gegen die 
minderwertigen Eindringlinge in der Münzpolitik eine Hauptrolle. Eine 
tragikomische Episode bildet die massenhafte Ausprägung der Ko- 
blenzer Kriegssechstel unter Johann Philipp von Walderndorff 1757(58): 
der Kurfürst muß das Reichsverbot gegen derartige preußische und 
andere 'Ephraimiten 1 veröffentlichen und erlebt gleichzeitig die hef- 
tige Ablehnung seiner eigenen Sechsteltaler durch die Bewohner des 
Niederstifts (S. 112 f.). 

In eine Episode läuft auch die kurtrierische Münzgeschichte 
schließlich aus: denn die Koblenzer Münze war bereits geschlossen 
gewesen, als sich im J. 1794 der Kurfürst Clemens Wenzel von Sachsen 
genötigt sah, zur Verteidigung des Landes gegen die zum zweiten 
Male einrückenden Franzosen und zur Unterhaltung der neugeschaffenen 
Miliz eine Neuprägung vorzunehmen: eX VasIs argenteIs Ix VsVM 
patrIae sIne CknsIbVs DatIs a Cleeo et prIVatIs meldet das Chro- 
nostichon [nicht Chronodistichon !] der Kehrseite, und mit Wehmut 
und Ingrimm wird der Freund des Altertums die Liste der Kapitel, 
Stifter, Konvente, Abteien, der Kirchen und der Privatpersonen (S. 163) 
lesen, die dazu ihre Silberschätze 'freiwillig 1 nach Koblenz in die 
Schmelze ablieferten — wieviel kostbare Erzeugnisse mittelaltei licher 
Kunst sind damals hier wie anderwärts (in Bamberg, Eichstätt, Fulda, 
Würzburg usw.) unwiederbringlich verloren gegangen! 

Göttingen E. Schröder 



Für die Redaktion verantwortlich: Dr. J. Joachim in Göttingen. 



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Nr. 5 u. 6 Mai u. Juni 1918 



Supplementum comicum. Comoediae graecae fragmenta post editiones 
Kockianam et Kaibelianam repcrta vel iudicata collegit, disposuit, adnotaüonibus 
et indice verborum instruxit Joannes Demlanezak. Krakow 1912. Nakladem 
Akademü Umiej§tno8ci aklad gtöwny w ksi^garni Spölki wydawniczej polskiej 
(Kozpraw WgdziaJu filolog. 51 = Ser. 3, t. 6, p. 205—362). 158 S. gr. 8°. 

Otto Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta 
exceptis Menandreis. (Kleine Texte für Vorlesungen und Hebungen, her- 
auBgegob. v. Hans Lietzmann 135). Bonn, Marcus u. Weber. 1915. 77 S. kl. 8°. 
2 M. 

Die zahlreichen Komikerfragmente, die in den letzten Jahren so- 
wohl aus den Papyri als aus dem Berliner Photios gewonnen worden 
sind, zu sammeln und in einem Bande zu vereinigen wie es für die 
Tragikerfragmente durch Diehl, v. Arnim und Hunt geschehen ist, 
war ein Gedanke, der, da wir auf A. Körtes Fortsetzung der Kaibel- 
schen Fragmentsammlung noch lange warten zu sollen scheinen, einem 
dringenden Bedürfnis der Wissenschaft entgegenkam. Dr. Joannes 
Demiariczuk hat sich dieser Aufgabe mit Fleiß und Sorgfalt 
unterzogen und sich dadurch Anspruch auf unseren Dank erworben, 
Aeußerlich hat er sich die Kocksche Fragmentsammlung zum Muster 
genommen, nur daß er, was für die Benutzung recht praktisch ist, 
die Dichter nicht historisch, sondern alphabetisch geordnet hat. Von 
den Menanderfragmenten hat er nur die im Photios und andern 
Lexicis stehenden aufgenommen, nicht aber die aus den Papyri stam- 
menden, weil diese schon damals in Körtes Ausgabe vorlagen. Heute 
wo wir Sudhaus' ausgezeichnete Sammlung besitzen, wäre eine noch- 
malige Zusammenstellung vollends überflüssig. Ein vollständiger Wort- 
index erhöht die Brauchbarkeit des Werkes; sonst macht dieses keine 
höhern Ansprüche als eben eine fleißige Sammlung zu sein und ver- 
zichtet darauf zur Textkritik und Exegese etwas beizutragen. Typo- 
graphisch hat über dem Buch ein besonderer Unstern gewaltet: in 
vocabulis nonnuüis accentus Signum litterae t siiperponendum deside- 

tiiU. pl. Au. Iflt. Hr. | a. I 11 



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102 Gütt. gel. An/.. 1918. Nr. 5 u. 6 

ratur, quam Omissionen* non auctoris plaguJas corrigentis neglegentiae, 
sed alicui prell defectui tribuere velis bemerkt der Verfasser zum 
SchluC; aber wenn wir S. 33 (237) in einem Kratinos-Fragment vix<j> 
gedruckt finden, so trägt doch der defectus preU kaum daran die Schuld. 
In dem von Wilamowitz erkannten Eupolis-Fragment 13 S. 49 (253) 
ist ootpöc 70p avijp für avijp ein übler Druckfehler. Bei Fragmenten, 
die aus dem Schluß des einen und dem Anfang des folgenden Verses 
bestehen, ist öfters der zweite Vers nicht weit genug nach links her- 
ausgerückt, so daß übelwollende auf den Gedanken kommen könnten, 
der Verfasser halte das Versfragment für einen vollständigen Vers ; so 
ist S. 16 (220) Fr. 15 so gesetzt: 

6 (tev uc ä|i7i£Xouc 

rpofwv #v. 6 5' ajtspYwv IX4a<;, 
S. 62 (266) Fr. 20 

tivoc 
tifadftv toöt' iottv; 
S. 66 (270) Fr. 1 

(oux) Ävaßeß7jxei Kcitfcors 
eV äu.a£av, äXX' e<p ! t7t7cov. 
Die Komikerzitate im Berliner Photios sind oft derart, daß die Worte 
überhaupt nicht ohne weiteres in einen Vers passen ; der Herausgeber 
druckt sie einfach ab, ohne den Leser auf diesen Tatbestand hinzu- 
weisen oder anzudeuten, wo er die Lücke ansetzt oder wie er sich 
sonst die Herstellung denkt: 
S. 28 (232) Fr. 1 apagiaia xo|i7raa|tata. 
S. 77 (281) Fr. 4 tw 7cpooEU,cpEp7] tyjv ootplav. 
S. 83 (287) Fr. 1 avtaufs? xäXXoc. 

In diesen drei Fällen ließe sich durch Umstellung helfen : xo\Li:6.G}ix$ y 
a[j.ajtata. tw r?]v oo'f (av 7rpoosu.q5ep7), xäXXoc avTauyic; in anderen durch 
Verteilung auf zwei Verse: 
S. 24 (228) Fr. 46 ex tüv ävaßaajiüv 

äniaoiv. 
S. 85 (289) Fr. 9 ävüxpeXijToc xat dsotc 

Beide Fragmente bilden bei Demiariczuk nur eine Zeile. 

S. 38 (242) Fr. 21 stoßen wir auf den fürchterlichen Hiat äxooaat 6p7ö> ; 

es war abzuteilen 

äxoöoat 
öp7d> 
und, außer auf Phrynichos, auf Aristophanes Aves 462 xat [njv öpyw 
vi] xbv Ata zu verweisen. S. 68 (272) Fr. 8 avsXeodEpov oov/.a geht nur 
in einen Vers, wenn ein Wort mit vokalischem Anlaut folgte und aröji/ 



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Demiaiiczuk, Supplementum comicum 163 

elidiert war; Nabers Aenderung in otö^a ist unnötig. Die tadellosen 
Anapaeste S. 37 (241) Fr. 18 Äfoooiv eoprqv ol xXeTnrat braucht man 
nicht mit Kock durch Einschub von £v$d5' hinter eopnjv in Iamben zu 
verwandeln. Dagegen kommt man S. 118 (322) Fr. 44 ohne Annahme 
einer Lücke nicht aus: 

f>7cep6eStax7]xac (?£p ouv) 
novi)ptai irÄvta?. 
Einen üblen Hiat würden wir auch S. 15 (219) Fr. 14 finden, dem 
sich aber durch anapaestische Messung und Verteilung auf zwei Verse 

oox Iiri87]u.ei 

'lo»p.oi • 
abhelfen ließe, wenn die Worte überhaupt ein Komikerfragment und 
nicht ein Sprichwort wären. Denn die Lesart des Et. magn. 338, 53 
"Ktßtat Ss xal srepi IlooetSüvoc oti oox kizi$fi\ui 'Io^|w)t verdient vor 
dem XgfEL 8k des Lex. Sabb. unbedingt den Vorzug. Zum Gedanken 
vergleiche man Pindar Pyth. IV 5, wo es umgekehrt von Apollon 
heißt: oox a7co5<xftoo 'AittfXXtovoc tu^övroc. 
Zu S. 18 (222) V. 16 

äXXdt S^t* stc toö OTpat7]foö xtou^&au) toö ExeX(X)too, 
übrigens keine Iamben, sondern ein vollständiger trochäischer Tetra- 
meter, wäre zu bemerken gewesen, daß durch die hier vom Metrum 
geforderte Geminierung des Lambda die handschriftliche Lesart von 
Aristophanes Av. 126 als richtig erwiesen wird, wo Kirchhoff auf 
Grund von IG I 422 xoti ftap) töv XxeXEoo ßSeXottop-at schreiben wollte ; 
wir sehen jetzt, daß auf der Inschrift die Geminierung noch unter- 
blieben ist. 

S. 63 (267) Fr. 25 wird uns zugemutet, die Worte 

av#po>7;oc fäp cov 

ävftpwrt'lvaic TcepiSrcsaa OQ\Lfopai<; 
für ein Menanderfragment zu halten : Tribrachys und Anapaest neben 
einander und die späte Form 7cspte;teoa, von der Lobeck, auf den sich 
der Herausgeber als Kronzeugen beruft, sagt: >licet enim recentiores 
Graeci nonnunquam ad aoristum Kirsaot decrraverint, tarnen consideran- 
dum est, rte culpa in immeritos conferutut < (Phryn. 724)! Gewonnen 
ist dies Pseudofragment aus Malalas, und der Gedanke, daß der Aus- 
spruch auf Menander zurückgehe, rührt von Gleye her (Byz. Ztschr. V 
1896, 336), der sich aber wohl gehütet hat, den Vers zu rekonstru- 
ieren. Gleye bemerkt auch, daß der Aussprucli in etwas anderer 
Form auch bei dem Fortsetzer des Dio Cassius (FHG IV p. 198) steht: 
ftvijttfg eoxt xai tü>v äv&pwjrtvwv aujicpopwv oox aXXdrpioc. In dieser 
Form deckt sich der Spruch allerdings mit dem Vers 77 im Heauton- 
timorumenos des Terenz homo sum: humani nil a ine alienum pitfo, 

11* 



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164 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 U. 6 

während der Gedanke bei Malalas so umgebogen ist, daß er mehr an 
das berühmte Wort des Euripideischen Bellerophon (fr. 300) erinnert 
oYjior tt 5' oTpiot; dvTjtä tot xs7tövdau.sv. Geht also der Ausspruch 
wirklich auf das griechische Original jenes Terenzverses zurück, so 
muß man der Rekonstruktion die Fassung zu Grunde legen, in der 
der Spruch bei Terenz steht; und in der Tat läßt er sich aus dieser 
leicht gewinnen, wenn man nur das abschwächende oou.<popü>v streicht: 

dvTjtdc etu.i twv (t 1 ) äv&pcüTTivwv 
a&x aXXötpioc. 

Da aber dieses ouu/popwv bei Malalas wiederkehrt, so liegt die Ver- 
mutung nahe, daß dieser den Fortsetzer des Dio Cassius benutzt hat 
und es sich überhaupt am keinen Vers handelt. 
S. 42 (246) findet sich Fr. 5 so gedruckt: 

afikrpvt tautet xuxXtov avaßoXrjv ttva. 
In der Adnotatio wird bemerkt: >fort. leg. cum Wtlam. a&tTj. Daß 
diese Emendation sprachlich ebenso vorzüglich wie metrisch geboten 
ist, wird verschwiegen. Auch S. 74 (278) Fr. 1 hätte der Heraus- 
geber besser getan die leichte Umstellung von Wilamowitz 

TJu-tv 5* ävlst Seöpo oö tä^ad' TXewc 
toic ■njvÄ 1 r/ooot T7jv nöXtv 

aufzunehmen, als die Verse mit Blass und Mokier für alkaeische Elf- 
silber zu erklären. 

Die Skizze, die der Verf. von dem Dionysalexandros des Krati- 
nos entwirft (S. 31 ff.), kann ich nicht für glücklich halten; er schließt 
sich hier im wesentlichen an die Leipziger Dissertation von Thietne 
Quaestionutn comicarum ad PericJem pcrtinentium capita tria an, die 
neben vielem vortrefflichen doch auch manches zweifelhafte und be- 
denkliche enthält. Aber zuzugeben ist, daß die berühmte Hypothesis 
(Oxyrh. Pap. IV 663) an wichtigen Stellen so lückenhaft und verderbt 
ist, daß die Herstellung des Textes sehr schwierig erscheint, zumal ein 
Faksimile nicht veröffentlicht ist. Doch übersehen wir den zweiten 
Teil der Handlung ziemlich klar und können daraus Schlüsse auf den 
ersten ziehen, wenn wir uns nur die Gesetze der alten Komödie und 
die szenischen Bedingungen gegenwärtig halten. Nachdem Dionysos 
in der Maske des Paris das Schönheitsurteil gesprochen, wobei die 
drei Göttinnen natürlich nicht zusammen, sondern wie es in der alten 
Ko niödie geboten war, da ja Kratinos nur drei Schauspieler zur Ver- 
fügung hatte, eine nach der andern auftraten *), und nachdem er die He- 

1) Ilis zu einem gewissen Grad läßt sich Lukian dial. deor. 20 vergleichen, 
wo Paris zuerst die Hera, dann die Athena fortschickt, um mit Aphrodite unter 
Tier Augen zu verhandeln. Auch auf Vasen des fünften Jahrhunderte erscheint 



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Demianczuk, Supplementum comicum 1G5 

lena geraubt hat, hört er, daß die Achäer gelandet sind und das Land 

verwüsten. Nun sagt die Hypothesis: y töv *AXi£av[8(pov), x(at) 

rrjv |i(fev) c EX6vy](v) ilc tAXapov 5>aic[ep ] xpü^a«;. eautöv 5' ilc 

xptö(v) |i(6)T(a)oxsoäaac oTtoftevEt tö piXXov ■ ;rapaYevr5u.svo; 3' 'AXsJav- 
8p(o;) x(at) tpü)päaac £xdtspo(v) Äfeiv iiii tä<; vaö<; jrp(oa)TÄmi ü>c rca- 
paScoacov tote 'Axatotc* oxvoöa?)«; 8e ri)c e EXdvi)(c) taönjv $j.(£v) otXt&t- 
pat? üx; -pvaiy' ijcov £mxaT£-/(et), töv 6(fe) Atovo(oov) u? ffapaSod , 7]aö[i5- 
vo(v) anoax&X&.. auvaxoXood(oöoi) 8' o'i oitup(ot) 7tapaxaXoövT6<; ts x(at) 
oüx av rcpoSwostv aotöv <pdoxovtec. Man beachte vor allem, daß Alexan- 
dras hier als eine einflußreiche wichtige Persönlichkeit erscheint; er 
verfügt über eine Dienerschaft, durch die er den Dionysos und die 
Helena zur Flotte der Griechen führen lassen will, und später den 
Dionysos auch wirklich führen läßt. Der Gott ist ihm gegenüber 
ohnmächtig. Andrerseits aber hütet er doch, wie so mancher Königs- 
sohn der Ilias, die Herde. Aber im zweiten Teil des Stücks ist er 
vom lda abwesend, und in seiner Hütte wohnen Dionysos und Helena, 
bis Paris, vorläufig wissen wir noch nicht woher, zurückkommt und 
ein strenges Gericht hält. Dionysos verwandelt sich aus Furcht, um 
sich unkenntlich zu machen, in einen Widder; merkwürdiger Weise 
nimmt man nun jetzt fast allgemein an, daß er auch Helena verwan- 
delt, und Körtes Ergänzung yip& hat großen Beifall gefunden; Thieme 
glaubt sie durch den Hinweis auf Fr. 4G yTjvoßooxo* stützen zu 
können, und man hat sogar an das Ei der Leda erinnert, aus dem 
die Helena gekrochen ist, was doch sehr weit hergeholt ist. Aber 
-von einer Verwandlung der Helena steht in der Hypothesis kein Wort, 

im Gegenteil ttjv u£v f EX£v:nv clc täXapov (tairfsp ] xpö<|»ac heißt 

es. Wenn aber Dionysos die Helena in eine Gans verwandelt, so ist 
sie schon unkenntlich genug, und er braucht sie nicht noch in einen 
Korb zu verstecken; auch deutet woirsp auf eine Vergleichung; daher 
trifft die Ergänzung von Grenfell und Hunt S>o;tsp toptfv allein das 
richtige. Wozu nun diese Vorsichtsmaßregeln? Vor wein hat Dio- 
nysos Angst? Nicht vor den Achäern, mit denen er ja gar nicht in 
Berührung kommt, und die Verwüstung der Troas kann ihm gleich- 
gültig sein, sondern vor Paris selbst, der ihn später ja tatsächlich aus- 
liefert. Daher ist am Anfang der ausgehobenen Stelle nicht mit den 
Herausgebern ?[euYsi ffpö«] töv 'AXifiavSpov — er bleibt ja in dieser 
Hütte und Alexandros kommt erst später — , sondern mit Wilamo- 
witz <p[oß6tt<xt] töv 'AX6£<xv5pov zu ergänzen. 

Wenn aber Dionysos in der Hütte des Paris wie ein Herr schaltet 

er zuweilen mit nur einer der Göttinnen ira Zwiegespräch, /.. B. Arcli. Zeit. XU 
1883 Taf. 15; Mus. Horb. II 29. 



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16<» Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. H 

und an seiner Statt das Urteil in dem Schönheitsstreit der Göttinnen 
fällt, so kann dies nur auf Grund gegenseitiger Vereinbarung ge- 
schehen sein. Sehr zur Unzeit hat man sich des Motivs der älteren 
Vasenmalerei erinnert, nach dem Paris sich durch Flucht dem Schieds- 
richteramt entziehen will; gewiß kann archaeologisches Wissen der 
Philologie die größten Dienste erweisen, aber nur wenn man es am 
richtigen Platz verwendet. Der Einfall, daß Hermes, nachdem ihm 
Paris fortgelaufen sei, den Dionysos als Substitut verwendet, ist so 
abgeschmackt wie möglich. Der Alexandros des Knitinos, wie wir 
eben kennen gelernt haben, wird sich gewiß nicht vor den drei kei- 
fenden Göttinnen gefürchtet haben, und andrerseits muß Dionysos, 
der ja dem Titel nach die Hauptfigur der Komödie ist und in dem, 
wie wir aus der Hypothesis gelernt haben, die Person des Perikles 
verspottet wird, aus eigener Initiative das Schiedsrichteramt über- 
nehmen. Also, wie gesagt, eine Vereinbarung muß zwischen beiden 
stattgefunden haben, und zwar muß dies vor der Parabase geschehen 
sein und im wesentlichen den ersten Teil des Stücks ausgefüllt haben. 
In der Tat lehren die Fragmente, daß Paris den Dionysos in die 
Geheimnisse des Hirtentums einweiht, fr. 39 oüx aXkä ßdXita /Xtopä 
xü>t<37Tö>T7]v Ttatetv und besondeis charakteristisch fr. 37, wo sich der 
fürstliche Hirte zugleich als Menschenschinder zu erkennen gibt: Iveiaiv 
Evtaodot [i.ä^aipai xoopi'Ssc, *t<; xeipo|j.EV xä jrpdßata xal touc irot|idvac ; 
denn sehr zu Unrecht hat man gemeint, daß Paris als Schmutzfink 
aufgetreten sei. Die Frage frg. 42 TtapaotäSa«; xal irpöfopa ßoüXei 
ÄOixka, was man als Kontrast zu seiner dürftigen Ilirtenhütte ge- 
sagt glaubte, gehört wie die xXfcvTj rcapd:n>£oc (fr. 47) zu den 
Versprechungen der Hera, die die Ueppigkeit der Tyrannis aus- 
malt. Fragt man, was den energischen Prinzen veranlassen konnte, 
auf solchen Rollenwechsel mit dem schlappen Gott einzugehen, so 
antworte ich, daß dieser als höheres Wesen doch mancherlei zu bieten 
vermochte, z. B. den Wein. Wirklich muß im ersten Teil der Ko- 
mödie ein Gelage stattgefunden haben, zu dem Paris die Speisen ge- 
liefert zu haben scheint : fr. 40 iv actpfotvioiv a£<o tapigoDc riovuxoöc. 
An diesem Mahl nimmt aber auch noch ein Ungeladener teil, fr. 44 
tö»v ßSeXXoXapöffcov äveTeaffdXtüiv aurüt tpottTJoa? kiel Seittvov, fr. 45 o& 
•jap toi abfe jcptötoc ÄxXtjtoc ^oitet.? iid Seircvov Ävtjotic- Wer dies war, 
kann kaum zweifelhaft sein: der in der alten Komödie so gern als 
Leckermaul eingeführte Hermes. Natürlich konnte er nicht, wie in 
den Kyprien, die Göttinnen auf den Ida geleiten, sondern nur ihr 
Kommen vorher verkündigen. Sein Name steht denn auch in dem 
ersten erhaltenen, aber arg verstümmelten Satz der Hypothesis, unmit- 
telbar bevor von der Parabase die Rede ist : Ci]t rcav 



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Pemianczuk, Supplenientum comicum 167 

autöv uri] p . totv 6 f Epu.7]c [äjr^p/jsxat. Dieses aicsp/etat ist 

von A. Körte sehr glücklich gefunden, nur glaube ich nicht, daß 
c Epp.7)c das Subjekt dazu ist, sondern Dionysos ; 'Epu-^c wird das Sub- 
jekt eines Nebensatzes sein. Denn während der Parabase kann kein 
Schauspieler mehr auf der Orchestra sein, unmittelbar vorher war, 
wie der Singular beweist, nur noch ein Schauspieler da, der mit dem 
Chor ein kurzes Zwiegespräch gehabt haben muß. Aber es leuchtet 
ein, daß das nur Dionysos gewesen sein kann, der dann hineingeht, 
um sich als Paris zu kostümieren. Hermes wird schon gleich nach 
dem Gelage auf den Olymp zurückgekehrt sein, um die Göttinnen zu 
schicken. Natürlich ist er mit im Komplott. Im übrigen spotten 
die ausgeschriebenen Worttrümmer bis jetzt jeder plausiblen Ergän- 
zung ; Thiemes xcti xeXeooas] autöv p/r] cpoßeto&at rr]v xpt'oiv ist nach 
dem oben bemerkten ausgeschlossen; auch das auf A. Körte zurück- 
gehende xpiotv ist nicht möglich, da Grenfell und Hunt zwischen dem 
p und dem ersten t den Ausfall eines Buchstabens notieren. Wohin 
Paris geht, nachdem er seine Rolle an Dionysos abgetreten hat, läßt 
sich nicht erraten; der Möglichkeiten sind zu viele; es genügte aber 
ja schon, wenn er sich nach Troia in sein Vaterhaus begab. Seine 
erste Begegnung mit Dionysos muß aber schon vor das Auftreten des 
Hermes gefallen sein; denn diesem beschreibt Alexandros den Dionysos 
in einem Gespräch, aus dem folgende beiden Verse erhalten sind, fr. 38 

EPM. otoXtjv Sfe St] tiv' etx e ; toötö p,ot ^päoov. 

AA. dopoov, xpoxtotdv, zotxtXov, xap*/>]otov. 
Danach kann man sich die Einleitung der Handlung etwa so vor- 
stellen : Dionysos, der natürlich noch nicht zu den Olympiern gehört, 
sondern noch auf Erden wandelt, hat von dem Streit der Göttinnen 
und dem Entscheid des Zeus, daß Paris den Schiedsspruch fällen solle, 
erfahren. Der Vorgang spielt sich ja auf der Hochzeit des Peleus 
und der Thetis, also auf Erden, ab. Es lockt ihn, sich selbst als 
Schiedsrichter einzuschmuggeln, und so begibt er sich zu Paris auf 
den Ida. Der Satyrchor ist weder auf dem Ida ansässig noch hat er 
seinen Herrn verloren und will ihn suchen, sondern bildet das Ge- 
folge des Dionysos, wie er ihn ja auch am Schluß der Komödie in 
die Gefangenschaft begleitet, übrigens eine vorzügliche Exodos. Dio- 
nysos ist entweder im Prolog zuerst aufgetreten und hat dann den 
Chor in die Orchestra gerufen, oder dieser kündigte in der Parodos 
das Erscheinen des Gottes an. Sogar die Rollenverteilung läßt sich 
noch erkennen: 

1. Dionysos, 

2. Alexandros, Hera, Aphrodite, 

3. Hermes, Athena, Helena. 



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1G8 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Was endlich den Inhalt der Parabase betrifft, so hat Demiariczuk 
mit Recht A. Körtes vortrefflicher Emendation icepi twv ÄotTjtöv (xwov 
7cotT] Pap.) vor Rutherfords abgeschmacktem rcepi offty iroüjosuc den 
Vorzug gegeben. 

Die Behandlung, die die Bruchstücke der Af^i des Eupolis in 
dem Buche erfahren, S. 43 ff. (247 ff.), ist jetzt nicht nur durch den 
gleichzeitig erschienenen Artikel Bruno Keils in den Gott. gel. Nachr. 
1912 S. 237 ff., sondern vor allem durch Chr. Jensens ergebnisreiche 
Nachvergleichung und vortreffliche Besprechung im Hermes LI 1916 
S. 321 ff. weit überholt. Aber auch Jensen scheint mir seine Resul- 
tate noch nicht völlig ausgeschöpft zu haben, und namentlich sehe ich 
zu dem resignierten Bekenntnis, mit dem er seinen Artikel schließt, gar 
cir.ui Grund. Der Versuch, die Handlung des Stückes wieder herzu- 
stellen, ist keineswegs so aussichtslos, wie er zu glauben scheint ; nur 
muß man auch hier die Gesetze der alten Komödie und die Bedin- 
gungen für ihren Aufbau fest im Auge behalten und sich nicht ein- 
bilden, der Aufbau einer Komödie des Eupolis könne ein wesentlich 
anderer gewesen sein, wie der einer Aristophanischen Komödie. Denn 
allerdings hat man in den bisherigen Rekonstruktionen Dinge an- 
genommen, die auf dem antiken Theater absolut unmöglich sind. So 
glaubt man alles Ernstes, daß von den aus der Unterwelt gekommenen 
Toten vier neben einander gesessen hätten, ein fünfter, Myronides, 
soll neben ihnen gestanden haben, und eine sechste Person auf sie 
zugekommen sein. Da hätten wir also glücklich sechs Schauspieler. 
Allerdings haben Körte und Wilamowitz die Verse, aus denen man 
dies schließt, im wesentlichen richtig hergestellt, II v. 5 ff., jener in- 
dem er 

drcjsl S 5 opö) toö<; ÄvSpac tJStj tdyt] 

xadjTjpivoix;, oo; cpaatv Tjxetv ?rap[a vexpüv, 
dieser indem er 

Ilda]ei8ov, od toü<; £vSpac tjStj touc[g° 6p<I> xtX. 
schrieb; in Wahrheit lautet V. 5, wie wir jetzt durch Jensen wissen: 

£jr]ei Öoxm xoöc avSpac rß-q toö[a6 ? 6pdv, 
wo ich nur aus gleich zu erörternden Gründen am Anfang mit Br. Keil 
sxel ergänzen möchte. Aber folgt daraus, daß sie auf der Orchestra 
saßen? Konnten sie nicht im Hause sitzen, und der Sprecher sie 
durch'die halbgeöffnete Tür erblicken V Aber es sind doch fünf oder, 
wie sich gleich herausstellen wird, sechs Schatten, und am Schluß 
scheinen alle sechs auf der Bühne gewesen zu sein? Gewiß, aber sie 
brauchten nicht alle gleichzeitig aufzutreten, sondern konnten das 
oder mußten es vielmehr nach dem festen Gesetz der alten Komödie 
einzeln oder paarweise tun, und in der Tat tritt Aristeides I v. 13ff. 



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Demiaaczuk, Suppleraeotam comicum 1G9 

allein auf und führt sich mit einer Rede im Stil eines Tragödien- 
prologs ein: 

rcaaäv itöXeuw ixÄaYX[oTärr]v xai (p'.XTdt7]v, 
wie ich nach Jensens neuer Lesung A. Körtes Ergänzung zu modifi- 
zieren vorschlage, und daß Perikles zuletzt und allein, oder von My- 
ronides geführt, auftrat, bezeugt Plutarch Perikl. 3 (fr. 93). In der 
Schlußszene aber können die meisten dieser Schatten xu>?ä apdotorca 
gewesen und von Statisten in denselben Masken gespielt worden sein, 
die vorher die Schauspieler trugen; und dasselbe kann auch in ein- 
zelnen früheren Szenen der Fall gewesen sein. 

Eine weitere seltsame Vorstellung ist, daß Myronides als der zu- 
letzt gestorbene allein die Kraft haben soll, aufrecht zu stehen, während 
die früher Verstorbenen von dem langen Wege so erschöpft sind, 
daß sie sich setzen müssen. Ich weiß nicht, ob sich dieser Glaube, 
daß die Leiche nach dem Tode noch Kraft hat und sie erst mit der 
Zeit verliert, aus dem Altertum belegen läßt; für Eupolis will man sie 
aus den Versen erschließen, die auf die beiden vorher ausgehobenen 
folgen II v. 7 ff. 

£v*aü]$a jaev &r] tü>v tpiXtuv zpoar[7Joo|iat. 

&]C opdöc eorrjxtülc] ^[iJpeoT* ccütwv [|xövo; 

MupcovtöYjc. ipcüjisd- 1 aotöv 

In dem ersten Vers wollen diejenigen, die in V. 5 etcsi ergänzen, den 
Nachsatz dazu sehen. Man beachte nun, daß der Begriff (Ltfvoc erst 
durch die Ergänzung hineingekommen ist. Man braucht die Verse 
nur anders zu interpungieren und wie A. Körte zu ergänzen, und 
die seltsame Vorstellung verschwindet: 

svtaöj&a |iiv o*?] twv cptXcov 7rpoot[i5<30fia*. 

u>]c dpd&c iornxwc. iz&psaz aorüv [68t 

Mup(OvE57]c, epcüited' aorö[v ort MXmu 
Dann ist der aufrecht stehende der Sprecher, im Gegensatz zu seinen 
«plXoi, die er beschützen will, was weiter unten verständlich werden 
wird. Wie er ins Haus blickt, tritt Myronides heraus und wird von 
ihm angeredet. 

Jensen hat nachgewiesen, daß bei Blatt II das Recto dem Verso 
voranging, während A. Körte das umgekehrte behauptet hatte (Herrn. 
XLVII 1912, 302). Auf dem Recto finden wir ein Gespräch dreier 
Personen; gegenüber Solon und einem von dessen Zeitgenossen, an 
den die Worte gerichtet sind, klagt Jemand über den Verfall der 
Demen in der gegenwärtigen Zeit II r Off. 

äXX' £u$£<üc 7v]ü)osaö , £ tou? $lj(10t)( oow: 
5 jrävnj xäxttfv et]ot vüv 6'.ax£t[levo , . 



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170 Gott. gel. Aoz. 1918. Nr. 5 u. 6 

üj srpöaö'ev, ^vi]x' 7jp*/etov oü xai EäXcov 
^ßi]C t' bxe'.vt]? v]oö t' ixetvoo xat ^pevwv ') 
ouSsv X£Xei7ttai vöv 07cjiy[i*] mh §ü>]|iäTiDV 
afäXiiata *), t|*u^(i)v Jtap]ot[vtja ao^vfy 

wie man die beiden letzten Verse etwa ergänzen könnte. Es ist mir 
ganz unbegreiflich, wie man den Angeredeten für Aristeides oder 
Miltiades halten kann. Männer, deren Lebenszeit fast ein Jahrhundert 
auseinander liegt, können doch nicht zeitlich und durch den Dual so* 
eng mit einander verbunden werden, wie es durch Tjvtx 5 tjpxetov ab xat 
lö'kiov geschieht. Der Angeredete kann nur Peisistratos sein, dessen 
Auftreten in dem Stück durch das Aristophanes-Scholion Acharn. 61 
ESftcXtc 6fe £v Aiju.oi<; etoÄYet töv fleiotoTpatov ßaatXea (fr. 123) bezeugt 
ist. Der Sprecher aber ist Myronides, den wir in der nächsten Szene 
als einen der heraufgekommenen Schatten gefunden haben. An diesen 
wird nun vorher folgender Befehl gerichtet V. 1 ff. 

xb x«Xxiov 
dsp|iatvs & Yjjxtv xat &Ü7] siertGtv tt[vä 
x^Xsu' tva axXäfyyoiai qtrf7evü>|i[6]da 3 ). 

Myronides soll das Opfermahl bereiten und verspricht auch alsbald 
das zu tun 

i] 4 ) taöta xai rcs;cpd£eTai. 

Einen solchen Befehl kann aber Myronides nur in seinem eigenen 
Hause oder, genauer gesprochen, in dem Hause, dessen Herr er im 
Leben war, erteilen. Also befinden wir uns vor dem einstigen Hause 
des Myronides, in das er die beiden andern Schatten, wahrscheinlich 
gleich nach der oben ausgeschriebenen Hede hineinführt. In diesem 
Hause finden wir sie in der nächsten Szene beim Mahle oder in 
dessen Erwartung 5 ) sitzen; es bildete also, vielleicht mit noch 
einigen andern Häusern, den Hintergrund der Orchestra. Jenen Be- 
fehl aber muü entweder Solon oder Peisistratos gegeben haben; dieses 

1) V. 4 und ö sind von Jensen, 6 und 7 von Körte ergänzt, der auch das 
Kratinoszitat fr. 60 in V. 7 zuerst erkannt bat. 

2) Vgl. Aisch. Ag. 208 5oV*uv cqaXjia von Ipbigeneia, Pind. Nem. III 13 x ,:, P a c 
äfaX\t.a. Auch an ou)|aci't{dv könnte man denken. 

JJ) Ergänzt von A. Körte nach fr. 108. 

4) A. Körte8 an sich vortreffliche Krgänzung ctcv xiAejsw erklärt Jensen für 
unmöglich, da der letzte Buchstabenrest eine senkrechte llasta sei und in der 
Lücke höchstens 10 Buchstaben gestanden haben könnten. 

5) Vgl. die Worte des Kochs in den *AotA<p&i des Hegcsippos fr. 1 (Athen. 
VII li'JOE): 

rroXXoJ; iyü> sy)5p* oioa -röiv xaÖ7]u£vu>v, 
oi xatapfjüpiüx«' tvex 1 ejigü täc ojafa«. 



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Dcmianczuk, Supplemcntum cdmicuni 171 

ist wahrscheinlicher, weil Peisistratos im folgenden angeredet wird 
und als ßaotXeöc eingeführt war. Solon kann in dieser Szene ganz 
gut stumme Person gewesen sein, wenn er auch in einer späteren 
gesprochen zu haben scheint 1 ). 

Wer ist aber die Person, die in der folgenden Szene den Myro- 
nides anredet und ausfragt, und die sich als Beschützer der Demen 
geriert? Auf der Rückseite des ersten Blattes (I v. 15), wo offenbar 
dieselbe Person den Aristeides anredet, hat Jensens Luchsauge die 
sehr verblaßte Personenbezeichnung TIP/ entziffert, die er sehr glück- 
lich zu flpößooXoc ergänzt. Vorzüglich passen in den Mund dieses 
Probulos die oben erläuterten Worte evtaoda u.ev St] tu>v tptWv rcpo- 
Gr^aoaai. Der Probulos kann aber erst aufgetreten sein, als die 
Schatten ins Haus gegangen waren, was vermutlich II v. 9 bei den 
Worten t|>t>xü>v napoivia ooxwj geschah. Der Chor muß aber schon in 
der Orchestra gewesen sein; denn am Anfang von II v stehen, wie 
Jensen gesehen hat, trochaeische Dimeter, die unmöglich zur Parodos 
gehören können; auch in den beiden letzten Versen von II r 17,18 
hat Jensen solche Dimeter erkannt, ebenso in V. 12. Dazwischen 
aber möchte ich iambische Trimeter annehmen, die vielleicht auch 
noch später die gesungenen Trochäen unterbrachen. Wir haben es also 
mit einer kleinen Szene zwischen dem Probulos und dem Chor zu 
tun, die, da Jensen die Zahl der Zeilen auf jeder Seite zu 27—30 
berechnet, 22 — 25 Verse umfaßt haben muß. War aber der Chor 
schon in der Orchestra, so hat er auch die Schatten gesehen, von 
denen er den Myronides noch persönlich gekannt hat, und ist da- 
durch in maßlose Angst versetzt worden. Nun schließt das trochae- 
ische Chorlied mit den Worten: 

. . toc fäp wa[rcep 

avSpec, tov x[r/öv- 

tec ev toiaiotv tj- 

Sovatat xetu.E^a, 
wie Jensen ergänzt. Diese Ergänzung scheint so gut wie sicher, 
aber die Annahme daß mit den letzten Worten eine Tragikerstelle ev 
xaxoiai xsiu-sda parodiert und in ihr Gegenteil verkehrt sein sollte, 
ist doch recht bedenklich; ich bezweifele, ob man selbst im Scherz 
sagen konnte ev TJSovaic xeioftat. Vielmehr scheint mir hier xeiaö-ai 
absolut zu stehen > gebrochen am Boden liegen«, mag nun das Bild 
einer zerstörten Stadt oder eines besiegten Ringkämpfers vorschweben. 
Ich halte es sogar nicht für ausgeschlossen, daß beim Auftreten der 
Schatten der Chor vor Schreck wirklich zu Boden gestürzt ist, wie in 

1) Fr. 109 und dazu Keil a.a.O. 244. 



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172 Gott, gel Anz 1918. Nr. 5 u. 6 

Sophokles 1 'I/vemai die Satyrn beim Klang der Hermesleier. Mag 
aber dies >am Boden liegen < im eigentlichen oder im bildlichen Sinne 
gemeint sein, jedenfalls haben wir hier den Gegensatz zu der auf- 
rechten Haltung des Probulos (<i>c öpdöc eorqxwc II v. 8). Steht aber 
xsi|j.eda absolut, so muß ev totaioiv jjSovatot eng mit xtxövtsc verbunden 
werden: >Die Männer, wegen deren Erscheinen bei solchen Freuden 
wir zu Boden gestürzt sind<, die uns in solcher Freude stören. Mit 
ißoval ist das Dionysosfest gemeint, vielleicht aber noch etwas be- 
sonderes, auf das ich erst weiter unten eingehen kann. In der er- 
wähnten Szene hat nun der Chor seinen Probulos gebeten, er möge 
ihn nicht verlassen (II r 13 |ttj KpodAtc) und es übernehmen, den Myro- 
nides auszufragen; das muß in den V. 13 — IG gestanden haben, die 
man beispielsweise so ergänzen könnte: 

«piXooc 3s 07j|tooc, ü» rcpößouXe, tijfj ftpoSüic' 

vöv 8ei£ov, u) ß^Xtiotc, t]t)v npodu|j.iav, 

sö$uc o' Epwra TÖvÖe töv M]upioviÖT)v 

xt itot' ediXouo 1 , £vep$ev] oi>c aviffcrfev, 
wobei ich aber ausdrücklich hervorhebe, daß diese probeweisen Er- 
gänzungen den Lücken nicht genau entsprechen. 

Es ist nun aber auch klar geworden, daß Myronides, Peisistratos 
und Solon die ersten Schatten sind, die heraufstiegen, Aristeides, 
Miltiades und Perikles können erst später gefolgt sein. Da nun das 
erste Blatt das Auftreten des Aristeides enthält, darf dieses nicht, 
wie bisher allgemein geschieht, vor das zweite Blatt, sondern muß 
dahinter gestellt werden. Und da^ ferner diesem Auftreten die Para- 
base vorangeht, können bis zu dieser nur Myronides, Peisistratos 
und Solon auf der Oberwelt gewesen sein und der obligate ä^&v 
Xöfcov, aus dem fr. 117 und 118 stammen, wird sich wohl zwischen 
Peisistratos und dem Probulos abgespielt haben. Im zweiten Teil des 
Stückes erst traten Solon, Aristeides, Miltiades und Perikles in Aktion, 
der erste, um die Sittenlosen, der zweite, um die Sykophanten, der 
dritte, um die schlechten Strategen, der vierte, um die Khetoren zu- 
rechtzuweisen, die alle durch Typen vertreten gewesen sein müssen 1 ), 
wie dies Br. Keil vorzüglich dargelegt hat. Es sind also außer den 
vier in dem bekannten Aristeides-Scholion genannten Trpootatai toö 
&j|Loo auch noch Peisistratos und Myronides aus der Unterwelt ge- 
kommen: warum diese nicht zu den npoorätai gerechnet werden 

1) Der Name des Sykophanten stand bei Galen VI 530, ist aber jetzt heil- 
los verderbt. Keils Versuch (a.a.O. 242 A. 1), die korrupten Worte tpioxiüuevov 
'AjuBTeioijV töv Sfxaum uro toj r t to wtfa; öiv iyiwj ot'xaio; in uro <toü C'jxotpäv>TO'j ■ 
v, IUvTjTfa; iuv ifi'i'sj ofy.aio;; zu verbessern, wo IltviStuic ein Spottname fiir Ari- 
steides sein soll, ist doch etwas gewagt 



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Dcmiariczuk, Suppleracntum comicum 173- 

konnten, hat wiederum Keil a.a.O. S. 241 vorzüglich auseinander- 
gesetzt. 

Der Anfang der Komödie spielte bekanntlich im Hades; da man 
nun diesen Szenen einen großen Umfang zugestehn zu müssen meinte, 
der die Grenzen eines Prologs weit überschritt, hat man sich zu der 
Annahme eines doppelten Chores oder richtiger eines Charakter- und 
Maskenwechsels des Chors entschlossen; im ersten Teil soll er die 
alten Demen in der Tracht des sechsten Jahrhunderts dargestellt 
haben, dann soll er abgetreten und beim Beginn des zweiten Teils in 
dem Kostüm der Zeit als Vertreter der neuen Demen zurückgekommen 
sein. Ehe man solch gewagte Lösung aufstellt, die weder in den 
Fragmenten noch in der Tradition noch in der antiken Regie eine 
Stütze hat, sollte man zuerst einmal untersuchen, ob wirklich die 
Unterweltszene einen so großen Raum einnahm. In Wahrheit lassen 
sich ihr nur zwei Fragmente, 98. 09, zuweisen, wo Perikles sich bei 
Myronides nach seinen Söhnen und seinem Bastard erkundigt; denn 
der alte Archont Phormion (fr. 126) braucht nur gelegentlich erwähnt 
worden zu sein, ohne daß er Person in dem Stücke war. Die Schil- 
derung, die der kürzlich gestorbene Myronides von dem herabgekom- 
menen Athen der Gegenwart gibt, bewegt nun die politischen Größen 
der Vergangenheit, sich auf die Oberwelt zu begeben, um nach dem 
rechten zu sehn. Dabei brauchen zunächst Miltiades, Aristeides nnd 
Perikles gar nicht aufgetreten zu sein; nur Solon muß es, da er 
zugleich mit Myronides und Peisistratos die Oberwelt wieder be- 
tritt; den drei andern konnte man auf irgend eine Weise die Auf- 
forderung zukommen lassen, bald nachzukommen. Alles das geht in 
keiner Weise über das Maß eines gewöhnlichen Komödienprologs 
hinaus. Dann geht Myronides als Führer mit den beiden Größen des 
sechsten Jahrhunderts durch eine der Parodoi ab; daß der Weg 
von der Unterwelt auf die Oberwelt sich in der Orchestra ähnlich 
abgespielt habe, wie in den Fröschen der umgekehrte, ist eine 
durch nichts bewiesene Voraussetzung. Nun betritt der Chor die 
Orchestra, und wir befinden uns plötzlich auf der Oberwelt vor 
Myronides' einstigem Haus. Die Parodos bildet also die Scheide 
zwischen dem kurzen einleitenden im Hades und dein großen auf der 
Oberwelt spielenden Teil, ähnlich wie in den P'röschen, nur daß dort 
der Prolog a»f Erden und das eigentliche Stück in der Unterwelt 
spielt. Nach der Parodos steigen plötzlich in der Mitte der Orchestra 
die drei Schatten die Charonstreppe herauf 1 ) und der Chor stürzt 
entsetzt zu Boden. 

1) Hern. XXXI 1896, *3öff. 550. 506 ff., XXXII 1607, 422; Noack Smjytj 
xfa-jv/.-^ 7 f. 



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174 tiött. gel. Anz. 1918. Nr. 5 n. fi 

Ueber eine andere Frage ist man, wie mir scheint, bisher etwas 
zu schnell hinweggeglitten: wer gibt diesen sechs Toten das Recht, 
das Schattenreich zu verlassen V Früher dachte man an Totenbeschwö- 
rung; das ist jetzt durch den Papyrus widerlegt; wir sehen jetzt daß 
Myronides ihr Führer ist, wie das auch II r 16 f. ausdrücklich gesagt 
wird. Aber Myronides ist ja selbst ein Toter; wie kann er das Amt 
eines Hermes ^yo^ ^^ ausüben? Nun, einen Tag gab es im Jahre, 
wo allerdings den Toten die Rückkehr zur Oberwelt freistand, das 
Chytrenfest der Anthesterien ; da öffneten sich die Gräber, die Ge- 
storbenen gingen in ihre alten Häuser und nahmen das Totenmahl 
ein, wie es Myronides in den Af^oi für sich und seine beiden 
Begleiter bereiten läßt. Ich möchte daher annehmen, daß Eupolis 
dieses Stück an den Chytreen spielen ließ, wie Aristophanes den Schluß 
seiner Acharner an den Choen. Dazu paßt der Ausdruck Ävearcütes 
bei Aristeides II p. 300 Df. und das ävaßsßijxötec des Plutarch Per. 3. 
Möglich, daß auch die elpeoiwvT}, die die Choreuten in der Hand 
tragen und am Schluß zu den Füßen der Schatten niederlegen (fr. 119), 
damit zusammenhängt, obgleich die Etpeo'.ü>v7) anderweitig für die 
Anthesterien nicht bezeugt ist. Nun haben allerdings auch andere 
Komiker das Motiv der Rückkehr aus der Unterwelt verwandt: von 
Nikophon z.B. gab es e£ "AtSoo avuov; aber erstens wissen wir ja 
gar nicht, ob nicht auch diese Stücke an den Anthesterien spielten, 
zweitens konnte man es, nachdem Eupolis einmal die Bahn gebrochen 
hatte, mit der Motivierung leichter nehmen, und drittens wissen wir 
nicht, ob nicht diese angeblichen Schatten Betrüger waren. 

Das dritte Blatt habe ich bisher unberücksichtigt gelassen. Die 
landläufige Annahme, daß darauf Aristeides einen Sykophanten züch- 
tigt, würde sich auch mit der eben vorgeschlagenen Rekonstruktion 
der Afj(j.ot durchaus vertragen. Aber die Gründe, die Jensen gegen die 
Zugehörigkeit des Blattes zu dieser Komödie vorgetragen hat, er- 
scheinen mir so durchschlagend, daß ich nicht begreife, wie er seine 
schöne Entdeckung wieder fallen lassen konnte. So will ich mich hier 
des verwaisten Kindes annehmen. Das Blatt ist nicht 1907 mit den 
beiden Demenblättern in byzantinischen Akten entdeckt, sondern schon 
vor Lefebvres Ausgrabungen im Jahre 1905 gefunden worden; die 
Gleichheit der Schreiberhand beweist natürlich für die Zugehörigkeit 
zu den Af^ot nicht das geringste. Den Eindruck Lefebvres, daß es 
überhaupt kein Stück aus einer alten Komödie ist, teile ich durchaus. 
III v 15 ff. wird ein Diognetos erwähnt, der einmal dem Collegium der 
svSsxct angehört hatte ; er wird als tspd-roXog und als der größte unter 
den jüngeren Schurken bezeichnet — wenn er gerade gesund ist 
(orcoTav e') tö oü)^' £ym). Nun gab es zwar um die Zeit der Auf- 



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Demianczuk, Supplementum romicum 175 

führung der Atj^o*. zu Athen einen Diognetos (Kirchner, Prosopogr. 
Att. 3863); dieser hat aber politisch so gut wie gar keine Rolle ge- 
spielt. Es ist der jüngste Bruder des Nikias, der von den Syko- 
phanten verleumdet Athen verlassen mußte, wohin er erst 403 zu- 
rückkehrte (Lys. XVIII 9). Mit höchster Wahrscheinlichkeit hat ihn 
Blaß (Att. Bereds. I 2 524 A. 4) mit dem Diognetos identifiziert, der 
nach Andokides (I 15) in der Untersuchung über den Mysterienfrevel 
C7]ti]TTjc war, ein Amt, das einem Bruder des frommen Nikias be- 
sonders gut anstand. Wie kann nun aber ein Bruder des vor 469 
geborenen Nikias, auch wenn der Altersunterschied noch so groß war, 
im Jahre 412 noch zu den vewrspot zavoöpYOt gezählt werden V Ueber- 
dies war aller Wahrscheinlichkeit nach dieser Diognetos 412 bereits 
aus Athen vertrieben worden. Und endlich, wie kann dies Opfer der 
Sykophanten hier von Eupolis, wenn er es ist, selbst zu den Syko- 
phanten gerechnet werden ? Dann würde ja auch Eupolis selbst zu den 
Sykophanten gehört haben, vor denen Diognetos fliehen mußte, und beide 
hätten die Rollen getauscht. Um dieser Schwierigkeit zu entgehen und 
das Fragment für die A^jj-oi zu retten, hatte A. Körte angenommen 
(Herrn. XLV1I S. 311 A. 1), daß der Bruder des Nikias von dem Diogne- 
tos des Andokides verschieden und dieser letzte in dem Fragment 
gemeint sei, ein verzweifelter Ausweg, der noch nirgends Zustimmung 
gefunden hat. So schlecht die Angaben des Fragments auf den 
Bruder des Nikias, so vorzüglich passen sie, wie Jensen erkannt hat, 
auf einen Diognetos des vierten Jahrhunderts, der 324/3 ?pau.|j.aTEt>c 
war (Kirchner a. a. 0. 3870). Er hatte seine Jugend am Hofe Kö- 
nig Philipps verlebt, sein Vater ist der von Demosthenes (XIX lö9- 
230) geschmähte Staatsmann Phrynon (Kirchner a.a.O. 15032); die 
Familie stammte aus Rhamnus. Und dieser Phrynon stiftet für seinen 
Sohn Diognetos dem Asklepios ein Weihgeschenk (IG II 1440), und 
von dem Diognetos der Komödie hören wir, daß er von schwankender 
Gesundheit sei. Stimmt das nicht alles wundervoll V Aber es kommt 
noch besser: III r 17 hat Jensen OPXNWN gelesen; d.h. der hier mit 
X wiedergegebene Buchstabe >sieht einem Y ähnlich, dessen linker 
Schrägstrich zu weit nach unten durchgezogen ist<. Da hätten wir 
also auch den Vater Phrynon. In dem vorhergehenden Vers steht 
oüictSa6pto<;. Darunter hatte A. Körte einen Fremdling aus Epidauros 
verstanden, von dem der Sykophant eine große Summe Geldes er- 
preßt hat, weil er Kykeon getrunken hatte und die Spuren davon noch 
im Barte trug und der nun von dem Sykophanten beschuldigt wurde, die 
eleusinischen Mysterien verspottet zu haben. Weiter ergänzt A. Körte 
den Vers, mit dem dieser Bericht beginnt III r 4 

i t \§z £§v Joe rcot' sie äYofpojv xoxeü rciwv. 



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17C Gott, gel Anz. 191Ö. Nr. 5 u. G 

Hiergegen wendet Jensen mit Recht ein, daß der Fremde gleich hier 
als Kpidaurier hätte eingeführt werden müssen, und achlägt vor 

*Efti£a6pt]dc aot sie a7o[pä]v xoxscü rciwv 

Aber er gibt selbst zu, daß dann tic hinter 'Eirifcopioc stehen müßte, 
und damit ist der Ergänzung doch wohl das Wort gesprochen. Ueber- 
haupt ist die Erzählung des ersten Gaunerstreichs des Sykophanten 
mit V. 13 zu Ende, wie schon die abschließende Bemerkung des Mit- 
unterredners V, 14 zeigt. Von V. 15 an ist von etwas anderem die 
Rede, wobei, wie es scheint, der alte Phrynon hineinspielt, und wenn nun 
kurz vor dessen Erwähnung oüjrt&xüpioc steht, so wird doch damit der 
für ihn selbst und seinen Sohn so wichtige Gott von Epidauros Asklepios 
gemeint sein. Was konnte nun Jensen veranlassen, seine glänzende Kom- 
bination fallen zu lassen und zu Körtes Auffassung zurückzukehren? 
Zunächst daß III v 6 £ovä8i]o& steht, während wir in der neueren Ko- 
mödie aoveSijoa erwarten würden ; das konnte aber dem Schreiber, da 
er auch alte Komödien kopierte, leicht in die Feder kommen. Dann 
III v 11 die Form y.adeoo), die sich aber ebenso wenig in der äp^ata 
findet, sondern nur im Epos und der Lyrik Parallelen hat. Anderer- 
seits findet sich XsY ort X£fs'.c III r3 zuerst bei Menander; die mitt- 
lere Komödie sagt dafür XeY Btt ßooXe: Alexis fr. 135, 17. Endlich der 
Umstand, daß sich bei der Lesung $p6vov >eine einigermaßen befrie- 
digende Ergänzung des Verses < nicht finden läßt. So nimmt Jensen 
denn an, daß ♦PXNWN für <t»PON03N verschrieben sei, und ergänzt: 

aXX 1 wc t>Jtsp]<ppovü>v ä^exXsLa(s u,*) exzoScöv, 

was ihn aber selbst offenbar ebenso wenig befriedigt wie uns. Wollten 
wir vor jeder neuen Entdeckung irre werden, weil sie nicht gleich 
alle Schlösser öffnet, so wäre es mit dein Fortschritt in der Wissen- 
schaft überhaupt vorbei. Und in dem Bericht des Sykophanten über 
seine Gaunereien ist ja noch so vieles unklar, daß wir uns nicht 
wundern dürfen, wenn wir nicht jeden Vers ergänzen können. Zwar 
in dem ersten Streich scheint Körte mit Recht eine falsche Anklage 
wegen Verspottung der Mysterien erkannt zu haben, aber gerade dies 
hätte ihn gegen die Zuteilung zu den Ai)u.ot bedenklich machen 
müssen; denn wie er selbst sehr richtig sagt: >Die Komiker (jener 
Zeit) hüten sich im allgemeinen sehr, den Mysterienfrevel zu be- 
rühren« (a.a.O. S. 308). Und wie der Sykophant seinen Zweck er- 
reicht, ist bei Körte nicht klar. Er forderte die 100 Statere und als 
der andere sich weigerte >hieß ich ihn mir sagen, was er getrunken 
hätte, als er aus dem Hause kam — und darauf bekam ich mein 
Gold«. So gibt Körte die V. 11 f. wieder 



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Demianczuh, Supplementum coniicum 177 

.... tOV EX[6]X£UO , 6(1.' S17C61V, XI rtltUV 

TjXdev düpaCe) xätt' s7.aßov tö xpooiov. 
Von einer Weigerung des Fremden ist hier nichts zu lesen; es sei 
denn daß sie in dem verstümmelten ersten Worte stecke, was kaum 
glaublich ist. Wie sich der Fremde auf die Frage V. 8 

tt] fiSpaoac, w rcavoöpye xal xoßEutä aö; 
verhalten hat, erfahren wir nieht ; und doch verlangen wir gerade das 
zu hören, nicht eine erneute Drohung des Sykophanten. Was aber 
das schlimmste ist, dieser Sinn wird nur gewonnen durch die uner- 
hörte Annahme, daß ipoi elidiert werden könne. Richtig hat Jensen 
erkannt, daß zu 6x£Xsoas nur der Fremde das Subjekt sein kann, aber 
mit Unrecht glaubt er, daß der Vers die Aufforderung des Fremden 
enthalte, ihm zu sagen, was er getrunken haben sollte; denn dann 
würde dieser doch erst die Antwort des Sykophanten abgewartet 
haben, ehe er zahlte. In seinem Text hat Jensen nicht, wie man 
nach dieser seiner Vermutung erwarten würde, 5 tt, sondern ort ge- 
druckt, und das führt auf die richtige Spur. Der Fremde besticht 
den Sykophanten, damit dieser eine falsche Aussage mache und statt 
des xoxetüv ein andres Getränk angibt, das der Fremde angeblich ge- 
trunken hat; also z.B. 

faXäxtJiov £xeXeoos jt' sticetv oti jtiwv 

fjXftsv düpaCs], 
denn den zweiten Vers scheint A. Körte richtig ergänzt zu haben; 
-faXäxuov läßt sich zwar erst aus Alkiphron (fr. 10) belegen; aber 
dieser wird es doch wohl aus der neueren Komödie haben. 

Im folgenden scheint der Sykophant keinen neuen Gaunerstreich 
zu erzählen, sondern sich auf das Beispiel des Asklepios zu berufen, 
der auch von seinen Geschäften keine Rechenschaft gibt 15 f. 

ofi*6 tau StaotoXä(c) 
E > noii}oa&'] wv (e^icpajev ooTrtSauptoc 
wie Jensen vortrefflich ergänzt, der aber die Worte anders versteht. 
Den unbequemen Fragern weist Phrynon als Freund des Gottes die 
Tür. >Das ist auch dein Glücke, meint der Mitunterredner, >daß du 
keine Rechenschaft abzulegen brauchtest; denn sonst würdest du 
schlecht abgeschnitten haben<. V. 18 

aXXa>c tl*P * v xateXooac ^Ttijfelc «oXü. 
Dann erzählt der Sykophant, dem doch wohl auch der noch nicht er- 
gänzte Vers 19 gehört, daß er sogar von den Toten Geld einzutreiben 
verstehe ; und setzt dies auf die erstaunte Frage eines Mitunterredners 
ratpä tü>v davövTcov; näher auseinander. Wie er das macht, läßt sich 
natürlich nicht mit Sicherheit sagen; doch scheinen die Worte V. 21 
st ooupäc tt« aTcoddvoL darauf zu deuten, daß er sie nur für scheintot 

Üttt. gel. 1». l»1». Nix i Q ]2 



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176 Gott. gel. Adz. 1918. Nr. 5 u. 6 

erklärte und etwa der Bestattung Schwierigkeiten in den Weg legte, 
wobei freilich ganz dunkel bliebe, woher er dazu das Recht oder die 
Macht nahm. Das wird aber dem Mitunterredner zu viel, und mit 
dem Euripides-Zitat 

v. to*><; ftavdvtac oüx k&iq teftvqxävai ; 

versetzt er ihm einen kräftigen Schlag, wie der Ausruf des Syko- 
phanten u-apTÜpo^a: beweist. Selbst wenn das Stück zu den A^[iot 
gehörte, könnten mit diesen Toten nicht die aus dem Hades gekom- 
menen Schatten gemeint sein, da diese sich selbst der Todesruhe ohne 
Zutun des Sykophanten beraubt haben. Aber gerade der Umstand, 
daß das Zitat mit der Handlung des Stücks wenn auch in einer etwas 
schiefen Weise verglichen werden kann, beweist aufs neue, daß das 
Blatt nicht zu den A^ual gehört ; denn in diesen würde der Euripides- 
Vers eine große Geschmacklosigkeit gewesen sein. 

Aber damit sind die Gründe gegen die Zugehörigkeit noch lange 
nicht erschöpft. Jensen wundert sich mit Recht, daß der eben aus 
dem Hades gekommene Aristeides den Sykophanten binden (III v 5) 
und ins Gefängnis führen lassen könne (13) 

aXX') iftjd^fit 1 atnfcv xat 7rapA5ot' |eic tö JöXov, 

will aber diese Möglichkeit nicht bestreiten. Hingegen hält er es mit 
Recht für unmöglich, daß Aristeides auch die auf Diognetos bezüg- 
lichen Verse 15 — 18 spreche. Was konnte Aristeides von Diognetos 
wissen? Spräche hier einer der Schatten, so könnte es höchstens 
Myronides oder allenfalls Perikles sein; Jensen gibt die Worte dem 
Probulos. Aber ich bestreite auch die erste Möglichkeit: keiner der 
Abgeschiedenen kann dem Stju-öoioc einen solchen Befehl geben, da 
keiner von ihnen ein Amt bekleidet, und die Drohung des Syko- 
phanten 9 tauta 5' oöv 1? ^pX-ijasic sy-oi wäre einem Abgeschiedenen 
gegenüber geradezu lächerlich. 

Der Mitunterredner — wir wollen ihn von jetzt an den Beamten 
nennen — gibt dem sich heftig sträubenden Sykophanten den Rat, 
sich an den Priester des Zeus zu wenden (8). Diese Worte, deren 
Beziehung jetzt unklar ist, müssen durch den Eingang der Szene ihre 
Erklärung gefunden haben. Dort sagt der Sykophant von sich UI 
v 2 yöy aoTtf-/ 1 ] äfvtfc «tu.' e^w. Vermutlich kommt er eben von dem 
Zeuspriester her, der ihn von irgend einem Vergehen entsühnt hat. Nun 
gab es aber im 5. Jahrhundert in Athen überhaupt keinen Priester 
des Zeus, wie denn dieser Gott außer dem damals nicht über die 
Fundamente hinausgekommenen Olympieion in der Stadt keinen 
Tempel hatte. Wohl aber gab es im 4. Jahrh. einen Priester des 
Zeus Soter, dem man damals im Piraeus einen berühmten Tempel 



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Demiaiiczuk, Supplementum comicam 1 79 

errichtete 1 ), der zuerst durch Aristophanes , Plutos bezeugt wird 1175 f 
ein neuer Beweis dafür, daß die fragliche Komödie in das vierte 
Jahrhundert gehört. 

Endlich der Euripides-Vers. Er stammt aus der Melanippe und 
paßt nur zur Fabel der zweiten, der Seo[tämc 2 ); also müßte diese vor 
412 aufgeführt sein. Es sprechen aber sehr gewichtige Gründe da- 
für, daß sie zu derselben Trilogie wie die Antiope und die HypBipyle 
gehört, die im Jahre 409 aufgeführt sind (Herrn. XLIV 1909, S. 402). 
Neben den vorher angeführten, wie ich glaube, zwingenden Argu- 
menten gegen die Zugehörigkeit des dritten Blattes zu den A^ju-ot 
wird man auch dieses minder schwerwiegende gelten lassen. Das 
Bruchstück dürfte also eigentlich in Schröders Sammlung nicht fehlen ; 
ehe ich mich aber zu dieser wende, möchte ich noch ein Wort über 
einen Vers aus der Parabase der Aij|iöt sagen I v 8. Hier haben Jensen 
und Demianczuk mit Recht die wundervolle Ergänzung von Wilamowitz 
oo (iipijoft' Zu aufgenommen: 

etc & Mavt(ve(i)av 6|täc gotcc; ob \päf.\vipft ? ort 
toö dßoü ßpovttövcoc o[itv oüS' iÄvftoc ejxßaXstv 
et7CE 87Joet(v) to»>5 otpatijfo»)? rcpöc ßtav [4v tot £öXuh. 
Körte (a.a.O. 301) nennt sie zwar auch verführerisch, lehnt sie aber 
ab, weil das Objekt ojiäc zu weit von dem Verbum £u,ßaXetv getrennt 
sei; er findet die Wortstellung bis zur Un Verständlichkeit künstlich; 
das ist sie aber nur, wenn man in V. 9 den Infinitiv £u,ßaXeiv er- 
gänzt. Die Athener sind aber doch wirklich in Mantinea eingefallen. 
Setzt man also das Partizip, so wird der Satz ganz klar: 
Btc Sfe Mavttve(t)av 6u,äc outoc, ob |i6u{v7]0$' Zzt; 

— tOÜ $EOÖ ßpOVTWVTOC ö|l?V OÜS' 4ä>v[tOC B|ißoX&V 

elire S^os'.v xtX. 
Wer will kann sich aus iu,ßaX&v den Infinitiv zu eüvto; ergänzen 
nötig ist er nicht. 

Das Büchlein von Otto Schröder, das zugleich als Kieler 
Dissertation erschienen ist, beschränkt sich auf die aus den Papyri 
stammenden Fragmente der neueren Komödie, schließt aber die Me- 
nandrischen aus, da diese von Sudhaus musterhaft herausgegeben sind ; 

1) Preller, Griech. Myth. I * 351,3. l»aö die Errichtung schon ins fünfte 
Jahrhundert falle und IG I 68 sich auf sie beziehe, ist eine durch nichts ge- 
rechtfertigte Vermutung von Kirchhoff. Das später von dem Priester des Zeus 
Soter am Ende des Jahres verrichtete Opfer wird zur Zeit des Lysias (XXVI 6) 
noch von den Archontcn durgebracht. 

2) Der früher von mir (Oid. II 172 f.) gemachte Versuch, ihn der ersten zu- 
zuweisen, ist mir mißglückt. 

12* 



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180 Gütt. gel- An*. 1!)I«. Nr. 5 u. 6 

geordnet sind die größeren Stücke nach dem Alter der Papyri, so daß 
die beiden ehrwürdigen aus Hibeh (3. Jahrh. v. Chr.) voranstehen. 
Auch an dieser Sammlung hat Sudhaus großen Anteil; sie ist wie ein 
letzter Gruß des Unvergeßlichen. Denn auch Otto Schröder ist ein 
Schüler von Sudhaus, und dieser hat ihm aus der Schassianischen Stif- 
tung, über die die Universität Kiel in beneidenswerter Weise ver- 
fügt, die Mittel verschafft, in London, Manchester, Oxford, Lille, Berlin 
und Straßburg die Papyri nachzukollationieren, eine Aufgabe, der er 
sich mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit unterzogen hat. So 
bildet die Ausgabe für diese Komödienfragmente, von deren keinem wir 
den Verfasser kennen, ebenso die zuverlässige und unentbehrliche 
kritische Grundlage, wie Sudhaus 1 in derselben Sammlung erschienene 
Menanderausgabe für die erhaltenen Reste des größten Meisters der 
vea. Reichen Ertrag hat diese Nachprüfung geliefert, besonders reich 
für die beiden Papyri Ghöran in Lille. Eine sehr hübsche Ent- 
deckung ist der Nachweis, daß Pap. Flinders Petrie 4 dasselbe Stück 
enthielt wie die Papyii Hibeh 5, Grenfell II 8 und Ryland 16, die 
alle drei von derselben Rolle stammen; wir werden dadurch um den 
Rest einer neuen und glücklicher Weise ziemlich verständlichen Szene 
bereichert. Sudhaus hat die Herstellung der Sammlung noch über- 
wachen können und manche Emendation und Ergänzung beigesteuert. 
Daß der Herausgeber diese Beiträge seines Meisters auch in solchen 
Fällen in den Text gesetzt hat, wo wir andern ihnen etwas kritisch 
gegenüberstehen, ist begreiflich. Auch an eigenen Ergänzungen hat es 
der Herausgeber nicht fehlen lassen, ja er ist darin nach dem Vorbild 
seines Lehrers vielleicht etwas weit gegangen, was indessen für den 
nächsten Zweck der Ausgabe, Serainarübungen zur Grundlage zu 
dienen, kein Schade ist; denn es gibt dem jungen Philologen Gelegen- 
heit, Kritik zu üben. Uebrigens ist es mit dem Ergänzen solcher 
Komödienfragmente ein eigen Ding. Einerseits kann man sie nicht 
vornehmen, ohne sich von dem Verlauf der Szene und weiterhin von 
der Handlung des Stückes eine ungefähre Vorstellung zu machen, die 
aber häufig auf bloßen Mutmaßungen beruhen wird. Andrerseits wird 
durch die vorgenommenen Ergänzungen auch wieder die Rekonstruk- 
tion beeinflußt, so daß zwischen Ergänzung und Rekonstruktion eine 
eigentümliche Wechselwirkung besteht. Der Verfasser hat daher gut 
(Uran getan, vor jedem Fragment auf den mutmaßlichen Inhalt des 
Stückes einzugehen. Die früheren Rekonstruktionen lehnt er meistens 
ab, und das mit Recht; Aber auch seine eigenen Rekonstruktionen 
halten öfters schärferer Prüfung nicht stand, und zwar weil er, wie übri- 
gens auch manche seiner Vorgänger, auf gewisse Fehlerquellen nicht ge- 
nügend geachtet hat. So ist es psychologisch ja gewiß begreiflich, daß- 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperU exceptis Menandreis 181 

•man es auf demselben Papyrusblatt immer mit denselben Personen zu 
tun zu haben glaubt ; aber man sollte doch auch mit der Möglichkeit 
rechnen, daß einzelne Personen abgetreten, andere neu aufgetreten 
sind. Um dies entscheiden zu können, muß man genau auf den Cha- 
rakter der einzelnen Personen, soweit er sich erkennen läßt, und 
den Ton ihrer Rede achten und seine Schlüsse vorsichtig und schritt- 
weise ziehen. 

Ich will dies an ein paar Beispielen zu zeigen versuchen. In 
Pap. Hibeh 6 (S. 3 ff.), dem ältesten von allen, finden wir zuerst einen 
Jüngling mit einem Sklaven vor einem Hause stehen. Aus diesem 
tritt alsbald ein Alter heraus, der seinem Sklaven, einer stummen 
Person, den Auftrag gibt, einen Korb, in dem dieser Brote gebracht 
hat, dem Numenios, von dem er entliehen worden ist, zurückzubringen 
und dann schleunig wiederzukommen. Dann wendet er sich an die 
beiden mit der Frage: xl ko]xi; X^sts 1 ). Natürlich handelt es sich 
um ein Mädchen 9 ff. 

TEP ooto)[c] 8i "f o[u]Sa(ttü[c ÖuvtjOct' xtnivai. 

NEA äü»c [g* oov] f ); a7ri)Xd6v; TEP fto&X»«] 4*tox*w. 

NEA w täv, [£x y ava|te]vü> Xaßsiv [ta]6rr]v efw; 

Der Schluß von 10 ist von Schröder, 11 von Sudhaus ergänzt. Das 
Mädchen hat sich, wie der Jüngling jetzt erfährt, entfernt, der Jüng- 
ling will ihm nach 3 ); der Alte hat in dem V. 8 eine Vorsichtsmaßregel 
in Aussicht genommen, die das Entweichen des Mädchens in Zukunft 
verhindern soll, aber die Ergänzung des verstümmelten Verses 

. . . -|eitair[ ]\l(ü\l LL&y oo^fe? xwXüei 

ist noch nicht gelungen. Daß aber dieser Alte auch der Vater des 
Mädchens sei, ist durch nichts bewiesen; klar ist nur, daß er das 
Liebesverhältnis begünstigt. Er rät dem jungen Mann, mit seinem 
Sklaven gleich eine Reise anzutreten. Hier kommt nun alles darauf 
an, den Sinn des zweimal gebrauchten ffoX£(uoc zu fassen. 

V. 12 ÄpWt[0V ] 6X TCoXfiJtLWV tpSÖfSTE. 

21 eis a&piov §' tJSt] tcoX£u.ioc ?ivou.ar 
TJevoito 3' etp^vT) iror\ tu Zeö dioKoza. 

äijiX'jotc • [••]? [ T ) s rcp*7l*äT(ov. 

Ist hier icoX£|uoc in bildlichem oder in eigentlichem Sinne zu ver- 
stehen? Blaß, der V. 12 Trpötov jiiv to<37c&p ergänzt und Schröder 
nehmen das erstere an, aber der Gegensatz, in dem an der zweiten 

1) -jfiec;] -zi ).£ftxt; Schröder. 

2) Schröder gibt eine Lücke von vier Buchstaben un ; Sudhaus ergänzt 
oüx, was jedoch zur Situation nicht paßt. 

3) Vgl auch 16 Btfp 1 aWjv äfeiv. 



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1**2 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Stelle jroXsjuoc zu stpijvT] gesetzt wird, beweist das letztere. Also 
wird man V. 12 zu 

rrp<üt| oji jj.iV aUTix*] ix lCoXeu.t(OV <psö"fst= 
ergänzen und V. 23 etwa 

SiäXuat«; [ouv u.staXXafij t]s Kpoc^LdttttV, 
nur daß diese letzte Ergänzung dem von Schröder zweifelnd gelesenen 
e keine Rechnung trägt. Natürlich muß V. 20 — 22 der Jüngling sprechen, 
dessen Rede in der Mitte von V. 14 mit elta 3tw; beginnt. Da aber 
auch der Anfang von V. 24 >j y*p dem Jüngling gehört, muß V. 23, 
obgleich unter V. 22 die Paragraphos fehlt, von dem Alten gesprochen 
werden, der in den Wunsch des Jungen einstimmt. Das Stück spielt 
also zur Kriegszeit, und im fr. b 92 ist von einem otpatönsdov die 
Rede. Der Vorschlag Gesandte zu schicken, den der Jüngling V. 25, 
wo Schröder die Frage richtig erkannt hat, macht, ist ganz wört- 
lich gemeint. Denn er gehört zum feindlichen Heer, das in einiger 
Entfernung von der Stadt lagern muß. Deshalb rät ihm der Alte 
aus der Stadt der Feinde zu fliehen (V. 12) und stattet ihn zu 
diesem Zweck mit Geld, das der Jüngling erst auf Dringen seines 
Dieners annimmt, und mit Reisekost aus (V. 27 — 31). Das Mädchen 
aber hält sich in der Stadt verborgen, und deshalb zögert der Lieb- 
haber, diese zu verlassen. Mit diesem Mädchen hat er ein Liebes- 
verhältnis, sei es erst während des Krieges, sei es, was wahrschein- 
licher ist, schon früher, angeknüpft, und in letzteiem Falle wird 
dieses, wie gewöhnlich in der Komödie, nicht ohne Folgen geblieben 
sein. Verkleidet hat er sich jetzt in die Stadt begeben und muß zu 
seinem Schrecken erfahren, daß die Geliebte ihr Vaterhaus verlassen hat. 
Der Alte geht ins Haus, um seiner Frau den Auftrag zu geben, 
die Reisekost zu rüsten, unterdessen soll der Jüngling das empfangene 
Geld nachzählen, V. 28fF. 

aptd(u,)ijoov ■ ev Toooöfttoi 8' eioi]a>v 
ftpöc tt)7 ^Dvaixa ßoöXop.* etasiv (?]t]v ejjv^v, 
sie tt,v 65öv Y £t' aota xava^xat' oxcoc 
&U.IU, 7rap' [fj|i]AV evöodsv oovoxsuäoTjt 

Die Ergänzungen sind schon von den eisten Herausgebern eingesetzt, 
bis auf Ttap' iffAv, was Sudhaus gefunden hat, während jene jcapövtwv 
schrieben. Die Worte bestätigen, daß der Jüngling in der Stadt ein 
Fremdling ist, sonst würde er sich die Reisekost aus seinem eigenen 
oder aus seines Vaters Hause holen, während er jetzt aus Bescheiden- 
heit genügsam damit versehen zu sein behauptet. 

Nachdem der Alte abgegangen ist, bleiben der Jüngling und sein 
Diener allein auf der Bühne zurück. Jener hält einen kurzen Monolog,. 



Original frorn 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptis Menandreis 183 

in dem er zuerst seiner Besorgnis Ausdruck gibt und dann die merk- 
würdigen Worte spricht: V. 36 ff, 

"EXXrj[|t. ßs]ßai[a>c] (patvsrai tt« toüc Tponouc 

6 Aiiuia[c £]v[$pu>]«oc ' äXXa rrjt Töx^t 

oudev 8ta[^ spstv] ^atvsd', 6|j. sr|o]ei xaxü>;. 
Die sichere Ergänzung des ersten Verses stammt von Blaß. Aus 
diesen Worten hat man erstens geschlossen, daß der abgegangene 
Alte Demeas heiße, und zweitens, daß er arm sei. Aber dieses ist 
ausgeschlossen; ein Verarmter springt nicht so mit dem Gelde um 
und bietet nicht so freigebig Reisekost an. Wenn wir also wirklich 
in der ersten Szene die Bekanntschaft des Demeas gemacht haben, 
so hat diesen das Schicksal an einer andern Stelle getroffen als am 
Vermögen. Aber daß mit Demeas dieser Alte gemeint sei, ist nur 
eine von mehreren Möglichkeiten. Dieser Demeas kann auch noch 
auf andere Weise in die Handlung des Stückes verflochten gewesen 
sein; er könnte z.B. der Vater des Mädchens sein, das der Jüng- 
ling liebt. 

Schröder nimmt an, daß nach dem Monolog die beiden Personen 
abgehen, aber das ist ganz unmöglich. Sie sollen ja auf die Wieder- 
kunft des Alten warten, und wenn der Jüngling abgehen wollte, so 
müßte er es nach einem festen Gesetz der Komödie sagen. Die 
beiden bleiben also auf der Bühne und hören das folgende Gespräch 
mit an. Es tritt nämlich nun ein Alter auf, der zunächst ins Haus 
hinein seine Frau schilt: 39 ff. 

•pva:, ti ßoi>X[ei ; vV] At\] su,ß[poVt]7]t\ afe 

vüv tfpa>To[v sx ttJc] Qtxtfac xb na]t8iov 

xXdci? 7rEp[ißaX[o]öV [afitö xob^i w]poteaai; 

sjjo) cpepstfs] aotö 8eü[pö u,oi* rcij xäc $üpac. 
So Schröder mit Benutzung der Ergänzingen der ersten Heraus- 
geber , Körtes und Sudhaus'. Der Alte verlangt, daß seine Frau 
ihm ein Kind herausgebe, das diese nicht lassen will; darauf gibt er 
denselben Befehl seinem Gesinde. Es folgt ein anfangs stichomythisch 
verlaufendes Zwiegespräch mit der inzwischen aufgetretenen Frau, 
dessen Ergänzung, da nur die ersten Vershälften erhalten sind, noch 
nicht weit gediehen 1 ), dessen Inhalt aber ganz klar ist. Das Kind 

1) Namentlich machen die beiden Verse 43. 44, mit denen die Hede des 
Alten schließt, Schwierigkeit. Sicher steht was Schröder gelesen und ergänzt hat: 

xctx[(ü;. 
Früher las man nämlich töv, wonach das Paar einen Sohn haben müßte. Es ist klar, 
daß tt,v ^utTEpsv utv TtaiSa von einem Verbau abhängt, das in V. 44 stand und 
zu dem xmüc gehört, also etwa xm[<ü; BiaU^aiu. Dann gehört fpa-Jt V/ju in einen 



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l.s-1 Gütt. gel. Anz. 1918. Nr. 5 a. 6 

ist von der Tochter des Paares heimlich geboren und durch ein altes 
Weib ins Haus eingeschmuggelt worden. Die Tochter scheint zur 
Zeit nicht anwesend zu sein, und die Mutter äußert die Besorgnis, daß 
man sie nicht werde verheiraten können, wenn ihre Schande ruchbar 
wird (V. 48). Darum will der Vater das Kind aussetzen. Allgemein 
nimmt man an, daß dieser mit dem Alten der ersten erhaltenen Szene 
identisch sei, und der Umstand, daß auch in dieser eine Ypaüc, und 
zwar von dem Jüngling erwähnt wird (V. 17), scheint dieser Annahme 
eine starke Stütz« zu geben. Und doch ist sie ganz unmöglich. Die 
Aufgeregtheit des Alten der zweiten Szene steht im schärfsten Kon- 
trast zu der Gelassenheit des Alten in der ersten, der ruhig häus- 
liche Befehle erteilt und seinem Schützling umsichtigen Rat gibt. Oder 
sollte er erst, als er V. 31 ins Haus tritt, um durch seine Frau die 
Reisekost einpacken zu lassen, die Anwesenheit des Kindes bemerkt 
haben? Auch das ist unmöglich; denn dann müßte dieses, nachdem 
er V. 2 in voller Seelenruhe aus dem Hause getreten ist, durch das 
alte Weib ins Haus gebracht worden sein, also nicht nur vor den 
Augen der Zuschauer, sondern auch des Alten selbst. Folglich sind 
die beiden Alten zwei verschiedene Personen, die sich zu einander 
verhalten wie der TcpeoßDtr^ [j.axponü)7ü>v zum Kpsaßürrjc 4j«|M&v *). Der 
zweite Alte hat in der Tat von der Entbindung seiner Tochter und 
der Einschmuggelung des Kindes erst vor kurzem erfahren; also muß 
er abwesend gewesen sein, sei es auf einer längeren Reise, sei es auf 
dem Lande. Bei seiner Ankunft oder als sie bevorsteht, flüchtigt 
seine Tochter aus dem Hause, vielleicht zu jener fpotü;. Alles das, 
die Einschmuggelung des Kindes, die Rückkehr des Alten, die Flucht 
der Tochter muß sich in den vorhergehenden Szenen vor den Augen 
des Publikums abgespielt haben; denn da in der zweiten Szene der 
Name des Alten nirgend genannt wird, muß er vorher schon aufge- 
treten und den Zuschauern bekannt sein. Es sind also zwei Häuser 
auf der Bühne; aus dem einen tritt der Alte der ersten, aus dem 
andern der Alte der zweiten Szene. Nun paßt aber alles das, was 
wir über die Zustände des zweiten Hauses ermittelt haben, genau auf 
das, was sich uns für die Familie der Geliebten des Jünglings er- 
geben hat; auch diese Geliebte ist entflohen, und auch an ihrem 
Schicksal hat eine 7paöc Anteil, wovon der Jüngling unterrichtet ist. 
Also ist dieser zweite Alte der künftige Schwiegervater des Jünglings, 
und es ist sehr möglich, ja wahrscheinlich, daß es der von diesem 

Nebeosatz oder eine Parenthese, aber es befremdet u. a. das Fehlen des Artikels 
vor fpaüs. 

1) S. Kotiert, Hie Masken der neueren Komödie 61 f. 



Original from 



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Schröder, Novae Comoediae fragmcnta in papyris reperta exceptis Mcnandreis 185 

lobend erwähnte Demeas ist (V. 37 f.). Der erste Alte ist als Nach- 
bar von allen Vorgängen genau unterrichtet und kann daher seinen 
Schützling auf dem laufenden erhalten, ja vielleicht zu seinen Gunsten 
eingreifen. Möglich daß er mit dem in fr. f V. 129 genannten So- 
stratos 1 ) identisch ist. 

Der Jüngling und sein Diener sind, wie wir sahen, während des 
Zornausbruchs des Demeas noch auf der Bühne, werden aber natür- 
lich von diesem nicht bemerkt. Der Jüngling aber hört das erregte 
Zwiegespräch des* Ehepaares an und errät, daß das Kind, das Demeas 
aussetzen will, sein eigenes ist. Sollte er da nicht eingreifen? Ich 
meine, ja. Daraus ergeben sich nun sehr interessante Verwickelungen ; 
denn da er dem feindlichen Heere angehört und verkleidet in der 
Stadt ist, muß er durch sein Eingreifen in Lebensgefahr geraten. 
Ueber den weiteren Verlauf der Handlung läßt sich aus den übrigeu 
sehr verstümmelten Fragmenten nichts erraten ; daß die Sache gut ab- 
läuft, versteht sich bei einer neueren Komödie von selbst und wird 
durch das von dem Jüngling dem Demeas gespendete Lob vorbe- 
reitet. Vielleicht erwies sich auch diesem die Töx^] nun plötzlich hold. 

Als zweites Beispiel wähle ich die viel besprochene Szene im Pap. 
Hibeh 5 fr. a. Die Komödie, aus der die in diesem und drei anderen 
oben genannten Papyri erhaltenen Bruchstücke stammen, schrieb man 
bekanntlich anfänglich dem Philemon zu und hielt sie für das Original 
der Plautinischen Aulularia, ein Wahn, der durch Leo gründlich zer- 
stört ist (Herrn, XLI, 1906, S. 629 ff.). Leo hat auch über die Szene, 
die uns hier gleich beschäftigen soll, das einzig zutreffende gesagt, 
wenn er mir auch noch nicht ganz das letzte Wort gesprochen zu 
haben scheint. Um so befremdlicher ist es, daß Schröder Leos Be- 
handlung als nicht glücklich bezeichnet und sich durch die Gießener 
Dissertation von Konrad Weißraann De scrvi atrrentis persona apud 
comicos Romanos 46 ff. imponieren läßt. Doch zuvor müssen wir kurz 
zusammenfassen, was sich aus den übrigen Fragmenten über die Hand- 
lung ermitteln läßt. Aus Pap. Grenfell 118, den Schröder mit Recht 
an die Spitze stellt, ersehen wir, daß der Sklave Strobilos, der in 
dem Stück der Träger der Handlung ist, von seinem Herrn den 
Auftrag erhalten hat, die Wohnung eines Mädchens zu erforschen 
und ihm zu ihrem Besitz zu verhelfen. Sein Mitunterredner, wie Leo 
erkannt hat, ein Freund des Liebhabers, rät ihn dies mit allem Fleiß 
zu tun, 

Ott rlfi ävotac (lsotöc f^v ttJ[v nat]6" ifowv. 

1) Doch könnte dort auch tu OTprcöi zu trennen und von dem Heer, zu dem 
der Liebhaber gehört, die Hedo gewesen sein. 



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18*» Gott. gel. Ans. 1018. Nr. 5 u. 6 

wie Schröder vortrefflich ergänzt hat. Strobilos erwidert, das Haus 
habe er schon gefunden, es sei ihm aber unmöglich gewesen, mit dem 
Mädchen in Verbindung zu treten, da es eifersüchtig bewacht werde ; 
auf diesen Gedanken führen die Anfänge der drei folgenden Verse: 
6 äSövatov tjv . . ., 7 aotTjv vo|iap'/ . . ., 8 ev Ci]Xoti>ici[ai. Aus der 
Erwähnung des Nomarchen haben Grenfell und Hunt richtig ge- 
schlossen, daß der Schauplatz des Stückes in Aegypten ist, was die 
spätere Rede des Strobilos (Pap. Hibeh 5 fr. a 51 ff.) bestätigt. Im 
Pap. Ryl. 16, den Schröder mit Recht an die zweite Stelle setzt, 
macht Strobilos seinem jungen Herrn Vorwürfe, weil er sich um einer 
Geliebten willen mit seinem Vater entzweit Dann läßt Schröder, 
wiederum mit Recht, die erste Kolumne des Pap. Flind. Petr. folgen. 
Hier lernen wir eine neue Figur, den Demeas, kennen, und es ist von 
einer Werbung um dessen Tochter die Rede. Das erkennen wir jetzt 
durch Schröders vorzügliche Lesung, während in Mahaffys Veröffent- 
lichung der Vorgang ganz unverständlich war. Ob nun aber Demeas 
dieser Werbung, wie Schröder meint, günstig oder ob er ihr ungünstig 
gegenübersteht, wer der in Aussicht genommene Bräutigam ist, ob, 
wie Schröder glaubt, der Herr des Strobilos oder der V. 28 genannte 
Stratege, wer der Hausfreund ist, der in diese Familienangelegenheit 
hineinredet, ob nicht vielleicht der Herr des Strobilos eine Schwester 
hat und der Sohn des Demeas ist, das sind Fragen, über die wir auch 
nach Schröders Nachkollation im Unklaren bleiben, wie ich auch 
nicht weiß, woraus er entnimmt, daß in der Szene auch die Frau des 
Demeas zugegen ist. Hier wäre ein ignoramus am Platze gewesen. 
Der Schluß dieser Szene ist arg verstümmelt am Anfang der ersten 
Kolumne von Pap. Hibeh 5 erhalten. Dann hat Schröder Aktschluß 
erkannt, und der Anfang der ersten Szene des nächsten Akts, wie 
es scheint des letzten oder vorletzten, ist es, mit dem wir uns hier 
beschäftigen wollen. Ich drucke ihn so ab, wie er bei Schröder 
steht, nur daß ich vor V. 48 auch dessen probeweise Ergänzung des 
Schlusses des vorhergehenden Verses einsetze. 

[XOPOT] 
42 (EITOBIAOS) ] tr,v 63öv 

ßooX]o|xai Yptfpsiv, J3oäv 

] [101 ftO'Et 

45 ä]toj(T]|i(it(!jv 

äJ^oXudstc. 



desunt versus ptrpauci 
(STPOB) [dittöv oe 8itv] 

vö[|ii|Ce AgjuffllSpc tpfyetv 'OXu|i7Cia * 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptis Menandreis 187 

£dv 8[t]fltffr{[l]t]c, Awjtffi ÄvdpWÄOc et 1 ). 
50 (NEAN) u> 'HpdxXsn;, tt ffot' eoti xb 76vevt]|iivov ; 
(ETPOB.) vöv otS' axptßw«, Stört tfj? olxoopiyqc 
ispä aaytöc «5ttj *qtlv ^ */«>P a P^fy 
xavddtSs xatfwjtxijxaat snÄvtec; o» dsot, 
xal vöv eY etal xal ^s^övaa'-v ev$43s. 

(NEANJj^pößt)^. (STPOB) "AjtgXXov xal dsot, toö 7rvsü|iatO€. 
55 (NEAN) n%l 5ooti>x6c 2 ). £t<p>ößiXs. (ETPOB) tt? x*x[Xv]]xe t*.e; 
(NEAN^s-r«. (STPOB) at> 5' st tt<; u> xpättote xw ^[ew]v. 

(i>C sie xaX[öv] o' söpa[x]a. (NEAN) tt a]i> ßoätc Ix* 07 ! 

Hier muß zunächst bemerkt werden, daß es eine den unkundigen 
Leser irreführende petitio prineipii ist, wenn angegeben wird, daß 
nach 46 nur sehr wenige Verse fehlen. Diese Behauptung beruht 
nämlich nicht auf Indizien, die der Papyros an die Hand gibt, son- 
dern auf der vorgefaßten Meinung, daß Strobilos sowohl die V. 42—46 
als die V. 47 — 49 spricht und dazwischen ununterbrochen fortge- 
sprochen hat, oder vielmehr geschrieen; denn man behauptet, daß 
Strobilos nach Weise der servi curreiites der römischen Komödie laut 
jubelnd hereingestürzt sei, um seinem Herrn einen glücklichen Fund, 
vermutlich handelt es sich um einen Schatz (V. 62), zu verkünden. 
Nun frage ich jeden, der ein bischen Stilgefühl und auch nur eine 
blasse Ahnung vom Theaterspielen hat, ob die bedächtigen Worte über 
die Heiligkeit Aegyptens und die dort waltenden Götter von einem 
laufenden Sklavenspieler herausgebrüllt werden können. Allerdings 
hat meiner Ansicht nach Schröder die Frage des Herrn in V. 57 
mit xi o[t> ßoät< s/uvv ; treffend ergänzt. Also hat Strobilos wirklich ge- 
brüllt, aber erst V. 56, wo er seinen Herrn bemerkend und erkennend 
in den Ruf ausbricht : J> xpdttots tüv {tsüv, w«; sie xaXöv o 1 söpaxa. Und 
wenn er vorher V. 54, als sein Herr laut seinen Namen ruft, sagt 
'AnoXAov xal dsot, toö jrvsöfiaToc, so heißt das: >um Himmelswillen, 
was der für einen Athem hat, was kann der schreien!« Die religiöse 
Reflexion aber V. 51 ff. will langsam und in getragenem Stil gesprochen 
sein, sie ist ganz im Tragödienstil gehalten — auch metrisch — und 
trägt den Charakter eines Prologs. Mit diesen Worten tritt Stro- 
bilos gemessenen Schrittes auf; denn sehr richtig hat bereits Leo er- 
kannt, daß in dem Fragment drei verschiedene Personen sprechen. 
Nur darin griff er fehl, daß er alle drei zusammen auf der Bühne 

1) Die Paragraphos wird hier und beim folgenden Vers, wie leider öfter, von 
Schröder nicht angegeben. 

2) Statt dessen Bteht im Pap. Flind. Pet. i wmyt;. 



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18rf üött. gel. Anz. 191Ö. Nr. 5 u. 6 

sein ließ und daß er den Herrn des Strobilos zum unbemerkten 
Lauscher machte. Aber die Person, mit der der Herr des Strobilos 
vorher gesprochen hat, ist schon bei V. 48 abgegangen, indem sie ihm 
den Rat gab, sich so eilig wie möglich aus dem Staube zu machen; 
die Worte käw 8*aipÖ77]ic als Selbstanrede des Strobilos zu fassen, wäre 
nur dann gerechtfertigt, wenn er verfolgt würde, worauf aber nichts 
in seinen Worten hindeutet. Schröders Ergänzung der vorhergehenden 
Worte [ihxTTÖv oe Seiv vö[[ii]Ce Adt[(A7c]t8oc xptftw 'OXüjtÄta trifft zwar 
gewiß den Sinn, aber den Namen des Lampis einzusetzen ist, so gut 
er sich zu den von Schröder erkannten Buchstaben fügt, doch sehr 
bedenklich; denn dieser war nach der Pausaniass teile (V 8, 7), die 
übrigens Schröder nur der Namensform wegen zitiert, der älteste 
Sieger in Pentathlon ; ein Lampis, der im olympischen Stadion gesiegt 
hätte, ist nirgends bezeugt, und hätte es einen solchen gegeben, es 
wäre von dem Dichter doch sehr ungeschickt gewesen, gerade diesen 
obskuren Olympioniken als Beispiel zu wählen, da jeder Hörer an den 
berühmten Fünfkämpfer denken mußte. 

Nun wird man einwenden, daß im Anfang der Szene dieselbe 
Stimmung herrsche, wie später in den Reden des Strobilos: auch da 
will einer sich freuen und schreien und glaubt sich vom Unglück er- 
löst. Muß denn das nicht doch schon Strobilos sein? Auch dieser 
Schluß ist nicht zwingend. Wer sagt uns denn, daß es nicht der Lieb- 
haber ist, der sich durch irgend einen Umstand dem Ziel seiner 
Wünsche nahe glaubt? Aber alsbald wird er aus seiner Illusion ge- 
rissen. Jemand anders tritt herzu, warnt ihn vor einer drohenden 
Gefahr und rät ihm eiligst davonzulaufen, worauf der für einen 
Augenblick allein auf der Bühne bleibende Liebhaber in die Worte 
ausbricht: <u 'HpAxXetc, zl tot 1 kozi tö YefEv^pivov; Konnte sich aber 
die hier skizzierte Szene innerhalb der erhaltenen 7 und der »sehr 
wenigen < ausgefallenen Verse abspielen? Ich behaupte, daß dies sehr 
wohl der Fall sein konnte, aber wir brauchen uns mit dieser Mög- 
lichkeit nicht weiter abzugeben ; denn es läßt sich aus der Beschaffen- 
heit des Papyros beweisen, daß die Lücke bedeutend größer war, als 
Schröder annahm. Die II. Kolumne des Fragments d des Pap. Hibeh 
(a bei Grenfell und Hunt) enthielt mindestens 16 Verse. Hätte sie 
nur diese 16 Verse enthalten, so hätten wir es mit ungewöhnlich 
kurzen Kolumnen zu tun; die Normalzahl ist 27 — 30 Verse. Die 
I. Kolumne enthält zwölf Verse, es fehlen also 15 — 18 Verse; mit den 
erhaltenen 7 Versen bekommen wir also für unsere Szene 22 — 25 Verse, 
und das ist wahrlich mehr als ausreichend. 

Sehr lustig ist nun, wie Strobilos seinem Herrn die Tatsache des 
Fundes zwar gleich mitteilt, aber seine und des Publikums Neugier 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptis Menandreis 181) 

dadurch aufs höchste steigert, daß er ihm ein Rätsel autgibt, aus 
dem das nähere erraten werden soll. Die Verse sind von Schröder 
trefflich hergestellt, und ich setze hier auch die Ergänzungen ein, die 
er zweifelnd in den Anmerkungen gibt, Pap. Grenf. II 8 fr. 2 V. 68 ff. 

(STPOß) [axipto&c 
vvwosi töT e]o*uc ooXXa{% [uäc- (NEAN) tt; (STPOB) iwp. 
(NEAN)™p; xb t]C; 5vo|ia titoöto; (ÜTPOB) itüp. (NEAN) äxijxoa. 
Und das Wort des Rätsels? Erinnern wir uns, daß das Stück in 
Aegypten spielt und daß die Griechen das Wort jropapic von stüp ab- 
leiteten, so ist die Vermutung wohl nicht zu gewagt, daß Strobilos 
den Schatz in einer Pyramide gefunden hat. Daß der Liebhaber mit 
Hilfe dieses Schatzes sein Mädchen loskauft und schließlich heiratet, 
versteht sich von selbst. 

Ein ähnliches Verkennen des Abtretens eines Sckauspielers liegt 
bei der ersten Szene des Pap. Ghöran II vor, obgleich gerade hier 
Schröder sehr vieles richtig gesehen und unsere Erkenntnis der Hand- 
lung gewaltig gefördert hat, noch über A. Körte hinaus, der seiner- 
seits die Irrtümer von Blaß und Jouguet berichtigt und im ganzen die 
große Szene zwischen den drei Freunden fast endgültig hergestellt 
hatte (Herrn. XLIII, 1908, S. 38 ff.). Wir müssen aber, um festen 
Boden zu gewinnen erst auf diese Szene eingehen. Kein Verständiger 
wird nach Körtes Darlegungen bezweifeln, daß die V. 105 — 159 ein 
Gespräch zwischen Phaidimos und Nikeratos darstellen, und nicht etwa 
vorher bis V. 125 ein anderer mit Phaidimos spricht. V. 160 tritt 
Chairestratos hinzu, der auf dem Weg nach dem Piraeus begriffen 
aus später zu erörternden Gründen umgekehrt ist. Wir erfahren, daß 
Phaidimos dem Nikeratos zürnt, weil er von diesem um seine Geliebte 
betrogen zu sein glaubt. Er erwidert daher dessen herzlichen Gruß 
kühl und macht ihm wegen seiner Untreue heftige Vorwürfe. Chaire- 
stratos, der es besser weiß, der weiß, daß Nikeratos sich vielmehr als 
edelmütiger Freund bewährt hat, klärt den Irrtum des Phaidimos 
auf, schickt aber vorher den Nikeratos ins Haus, >aus Zartgefühl«, wie 
A. Körte treffend bemerkt. Das Haus des Nikeratos war also auf der 
Bühne dargestellt. 

Warum aber ist Chairestratos auf dem Weg zum Hafen umge- 
kehrt? Er sagt es V. 160 ff. im Selbstgespräch uns selbst: 
oox <iH}(tffiT]v tic Xtpiva " aftotvnjoac jxe -fäp 
ou(iirXot)c avdotpstjiiv Tic etffwv, Ott »dXa: 
ajreXijXo&Ev Ssöpo. 
Also ein Reisegenosse des Freundes, den er abholen wollte, hat ihm 
mitgeteilt, daß dieser längst zur Stadt gegangen sei. Wer ist dieser 
freund? 



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1ÜÜ üött. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Ehe wir diese Frage beantworten, müssen wir eine frühere Stelle 
betrachten V. 105 ff.; diese druckt Schröder mit der Personenvertei- 
lung ab, die ihr Körte gegeben hat: 

(NIK) o)? oux airrjvKüv OO&XfLOÖ tüu 4>at8£|i.(ö'., 
abxbs (tsjj^v7)xa Ssöp 5 avaatp^ai; «aXtv. 
(4>AIA) |jtY] ffoXü SiTju/tprrjxa xbv Xaipiotpatov 

sie Xuiiva 7C*jt*}*a?. 

Wir hören also hier, daß Chairestratos nicht aus eigenem Antrieb, 
sondern im Auftrag eines andern nach dem Hafen gehen sollte, um 
den uns vorläufig noch unbekannten Freund abzuholen, und der Auf- 
traggeber soll Phaidimo8 gewesen sein. Aber das ist doch ganz un- 
möglich. Als Chairestratos nachher zurückkommt, begrüßt er sich 
folgendermaßen mit Phaidimos V. 163 ff. 

(XAIP) ttc outoc; &, NixTJ[p]at[oc], xai [4>at8t|ioc 

a&TÖc y' &>txs. X at P E ff0 ^ ( *i ^>a£5:[ie. 
(4>A1A) vi] xai oüt/ 1 , ü> Xaipfotpate. 
Kein Wort der Begründung dafür, daß er den Auftrag nicht ausge- 
führt hat, diese hat er vorher im Selbstgespräch vorgebracht, aber 
eine so herzliche Begrüßung, als ob sich beide seit langem nicht gesehen 
hätten. Und nochmals müssen wir fragen, wen denn Chairestratos 
im Hafen abholen sollte. Etwa NikeratosV Unmöglich, der hat ja, 
wie er uns V. 105 f. erzählt, auf irgend einer Straße den Phaidimos 
gesucht und ist dann, als er ihn nicht traf, umgekehrt. Oder ein 
vierter Freund, der in dem Gespräch gar nicht erwähnt wird? Ebenso 
unmöglich. Nein, die Sache löst sich höchst einfach. Nikeratos ist es, 
der Chairestratos zum Hafen schickt, und Phaidimos ist es, den er 
abholen soll. Phaidimos ist nämlich längere Zeit verreist gewesen. 
Diesen wichtigen Punkt, auf dem die ganze Verwickelung beruht, 
finde ich von Schröder gar nicht und von Körte durch die Wendung 
>nach längerer Trennung< (a.a.O. S. 47) nicht genügend hervorge- 
hoben. Der Tatbestand ist aber ganz unzweifelhaft. Chairestratos 
begrüßt bei seinem Auftreten den Nikeratos so gut wie gar nicht, um so 
feuriger den Phaidimos, und wenn er sagt xai 4>at5t^oc a&iöc f* Sotxe, 
so heißt das doch >da ist er ja selbst, den ich suche <. Ebenso herz- 
lich ist die Begrüßung des Phaidimos durch Nikeratos V. Ulf.: 

yjatpe, [ijtatpe (piXtaTS. 
TrepißaXe (p/), IxEteoco 
und vorher durch den Sklaven V. 78 ff.: 

^atpe rcoXXä, <J>atSt[is, 

fjOdTjv piv o*")V $fttV{S äxoöoac- 8ti rcapet ' 

Sü $' ev&aS 1 fjXfrs« 4]M* 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris repcrta cxccptis Menandrcis 191 

wie Sudhaus ausgezeichnet ergänzt. Wie aber dies in die oben ausge- 
hobenen Verse 105 ff. hineinbringen? Nun, zunächst verstehen wir erst 
jetzt die Worte des Nikeratos : <uc oux ebnjvtttv o&8öcjj,oö tot $fludt|LMt autöc 
u,euiv>]xa Seöp' ävaatpe^ac sräX-.v. Er hat erst sich selbst auf den Weg 
nach dem Hafen begeben ; da er aber nicht auf den Phaidimos stieß, 
fürchtete er, daß dieser auf einer anderen Straße die Stadt erreicht habe; 
um ihn nun nicht zu verfehlen, kehrte er um und blieb selbst in der 
Stadt. Man beachte dies abtöc; es verlangt gebieterisch einen Gegensatz, 
verlangt, daß Nikeratos einen anderen, eben den Chairestratos, in den 
Hafen schickt, für den Fall, daß Phaidimos doch noch im Hafen ist. 
Und das steht ja auch da, nur daß man diese Worte irrtümlich dem 
Phaidimos in den Mund gelegt hat: töv Xatpiotpatov eis Xtpiva zäjt- 
4ia«; sie bilden die Fortsetzung und zugleich den Gegensatz zu aotöc 
jtsu^vTjxa Ssöp ävaotp^ac näXtv, sind aber davon durch das kurze 
Selbstgespräch des Phaidimos: [s.'r> «0X0 onjjxäprqxa getrennt. >Daß ich 
nur nicht einen großen Fehler gemacht habe<, sagt dieser; worin 
dieser Fehler bestand, werden wir später sehen. Ein solches Hinein- 
reden mitten in den Satz eines andern ist etwas neues. Vergleichen 
ließe sich allenfalls die Szene der Aristophanischen Thesmophoriazusen, 
wo der vrfi$atifi zu dem Lied des Dieners des Agathon seine Glossen 
macht (V. 39 ff.) ; aber hier läßt der Spötter den Sänger wenigstens 
seinen Satz vollenden. Aber wo das neue so unzweifelhaft ist, müssen 
wir es anerkennen, und vielleicht soll der schiefe Strich, der vor V. 107 
über der Paragraphos steht, gleichfalls etwas neues, eben diese Unter- 
brechung mitten im Satz bezeichnen. 

Nun sind wir genügend vorbereitet, um uns die Verwickelung 
klar zu machen. Während der Abwesenheit des Phaidimos hat Ni- 
keratos dessen Geliebte in sein Haus genommen, um sie vor einer 
andern Heirat zu bewahren. Das geht einmal aus den von Sudhaus 
vortrefflich ergänzten Versen 148 f. hervor: 

%abtm toö icatßäc [*•* äfrcojarspstv 
uiXXovto; TjStwfxatc], qtö', [aöjrqv fau.etv f 
dann aus den Worten des Vaters des Mädchens V. 101 f.: 

xi jis ffsffÖTjxac, \K>?a*ep ; Sptt u.av\>ävai 

tö ;:päYu.a' ixet vöv eativ, ox; £otxe; 
Als nun Nikeratos die Rückkehr des Phaidimos erfährt, fürchtet er, 
daß dieser die Sache von andern hören und falsch deuten könne; 
wie denn V. 167 Chairestratos zu Nikeratos von Phaidimos sagt: oö 
or^oodsv TflvöTjXE. ott — . Er sucht also seiner so bald wie möglich 
habhaft zu werden, indem er zuerst selbst in den Hafen will, dann 
aber den Chairestratos dorthin schickt und den Phaidimos zu Hause 
erwartet Aber schon diese kurze Abwesenheit ist verhängnisvoll 



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192 Gott. gel. Ana. 1918. Kr. 5 u. 6 

geworden. Direkt vom Schiffe begibt sich Phaidimos zum Hause des 
Nikeratos, das, wie wir oben gesehen haben, auf der Bühne darge- 
stellt ist; mit diesem verbindet ihn langjährige Freundschaft V. 113 

tj piv auvijö'cta, rj tptXia, tö 3tä ^pövoo *), 
er hat ihn zum Vertrauten seiner Liebe gemacht V. 144 ff. 

o?3ac» si]it£ (tot, 
ipwvTct vffi fovaixöc avaxoftvoöv |xe rcjäv 
Ttpbs oaotöv, oüdfev tä>v su.ä[t)Toü ;rpa]7u.äTO)v 
xpiwtTovta ; 

So von Blaß, Jouguet und Körte treffend ergänzt. Von Nikeratos 
will er erfahren, wie es seiner Geliebten während seiner Abwesen- 
heit ergangen ist. Da erfährt er nun zu seiner Bestürzung, vermut- 
lich durch einen Sklaven des Nikeratos, daß sie in dessen Hause ist, 
und muß nun natürlich annehmen, daß der Freund sie ihm abspenstig 
gemacht hat. Dies war die erste Szene des Stückes; da neben dem 
jetzt, mit Einrechnung der Lücke von 14 Versen, 29ten Vers die Zahl 
P steht, fehlen am Anfang nur 71 Verse. Phaidimos tritt also nicht 
erst bei V. 78 auf, sondern ist schon während des ganzen Monologs 
des Sklaven, von diesem unbemerkt, auf der Bühne. V. 77 f. darf also 
nicht mit Sudhaus zu tootovi jifcv ouv 6pö> [irpooidvta £ätto]v oder mit 
Croiset zu rcpooiövta f -fj(u]v ergänzt werden, während der Vorschlag von 
Blaß TODtovi uiv oüv 6po> [4>aiöiu.ov ap 1 ait<5]v wenigstens der Situation 
gerecht wird. Richtig bemerkt Schröder, daß der Sklave ein Selbst- 
gespräch hält, bei dem weder seine Herrin noch vollends sein Herr 
zugegen sind; da er aber seine Herrin apostrophiert, V. 72 f. 

■^ttov, ü> SdoJtotva, os 

SeSotx' sfür/Js, tö|i rcatepa Se tootovl, 
wie Schröder probeweise, aber sachlich gewiß richtig ergänzt, so 
muß diese vorher für einen Augenblick sichtbar gewesen sein; ver- 
mutlich hat sie den Sklaven mit einem Auftrag in die Stadt geschickt. 
Der Sklave erzählt uns, daß der Alte von der Flucht oder Entfüh- 
rung seiner Tochter noch nichts weiß. V. 74 f. : 

töv tü>7 fefovötüjv 

oo£ev ffoddu.evojv, tö; eotxe, jüpaYiidwov. 

So von Sudhaus ergänzt. Und dah*r verdient Schröders Ergänzung 
des Anfangs von V. 74 töv optuoc eXdjtfvtot vor andern Vorschlägen, 
den Vorzug. Nun nimmt man allgemein an, daß der Sklave, nachdem 
Phaidimos, der ihn wohl mit Recht mit im Komplott glaubt, seine 

1) Von Jouguet Bull. d. corr. hell. XXX 1906, S. 143 Ä. 2 und Körte a. a.O. 
47 fälschlich auf die lange Abwesenheit des Pbaidinos bezogen, Tgl. Men. Sam. 279 f. 
cpxoc, ~ö9oc, ypfivoc, GuvV]8ti', 01s cÖoj/.oJuiy, tfw. 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptiß Menandreia 193 

freundliche Begrüßung schroff abgewiesen hat, dem heraustretenden 
Alten das Geheimnis verraten habe, während Phaidimos das Gespräch, 
von diesem unbemerkt, belausche. Ist das wahrscheinlich? Hat uns 
nicht eben der Sklave gesagt, wie sehr er sich vor dem Alten fürchte, 
wenn dieser die Sache erfahre? Und nun soll er ihn selbst aufklären? 
Ist es Sitte der Komödiensklaven, in solchen Fällen ihrem Herrn 
reinen Wein einzuschenken und nicht vielmehr sie auf jede erdenk- 
liche Weise hinters Licht zu führen und zu betrügen? Nein, nachdem 
ihn Phaidimos hat ablaufen lassen, ist der Sklave in die Stadt ge- 
gangen, um seinen Auftrag auszuführen. Phaidimos aber, vor Eifer- 
sucht blind, beschließt nun dem Alten alles zu verraten, damit dieser 
seine Tochter dem Nikeratos wieder abjage; soll er selbst sie nicht 
besitzen, so auch nicht Nikeratos. Er ruft nun den Alten heraus 
oder dieser tritt von selbst aus der Tür; das Haus liegt unmittelbar 
neben dem des Nikeratos, was die Entführung bedeutend erleichtern 
mußte. Alles das geschah in der erwähnten Lücke von 14 Versen. 
Von dem erhaltenen Schluß des Gesprächs gehören also die Worte 
V. 99 f. tivoc; ap' o&x] abxbz av fy&piaaac totaöta äoiüv, welche von 
Schröder aufgenommene Ergänzung A. Körtes jedoch so wenig völlig 
befriedigt wie die früher von andern vorgeschlagenen, und das be- 
stätigende ixet V. 102 nicht dem Sklaven, sondern Phaidimos. Am 
Schluß von V. 104 hat Schröder sehr fein ap' «pt[ata]t[a]i; gelesen 
und ergänzt. Er gibt diese Worte dem Phaidimos, wogegen mich 
aber bedenklich macht, daß vor ap' kein Doppelpunkt zu stehen scheint. 
Könnte man sie nicht dem Alten lassen? Dieser hat vorher mit sich 
selbst gesprochen V. 103 s. 

otov Ttsftonjxac, $t>Yatep; o&x Sv <2>«5u/r]v, 

d&yattp" xi taöxa, dÖYatep; 
Unterdessen hat sich Phaidimos still, zwar nicht von der Bühne, aber 
von der Haustür entfernt; dies wird der Alte jetzt erst gewahr, fragt 
erstaunt: ap' wpiaxazai; >geht er fort< ? und kehrt in sein Haus zu- 
rück. So hat Phaidimos in seiner Leidenschaft den wohlgemeinten 
Plan seines Freundes zerstört; denn nun der Alte den Aufenthalt 
seiner Tochter kennt, kann er sie zurückfordern und den Nikeratos 
rechtlich belangen. So ist eine Verwicklung geschaffen, die zu lösen 
die vier übrigen Akte nötig waren. Phaidimos hat allen Grund, schon 
gleich darauf stutzig zu werden und sich betroffen zu fragen : pä koXu 
Si^naptTpca; Kann das Stück auch nicht von Menander sein, so war 
doch sein Verfasser kein unbedeutender Dichter. 

Die Fabel des Pap. Ghöran I bleibt, obgleich auch hier Sudhans 
und Schröder vieles richtig gesehen, verbessert und ergänzt haben, 
doch noch recht dunkel. Aus fr. III (I bei Jouguet) ersehen wir, daß 

Gilt E ol. Am. 1918. Nr. 6 o. 6 13 



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194 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

ein Mädchen — denn daß es sich um ein solches handelt, betont 
Schröder mit Recht — von seinen Eltern gerade an dem Tage wieder- 
gefunden wird, an dem deren Sohn Moschion eine Nachbarstochter 
heiraten soll. Aus der erstaunten Frage dieses Mädchens V. 71 

6 Moaxfav ÄSsX^öc Iu.dc &[otiv, rc&tep; 

ersehen wir, daß es diesen Moschion schon kennt, und vielleicht fol- 
gert Schröder hieraus mit Recht, daß er seiner unerkannten Schwester 
nachgestellt habe und die ihm bestimmte Braut nicht möge. Weniger 
wahrscheinlich ist die weitere, übrigens mit allem Vorbehalt ausge- 
sprochene Vermutung Schröders, daß dieser Moschion ein Adoptiv- 
sohn sei; denn daß fr. II 25 ff. von einem solchen die Rede wäre, ist 
keineswegs sicher, sondern erst durch Sudhaus 1 Ergänzungen hinein- 
gebracht, Das Mädchen war nicht ausgesetzt, sondern einer fremden 
Frau übergeben worden, die gerne Kinder haben wollte: trjv x6x" 
altoöaav t£xva fr. III 44 ist prachtvoll von Schröder gelesen und her- 
gestellt. Als es erwachsen war, scheint es in die Hand eines Bordell- 
wirts gekommen zu sein. Da nun in fr. I (VII Joug.) der Plan ent- 
worfen wird, die bürgerliche Abkunft eines Mädchens durch einen be- 
stochenen falschen Zeugen zu erweisen, so gehört dieses, wie Schröder 
erkannt hat, vor fr. III. Fr. I hat nun Schröder zwischen zwei Per- 
sonen verteilt und mit Sudhaus 1 Hilfe folgendermaßen ergänzt: 

A ]wv aTroXeoÄVTwv TtouSCov 

t) X7]Ssu.6vi] 5<5vt<i)v xpitpsw, ^ töv ttfrov 
oösv elotv, £Y]7 e TP au -ui vtüV äiXXa>c ixsi — 
B. ouxoov ^aXe;c]öv itoz iotiv o5ta> u-aptupetv j 
5 A. u.&ptopa] totoötov av ttc eupot iroXXaxoö 

fcvtaöd 1 J]v aoTst. B. toö 5' "EXeoaCc iati, xal 
ttc £|iifrD]p(c ff0t) — A* xlc voijast, rcpöc ^ eAv 

et ]nsttat S7)|iO(; etc ti« ; B. oo tax 

u.'] ÄtpeXxöaatc äv. A. el 8k nepiu.6Vü>, 

ob ooö Y6vi3<3et(ai)] £tt Xifovtoc eonipa; 
Abgesehen von" dem mehr zerhackten als aufgeregten Charakter dieses 
Dialogs, in dem der eine den Plan als leicht, der andere als schwer 
ausführbar bezeichnen soll, macht mich gegen diese Verteilung der 
Umstand stutzig, daß nirgends in dieser Kolumne eine Paragraphos 
erhalten ist (Doppelpunkte scheint die Handschrift nicht zu setzen). 
Auch sind die beiden Aposiopesen keineswegs schön und machen ganz 
den Eindruck eines Notbehelfs. Versuchen wir einmal, ob es nicht 
mit zusammenhängender Rede geht, wobei ich mir einige andere 
Ergänzungen vorzuschlagen erlaube, was ich aber nicht verstehe, 
unergänzt lasse: 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptis Menandreis 195 

rcoXXwv ÄoXtT]wv ') airoXeaävttov irat&ov 
7) X7]8s|iövi] 8(5vtü)v tpfyeiv, if) tov töjtov 
3\tev slotv, ^frefpaituivcov ÄXXwc exsi, 
ooxoov ^aXeirJöv irot* iotlv oütco u,apTDpeiv. 
5 [täptopa] totoötov Äv tt? eopot TroXXa^oö 
<Jieu5oo<; £]v äotsc toüö'. "EXsootc iott xai 

]op£c Äoo. tEc voTJoet, jrpöc foüv, 

Jicettat Sf)[to<; et« tt«;. oi xayp 

] atpeXxüaa'.? Äv. 

Soweit geht es doch vortrefflich, nur daß wir das letzte weder ver- 
stehen noch ergänzen können, denn Schröders Erklärung: >si fallitur 
vel si commtttatur vicus nnus< und die Ergänzungen XaXtöv oder oxvoo 
u.' a<peXx6oatc £v befriedigen nicht. Auch wissen wir nicht, was in 
diesem Zusammenhang die Erwähnung von Eleusis soll. Sudhaus 
dachte an die verrufene Vorstadt von Alexandreia und wollte auch 
dieses Stück in Aegypten spielen lassen. Aber es handelt sich hier 
doch nicht darum, wo das Mädchen gegenwärtig ist, sondern woher 
es stammt oder stammen soll. Und daG der Schauplatz Athen ist, 
wird durch die Erwähnung der XajiTcaSTjipdpoc fr. HI 50 fast sicher- 
gestellt. So kann nur das attische Eleusis gemeint sein. Möglich daß 
der Bordellwirt das Mädchen dort aufgelesen hat und daß die beiden 
Freunde das ausgekundschaftet haben. Oder daß man auch in Eleu- 
sis falsche Zeugen auftreiben kann. Aber die Bemerkung: >wenn 
ich bleibe, bricht über deinem Geschwätz der Abend an< muß doch 
dem andern gehören, da sie sich auf den lebhaften Sprecher bezieht, 
und die Paragraphos wird mit dem Anfang des Verses verloren ge- 
gangen sein? Vielleicht, aber möglich ist auch, daß wir damit einen 
Witz zerstören. Können wir es doch täglich erleben, daß gerade die 
größten Schwätzer ihren geduldigen Zuhörern Gesprächigkeit vor- 
werfen, und die Partikel 56 scheint darauf zu deuten, daß derselbe 
weiter spricht; also 

st Bk neptuivu», 
YsvTJaetai aoö fe] £tt Xdfovtoc iaiäpa, 

wie ich Sudhaus 1 Ergänzungen leicht modifizieren möchte. Daß nun 
diese lange Rede an Moschion gerichtet und das Mädchen, um das 
es sich handelt, seine unbekannte Schwester ist, halte ich mit Schröder 
für sehr wahrscheinlich. 

So sicher es nun scheint, daß Fr. III hinter I gehört, so zweifel- 
haft ist das bei Fr. IL Hier erzählt ein offenbar sehr erregter Jüng- 

1) Die Ergänzung ist für die Lücke zu groß und nur beispielsweise ein- 
gesetzt. 

13* 



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196 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 6 u. 6 

ling, ein Sklave habe ihm Mitteilungen gemacht, nach denen, wenn 
auch nur etwas davon wahr wäre, alle Bürger an dem Schicksal eines 
gewissen Mädchens Anteil nehmen müßten 34 ff. 

aXX 1 stfaejß [|tövov 
toötcdv aXtjÄÄc & dspäncov tt [vöv X^fCt, 

arcaoiv Y][ ] l ) tote «oXitatc ^ *[°'p>l 

oux äXXotpta. 

Die Hyperbel, daß die ganze Stadt an seiner Geliebten, wenn sie ein 
Bürgermädchen sei, Interesse nehmen müsse, wird man dem verliebten 
jungen Mann zu gute halten. Daß es sich wieder um die Schwester des 
Moschion handele und Moschion der Sprecher sei, ist eine sehr an- 
sprechende Vermutung Schröders. Dann muß aber dies Fragment 
vor Fr. I gestellt werden ; denn die hier gemachte Entdeckung ist die 
Voraussetzung für das Komplott Daß die Worte V. 34 toX|M]t§ov 
•/Ap äcttv schon auf die Befreiung des Mädchen zielen, ist wenig 
glaublich; aber wir können den Zusammenhang nicht verstehen, da 
der Anfang fehlt. Es scheint sich um eine Streitszene im Bordell zu 
handeln, an der außer Moschion noch drei andere junge Männer be- 
teiligt sind. V. 31 bedeutet die Ergänzung Schröders Xifovta toötooc 
tol><; X0700C inefiddtnjv eine Entgleisung, die er mittlerweile wohl 
selbst gemerkt hat; denn rcetöeadai heißt nicht >überreden<, sondern 
> gehorchen <, und regiert nicht den Akkusativ, sondern den Dativ; 
man könnte also feeia 1 £*ro> schreiben; aber der Gedanke scheint mir 
überhaupt schief. Ich schlage vor: 

X&fOVTa tofctouc toüc XrifODC ^7r6[t|t* £7(1), 

•ijiol Bk xal to6tük xi Kpäfy.* Äotftv; 1 X£f<i>v. 

'|dj toöcov iflsXv töv tpösrov XaXe[tv rcp&ret* 

ToX|i>]t6ov ?4p lattv., 
wobei es aber fraglich ist, ob die drei letzten Worte noch zu dem 
Selbstzitat gehören oder bedeuten: >In solcher Lage und an solchem 
Ort muß man etwas wagen<. Inwieweit nun der Plan mit dem fal- 
schen Zeugen zur Ausführung kam und inwieweit dadurch die Erken- 
nung herbeigeführt oder gefördert wurde, entzieht sich gänzlich unserer 
Kenntnis. 

Es scheinen aber auch mehrere Nebenhandlungen hineinverflochten 
gewesen zu sein. So führt (fr. IV) ein sehr junger und züchtiger 
Sohn, schwerlich noch, wie Schröder meint, ein Kind bei seiner Mutter 
über einen Kameraden Klage, der gegen ein Mädchen zudringlich und 
für die Zurechtweisung seines Sklaven taub gewesen sei. Da fr. II 20 

1) Schröder bemerkt, daß Jougnets dem Sinn nach vortreffliche Ergänzung 
rju.iv] zu kurz sei. 



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Schröder, Novae Comoediae fragmenta in papyris reperta exceptie Menaodreis 197 

ein alter Sklave, der o'.xötpttp Apö|uov mit höchster Anerkennung ge- 
nannt wird, könnte es sich um diesen handeln. Derselbe Alte weiß 
V. 28 f. von einem Mädchen, dem es schlecht geht 

X7]v uiv rcctp#6vov 
5taxet|iiv7]v] vöv otSev ivöefiotepov. 
Schwerlich ist damit die Schwester des Moschion gemeint. Ganz 
rätselhaft ist ferner die Eingangsszene des auf die Erkennung fol- 
genden Aktes. Eine Person will einer anderen ihren Namen nicht 
nennen V. 79 

B. t(c 6t|tt; u,a xöv "Hyatotfov, od aeöoTji. A. tt (p\jc; 
wie Blaß schön ergänzt hat. 

Die Behandlung der kleinen Fragmente ist im ganzen metho- 
disch. Nur daß im Fragment aus den Heroen des Timokles (S. 61) 
die glänzende Emendation von Wilamowitz 

'Epjtfjc d[k] 6 Mala? taöta oovötaxtopet, 
äv fy ffpödo|ioc (für avTtir[pJo^6(iü)c) 
nicht nur nicht in den Text aufgenommen, sondern in der Anmerkung 
sogar abgelehnt wird, muß jedem unbegreiflich erscheinen. Ein sorg- 
fältig gearbeiteter Index ist auch dieser Fragmentsammlung in dan- 
kenswerter Weise beigegeben. 

Trotz kleiner Mängel haben wir eine Arbeit von großer Gediegen- 
heit vor uns, die dem Verfasser und seinem Lehrer alle Ehre macht. 

Halle (Saale) G. Robert 



Umlaut und Brechung im Altsch wedischen/; Eine Uebersicht 
von Axel Kuek (Lunds Universitets Ärsskrift. NF. Avd.l, Bd 12 Nr 1). Lund: 
Gleerupi Leipzig: Uarraßsowitz 1916. V, 391 S. gr. 8°. Kr. 7,50. 

Die Lautentwickelungen, denen man seit alters die Namen Umlaut 
und Brechung zu geben pflegt, sind bekanntlich von der größten Be- 
deutsamkeit für die nordischen Sprachen gewesen. Vor allem haben 
diese Lautentwickelungen während der spät urnordischen und der ge- 
meinnordischen Zeit den Lautbestand der altnordischen Sprachen um- 
gestaltet. Die Lehre von dem Umlaute und der Brechung ist dem- 
nach auch schon seit lange ein Gegenstand eifriger Forschungen ge- 
wesen. Unter den Forschern, die unsere Kenntnisse von den be- 
treffenden Erscheinungen begründet oder erweitert haben, ragt über 
alle anderen Professor Axel Kock in Lund hervor. Seit vielen Jahren 
hat er in verschiedenen Zeitschriften außerordentlich wertvolle Bei- 
träge zur Lösung dieser Fragen gegeben. Es dürfte allgemein an- 
erkannt sein, daß diese Beiträge in den wichtigsten Punkten der 



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198 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u.6 

Umlauts- und Brechungslehre für die heutige Auffassung der meisten 
Mitforscher grundlegend gewesen sind. 

Eine zusammenfassende Darstellung der Fragen hatte es jedoch 
bisher nicht gegeben. Es muß deshalb das vorliegende Buch, in 
welchem er, vor allem seine eigenen früheren Untersuchungen ver- 
wertend aber auch in großem Umfange diejenigen anderer Forscher 
berücksichtigend, eine Uebersicht über die ganze Umlauts- und Bre- 
chungslehre gibt, mit der größten Freude und Dankbarkeit begrüßt 
werden. Obgleich die Darstellung in erster Linie die Lautverhält- 
nisse des Altschwedischen berücksichtigen will, ist es selbstverständlich, 
daß auch die Umlauts- und Brechungserscheinungen der anderen alt- 
nordischen Sprachen in großer Ausdehnung behandelt werden. 

Da die Ergebnisse für den außernordischen Sprachforscher von 
größtem Interesse sein dürften, glaube ich den besten Nutzen zu ge- 
währen, wenn ich der folgenden Besprechung die Form eines einiger- 
maßen ausführlichen Referates gebe, in welchem vor allem die ur- 
nordischen und gemeinnordischen Lautverhältnisse berücksichtigt werden. 
Ich glaube, daß ein solches Referat um so mehr erwünscht sein mag, 
weil die den außernordischen Lesern am leichtesten zugänglichen 
Handbücher (auch z. B. Noreens Geschichte der nord. Sprachen in 
Pauls Grundriß) teils sehr kurzgefaßt sind, teils oft in wichtigen 
Punkten von den hier dargestellten Auffassungen abweichen. 

Der a-Umlaut. 

1. Die Regel für den a- Umlaut von i ist von Kock schon vor 
vielen Jahren in den >Beiträgen zur Gesch. d. deutschen Sprache u. 
Litt.< 23, S. 544 ff., in folgender Weise formuliert worden: in urnor- 
discher Zeit geht i in kurzer Wurzelsilbe in e (awestn. e, aostn. ce) 
über, wenn in der nächsten Silbe ein a-Laut folgt, jedoch nicht, wenn 
die palatalen Konsonanten Je oder g dem z-Laut unmittelbar voran- 
gehen. Beispiele: urnord. *wiraR >Mann< (lat. vir): aisl. ver % aschw. 
vcersbropir >Schwager< ; aisl. nibr > hinab < : aschw. nmpan >von unten 
her<; ahd. sib >cribrum< : aisl. sef t aschw. swf > Binse«; urnord. 
*skriba: aisl. skref, dän. skreev >Schritt<. 

Da in vielen Fällen in urnord. Zeit in den Paradigmen ein 
Wechsel zwischen Formen mit a und solchen mit anderen Vokallauten 
in der Endung stattfand, so sind von demselben Worte oft Doppel- 
formen entstanden, z.B. aisl. slibi > Schlitten <: aisl. jfa&r, aschw. slccpi 
(< Kas. obl. *sliban) f aisl. stigi, aschw. stighi > Leiter < : aisl. stegi\ 
Part. Perf. aisl. bebinn (< urnord. *bibanaR usw.) 1 ): aschw. bipin 

1) Betreffs der Endungen des Part. Perf. in urnord. Zeit ist die Darstellung 
Kocks Beiträge 23: 484 ff. zu vergleichen. 



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Kock, Umlaut und Brechung im Altschwediscben 199 

(aus synkopierten Kasus Dat. bipnum usw.)i adän. trceffwen > betrieb- 
sam < : aschw. privin u. a. — Wenn eine schwedische Form mit ä 
(aschw. cb) erst spät belegt ist, so ist es, wie Kock hervorhebt, zwei- 
felhaft, ob diese durch den a-Umlaut zu erklären ist, weil in gewissen 
schwedischen (besonders uppländischen) Dialekten in alten kurzen 
Wurzelsilben eine lautgesetzliche Entwickelung von älterem t zu ä 
eingetreten ist; so z.B. alt. neuschw. stäghe >Leiter< (aschw. stighi), 
spät aschw. spceni >Zitze<, alt. neuschw. späne (aisl. speni: aschw. 
spint), alt. neuschw. sädlian >nachher< (aisl. aschw. sißan, agutn. se- 
pan), alt. neuschw. skräfwa >Bergspalte< (aschw. biwrghskriva). In 
Fällen wie den angeführten, wo die betreffenden Formen in der 
reichssprachlichen Literatur nur eine sehr begrenzte Anwendung ge- 
funden haben (allgemein neuschw. stege, spene, sedan, skreva mit e 
aus älterem i), dürfte m. E. die letztgenannte Erklärung vorzu- 
ziehen sein. 

Daß der a-Umlaut in kurzer Wurzelsilbe nicht eintrat, wenn ein 
palataler Konsonant dem i-Laute unmittelbar voranging, zeigen z. B. 
aisl. aschw. skip >Schiff< (< *skipa) 1 aisl. aschw. skin > Schein < (< *skina) t 
aisl. gil > Bergspalte * (<*gila). Daß derselbe Uebergang in langen 
Wurzelsilben überhaupt ausgeblieben ist, geht aus Wörtern wie 
aisl. ßskr, aschw. fisker > Fisch < (<*fiskaR) t aisl. digr, aschw. digher 
>groß< (<*digra-) t aisl bitr, aschw. bitmr >beißend< (<*bitra-) u.a. m. 
hervor. 

2. Der a-Umlaut von « vollzieht sich nach Regeln, die in 
mehreren Beziehungen von denen des a-Umlautes von i abweichen. 
In urnord. Zeit geht w sowohl in langsilbigen wie in kurz- 
s i 1 b i g e n Wörtern in o über, wenn in der nächsten Silbe ein a 
folgt. Jedoch tritt der Umlaut nicht ein, wenn nasaler Konsonant 
+ Konsonant, ggto oder i, j nach dem Stammvokale steht, in Fortis- 
silbe auch nicht, wenn ein w dem u vorangeht und zugleich ein If 
ihm folgt. Vielleicht tritt der Umlaut (wenigstens in Fortissilbe) 
auch nicht ein, wenn der u-Laut von dem a durch ein bb getrennt ist. 

Der Eintritt des o-Umlautes von u ist über einen großen Zeit- 
raum verbreitet gewesen. Schon in der allerältesten urnordischen 
Zeit ist m, außer in den Lautverbindungen Mm, «n, vor einem a der 
Endung in o übergegangen, wie bes. aus urnord. horna >Horn< (Galle- 
hus) ersichtlich ist. Aus ungefähr derselben Zeit dürfte der o-Laut 
stammen in Wörtern wie aisl. aschw. torf >Torf< (<*turba), borp 
>Brett< (<*burba) t fom >alt< (<*furnaS), spor >Spur< (<*spura) 
usw. Erst gegen Ende der urnord. Zeit trat der a-Umlaut ein, wenn 
dem tt einfaches m oder n folgte, z.B. *sumaraR > aschw. somar 
>Sommer<, *pumala- > aschw. poniaJfinger >Daumen<, Gen. Sing. 



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200 Gott. gel. Ans. 1918. Nr. 5 u. 6 

*kunalt > aisl. konar, Acc. Sing. *bruna > aschw. brona > Brand« u.a. 
Zur selben Zeit trat der «-Umlaut auch in solchen Fällen ein, wo das 
Endungs-a aus älterem ö entstanden ist, z.B. *husö > *husa: aisl. 
aschw. hosa > Strumpf«, Inf. *lukkön > *lukka(n): aisl. aschw. lohka 
>locken«. Aus der verzögernden Wirkung, die ein m oder n auf den 
Eintritt des a-Umlautes ausüben, erklären sich die Part Perf. aisl. 
numinn und suminn (< urnord. *nwnanaR etc.), weil zu der Zeit, 
als der a-Umlaut in diesem Falle eintrat, das a der Endung schon 
in c* übergegangen war: *numcnli etc. (> aisl. numinn etc.). 

Daß der «-Umlaut unter gewissen, oben genannten, Bedingungen 
überhaupt nicht eintrat, zeigen z.B.: aisl. stumra > schwanken«, Part. 
Perf. fundinn, spunninn usw. ; aisl. dynja >ertönen« (< *<funjan), aisl. 
yppa > aufheben« (< *uppian)\ aisl. aschw. skugga Acc. Sing. > Schatten« 
(< *skuggwan), Part. Perf. aisl. hnugginn, brugginn (< *hnuggwanaR 
etc.); aisl. ulfr, aschw. ulver >Wolf« (<*wulfaR)\ aisl. lubba >großer 
Dorsch«, hlubba > Keule«, aschw. skrubba > Höhle«, siubbe > Stumpf« 
u. a. — Für einzelne abweichende Formen mit o statt « in der Stamm- 
silbe gibt Kock hinreichende Erklärungen. Nur die Entwickelung der 
Lautgruppe wulfa- mag besonders erwähnt werden. Daß in dieser 
Lautgruppe der a-Umlaut in Fortissilbe ausblieb, geht aus dem ge- 
nannten aisl. ulfr, aschw. ulver (neuschw. ulv) hervor — schwed. dial. 
olf >Wolf«, olfa >wie ein Wolf heulen«, olvon »Viburnum opulusLin.« 
sind durch einen späteren Uebergang « > o vor supradentalem l + v 
zu erklären — ; dagegen ist der a-Umlaut in Semifortissilbe einge- 
treten, wie die Komposita aisl. Ornolfr, Botolfr, aschw. Fastolf, Grim* 
o//*usw. beweisen. 

Da in den meisten hierhergehörigen Wörtern das umlautende a 
nur in gewissen Beugungsendungen stand, während die übrigen andere 
Vokale hatten, ist in den meisten Fällen ursprünglich ein regelmäßiger 
Wechsel zwischen Formen mit o und solchen mit u in der Stamm- 
silbe vorhanden gewesen. Nur selten, und zwar in einigen kurz- 
silbigen Wörtern, ist dieser Wechsel in der historischen aschw. 
Sprache noch ersichtlich, z.B. Nom. kona: Kas. obl. Jcunu >Weib«, 
stova ; siuvu >Stube«, höla : hulu >Höhle«, sonadottir >Tochter des 
Sohnes«: Dat. Plur. sunum >Söhnen«, Nom. hf: Dat. luvi >ErIaubnis«, 
Inf. Jcoma >kommen<: Part. Perf. Jcumin u.a. Besonders tritt diese 
Neigung, den lautgesetzlichen Wechsel beizubehalten, in altostgot. 
Denkmälern hervor. 

Im allgemeinen aber ist in dem einzelnen Worte entweder o oder 
u zur alleinigen Herrschaft gelangt, oder sowohl o wie u werden in 
allen Formen des Wortes angewandt. Bei diesen Ausgleichungen sind 
in den meisten Fällen die umgebenden Konsonanten bestimmend ge- 



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Kock, Umlaut and Brechung im Altschwedischen 201 

wesen, indem einige das >>, andere das u begünstigt haben. So hat 
schon das ältere Altschwedisch fast ausnahmslos o vor supradentalem 
r (rö, r/, rn, rs):orp >Wort«, skorta >fehlen<, forn >alt<, fors >Strom- 
schnelle< usw., meist vor supradentalem l (lk t Im, lp): folk > Volke, 
holmber >kleine Insel <, Stolpe (istulpe), oft vor kk: stokher >Stamra< l 
stokka Verb (: stukker, stukka) usw., dagegen vor dentalem l meistens 
uz fahler >voll<, huld > Fleisch«, kullc >Hügel< u.a. Andrerseits be- 
gegnet einem, wo die eben genannten Tendenzen der Sprache den o- 
Laut nicht fordern, nach labialen oder labialisierten Konsonanten 
meist u: hup >Gebot<, bulsier >Polster<, fughl >VogeU, gup >Gott<, 
gul >gelb<, ruf >Bruch«, hugher >Sinn<, hui >Loch< usw. — Es ist 
aber zu beachten, daß die verschiedenen aschw. Dialekte in dem 
Wechsel von o und u von einander beträchtlich abweichen. Besonders 
ist hervorzuheben, daß das Altwestgotische (in Uebereinstimmung mit 
dem Altnorwegischen) das o in größerem Umfang als die anderen 
aschw. Dialekte aufweist, während das Altostgotische und noch mehr 
das Altgutnische den «-Laut bevorzugen. 

Die Regeln für den a-Umlaut von u sind früher von Kock, be- 
sonders Beiträge 23: 511 ff., Svensk ljudhistoria 2: 49 ff., dargelegt 
worden. Seine Ansichten sind in wichtigen Punkten von Hultman 
Hälsingelagen S. 182 ff. bestritten, aber von Kock Arkiv för nordisk 
filologi 26: 97 ff. m. E. in völlig überzeugender Weise verteidigt 
worden. 

Es muß besonders hervorgehoben werden, daß nur ein a (altes 
oder aus ö entwickeltes), nicht — wie früher allgemein angenommen 
wurde — auch ein ä und ein ö die a-Umlautung eines i und eines 
u bewirkten. Dies ist besonders aus den Formen der mask. und fem. 
«-Stämme ersichtlich. Falls nicht nur a t sondern auch te und o den 
Umlaut hervorgerufen hätten, würden diese Stämme in allen Kasus 
(außer Dat. Plur.) den Umlaut gehabt haben (*slibw >shbi t *shban> 
skba, *bugie > *bogi } *bugan > boga ; *wikö > *zvcka, *wikön > *wcku t 
*hulö > hola, hulön > Violu usw.), und die unumgelauteten Formen : 
aisl. slibi, bitgi, aisl. aschw. viku t aschw. hula usw. wären unerklärlich, 
da sie nicht aus dem einzelnen Kasus Dat. Plur. hergeleitet werden 
können. Diese nicht umgelauteten Formen erklären sich dagegen in 
natürlicher Weise aus Nom. Sing. *slibte > shbi, *bugte > hugi, Kas. 
obl. *wikOn > viku, *hulön > hulu usw. und beweisen dadurch, daß *8 
und ö den a-Umlaut nicht bewirkt haben. 

Als ein besonders bedeutsames Resultat von Kocks Untersuchungen 
ist weiter hervorzuheben, daß der a-Umlaut nicht eine urgerma- 
nische Spracherscheinung ist, wie man früher allgemein meinte uud 
wie die Sache noch öfters in den Handbüchern dargestellt wird, son- 



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202 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 a. 6 

dem eine sondersprachliche, deren nähere Regeln aus den 
Lautverhältnissen der verschiedenen germanischen Sprachzweige her- 
auszufinden sind 1 ). 

Der e-Umlaut. 

Unter dem Namen i-Umlaut (in weiterem Sinne) faßt Kock die 
Lautentwickelungen zusammen, die darin bestehen, daß in spät-urnor- 
discher und gemeinnordischer Zeit durch den Einfluß eines folgenden 
palatalen Lautes gutturale Vokale und Diphthonge in die entsprechenden 
palatalen Vokale und Diphthonge übergegangen sind, der palatale Vokal 
e noch weiter zu i palatalisiert worden ist. Der letzte Uebergang 
wird nur von einem folgenden i oder i (d. h. konsonantischem i) — 
unter Umständen (vgl. unten) nur von einem i + R (palatalem r) — 
bewirkt; die Palatalisierung von Gutturalen und Diphthongen tritt 
außerdem vor einem unmittelbar hinter dem Vokal oder Diphthong 
folgenden R und vor den palatalen Konsonanten k, j, ng ein. 

Die wichtigsten von diesen Erscheinungen sind die des t- und 
des j-Umlautes, besonders weil diese einen überaus großen Teil des 
gemeinnordischen Wortvorrates lautlich umgestaltet haben. 

Lautgesetzlich hat ein in urnordischer Zeit verloren gegangenes 
i den Umlaut nur nach langer Wurzelsilbe bewirkt (*dömibö : 
aisl. demda >ich beurteiltem *gastiR: aisl. gestr >Gast<), dagegen nicht 
nach kurzer (*talibv: aisl. talda >ich erzählte <, *daniR: aisl. danr 
>Däne<). Ein in der Sprache dauernd erhaltenes i hat sowohl in 
kurzsilbigen wie in langsilbigen Wörtern Umlaut hervor- 
gerufen (*lukilR: aisl. lykill > Schlüssel <, *bandilR; aisl. bendill >Band<, 
*stabxR: aschw. Plur. stcepir >Orte<, *gastiR: aisl. Plur. gestir >Gäste<). 
Diese Tatsachen werden in folgender Weise erklärt: Der t-Umlaut 
ist in zwei verschiedenen Zeiträumen eingetreten, indem 
zuerst nur ein fortfallendes i den Umlaut bewirkte, Bpäter ein erhal- 
tenes i. Diese beiden Umlautsperioden sind durch einen Zeitraum, 
in dem der Umlaut überhaupt nicht eintrat, getrennt gewesen. Da 
nun der kurze Endvokal t, wie teilweise auch die anderen germani- 
schen Sprachen lehren, nach langer Wurzelsilbe früher als nach 
kurzer synkopiert worden ist, so ist also das Endungs-i nach langer 
Wurzelsilbe während der ersten Umlautsperiode fortgefallen 
(*gastiR> gestr usw.), nach kurzer dagegen während der umlaut- 
losen Zwischenzeit (*taliba> talda usw.). Während der zweiten Um- 
lautsperiode hat ein erhaltenes i t wie auch ein erhaltenes i den 

1) DaB diese neue Auffassung noch lange nicht durchgedrungen ist, hat der 
Rcz. erfahren, als er im Sommersemester 1914 den Vorlesungen eines hervorra- 
genden deutschen Germanisten zuhörte. 



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Kock, Umlaut und Brechung im Altscbwedi6chen 203 

Umlaut bewirkt (HuküR > lylcill, *bandilR > bendill, *talian > telja > er- 
zählen < usw.). 

Daß die obigen Regeln auch für den Umlaut von c gelten, geht 
— wie Kock schon vor vielen Jahren, Beiträge 27: 166 ff., erwiesen 
hat — aus vielen Beispielen hervor, wie einerseits *bcmiö > aisl. 
aschw. bima >Bärin<, *spcllian > aisl. aschw. spilla >verderben<, 
*seßidö > aisl. siglda > segelte < usw. mit nach langer Wurzelsilbe 
fortgefallenem i und pelili > aisl. pilir >Völkernarae<, *bcbilaR t aisl. 
bidill, aschw. blpll >Bewerber<, *berhtl> aisl. birti >Glanz<, *sct'ian> 
aisl. sitja, aschw. sitia >sitzen< usw. mit erhaltenem i oder f , andrer- 
seits Pret. *$ewibö > aisl. seba >nähte<, Gen. Flur. *Vcniba > aisl. 
Vcnda >VöIkername< usw. mit nach kurzer Wurzelsilbe synkopiertem 
i\ — Dies steht fest, auch wenn einige von den von Kock angeführten 
Beispielen mit kurzer Wurzelsilbe, wie ich glaube, nicht stichhaltig 
sind: *$kelinöPuR > *sJcelnapR > aisl. skialnaür > Unterschiede, Plur. 
urnord. *crilöR > aisl. jarlar (wozu analogisch Sing. jar[), Kas. obl. 
*Beri!;an (ahd. Bcricho) > aisl. Bjarka (wonach Nom. Bjarki), die 
m. E. eher aus Formen ohne Mittelvokal (*s!cclnöpuR t *erlöR t *BerJcari) 
zu erklären sind. 

Aus diesen Verhältnissen ist aber der für die germanische Laut- 
lehre wichtige Schluß zu ziehen — was leider noch nicht allgemein 
anerkannt zu sein scheint — , daß der i-Umlaut von e gleichzeitig 
oder im wesentlichen gleichzeitig mit der Umlautung gutturaler 
Vokale und Diphthonge eingetreten, also keine urgermanische 
Erscheinung ist (vgl. übrigens schon Bugge, Arkiv för nord. filologi 
8: 9 f.). 

Die genannten Regeln für die Umlautung gutturaler Vokale 
und Diphthonge werden durch eine große Menge Beispiele bestätigt. 
Aeltereu Umlaut haben also langsilbige Wörter wie *sandian: aisl. 
senda, aschw. scenda >senden<, *fnllian: aisl. aschw. fylla >füllen<, 
*lütiR: aisl. leetr >läßt<, *födidö: aisl. fedda, aschw. fedde >ich gebare, 
jüngeren Umlaut z.B. *full%: aisl. aschw. fylli >Fülle<, *aspia: aisl. 
espi >Espenholz<, *katilR: aisl. ketill, aschw. kcetil > Kessele, *sutiun: 
aisl. setja, aschw. scetia >setzen<, *hul'ian: aisl. hylja, aschw. hylia 
>hüllen<- Ohne Umlaut erscheinen kurzsilbige Wörter wie Vtuliöö: 
aisl. huldu, aschw. hulde >ich hüllte<, *bati$tani aisl. baetan >den 
bestenc, *daniskan (Acc. Sing. Mask.): aisl. danskan >dänisch<, *sta- 
biR: aisl. stabr >Ort< usw. Den Umlaut dieser Wörter hat Kock 
früher besonders im Arkiv 4: 141 ff., Beiträge 14: 53 ff., 15: 261 ff., 
18: 417 ff. behandelt. 

Betreffs der absoluten Chronologie dieser Entwickelungen 
glaubt Kock mit Hilfe der Runeninschriften und anderer Zeugnisse 



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204 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

feststellen zu können, daß der ältere t-Umlaut ungefähr um das Jahr 
700, der jüngere gegen Mitte des zehnten Jahrhunderts begonnen 
hat. Doch sind die chronologischen Verhältnisse in verschiedenen 
Teilen des Nordens von einauder mehr oder weniger abgewichen. Von 
besonderem Interesse ist die Frage, wie lange die jüngere Umlauts- 
periode währte. Nach den Zeugnissen einer Menge Wörter mit aus 
älterem e, m oder a entstandenem i in der Endung, die niemals um-- 
gelauteten Vokal zeigen (aisl. faäir < *fadär t Dat. Sing, hundi < *hunde t 
Part. Perf. bundinn < *bundanaR usw.), muß die umlautende Wirkung 
eines i im allgemeinen sehr früh (in Dänemark z. B. schon im Be- 
ginn des 11. Jahrhunderts) aufgehört haben. Die Lautentwickelung 
einiger aschw. und adän. Wörter könnte darauf hindeuten, daß in 
gewissen Dialekten die jüngere t- Umlautsperiode erst bedeutend 
später abgeschlossen wurde, und daß unter Umständen auch ein se- 
kundäres i den Umlaut erzeugte. Die Beispiele sind jedoch, wie Kock 
auch selbst bemerkt, nicht sicher. 

Ein schwieriges Problem bieten die Komposita, deren erstes Glied 
ein i~ oder ?'a-Stamm ist. Sowohl lang- wie kurzsilbige Kompositions- 
glieder erscheinen gewöhnlich (bes. im altwestnordischen) ohne Um- 
laut: aisl. kvdnfang (ikvcen, kvdn >Weib<), dttrunnr (:celt t dit >Ge- 
schlccht<), bonorb (: ben, bön >Bitte<), marfyl (imcrr >Stute< < *marhiö), 
salkona (*sali-kunö), Haraldr (< *IIaria-tcalduR) usw. In einigen Wör- 
tern tritt jedoch t-Umlaut auf, ohne daß dies durch Einfluß der Sim- 
plicia erklärt werden kann, z.B.: aisl. bryllaup, aschw. bryllop > Hoch- 
zeit < (<*britdi~hlaupa) t agutn. bryttuga > Begleiterin der Braute 
(< * brüdi-tugö) , aschw. mylfagh > Handfaß < (< * mundi-laugö) , aisl. 
Herjulfr (< *Harj i a-wulfaR). Kock sucht diesen Wechsel in folgender 
Weise zu erklären: Komposita, die den Fortis (normalerweise) auf 
dem ersten Gliede trugen, verloren das Endungs-i dieses Gliedes 
vor der älteren i-Umlautperiode l ) und haben deshalb lautgesetzlich 
keinen Umlaut (*kväni~fang>kvän-fang usw.); Komposita aber, die 
den Fortis auf dem zweiten Gliede hatten, bekamen t-Umlaut, weil 
bei solcher Akzentuierung — Semifortis auf der ersten, Levissimus auf 
der zweiten und Fortis auf der dritten Silbe — das i des ersten 
Gliedes bis auf weiteres erhalten blieb und erst während der jüngeren 
/-Umlautsperiode Umlaut bewirkte {fbrüdi-hldupa > *bryd~hlaup > bryl- 
laup usw.). 

Es bleibt aber m. E. sehr fraglich, ob das levissimusbetonte i 
wirklich im letzteren Falle länger erhalten geblieben als im ersteren 

1) Daß ein i früher im Kompositum als im Simplex verloren ging, zeigen 
z.B. a salhauffum Snoldelcv C. 800— 325: sitilt Uök C. 850 und andere runische 
Formen. 



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Kork, Umlaut und Brechung im Altschwedischen 205 

oder umgekehrt im ersten Falle früher geschwunden sein sollte als 
im letzten. Vielleicht am wahrscheinlichsten läßt sich der Eintritt 
des Umlautes als die lautgesetzliche Entwickelung annehmen — dies 
auch in den kurzsilbigen i-Stämmen, weil in den Kompositis das i 
früher als in den Simpliciis verloren ging. Das Fehlen des Umlauts 
wäre dann durch spezielle Faktoren zu erklären. Was die t-Stämme 
betrifft, möchte ich glauben, daß (wie Kock es für gewisse Komposita 
von «-Stämmen wahrscheinlich gemacht hat, vgl. unten) 1 ) statt des 
lautgesetzlichen % durch Einfluß der überaus zahlreichen a-Stämme in 
späturnordischer Zeit fakultativ a in die Kompositionsfuge eingetreten 
ist: *kväna-fang statt *kväni- t *sa1a-hmö statt *sali- usw. Ob es 
möglich ist, dies auch für die ia- und ia-Stämme anzunehmen, mag 
dahingestellt bleiben (vgl. jedoch got. andalans: andtis). Die Frage 
nach der Vertretung dieser Stämme in Kompositis ist aber auch in 
anderen Hinsichten noch sehr dunkel. 

Der riMJmlaut. 

Während ein i nach kurzer Wurzelsilbe im allgemeinen keinen 
Umlaut bewirkt, ist doch dies nach Kock der Fall, wenn dem i ein 
palatales r (11) unmittelbar folgt: *]>cwiR: aisl. j>u* >Magd<, *weniB: 
aisl. vinr >Freund<, *segiR: aisl. sigr >Sieg<, *sctiR: aisl. sifi- >sitzt<, 
*hnutiR: aschw. nyter >Nüsse<, *batiRa: aisl. betri, aschw. beetri 
>besserf, *komiR: aisl. kernt >kommt<, *furiR: aisl. ferr > fährt <, 
*gladiR: aisl. gledr, aschw. gimper > freut« usw. Kock hat dieser Erschei- 
nung, über die er schon im Arkiv för nord. filologi 8: 256 ff. gehan- 
delt hat, den Namen iÄ-Umlaut gegeben. 

Die Existenz dieses Lautgesetzes ist mehrmals (in letzter Zeit 
von Lindroth Indog. Forsch. 29: 173 ff.) bestritten worden. Obgleich 
aus Kocks Beweismaterial einige Wörter ausgesondert werden sollten 
— die supponierten «-Stämme aisl. glytnr, gnydr, gyss, kylr, ys$> pyss 
sind nämlich m. E. gewiß am richtigsten als ia- (bezw. i»-)Stämme 
aufzufassen — und obgleich die übrigen Formen meistenteils auch 
anders erklärt werden können, scheint es mir doch festzustehen, 
einerseits daß durch Kocks Annahme alle die bezüglichen Kategorien 
die natürlichste Erklärung finden, andererseits daß gegen diese An- 
nahme kein positives Zeugnis von Belang angeführt worden ist. 

Der i?-Umlaut. 
Der palatale r-Laut (R) hat in gemeinnordischer Zeit einen un- 
mittelbar vorangehenden gutturalen Vokal oder Diphthong derart be- 
ll Retrpfl* dnr t'-Stfimmo vgl, üiu-Ii jetat Kock im Arkiv för nord. filol. 
30: 355. 



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20C Gott. gel. Anz. 1918. Nr. öa.6 

einflußt, daß er wie unter dem Einfluß eines i oder * in den ent- 
sprechenden palatalen Laut übergegangen ist. Diese Lautentwicke- 
lung ist jedoch in den verschiedenen nordischen Mundarten in sehr 
verschiedener Ausdehnung eingetreten. In den westnord. Sprachen 
und besonders im Isländischen ist sie in großem Umfange durchge- 
führt, indem die meisten hierhergehörigen Wörter den lautgesetz- 
lichen Umlaut haben, z.B. *kaR>kcr >Gefaß<, Fem. Plur. *ßaR> 
Pier >sie<, *i gäR>i gar >gestern<, *auRa> cyra >Ohr«, *diuR> 
dyr >Tier< usw. Im Altschwedischen zeigen vorzugsweise die Ur- 
kunden aus Västergötland und Östergötland diesen Umlaut, die alt- 
schwedische Literatursprache verwendet sonst unumgelautete Formen : 
fair, i gar, Pa(r), fa(r) >bekommt<, hori >Hase< usw. In modernen 
schwedischen Dialekten findet sich der Umlaut besonders im Gutni- 
schen und in der Mundart von Dalarna. Offenbar ist also der Jl- 
Umlaut auf ostnord. Gebiete nur in gewissen Gegenden eingetreten. 

Der Palatalumlaut. 

Mit diesem Namen bezeichnet Kock die in gemeinnordischer Zeit 
eintretende Lautentwickelung, durch die ein gutturaler Vokal in den 
entsprechenden palatalen übergeht, wenn demselben ein palatales /-, 
g, ng (d.h. &i, gi, ngi) folgt. Auch dieser Vorgang ist in den ver- 
schiedenen Teilen des Nordens in verschiedener Ausdehnung einge- 
treten. 

Im Altisländischen ist nur ein kurzes a, dieses aber regelmäßig, 
dem Palatalumlaut unterworfen: *flake (>*flnkie >) flelci, *drake > dreki, 
*sage > segi, *akenR > ekirm, *dragenR > dreginn, *fangenR > fenginn 
usw. Im Altnorwegischen findet sich nach Kock Umlautung auch 
eines langen ä in Personennamen wie JEsgeir (aisl. Äsgeirr), JEskel 
(aisl. Ashell). Möglicherweise sind jedoch m. E. diese erst relativ 
spät belegten Naraenfonnen aus dem Dänischen entlehnt. 

Im Ostnordischen sind die Beispiele des Palatalumlautes über- 
haupt seltener. Nur sporadisch begegnen einem also Formen mit 
umgelautetem kurzen a: Part. Perf. drceghin, tcekin, gcengit neben 
gewöhnlichen draghin, takin usw.), Dat. Sing, endceghi. Dat. Sing. 
dieghi, dezdceghi u. a. (Ein unsicheres Beispiel ist m. E. Dat. Sing. 
Thorshcerghe : TJwrsharylie, das wohl eher aus einer Flexion als u- 
Stamm zu erklären ist). Im Gegensatz zu den Verhältnissen im West- 
nordischen scheint aber der Umlaut hier auch andere Vokale als a 
getroffen zu haben. Auf diese Weise erklärt sich nämlich am besten 
der umgelautete Vokal in Formen wie adän. Esger (aisl. Äsgeirr), 
aschw. adän. Therkil (< *ßör-k(etil), adän. aschw. Tyke (< Nom. * Tu- 
kie : Tuke < Kas. obl. *Takan) u.a. 



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Kock, Umlaut and Brechung im Altschwedischen 207 

Allgemeine Bemerkungen zu dem i- und i-Umlaut (in weiterem 
Sinne). 

In den allermeisten Fällen von i-Umlaut (von i, i, R, -iR, ki, gi, 
ngi hervorgerufen) gehört, wie auch die oben angeführten Beispiele 
zeigen, der umgelautete Vokal einer Fortissilbe. Der Umlaut tritt 
aber auch in Semifortissilben ein. Dies geht vor allem teils 
aus umgelauteten Ableitungen von Kompositis, teils aus solchen Kom- 
positis hervor, deren zweites Kompositionsglied Umlaut hat, ohne daG 
dies — da entsprechende Simplicia fehlen — durch analogischen Ein- 
fluß erklärt werden kann. Beispiele der ersten Kategorie sind : aisl. 
Freysgyblingar (: Freysgobi), Olme&lingar (lOlmödr), Islendingar (-.Is- 
land), Beispiele der zweiten: aisl. kostheldi (:hald), aschw. uphcelde 
(:hald), aisl. hrattlendi (:land) t aschw. ungfelke (:folk) u.dgl. Das- 
selbe erweist aber auch Ableitungssilben wie aisl. Plur. gefendr (: Sing. 
gefandi), aisl. faberne (< -arnia) usw. — Dagegen tritt in Infortis- 
silbe kein Umlaut ein, woraus u. a. Formen wie Gunnarr (< -*}iarjaR) t 
Ragnarr u. dgl. sich erklären. 

Betreffs der Betonung des Umlaut wirkenden Lautes ist es selbst- 
verständlich und auch nie bezweifelt worden, daß ein in Fortis- 
silbe stehendes i keinen Umlaut bewirkt hat. Es ist von gewissen 
Forschern (z.B. von Wadstein in Svenska landsmälen XIII. 5: 24 fF., 
Beiträge 17: 423, zum Teil von Noreen Aschw. Gram. § 61) ange- 
nommen worden, daß auch ein in Semifortissilbe stehendes i 
keinen Umlaut hervorgerufen hat. Daß diese Ansicht falsch ist, be- 
weisen aber, wie Kock schon in Beiträge 18: 459 f. gezeigt hat, mit 
voller Sicherheit Komposita wie aisl. ymiss (< *ümiss-), aschw. hynds- 
sima (< *hund-) t aschw. cenUtc (< andliti), vor allem aber eine Menge 
Wörter, die mit den Endungen -ing(c), -ling{e), -ning abgeleitet sind: 
aisl. drozplingr (idrdpa), kelling (:karl) } gceslingr ('.gas), aisl. Yifingar 
(:Ulfr), aschw. dretning (idrottin), aschw. syklinger (isokker), aschw. 
haüfninger (: halver) usw. Diese Komposita und Ableitungen hatten 
normaliter Semifortis auf dem zweiten Kompositionsglicde bzw. auf der 
Ableitungssilbe. Wenn dgl. Ableitungen fakultativ oder immer unumge- 
lauteten Vokal haben , wie aschw. hofpinge (: hofpinge) , drotning 
(: dretning), arvinge (:o5rvinge), afling usw., so beruht dies wesentlich 
darauf, daß sie von den Simpliciis analogisch beeinflußt sind, zum 
Teil aber auch darauf, daß die Endungen -ing{e) usw. bisweilen mit 
Fortis akzentuiert waren. 

Fraglich ist es m. E., ob — wie Kock meint — auch die anorw. 
Namen JEsgeirr, jEsbiorn, JEskell, aschw. JEsbiorn, Eskel, Thyrbiorn, 
Thyrgils u. a. als eine Stütze der obigen Regel betrachtet werden 
können. Da die Personennamen bekanntlich in dem Satze sehr oft 



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208 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

unbetont verwendet werden, scheint mir am ehesten anzunehmen zu 
sein, daß in diesen Wörtern der ursprüngliche Semifortis des zweiten 
Gliedes fakultativ zum Infortis reduziert worden ist, und daß diese 
Akzentreduktion in diesen Fällen eine Bedingung für den Ein- 
tritt des Umlautes gewesen ist, während die gewöhnlicheren Formen 
ohne Umlaut (awcstnord. Askcll, Asbiorn, aschw. Thorbiern usw.) laut- 
gesetzlich aus der Semifortisbetonung des zweiten Gliedes hervor- 
gegangen sind. Wenn dies richtig ist, sollte also Kocks Regel in der 
Weise modifiziert werden, daß wohl ein i, nicht aber andere palatale 
Laute den Umlaut bewirkten, wenn sie in einer Semifortissilbe 
standen. 

Ein i-Laut, der in urnord. und gemeinnord. Zeit lang war, hat 
keinen Umlaut bewirkt, wie vor allem aus den Adjektiven auf aschw. 
•likcr, aisl. 'ligr, den Adverbien auf aschw. ~U!ca, aisl. -liga und den 
aisl. Adjektiven auf -igr (aus älterem -lg-) ersichtlich ist: aschw. lof- 
lilicr, manliker, aisl. lofligr, mannligr, aschw. loflika, braplika, aisl. 
lo/liga, bräbliga, aisl. malt igr, naubigr, hunnigr usw. Wenn ausnahms- 
weise umgelautete Formen erscheinen, z. B. aschw. bryüiker, (Mika, 
hylkith, so beruht dies darauf, daß der lange t-Laut dialektisch 
vor dem Abschluß der i-Umlautsperiode verkürzt worden ist. Durch 
einen Wechsel zwischen langem und (wegen Schwachton der bezüg- 
lichen Silbe) fakultativ verkürztem i erklären Bich die Doppelformen 
aisl. Astridr, aschw. Astridh: anorw. JEstrip, adän. Estridh u. dgl. 

Es gab zu urnordischer Zeit zahlreiche Wörter, die in gewissen 
Formen einen Umlaut bewirkenden i- (i-)Laut hatten, in anderen da- 
gegen nicht, und in deren Paradigmen also lautgesetzlich umgelautete 
und nicht umgelautete Formen mit einander abwechselten. Dieser 
lautgesetzliche Wechsel ist aber in vielen Fällen in den altnord. Lite- 
ratursprachen nicht beibehalten worden: der umgelautete bzw. der 
unumgelautete Vokal hat durch Uebertragung sein lautgesetzliches 
Gebiet überschritten oder ist sogar zur Alleinherrschaft gelangt. Auch 
sind die lautgesetzlichen Formen oft von Seiten verwandter Wörter 
beeinflußt worden. Diesen Verhältnissen widmet Kock in dem vor- 
liegenden Werke eine genaue Aufmerksamkeit. Da die Wege der 
Ucbertragungen und der analogischen Einflüsse im allgemeinen ziem- 
lich klar liegen, sollen hier nur ein paar besondere Fälle erwähnt 
werden. 

Im Altschwedischen kommen neben den erwarteten Formen mit 
t-umgelautetem Vokal von einigen kurzsilbigen neutralen /«-Stämmen, 
wiewohl sehr selten, auch unumgelautete Formen vor. Kock erwähnt 
rap, neuschw. tatl > Wette« (:i'cvp), ftai > erhöhter Fußboden« (:/fa/), 
fol einmal »Füllen« 0/yO« sJcaJVem. und Neutr. >Schale< (isLv'ffisler, 



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Kock, Umlant und Brechung im Altschwedischen 209 

aisl. skel). Es ist von einigen Forschern angenommen worden, daß 
Nom.-Acc. Sing, und Plur. dieser Stämme ursprünglich (urgermanisch) 
auf -* (nicht -ja) ausging: *flati usw., woraus lautgesetzlich flatu&w. 
entstand. Daß dies nicht richtig sein kann, geht, wie Kock hervor- 
hebt, aus dem finnischen Lehnworte lattia (< *flatia) hervor. Außer- 
dem wäre es bei dieser Annahme sehr auffallend, daß die lautgesetz- 
liche Nom.-Acc.-Form niemals auf altwestnordischem Gebiete anzu- 
treffen ist, wo nur flet, veb usw. erscheinen. Die genannten Kasus 
haben also unzweifelhaft die Formen *flatia bzw. *flatiu usw. gehabt. 
Für die unumgelauteten aschw. Formen hat Kock zwei alternative 
Erklärungen vorgeschlagen. Nach der einen sind aisl. flet, aschw. 
flcet usw. lautgesetzlich aus sowohl Sing. *flatia wie Plur. *flatiu her- 
vorgegangen. Die nicht umgelauteten aschw. Formen sind nicht als 
ia-Stämme, sondern als mit diesen abwechselnden a-Stämme (*flata 
usw.) aufzufassen. M. E. ist diese Erklärung die richtige. Nur sollte, 
wie (nach dem Erscheinen von Kocks Schrift) Lindroth (Indog. Forsch. 
35: 292 ff.) hervorgehoben hat, das Wort fol überhaupt nicht in Be- 
tracht kommen 1 ). 

Der alternativ gegebenen Erklärung kann ich dagegen nicht bei- 
stimmen. Nach dieser ist im Sing. *flaiia > *flati das j nach kurzer 
Wurzelsilbe verloren gegangen ohne Umlaut zu bewirken, im Plur. da- 
gegen, wo das Endungs-w länger erhalten wurde, ist *flatiu zu *fl<etiu 
umgelautet worden, woraus wieder *flceti > flcet usw. entstanden. Die un- 
umgelauteten Formen wären demnach aus dem Nom.-Acc. Sing, hervorge- 
gangen. Es kann aber m. E. nicht bezweifelt werden, daß auch Nom.- 
Acc. Sing. *flatja lautgesetzlich die umgelautete Form flcet ge- 
geben hat. Dies geht vor allem aus zahlreichen maskulinen abstrakten 
ja- (iu-)Stämmen hervor, die keinen Pluralis haben und deren Um- 
laut also nicht aus diesem Numerus entlehnt sein kann: aisl. dykr, 
dynr, drynr, fnykr, glymr, gnybr, gyss, hlymr u. a. Vgl. jetzt auch 
Lindroth a. a. 0. 

Schon Beiträge 23 : 484 ff. hat Kock m. E. endgültig dargelegt, 
daß die Part. Perf. starker Verba (mit gutturalem Wurzelvokal) in 
urnordischer Zeit das Suffix -an hatten: *bundanalt } *faranaR usw. 
Die Entwickelung *bundanaR > aisl. bundinn etc. ist dadurch her- 
vorgerufen worden, daß in Infortissilbe a vor n -f Konsonant in c, 
später in i überging. Wie im allgemeinen ein sekundär entstandenes 
i hat auch das i der Part. Perf. bundinn usw. keinen t-Umlaut be- 
wirkt. Wenn im Altisländischen diejenigen Verba, deren Stammvokal 
ein palataler Konsonant folgt, regelmäßig die Umlautung zeigen 

1) Betreffs der Entstehung der Form vap ist Lindroth a. a. 0. zu vergleichen. 

Mit. r*l. Aot. 1918. Nr. ßn fl 14 



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210 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

(dreginn, sleginn, ekinn, fenginn usw.), 80 ist dies durch den soge- 
nannten Palatalumlaut (vgl. oben) zu erklären. Dasselbe gilt natür- 
lich von den seltenen uragelauteten Part. Perf. des Altschwedischen 
(dr&ghin, drykkin[skaper] u. a.). 

Wenn dagegen im Altschw. bisweilen auch in Partizipien mit 
anderen Stammkonsonanten ein umgelauteter Vokal erscheint, so findet 
dies immer seine Erklärung darin, daß der Wurzelvokal von der 
Präsensform auf das Part. Perf. übertragen worden ist: ledin (neben 
htm) aus lata (:lata), vcexin (neben vaxin) aus vcexa (ivaxa), brytin 
(neben bndin) aus bryta, klyvin (neben hluvin) aus klyva usw. Diese 
Auffassung ist m. E. die einzig richtige. Ganz anders aber Noreen 
z. B. Geschichte der nord. Sprachen 3 § 256. 1. 

Der «- und w-Umlaut. 

In den altnordischen Sprachen haben ein « und ein w koalisie- 
renden Einfluß auf einen vorangehenden Vokal bezw. Diphthong aus- 
geübt. Es wird dies u- bzw. w-Umlaut genannt. Die Regeln für den 
Eintritt des ■»- Umlautes und des »'-Umlautes sind teilweise verschieden 
gewesen, und die beiden Arten von Umlaut sind in gewissen Land- 
strichen in sehr verschiedenem Umfang eingetreten. Den beiden Er- 
scheinungen gemeinsam ist, daß sie in zwei getrennten Zeiträumen 
durchgeführt worden sind: teils zu spät urnordischer Zeit, von einem 
verloren gegangenen «- bezw. fr-Laut hervorgerufen (älterer u- bzw. 
».--Umlaut), teils in sondersprachlicher Zeit, von einem erhaltenen u- 
bzw. »'-Laut bewirkt (jüngerer u- bzw. »--Umlaut). In beiden Fällen 
hat man auch zwischen einfachem u- bzw. w-Umlaut einerseits und 
kombiniertem u- bzw. w-Umlaut andrerseits zu unterscheiden. Bei 
dem ersteren wird die Labialisierung durch den «- bzw. »'-Laut allein 
hervorgerufen, bei dem letzteren wird sie durch das Zusammen- 
wirken des u- bzw. w-Lautes mit einem anderen Faktor bewirkt. 

Die näheren Regeln des «- und to-Umlautes sind demnach, kurz 
dargestellt, die folgenden. 

Der «-Umlaut. 
1. Der einfache ältere «-Umlaut hat, wo der Endungsvokal 
u von dem Wurzelvokal durch einen oder mehrere Konsonanten ge- 
trennt war, nur auf kurzes und langes a gewirkt, welche in p (aschw. 
später o, 0, u) bzw. (aschw. später 0, 0) übergegangen sind. Dieser 
Umlaut ist in spät urnordischer Zeit eingetreten und ist dem ganzen 
nordischen Sprachgebiete gemeinsam. Beispiele: *andu: aisl. pnd, 
aschw. (run.) aut, ont (d.h. pnd) >Seele<, *dagy(w)u: aisl. dpgg, aschw. 
dog >Tau<, *barkuR: aisl. bprkr, aschw. borker > Borke« , Viänn: aisl. 
hpn, aschw. hon >sie«, *anhhi > *äh: aisl. 6l t aschw. 0I >Riemen< usw. 



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Kock, Umlauf and Brechung im Altßchwedischen 211 

Da im Altschw. (und im Altdän.) der lange ö-Laut in den meisten 
Stellungen schon früh in der Aussprache mit dem langen a-Laut zu- 
sammengefallen ist, sind in den ostnord. Sprachen die sicheren Fälle 
des älteren Umlautes von a sehr selten. Was die Umlautung des 
kurzen a-Lautes betrifft, sind im Altschw. in den verschiedenen Pa- 
radigmen zwischen den umgelauteten und den nicht umgelauteten 
Formen Ausgleichungen in großem Umfange eingetreten, gewöhnlich 
mit dem Resultat, daß die umgelautete Form beseitigt worden ist: 
Fem. Sing, azl, graf, hast (aisl. oxl, grpf, hpsl), Neutr. Plur. blap, 
laml $ natu (aisl. blpd, Ipmb, vptn) t Mask. Sing, galter, hattet (aisl. goltr, 
hpltr\ Plur. safiar (aisl. spdlai; < *aapulöR) usw. Die umgelauteten 
Formen sind daher nur spärlich zu belegen, wie z. B. Fem. Sing, den, 
rost, qweniy Neutr. Plur. Iwn, Mask. Sing. borlcer % holder, bolker, Dat. 
Sing, hoffte (< habnde) u. a. Noch spärlicher sind dergleichen Formen 
in der neuschwedischen Reichssprache vertreten. 

Von besonderem Interesse ist die vielfach diskutierte Tatsache, 
daß die langsilbigen u-Stämme als erste Kompositionsglieder meist 
keinen Umlaut zeigen, z.B. aisl. vpllr: vaügröinn, sppnn: sp&nvtfr, 
bprkr: harklaass. Kock meint, dies Verhältnis sei dadurch zu er- 
klären, daß u in der Komposition früher als im Simplex und also 
vor dem Eintritt der «-Umlautung verloren gegangen sei. Alternativ 
gibt er doch die Möglichkeit zu, daß *barku~lausaR usw. laut ge- 
setzlich bprk-lauss usw. gegeben habe, und daß der nicht umge- 
lautete Vokal darauf beruhe, daß in der Kompositionsfuge u durch 
Einfluß der zahlreichen a-Stämme durch a ersetzt worden sei : *barka- 
lausalt usw. Die letztere Erklärung ist m. E. (wie bei den i- und 
ia-Stämmen, vgl. oben) vorzuziehen. — Betreffs der kurzsilbigen w- 
Stämme glaubt Kock aus der Entwickelung *Anu-laibaR > aisl. Ölafr 
schließen zu können, daß diese auch in den Kompositis lautgesetz- 
lichen Umlaut haben, was ohne Zweifel richtig ist. Ausnahmen wie 
sparhaukr (ispprr), pramsly (iprpmr) sind den langsilbigen Wörtern 
nachgebildet oder wohl besser durch analogisches a in der Komposi- 
tionsfuge zu erklären. 

2. Der ältere einfache «-Umlaut hat, wenn der Endungsvokal dem 
Vokal der Wurzelsilbe unmittelbar folgte, nur auf langen Vokal 
(oder Diphthong), nicht aber auf kurzen gewirkt. Sichere Beispiele 
der Umlautung gibt es jedoch kaum. Am ehesten wären zu nennen: 
Nom.-Acc. Plur. *btu: aisl. by >Bienen< (wo jedoch kombinierter Um- 
laut vorliegen kann), Nom.-Acc. Plur. *aiwu>*ceiu: aisl. ey Adv. 
>immer<, Nom.-Acc. Plur. *fraiwn>*frasiu: gutn. froy >Samen<. — 
Daß der Umlaut auf kurzen Vokal nicht gewirkt hat, zeigen *fr(h)u 

14* 



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212 Gott gel Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

aisl. ß t Nom.-Acc. Plur. *kne(w)u: aisl. kne t aschw. knce >Kniee<, 
*tre(w)u: aisl. trc t aschw. trce >Bäume<. 

3. Kombinierter älterer «-Umlaut (von dem u zusammen 
mit dem labialisierenden Konsonant r hervorgerufen) liegt möglicher- 
weise in der Entwickelung -freduR > -fredr vor in den aisl. Namen 
Hallftedr, Goäredr usw. Andere Beispiele sind unsicher. 

4. Der jüngere einfache «-Umlaut, der wie der ältere nur auf 
einen kurzen und langen a-Laut gewirkt hat, ist nur in gewissen alt- 
nordischen Mundarten durchgeführt worden. Der Umlaut ist in der 
Sprache Islands und des norwegischen Westlandes eingetreten: *gafugr> 
gpfugr, Plur. *knarru > knprru, *sagur > spgur, Dat. Plur. *allum > gl- 
lum ; Dat. Plur. *rädum > rgäum, Pret. Plur. *sätu > sgtu usw. Da- 
gegen trat er nicht in den altnorwegischen Dialekten des Tröndelag 
und des Ostlandes ein, auch nicht in den ostnordischen Sprachen. 
Eine Mittelstellung nehmen einige nördliche Gegenden des Westlandes 
ein, indem einige Schriften aus diesen Gegenden «-Umlaut von 
kurzem, aber nicht von langem a-Laut zeigen: ollum < attunt, 
aber sarom < särum usw. 

5. Die wichtigsten Erscheinungen des jüngeren kombinier- 
ten «-Umlautes sind die folgenden. 

In gewissen Gegenden Norwegens, wo der jüngere einfache «- 
Umlaut von kurzem a nicht durchgeführt worden ist, sind verschie- 
dene Arten von jüngerem kombinierten w-Umlaut eingetreten und 
zwar derart, daß ein Dialekt eine gewisse Art von solchem Umlaut 
haben kann, ein anderer Dialekt eine andere, während ein dritter 
mehrere verschiedene Arten von kombiniertem Umlaut aufweisen kann. 
In mehreren Quellen hat also ein unmittelbar vor o stehender la- 
bialer Konsonant zusammen mit dem «-Laut der nächsten Silbe den 
Umlaut bewirkt: monnum, morghum, morkum, huorsu, fodur usw. In 
gewissen Urkunden hat ein auf a folgendes spirantisches g dieselbe 
Wirkung gehabt: *lagum > loghum, *lagbu > logdu usw. In gewissen 
anderen findet sich eine Neigung, nasales a «-umlauten zu lassen, 
z. B. Dat. Sing. *skammu > skommu. Dat. Plur. *handum > hondum. 
Als eine Art von kombiniertem Umlaut ist es auch anzusehen, wenn 
in einigen Urkunden jüngerer Umlaut nur in Semifortissilben, 
nicht aber in Fortissilben eingetreten ist, z. B. gaiur : $iodgotu, talu : 
fortolum. 

Spuren eines kombinierten «-Umlautes von kurzem a auf ostnord. 
Gebiete finden sich möglicherweise in aschw. runischen Formen wie 
faußur, faupr (aschw. fapur), in adän. vogge, dän. vugge (aus Kas. 
obl. *waggu). 

Im AltisL, im Altnorw. (und zwar auch in den Gegenden Norwe- 



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Kock, Umlaut und Brechung im AltBchwedischen 213 

gens, wo einfacher Umlaut von a nicht durchgeführt worden ist) und 
im Altschw. ist langer a-Laut zu p und dies weiter zu ö labialisiert 
worden, wenn in der zweiten Silbe ein erhaltener «-Laut folgte und 
zugleich entweder der Halbvokal w dem ö unmittelbar voranging 
oder der lange a-Laut nasaliert war. Beispiele der ersten Kategorie 
sind: *sväbu: awestnord. sofu, aschw. sovo schliefen«, *kicadu: aisl. 
Jiddu, alt. neuschw. gtwäho >sangen«, Dat. Plur. *wanum: aisl. öniim, 
aschw. vonum > Hoffnungen«, Dat. Plur. warum: aisl. orum } agutn. 
orum > unseren«; Beispiele der zweiten Kategorie sind: *nämu; aisl. 
nömu, aschw. nomu > nahmen «, aschw. tnäghu : mogho > mögen«, Acc. 
Plur. aisl. spdnu : sponu, Dat. Sing, hänum: aisl. honutn, aschw. ho- 
nur» >ihm«. 

Wenn der Halbvokal w oder ein labialer öder labialisierter Kon- 
sonant einem palatalen Vokal (i, i, e t m) unmittelbar vorangeht, und 
wenn zugleich in der nächsten Silbe ein erhaltener u-Laut folgt, so 
geht sowohl im Altwestnord, wie im Altostnord, der palatale Vokal 
in den entsprechenden labialen (bzw. y y y, 0, 9) über. Die Beispiele 
dieser Erscheinung sind jedoch oft nur sporadisch zu belegen und 
Bind außerdem nicht selten unsicher oder zweideutig, weil der be- 
treffende Vokal auch in anderer Weise erklärt werden kann. Als 
einigermaßen sichere Beispiele dieser Umlautung können u.a. ange- 
führt werden: Kas. obl. aisl. foristu : forystu >Leitung< (analog. Noni. 
forysta), *stoistuR: aisl. aschw. systur (analog. Nom. systir) >Schwe- 
ster<, Dat Sing, und Plur. *miklum; aisl. aschw. myklum, biskup-: 
aisl. byshupy aschw. byskuper, aBchw. miskund : myskund > Gnade« , Kas. 
obl. bikkiu : bykkiu > Hündin« (analog. Nom. bykkia); Dat. Plur. aisl. 
Svium : Syum (analog. Nom. syar)\ Kas. obl. messu: >Messe« anorw. 
wBssu daghr t aschw. Muriumossu, aisl. rem: rem >ruderten«, Dat. 
Sing, und Plur. aisl. sv(ensku(m) : senskufm) > schwedisch« (analog. 
Nom. sinskr etc.). 

Der w-Umlaut. 

1. Der ältere (einfache) w-Umlaut hat, wo der «;-Laut von dem 
Vokal der Stammsilbe durch einen oder mehrere Konsonanten ge- 
trennt war, nicht nur (wie der entsprechende «-Umlaut) auf kurzen 
und langen a-Laut, sondern auch auf die kurzen und langen palatalen 
Vokale (1, I, e, m t m) gewirkt. Beispiele: *haggwa: aisl. hpgg, aschw. 
hog, hug >Hieb« ; *harwaR : aisl. Aorr, aschw. her > Flachs« ; *nakwrcR: 
aachw. nokrir > einige « ; *mirkwR: aisl. myrkr, aschw. myrJcer > Fin- 
sternis«, *lingwa: aisl. lyng > Heidekraut«, *ßriskwR: aschw. ßrysker 
>drischt«; *w%kwR; *ykr (wonach analog, seltenes aschw. ykia)\ 
*slekkwR: aisl. slekkr >lischt«; *smerwa: aisl. aschw. smer > Butter « ; 



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214 GOtt. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u 6 

Gen. Sing. *afacisiöR > *cektcsaR : aisl. extir >der Axt«, *yanciR > 
*gwrivR: aisl. gorr, aschw. gor >macht«, *hoygiciR> ViwggtvR: aisl. 
hoggr >haut<. (Unsicher ist das einzig vorgeführte Beispiel der Um- 
lautung von te: urnord. *läswiö > *ltesw- > */ös-, das nach Kock in 
Ortsnamen wie aschw. Bamlesce, Tkorhsce usw. wiederzufinden ist. Vgl. 
Lindroth in Fornvännen 1915, S. 1 ff.). 

2. Der ältere ic-Umlaut hat, wenn der ir-Laut unmittelbar auf 
den Wurzelvokal folgt, nur auf langen, nicht aber auf kurzen 
Vokal gewirkt. Dies Lautgesetz, das schon vor vielen Jahren von 
Kock in den Indog. Forsch. 5: 153 ff. dargestellt worden ist, wird 
u.a. durch folgende Beispiele bestätigt; einerseits die lang vokaligen 
Wörter mit Umlaut: urnord. *mätcall: aisl. wör, mör >Möwe«, Nom.- 
Acc. Plur. *säwlaR usw.: aisl. *<V, aschw. (run.) sol, got. heivu-{frauja): 
aisl. hy-(byti) >Haus<, urnord. *bhua: aisl. big, aschw. bly t *TiicaR: 
aisl. Tyr (Göttername); andrerseits die kurzvokaligen ohne Umlaut: 
*atraiva: aisl. strd >Halm«, *maiciR: aisl. mcer »Jungfrau«, *pctcaR 
(got. pius >Diener<): aisl. -per (Iljulmper usw.), *piwiR (got. ßitci): 
aisl. pir >Magd< usw. 

3. Der jüngere einfache tc-Umlaut hat wie der ältere so- 
wohl auf o, ä wie auch auf kurze und lange palatale Vokale (i, n t a>) 
gewirkt, ist aber nur in den altwestnord., nicht in den altostnord. 
Sprachen eingetreten. Außerdem ist er aber auch im Altwestnord, aus- 
geblieben, wenn der tc-Laut unmittelbar auf den Wurzelvokal folgte, 
ist also nur eingetreten, wenn der u-Laut durch einen oder mehrere 
Konsonanten von dem Vokal der Stammsilbe getrennt war. Es stehen 
also einerseits gegen einander die umgelauteten Formen des Alt- 
westnordischen wie aisl. mpskvi > Masche <, npkkvi >Kahn<, stpdoa 
> verordnen <, vpävi > Muskel«, Splvi, Rpgnvaldr, syngva > singen < t 

sekkva (<*sekkvan<*sinkvan) > sinken« usw. und die nicht umgelau- 
teten des Altostnordischen wie aschw. stapva, vapoe, Salve, Ragnvalder, 
siuvga (< *singwa) t siwtlca (< *$inkwa) usw. Andererseits hat sowohl 
das Altwestnordische wie das Altostnordische lautgesetzlich die nicht 
umgelauteten Formen: aisl. Plur. mdvar > Möwen«, aisl. Plur. tivar 
> Götter«, aisl. Part. Perf. snivinn >schneebedeckt«, aisl. aschw. Ivar 
(Männername) usw. 

4. Die wichtigsten Erscheinungen des kombinierten jüngeren 
w-Umlautes sind die folgenden. 

Wenn der Halbvokal w oder ein labialer Konsonant kurzem oder 
langem i-Laut unmittelbar vorangeht, scheint auch im Altschwedischen 
der jüngere w-Umlaut eingetreten zu sein : HwistuaR : tystcar »zwei- 
mal«, Acc. Sing. *mirkictn > *myrlcwan : mgrkan USW. >finster«, Dat. 
Sing. *mirkw$ : myrkc usw. > Finsternis«, *smcrwian > *smirwa > *smyr- 



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Kock, Umlaut und Brechung im Altechwedischon 215 

waismyria >schmieren<, tiiydv&gJw, mydvakt >in der Mitte< (:mißcr 
Adj.), spirver : spyrver >Sperling<. Die nicht zahlreichen Beispiele 
sind jedoch zum Teil unsicher. Die «j-umgelauteten Formen des 
Adj. myrker und des Subst. myrk können auch durch Uebertragung 
aus Formen mit älterem w- Umlaut erklärt werden (Nom. Sing. 
*mirkwli> myrker, Nom.-Acc. *m\rkic(E) > myrli(r) etc.). Die spora- 
dischen myPvwgho, -viiht, spyrver sind wohl eher so zu fassen, daß 
der i-Laut der Wurzelsilbe von den vorangehenden oder folgenden 
Konsonanten ohne Mitwirkung des w labialisiert worden ist. 

Jüngerer kombinierter w;-Umlaut tritt nach Kock im Altschwe- 
dischen (jedoch nicht im Altgutnischen) ein, wenn unmittelbar auf 
einen nicht labialen Vokal (a, i, <b) oder Diphthong (ein die Lautgruppe 
ggto oder kkw folgt. Als Beispiele werden u.a. angeführt: urnord. 
*haggwan: run. hattkua (d.h. hpggua), aschw. hitgga, > hauen <, *snay- 
gwön: neuschw. snugga >kurze Pfeife<, Nom.-Acc. Plur. *daggwaU> 
doggar etc.: aschw. dog >Tau<, Acc. Sing. Mask. *triggtcan: aschw. 
tryggan >sicher< usw., Dat. Sing. *bigguS > Hyggwc: aschw. byg 
>Gerste<, Acc. Sing. Mask. *snceggmin>*sti0ggican: neuschw. dial. 
snögghärig >kurzhaarig«, *daygwian>*dceggwa>*d0ggtca\ neuschw. 
dial. dögga > tauen < ; aisl. Npkkvi (Personenname): aschw. Noklwson, 
Nokkäby, Nukkaby, Dat. Sing. *skrakkwe > *skrpkkvi : aschw. skrukkn 
> Lüge < , * slwkktvan > * slekkwa : neuschw. dial. slekka > löschen « , 
*ncekkvibr > *nekkvibr : adän. Neutr. lieget. 

Da in fast ausnahmslos allen hierhergehörigen Fällen die umge- 
lauteten Formen auch durch Uebertragung aus Formen mit älterem 
w- Umlaut erklärt werden können, ist es, wie ich in Arkiv för nord. 
filol. 29: 33 ff. ausführlich dargelegt habe, sehr schwierig zu ent- 
scheiden, in wie großem Umfange dieser kombinierte jüngere Umlaut 
eingetreten ist. Am wahrscheinlichsten scheint es, daß die Lautgruppe 
ggw den Umlaut bewirkt hat. Betreffs der Lautgruppe kkw hege ich 
fortwährend Bedenken. 

Allgemeine Bemerkungen zu dem u- und «.--Umlaut. 

In einer Silbe mit Mortis trat kein Umlaut ein, wie u. a. die 
folgenden Beispiele zeigen: urnord. Anu-laibali (mit Fortis auf dem 
zweiten Kompositionsgliede) : aisl. Jteifr, urnord. Harnbänyar; aisl. 
Harbangr, urnord. *änu: isl. an >ohne<, urnord. *Jiänu: agutn. han 
>8ie< Infortisform (:aisl. hp\ aschw. hon Fortisform). Dagegen trat 
der Umlaut nicht nur in Fortissilbe, sondern auch in Semifortis- 
silbe ein, z.B. urnord. Anu-laibu> Anu-lätht: aisl. Olpf, aschw. run. 
Olauf, Neutr. Plur. df-täida> df-räbu: aisl. afrob >Abgabe<, urnord. 
weräldw. aisl. verpld, aschw. vatruld >Welt<, urnord. gdmähi (Nom. 
Sing. Fem., Nom.-Acc. Plur. Neutr.): aisl. gpnml, aschw. gumul usw. 



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216 GOtt. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Nicht nur ein in Infortissilbe stehendes, sondern auch ein in 
Semifortissilbe stehendes u oder w hat den Umlaut bewirkt. 
Da in den ostnord. Sprachen der jüngere einfache u- oder w-Umlaut 
überhaupt nicht eingetreten ist, kommt nur das Altwestnordische in 
Betracht: aisl. pldungr >Ochs<, hprmungr >Kummer<, suptiungr Räu- 
ber«. , bpkiss > raubgierig < , neuisl. öfund >Neid<, Ögmundur, ein 
Name, öndvegi > Hochsitz« u.a. (die noch heute im Neuisl. Semifortis 
auf der zweiten Silbe tragen). Die Regel ist, m. £. mit Unrecht, von 
einigen andern Forschern (z. B. Noreen Altisl. Gram. s § 76) be- 
stritten worden. 

Die Brechung. 

Durch Einwirkung eines (kurzen oder teilweise verkürzten) o- 
bezw. «-Lautes der nächsten Silbe ist kurzer c-Laut in spät urnordi- 
scher und gemeinnordischer Zeit (in geringerer Ausdehnung auch in 
sondersprachlicher Zeit) in den Diphthong ea > ia (aschw. später te), 
bzw. eu > iu t io (aschw. später ie) übergegangen. Diese Lautentwicke- 
lung, die in der nordischen Linguistik seit alters die Benennung 
> Brechung« trägt, ist (den i- und w-w-Uinlauten analog) in zwei 
getrennten Zeiträumen eingetreten: sie ist zuerst durch ein in der 
zweiten Silbe verloren gegangenes kurzes a bzw. » bewirkt worden 
(ältere a- bzw. w-Brechung: *bcrga> aisl. bjarg >Berg<, *erbu: aisl. 
jprd >£rde< usw.), später durch ein in der zweiten Silbe erhaltenes 
a bzw. u hervorgerufen worden (jüngere Brechung : *geldan : aisl. 
gjalda >bezahlen<, Acc. Plur. *herlu > hjprtu >IIirsche< usw.). Ueber 
die Brechung hat Kock früher besonders in Arkiv für nord. filol. 17 : 
161 ff., 19: 234 ff., 30: 339 ff., 31 : 321 ff., Svensk ljudhistoria 1 : 122ff., 
2: 351 ff. gehandelt. 

Die o-Brechung. 

1. In spät urnordischer Zeit ist unter gleichzeitigem Verlust 
eines in der nächsten Silbe stehenden kurzen a-Lautes ein e zu ea t 
ia (aschw. später im) gebrochen worden. Beispiele dieser Entwicke- 
lung sind u.a. die langsilbigen Wörter : urnord. hcldaR (Tjurkö): aisl. 
Hjaldr, ein Name, urnord. *ebnaR: aisl. jafn, aschw. iamn, iasmn 
>eben<, urnord. *selhaR: aschw. siml >Phoca<, urnord. *hehnaRi aisl. 
hjalmr, aschw. hialmber >Helra<; die kurzsilbigen: urnord. eka: anorw. 
aschw. toi >ich<, *skela: anorw. aschw. skial >Dokument<, *pcla: 
norw. dial. kjosl >Teil des Pfluges«, aschw. fiicd > Boden im Zeug<, 
*fela : aschw. fimt usw. 

Die Ansicht des hervorragenden schwedischen Forschers Hessel- 
man (Västnordiska Studier I, Uppsala 1912), daß die ältere «-Brechung 



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Kock, Umlaut und Brechung im Altschwedischen 217 

(im Gegensatz zu der älteren «-Brechung) in den westnordischen 
Sprachen sowie in einigen Gegenden von Schweden lautgesetzlich nur 
in langsilbigen, nicht aber in kurzsilbigen Wörtern eingetreten 
sei, ist schon in Arkiv för nord. filol. 30: 339 ff. von Kock entschieden 
widerlegt worden. 

2. In gemeinnordischer Zeit ist c durch die Einwirkung eines in 
der nächsten Silbe dauernd erhaltenen kurzen oder teilweise ver- 
kürzten a-Lautes zu ca, ia (aschw. später im) gebrochen worden. 
Diese Brechung tritt in sowohl kurz- als langsilbigen Wörtern ein, in 
denen nach dem a der Endung entweder in urnordischer Zeit kein 
n stand oder aber in gemeinnordischer Zeit ein n erhalten blieb, z. B. 
*stcniö>*stema: aisl. aschw. stiarna >Stern«, Gen. Sing. *bcrnölt> 
*bemaR: aisl. biarnar >Bär<, aengl. sddan: aisl. sialdan, aschw. 
skeklan > selten « ; — *etö>*da\ aisl. lata, aschw. imta > Krippe«, 
*tb'trali: aisl. jabarr >Rand<, Gen. Sing. *IcelöR; aisl. kjalar >Kiel< usw. 

Dagegen tritt, wenn nach dem a der Endung in spät urnordi- 
scher Zeit ein n verloren gegangen ist, die Brechung nur in lang- 
silbigen, nicht aber in kurzsilbigen Wörtern ein. Beispiele der 
Brechung geben also langsilbige Wörter ab wie: *helpan; aisl. hjalpa, 
aschw. hicelpa >helfen<, *yddan: aisl. aschw. gudda >bezahlen<, Mask. 
n-Stämme (wo der Brechungsdiphthong von Kas. obl. herrührt: *bcl- 
kan > bialka usw.): aisl. aschw. hiarni >Gehirn<, aisl. kiarni >Kern<, 
aisl. aschw. kialki > Schlitten < usw. Ohne Umlaut erscheinen die kurz- 
silbigen: aisl. bera, aschw. bara >tragen< (<*beran) t aisl. skera, 
aschw. skeera >schneiden<, aisl. hnefi, aschw. vcevi > Faust« , aisl. geri 
>Wolf<, nefi >Verwandter< usw. 

Die Verschiedenheit bei der Behandlung langsilbiger und kurz- 
silbiger Wörter wird von Kock in folgender Weise erklärt. In ge- 
meinnordischer Zeit hatten (wie Kock früher erwiesen hat) kurz- 
silbige Wörter mit Zwei- oder Mehrsilbigkeitsakzent starken 
Levis auf der zweiten Silbe, langsilbige dagegen schwachen 
Levis. Bei dem Verlust des auslautenden n wurde der unmittelbar 
vorangehende a-Laut verlängert: Viclpan > *hdpa y *dan > *etä usw. In 
den langsilbigen Wörtern mit schwachem Levis wurde nun 
der lange a-Laut der Ultima schon frühzeitig wieder verkürzt: hclpä > 
helpa usw. In diesen trat daher die jetzt beginnende jüngere Bre- 
chung ein: *helpa > hiulpa, *bclka > bialka usw. In den kurzsilbigen 
Wörtern mit starkem Levis blieb dagegen der lange a-Laut der 
Ultima bis auf Weiteres erhalten: *cla, *ncba usw. Da nun nur ein 
kurzes, nicht aber ein langes a die Brechung bewirkte, ist also diese 
in den kurzsilbigen Wörtern lautgesetzlich ausgeblieben. 

Auch diese Regeln für den Eintritt der jüngeren a-Brechung sind 



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218 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

von Hesselman a. a. O. angefochten worden. Daß sie aufrecht er- 
halten werden müssen, hat aber Kock in Arkiv für nord. filol. 31 : 321 ff. 
überzeugend erwiesen. 

3. Ein dauernd erhaltenes a hat in den ostnordischen Spra- 
chen auch in kurzsilbigen Wörtern mit »-Verlust Brechung bewirkt, 
wenn ein supradentales l unmittelbar hinter dem Wurzelvokal folgte : 
aisl. stchr. aschw. stiala t sti&la, adän. sticelce >stehlen<, aisl. fela: 
aschw. fiala, adän. ficelce > verbergen«, aisl. feilt aschw. ßiaii, neu- 
schw. tjäle > gefrorener Boden < usw. Dieselbe Entwickelung ist wahr- 
scheinlich in ein paar westnord. Gegenden (in Romerike in Norwegen 
und auf den Färöern) eingetreten, wie aus folgenden Formen hervor- 
geht: Romer. kjwla (aisl. pvli), Färö. stjala, fjala. 

Dialektisch (im Altgutn., im älteren und jüngeren Dalekarli- 
schen) hat ein erhaltenes a in kurzsilbigen Wörtern mit «-Verlust 
überhaupt Brechung bewirkt: agutn. biera > tragen < (aisl. bera, 
aschw. beera), agutn. icia >essen< (aisl. eta, aschw. cetä), agutn. drot- 
siati > Oberhofmeister < (aisl. drottseti, aschw. drotsceti); in altdalekarli- 
schen Urkunden: icetlir >ißt<, mycetas >gemessen werden<, neudalekarl. 
iätd > essen <, miäiä > messen«, biärd > tragen* usw. Auch in Urkunden 
aus anderen schwedischen Gegenden sind einzelne Beispiele derselben 
Entwickelung belegt. 

Die Ursache dafür, daß auch in kurzsilbigen Wörtern mit «.-Ver- 
lust die Brechung eingetreten ist, wenn dem c der Wurzelsilbe ein 
supradentales l folgte, ist wahrscheinlich die, daß in den betreffenden 
Sprachgebieten eine solche auf supradentales l endende Silbe teilweise 
verlängert wurde, und daß daher das lange a der Endung teil- 
weise verkürzt. wurde (vgl. oben). — Wenn aber in gewissen Ge- 
genden die Brechung in kurzsilbigen Wörtern mit »-Verlust über- 
haupt eingetreten ist, so ist dies wahrscheinlich so zu erklären, daß 
dialektisch das lange Endungs-a auch nach kurzer Wurzelsilbe 
schon vor dem Ausgang der a-Brechungsperiode teilweise verkürzt 
worden ist. 

Die «-Brechung. 

In allem wesentlichen ist sowohl die ältere wie die jüngere m- 
Brechung nach denselben Regeln als die ältere bzw. jüngere a-Bre- 
chung durchgeführt worden. 

1. In spät urnordischer Zeit hat also ein n Brechung zu eu (wo- 
raus später meistens io t im Altschw. noch später im allgemeinen i&) 
unter Verlust des in der nächsten Silbe stehenden kurzen «-Lautes 
erlitten: Nerthus: aisl. Niordr, *mcluk-: aisl. aschw. miolk >Milch<, 
*heruR: aisl. hiorr >Schwert<, *skclduR : aisl. slioldr t aschw. skiolder, 



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Kock, Umlaut und Brechung im Altschwedischen 219 

skieldcr > Schild < ; Neutr. Plur. *bergu: aisl. biorg > Berge«, *tcguR: 
aschw. üiighcr >Dekade«, *fdtt: aisl. aschw. fiol >Brett« usw. 

2. In gemeinnordischer Zeit ist c durch Einwirkung eines in der 
nächsten Silbe dauernd erhaltenen kurzen oder teilweise verkürzten 
«-Lautes zu eu (> io usw.) gebrochen worden, und zwar in sowohl 
kurzsilbigen wie langsilbigen Wörtern, in denen nach dem u der En- 
dung entweder in urnordischer Zeit kein » gestanden hat oder 
ein » in gemeinnordischer Zeit erhalten geblieben ist: *fcdur-: anorw. 
aschw. Neutr. fiug{h)ar >vier<, *eburaR: aisl. iufmr >Fürst<, *ckttlult: 
aisl. iokull >Gletscher<, *Bvrund-: adän. Bierttud, *SkddungaR: aisl. 
Skioldungar usw. ; in langsilbigen Wörtern mit «-Verlust in der 
zweiten Silbe: Fem. Kas. obl. Sing. *stcrnön : *stcrnu : aißl. atiornu, 
*ebnön : *<bnu; aisl. iofnu >Ebene<, Acc. Plur. *ferdunR: aisl. fiordu 
>Meere8busen<, Pret. Plur. *hddun: aschw. hioldu, hiuUlu >hielten«, 
*fdlun: aschw. fiollu, fiidlu >fielen< usw. 

Dagegen ist das e in kurzsilbigen Wörtern mit n- Verlust 
ungebrochen geblieben : Fem. Kas. obl. Sing. *scton : aisl. seta, aschw. 
swtu > Sitzen«, *berön: aisl. beru > Bärin <, Acc. Plur. *tegunR: aisl. 
tegu >Dekaden< usw. — Abweichende Formen wie das seltene aisl. 
iotu (Nom. lata >Krippe<) und die Mask. Acc. Plur. hiolu (Nom. Sing. 
khlr >Kiel<), stidu (Nom. Sing, stiolr > Stiel < ) sind durch analogi- 
schen Einfluß seitens der entsprechenden langsilbigen Wörter zu er- 
klären. 

In der viel umstrittenen Frage nach dem Ursprung des w-Bro- 
chungsdiphthongs iu, io behauptet Kock, wie mir scheint mit starken 
Gründen, gegen Hultman, Pipping, Noreen (Geschichte der nord. 
Sprachen 9 § 28 c) u. a., daß e unmittelbar zu tu (> io) gebrochen 
worden ist, nicht — wie die oben angeführten Forscher meinen — 
zuerst das Stadium ia passiert hat. Da das Altisl. io (neuisl. to) ver- 
wendet, ist dies also nicht durch «-Umlaut von ia zu erklären, son- 
dern beruht auf späterem Zusammenfall des letzten Komponenten von 
io mit dem p-Laute. 

Betreffs der weiteren Entwickelung des w-Brechungsdiphtonges 
ist es von besonderem Interesse, daß im Altschwedischen (Altdan. und 
Altnorw.) ia (ice) statt des erwarteten io (iu) auch in einigen Wör- 
tern auftritt, wo die «-Brechung in allen Formen lautgesetzlich ein- 
getreten ist, und wo das ia (ice) also nicht — wie dies z. B. in Neutr. 
Plur. bicergh (aisl. biorg), Fem. Sing, ficel (aisl. fiol) und dgl. der Fall 
ist — durch analogischen Einfluß von Formen mit «-Brechung erklärt 
werden kann: mialJce > Fischmilch < <*mduJcan, fluide >Menge<<*/e- 
luban, ßatra >fesseln< (aisl. fiotra), fialur >Fessel< (aisl. fioturr), uetun 
>Riese< (aisl. iotunn) usw. 



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220 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Diese Tatsache ist früher von Kode (Beiträge 20: 134 ff., Svensk 
ljudhistoria 2 : 402 ff.) in der Weise erklärt worden, daß in den be- 
treffenden Sprachgebieten ein lautgesetzlicher Uebergang io > ia vor 
einem a der nächsten Silbe eingetreten ist. Hieraus würden sich un- 
mittelbar Formen wie mialke, fiatra usw. erklären, während Formen 
wie fiatur, icetun usw. durch Einfluß der synkopierten Formen Plur. 
fiatra(r% imtna(r) usw. ihre Vokalisation bekommen hätten. Gegen 
diese Erklärung sind m. E. in der Tat nicht viele Einwendungen zu 
machen. 

In einem Nachtrag zu dem vorliegenden Buche hat aber Kock 
diese Erklärung alternativ durch eine andere ersetzt. Nach dieser 
bleibt der durch die «-Brechung entstandene Diphthong im Altisl. als 
io erhalten. In gewissen Gegenden von Norwegen und im ostnordi- 
schen Sprachgebiete aber ist nur der durch ältere Brechung ent- 
standene Diphthong als io erhalten worden; der durch jüngere 
Brechung entstandene cu-co-Laut ist lautgesetzlich in ca > ia überge- 
gangen : *fcidaraR > ftatiir, *sleurnu > stiarnu usw. Die Ursache dieser 
Differenzierung ist darin zu suchen, daß der durch ältere Brechung 
entstandene fallende Diphthong co schon vor dem Eintritt der jün- 
geren Brechung in einen steigenden (cd) übergegangen ist, wäh- 
rend der durch jüngere Brechung entstandene bis auf Weiteres 
fallend blieb (co). Der steigende Diphthong eö ging in io über, 
während der fallende Diphthong io zu la (und später zu eä > ia) 
sich entwickelte. Alternativ kann bei der Differenzierung miok : fiatur 
die Akzentuierung mit Fortis 1 bzw. Fortis 2 der entscheidende 
Faktor gewesen sein. 

Dieser neue Erklärungsversuch ist sehr ansprechend. Nur muß 
man vor der endgültigen Entscheidung der Frage eine ausführlichere 
Darstellung abwarten, wo gezeigt wird, daß er sich zwanglos auf das 
ganze vorliegende Material verwenden läßt 1 ). 

Allgemeine Bemerkungen zu der a- und u-Brechung. 

Betreffs der relativen Chronologie der a- und u-Brechung 
glaubt Kock, wie mir scheint mit Recht, feststellen zu können, daß 
die ältere a-Brechung etwas früher als die ältere u-Brechung, und 
auch die jüngere a-Brechung früher als die jüngere u-Brechung ein- 
getreten ist. Was die ältere Brechung betrifft, steht dies natürlich 
damit in Zusammenhang, daß — wie allgemein anerkannt ist — der 
Endungsvokal a früher verloren gegangen ist als der Endungsvokal u. 

1) [Korrekturnote.] Diese Darstellung hat Kock jetzt, Arkiv för nord. filol. 
33: 241 ff., gegeben. 



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Kork, Umlaut and Brechung im Altachwedischen 221 

Schwieriger ist es, den absoluten Zeitpunkt für den Eintritt 
der Brechung zu bestimmen. Gute Gründe werden jedoch m. E. dafür 
vorgeführt, daß die ältere «-Brechung in langsilbigen Wörtern wäh- 
rend des 9ten Jahrhunderts, in kurzsilbigen (wo u später als in lang- 
silbigen fortgefallen ist) um das Jahr 900 eingetreten ist, die ältere 
a-Brechung also noch etwas früher. Die jüngere a-Brechung dürfte 
nicht beträchtlich später eingetreten sein, in einigen Gegenden früher 
als die ältere «-Brechung in kurzsilbigen Wörtern oder gleichzeitig 
mit dieser. 

Es ist schon lange beobachtet worden, daß im Altwestnordischen 
Wörter mit «-Brechung als erste Kompositionsglieder oft nicht die 
erwartete Vokalisation io (tp), sondern statt dessen den Diphthong ia 
zeigen, z. B. iorb : iarbhüs, mioll : miallhvilr, fiol : fialhpgg, biorn : biam- 
dyri, skioldr : skialdsveinn, kiolr : kialvegr usw. Für diese Erscheinung 
sind von mehreren Forschern verschiedene Erklärungen vorgeschlagen 
worden. Nach Keck (vgl. schon Arkiv för nord. filol. 30 : 354 f.) läßt 
sich dies Verhältnis am besten dadurch erklären, daß in urnordischer 
Zeit durch Einfluß der vielen «-Stämme a statt ö (> u) bzw. « in die 
Kompositionsfuge eingeführt worden ist (wie dies auch in got. airj>a- 
Jcunds und in z-Stämmen wie garda-icaldands und dgl. der Fall ist), 
so daß iarbhüs ein ^erba-hüsa, fialhpgg ein *fela-haggwa, biarndyr ein 
*bema-diuRa usw. voraussetzen. Daß diese Erklärung das richtige 
trifft, ist m. E. sicher. Wie ich oben bemerkt habe, möchte ich die- 
selbe Auffassung auch für das Fehlen des i- bzw. «-Umlautes in Kom- 
positis wie Jcvdnfang ('.Uveen), bonorb (\bori), barklauss {'bprkr) t voll- 
gröinn (: vgllr) usw. geltend machen. 

Die Brechung tritt nicht ein, wenn ein Wort im Satzzusammen- 
hange relativ unbetont ist: aisl. mt:ban t aschw. meepan >während<, 
aisl. agutn. eba y c[ta, adän. cethee >oder<, aisl. anorw. cJc >ich< usw. Daß 
die ältere a-Brechung auch in semifortisbetonten Kompositionsglie- 
dern ausgeblieben ist, zeigen z. B. aisl. Hdgafell, Mibfell (: fiall, feil 
>Alp<), wann-, rädspelluBW. (ispiall, spell >Beschädigung<), Sulbcrg, 
porbarberg usw. (biarg, berg >Berg<). Dagegen scheint aus aisl. räd- 
giafi >Ratgeber<, aubgiufi >dator auri<, Ufgittfi >qui vitam datc u.a. 
Kompositis mit -giafi > Geber« wie aus aschw. prcetiughu, fyritiughu 
hervorzugehen, daß die jüngere Brechung auch in Kompositions- 
gliedern mit Semifortis eingetreten ist. Die obigen Fälle sind be- 
weisend, weil nach den oben genannten Regeln für die jüngere Bre- 
chung in den entsprechenden Simplizien lautgesetzlich keine Brechung 
eintreten sollte (:*gcban > *gefä, *tcgjm > *lcgü). Daß die Brechung 
in den Kompositis eintreten konnte, beruht darauf, daß in diesen das 



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222 Gott. gel. An/.. 1918. Nr. G u. C 

Endungs-fl bzw. -m schwächer akzentuiert und deshalb früher verkürzt 
wurde als in den Simplizien. 

Ich habe es im obigen Referate versucht, die Hauptergebnisse 
des bedeutenden und belehrenden Werkes wiederzugeben. Wie ich 
schon in der Einleitung bemerkt habe, habe ich nur die Hauptpunkte 
der Darstellung und besonders diejenigen Punkte, die für die gemein- 
nordische Lautlehre von größtem Belang sind, berücksichtigt. Das 
Buch enthält außerdem mehrere Partien, welche teils Lautentwicke- 
lungen behandeln, die nicht im eigentlichen Sinne unter den Begriff 
des Umlautes und der Brechung fallen (gewisse mit dem t-Umlaute 
verwandte Lautentwickelungen besonders im Altschw., die Entwicke- 
lung der Lautgruppe aiw in den nordischen Sprachen, ostnordische 
Brechung i>iu vor ggw t ngu\ nkw), teils die spätere Entwickelung 
der durch Umlaut und Brechung entstandenen Vokale im Altschw. 
darstellen. Von besonderem Interesse ist der Exkurs über das Verbum 
aisl. gerva (usw.), aschw. gera } der in vielen Punkten neues Licht auf 
das schwierige Problem fallen läßt, das die verwickelten Lautverhält- 
nisse dieses Verbums darbieten. Es sei auch hervorgehoben, daß die 
ausführliche Darstellung es dem Verfasser ermöglicht hat, die Laut- 
verhältnisse einer großen Menge einzelner Wörter zu diskutieren. 

Die Darstellung ist wie in anderen Arbeiten dieses Meisters der 
nordischen Sprachwissenschaft außerordentlich klar und übersichtlich, 
ein Muster wissenschaftlicher Stilkunst. 

Die Benutzung des Buches ist durch ein vollständiges Wort- 
register, von J. Lundberg zusammengestellt, erleichtert. 

Lund 1917 Emil Olson 



Walter Frlcden&burg, Geschichte der Universität Wittenberg. Halle 
a.S., Verlag von Max Niemeycr 1917. XII nnd (MG S. Mit zwei liildtafeln : 
Innenhof des Augustcums und Bildnis des Stiftors. Auf dem Titelblatt das 
älteste Siegel der Universität. 30 M. 

Die Schrift ist der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Witten- 
berg zur Jahrhundertfeier ihrer Vereinigung gewidmet. Die Namen 
Halle und Wittenberg umschlieüen ein großes Stück deutscher Geistes- 
geschichte, drei Jahrhunderte, die in einer Zeit nationalen Auf- 
schwungs anheben und in einer Zeit von nicht geringerer Größe 
enden, in der die Schöpfung, die an ihrem Anfang steht, zu Grabe 
getragen wird. Es war eine glimpfliche Form des Unterganges, wenn 
Wittenberg 1817 aus der Reihe der deutschen Universitäten ver- 



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Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg 223 

schwand und dem Namen nach als Vereinte Universität von Halle und 
Wittenberg fortlebte. Seitdem auf dem Wiener Kongreß die Teilung 
von Kursachsen beschlossen war, hatte sich Wittenbergs Schicksal 
entschieden. Dem Erwerber des Kurkreises konnte nicht zugemutet 
werden, neben seiner Universität Halle eine zweite in nächster Nähe 
aufrecht zu erhalten, einen so großen Namen sie auch in der Ge- 
schichte trug. 

Der Verfasser hat sich die Darstellung dieser Geschichte von 
der Begründung im Jahre 1502 bis zum Ende im Jahre 1817 zur 
Aufgabe gemacht. Die Geschichte einer Universität zu schreiben, 
gehört zu dem Schwierigsten, was ein Historiker unternehmen kann. 
Wer besitzt die universale Gelehrsamkeit, die die Entwicklung aller 
Wissenschaften überblickt, die an einer Universität gelehrt werden, 
und wenn er sie besitzt, wer vermag sie zu einer einheitlichen Be- 
trachtung zusammenzufassen und die Rolle richtig zu würdigen, welche 
eine einzelne universitas litterarum in der Geschichte der Wissen- 
schaft gespielt hat? Man wird sich bescheiden müssen und zufrieden 
sein, wenn eine Universitätsgeschichte dem Leser alles das bietet, 
woraus sich ein Bild der Gesamtentwicklung einer Universität zu- 
sammensetzt. Dieser Aufgabe entspricht das vorliegende Buch vollauf. 

Die Geschichte der Universität Wittenberg bietet den eigentüm- 
lichen Zug, daß sie ihre größte Zeit in ihren Anfängen erlebt hat. 
Sie erreichte in ihrem ersten halben Jahrhundert einen geistigen 
Höhenpunkt, wie sie ihn nachher nie wieder erreicht hat. Ihre Stärke 
lag in der Theologie. Aber neben der Universität Luthers war sie 
die Melanchthons. Durch ihn wurde die Herrschaft der Scholastik 
gebrochen und dem Humanismus Raum verschafft. Den klassischen 
Studien wurde hier eine Stätte zu Teil, vorbildlich für die übrigen 
Universitäten Deutschlands. Man fing an, Griechen und Römer selbst 
zu lesen, während bisher die Lehrbücher der Scholastiker die Vorlage 
der Lektionen und Interpretationen gebildet hatten. Der Wandel 
vollzog sich nicht ohne Kampf. Aber von früh an ist Wittenberg 
ein Sitz der Kämpfe. 

Fast gleichzeitig mit der Gründung Wittenbergs durch den Kur- 
fürsten Friedrich von Sachsen schuf Kurfürst Joachim I. von Bran- 
denburg die Universität Frankfurt a. 0. Wie die beiden Fürsten- 
häuser, so standen auch von vornherein ihre Universitäten in einem 
feindlichen Gegensatz, den schon die literarischen Kämpfe der Ge- 
lehrten herbeigeführt hatten, die auf beiden Seiten in den Vorberei- 
tungsstadien zugezogen wurden : Martin Polich, bekannter nach seinem 
Heimatorte Meirichstadt (nördlich von Kissingen) als Doktor Meiler- 
stadt, und Konrad Wimpina (nach Wimpfen zubenannt). Beide waren 



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224 Gott, gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

von Leipzig ausgegangen und mit einander befreundet, bis ein ge- 
lehrter Streit über Ursprung und Behandlung der Lustseuche, der 
Franzosenkrankheit, nach der Weise der Zeit in die grellste Feind- 
schaft ausartete und die beiden Männer als Vertreter des Neuen und 
des Alten in Gegensatz zu einander brachte. Der moderne Huma- 
nismus und die alte Scholastik rangen mit einander. Melierstadt, der 
Leibarzt Friedrich des Weisen, der ihn auf seiner Reise ins heilige 
Land 1493 begleitet hatte, der aber auch in allen andern Sätteln als 
der Medizin gerecht war, hielt es mit der >Poesie<, Wimpina mit 
der allbeherrschenden Theologie. Meilerstadt beriet seinen Kur- 
fürsten auch bei den Gründungsarbeiten von Wittenberg und wurde 
ihr erster Rektor, wie Wimpina, der als wissenschaftlicher Gehülfe 
dem brandenburgischen Kurfürsten zur Seite gestanden hatte, der der 
1506 in Frankfurt eröffneten Universität. Mochte Frankfurt auch 
rasch eine große Frequenz erringen, die Blüte dauerte nicht lange 
(Ranke, Preuß. Gesch. I 147 und 176), während sich Wittenberg, wenn 
auch nicht ohne Schwanken, eines stetigen Fortschritts zu erfreuen 
hatte. 

Unter den zahlreichen Hochschulen, die das 16. Jahrhundert hat 
entstehen sehen, hat keine einen großem Namen erlangt als die äl- 
teste von ihnen. Sie stand in einem Zusammenhang mit der letzt 
vorhergehenden Universitätsgründung, dem 1477 eröffneten Tübingen. 
Mehr als das Vorbild der Gesetzgebung kam der persönliche Ein- 
fluß in Betracht, repräsentiert durch den Dr. Tubingensis, Georg 
Staupitz, der als Haupt der Augustiner-Eremiten zahlreiche Mitglieder 
seines Ordens, aber auch andere Angehörige der Universität Tübingen 
nach Wittenberg mit sich zog. Zu den Verdiensten Staupitzens ge- 
hörte es auch, daß er Luther nach Wittenberg brachte. War auch 
Erfurt die eigentliche Stätte seiner Studien und trat er dort 1505 in 
das Kloster der Augustiner-Eremiten, so versetzte ihn der General- 
vikar 1508 in das Kloster, das der Orden seit 1365 in Wittenberg 
besaß, und machte ihn, als er selbst vom Lehramte zurücktrat, zu 
seinem Nachfolger als Professor der Theologie. Von den Erfolgen 
seiner Tätigkeit, die die Theologie aus den Quellen studieren lehrte, 
haben wir ein unverdächtiges Zeugnis an der Chronik des Johann 
Oldecop von Hildesheim, der in den Jahren 1514 und 15 sein Zu- 
hörer war. Ein so fanatischer Gegner der Reformation Oldecop 
wurde, er kann sich der Anerkennung Luthers nicht entziehen. >Dc 
Studenten horden one gern< berichtet er und lobt besonders seine 
Genauigkeit in der Interpretation der Texte. Er erzählt aber auch 
von seinem guten Einfluß auf die Sitten. Ich weiß nicht, warum sich 
der Vf. den hübschen Zug hat entgehen lassen, daß Luther von der 



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Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg 22 5 

Kanzel scharf rügte, daß die Studenten und Bürgertöchter Barette 
und Kränze beim Tanze mit einander austauschten. Daraufhin hielten 
die Eltern ihre erwachsenen Töchter vom Tanze zurück. »Und dar 
dorch krech Luther bi den vornemesten borgern anhank loff ere und 
pris< (Chronik des Joh. Oldecop hg. v. K. Euling [1891] S. 28,7 und 
46, 3). 

Im Jahre 1518 trat Philipp Melanchthon, ein Schüler Heidelbergs 
und Tübingens, auf die Empfehlung seines Großoheims Reuchlin in 
den Kreis der Wittenberger Lehrer ein und verschaffte der jungen 
Universität ihren Ruf in den alten Sprachen. Sie gewährten der 
biblischen Theologie Luthers die stärkste Stütze. Wenn Aristoteles 
und die Philosophen des Mittelalters vor ihnen zurückwichen, so hatte 
Melanchthon daran den rühmlichsten Anteil. Anfänglich nur Mitglied 
der Artistenfakultät, Heß er sich 1525 durch Luthers Andrängen be- 
wegen, zugleich der theologischen Fakultät anzugehören. Luthers Vor- 
lesungen betrafen alle die Auslegung der Bibel, vorzugsweise alt- 
testamentliche Schriften; die Exegese des Neuen Testaments war die 
Sache des Graecisten Melanchthon, der daneben über griechische und 
römische Klassiker und philosophische Themata las. Die Arbeit der 
theologischen Fakultät, deren Statuten Melanchthon entwarf, war, wie 
es der Vf. zusammenfassend ausdrückt, nicht mehr auf die Philo- 
sophie, sondern auf die Exegese eingestellt (186). 

Wie sehr Wittenberg mit Reformation und Luther identisch 
wurde, zeigt die Stoffverteilung und Anordnung in unserm Buche. 
Allerdings noch nicht im ersten Kapitel, das der Zeit gilt, da der 
Kurfürst Friedrich noch der Reliquien-Sammler war, mehr als 5000 
Heiltüraer in dem Allerheiligenstift vereinigte, sie alljährlich zur Schau 
stellen und im Jahre 1509 ein >Heilthumbuch< über sie veröffent- 
lichen ließ (23). Das Kapitel legt die Fäden blos, die in der Ent- 
stehung Wittenbergs zusammengießen. Die Verhältnisse in Staat und 
Kirche, in Stadt und Land, in Wissenschaft und Literatur werden 
uns vorgeführt, die den Hintergrund der Neuschöpfung einer Univer- 
sität bildeten. Seit 1493 traten die ersten darauf gerichteten An- 
zeichen hervor (8). Es ist mir aufgefallen, daß der Vf. sich nicht 
über die Nachricht äußert, der Kurfürst habe die für den Türken- 
krieg 1501 in seinem Lande gesammelten Ablaßgelder zurückbehalten, 
bis ein solcher Krieg ihre Verwendung nötig mache, und bei dessen 
Ausbleiben für seine Universität deren Fonds zugewendet. Ist die 
Nachricht unrichtig, so hätte sie doch der Erwähnung und Berichti- 
gung bedurft, da Ranke in der deutschen Geschichte ihrer ausführlich 
gedenkt (S. W. I 210) und ebenso Flathe ADB. VII 780. Das zweite 
Kapitel bezeichnet schon durch seine Ueberschrift die vorhin charak- 
terisierte Oekonomie des Buches: vorlutherische Universität. Ihr 

Qött. fltl. An*. 19)8. Kr. 6 l. • 16 

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Gott. gel. Anz. 1916. Nr. 5 u. 6 

erstes Jahrhundert ist das wichtigste ihrer Geschichte. Es nimmt in 
unserm Buche 340 Seiten in Anspruch, das will heißen: mehr als die 
Hälfte des ganzen Umfangs. Die beiden folgenden Kapitel behandeln 
Luthers Anfänge, seine sowie seiner Mitarbeiter Tätigkeit, mit der 
eine Umwandelung der Universität und der Ausbau ihrer Organisation 
Hand in Hand geht. Das Jahr 1536 ist dafür bezeichnend. Johann 
Friedrich, der zweite Nachfolger des Gründers der Universität, ließ 
eine seiner ersten Sorgen die >Fundation< Wittenbergs sein (178). 
Sein Kanzler, Gregor Brück, entwarf die kurfürstliche Verordnung 
vom 5. Mai, welche die verfassungsmäßige Grundlage der Universität 
bildete: sie stellte die Professuren fest, wies einer jeden ihre Auf- 
gaben zu und ordnete die Besoldungen. Der Gesamtaufwand für 
die Universität belief sich danach auf rund 3800 Gulden (184). War 
es anfangs der Beiz der Neuheit, der die Jugend wohl der im mitt- 
lem Deutschland gelegenen Universität zuführte, der Ruf der leichten 
Zehrung — man sollte für halb so viel Geld als in Leipzig leben, 
für 12 Gulden jährlich sich in einem Kollegium oder bei einem Bürger 
in die Kost begeben können (Oldecop 12,28; 608,23) — so wurden 
es nachher die großen Lehrer, die in Wittenberg wirkten. Der Stand 
der Immatrikulation, der etwa von 1530 an fortschreitend stieg, er- 
reichte 1569 seine Höhe mit 790. Danach trat wieder ein Sinken 
ein. Die nächste Wirkung verspürte das altberühmte Erfurt. Bis 
1520 erhielt es sich bei einer leidlichen Frequenz. In diesem Jahre 
nahm es, während Wittenberg 579 immatrikulierte, 310 neu auf, um 
danach aber durchgehends auf eine Zahl unter 100 zu sinken. Seine 
Frequenz brachte Wittenberg an die Spitze der deutschen Univer- 
sitäten, in eine Stellung, an der bisher Leipzig gestanden hatte. 
Diesen Platz behauptete es bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Eulen- 
burg, Frequenz der deutschen Universitäten (S. 81), ordnet die Reihen- 
folge der Universitäten vor dem dreißigjährigen Kriege: Wittenberg, 
Leipzig, Helmstedt, nach dem Kriege: Leipzig, Jena, Wittenberg. 
Ueber die Zahl der zu gleicher Zeit an einer Universität Anwesenden 
liegen selten zuverlässige Angaben vor. Man veranstaltete noch keine 
Zählungen, sondern begnügte sich mit Schätzungen, die schwanken 
und sehr irreführend sind. So wird es auch mit der Angabe stehen, 
Wittenberg habe zur Zeit seiner Blüte 1600 — 3000 Studierende ge- 
zählt (Ritter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation 
II 208). Eulenburg rechnet etwa 800 als Durchschnitt heraus (107); 
eine Zählung im März 1592 ergab noch nicht 600 (13). Das Jahr 
war besonders ungünstig. Das Gesamtergebnis wird aber wohl sein, 
daß Wittenberg auch in seiner höchsten Blüte 1000 nicht erreichte 
(dazu Friedensburg S. 340). 

Die kleine sächsische Ackerstadt mit etwa 4 — 5000 Einwohnern 



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Friedensburg, Geschiebte der Universität Wittenberg 227 

hatte eine europäische Berühmtheit erlangt; ihr Name war zum Ge- 
gensatz gegen die Weltstadt Rom geworden. Die Universität in 
ihren Mauern, der sie das zu danken hatte, war die Führerin des 
geistigen Lebens in Deutschland geworden; vermöge der von hier 
ausgehenden Ordination der evangelischen Geistlichen (188), der hier 
geschaffenen Einrichtung eines Konsistoriums (189) wurde sie das 
geistige Haupt und Vorbild der protestantischen Kirche. Die geogra- 
phische Lage der kleinen Stadt und ihr Festungscharakter zog sie 
aber auch in die Mitleidenschaft aller politischen Verwicklungen, in 
die das Land geriet, namentlich aller Kriege. Als noch im Todesjahr 
Luthers der Bürgerkrieg in Deutschland ausbrach, war dessen nächste 
Folge für Wittenberg, daß es aus der Hand des Fürstenhauses, dem 
die Universität ihre Entstehung verdankte, der Ernestiner, in die der 
Albertiner überging. Herzog Moritz von Sachsen, der Wittenberg 
vergebens zu belagern versucht hatte, nahm sich, zum Kurfürsten 
geworden, der zerrütteten Universität an. Melanchthon kehrte zu- 
rück und blieb ihr, nachdem ihn die Ernestiner erfolglos für ihr 1556 
neu gegründetes Jena zu gewinnen versucht hatten, bis zu seinem 
Tode (1560) getreu. Auch nach seinem Abscheiden beherrschten die 
> Philippisten < die Universität und suchten eine vermittelnde Stellung 
zwischen Luthertum und Calvinismus hier und am Dresdener Hof 
aufrecht zu erhalten, scharf angefeindet von den Flacianern Jenas, 
bis 1574 eine energische Reaktion einsetzte. Der bekehrte Kurfürst 
August, in neue politische Bahnen einlenkend, vertrieb die Witten- 
berger Lehrer aus ihren Aemtern und aus dem Lande und warf ihren 
Führer, Peucer , den Schwiegersohn Melanchthons , seinen eigenen 
Leibarzt, ins Gefängnis. Mochten Vorgänge wie diese vorübergehend 
nachteilig auf den Besuch der Universität einwirken, Wittenberg be- 
hauptete sich als die größte deutsche Universität und wurde für 
lange Zeit die Stätte des reinen und ausschließlichen Luthertums. 
Vor dem Uebergewicht der Theologie kam der andere Grundpfeiler 
Wittenbergs ins Wanken. Der Eifer für die humanistischen Studien 
erlahmte. Von großen Philologen hatte es keine mehr aufzuweisen. 
Der Niederländer Janus Gruterus gehörte der Universität nur ein 
Jahr an und wanderte, da er die Unterschrift der Concordienformel 
verweigerte, 1592 nach Heidelberg weiter (330). 

So bedeutsam auch die Tätigkeit und die Persönlichkeiten der 
Theologen für die Geschichte der Universität sind, der Vf. vergißt 
nicht über der ihnen gebührenden Rücksicht seine Aufgabe, die Ge- 
schichte der Universität zu schreiben. Im sechsten und siebenten 
Kapitel, welche die dem Reformationszeitalter folgenden beiden Jahr- 
hunderte behandeln, werden die Fakultäten nach einander, in ihren 
Veränderungen, ihren Persönlichkeiten und ihren Leistungen dar- 

16* 

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228 Gott. gel. Ade. 1918. Nr. 6 u. 6 

gestellt, nachdem unter der Ueberschrift : Allgemeines über Verfassung 
und Verwaltung und die Kulturverhältnisse das jeden Zeitraum An- 
gehende berichtet ist. In diesen Ausführungen steckt die mühevollste 
und verdienstliche Arbeit des Vfs. Was hier an biographischem und 
literargeschichtlichem Material verwertet ist, mußte zum großen Teile 
archivalischen Quellen, die nicht bequem an einem Orte zusammen- 
lagen, abgewonnen werden. Dabei ist Maß gehalten in der Mitteilung 
des Einzelnen und das Ziel einer zusammenfassenden Darstellung nie 
aus den Augen verloren. So vielfach auch Einzelnheiten der Univer- 
sitätsgeschichte zum Gegenstand von Abhandlungen oder größern Pu- 
blikationen gemacht waren, so fehlte es doch an einer brauchbaren 
Vorarbeit für die Geschichte als Ganzes. Die Unternehmungen von 
Nicolaus Müller, deren Kaufmann in der Geschichte der deutschen 
Universitäten II S. XVIII gedenkt, sind nicht zum Abschluß gekommen 
(24) und scheinen vorzugsweise der Medizin gegolten zu haben (Vorw. 
S. VIII). 

Aus dem reichen Detail der Ausführungen sei hier nur hervor- 
gehoben, was Wittenberg für die Rechtswissenschaft getan hat. 
Aus der vorlutherischen Zeit ist eine anziehende Persönlichkeit Christoph 
Scheurl aus Nürnberg. Aus Italien, als Doktor von Bologna nach 
Deutschland heimgekehrt, fand er sich etwas enttäuscht durch die 
dürftigen Verhältnisse, die er in dem Landstädtchen Wittenberg vor- 
fand. Er blieb nur fünf Jahre (1507—1512), stiftete aber der Ge- 
schichte der Universität 'einen wertvollen Beitrag durch seinen Ro- 
tulus doctorum Wittembergae profitentium (1507), eine kurze Em- 
pfehlungsschrift für die junge Anstalt, die neben der Angabe der 
Lehrer, ihrer Vorlesungen und Vorlesungszeiten nicht zu versichern 
vergißt: ubi annuus victus octo aureis suppeditatur. G. Kaufmann 
hat durch den Abdruck im 2. Bande seiner Geschichte der deutschen 
Universitäten (1896) S. 574 die Quelle bequem zugänglich gemacht. 
Christoph Scheurl kehrte 1512 in seine Vaterstadt zurück und hat in 
deren Dienst bis an sein Lebensende (1542) als Ratskonsulent ge- 
wirkt. Wie Scheurl zu Nürnberg, stand Hening Göde zu Erfurt. Er 
gehörte Wittenberg schon früher und länger als jener an und hatte 
gleich ihm seinen Schwerpunkt weniger als in der akademischen 
Tätigkeit in dem Erteilen von Konsilien. Die Professur des kanoni- 
schen Rechts, die er seit 1510 bekleidete, brachte ihn zwar mit 
Luther in Berührung; er war aber kein Freund der reformatorischen 
Bewegung. Unter seinen Konsilien, die auf Anregung des Kurfürsten 
nach seinem Tode gesammelt und von Melchior Kling herausgegeben 
wurden, betrafen auch manche staatsrechtliche Fragen. Wie unver- 
dient der Ruf ist, er sei einer der ersten Lehrer des Staatsrechts ge- 



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Friedcosburg, Geschichte der Universität Wittenberg 229 

wesen und habe etwas wertvolles für diese Wissenschaft geleistet, hat 
schon Pütter, Literatur des deutschen Staatsrechts I 101, gezeigt. 

Das Verhältnis der Jurisprudenz zur Reformation entschied sich 
schon zu Luthers Lebenszeit in Wittenberg. Die Rechtswissenschaft 
hatte keine Vertreter, die sich mit den Reformatoren hätten messen 
können ; aber es wurden hier prinzipielle Kämpfe ausgetragen, die die 
Stellung der neuen Lehre zu dem überlieferten Rechte bestimmten. 
Der erste galt der Frage, inwieweit das kanonische Recht Fortdauer 
seiner gesetzlichen Autorität beanspruchen könne. Luther verwarf sie 
völlig und hatte die > gottlosen Bücher der päpstlichen Constitutionen < 
am 10. Dezember 1520 öffentlich dem Feuer übergeben (143). Die 
Juristen seiner Umgebung erkannten zwar an, daß das Corpus juris 
canonici, soweit es der heiligen Schrift widerstreite, seine Geltuug 
verloren habe, im Uebrigen aber Gesetz bleibe nach wie vor, auch 
für die Aufrechterhaltung des Rechtszustandes in Privatrecht und 
Prozeß nicht entbehrt werden könne. Auch der Jurist Hieronymus 
Schürpf, der Begleiter Luthers auf der Fahrt nach Worms, teilte 
diese Ansicht, und die weitere Rechtsentwicklung hat nicht Luther, 
sondern den Wittenberger Juristen zugestimmt. Eine zweite Rechts- 
frage wurde durch den schmalkaldischen Krieg angeregt. Darf man 
dem Kaiser bewaffneten Widerstand leisten? Die Anhänger der Re- 
formation überwanden ihre Bedenken, als die Juristen ihnen aus dem 
positiven Rechte den Satz ermittelten, daß Untertanen gegen den 
Mißbrauch der Amtsgewalt sich zu erheben ein Recht hätten (Stintzing, 
Gesch. der deutschen Rechtswiss. I 277; Hänel in Z. f. Rechtsgesch. 
VIII 266). In der Wertschätzung des römischen Rechts gingen die 
beiden Häupter Wittenbergs auseinander. Luther hatte einen na- 
tionalen Widerwillen gegen das fremde Recht und hätte am liebsten 
jedes Land sein eigenes Recht genießen sehen (Stintzing S. 270), Me- 
lanchthon dagegen war ein Verehrer des römischen Rechts als eines 
Stückes klassischen Altertums und eines Zeugnisses wahrer Philo- 
sophie (Hänel S. 259). Für die Universitätslehre hatte die Reforma- 
tion die Folge, daß das kanonische Recht, dem früher die Mehrzahl 
der juristischen Lehrstunden gewidmet wurde, immer weiter vor den 
Vorlesungen über das römische Recht zurückwich. 

An der Lehre und Bearbeitung des römischen Rechte hatte Wit- 
tenberg neben den anderen deutschen Universitäten seinen Anteil. 
An hervorragenden Namen hat es aus seiner ältesten Zeit den Nieder- 
länder Mathäus Wesenbeck — Hugo, civil. Litt.-Gesch. 348 meint, 
der so viel als Wiesenbach bedeutende Name sei wohl nie in Deutsch- 
land verstanden worden — aufzuweisen. Er war von dem unduld- 
samen Jena 1569 nach Wittenberg gekommen, wo er die Reaktion 
von 1574 erlebte und überlebte, indem ihm allein unter allen Univer- 



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230 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 5 u. 6 

sitätslehrern die Unterschrift der Concordienforrael erlassen wurde 
(31G). Seine schriftstellerische Tätigkeit wurde von Einfluß auf die 
Unterrichtsmethode wie auf die Handhabung des praktischen Hechts; 
seine Berücksichtigung der Rechtsbedürfnisse der Zeit machte ihn zu 
einem geeigneten Mitarbeiter an dem Gesetzgebungswerk der Sächsi- 
schen Konstitutionen von 1572. 

Von der Dynastie Carpzow ist zwar das bekannteste Mitglied, 
Benedict C. II (1595—1666) in Wittenberg geboren, wo sein Vater 
eine Zeitlang Mitglied der juristischen Fakultät war, aber die Stätte 
seines Wirkens waren Leipzig und, ungeachtet seines Wahlspruches: 
extra Lipsiam vivere est miserrime vivere, Dresden. Auch der be- 
rühmte Name des Samuel Stryk, des Verfassers des >Usus mo- 
dernus Pandectarum<, war für Wittenberg nur von vorübergehender 
Bedeutung. Den 1690 von Frankfurt a. 0. her gewonnenen mußte 
man schon nach zwei Jahren wieder ziehen lassen, da ihn sein Kur- 
fürst Friedrich für Brandenburg in Anspruch nahm, um bei der Be- 
gründung Halles mitzuhelfen und dort an die Spitze der juristischen 
Fakultät zu treten. 

Die praktische Richtung der Juristenfakultät, ihre Mitarbeit an 
dem usus modernus, brachte Augustin Leyser, dessen Medita- 
tiones ad Pandectas im 18. Jahrhundert viel benutzt wurden, zum 
kräftigsten Ausdrucke. Auch Leyser war ein geborner Wittenberger, 
ein Abkömmling jenes Polykarp Leyser, der die Familie von Süd- 
deutschland nach dem Norden verpflanzt hatte und zu jenen exklu- 
siven Lutheranern gehörte, die nach dem Sturz der Krypto-Calviuisten 
in Wittenberg ihr rechtes Feld fanden. Seine Angabe in der Leichen- 
rede, Wesenbeck habe an seinem letzten Ende seine calvinistischen 
Irrtümer abgelegt und sei gut lutherisch verstorben, rief die ent- 
schiedene Entgegnung seiner Erben hervor und führte zu erbitterten 
Streitigkeiten über dem Grabe des Mannes, der in seinem Leben viel 
erlitten hatte. 

Waren die Wittenberger Juristen auch durchgehends Lehrer und 
Pfleger des römischen Rechts, so nimmt der Name der Reformations- 
Universität doch auch einen Platz in der Geschichte des deutschen 
Rechts und seines Wiedererstehens ein. Die ersten Vorlesungen über 
deutsches Privatrecht sind in Wittenberg von Georg Beyer gehalten 
worden, der, ein Schüler des Thomasius, 1706 nach Wittenberg kam. 
Seine Ankündigung war keine bewußt große Tat, und ihr Urheber 
kein Reformator. Aber nach dem Vorbilde seines Lehrers, der schon 
über Institutionen juris germanici gelesen hatte (Landsberg, Gesch. 
der deutsch. RWiss. 111 a S. 90, Noten S. 55), faßte er die mehr selb- 
ständigen Teile des geltenden Privatrechts deutschen Ursprungs, die 
in den Vorlesungen über Privatrecht sonst gar nicht oder nur neben- 



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Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg 231 

sächlich behandelt waren, zu einer Einheit zusammen, und dieser 
Vorgang wurde als Muster an verschiedenen Universitäten befolgt 
Professuren für das Landesrecht, wie sie in Leipzig, Kiel, Tübingen 
in der nächsten Zeit begründet wurden, dienten zugleich dem deut- 
schen Rechte. Da Wittenberg im Gebiete des sächsischen Rechts lag, 
sein Hofgericht oft mit dessen Quellen sich zu beschäftigen hatte, so 
wäre es auffallend, wenn seine Universitätslehrer sich literarisch gar 
nicht dieses Gegenstandes angenommen haben sollten. Zu nennen ist 
aber nur einer. Melchior Kling, ein Schüler Melanchthons und 
Schürpfs, seit 1534 mit Vorlesungen über kanonisches Recht betraut, 
fand seinen Beruf mehr als in akademischer Tätigkeit in Geschäften 
als juristischer Ratgeber von Fürsten und Herren. Sein praktischer 
Sinn stieß sich an der originellen Art und Weise, wie der Verfasser 
des Sachsenspiegels seine Rechtssätze vorzutragen für gut befunden 
hatte. Da sie dem Bedürfnis der Gerichte sich rasch zurecht zu 
finden, große Schwierigkeiten bereitete, erbot er sich 1542 in einem 
Briefe an den Kurfürsten Johann Friedrich, das >unvoratentlich buch 
des Sachsenspiegels <, wie es die Zeitgenossen schon nannten, in eine 
solche Ordnung zu bringen >das es ein jeder leichtlich verstehen und 
sich drein richten solt< (Muther in Z. für Rechtsgesch. IV [1864] 
S. 172). Eine Arbeit der Art kam wirklich zu Stande, wurde aber 
erst im Jahre nach Klings Tode von seinen Söhnen 1572 veröffent- 
licht. >Wie confuse und unordentlich das Sechsische Landrecht ge- 
schrieben, das ist Ewer Churfürstl. Gnaden als einem Hochversten- 
digen Churfürsten wol bewust< beginnt der Verfasser und bringt dann 
die Sätze des Rechtsbuches in vier Teile, von denen der erste, von 
den Personen handelnd, vom Herausgeber als der geringste, die drei 
andern, den Prozeß, das Privatrecht und das peinliche Recht betref- 
fend, als besser und nützlicher bezeichnet werden. Nach den meh- 
reren Auflagen zu schließen, die das Buch erlebt hat — mir lag die 
von 1577 vor — , muß es sich doch brauchbar erwiesen haben. 

Das vorletzte Kapitel unseres Buches trägt die Ueberschrift : 
Niedergang und Wiederaufstieg. Den Ruhm die frequenteste aller 
deutschen Universitäten zu sein verlor Wittenberg nach dem Kriege, 
aber an der Spitze der lutherischen Hochschulen orthodoxer Richtung 
verblieb eB bis tief in das 18. Jahrhundert. Es hatte unter seinen 
Lehrern die berühmtesten Streittheologen, wie Hutter (f 1616) und 
Calov (f 1686). Die Zeit, welche die Politik in Staatshändel auf- 
löste, die Städte durch den litigiösen Geist zerrüttete, die Universitäten 
durch ihr Gezänk Männern wie Leibniz verhaßt machte, hatte einen 
würdigen Repräsentanten an Wittenberg. Der große Kurfürst erließ 
deshalb 1662 ein Mandat, das seinen Landeskindern Philosophie oder 
Theologie in Wittenberg zu studieren verbot und jeden Zuwider- 



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232 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

handelnden von der Anstellung im öffentlichen Dienst ausschloß; zu- 
gleich wurden die dort studierenden Brandenburger abberufen (423). 
Die Polemik war in der Theologie so sehr zur Hauptsache geworden, 
daß das sächsische Oberkonsistorium 1650 auf der Suche nach einem 
tauglichen Professor geradezu einen Doktor verlangte, der >iu Streit- 
schriften, welches bei diesen Zeiten sonderlich hochnöthig ist, und 
andern theologischen ExercitÜB wohl erfahren sei< (419). 

Dabei wandte sich das Leben in den Jahrzehnten nach dem 
Kriege immer mehr von der alten Vorliebe für Theologie ab und ließ 
weltliche Wissenschaften, Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie 
in den Vordergrund treten. Auf die Dauer vermochte Wittenberg 
seine alte Anziehungskraft nicht zu behaupten. Der Wiederbeginn 
der Kriegsläufte setzte die Stadt und alles was sie in ihren Mauern 
barg wiederholt der schwersten Gefährdung aus. Wenige Jahre 
nachdem die Universität ihr zweihundertjähriges Jubiläum gefeiert 
hatte, wurden Stadt und Land von den Schweden okkupiert, zwanzig 
Jahre später von den Preußen. Dasselbe Schauspiel feindlicher Besitz- 
nahme wiederholte sich nach der Feier des dritten Jubiläums. Das 
Aufkommen von Halle zu Ende des 17., von Göttingen gegen die 
Mitte des 18. Jahrhunderts brachte Wittenberg um seine Frequenz 
und um sein altes Ansehen. 

Es erscheint als ein Los der untergehenden Universitäten, daß 
sie in ihren letzten Lebensstadien noch Sterne der Wissenschaften 
aufzuweisen haben, von denen die Zeitgenossen ein Aufleben der Stu- 
dien erwarten durften. So hatte Frankfurt a. 0. seit Michaelis 1805 
Karl Friedrich Eichhorn gewonnen, dessen im Sommer 1808 erschei- 
nende deutsche Staats- und Rechtsgeschichte die Grundlage eines 
neuen Wissenszweiges wurde. In Helmstedt, das von Göttingen auf- 
gesogen wurde wie Wittenberg von Halle, lehrten noch im letzten 
Jahrzehnt seiner Existenz Männer von dem Ansehen des Kirchen- 
historikers Henke und des Staatsrechtslehrers Häberlin, anderer zu 
geschweigen, die Goethe 1805 in den Tages- und Jahresheften nennt, 
als er im August in Gesellschaft des Philologen Friedr. August Wolf 
die Universität besuchte, um die Sammlungen des wunderlichen Hei- 
ligen, des Prof. Beireis kennen zu lernen (Bd. 35, 209 der W. A.). 
Ebenso erging es Wittenberg. Unter seinen Studierenden des 18. Jahr- 
hunderts hatte es Namen zu verzeichnen wie Lessing, den Nationalöko- 
nomen Justi, den Historiker Schlözer, den Juristen K. Sal. Zachariae, 
den Dichter Hardenberg - Novalis. Zu seinen Lehrern der letzten 
Jahrzehnte gehörten die Historiker Schröckh; der genannte K. S. Za- 
chariae seit 1798 bis 1807, wo er an die neu aufblühende Carolina 
Ruperta berufen wurde; die Familie Nitzsch in zwei Generationen, 
der Vater, der Theologe Karl Ludwig und seine drei Söhne von denen 



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Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg 233 

der älteste Christian Ludwig die Zoologie vertrat, Karl Immanuel die 
Theologie, nachher in Bonn und Berlin, Gregor Wilhelm die Philologie, 
zuletzt in Kiel. Auch der Philologe Lobeck, der so lange eine Zierde 
Königsbergs war, hatte in seiner Jugend 1802 — 1814 in Wittenberg 
doziert. Der Historiker Bredow war Professor an zwei der unter- 
gehenden Universitäten, erst Wittenberg, seit 1809 Frankfurt a. 0. 
Der ephemeren Größen wie Pölitz, der in Wittenberg seit 1804 wirkte 
und 1815 nach Leipzig überging, ist dabei gar nicht einmal gedacht 
worden. Zu den letzten Wittenbergern gehörte auch der Theologe 
Michael Weber, gestorben 1833 als Professor in Halle, der Vater des 
Göttinger Physikers Wilhelm Weber (1804—1891), der gleich seinen 
Brüdern ErnBt Heinrich und Eduard, den nachherigen Leipzigern, in 
Wittenberg geboren war. Einst gleichzeitig mit Frankfurt a.0. ins 
Leben gerufen, ging Wittenberg gleichzeitig mit ihm unter, wie auch 
hier wie dort eine nominelle Verschmelzung mit einer andern Uni- 
versität eintrat. 

Eine Erinnerung an den einstigen wissenschaftlichen Beruf der 
Stadt Wittenberg erhielt sich insofern, als sie mit Aufhebung der 
Hochschule zum Sitz eines lutherischen Predigerseminars gemacht und 
ein Teil der alten Universitätsfonds zu dessen Dotation verwandt 
wurde. Die neue Bildungsanstalt, deren erster Direktor der Stamm- 
vater der Familie Nitzsch, Karl Ludwig wurde, erhielt die Räume des 
alten Augustinerklosters angewiesen, in denen einst der Reformator 
gewohnt hatte. 

Göttingen F. Frensdorff 



Die Capitanei von Locarno im Mittelalter. Herausgegeben von den 
Familien von Muralt in Zürich und itern uod der Familie von Orelli in Zürich. 
Bearbeitet von Karl Meyer. XIX u. 556 S. Gr. 8°. Zürich, Druck der Buch- 
druckerei BerichthauB. 1916. 

Der Verfasser des GGA. 1912 Nr. 5 angezeigten Buches hat in 
dem in der Ueberschrift genannten Werk eine historische Arbeit durch- 
geführt, die sich mit jener Studie über die mittelalterliche Geschichte 
von Blenio und Leventina insofern berührt, als auch hier ein wich- 
tiger Beitrag zur Geschichte der Südschweiz gebracht wird. Das nur 
in einer beschränkten Zahl von Exemplaren gedruckte, nicht in den 
Buchhandel gegebene Prachtwerk ist, wie das vorangestellte > Geleit- 
wort« aussagt, von den Familien von Muralt und von Orelli heraus- 
gegeben. Wie das noch heute höchst beachtenswerte 1836 erschie- 
nene Werk: >Die evangelische Gemeinde in Locarno, ihre Auswande- 



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234 Gott, gel Anz. 1918. Nr. 6 u. 6 

rung nach Zürich und ihre weiteren Schicksale < ') ausführt, hat die 
durch die Gegenreformation verursachte Verpflanzung dieser ange- 
sehenen Familien der tessinischen Stadt im Jahre 1555 stattgefunden. 
Schon 1855 war in Denkschriften auf das Ereignis hingewiesen worden. 
Allein die hier vorliegende allerdings nur auf das Mittelalter sich be- 
schränkende Geschichte ist auf einem weit ausgedehnteren Material 
in eindringlichster Erschöpfung aufgebaut. 

Mit voller Berechtigung kann der Verfasser darauf hinweisen, 
daß in dem rechts-, politisch- und wirtschaftlich-geschichtlichen Bilde 
der mittelalterlichen Adelsgemeinde von Locarno ein höchst eigen- 
artiges Rechtsinstitut erscheint, und ebenso wird mit Recht betont, 
daß ein zumeist bisher unbekanntes Urkundenmaterial zu Grunde 
liegt. Innerhalb desselben steht das jetzt iu Zürich liegende Familien- 
archiv von Muralt und von Orelli voran; daneben kamen Locarner 
und andere tessinische Archive und Bestände in Como und Mailand 
in Betracht. 

Das Hauptgewicht des Buches fällt auf den darstellenden Teil, 
dem sieben Exkurse beigefügt sind. 

Die Bezeichnung Locarno umfaßte, wohl als ursprüngliche ein- 
heitliche Markgenossenschaft und als einzige Gerichts- und Pfarr- 
gemeinde, bis zum 15. Jahrhundert, wo Abtrennungen eintraten, in 
großem Grenzumfange neben der Stadt Gebiete auf dem gegenüber- 
liegenden linken Ufer des Langensees und ebenso auf dessen rechten 
Seite große Nachbarschaften in den nach dem See hin sich öffnenden 
Thälern. Diese Landschaftsgemeinde war vom 12. Jahrhundert bis 
um 1315 ein Bezirk der Stadtrepublik Como, hernach eine kurze Zeit 
selbständig, seit 1342 aber dem Fürstentum Mailand Untertan. Inner- 
halb dieser Landschaftsgemeinde stand nun die engere Adelsgemeinde 
der Capitanei von Locarno in einer in ihrer Art einzigen Weise in 
einer aristokratisch-feudalen Verfassung bevorrechtet, und sie behielt 
diese Stellung durch mehr als sechs Jahrhunderte, bis 1798. 

Zwei Verwandtschaftsgruppen treten innerhalb der Adelsgemeinde 
hervor, die schon 1311 als in sich geschlossen erkennbaren Orelli, zu 
denen die Magoria gehören, und die weniger zahlreichen Muralto. 
Nicht aus Frankreich, wie eine spät mittelalterliche Tradition be- 
hauptete, sondern von den Edeln von Besozzo, am unteren Langen- 
see, stammen die Locarner Adelsfamilien ab, insbesondere nachweis- 
lich die Orelli, wie sie denn freiherrlichen Ranges, nach urkundlichen 
Zeugnissen des 12. und 13. Jahrhunderts langobardischen Rechtes, 
waren. Burg und Hafen Orello waren einer der Stammsitze in Lo- 

1) Ucbcr den Verfasser Ferdinand .Moyer ist der Artikel in der Allgemeinen 
Deutscheu Biographie, Bd. XXI, 8.509— 571, zu vergleichen. 



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Meyer, Die Capitanei von Locarno im Mittelalter 235 

carno; doch ist wohl nach 1342 dieses Orello-Quartier in der Burg- 
anlage der Visconti aufgegangen. Dagegen steht noch heute das Schloß 
Muralto in Ueberresten in der gleichnamigen östlichen Vorstadt von 
Locarno. Die vielfach seit dem 14. Jahrhundert noch vorliegenden 
Protokolle der Versammlung der >universitas nobilium dominorum ca- 
pitaneorum< unterrichten über die Tätigkeit dieser Adelsversammlung 
und der drei beeidigten Vorsteher (Podestä); denn auch in der Zeit 
der Zugehörigkeit Locarnos zu Como war für sie der Genuß des 
staatlich geschützten Vorrechtes nicht verringert. Enge Beziehungen 
bestanden auch zur Mutterkirche von Locarno, San Vittore in Mu- 
ralto; besonders von den Muralto wurden Vergabungen gestiftet. 

Wirtschaftlich und politisch war die Stellung der Capitanei reich 
entwickelt. 

In erster Linie war das Ansehen der Locarner Adeligen durch 
den umfangreichen Lehnsbesitz bedingt. Reichslehen sind seit 1210, 
der Bestätigung durch Otto IV., bezeugt; Kirchenlehen, des Bischofs 
von Como, erscheinen zahlreich seit dem 12. Jahrhundert, wobei die 
Annahme nicht ausgeschlossen ist, daß die adeligen Lehnsträger ur- 
sprüngliche Reichslehen, als sie bei der Schwächung der Kaisergewalt 
deren Verlust zu befürchten begannen, an den Bischof aufgaben und 
als Kirchenlehen zurück empfingen. Diese Lehen, die teils der ganzen 
Adelskorporation, teils adeligen Einzelpersonen angehörten, waren 
Burglehen, deren vornehmstes in der Ruine auf dem Locarno be- 
herrschenden Hügel San Biagio zu sehen ist, dann Ländereien, Hof- 
stellen und Alpen, endlich im Kirchspiel zerstreute Zehntlehen *)• Aber 
als der Hauptbestandteil des Korporationgutes mit ungeteiltem Besitz 
und in gemeinsamer Verwaltung erwiesen sich die nutzbaren Hoheits- 
rechte, die Regalien, innerhalb des Bezirkes Locarno. Da steht unter 
den Nutzungen aus Handel und Verkehr obenan der große Zoll, pe- 
dagiura, ein bischöfliches Lehen, das jährlich sieben bis vierzehn Male 
mehr, als alle übrigen Regalien zusammen, eintrug, so daß dann auch 
nach 1400 die Visconti diese Einnahme den Capitanei durch Konfis- 
kation entzogen; das Marktregal für die Stadt ist schon in der älte- 
sten Urkunde, Kaiser Friedrich's I. von 1164, erwähnt. Bei den viel- 
fachen Nutzungen aus Wald und Weide ist die >ayra accipitrum<, 
das Ausnehmen der Nester von Falken und Habichten, und eine Art 
Forstregal, >turai<, das eine Zinspflicht der Drechsler, für die An- 
fertigung hölzerner Teller und dergleichen, bedingte, erwähnenswert. 
Flußregalien bestanden in Mühlen, im Flußzoll für Holztrausport, in 
Fischereirechten, und von allen verschwundenen Regalien gelten für 
die Locarner Corporazione dei Nobili noch zur Stunde diese drei 

1) Diese Zehnten sind im Exkurs V einzeln aufgezahlt. 



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236 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 u. 6 

Fischenzen, am Ufer des Langensees und im Mündungsgebiete des 
Tessin- Flusses. 

Die politischen Hoheitsrechte der Gemeinde der Capitanei lagen 
einesteils innerhalb der Landschaft Locarno, wie angenommen werden 
kann, als Reste einer mittelalterlichen adeligen Landeshoheit, anderer- 
seits — für die Orelli — außerhalb der Landschaft. Ueber ein Statut 
von 1365 darf geschlossen werden, daß durch dessen Wortlaut eine 
ältere schon bestehende Einrichtung nur eine Modifikation erfahren 
habe: es betrifft die Erwählung des Landschaftsrates — consilium 
generale — , in der Art, daß, fünfzehn Ratsherren von der Gruppe der 
Orelli, zwölf von der der Muralto, je im Dezember durch den ab- 
tretenden Rat die Wahl geschah, und daß auch bei der Wahl der 
sechszehn weiteren Landschaftsbeamten die Adeligen ihren Einfluß 
übten; dagegen ernannte der Landesherr den Podestä, den obersten 
Verwaltungs- und Gerichtsbeamten, der jedoch hinwider von jenem 
Wahlgeschäfte ausgeschlossen war. Ebenso bildete die Adelskorpora- 
tion für sich eine besondere Steuergemeinde. — Für jene Hoheits- 
rechte außerhalb der Landschaft Locarno kamen, in drei Podestaten, 
einzig die Orelli in Betracht. In dem zum Lukmanier-Paß hinauf- 
führenden Val Blenio war vom Mailänder Domkapitel vom 12. bis 
H.Jahrhundert die Advocatia an einen Zweig des Geschlechtes über- 
tragen, und dazu wurde dann noch der Rektorat gefügt; auf Burgen 
gestützt, voran auf den Sitz des Rektorats, die den unteren Teil des 
Tales beherrschende Burg Serravalle, hatten die Orelli diese Stellung 
inne. Doch außerdem gebot noch ein anderer Zweig im Amte des 
Podestaten in Biasca, an der Ausmündung des Val Blenio in das 
große Tessin-Tal, und ebenso waren sie in der Gewalt über die kleine 
bis zum Jahre 1342 reichsunmittelbare Republik Brissago am Langen- 
see, südwestlich von Locarno, und zwar dauerte hier der Podestat 
durch ein halbes Jahrtausend, bis 1798. 

An diese bis in das Einzelne eintretenden Ausführungen schließt 
sich in einem zweiten Teile, in chronologisch vorschreitender Dar- 
stellung, die Behandlung der politischen Schicksale der Capitanei, von 
der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts an, wo die Eröffnung des 
Gotthardpasses dem Platze Locarno erhöhte Wichtigkeit brachte, so 
daß eben auch jene Bewilligung des neuen Marktes durch Friedrich I. 
1164 erfolgte. 

Die Adelsgemeinde von Locarno war reichsunmittelbar, was durch 
Friedriche I. Privileg 1186 bewiesen erscheint. Allein schon bis zum 
Anfang des 13. Jahrhunderts gelang es dem Stadtstaate Como, der 
infolge des Gegensatzes gegen Mailand durch das Reich geschützt 
war, die ganze Diözese Como zum städtischen Herrschaftsgebiete zu 
machen, und so redeten schon 1210 Otto IV. und 1219 Friedrich II. 



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Meyer, Die Capitanei von Locarno im Mittelalter 237 

in ihren Diplomen für die Edeln von Locarno nicht mehr von Be- 
stätigung der Reichsunmittelbarkeit, sondern bloß von der Bekräfti- 
gung der Reichslehen. Dagegen erwuchs nun wenigstens für die 
Orelli, durch jene Festsetzung in Blenio und Leventina, ein reicher 
Ersatz, dadurch daß das Mailänder Domkapitel, auch im Interesse 
seiner eigenen Landeshoheit, ganz im Anfang des 13. Jahrhunderts an 
Guifred von Orello die Vogtei über Blenio gab und daß 1213 der 
Mailänder Erzpriester Baibus an die sämtlichen Vertreter der einen 
Linie des Geschlechtes die volle Landeshoheit erteilte: Rudolf Orello 
heißt 1215 geradezu >Belleni et Leventine coraesc, freilich so, daß 
schon nach dem Tode des Baibus 1220 die Landeshoheit wieder beim 
Domkapitel stand und nur die Vogtei den Orelli blieb. Dann aber 
griff der Kampf Friedriche IL um seine Machtstellung in der Lom- 
bardei auch in diese Verhältnisse ein. Als 1239 Como sich dem 
Kaiser wieder anschloß, Locarno dagegen wie ein selbständiger Staat 
unter der Leitung des Simon von Orello zur päpstlich-lorabardischen 
Sache sich hielt, vermochte dieser Capitaneus als >General-Podesta< 
nach einer geradezu landesherrlichen Gewalt zu greifen und 1242, 
im Bunde mit dem im angrenzenden Misox gebietenden Heinrich von 
Sacco, die wichtige comaskische Festung Bellinzona zur Kapitulation 
zu zwingen, auch für Blenio und Leventina den Orelli'schen Rektorat 
neu zu befestigen. Indessen setzte der Friedensschluß von 1249, der 
die eingebüßten Rechte an Como zurückgab und die Capitanei von 
Locarno der Stadtrepublik Como wieder unterwarf, dieser ausge- 
dehnten Gewalt Simonis ein Ende. Allein damit war seine weit aus- 
greifende Tätigkeit keineswegs abgeschlossen. In den fortgesetzten 
Kämpfen stand er auf ghibellinischer Seite, wobei er freilich 1263 
bei einem Zusammenstoß der Parteien in Como von den guelfischen 
Gegnern gefangen genommen wurde. Erst 1276 wurde er nach 
langer harter Haft befreit und hat dann, als Bundesgenosse des ver- 
bannten Ghibellinenführers Erzbischof Otto Visconti, 1277 in einem 
durchschlagenden Waffensiege die Herrschaft der Visconti in der Lom- 
bardei geradezu begründen geholfen und darauf als Capitano generale 
anderthalb Jahre hindurch, bis Markgraf Wilhelm von Montferrat an 
seine Stelle trat, eine ganz maßgebende Stellung eingenommen. Zu- 
letzt aber gab Erzbischof Otto 1286 in dem Frieden, den er nach 
neuen inneren Fehden gegenüber Como einging, die Sache des Simon 
preis, und als dieser, vor 1291, starb, war er aus seiner früheren 
großen politischen und militärischen Position verdrängt. 

Eben dieses mailändische Fürstenhaus der Visconti, das durch 
Simonis Handreichung emporgekommen war, hat dann im 14. Jahr- 
hundert die politische und wirtschaftliche Stellung der Capitanei in 
Locarno und diejenige der Orelli in Biasca und Blenio insbesondere 



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238 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. B u. 6 

beseitigt. Wie 1335 der Stadtstaat Como und 1340 das große Schloß 
von Bellinzona mit der mailändischen Herrschaft durch die Visconti 
vereinigt wurden, so daß diese nun den Zugang zu den Alpenpässen 
beherrschten, so ist auch, wie 6chon erwähnt, 1342 Locarno, und 
ebenso Brissago, unterworfen worden. Nach der Abführung der 
Führer der Capitanei in die Gefangenschaft nach Mailand wurde der 
größte Teil der adeligen Korporationsgüter, der Regalien eingezogen, 
die Burg Orello, samt dem Hafen, zur fürstlichen Zwingburg um- 
gewandelt, und 1343 hörten eben auch Vogtei und Rektorat der 
Orelli in Blenio auf. Für die Capitanei trat an die Stelle der poli- 
tischen die bloß verwaltungsrechtliche Tätigkeit, indem allerdings all- 
mählich die Regalien wieder zur Zurückerstattung kamen. Vollends 
haben die nach dem Tode des Herzogs Gian Galeazzo Visconti 1402 
ausbrechenden Wirren neue Schwächungen zur Folge gehabt, die Ab- 
lösung der Täler Maggia und Verzasca von Locarno und den Verlust 
des großen Zolles, des einträglichsten Regals. Eine weitere Herab- 
setzung geschah, als die Visconti die Landschaft Locarno an die 
Frachignoni, Schloßherren von Cecima (bei Pavia), zu übergeben sich 
genötigt sahen; danach traten an die Stelle der Frachignoni 1439 die 
Grafen Rusca. Zwar ergriffen 1447, als mit Filippo Maria die Vis- 
conti erloschen, die Muralti die Gelegenheit, unter Ausnützung der 
neu entstehenden Wirren dem Versuch der Rusca, ihre Territorien zu 
einem unabhängigen Fürstentum umzugestalten, sich in den Weg zu 
stellen, Locarno zu befreien und in die in Mailand erwachsende am- 
brosianische Republik aufnehmen zu lassen; doch nach dem Mißlingen 
hatten die am Aufstand beteiligten Angehörigen des Geschlechts eine 
schwer treffende Rache zu erfahren. Die letzte noch nahezu drei 
Jahrhunderte in sich begreifende Phase setzt 1512 mit der Eroberung 
dnrch die eidgenössischen Orte ein: die über die Landschaft Locarno, 
wie über die übrigen ennetbirgischen Herrschaften, eingesetzten Land- 
vögte geboten fortan, bis zur Revolution von 1798, und die Locarner 
Adelsgemcinde gewann dadurch eine im Wesentlichen bessere Position, 
zumal auch durch den höheren Ertrag der Regalien in der nunmehr 
einsetzenden Friedenszeit. 

Die zweite Hälfte des Bandes ist der 163 Seiten ausfüllenden 
Genealogie der Capitanei eingeräumt, für welche Lehensinvestituren 
des Bistums Como eine hauptsächliche Quelle darstellen ; dabei boten 
für die Einreihung der Persönlichkeiten die zahlreichen gleichen Vor- 
namen gleichzeitig Lebender eine wesentliche Schwierigkeit. Für die 
drei Geschlechter Muralto, Orelli, Magoria reichen die Nachweise, zu 
denen die acht Stammtafeln des Anhanges gehören, vom Ende des 
12. bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts. Danach folgen 23 Ur- 
kundenbeilagen, von 1164 bis 1437, neben mehreren früher ungenü- 



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Meyer, Die Capitanei von Locarno im Mittelalter 239 

gend gedruckten Stücken 14 Inedita, aus dem Familienarchiv, aus 
Archiven in Como, Locarno, Bellinzona, Mailand, aus dem vatikani- 
schen Archiv, einige von sehr großem Umfang, besonders Statuten 
der Capitanei über ihre Regalien oder bischöflich comaskische Lehens- 
investituren für Glieder der beiden Geschlechter Muralto und Orelli. 
Den künstlerischen Schmuck bilden neben Wappentafeln Abbil- 
dungen des Grabmals des Johannes von Orello von 1347 in Locarno, 
des großen 1493 durch den Domherrn Luigi di Muralto gestifteten 
Altare im Dom von Como, weiterhin Ansichten von San Biagio und 
Serravalle, die photographischen Nachbildungen der beiden Diplome 
Friedrich's I. Porträts, der Stammväter der beiden Zweige der Mu- 
ralt in Zürich und in Bern — des Dr. jur. Martin und des Arztes 
Johannes, die beide Locarno im Jahr 1555 verließen — , und die Re- 
produktion des Bildes des Aloysius von Orelli, der gleichfalls in diesem 
Jahre als Glaubensflüchtling Zürich betrat, sowie seiner Eltern, illu- 
strieren die Genealogie. 

Zürich G. Meyer von Knonau 



Dr. Gustav Schmidt, Erzbischof Siegfried I. von Mainz. Ein Bei- 
trag zur Geschichte der Mainzer Politik im 11. Jahrhundert. 
XI u. 101 S. gr. 8°. Berlin, Km. Ehering. 1017. 

Nach der 1900 erschienenen Rostocker Dissertation Hannach's, 
die als der Versuch >einer Khrenrettung< Siegfriede zu bezeichnen 
ist, und nach Brackmann's > Heinrich IV. und der Fürstentag zu Tri* 
bur< (Historische Vierteljahrsschrift: 1912), wo die Haltung des Erz- 
bischofs aus dessen Betonung der Ansprüche der Mainzer Kirche er- 
klärt wird, will der Verfasser, zumal auch in Auseinandersetzung mit 
Lambert von Hersfeld, die Bedeutung der Persönlichkeit des Erz- 
bischofs Siegfried's I. neuerdings behandeln. 

Zutreffend geht Schmidt in § 1 von den Zielen und Aufgaben 
der Politik der Mainzer Erzbischöfe seit Willigis und Aribo aus. Das 
Unabhängigkeitsgefühl der > prima sedes< der deutschen Kirche, auch 
gegenüber der römischen Curie, und die schon in Hatto verkörperte 
ansehnliche politische Stellung, wie sie in der Erzkanzlerwürde im 
Anspruch auf das Erststimmrecht bei der Königswahl, auf die Voll- 
ziehung der Königskrönung immer greifbarer sich aussprach, waren 
Traditionen, die auch einem weniger befähigten Nachfolger vor- 
schweben mußten. In den darauf folgenden Abschnitten wird dem- 
nach, wie das schon im Titel der Schrift bezeichnet ist, diese Mainzer 
Politik Siegfriede untersucht, besonders auch im Verhältnis zu den 
Suifraganen und zur Curie, ebenso zum Reichsregiment und zum 



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240 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 5 n. 6 

Königtum. Dabei wird eine zielbewußte und erfolgreiche Politik in 
der für Mainz so wichtigen Frage der Thüringer Zehnten hervorge- 
hoben, ferner die glückliche Durchführung des Simonieprozesses gegen 
Bischof Karl von Constanz, die selbständige Haltung als Primas der 
deutschen Kirche im Auftreten gegen Gregor VII. im Januar 1076, 
die gleichfalls die erzbischöfliche Berechtigung festhaltende Stellung 
zu der aus Rom geforderten Kirchenreform ; von p. 68 an wird ver- 
sucht, die Motive Siegfried's zum Abfall von Heinrich IV. zu be- 
gründen. Sieben Exkurse behandeln außerdem einzelne Fragen. Die 
zehn Schreiben Siegfried's im Codex Udalrici weist der Verfasser der 
Urheberschaft des Erzbischofs selbst zu, will aber eine Scheidung des 
Schreibens der Wormser Reichsversammlung von 1076 in zwei Briefe 
nicht anerkennen; die Arengen der Schreiben hält er für nur ganz 
bedingt zu Siegfriede Charakteristik ausschlaggebend. Im Gegensatz 
zu den durch Dünzelmann und Beyer vorgeschlagenen Datierungen 
werden Schreiben Siegfried's und Gregorys VII. zu den Jahren 1073 
bis 1076 angesetzt. Für das durch Holder-Egger im Neuen Archiv, 
31. Band, veröffentlichte Quellenstück will der Verfasser eine Autor- 
schaft Siegfried's nicht anerkennen. Endlich wendet er sich nament- 
lich hinsichtlich der Lambert'schen Darstellung der Vorgänge im 
Winter 1073 auf 1074 noch stärker, als das durch die Kritik bisher 
getan wurde, völlig gegen jede Glaubwürdigkeit der Hersfelder Er- 
zählung. 

In der pp. 80 — 82 gegebenen zusammenfassenden Charakteristik 
weicht der Verfasser nicht im Wesentlichen von der bisherigen Auf- 
fassung der Persönlichkeit Siegfried's ab, wie sie beispielsweise in 
der p. 2 von ihm wiedergegebenen Beurteilung durch den Verfasser 
dieser Anzeige zum Ausdruck gebracht wurde. Auch hier werden 
dem Erzbischof politische Kurzsichtigkeit, Mangel an Menschenkennt- 
nis, fehlender Scharfblick für die Erfassung der Verhältnisse, eine 
durch die klösterliche Vergangenheit bedingte Abneigung gegen tat- 
kräftiges Eingreifen zugeschrieben. Nachdrücklicher, als das bisher 
geschah, zieht dagegen diese Untersuchung als Erklärung für solche 
Schwächen den Umstand heran, daß mehrfach in wichtigen Zeit- 
umständen längere Krankheiten den Erzbischof trafen und dergestalt 
seine Betätigung ausschlössen. 

Ohne Frage ist hier das ganze Material für die Richtigstellung 
des Urteils in selbständiger Durcharbeitung abgehört worden. 

Zürich G. Meyer von Knonau 



Für die Redaktion verantwortlich: Dr. J. Joachim in Güttingen. 



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Nr. 7 u. 8 Juli u. August 1918 



Arbeiten zur Relißionsgeschichte des Urchristentums, 1. Band, 1. Heft. €. F. Georg 
Helnriel, Die Hermesmystik nnd das Neue Testament, heraus- 
gegeben v. Ernstvon Dobschütz. Kgl. Sachs. Forschungsinstitute in Leipzig : 
Forschungsinstitut für vergleichende Religionsgeschichte. Leipzig : Hinriehs 
1918. XXII, 242 S. 10,80 M. 

Nachgelassene Werke herauszugeben verlangt von dem damit 
Betrauten immer ein Opfer, sie zu besprechen bisweilen auch. Wir 
wissen meist nicht, wieweit der Entschlafene selbst sein Werk für 
druckreif hielt, wieweit Persönliches den Herausgeber in seinem Ur- 
teil beeinflußte, ob er Schwächen und Fehler selbst erkannte und ans 
irgend welchen Gründen nicht beseitigen konnte. Wohl aber wissen 
wir, daß wer sie dann nachweist, das Empfinden Vieler verletzt. Mit 
dem Toten rechtet man nicht. Ich würde, wenn diese Schrift an an - 
denn Ort von einem pietätvollen Schüler veröffentlicht wäre, gerade 
weil sie sich gegen mich wendet, sicher nicht auf sie eingegangen 
sein. Nun sie als rr)Xao?fec npöocoxov und mit einer Art programma- 
tischen Einleitung des Herausgebers als erstes Heft eine neue Samm- 
lung von Arbeiten zur Religionsgeschichte eröffnet, welche das Kgl. 
Sächsische Forschungsinstitut für Religionsgeschichte in Leipzig, neu- 
testamentliche Abteilung herausgeben will, und dort die Reihe der 
wissenschaftlichen > Untersuchungen < beginnt, halte ich es für meine 
Pflicht. Nicht mit dem Toten und nicht mit dem Herausgeber, son- 
dern mit dem werdenden Werk habe ich es zu tun, weil ich nicht 
weniger wie sein Leiter wünsche, daß es der Wissenschaft Förderung 
bringe, und es aufrichtig bedaure, daß dies erste Heft das nicht tut. 

Der Herausgeber, der die Aufnahme dieser Schrift in die Samm- 
lung veranlaßt hat und mit dem Stoff offenbar nicht vertraut ist (vgl. 
z. B. die Urteile S. XVI), sagt, daß er sich bei der Drucklegung so 
streng als möglich an das hinterlassene Manuskript gehalten habe, 
dessen zahlreiche Streichungen und Besserungen die peinliche, sorg- 
fältige Ueberlegung des Einzelausdruckes bekundeten; von zwei oder 

0»H. itul. Au. 1918. Nr. 7 v 6 16 



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242 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 o. 8 

drei sachlich notwendigen Veränderungen abgesehen 1 ) habe sich die 
Durchsicht, bei der ihn zwei Studenten unterstützt hätten, im we- 
sentlichen auf Nachprüfung der Zitate u.a. beschränkt 2 ). Die Zahlen 
mögen revidiert sein, der Inhalt der Zitate ist offenbar nicht in Frage 
gekommen, sonst hätte v. Dobschütz den Zustand der ihm übergebenen 
Arbeit wohl erkannt. Daß er überhaupt nicht geprüft hat, ob sie 
druckfertig war, ist ein schwerer Vorwurf. 

Heinrici bezeichnete als seine erste Aufgabe die Analyse des In- 
halts sämtlicher religiösen > Hermetischen < Fragmente, hatte aber zu- 
nächst die vorhandene Literatur wohl zitiert, aber nicht benutzt, sich 
die meist sehr einfachen Fragen der Ueberlieferung nicht klar ge- 
macht und den schweren Text an unzähligen Stellen mißdeutet oder 
überhaupt nicht verstanden. Vieles mußte hier der Herausgeber auf 
den ersten Blick erkennen, wenn er wirklich für ein paar Seiten auch 
nur die Zitate nachlas. Ich gebe ganz wenige Proben. Wenn Heinrici 
S. 65 durch einen unglücklichen Zufall eine Kapitelüberschrift zepl 
voö xotvoö falsch las Trept toö xotvoö, daraus schloß, der Schriftsteller 
wolle >Allgemeingiltiges< bringen, es später S. 69 einen Xöfoc xotvdc 
nennt und an der ersten Stelle seine Interpretation durch ein miß- 
verstandenes Zitat aus Proclus und den Verweis auf das Jovöv bei 
Heraklit sichern will, so hätte wirklich ein Blick in eine Ausgabe 
oder eine, sei es auch nur geringe, Vertrautheit mit dem Buche zur 
Verbesserung genügt. Wenn Heinrici S. 118 behauptet, vor Kap. XIII 
sei in der Poimandres-Sammlung nur ein Kapitel, nämlich IX an 
Asklepios gerichtet, und dabei in der früheren Aufzählung der zwölf 
Kapitel selbst ausführt, daß auch II und VI ganz an Asklepios ge- 
richtet sind (auch X spricht ihn wenigstens an), so hätte der Text, 
den er schon revidiert hatte, selbst v. Dobschütz darauf aufmerksam 
machen müssen, daß hier eine Vergeßlichkeit des greisen Verfassers 
vorlag, die seltsamer Weise auch S. 11 beeinflußt. Daß in dem an- 
gegriffenen Werk, meinem Poimandres, breit über die Anlage der 
Sammlung gehandelt und der beabsichtigte Wechsel in der Einfüh- 
rung der Schüler verfolgt war, brauchte er nicht zu wissen. Greifen 
wir eine sachliche Frage heraus. Daß Gott Tat als Schüler des 
Hermes erscheint, ist für Heinrici (S. 11) sicherer Beweis, daß die 
Wurzeln der Hermes-Mystik nicht in der ägyptischen Religion liegen. 
Auch Asklepios ist ihm der griechische Heilgott. Er ist >mit dem 

1) Sie werden aufgezählt. 

2) Ein Anbang eigener Nachträge gibt bibUographische Notizen, Parallel- 
steilen und einmal auch eine abweichende sachliche Meinung, zweimal Bemer- 
kungen zu der Uebersetzung, welche beweisen, daß der Herausgeber Fehler be- 
seitigen wollte, wenn er sie erkannte. 






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Heinrici, Die Hermesmystik und das Nene Testament 243 

ägyptischen Gott Imhotep in Verbindung gebracht, aber erhält eine 
neue Aufgabe, trotzdem Imhotep auch Heilgott ist 1 ). Seine Helleni- 
sierung wird durch die Eltern Pan und Hephästobule gesicherte (Sto- 
baios 1387,2). Ich dachte, die Eltern des griechischen Asklepios 
wären bekannt. Gerade dies angebliche Elternpaar hatte mich einst 
bestimmt, an ägyptischen Ursprung zu denken, und hätte wohl auch 
Heinrici oder v. Dobschütz veranlassen können, wenigstens in den 
Apparat zu sehen. Der sinnlose Name der Mutter ist elende Kon- 
jektur, der des Vaters eine nur äußerlich etwas möglichere; zu 
schreiben ist nach der Ueberlieferung Iltavöc <toö) xat 'H<pouatoo 
ßooXaic, wie im Poimandres S. 122 eingehend begründet war. Die 
Ursprungsfrage ist zudem vollständig entschieden, seit Oxyrh. Pap. 
1381 uns den Imhotep-Gläubigen bei der griechischen Ueberarbeitung 
der ägyptischen Schriften seines Gottes gezeigt hat, und wenigstens 
v. Dobschütz konnte dies aus den Nachrichten der Gott. Gesellschaft 
d. Wiss. 1917 S. 132fF. schon wissen. Für die ganze Hermetische 
Literatur ist Heimat, Zweck, Alter und Art mit ganz anderer Sicher- 
heit jetzt klargestellt, und ich darf mit der Bestätigung zufrieden sein. 
Uebrigens zeigen gerade die Asklepiosschriften, wie der nationale Stolz 
des Aegypters gegenüber dem Griechen im dritten Jahrhundert zu- 
nimmt. — Nicht einmal die zahllosen Sprachfehler und Mißverständnisse 
in der Uebersetzung sind berichtigt. Wenn z. B. Heinrici (S. 99) bei 
Stobaios I 406, 16 W. in den Worten Sejtäc xai fttateoK &p*/fflitw. das 
Wörtchen xat übersah und treuherzig schrieb >als Begründer der rechten 
Treue (8e£tä<; ntotecöc ap^TflStat)« , oder wenn aus dem griechischen 
Text (XIII 10) oortc odv Sto^e xaxa xö £Xeoc rijc xata deöv ^eveoeioi; 
bei Heinrici S. 29 das wörtliche Zitat wird: die Zwölfheit der Sinnen- 
belastung ist >durch die Barmherzigkeit der gottgemäßen Geburt< 
ausgestoßen, so habe ich zu den griechischen Kenntnissen des Her- 
ausgebers das Vertrauen, er hätte bei einigem Aufmerken den Fehler 
beseitigt 2 ). Charakteristisch ist auch S. 9 ein Zitat aus Zosimos 

1) Den G- lankengang dea Satzes verstehe ich nicht. Außerordentlich oft 
scheinen Worte oder Satzglieder verloren; zur Erklärung mochte ich an den Zu- 
stand des Manuskriptes Heber als an Diuckversehen denken. 

2) Ich hebe, um den E ; nwand abzuschneiden, daß es sich hier um verein- 
zelte Nachlässigkeiten handle, einen kurzen Abschnitt heraus. Heinrici will S. ICO 
den Begriff TiveO^a in der K-ip*) x'tajzou (aus Stobaios) bestimmen: »Das ßvtüpa ist 
unsichtbar, aber verleiht den Seelen schöpferische Kraft, ist d J e Substanz der 
Blutsverwandtschaft (oOai'a ö(j.o-|Wac), kraft deren d : e Seelen ihnen Gleichaitiges 
schaffen, das mit aHen Künsten ausgestattete zeugungsfähige Pneuma {niYuyyov 
iraxui* yewTjTtv.tfv 391, 18f.). Daher redet der Schöpfer die Seelen an: o Seelen, 
die »br zu me ; nem Geiste gehört (390, 16)*. Das ist vo n kommen unverständlich. 
Der Text des ersten Stückes lautet: den menschenähnlichen Tierkreisbildern hat 

16* 



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244 Gött. gel. Am. 1918. Nr. 7 o. 8 

(Berthelot, Älchimistes grecs p. 230) : Tropeueadai 31 Sta u.övoo toö CT]«iv 
iaotöv xal töv $s6v knifvövza xpatetv rfjv axaTovd|iac*Tov Tptd&x xal £äv 
rijv s[|tap[t6v7]v 8 $£Xet 7roielv t<}> iäv (1. £v?) t(j> 07t7]Xcj> root^OTiv t<ji 
ot&[tatt. Berthelot bietet im Text t<}> iäv t$ oTnjXy und bemerkt im 
Apparat >/*. Z. t(j> 7rrjX<jx. Was Heinrici meinte, wage ich nicht er- 
raten zu wollen, ein Druckfehler kann bei dem Sachverhalt wohl 
nicht vorliegen, ganz abgesehen davon, daß der Körper nie 6 4v tq> 
7T7]X<j), sondern 6 rrjXöc ist. In meinem Poimandres, auf den die An- 
führung in letzter Linie zurückgeht, steht natürlich nj> eaoti)<; jt nXij>. 
Ein unvollendetes Werk so herauszugeben ist pietätlose Pietät. Aber 
bequem ist es, auch wenn man es mit etwas [tatatoTrovEa aufputzt, 
und vorsichtig auch. 

Heinrici behandelt in diesem rein philologischen Teil zunächst 
das uns in zahlreichen Handschriften der Humanistenzeit erhaltene 
Corpus Hermetischer Schriften. Man kannte es früher nur aus einer 
relativ schlechten Handschrift, die der editio princeps (1554) zugrunde 
gelegen hat. Neues Material will zwar der letzte humanistische Her- 
ausgeber Patricius (1591) benutzt haben, aber die zahllosen Zutaten 
und Aenderungen, die er bringt, erweisen sich sämtlich als kecke 
Interpolationen 1 ). Parthey (1854) hatte zwar tatsächlich zwei Kolla- 
tionen relativ guter Handschriften, aber die des Laurentianus A war 
sehr flüchtig, die des Parisinus B unbrauchbar, da die meist wert- 
losen Konjekturen der zweiten Hand als Lesungen der Handschrift 
angeführt waren; für die Textgestaltung hat Parthey diese Hilfsmittel 
wenig benutzt, der Text des Patricius war ihm die Ueberlieferung. 
Wissenschaftlich benutzbar ist sein Text also nicht 2 ); man muß nach 

Gott xdc irovoupYOOC tvapfalNO fiuvrfjuis xal wefvxi^vov 7rvc0fia yiwrjxixÄv xüiv tf; dil 
j«XX<Jvttüv Cotaöoi xaöoXtxiüc ndvxu>v. xal dniaxi) uicoaxtfptvoe toi; opa-rolc EpYoic aüx&v 
(wohl den Geschöpfen) xö oMpaiov nvtfipa £iuCcü£ai oüafav xt o |< o i o ■/ o v ! a ; txa'oxip, 
orui; a'jT([) ?xcpa ■yewqi öjAOta a&xd xi oüxlxt dvcrrxr,v C^ouaiv aXXo xt ttqiciv <?,> <3 
tytrnaav ipjaaaaftat. Heinrici hat nicht gemerkt, um wen es sich handelt, das xt 
übersehen, tip.oYov(ac zu sehen geglaubt und ^joyovo; im Lexikon nnchgeschlagen. 
Die zweite Stelle lautet: <u, <pt)a(, irveüfiaToe £|aou xal ficpfpvrjc ^v, 'r ,,J /. c,! '< xaA( * 
x^xva, 3 xaic ifxauxoü [xatcuodficvoc X e P a ^ v *i"| T< t* ^k4* -^öiepä» x'tap.tp. So geht es 
weiter (vgl. z. B. die Uebereetzung von Stobaios 1 394, 18 W. bei Heinrici S. 94), 
und der Herausgeber merkt nichts und bietet das alles froh »Theologen wie Phi- 
lologen« I 

1) Wie ich früher (Poimandres 322, 1) nur vermutete, jetzt aber mit Be- 
stimmtheit sagen kann, seit mir mein verehrter Freund, Bibliothekadirektor Prof. 
Jacobs in Freiburg das Verständnis für den Mann erschlossen hat, war der Be- 
trüger nicht Patricius selbBt, sondern ein griechischer Lohnschreiber, der ihm 
eine aus einer Vulgathandschrift und Stobaios neu gefertigte, frech interpolierte 
Handschrift aufschwindelte. 

2) Auch Jos. Krolls Buch: Die Lehren des Hermes Trismegistos, Münster 



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Heinrici, Die Hermeamyatik und das Neue Testament 245 

den unzulänglichen Angaben über A (B) selbst einen neuen herstellen. 
Für die Neuausgabe prüfte ich 15 Handschriften selbst, und als ein 
Unglücksfall mich zum 1 Abbruch meiner Heise zwang, hat Prof. 
R. Laqueur mir über zwei Handschriften von Bologna und zwei von 
Venedig ausreichende Mitteilungen gemacht; ich selbst konnte auf 
einer späteren Reise die scheinbar älteste Tradition in der Exzerpten- 
handschrift Neap. II C 32, derselben, der Schenkl später die neuen 
Himeriosfragmente entnahm, durchprüfen (die Handschrift gehört noch 
dem Ende des XIV. Jahrhundert an). Der Neapolitanus ist eng ver- 
wandt mit A, scheint aber schon interpoliert; Marc. 263 (XV. Jahrh.) 
hat dieselbe Ueberlieferung wie C und B; Bononiens. bibl. comm. 
AI 13 und Marc. 242 (beide XV. Jahrh.) gehören wie D zur Vulgat- 
klasse und Bind wertlos; Bononiens. bibl. univers. 2294 (aus dem Jahr 
1530) gehört zu der Gruppe A, ist aber ganz unzuverlässig. Zweifel- 
los werden sich in Italien noch einzelne Handschriften finden, aber 
fest steht schon jetzt, daß die Ueberlieferung außerordentlich ein- 
heitlich und außerordentlich schlecht ist; sie geht ganz auf eine Hand- 
schrift des Michael PselloB zurück, der als Urheber eines Scholions zu 
der ersten Schrift genannt wird. Zu erwähnen ist noch, daß die 
Kopie, die zuerst nach Florenz kam, Laurentianus A (und die nach 
einer Schwesterhandschrift gefertigten Abschriften, die an gewissen 
Eigenheiten der ersten Seite sofort erkennbar sind) unvollständig war 
und nur vierzehn Traktate umschloß; nur sie bietet daher die latei- 
nische Uebersetzung des Marsiglio Ficino (1463) und nur sie Parthey. 
Da A in der TextgeBtaltung keinerlei Sonderstellung einnimmt (er ist 
eng mit der vollständigen Handschrift C verwandt, beide schlechter 
als M), da ferner die volle Sammlung in dem Dialog "Epp.Mcitoc itept 
aotpoXo-pac und den Neapolitaner Exzerpten verwendet ist, steht voll- 
kommen sicher: sie stand in dem Kodex, den Michael Psellos fand 
und durch seine Abschrift weiter gab. Ich habe, damit jeder Leser 
dies einfache Verhältnis selbst klar überschauen könne, im Anhang 
meines Buches fünf Traktate ediert; der Text gründete sich auf drei 
Handschriften, die Bich mir als relativ beste bewährt hatten, ACM 1 ); 
B war beigefügt, um die Unzuverlässigkeit der Korrekturen B 2 zu 
zeigen, D als Vertreter der Vulgata, aus der die älteren Ausgaben 
geflossen sind, dann diese, damit der Unwert der Patricius-Schrei- 

1914 leidet darunter empfindlich, doch bringe ich der von wissenschaftlichem 
Geiste getragenen, meines Erachtens freilich unrichtig orientierten Arbeit auf- 
richtige Sympathie entgegen. Hatte Heinrici sie nur benutzt! 

1) Wichtig ist, daß des Psellos Polemik in der besten Handschrift M im 
Text selbst steht und daß in dieser Handschrift das Corpus mit einer verwandten 
PselloB-Schrift, der Erklärung der chaldaischen Orakel, verbunden ist. 



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246 Gott. gel. Adz. 1918. Nr. 7 u. 8 

bungen klar würde. Ueber Partheys Leistung konnte danach jeder 
Leser ebenfalls urteilen. Ueber Beschaffenheit und ältere Schicksale 
der Sammlung, die einzelnen Traktate oder Exzerpte, den Ursprung 
der sachlichen Titel (eingeführt durch 8tt oder fispi), Plan und Ab- 
fassung des Corpus handelte Kap. VI, das den Titel trägt >Das Her- 
metische Corpus<. Heinrici ist nun so gütig, S. 13 diese Teile als 
Torso einer alle Ansprüche der Kritik befriedigenden Ausgabe zu 
bezeichnen. Benutzt oder angesehen hat er sie freilich nicht, soweit 
Parthey vorlag, offenbar, weil dieser die lateinische Uebersetzung mit- 
gibt 1 ). Aber er polemisiert und sagt zunächst S. 15: »Wer sie (die 
Sammlung von mystischen Traktaten) gesammelt hat, bleibt ungewiß. 
Psellos, auf den Reitzenstein hinweist, hat allerdings gegen Poim. 1 18 
polemisiert. Hätte er die Sammlung hergestellt, so würde er wohl 
öfter sich dazu geäußert haben.< Ich habe S. 199—208 die Samm- 
lung in Diokletians Zeit verlegt; Bruno Keil dann in einem langen 
Exkurs S. 371 — 74 diesen Ansatz näher begründet, Gegner, deren 
Schriften Heinrici anführt, haben die Frage weiter erörtert. Dann 
war darauf hingewiesen, daß die Hermetischen Schriften in der Zeit 
zwischen Stobaios und Psellos verschwunden scheinen ; erst die Wieder- 
belebung der platonischen Studien in Byzanz zur Zeit des Psellos 
habe wieder Interesse für sie geweckt; so sei diese Sammlung wieder 
ans Licht gezogen worden. Ich nehme im Interesse des Verfassers 
und Herausgebers ohne weiteres an, daß sie das Buch nie gelesen 
haben, wiewohl sie so sprechen, als kennten sie es. So erklärt sich 
mir zugleich ein Weiteres : als seine Aufgabe und Leistung bezeichnet 
Heinrici immer wieder den Nachweis, daß die Hermetischen Schriften 
keine einheitliche Weltanschauung bieten, sich widersprechen, Unklar- 
heiten enthalten usw. Der Leser hat den starken Eindruck, daß ein 
anderer das Gegenteil behauptet haben müsse. Ich kann diese ganze 
Tonart und das völlige Schweigen über den Nachweis, daß diese Traktate 
oder besser Exzerpte aus verschiedenen größeren Corpora und Einzel- 
traktaten ein Geraenge aus sehr verschiedenen theologischen Systemen 
und sehr verschiedenen Zeiten darstellen, sich unter einander wider- 
sprechen und bekämpfen, daß sie außerdem zweimal, zuerst in alter 
Zeit, dann von dem byzantinischen Wiederentdecker mit polemischen 
Randbemerkungen versehen sind, die jetzt im Texte stehen, mir nur 
daraus erklären, daß Heinrici einstweilen annahm, wer ein umfang- 
reiches Buch über dies Corpus geschrieben habe, müsse es wohl be- 
sonders bewundern, und sich die Mühe sparte, den Inhalt anzusehn. 

1) Häufiger (doch durchaus nicht konsequent) scheint auch Patricius be- 
nutzt, der ja auch die Uebersetzung bot und für die Fragmentsammlung die 
Grundlage abgegeben zu haben scheint. 



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Heiorici, Die Hermesmyetik und das Neue Testament 247 

Der Herausgeber ist ihm darin gefolgt (vgl. S. XVI). Die Wirkung 
zeigt sich, wenn wir die weitere Analyse der Texte mustern. Heinrici 
sagt S. 40: Der zweite Traktat trägt den Titel >Des Hermes Tris- 
megistos allgemeines Gespräch mit Asklepios< (X070; xadoXtxdc). Im 
Poimandres war S. 193 angegeben, daß nach dem ersten Traktat in 
allen Handschriften die Ueberschrift 'Epjwö jrpöe Tat Xö'foc xctdoXtxdc 
stehe, dann aber mitten im Satz beginnend ein Dialog zwischen 
Hermes und Asklepios folge. Ein Anfangsstück (nicht den Anfang) 
dieses an Asklepios gerichteten Traktates biete Stobaios unter dem 
Lemma 'Epu-ou £x xüv irpöc 'AoxXtjäiöv (er benutzt auch sonst eine 
nur an Asklepios gerichtete Sammlung). Also sei in unserm Corpus 
eine Blattlage verloren, welche den ganzen Xöfoc xa^oXtxöc an Tat 
und den Anfang des Xtf^o«; rcpöc 'AoxXTjtrtdv umfaßt habe. Eine durch 
nichts zu rechtfertigende Interpolation sei es, wenn auch Parthey, der 
diesen Sachverhalt kannte, das erhaltene Kapitel ( Epu.oö toö Tpiou,e- 
ft'otoo Tcpöc 'AoxXtjtuöv Xöfoc xadoXtxöc überschrieb. Mit dieser Fest- 
stellung verband sich dann der Versuch, die Gesichtspunkte, nach 
denen das handschriftliche Corpus angelegt sei, zu bestimmen. Nichts 
hiervon hat Heinrici gelesen und berücksichtigt. Ich hatte, da die 
Ausgaben meist willkürlich gebildete Titel bieten, die handschriftliche 
Ueberlieferung derselben für das ganze Corpus angegeben und nach- 
gewiesen, daß die Inhaltsangaben in ihnen völlig wertlos seien. Hein- 
rici behandelt nicht nur die falschen Angaben der Humanisten als 
Ueberlieferung, aus der er wichtige Schlüsse zieht, sondern erfindet 
nach ihnen neue Titel, die er als Ueberlieferung bietet. Die selt- 
samen Folgen, die das bisweilen hat, sei es gestattet, an einem Bei- 
spiel nachzuweisen. 

Ueber den Schluß der Sammlung berichtet Heinrici S. 73 : >Nach 
den Poimandres-Traktaten bringt die edilio prineeps (Paris 1554) noch 
sechs längere und kürzere Stücke, von denen drei aus Stobaeus über- 
nommen sind. Die drei übrigen sind hier zuerst veröffentlicht. < Er 
bespricht sie danach. Als Titel der ersten gibt er an "Opot 'AoxXtj- 
Ätoö Trpöc y A(L|io>va ßaoiX£a und verweist für den Text auf mein Buch. 
Daß darin angegeben war, daß in allen Handschriften im Titel noch 
eine Angabe des Inhalts folgt irepi {►eoö arepl Skifi jrepi xaxtac Tcepi 
etjiapp.evY|c nepl ■fjXioo rcspt V07jt7jc o&ota; rtspi äv$pd>Jioi> Jcepi oixovop-tac 
toö ?cXT]pü)u.aTO(; Trepl twv kittä aot^pwv icepi toö xat' eixöva av$pü>7C0i> 
sieht er nicht. Sie bezeugt zunächst, daß das erhaltene Stück un- 
vollständig ist; Patricius setzte daher dafür ein rcepl ijXtoo xat 
Satjiövwv (ßtßXtov a'). Der alte Titel des Stückes findet sich bei Lac- 
tanz II 15,7 'AoxXtjtuoü rcpoc v Ajtu.ü)va ßaoiX&x Xdfoc tdXetoc, und ich 
hatte das S. 192 A. 2 dargelegt und im Apparat hierauf verwiesen. 



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248 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

Der Titel "Opot selbst ist spät und vielleicht im Zusammenhang mit 
jener ausführlichen Inhaltsangabe erfunden* Für den Inhalt selbst 
hätte Heinrici einmal wirklich mit Nutzen jüngere griechische Philo- 
sophen (z. B. Plutarch) vergleichen können, mit einigem Anhalt eben- 
falls, denn der Verfasser erwähnt, daß er den früheren Asklepios- 
Schriften widerspreche. So muß er diese Schrift besonders be- 
glaubigen: sie enthält die letzte und höchste Weisheit und ist wirk- 
lich aus dem Aegyptischen übersetzt, aber nach dem Willen des 
Offenbarungsgottes bisher nicht ins Griechische übertragen worden ; die 
Griechen sollten diese Geheimnisse nicht erfahren 1 Der Mann, viel- 
leicht trotzdem selbst Grieche, schreibt für griechisch redende Aegypter 
und macht für sein Werk nicht ungeschickt Reklame ! ). Heinrici, dessen 
Inhaltsangabe hier besonders schlecht ist und nur ein paar Sätze 
herausgreift und z. T. falsch übersetzt (vgl. S. 75), findet das merk- 
würdig gedankenlos; das Stück verrate große Flüchtigkeit. >Es 
wird bezeichnet als eine Denkschrift des Asklepios und endet unver- 
mittelt mit einer Wechselrede zwischen Tat und Ammon, welche die 
Anbetung der Götterbilder rechtfertigt. In ihnen treten die unkörper- 
lichen Ideen in Erscheinung*). Der Schluß des Gespräches 3 ) zeigt, 
daß es Teil eines größeren Werkes war.< Dann hat es also — sollte 
ich meinen — mit der > Denkschrift^ 4 ) überhaupt nichts zu tun; also 
kann auch von Flüchtigkeit des Verfassers nicht die Rede sein. Schuld 
hat nur die Ueberlieferung ; auch setzt der Anfang des Dialogstückes, 
in dem selbst das Subjekt fehlt, eine größere Lücke vorher not- 
wendig voraus. Endlich bietet die Inhaltsangabe des vorausgehenden 
>langen Traktates< ja das sichere Zeugnis, daß uns dessen Haupt- 
teil verloren ist. Man kann nach jener Inhaltsangabe nur fragen, ob 
die Auseinandersetzungen rcspl toü xat' eixöva avtrpcöiroo den Schluß 
der Lehrschrift des Asklepios bildeten oder sich schon auf den nach 
platonischem Muster angelegten Dialog zwischen Tat und Ammon 
beziehen, mit anderen Worten, ob zur Zeit, als jene Inhaltsangabe 
von einem christlichen Leser 6 ) gemacht wurde, ein Blattverlust in 
der Kommissur beider Stücke schon bestand nnd sich später nur ver- 

1) Ks ist lehrreich, Oxyrh. Pap. 1381 zu vergleichen. 

2) Falsch gedeutet. 

3) I>er König sagt: »Darüber morgen mehr Lehre! Jetzt muB ich für die 
Gäste Sorge tragen.« (Sehr interessant ist der Gebrauch vod ÖeoXoyitv). 

4) Heinrici hat dio Worte ui-jetv aoi xöv ///;ov, ü> ßaatAsü, 'Atr.tu<l/dury< navruiv 
töiv 'iYÄmv Co-i-to xopu?t)v xal ÜR0(xv7]p.a falsch übersetzt. Ks ist eine Abhandlung, 
die alle anderen krönt und an sie erinnert. Aber Briefform ist tatsächlich für 
sie bozeugt, der Dialog ausgeschlossen. 

5) Es ist der philonische und christliche Terminus. Der Gedanke selbst, daß 
der Mensch ctxüv des Gottes ist, geht viel weiter. 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Neue Testament 249 

größert hat oder nicht. Nehmen wir das letztere an — und jeden- 
falls ist das vorsichtiger — , so ist die innere Verbindung der Ab- 
handlung und des Dialogs wohl klar und mit ihr der Plan, den der 
Zusammensteller des Corpus verfolgte. Auf die Erklärung, daß >der 
Mensch« oder gar die menschliche Gestalt das Abbild Gottes ist, 
folgte in dem neuen Stück die Rechtfertigung des Bilderkultes, offen- 
bar des hellenischen, den Gott menschlich darstellenden; den zwei 
X0701 des göttlichen Offenbarers an den Gottkönig folgte endlich eine 
Preisrede an die gegenwärtigen Herrscher. — Heinrici hat die Ausgabe, 
die er zugrunde legen will, auch nicht einmal angesehen *) und den 
Text nicht verstanden, was über ihn gesagt ist, nie gelesen und 
widerspricht sich in seinen eigenen Annahmen. Nicht einmal Pa- 
tricius, der den Sachverhalt richtig erkannte, ist wirklich benutzt. 

Schlimmer wird das bei dem folgenden Stück, den Resten der 
epideiktischen Rede, und hier zeigen sich auch jene willkürlichen Er- 
findungen von Titeln, auf die ich eingehen wollte. Heinrici gibt zu, 
daß es sich um eine Lobrede auf den König handelt. Für den Text 
wird wieder auf meinen Poimandres verwiesen und dabei als Titel 
ruhig angegeben >Asklepios über die Hemmungen der Seele durch 
Leiden des Leibes«. Dieser Titel ist freie Erfindung Heinricis. Die 
Handschriften und die editio princeps bieten nur 7tepi ttjc oäö toö 
oäp/rcoc iu,ito8iCouivT]c <|>oy^K> letztere dabei eine als Orientierung für 
den Leser gedachte Seitenüberschrift 'AoxXTjjrtoö. Patricius zeigt seine 
Abhängigkeit von der editio princeps dadurch, daß er sie übernahm und 
hieraus keck zugleich einen zweiten Titel "Opot 'AoxXtjäioo rcpöc v Au.- 
p.ova ßaatXfea ßtßXtov ß' bildete und mit dem ersten verband. Dem 
sachlichen Titel Tcepl tt)<; xtX„ der zwar auf Ueberlieferung beruht, 
aber beträchtlich späterer Zeit angehört und zu dem folgenden Text 
in schreiendem Widerspruch steht, benutzt Heinrici als Grundlage 
für die Analyse und Inhaltsangabe: >Es sind die Gebrechen des Kör- 
pers.welche dieSeele beeinflussen, Bodaß sie ihrGleich- 
gewicht verliert. So stört das schlechte Instrument die Harmonie 
deB Liedes. Daher ist es Aufgabe, die Gebrechen des 
Körpers zu beseitigen, was mit göttlicher Hilfe mög- 
lich ist« 2 ). In Wahrheit überlegt der Redner und gottbegeisterte 
Prophet, ob, wenn er sich jetzt zum Höchsten, dem Preis Gottes und 
der Könige, entschließt, seine Kraft genügen und er nicht zum Ge- 
spött der Hörer werden wird. Dann tröstet er sich, daß wenn die 
Kräfte zu gering sind, niemand ihn selbst mit Recht tadeln kann, 

1) Der Herausgeber ebenso wenig. 

2) Die Worte, denen im Text nichts entspricht, sind von mir gesperrt. 



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250 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 7 u. 8 

und endlich bringt ihm die in den epideiktischen Reden oft verwen- 
dete Erinnerung an den Zitherspieler Eunomos, dem beim Vortrag 
eine Saite sprang, ein Gott aber durch ein Wunder den Schaden er- 
setzte, volle Beruhigung, und er kann versichern >eben fühlte ich mich 
noch schwach; nun will ich in der Kraft des Höchsten den Preis 
meiner Könige singen«. Das alles steht da, wörtlich und in klarem 
Zusammenhang, war außerdem Poimandres S. 199 ff. breit erklärt. 
Wie ist die sinnwidrig erfundene Inhaltsangabe Heinrici's wohl ent- 
standen und hat v. Dobschütz den Text auch nur angesehen? — Das 
Stück reicht nur bis zu der Angabe der Disposition der Rede: mit 
dem höchsten aller Könige, Gott, will der Redner beginnen und mit 
den eignen Herrschern schließen und sie als die Bringer des Friedens 
und der Sicherheit preisen. Ohne Anschluß folgt dann ein Stück, in 
dem selbst Heinrici den Schluß einer Rede erkennt; nur könne es 
nicht dieselbe sein, da gleiche Gedanken wie im Schluß des vorigen 
Stückes wiederholt würden. Ich dachte, daß es gerade für die Ein- 
heit spricht, daß, was in der Disposition als letzter Punkt angegeben 
wird, in der Ausführung auch wirklich an dieser Stelle erscheint. Den 
vollen Beweis geben die Beobachtungen Bruno Keils über die rhyth- 
mische Kunst beider Stücke Poimandres S. 371 ff. Natürlich hat auch 
dies Stück handschriftlich eine Inhaltsangabe rcept gfyijpioc toö xpett- 
tovoc xeti lf%&\LtQv ßamtXfac — ein Wort über ihre Herkunft zu ver- 
lieren wäre überflüssig — , und natürlich versichert unter dem gleichen 
Mißbrauch der Ausgabe des Patricius fAaxX^irioü npbs v Au,u.ova ßa- 
otX£a Tcspt E'Vpjaias toü xpetttovoc xal £- ; "/-oj;j.'.ov ßaatXeoJc ßißXtov Tpttov) 
Heinrici, die Ueberschrift laute >Asklepios von andächtiger Verehrung 
des Höchsten und Lobrede auf den König<. Eine Schilderung der 
Götterwelt oder Gotteskräfte ferner oux louv oüv ixstoe ötcupopi, oi>x 
Sott xb äXXonptfoaXXov ixetoe, aXXä rcävtec Sv (ppovoöat, uia Ss jcävtcov 
ffpö^vwatc, stc aütotc voöc [6 7taxTJp], u.ta aiofrnoic 5t' a&tüv £p7ato|j.6v>] ' 
xb (fäp) elc (xXXtjXoix; (ptXtpov £pü>c 6 autöc, u.iav £p7aCöu,svoc ap[iovtav 
tä)v tcävtwv bezieht er, weil er die einzelnen Worte nicht versteht, auf 
die Menschenwelt, so weit Gott in ihr wirkt 1 ), und hat nun 
die Möglichkeit, für diese > Schilderung des Idealzustandes, den die 
Gottheit bewirkte, auf >einzelne Züge der johanneischen Abschieds- 
reden (Joh. 13 — 16)« zu verweisen; allerdings fehle der Ausdruck 
ytXtpov im Neuen Testament. In dem Dankgefühl für den Segen 
geordneter Verhältnisse treffe die Mystik mit dem Urchristentum zu- 

1) Von ihm hinzugesetzt. In Wahrheit soll die Schilderung der eine anlös- 
liche Einheit bildenden Gotteskräfte von den Hörern auf die vier Herrscher über- 
tragen werden, die in voller Eintracht das Reich regieren und deren höchster 
Diokletian ist. 



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Heinrici, Die Hermesmyatik und das Neue Testament 251 

samraen (Rom. 13, 1 f., I. Petr. 2, 13. 14). Mit dem gleichen Recht 
und Nutzen können wir auch die Panegyrici latini oder unsere Reden 
an Kaisers Geburtstag mit dem Neuen Testament vergleichen. Ohne 
Empfinden für die Unterschiede der literarischen tiv-q lassen sich eben 
keine benutzbaren Inhaltsangaben machen. 

Ich hatte als religionsgeschichtlich wichtig zwei Stücke der Samm- 
lung, I und XIII bei Parthey hervorgehoben. Sie waren mir wichtig 
als die einzigen voll erhaltenen Reste hellenistischer Theologie. Nur 
ihrer Erklärung galt mein Buch ; aus ihnen zog ich alle Folgerungen. 
Heinrici möchte sie beseitigen und daher gerade diese Stücke als 
spät und schon christlich beeinflußt erweisen. Das erste Stück, den 
Poimandres, hatte ich für das älteste erklärt und vor den Hirten des 
Hermas angesetzt. Heinrici bestreitet, daß der Beweis genüge, und 
behauptet seinerseits S. 17 und 7, es sei das jüngste und eigens für 
diese Sammlung als Einleitung verfaßt. Für die Datierung ge- 
nügt ihm, daß das Adjektiv 6u,oof>moc vorkommt; es sei ein christ- 
licher Terminus, der erst durch das Konzil von Nicaea > volkstümlich« 
geworden sei 1 ). Dem ersten Stück entspreche das dreizehnte, sei also 
ursprünglich als Schluß der Sammlung entworfen. Sie zählt nun 
aber in der vollen Form 17, in der verstümmelten (im cod. A und 
bei Parthey) 14. Für Heinrici ist das kein Gegengrund; cap. 14 ist 
dann eben ein Nachtrag; die letzten drei Schriften oder wenigstens 
die letzten beiden (er meint die Rede an die Könige) haben einen 
andern Charakter und fehlen bei dem zweiten Herausgeber, Flussas *). 
Also sind wir berechtigt nicht nur sie, sondern auch Traktat XV ("Opot 
'AoxXtjjcioö) als späteren Zusatz zu fassen. Ich verstehe diese Art 
der Beweisführung nicht und finde nicht den Schatten eines Anhalts 
dafür, daß XUI und I von demselben Verfasser herrühren oder auch 
nur auf einander Bezug nehmen. Der Name Poimandres kommt auch 
bei Zosimos vor, mit einem Lobgesang schließen auch andere Dialoge. 
In dem Redner des ersten Kapitels Hermes zu sehen, ist reine Willkür. 
Wo tritt der je als ownjp wie hier auf (vgl. 126)? Ein anonymer 
Prophet redet in dieser Literatur nicht oft; um so weniger dürfen 
wir die Fälle, in denen es geschieht, verdunkeln (vgl. das Fragment 
bei Cyrill Adr. MUmnm I 553 M. Poimandres S. 131). Kap. XIII 
scheint aus dem Corpus der 8ie£o$txot X<5-rot zu stammen und ver- 
weist (§ 1) mit klaren Worten auf ein Gegenbild in den ?svixoi Xdfoi, 
das ebenfalls eine Unterredung des Hermes mit Tat bot. Das ganze 

1) Daß der Sinn an der Poimandres-Stelle ganz anders ist, wird nicht be- 
rücksichtigt. 

2) Aber Flussas legt die editio prineeps zugrunde, und sie bietet alle Stücke. 
Warum er die Fragmente ausließ, ist verständlich. 



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252 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

Verhältnis der beiden Corpora zu einander scheint mir danach zu 
beurteilen. Für das erste Kapitel weist schon der Titel auf Einzel- 
Überlieferung. In den fevixoi X6701 kann es gar nicht gestanden 
haben, einmal, weil es sich nicht an Tat wendet, sodann, weil deren 
erstes Stück uns durch Cyrill (Adv. Julian. II 588 M) bekannt ist; 
es war ein Gegenstück zu unserm Poimandres. Verwiesen ferner 
wird in cap. XIII § 15 allerdings auf eine vorausliegende Schrift, aber 
in cap. I findet sich nichts diesem Verweis entsprechendes. Ich dachte 
früher, diese vorausliegende Schrift sei verloren, sehe aber jetzt aus den 
sonst recht verfehlten Ausführungen Zielinskis (Archiv f. Religionswissen- 
schaft VIII 323), daß cap. XI gemeint ist (Noöc Kpöc 'Eppjv). Dort 
sagt der Noöc zu Hermes § 22 xä dk äXXa icävta 6u,oiü>c xatd aeaotöv 
vöei, xai od Sta^eoaxhjcrg, hier wird von dem IIot|iÄvSp7jc & tifc audev- 
Ttac voöc gesagt 7rX£ov |iot tüv £YT e TP a H*I 1 ^ vt0V oo rcapiÖcoxsv (vgl. XII 8 
xal et EYYpdtptuc sSeöwxet, cdvo av tö twv av\rpu>7tu>v *f£vo<; üV^eXijxei), 
eiSük Ott Äjc' £[iaoToü 5ovTJaou.ai rcdvta vostv xat äxoustv <Lv ßooXou.at xat 
6päv xä itävxa. In cap. XI 20. 21 wird die Anweisung gegeben, wie man 
sich zu Gott erheben kann, nach cap. XIII 15 hat der Noöc *t)c ft&Ösv- 
efate Vorschriften für den Aufstieg in die Ogdoas gegeben; in XI 20. 21 
heißt es, die Seele an dem Körper haften lassen und ihn lieben heißt auf 
jede Erkenntnis Gottes verzichten. Man muß versuchen ihn zu erkennen, 
muß wollen und hoffen, das ist der kürzeste Weg zu ihm. Hierauf 
beziehen sich in cap. XIII 15 die Worte xadwc .... 6 IIotu,dvSpijc 
£d£ajrtoe, tdxvov, xctXüc arceüSetc Xöoat tö oxtJvoc. Tat hat ja eben die 
erste Vision gehabt (tö ttäv 6pw xat i|taotöv ev xi$ vot). Die Gedanken 
von cap. XI sind in XIII nur ins Mysterienhafte übertragen. Ob der 
Verfasser deB Corpus in Erinnerung an cap. I die Worte 6 not[tdv8pT]c 
6 tt}c audevttac voüc wählte oder etwas Aehnliches in der Ueber- 
schrift von XI fand, ist gleichgiltig. Cap. I darf nur aus sich selbst 
verstanden werden. Heinrici hat bei der Begründung seines Einfalls 
Zielinski's wie meine Erörterungen einfach ignoriert. Aber der ganze 
Einfall ist ja auch längst widerlegt, ehe er noch entstand. Der Ber- 
liner Papyrus 9794, den Schubart noch dem dritten Jahrhundert zu- 
weisen will 1 ), bietet bekanntlich in einer Sammlung christlicher Ge- 
bete das Schlußgebet des ersten Traktats in leichter Ueberarbeitung. 
Nun glaube ich erwiesen zu haben, daß die heidnische Fassung die 
ursprüngliche ist, ferner daß sie für den Traktat entworfen ist, dann 
als Gebet eine Sonderüberlieferung erfuhr und nun, in ihrem Wesen 
verkannt, von einem Christen in eine literarische Sammlung aufge- 

1) Kr sagt: mit hoher Wahrscheinlichkeit, siehe Berliner Klassikertexte 
Heft VI S. 112 und meine Ausführungen Güttiogische gel. Anz. 1911 S. 537 (auch 
Nachr. d. Ges. d. Wissenach. Göttingen 1910 S. 324). 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Nene Testament 253 

nommen wurde. Da die zufällig erhaltene Abschrift schwerlich die 
Urschrift dieser Sammlung darstellt, ergibt sich, daß der Poimandres 
betitelte Traktat spätestens ins zweite Jahrhundert gesetzt werden 
kann. Heinrici hat leider meine Abhandlung übersehen 1 ); darüber 
rechte, wem ein solches Versehen nie begegnet ist; schlimmer ist 
jedenfalls, daß v.Dobschütz S. 224 die hierauf bezüglichen Publikationen 
nachträgt, ohne zu bemerken, daß durch sie die Grundhypothese des 
Buches, das er herausgibt, beseitigt ist 8 ). 

Wir können in Wahrheit, wie ich jetzt glaube, sogar noch weiter 
kommen. Es sei gestattet, mir die drückende Verpflichtung, den un- 
wissenschaftlichen Charakter dieses Buches im einzelnen zu erweisen, 
ab und an durch die Einlage einer kurzen neuen Untersuchung etwas 
zu erleichtern. Philo deutet Quaest. in Gen. IV 1 die Erzählung von 
Abraham, der vor der Tür seiner Zelthütte sitzt, allegorisch: es ist 
der Noöc, der die Sinnesorgane, die Eintrittspforten in das Körper- 
gezelt, hütet : decet autem virtute pollens consiliutn sedere prope ad 
sensus ut ianitor, ne quidquam introrsum snrripiens caussa noxae 
sit animae, quum compos est eam insontcm integramque servare et im- 
munem ab omni malo. Nam insipientium sensus e. q. s. Dem ent- 
spricht die Beschreibung der Tätigkeit des Noöc im Poimandres § 22 : 
xotl stpö to5 7capa5oövat tö aioa-x tSup dav<4T(|) u.ooaaaaovts<; 8 ) t&c ata$^- 
OGtc, stSötec a&Twv ta ivspf^iiata. u.äXXov 5s oox £<4a<o a&töc 6 Noöc 
tä 7tpoort7CTovta evsp-piu-ata toö aih^txo^ exreXsaxHjvat ■ itoXcopöc wv 
änoxXetoü) tä<; elatfSooc, täv xa/<i>v xai alaxpüv evsp?7]tiaTa>v xäc ev$o- 
p5 aet c exxdTtTcov. toi? 8fe avoTJTOtc xal xaxot^ xtX. Die Fortsetzungen 
weichen ab; das Bild von dem Noöc als Türhüter stimmt auffällig. 
Daß der Verfasser des Poimandres den Philo benutzt, ist ausge- 
schlossen; bei ihm entwickelt sich die Vorstellung klar und einfach. 
Dagegen wird die seltsame Deutung Philos erst verständlich, wenn 
ihm das Bild des Noöc als Türhüter bereits gegeben war 4 ). Daß Philo 

1) Sie hätte in den Untersuchungen über cap. VII ihm wohl zeigen können, 
wie ich glaube, daß man philosophische Populärschriftstellcrei und orientalische 
Mystik zur Erklärung dieser Schriften benutzen kann. 

2) [unsicher bleibt die Spur einer Benutzung im dritten Jahrhundert im Pap. 
Plermopol. 124. 125, die Georges Mtfautis, Hermoupolis-la- Grande (Lausanne 1918) 
p. 176 nachweisen will; ich danke die Kenntnis des Buches der besonderen Güte 
des Verfassers]. 

3) So MC, (AuaitTövTt; A, [io3*i33GVTe; It. Vielleicht (p'jXa'aaovtai. 

4) Nicht der Philosoph, der den NoO; als Seelcnteil fassen müßte, sondern 
nur der (ägyptische) Theologe, der ihn als selbständigen rapeöpo; SafjMuv dem 
Auserwählten sich zugesellen läßt, konnte auf den ganzen Gedanken kommen; 
Philo scheint selbst den Begriff des Noü« daher nur umschrieben zu haben. Nur 
der Zwang, den Text der Genesis mit dem schon vorhandenen Bilde in Einklang 



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254 Gott gel. An/. 1918. Nr. 7 u. 8 

in der Fortsetzung abweichen mußte, da, was er vom Noöc gesagt 
fand, sich auf Abraham nicht übei tragen ließ, wäre dabei leicht be- 
greiflich. Wenn man auch hier, wie bei den Uebereinstimmungen 
zwischen dem Hirten des Hermas und dem Poimandres, einwenden 
wollte, es könne ja die Vorlage des letzteren benutzt sein, so müßte 
diese Vorlage dem Poimandres selbst ganz entsprochen haben; der 
Schluß bliebe in Wahrheit der gleiche. So kommen wir für die äl- 
testen Stücke dieser Literatur bis in Philos Zeit (vgl. auch unten 
S. 269) l ) und dürfen danach die Uebereinstimmungen zwischen Philos 
my8terienhaften Abschnitten und den Ausführungen der Hermetik') 
ganz anders, als es jetzt geschieht, beachten und bewerten. Doch 
zurück zu der Prüfung des Buches. 

Wie ich nachwies, hat Heinrici seine Inhaltsangaben so herge- 
stellt, daß er die Abschnitte, welche er überhaupt nicht verstand, 
kurzer Hand unterdrückte und bisweilen dafür einsetzte, was nach 
seiner Meinung der Schriftsteller hätte sagen können, auch wenn der 
überlieferte Text dafür keinen Anhalt bot. Aber auch wo die In- 
haltsangabe scheinbar genauer und ausführlicher ist, gibt sie nur 
selten ein wirkliches Bild der Gedankenentwicklung, weil Heinrici den 
arg verdorbenen Text, um dessen Ueberlieferung er sich nicht ge- 
kümmert hat, zu interpretieren überhaupt nicht iähig war und nur 
riet. Ich gebe, um einer Ausgabe vorzuarbeiten, zum Beleg den An- 
fang des XII. Kapitels unter Aussonderung der alten Interpolation, 
dann Heinrici's Angaben darüber. ( voöc, u> Tat, ££ aonjc *?)<; toö 
deoö ouatac eattv, et ?§ ag Sattv ooaia Oeoö. (et 6e lau) xal rcota tic ouaa 
TOfyÄvei. oütoc (tövoc axpißwg [aotöv] otSev 8 ). 6 voöc ouv oüx eortv <iiro- 
Tet|iT]|iivoc %9k oooidrqroc toö deoü, &kV <i>c ffeptT]7rAa>u.£voc 4 ) xaddff ep tö 

zu bringen, konnte ibn ferner veranlassen, den Türhüter vor der geschlossenen 
Türe sitzen zu lassen. 

1) Schon im Poimandres S. 116 war gesagt, der Verfasser könne zeitlich 
sehr wohl dem Plplo nahe stehen ; er rückt jetzt sogar etwas vor Ph : lo. 

2) Ygl. z. B. die Schilderung der Gottesschau Quaest. in Gen. IV 1 und 4 
und Corp. Herrn. X (XI) 6 rtptXa'fuJ'av (nämlich to xe&Xo; toO 4/a8o3, Heinrici S. 56 
mißversteht das) 5i rc'vra tqv vo-jv xal ttjv oXt^v dniySlv dvaAd(in*i xal dvlXxct 8iä to5 
aiijfxaTo; xai SXov autiv «(; ouafav p.ctaßc'XXe(. Gewiß ist hier wörtliche Ueberein- 
stimmung nicht nachzuweisen, aber die Grundanschauung ist tatsächlich gleich, 
die Folgerungen fre : Uch wieder verschieden. So geht es oft. 

3) Vgl. VI 4 To>.|/rjT£ov vdp e{7tfTv f tu 'AffxArjRtt, oti ^ oüafa toO dtoö, tT ft 
ouaf av Ivel, tö xaAdv iortv. — ojt<Sv tilgt Tiedemann (es ist aus a&xtfc verdorben, 
und dies ist Variante zu o&toc, vgl. XVI 4, Poimandres 350,15 n48tv U oStt) ovv(- 
ototoi ?^ intpptl, aCitic jx^voc oTotv). Diese zwei Sätze scheinen vom Verfasser des 
Corpus zugefügt, um das folgende Exzerpt zum selbständigen Traktat zu machen. 

4) üioiMp ^nXtoyhoi Hss. Zum Ausdruck vgl. Dieterich, Mithrasliturgie 8,6 
taüta aou ifttivtoc 6 Maxoc dnXu»8^arren. 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Neue Testament 255 

toö tJXi'oü cptöc- outoc 8e 6 voöc iv uiv av^pwÄO'.c dstfc iotiv — 5iö xat 
ttveg twv avdpwTCtov dso[ etat xal ij [autoö] av^pourÖTT]? e^fuc £oti ri)c 
^eörrjToc* xal fdtp 6 'Afa\röc Saijtwv to6< uiv dsouc etrcev (avdpü>7roo<;) 
ddavdtooc, touc 31 avdpwjcooc; (reoöc Ö'Vtjtodi; — iv S£ rote äXöfotc 
C<j>otc [*]] ^öote iotiv oTcou *rap fox4* ^ XE * xa ^ vou ^ ^ Ttv > öo^ßp xal OÄOD 1 ) 
CwtJ, ixet xai <|>ux?j. fev Sfe tote aXtSfotc C<i>o'-C "fj $0)$ ^^ ^ 0Tl xev "n t00 
voö ' 6 7ap voöc (pu^wv Äottv euspiitTjc avdpu>7C<i>v 2 ), sp^aCetai fäp aota? 
elc xb ifadöv]. xal tote uiv aXdfoic rjj I8£a 3 ) exaatou <pöaei aovepYet, 
tatg 5e tü>v av&ptüTtcov av:t7rpaaost. Der voö« wird hier als Seelenteil 
allen Lebewesen zugeschrieben; es ist wirklich ein voö? xotvdc Aber 
seine Wirkung (Tätigkeit) ist in Mensch und Tier verschieden. Hier- 
gegen polemisiert auf Grund anderen Wortgebrauchs und anderer 
Anschauung (vgl. I 22) ein alter Leser: voöc haben nur die Menschen. 
Heinrici S. 66 macht daraus: >Der Nüs ist mit dem Wesen Gottes 
verbunden*) wie das Licht mit der Sonne. Daher sind die Menschen, 
die den Nüs besitzen, sterbliche Götter (X 25). Andrerseits besitzt 
auch die Seele den Nüs; da auch den Tieren Seele eignet, die in 
der Natur (epoot«) wirkt, haben auch diese Teil am Nüs. Diese Ver- 
bindung von voöc und tpopj entspricht nicht den sonstigen Aussagen 
über den voö?, liegt aber in der Konsequenz der hier spürbaren An- 
schauung von der Weltseele, die pantheistisch mit Gott gleich gesetzt 
wird. Doch ist mit dieser Auffassung das Folgende unvereinbar. Wie 
wirkt nun der Nüs in dem Menschen? Er ist der Wohltäter (euep- 
f£rr]<;) der Seelen. Er führt sie zu seiner eigenen Güte 5 ), indem er 
gegen die niedere Natur sich stemmt (avTt7rpäaaei).< Ich fürchte, 
diese Art Inhaltsangabe verdunkelt nur die Gedanken, die, sobald 
man die Parenthese erkennt und die polemische Randbemerkung aus- 
schaltet, an sich klar aufgebaut sind. Gleich die nächste Seite Hein- 
ricis (67) bietet in der Erklärung von § 7 ein noch schlagenderes 
Beispiel irreführender Inhaltsangaben, das freilich dadurch wenigstens 
erklärt wird, daß Heinrici die elende Interpolation der Patricius-Aus- 
gabe (p. 103,9 Parthey xaxöv ot>) als Tradition faßt. Der gleiche Irr- 
tum veranlaßt eine Seite früher (S. 65) eine sprachliche Bemerkung, 
die ich als Probe für diesen Teil der Arbeit Heinricis herausgreife, 

1) ottou xal Hss. 

2) Vielleicht äv8pu>7:(vu)v. 

3) et' Hss. 

4) Heinrici übersetzt Partheys aus Patricias entnommene Schreibung i'O.' 

5) Heinrici folgt der Lesung von Patricius (Parthey) ei; t6 fSiov ifadfa 
and merkt dabei nicht, daß damit das 'ifad&v der Menschen bezeichnet werden 
sollte. Könnte dyaötfv hier wirklich die Güte bedeuten? 



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256 Gott. gel. Ana. 1918. Nr. 7 u. 8 

zumal sie sich inhaltlich mit dem erörterten Stück berührt. Im XL 
Traktat wird zunächst § 14 das Leben als ivcootc voü xat -'^yj^ de- 
finiert 1 ), der Tod als 8iäXoot«; der beiden 2 ). Ganz unvermittelt schließt 
§15 eine andere Autfassung an: rfjv oe jtstaßoX9jv 8 ) dAvatdv cpacnv 

etvat, 8l o5 (Sta Hss.) xb u.ev afijwi öiaX6ea\>at, rrjv 86 Cwtjv 4 ) 

SU tö acpavec £ttp8fv [tä] StaXüöjwva. toot«p ty Xö^tp, ^iXtaxt jiot c Ep(uj, 
xai tÖv x&jjiov [SecatSatficov, ok axoöeic] 5 ) fi](Ll jtetaßdXXeo^at 5td tö 
fC'piiadac jjipo«; autoö xa$' exdarnv ^uipav £v t<J> atpavsi, (aotöv 8i) 
pjSettote StaXüea&ai. Da die Ausgabe des Patricius im Eingang, um 
ein deutliches Subjekt zu gewinnen, ddvatov oi Xaot tpaatv inter- 
poliert hatte, so macht Heinrici hieraus: >Die Laien (XaoE) nennen 
die Veränderung (|tstaßoXTj) Tod, weil der Körper in seine Elemente 
sich auflöst (I 20). Aber wenn auch bei dieser Auflösung das Leben 
ins Unsichtbare geht, so wird es nicht aufgelöst. Als unsicht- 
bares wird es erneuert, denn sie ist ausgelöst aus dem Kreislauf der 
Welt< 6 ). Ich verstehe das nicht einmal grammatisch und staune, 
daß der Herausgeber keinen Anstoß genommen hat. Daß Heinrici, 
der an den überflüssigsten Stellen seine, oder vielmehr meist fremde 
Konjekturen mit den Worten >ich lese< einführt, sich berechtigt 
glaubte, die Inhaltsangabe zu einem unverstandenen Text zu erfinden, 
ohne zu verraten, wie er ihn schreiben will, wundert mich nicht. Das 
geschieht bei ihm zu häufig. Mir kommt es jetzt nur auf die Worte 
ot Xaot an; sie haben Partheys Bedenken erregt; er bemerkt gegen 
seine Gewohnheit, daß sie nur bei Patricius sich finden 7 )i und sie 

1) Nach iranischer Anschauung, wie ich an anderem Ort demnächst zu er- 
weisen hoffe. 

2) Es folgt, über diesen Satz zurückgreifend, eine Zusammenfassung fcrt 
xo/vuv etxwv toj iteoü <ö> a(uiv, xoü 8i afiüvoc 6 x*to|ioc, toj 11 xtfopau i t,?.io;, toO 
8« fjXfou 6 ävöpiuno; (ebenfalls iranisch). Indem die Herausgeber es an den An- 
fang des folgenden Abschnittes stellten, machten sie diesen sinnlos. 

3) Von der [icrapoX^ war also vorher schon die Hede gewesen. 

4) Lücke von mir bezeichnet. Ausgefallen ist: »(sie sagen) das Lehen und 
der Mensch hört nach ihnen auf. Dagegen sage ich, daß nur der Körper sich 
auflost und auch dabei die Bestandteile nicht vergehen, sondern nur unerkennt- 
lich werden. c Jedenfalls setzt der Anfang xo'j-zy im Wrq> voraus, daß vorher die 
eigene Ansicht des Redenden schon entwickelt war. 

5) Anfang eines christlichen Randscholions (etwa Psellos). Vielleicht dX-j«; 
oder napaxo'jfie zu schreiben. 

6) Von dem Kreislauf ist nämlich später in anderem Zusammenhang die 
Rede. Das Wort Ä*ioioa/p.a>v hatte Patricias gestrichen. 

7) Ich bestätige das gern ; keine der von mir geprüften Handschriften bietet 
sie. Heinrici mußte also, wenn er sich die Frage der Ueberlieferung überhaupt 
vorgelegt hatte, argwöhnisch werden und jedenfalls bei der Besprechung des 
Wortes seinen Lesern den Sachverhalt mitteilen. 



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Heinrici, Die Hennesmystik und das Neue Testament 257 

fesseln das Interesse Heinrici's. Er bemerkt S. 65: > Auffallend da- 
gegen ißt der Gebrauch von Xaoi (§ 15) im Sinne der Nichtzugehörig- 
keit und des Mangels an der Erkenntnis. Die Voraussetzung dafür 
gibt die Septuaginta, wenn sie Xaoi nicht zur Bezeichnung des Volkes Is- 
rael, sondern der Heiden benutzt (Baruch-2,4. Judith 7,8. I.Macc.2,66). 
Falls bei Apulejus (Metam. XI 17) die Lesung Xaoic oupsote zu Recht be- 
stünde, gäbe das eine bedingte Analogie; denn der Vorsteher 1 (Ypa|i- 
u.atet>c) des Kollegiums der Isismysten ruft zum Schluß seiner 'An- 
sprache dies Wort der zusammengeströmten Menge zu.< Schade, daß 
er für Apuleius, falls moderne Literaturgeschichten oder Ausgaben 
ihm unzugänglich waren, nicht einen Philologen befragt hat. Die mit be- 
fremdlicher Verständnislosigkeit aus der Septuaginta herausgegriffenen 
Stellen (vgl. z. B. Judith 7, 8 ol ^oöu-evot xoö Xaoö Mcoaß) verschlim- 
mern die Sache noch beträchtlich. Der Sinn des Ganzen zeigt, daß 
der Interpolator einfach meinte >die Menschen«:, vgl/ 127. 

Ich glaube nach der einen Probe fast darauf verzichten zu können, 
die in diesen Tril eingelegten lexikalischen > Untersuchungen <, die der 
Herausgeber p. XV als besonders wertvoll bezeichnet, noch im ein- 
zelnen zu besprechen. Dem Philologen wenigstens scheint es zwecklos 
zu fragen, ob xTjpöooeiv für verkündigen aus dem Neuen Testament in 
die Hermetik gekommen ist, und darauf an verschiedenen Stellen ver- 
schiedene Antworten zu geben (S. 37 und 45) '). Es hat für ihn sprach- 
lich gar nichts Auffälliges, daß in der Köpf] xöouao (Stobaios 1 386,22 W.) 
von Hermes gesagt wird 8c xal etde xä oupftavta xai iSwv xafcvö-rjae 
xai xatavo^oac icr/oas 8t]Xü)oat xal öetjat und im Johannesevange- 
lium 5,20 von Gott 6 fäp Trarrjp tpiXst töv otöv xal «dvta östxvuotv 
aut(j» a" aö-töc ffO'.et, xai p.eECova todtoüv 8et£et a(>t<j> (S.102); er be- 
zeichnet Setxvuvat (in diesem Sinn) nicht als Mysterienausdruck (Hein- 
rici 201 A. 1) noch vergleicht er die Schilderung IV 5 xataippo- 
vTJaavxe? 7ravr<i>v täv atdu.aTix&v xal atHou-ätiov enl xb 5v xai jiövov 
atc6i>6ooatv mit Hebr. 12,2 ('hjooö;) {>7c6u,eivev ataopöv atoyövTjc %axa- 
(ppovijoac oder IV 6 iav (iTj rcpwtov tö awjia ooo u. t o tJ a -fl c aaotöv 
(ptX^aat 06 SGvaoat mit Luk. 14,26 eX xit; ... 06 u.taei xbv TtaTÖpa ka\y- 
toö xal tfjv [i7]t£pa ... Itt te xai rf^v eaotoü iOYTJV (S. 45). 'Wo wirk- 
liche Fragen von andern aufgeworfen sind, ist ihre Behandlung cha- 
rakteristisch. Ich hatte seinerzeit (Poi inandres S. 48 ' A . 3) in dem 
Schluß des Poimandresgebetes suXöfTjtoc et, «at6p # 6 oöc avdpancoc 

1) Vgl. jetzt auch Oxyrh. Pap. 1381 Z. 35 u. 144 (Mitte des zweiten Jahr- 
hunderts). Einen ähnlichen orientalischen Sprachgebrauch (bei den Mandäern) 
lehrte mich mein Kollege Prof. Lidebarski kennen. Wenn Heinrici S. 179 von 
xr,p6o3eLv schließlich versichert, es sei »original«, so beweist er damit nur, dati er 
verkennt, worum es sich eigentlich handelt. 

U6H. |«1. Au. 1918. Hr. 7 i. 8 17 






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258 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

aovaftdCetv aot ßoöXetat, xadä>c ffapiSwxa? aut(j> rqv rcäaav ijoootav 
das Wort ijoooia nach der Parallelstelle § 26 o>c rcdvra rcapaXaßüv auf 
die unmittelbare Anschauung der Gottheit gedeutet, die der Prophet 
erlangt hat. Nicht der Begriff der Macht, des Könnens, sondern der des 
Wissens liege darin (der Offenbarung). Aehnlich sei das Wort bei 
Markus 1,22 gebraucht r^v -p:p StSäoxwv aotouc wc l£oootav Sx* 07 %a - 
o&X <*>c öl -(paittiatet? (= Matth. 7,28); die Deutung Volkmars und 
Wredes >wie einer, dem eine übernatürliche, göttliche oder dämoni- 
sche Kraft (ein $ai$m) inne wohnt< befriedige mich nicht; dann er- 
warte man rveöita. In den Anmerkungen zu dem Text war dann 
auseinandergesetzt, daG hier a-rtdCetv intransitiv gebraucht sei (heilig 
sein) '). Einen Angriff auf die Originalität des Christentums bedeutete 
das wohl nicht, sondern nur einen Versuch, den bisher unbelegten 
Sprachgebrauch eines Wortes an einer bestimmten Stelle zu erklären, 
mag man über ihn urteilen, wie man will. Heinrici empfindet die 
Pflicht, ihn abzuwehren. Er übersetzt zunächst S. 17 >dein Mensch 
will mit dir heiligen, wie du ihm übergeben hast, die ganze Macht«. 
Das würde zur Abwehr genügen, wenn es nur einen Sinn gäbe. Aber 
Heinrici sagt selbst dann wieder S. 168 >dem die ganze Macht (das 
ganze Rüstzeug) übergeben ist< und S. 36 >Auch der Erdenmensch 
hat, insofern er unsterblich ist (?), die Macht über alles (ttjv iräoav 
ejobalav I 32). Theurgische Leistungen werden von dieser Macht 
nicht ausgesagt, aber sie sind auch nicht ausgeschlossen. Auch im 
neuen Testament wird s£oooia im prägnanten Sinne gebraucht. Die 
Wunder, die Jesus wirkt, die Kraft seiner Lehre werden auf die ihm 
verliehene ijoooia zurückgeführt (Matth. 7, 29. Mark. 9,22.27. Luk. 
4, 32. 36. Joh. 5, 27. 17, 2). Die Gotteskindschaft wird verliehen durch 
die den Gläubigen zugeeignete ijoootex. Paulus kennzeichnet seine 
apostolische Autorität und ihre Ansprüche und Leistungen als eSouoia 
(I. Kor. 9, 4 f. IL Kor. 10,8). Wie Sovdusic und apx<xE dient auch 
ISooofcxi zur Bezeichnung überirdischer Wesen (I. Kor. 15, 24 u. ö.). 
Darf nun hier ein direkter Austausch des Wortes angenommen werden? 
Die Orientierung des Sinns deckt sich jedenfalls nicht, und der Aus- 
druck bot sich von selber dar, wo Leistungen und Ansprüche durch 
eine höhere Macht legitimiert werden sollen. < Ich finde die lexikali- 
sche Beobachtung, daß an zwei bestimmten Stellen i£ouoia in einer 
auffälligen Erweiterung der ursprünglicheren Bedeutung >Kraft< auch 
von übernatürlicher Erkenntnis gebraucht wird, durch die scheinbar 
harmlose Verbindung von Wunder und Lehre und das Spiel mit dem 

1) Für ifltiw steht dieser Gebrauch bekanntlich sicher. Eine Bestätigung 
meiner Auffassung bot der Papyrus BeroUnensis 9794, in dem die Wortfolge ist 
auvaficiCeiv aot ßouXrcai, xaöwc rapiStuxac T7jv näoav i£öua(av abxy. 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Neue Testament 259 

deutschen Wort > höhere Macht < nur verdunkelt, sonst aber nichts 
gesagt. Wie wenig Empfindung für den allgemein-griechischen Ge- 
brauch Heinrici hat, zeigt eine Bemerkung auf S. 102. In der Kdp>] 
xöou-ou (Stobaios 1409. 14 W) wird ein Bittgang der Elemente zum 
Schöpfer erzählt; sie erhalten einzeln die Erlaubnis zu reden (xtjv 
toö X£f6tv e£ooa£av efyov). Heinrici nennt ££ouota hier einen > tech- 
nisch religiösen Begrifft l ). Der Zweck der ganzen Untersuchung, die 
gerade die wichtigsten Worte, wie tpwtiCetv, TcX^ptojta usw. übergeht, 
ist, darzutun, daß sich Einwirkungen der Sprache der Hermesmystik 
auf das Neue Testament nicht nachweisen lassen, wohl aber umgekehrt 
alle eigentlich religiösen Hermesschriften Einwirkung des christlichen 
Sprachgebrauches zeigen. Zu diesem Zweck wird S. 34 (vgl. 7, 2) selbst 
die XoftxT] $uotaXIH21 von Rom. 12,1 XofixTj Xarpsia ganz losgelöst, 
dafür aber aus der christlichen Liturgie hergeleitet, weil in der Mar- 
kus-Liturgie das Wort des Paulus benutzt und außerdem von einem 
ijroopdvtov xat Xoftxöv duataanjptov gesprochen wird 2 ). 

Die Textkritik, die bisweilen geübt wird, steht auf der gleichen 
Stufe. In der Aufzählung der Gotteskräfte, die niedersteigend den 
neuen Menschen in uns bilden, heißt es XIII 9 in Partheys Text: 
T6tdpt7]v 3s vöv xaXü xaptEptav ttjv xaxa t^c Im^üu-lac 86va(uv. 6 ßa&ubc 
oütoc SixaioaovTjc Sativ S8paau.a. Yttpl< Y<*P *tEaeo>c ^£, ncoc ttjv aSixiav 
i£>jXaoEv. £8txauö\b]u,GV, <L t£xvov, aötxtec ittobatfi* sxttjv 8ovau.iv xaXw 
xtX. Zu xttaEtüc gibt Partheys Apparat die Bemerkung: »xnfloswc 
Patr., an xpteea)«;?< Heinrici sagt (S. 37): Poimandres beleuchtet die 
standhafte Enthaltsamkeit (xaptspEa), die Kraft wider die Begierde. 
Sie ist die Stütze der Gerechtigkeit; >denn siehe, wie sie, getrennt 
von der Schöpfung, die Ungerechtigkeit ausgetrieben hat. Wir sind 
gerecht geworden (45txatü>tb]u.ev), mein Kind, da die Ungerechtigkeit 
entfernt ist.« Eine Anmerkung belehrt den Leser: >Neben xtlaecoc 
ist xnjaeüx; überliefert, das keinen Sinn gibt. < Ja gibt denn xtloeojc 
einen Sinn? Und ist die Uebersetzung >getrennt von der Schöpfung< 
auch nur sprachlich möglich? Partheys sichere Besserung xptaecoc 
wird gar nicht erwähnt, nicht erkannt, daß nicht der xapteptct, son- 
dern nur der SixatoouvTj die Vertreibung der Ungerechtigkeit zuge- 
wiesen werden kann 3 ), der Text also lückenhaft ist. Die Auseinander- 

1) Wenn in der Verhandlang 403, 18 das Feuer 8agt dvd?eiAov ffir\ aeautöv 
*/pr ( jiaT(CovTt t<p x6afitp, so übersetzt Heinrici S. 98 'der sich regenden Welt'. Es 
ist die Welt, die durch ihre Gesandten verhandelt (bittet). 

2) Die Begründung ist, tofixi) forcpsfa bedeute nur den Gegensatz zu ÄXo^o;, 
/'-l'.xr ftuafa sei dagegen das Opfer durch das von dem Logos eingegebene Gebet. 
Selbst wenn das richtig wäre, böte das Xoytxov ÖuaccuT^piov der Liturgie sicher 
nicht den Ausgangspunkt dafür. 

3) Schon weil sonst die fünfte Swafus überhaupt fehlte. 

17* 



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260 Gott. gel. Änz. 1918. Nr. 7 u. 8 

setzung und Herstellung im Poimandres S. 343 ist natürlich ignoriert, 
und doch hat Heinrici sie angesehen und entnimmt ihr im Folgenden 
den Vergleich mit Rom. 6,7 6 ano&avcov Seöixauotat äicb -ri)«; apaptLac. 
gegen den er polemisiert. 

So viel über die Behandlung des überlieferten Corpus. 

In derselben Art werden sodann die nur bei Stobaios erhaltenen 
Fragmente besprochen 1 ). Das eiste (S. 78) >Wer sich überführen 
läßt, lernt nach Dingen begehren, die er früher nicht kannte < gebe 
ich griechisch, damit der Leser weiß, wovon die Rede ist: D^yo- 
*fäp eTCiYviüod-etc:, tö tiifiats ßaotXeü, sie £rct$t>[iiav (pspst xöv kX^^ivxa 
u>v npöTspov oüx ^6et. Schon die FolgeBeite bringt ein Fragment, das 
nicht hergehört (Hense IV 52,47), aus dem von Pseudoapuleius über- 
setzten Asclepius (bzw. Xtffoc t£Xeiqi; itpbt; 'AaxXTjJttöv), cap. 27 (p. 65, 18 
Thomas). Heinrici hat es daher S. 130, ohne es zu merken, noch einmal 
besprochen 2 ). Gleich auf der übernächsten Seite (81) finden wir die 
seltsame Inhaltsangabe von Ekl. I 49, 3 : Die Seele ist unkörperliche 
Substanz. >Sie heißt Lebewesen (C<öov) wegen des Lebens, vernünftig 
wegen der Denkkraft, sterblich wegen des Körpers 3 ).c Danach wäre 
also die Seele für den Hermesgläubigen körperhaft und sterblich! 
Ich brauche den griechischen Text nur herzusetzen, damit auch außer- 
halb allen Zusammenhangs, der die Sache noch deutlicher macht, der 
Leser erkennt, um wen es sich handelt: xaXeitai 8i C<i>ov uiv 8tä ttjv 
Ctüijv, Xoyixöv 8t Sta xb voepöv, dvi]TÖv 8k 8ta xb awjia. Eine ebenfalls 
von der Zusammensetzung des Menschen handelnde Stelle der K6p-r\ 
xtfou.00 (Ekl. I p. 393, 1 W.) mag anschließen. Gott beschließt xb töv 
avdp(i>7E(i>v o')o^Yj[J.a M^ViJaaodai, orroj; 6v TOÖTtp xb tcöv ']•<)/ o)v StA 7Cavröc 
•j^voc xok&fyptXL Heinrici gibt das S. 93 wieder >die geordnete 
Gemeinschaft (o(>otf]u.a) der Menschen künstlich herzustellen 
(tßxv^oaadat), damit darin das Geschlecht der Seelen durchweg gestraft 

1) Stobaios benutzt, die uns überlieferte Sammlung nicht, sondern, wie die 
Zitate und die Textabweichungen zeigen, die Corpora und Einzelschriften, aus 
denen sie hergestellt ist. Heinrici sagt hierüber nichts und aebtet auf jene Cor- 
pora, die, wenn sie in unsrer Sammlung benutzt sind, also vor das vierte Jahr- 
hundert fallen, überhaupt nicht. »Der Exzerptcharakter wird bisweilen durch die 
Titel *x tdtv rrpöe "AftpcDvor, Ix täv trpi; 'AoxAi]ra*Jv . . . bezeichnet« (S. 77). Ich 
dachte, Exzerptcharakter trüge ein Änthologion immer. Der Herausgeber trägt 
auf einer vollen Seite (220) eine Uebersicht der Fragmente nach Titeln geordnet 
nach; hätte er den tiefflichen und knappen Index von Wachsmuth eingesehen, 
wäre sie wohl vollständig und jedenfalls benutzbarer geworden. 

2) Er benutzt dabei Thomas, indem auf Stobaios verwiesen wird, v. Dob- 
schütz Hense, der in großem Druck auf den Asclepius verweist. 

3) Es folgt unmittelbar darauf wieder fyjfä öpo datup-axos (ouafa schiebt 
Hense zu Unrecht ein). 



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Heinrici, Di© HermesmyBtik und das Neue Testament 261 

werde.« Es ist ähnlich, wenn der Rat, den in der gleichen Schrift (p.400, 
2lW.) Momos, uro die Menschen niederzuhalten, gibt: Stöajov Ivteöftsv 
epctv toö ti l ) ßoüX6Öeadat [tvot iypnai xal ri)c djroroxEac tö x«Xs7t6v <poß7]{H)- 
vat] iva t<j) tf)c Xü7ct]c 8fltttvijp$ Sajiaodöat tö>v IXTCtCouivcov aicoto^vtec 
wiedergegeben wird (S. 97): >eie müssen lieben und nachdenken 
(ßouXeüeodou) lernen, damit sie durch Enttäuschungen und Leid und 
fehlgeschlagene Hoffnungen und durch Krankheiten . . . gebändigt 
werden.« Ich hatte nicht gedacht, daß Nachdenken für so gefähr- 
lich gilt 

Es folgt die Inhaltsangabe der lateinischen Schrift, des Asclepius 
des P8eudo-Apuleius. Zur Charakteristik teile ich nur einen Satz mit 
p. 36, 15 etenim ad eius nomen (Hammonis) multa tneminimus a nobis 
esse conscripta, sicuti etiam ad Tat amantissimum et carissimum /z/tum 
multa physica exoticaque quam plurima. Das Wort exoticaque hielt 
Thomas für verdorben; er bemerkt dazu: >exotericaque Cumont (cf. 
Mönard p. 114: 'relatifs ä Tenseignement exoteYique') ex etkicaque 
Hild. fort, diexodicaque (cf. Reitzenstein, Poimandres p. 117 et 126 
n. 1).< Heinrici macht daraus: >viele physische und außerordentlich 
zahlreiche exotische Schriften. < Er fügt hinzu: > Exotisch heißen sie, 
weil sie als OfFenbarungsliteratur aus einer höheren Welt stammen« 
und verweist in der Anmerkung auf S. 39 A. 1. Dort finde ich den 
lateinischen Text multa physica ex etkicaque quam plurima und dazu 
in eckigen Klammern, jedenfalls aus anderer Zeit: >FUr das über- 
lieferte ex etkicaque lesen allerdings Thomas mit Cumont exotericaquc 
und Hildebrand — unter Hinweis auf Reitzenstein Poimandres 117 
und 126 A. 1 — diexodicaque. < Schlagender als in dieser Deutung 
der > exotischen < Schriften läßt sich die Verbindung von tiftelndem 
Scharfsinn und sprachlicher Unkenntnis, die sich überall zeigt, wohl 
nicht charakterisieren. Welches Unglück diesen Verweis auf die frühere 
Stelle und in ihr diese rettungslose Verwirrung der aus Thomas un- 
mittelbar entnommenen Angaben veranlaßt hat, die sogar Hildebrand 
im Jahre 1842 meinen Poimandres benutzen läßt, frage ich nicht. 
Für mich trägt nur der Herausgeber die Schuld, der hier ja sicher 
mit tätig war und wie überall ohne jede Achtsamkeit und ohne Ver- 
antwortungsempfinden dem Toten und der deutschen Wissenschaft 
gegenüber verfuhr. Er allein ist für die schwere Schädigung beider 
haftbar, nicht, wer jetzt die Pflicht erfüllt, nachzuweisen, daß dies 
Buch unbenutzbar und vollständig unwissenschafllich ist. 

Die Beobachtung von Thomas ist natürlich schlagend, aber sie 

1) So Wachsmutb, dessen Ausgabe zugrunde gelegt sein soll, ti xa( ver- 
mutete irrig Heeren. 



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262 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

bedarf der Ergänzung. Den Ste£o6txoi XcVroi stehen die ftvtxol Xö-rot 
gegenüber; sie meinte der Lateiner mit dem Heinrici irreführenden 
Ausdruck physica; «poaioXofta war ihm wie dem Verfasser der im 
Oxyrhynchuspapyrus 1381 erhaltenen Aretalogie nach bekanntem 
Sprachgebrauch die Erklärung der Grundprobleme der Welt; er las in 
seiner Vorlage ttoXXoüc piv fevtxooc, TcXetatooc 8e xai 8ie£oStxot>c; Xöyoik. 
Das Corpus der Asklepios-Schriften, dem der Xö^oc tiXetoc angehört, 
setzt das Doppel-Corpus der an Tat gerichteten Schriften schon vor- 
aus J ). Spuren dieses Verhältnisses haben 6ich auch sonst erhalten, 
vgl. Kap. XIV Einleitung. 

Der nächste Abschnitt bei Heinrici bringt die > Hermes-Fragmente 
bei Pitra« (Analecta sacra et classka 1888 II p. 275 ff.), die durch 
die früher angegebene Beschränkung des Werkes auf die philosophi- 
sche und theologische Schriftstellerei eigentüch ausgeschlossen waren. 
Heinrici versichert jetzt, sie hätten für die Würdigung der Hermes- 
mystik Bedeutung; ohne sie würde eine Angabe der Kdp-n xögu.oo 
(Stobaios I 407,4 W.), daß die Propheten auch Heilkunde und Magie 
betrieben, in der Luft schweben (S. 138. 139). Er bespricht dieses 
recht wertlose Sammelsurium versprengter Fragmente daher näher. 
Dann hätte natürlich die gesamte astrologische, alchemistische und 
medizinische Geheimliteratur auch angeführt werden müssen 3 ), die 
unter dem Namen erhalten ist ; selbst die Zitate in den Zauberpapyri 
waren dann zu berücksichtigen. Man sieht aus dieser ganzen Be- 
merkung nur, wie wenig der Verfasser von der Ausbreitung und dem 
Fortleben dieser Literatur weiß. Eins dieser Exzerpte ist freilich wirklich 
philosophisch, bezw. theologisch, das aus Vat. gracc. 1198 mitgeteilte 
letzte Stück; breit wird es besprochen. Aber seltsam! Heinrici merkt 
gar nicht, daß es eine junge Bearbeitung der Angaben des Cyrill Adv. 
Julianwn I 33—35 ist, die in die verschiedenen byzantinischen Hi- 
storiker und Suidas übergegangen ist 8 ). Er bespricht sie an anderer 

1) Für oul'j'A-A'k (gegen Heinricis Deutung »Exkurs« genügt es auf Passows 
Lexikon zu verweisen) weiß der Lateiner keine passende Uebersetzung. Die An- 
ordnung des Corpus weist auf einen Lehrbetrieb, wie ihn einzelne Gnostiker 
haben. Der Brief an Flora ist ein yevixös Myoc (die Kürze und der einführende 
Charakter werden betont); die "Worte xd i£fjc im ScbluS könnten auf weitere 
Lehrstücke (vielleicht einer planmäßigen Sammlung) verweisen. In solchen Samm- 
lungen hat der Xrfyoc t&cio; eine zentrale Stellung, wird man doch durch ihn 
selbst zum tO.cioc (vgl. den Schluß des Pseudoapuleius). 

2) Einige Nachträge aus der ersten bringt v. Dobschütz S. 223 und 225. 
Manches weitere hätte der Poimandres geboten. 

3) Ob der Vaticanus 1198 für den Wortlaut dieses späten christlichen Ex- 
zerptes Wert bat, verfolge ich hier nicht. Auf die Existenz der kleinen Samm- 
lung, die für die Gcechichte christlicher Fälschungen recht lehrreich ist, wies mich 



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Heiorici, Die Hermesmystik und das Neue Testament 263 

Stelle wieder eingehend, ohne die Uebereinstimmung des Wortlauts 
zu merken. Den Schluß dieses Teiles bildet eine leider unvollstän- 
dige Sammlung ') der Erwähnungen und der Zitate bei Kirchenschrift- 
stellern, zu der Patricius die Grundlage geboten hat. Eine Art 
Fragmentsammlung ist beabsichtigt, aber wo bleiben die in der 
Profanliteratur versprengten Zitate z. B. bei den späteren Philo- 
sophen, wo die Zitate aus den theologischen Schriften bei den 
AlchemistenV Es sind ja nicht etwa gleichgiltige Stücke und Titel, 
um die es sich dabei z. T. handelt, und schon mein Buch konnte auf 
eine Anzahl hinweisen 2 ). Wo bleiben endlich die Verweise auf Aus- 
führungen, welche sich auch ohne Nennung des Namens auf diese 
Literatur zurückführen lassen, wie etwa Damascius Ilspi apyüv p. 385 
Kopp, wo eine xoojwMcoi(a mitgeteilt wird, die Asklepiades und He- 
raiskos in ägyptischen Geheimschriften gefunden haben V Sie ent- 
spricht im Charakter ganz dem III. (IV.) Traktat des Corpus 3 ). Aber 
auch hiervon abgesehen habe ich gegen den Grundgedanken Bedenken. 
Fragmentsammlungen verlangen entweder Wiedergabe der Texte oder 
wenigstens wörtliche Uebersetzung ; sie wollen den Leser selbst ur- 
teilen lassen. Diese Inhaltsangaben, die das Wertlose breit, das Be- 
deutsame kurz abmachen und überall durchaus unzuverlässig sind, 
können diesen Zweck nicht erreichen und schaden, weil der theolo- 
gische Leser danach glauben kann, diese Literatur zu kennen. Ein- 
zelne brauchbare Bemerkungen ändern daran nichts. 

Mit diesem abgeschlossenen Teil verbindet sich ein sehr viel kür- 
zerer, unvollendeter, den Heinrici >Die Herraesmystik und das Ur- 
christentum < betitelte. Auf ihn legt der Herausgeber das Haupt- 
gewicht; weil ei nicht allein veröffentlicht werden konnte, ist der 
erste Teil mit beigefügt (p. XV). Das einigende Band ist die Polemik 
gegen mich (p. XIV). Heinrici faßt die Hermetik, wiewohl er den 
Ausführungen Krolls gegen mich beizustimmen erklärt (S. 14, 1), als 
Mysterienreligion 4 ) und gewinnt dadurch den Uebergang zu dem Büch- 
lein über die hellenistischen Mysterienreligionen und faßt bei Gele- 

vor langen Jahren Prof. Bidez brieflich, indem er zugleich ihre Benutzung in der 
Passio Artemii (Migne Patrol gr. 96 col. 1276 A, 1277 A) darlegte. 

1) seihst bekannte Autoren wie Arnobius sind übersehen. 

2) Einzelnes wird nebenbei erwähnt, so S. 118,2 das Zitat des Lydos De 
mensibus 116, 18W. *Epufc lv ttj xosponotfe. Heinrici fügt zu: »ein Titel, der auf 
die K -:f,Tj -/.'. ;;j.o » paßte« ; den Inhalt hat er offenbar nicht angesehen. 

3) Vgl. auch Oxyr. Pap. 1331. 

4) Er hebt als wichtigen Unterschied dem Christentum gegenüber die Aus- 
büdung eines Kultes in der Hermesmystik und dessen Bedeutung hervor (S. 210), 
was Kroll wohl nicht sagen würde. 



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264 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

genhöit dessen alles zusammen, was er gegen die Arbeiten und Be- 
strebungen, die man zur Zeit als religionsgeschichtlich zu bezeichnen 
pflegt, einwenden möchte. Boussets Kyrios Christos — aber auch die 
Hauptprobleme der Gnosis — , Nordens bahnbrechende stilkritiache 
Untersuchungen im Agnostos Theos, Brückner, Böhlig, Perdelwitz 
werden genannt und bekämpft. Heinrici hat uns schon in seinem 
Aufsatz >Ist das Christentum eine Mysterienreligion ?< (Internationale 
Wochenschrift V 14 S. 417) darauf vorbereitet, daß er seine Gegner 
in Gruppen zusammenzufassen liebt, innerhalb deren er dann, was der 
eine gesagt oder nach seiner Meinung angedeutet hat, auch den an- 
deren zuschreibt. Ich darf mich nicht wundern, wenn das gleiche 
Verfahren auch in diesem Entwurf mir gegenüber angewendet und 
z. B. S. 164 behauptet wird, zur Scheidung zwischen Gemeindeglauben 
und UrÜberlieferung hätte ich versucht, im Poimandres ebenso wie in 
den 'Hellenistischen Mysterienreligionen 1 direkte Einwirkungen und 
Anleihen aus der 'Mystik 1 in den neutestamentlichen Schriften nach- 
zuweisen. Heinrici formuliert die Frage, die ihn in diesem Kapitel 
beechäfügen soll S. 165: >Ist das Urchristentum eine synkretistische 
oder eine originale Religion ?< Wieder erscheine ich, wie in dem 
früheren Aufsatz, als der Hauptvertreter der ersteren Ansicht, wiewohl 
Heinrici mir damals selbst bestätigt hat, daß er eine Aeußerung der- 
art nie bei mir gefunden habe. In vollem Widerspruch zu dem ganzen 
Hauptteil seines Buches gibt Heinrici dabei jetzt zu, daß eine Reihe 
von Ausdrücken der neutestamentlichen Literatur den Mysterienreli- 
gionen entlehnt sei. Nicht wunderbar ; es habe ja gegolten, die Chri- 
stologie und Erlösungslehre so zu begründen, daß sie ihre Ueberlegen- 
heit über verwandte religiöse Bestrebungen 1 ) dartat. Des- 
halb sei aus diesen alles herangezogen worden, was für den Wahr- 
heitsbeweis förderlich erschien (S. 167). Heinrici erklärt, seine 
Untersuchung sollte sich ausschließlich auf die Beantwortung der 
Frage richten: > Hat das Christentum diese Entlehnungen 1 ) durch 
seine originalen Grundanschauungen umgeformt 1 ) und mit neuem 
Gehalt erfüllt, oder ist es durch sie seiner Eigenart entfrem- 
det 1 ) worden V< Man sieht, eine Entlehnung, und zwar eine Ent- 
lehnung aus den Mysterienreligionen, wird hier als feststehende Tat- 
sache vorausgesetzt. In Frage kommt nur die Umformung. Dann 
verstehe ich die Polemik gegen mich überhaupt nicht. Im Schluß des 
Poimandres war gesagt (S. 247): >Das vierte Evangelium entstand, 
als das Christentum nach seiner ersten Auseinandersetzung mit dem 
Judentum für weitere Eroberungen zunächst auf die von hellenisti- 

1) Von mir gesperrt. 



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Heinrici, Die Hermes mystik und das Neue Testament 265 

scher Mystik beeinflußten Kreise angewiesen war, als es bei seinem 
Emporstreben gezwungen war, aller Orten durch eine Schicht dieser 
Mystik hindurchzuwachsen, einer Mystik, die sich gerade damals zu 
immer höherem Schwung erhob. An vielen Stellen ist das Christen- 
tum dabei verkrüppelt oder verwildert ' .1 ; im ganzen tauchte es in 
eigner Kraft, nur bereichert um eine Fülle tiefer Gedanken und 
Bilder, wieder empor. Aber das Christentum hatte schon früher, 
schon als es sich bildete und seine erste Literatur schuf, diese Mystik 
und ihre Literatur am Platz und in jüdischen Kreisen wirksam ge- 
funden. Es ist kaum denkbar, daß die christliche Literatur nicht den 
vorhandenen Wort- und Formelschatz zum Teil übernehmen mußte, 
und Wort und Formel üben einen eigenen Zwang, der sich im Fort- 
schritt der Zeit und in der allmähligen Ausgestaltung der Lehre ver- 
stärkt Sollen wir jemals ein brauchbares Lexikon zum Neuen Testa- 
ment erhalten, so wird es die Reste hellenistischer Mystik .... nicht 
weniger als die christlichen Schriften berücksichtigen müssen. < In 
den > Hellenistischen Mysterienreligionen < habe ich dann, angeregt von 
der reifsten Arbeit A. Dieterichs, der Mithras-Liturgie, besonders die 
Bilder besprochen und in dem Schlußwort S. 210. 211 als Ziel dieser 
lexikalischen Untersuchungen, die sich an sich mit jeder religiösen 
Ueberzeugung und Anschauung vertrügen, welche die Inspiration der 
Schrift nicht rein wörtlich fasse, klar bezeichnet, die Geschichte der 
einzelnen Worte, Bilder und Begriffe des Paulus zu verfolgen. Frei- 
lich würden sie, wenn sie einst wirklich einen starken hellenistischen 
Einfluß ergäben, uns doch nur die gewissermaßen greifbare und sinn- 
liche Erscheinung, das owj).i ^jy-.xöv seiner Gedankenwelt, nicht das 
innerste Empfindungsleben ergeben. Aber auch jenes sei wichtig ; Wort 
und Bild übten besonders im religiösen Leben auch zurück auf den 
Redenden selbst ihre Wirkung; sie deckten sich nie voll mit Ge- 
danken und Empfindung und beeinflußten doch beide; noch mehr 
aber wirkten sie auf die Empfänger, neue Vorstellungen weckend, 
Folgerungen und Rechtfertigungen erzwingend und neue Begriffe all- 
mählich erschaffend 2 ). Ich sehe auch in dieser Weiterbildung noch 
nichts, was dem oben angegebenen Standpunkt Heinricis wider- 
spräche, wenn ich auch seine Gegenüberstellung von originaler Reli- 
gion und synkretistischer Religion schon damals nicht mitgemacht 
hätte, weil die Unklarheit dieser meist gedankenlos verwendeten 
Schlagwörter nur Schaden anrichtet; in tieferem Sinn ist alle wirk- 

1) Gemeint war nach dem Zusammenhang der Qnostizt6mus. 

2) Eine weitere Ausführung gerade dieser Fragen bot dann die Auseinander- 
setzung mit dem mir persönlich nahe stehenden Theologen A. Schweitzer in der 
Zeitschrift f. neutestamenü. Theologie XIII (1912) l ff . 



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266 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

liehe Religion original, in äußerlichem, streng gemessen, keine Reli- 
gion, es müßte denn die eines vollkommen isolierten und kulturlosen 
Volkes sein. 

Ein Konflikt entsteht in der Tat nur dadurch, daß Heinrici die 
hier dargelegte Auffassung vorher nicht zugrunde gelegt hat und 
nachher nicht festhält. Er hat vorher alle Künste der Interpretation 
und Dialektik aufgeboten, zu beweisen, daß die Sprache der Hermes- 
mystik die frühchristliche nicht beeinflußt habe, wohl aber von ihr 
beeinflußt sei, und er verwendet im Folgenden eine Methode, die in 
einer andern Richtung unserer Theologie ausgebildet ist. Man sucht, 
wenn der gleiche auffällige Terminus in zwei Religionen nachgewiesen 
ist, irgend einen Unterschied in der Auffassung und Färbung des Be- 
griffes oder Bildes nachzuweisen — das Wesen der Religion bringt 
es mit sich, daß ein solcher immer zu finden ist 1 ) — und folgert 
nun : also sind die Begriffe oder Bilder an beiden Stellen unabhängig 
von einander entstanden. Die Konsequenz ist eigentlich dann, daß 
das Zusammentreffen im sprachlichen Ausdruck oder in der Einzel- 
ausführung des Bildes rein zufällig sein muß*). So durchgeführt, hebt 
die analytische Betrachtung stets die genetische Erklärung auf. Be- 
rechtigt jede Nuance uns die völlige Unabhängigkeit der Begriffsbildung 
bei zwei Individuen anzunehmen, so gibt es keine Dogmengeschichte, 
ja im Grunde keine Geistesgeschichte mehr 3 ). In Wahrheit wird 
unser wichtigstes Kriterium der sprachliche Ausdruck und auf reli- 
giösem Gebiet besonders noch die Vorstellungsform im Bild; jedes 
Bild hat tatsächlich eine Geschichte; nach dem Grade der Anschau- 
lichkeit, nach dem Zusammenhang mit dem Kult und nach der Ver- 
bindung mit anderen Bildern läßt sie sich teilweise verfolgen. Aber 

1) Eine wirklich religiöse Persönlichkeit kann religiöse Vorstellungen gar 
nicht übernehmen, ohne sie der eigenen Individualität anzupassen, und stets maß 
eine Anknüpfung in dem eigenen Bedürfen und Empfinden vorhanden gewesen 
Bein (vgl. Hellen. Mysterienrel. S. 101). Alle Entlehnung auf diesem Gebiet ist 
immer zugleich ein Umformen. Was von dem Einzelnen gilt, trifft in verstärktem 
Maß auf Gemeinschaften oder Völker zu, in denen die Widerstandskräfte er- 
fahrungsmäßig stärker wirken. Ich habe dies Schweitzer gegenüber nachdrück- 
lich betont. 

2) Allerhand Erklärungsversuche werden dabei gemacht, ohne doch die 
Schwierigkeit zu beheben. So wenn A. Schweitzer, Geschichte der paulinischen 
Forschung S. 177 feststellen will, daß eine rein jüdische, eschatologisch bestimmte 
Gedankenentwicklung wie nach einer religionsgeschichtlich prästabilierten Harmonie 
mit der von Mysterienvorstellungen bestimmten hellenistischen Sprachentwicklung 
zusammentraf, ohne von ihr beeinflußt zu sein. Ich halte das für ein Verkennen 
des organischen Zusammenhangs von Sprache und Gedanken. 

3) Wir würden z. )>. schlechtweg jeden einigermaßen namhaften Philosophen 
als völlig unabhängig von allen Vorgängern bezeichnen müssen. 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Neue Testament 267 

immer müssen wir versuchen, zwischen der Wortwahl, der innern An- 
schauung, die sich mit ihr verbindet, und dem tiefsten religiösen 
Empfinden zu scheiden, wiewohl eins beständig von dem andern be- 
einflußt wird. 

Da Heinrici gar keinen Versuch der Scheidung macht, wird es 
gerade nach jenem überraschenden Zugeständnis, das er im Eingang 
dieses Teils macht, ihm möglich, bei seinem Leser die Vorstellung zu 
erwecken, daß sein Gegner durch jeden Versuch, ein Wort, Bild oder 
Begriff als übernommen zu erweisen, zugleich behaupte, daß damit 
das Christentum 'seiner Eigenart entfremdet 1 sei. Es scheint mir 
vollkommen unmöglich in diesem Abschnitt zu entscheiden, ob Hein- 
rici von der Wortform, dem Bilde (der Vorstellung) oder von dem 
religiösen Grundempfinden spricht, und dem Herausgeber scheint es 
ähnlich gegangen zu sein. 

Ich führe ein Beispiel dafür an, das uns aus den scheinbar un- 
fruchtbaren theoretischen Erörterungen zu der Beurteilung des Buches 
zurückführen soll. Heinrici behandelt S. 204 die Stelle I. Petr. 2, 2 
u>c Äpu7£vv7]T(x ßp&pt] xb Xoftxöy ÄSoXov ?äXa licurodTJoate und sagt: 
>Der bildliche Ausdruck... ist durch die Erinnerung an Jesu Wort 
von der Vorbildlichkeit des Kindes Matth. 18, 3 veranlaßt (k*v üvij 
<jtpaqpT)tG Xal fiiVTjo^s ä>c tä rcaiSt'a, oo u/f) siofiXdTjtG et? *tjv ßaaiXeEav 
Tüiv oupavüv). In seinen Nachträgen (S. 226) weist v. Dobschütz auf 
die von Heinrici selbst angedeutete Verbindung des Gedankens mit 
I. Petr. 1,3 hin, wo das Mysterienwort ava-revväodai begegnet 1 ). Der 
bekannte Kultbrauch, dem Neugeweihten nur Milchnahrung zu geben, 
bietet die psychologische Erklärung für das Bild des Christen, das, 
nur aus dem Herrenwort hergeleitet, mehr als frostig und erquält 
berühren müßte. Dann kann also auch die Wahl des Wortes avirrev- 
väodat nicht zufällig sein. Sowohl das Wort als auch die bildliche 
Vorstellung sind nach meiner Ansicht übernommen. Ich glaube wie 
v. Dobschütz, daß Heinrici dies hier bestreiten will, und sehe nicht, 
wie man 6eine Worte anders deuten könnte, finde aber dann wieder, 
daß er S. 209 sagt: > Somit führen auch die mit dem Sprachgebrauch 
der Mystik zusammentreffenden Ausdrücke nicht auf die gleichen 
Grundanschauungen von der Erlösung. Sie sind übernommen 2 ), 
um die Erlösungslehre des Christentums zu veranschaulichen, indem 
sie in einen neuen Zusammenhang eingefügt werden. Die Wurzeln 
derselben liegen in der Forderung Jesu . . . Matth. 18, 3. Das otpa- 
<p-j)vai umfaßt u-ewivoetv und ivaveoüodat, es fordert eine radikale Er- 

1) Er versichert freilich, daß trotzdem Heinricis Bemerkungen ihre volle 
Bedeutung behalten, denkt also noch unklarer wie Heiurici. 

2) Von mir gesperrt. 



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268 Gott gel. Ann. 1918. Nr. 7 u. 8 

neuerung, für welche das Kind in seiner radikalen Hingabe das Vor- 
bild istc Ich halte es nun zwar für erkünstelt, wenn er die ganze 
Idee der Wiedergeburt auf dies Herrenwort zurückführt, das dann 
in einer mehr als befremdlichen Weise weitergedacht und ausgemalt 
sein müßte, stimme aber gern mit ihm überein, wenn er das Grund- 
empfind en 1 ) in dem Psalmen wort > scharte in mir Gott ein reines 
Herz< wiederfindet. Das religiöse Grundempfinden zielt in dem 
Christen zweifellos auf die sittliche Erneuerung 2 ), braucht durchaus 
nicht aus dem Hellenismus übertragen zu sein und bedeutet selbst- 
verständlich keinerlei Umgestaltung des Christentums. Niemand hat, 
so viel ich weiß, das behauptet; das Gegenteil ist oft mit klarem 
Wort ausgesprochen und nur die bildliche Vorstellung und das tech- 
nische Wort als entlehnt bezeichnet worden. Nur die wunderliche 
Unklarheit, mit der Heinrici Wort, Bild und Grundempfinden durch- 
einanderwirft und sich selbst widerspricht, veranlaßt seine Polemik. 
Aber das Beispiel führt weiter. Daß die Grunderapfindung im 
Hellenismus überall die gleiche war, wird niemand behaupten; im 
Zauber z. B. hat die Vorstellung von der Geburt eines neuen und 
göttlichen Wesens in uns offenbar die Sehnsucht nach geheimem Wissen 
und göttlicher Macht zur Wurzel. Daß sie nirgends in einer ähn- 
lichen sittlichen Empfindung wurzelte, wird man ebensowenig sagen 
dürfen. Sagt doch gerade Kap. XIII des Hermetischen Corpus, daß 
der neue Mensch (oder Gott oder Logos) in uns aus Gotteskräften 
zusammengefügt wird, die im wesentlichen Tugenden sind (vgl. die 
Probe oben S. 259), während mit dem hylischen Leibe die Laster not- 
wendig verbunden sind. Bei der Besprechung dieses Abschnittes 
S. 37 fühlt Heinrici sich zu einem > Vergleich mit den gleichartigen 
Stücken im Neuen Testament< gedrängt. Er zählt sie alle auf und 
weiß nur Unterschiede zu nennen (die Unzuchtsünden werden im N.T. 
viel bestimmter erwähnt, die TrpoTi^eta fehlt ganz im Neuen Testa- 
ment usw.) ; die Vorstellung beachtet er überhaupt nicht, und gerade 
in ihr stimmt ein von ihm ganz beiläufig erwähntes neutestament- 
liches Stück auffällig mit dem heidnischen überein, Coloss. 3. Hier 
besteht der itakaibt; Svdpontoc oder t<x pikt] tä iitl T7)c; 7"*)? aus elf 
— ursprünglich wohl zwölf — Lastern, der avaxectvoü(j.evoc Ävftpcoroc 
aus sechs Tugenden 3 ). Eine seltsame Vorstellung, auf die nicht leicht 

1) Das Grundempfioden, nicht den Ausgangspunkt oder Anlaß. Das Psalm- 
wort (50,12) aus IL Korr. 5,17 zu interpolieren oder zu deuten wurde ich mich hüten. 

2) An ein bestimmtes Zitat braucht nicht zu schließen, was sich aus dem 
tiefsten Sehnen jedes Menschenherzens erklärt. 

3) Dies geht aus dem Zusammenhang notwendig hervor, vgl. Nachr. d. Gott 
Ges. d. WiBsen8ch, 1916 S. 391 ff. 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Nene Testament Ö69 

zwei Menschen ganz unabhängig von einander oder von einer gemein- 
samen Urquelle verfallen und die für den Vergleich jedenfalls wich- 
tiger ist als die Namen der Tugenden und Laster. Die Frage, wo 
sich eine ältere religiöse Begründung dieser Vorstellung finden läßt, 
muß auftauchen, und, so unvorsichtig das ist, will ich doch schon hier 
verraten, daß ich hoffe, sie auf iranischem Boden als wahrscheinlich 
erweisen zu können. Die Vermittlung hätte dann das hellenistische 
Judentum übernommen. Die Mysterienvorstellungen in ihm, beson- 
ders bei Philo, scheinen mir viel zu wenig beachtet. Für das Alter 
ihrer Verbreitung ist er meist der entscheidende Zeuge; die ur- 
christliche Literatur hat er nicht selbst beeinflußt. Er kennt die Vor- 
stellung der ffaXt-rYEVGoia oder ätvafivvTjaw und beschreibt sie ganz 
ähnlich wie Kap. XIII des Hermetischen Corpus, vgl. QuaesL in Exod. 
II 46 sursum autem vocalio prophetae secunda est natlvitas (sive re- 
generatio) priore melior : üla enim commixta per carnem etiam cor- 
rupiibües habet parentes, isla vero incommixta simplexque anima prin- 
cipalis (vel Spiritus principis) mutata a genita ad ingeniiam } cuius non 
est maier , sed pater solus, qui etiam universorum ; quam ob rem et sitr- 
sum vocatio sive, ut diximus, divina nativitas contigit ei ßeri secundum 
naturam septenarii scmper virginis l ). Jeder Gedanke, daß der Te"fct 
Philos christlich interpoliert sein könnte, wird durch die Ueberein- 
stimmungen mit der Hermetischen Schrift ausgeschlossen, und Hein- 
rici hätte sie wohl beachten dürfen ; es ist die für das Alter und den 
Ursprung der Wiedergeburtsvorstellung entscheidende Stelle. Aber 
gesetzt, die Entwicklung, die ich hier nur andeuten kann, wäre wirk- 
lich erwiesen und ich hätte meine Behauptung schon früher so er- 
weitert — die Polemik Heinricis wäre doch unberechtigt und irre- 
führend. Weder wäre damit gesagt, daß das Christentum dadurch 
>8einer Eigenart entfremdeU ist, noch könnte ein unbefangen urtei- 
lender Mensch dies als notwendige Folge betrachten. Daß es für 
meinen sittlichen Grundgedanken ein aus der Fremde stammendes Bild 
benutzt hat, das im Judentum der Zeit schon bekannt war, wäre 
allerdings gesagt, aber das erklärt auch Heinrici für eine durchaus 
unanstößige, oft nötige Annahme. Dogmatisch kommen wir beide auf 
dasselbe heraus, und ich kann mir denken, daß ein Vertreter seines 
Standpunktes, etwa v. Dobschütz, enttäuscht fragt: aber wozu dann 

1) Die Fortsetzung zeigt, daß ihm dieser innere Mensch der erste Adam ist, 
den er an andern Stellen dem Logos gleichsetzt. Daß er ihn mit dem siebenten 
Tag verbindet, hat in spätiranischer Ueberlieferong Gegenbilder. Daß das Her- 
metische Stuck auf eine Quelle zurückgeht, die eine Siebenzahl der Gotteskräfte 
annahm, ist Poimandres 231 ff. dargelegt. Diesmal bezeugt Philo nur das Alter 
der Anschauung, nicht das Alter der Schrift selbBt. 



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270 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 a. 8 

eure Mühe? In der Tat, nur um eine Kleinigkeit, nämlich um das 
religiöse Denken jener Kreise, für die das Bild noch nicht abgegriffen 
und verblaGt war, sondern eine gewisse Realität hatte, wirklich kennen 
und ein paar Kapitel des Neuen Testaments in ihrem Ursinn besser 
verstehen zu lernen. Vielleicht auch, um jene eigentümliche Rück- 
wirkung der Sprache und des Bildes auf den Redenden selbst, die 
oben flüchtig erwähnt wurde, auf dem Gebiet zu verfolgen, das uns 
allein bisher derartige Beobachtungen gestattet. 

Schlimmer als diese Unklarheit über die Grundbegriffe, die sich 
ihm je nach Bedarf verschieben, wirkt bei Heinrici der freie Wechsel 
der Grundsätze, nach denen er urteilt. In dem ersten Teil will er 
erweisen, daß die Hermetischen Schriften von der christlichen Lite- 
ratur beeinflußt sind. Er befolgt den Grundsatz, daß Worte und Be- 
griffe, die in den ersteren nur selten oder vereinzelt erscheinen wie 
$6£a oder Tttottc, TctoTsöetv von Anfang an dem Verdacht der Entleh- 
nung unterliegen ; daß sie auf verwandtem Boden, z. B. in den Zauber- 
papyri in einer sicher nicht vom Christentum beeinflußten Entwicklung 
nachgewiesen sind, erwähnt er gar nicht erst. Im zweiten Teil, in 
dem er die christliche Sprache möglichst unbeeinflußt von der My- 
steriensprache darstellen möchte, ist dieser Grundsatz ganz vergessen, 
und Matth. 18,3 genügt, um dvcerevväv im ersten Petrusbrief als ge- 
nuin-christlich zu erklären ! Im ersten Teil wird S. 37 die Stelle des 
Corpus Herrn. XIII 9 i8ixatü>$7ju.ev, <L texvov, aStxtocc &7toua7]c (vgl. 
oben S. 259) mit Paulus Rom. 6, 7 6 *(äp äjrodavwv SeSixatorat arcö 
tf)c auÄpuac verglichen und — gegen meine Ausführungen — ein 
starker Bedeutungsunterschied behauptet, dann heißt es: >Trotz des 
verschiedenen Sinnes scheint es wahrscheinlich, daß der singulare Aus- 
druck durch die Kenntnis des christlichen Sprachgebrauchs veranlaßt 
ist.< Gründe werden nicht angegeben. Im zweiten Teil und an den 
Stellen des ersten, bei denen Heinrici gern die Unabhängigkeit der 
christlichen Sprache beweisen will, genügt dazu der Hinweis auf eine 
leichte Verschiedenheit in der Auffassung! Weiter, im ersten Teil 
genügt es, wenn sich in einem langen Traktat, wie dem Kpar»)p 
(cap. IV), sieben Worte finden, die Heinrici glaubt mit christlichen 
wenigstens vergleichen zu können 1 ), um das Urteil zu begründen: 

1) S. 44 : ßairt(C«v erinnert an die christliche Taufe, ihotc&civ wirkt über- 
raschend, äÖXov entspricht dem christlichen ßpaßeiov I. Kor. 9, 24, ^ dbtd töO Ötoü 
Stupid erinnert an Joh. 4, 10, xercatppovetv 7rdvru)v tüv auafiaTtxätv und jaimTv to aiöfia 
klingen zusammen mit Luk. 14,26 und Hebr. 12,2 (Tgl. dazu oben S. 267), 4noX- 
X-Svai im Sinne Ton ewigem Verderben ist eins der geläufigsten christlichen Worte, 
endlich x/,pu£, x^puf^a, xijpuaactv mag an andern Stellen zweifelhaft bleiben, hier 
ist es aus dem christlichen Gebrauch entlehnt Ich denke, gerade hier kann es 



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Heinrici, Die Hermesmystik und das Nene Testament 271 

>Hier scheint in der Tat christlicher Sprachgebrauch eingewirkt zu 
haben.< Jm zweiten Teil wird z.B. bei Rom. 6 t l — 14, wo sich die 
Ausdrücke der Mystik und Mysteriensprache häufen, dies Argument 
abgelehnt. Der Wunsch ist hier überall der Vater der Gedanken. 

Die Art der Polemik erwähne ich ungern, zumal ich auch dabei 
in eigner Sache reden muß, und kann es doch nicht vermeiden, da 
nur hierdurch das Bild vollständig wird. Heinrici beginnt S. 175 einen 
Abschnitt: >Mit stärkstem Nachdruck hat Reitzenstein für Paulus den 
enthusiastischen Charakter seiner Verkündigung behauptet. Wie der 
Myste erhält er als Trveou/mxöc eine u.crrLX7) 4>i>p) (S. 69f.).< An der 
betreffenden Stelle handelt es sich um die Benennung einer Mysten- 
klasse >Krieger<. Für die Mithras-Mysterien ist sie bekanntlich be- 
zeugt, für ägyptische Kulte erschloß ich sie aus einem Zauberpapyrus, 
den ich, weil er unbeachtet war und wichtig schien — christliche 
Mönchserzählungen haben inzwischen bestätigt, daß er einen in Aegypten 
allgemein verbreiteten Mysterienbrauch schildert — , vollinhaltlich mit 
Erklärungen mitteilte. In ihm kommen die Worte (S. 69) vor oü Se 
u-a^tx-^v <Jrt>xty ^X* 07 öflXto&elc ji-J] <poß7]t>^<; und wurden von mir er- 
klärt >die magische Natur deiner Seele ist deine Rüstung«. Volle 
13 Seiten später war nach ganz anderen Darlegungen zurückhaltend 
die Frage aufgeworfen, ob die Selbstbezeichnung des Paulus als otpa- 
ttü)tY]c und das Bild der foXa toö (parle auf Kenntnis der Mysterien- 
sprache schließen lasse. Heinrici hält sich danach für berechtigt, mir 
die Behauptung zuzuschreiben, Paulus habe sich im Besitz einer u.<x- 
v-xfj 'V'Vi gefühlt, ohne auch nur zu (ragen, ob dies mit der sonst 
von mir verfolgten Terminologie auch nur vereinbar wäre. Es wirkt 
ja. Er fährt in seinem Referat über meine Ausführungen weiter 
fort: >Wenn er (Paulus) sich als 66ou.ioc einführt, so bedeute das eine 
innere Gebundenheit, die sich mit dem Zustande des xäto^oc ver- 
gleichen lasse, und in diesem Sinne sei dann auch SoöXcx; dsoö zu 

nicht daher stammen, weil es noch den ursprünglichen Sinn hat. Die Vorstellung 
ist ja: wie bei einer Kav^yuptc der Spielgeber, so sendet Gott den Herold, der das 
äftXov in die Mitte stellt und die Bedingungen ausruft. Da als a&Xov der vy-<$ 
üblich iBt, wird er hier gewählt; Piatos Timaeus wirkt zugleich mit ein und hier- 
durch entwickelt sich das neue Bild, da8 die Seele, um ihre wahre Natur zu er- 
halten, sich in den mit NoO; gefüllten xpar^p tauchen soll (ßanrfCwöai xoü vodc 
erklärt die jetzt durch den Berliner Papyrus gesicherte Ueberlieferung von I 32 
xal Trfi '/a'pttoc TaÜTTj; tput?fou> tou; h drvofa ; wenn daher die Neapolitaner Ex- 
zerptbandschrift (IV 8) ^ßoTTcfoavxo tu» xpotf, pt to5 vo£fi schreibt, so zeigt der 
Zusatz T(ü xpatfjpi, den sie allein bat, nicht, wie ich einst glaubte, daß sie be- 
sonders gut, sondern, daß sie schon interpoliert ist). Der Gedanke, die ganze 
Vorstellung stamme aus Paulus I. Kor. 9,24 ol h otafifip Tptyavtcc Ttdvx«; piv tp&wctv, 
■U M Xapßdvu tö ßpapetov, bedarf wohl keiner Widerlegung. 



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272 Oött. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

verstehend Heinrici widerlegt mich dann: SoöXoc deoö ist der alt- 
testamentliche Ehrenname der Erwählten Gottes; 8£au.toc nennt sich 
Paulus nur in den Gefangenschaftsbriefen. Fände es sich allein 
Ephes. 3,1. 4, 1, so könnte eine ausschließlich innere Beziehung dafür 
gelten; aber Col. 4,8 >gedenket meiner Fesselnc heiße nicht: gedenket 
meiner enthusiastischen Gebundenheit, und wenn Philem. 9 der >alte 
Paulus< sage, daß er jetzt ein Gefangener Jesu Christi sei, so 
schließe das jetzt eine allgemeine, übertragene Beziehung aus; übri- 
gens fehle xätoyoc im neuen Testament und xaT^etv streife nie my- 
stischen Sprachgebrauch. — In dem Referat ist fast jedes Wort auf 
Grund unklarster Erinnerung erfunden. Ich habe allerdings bei einer 
Besprechung der xdtoxot, ohne irgend von Paulus zu reden, aus- 
einandergesetzt, daß die xdtoxot auch 86o|UOt heißen können, habe 
aber in breitester Ausführung mit im miß verstehbaren Worten gerade 
die Ansicht Früherer, daß sie so heißen, weil sie gottbegeistert, 
oder wie Heinrici zum Zweck der Polemik sagt > innerlich gebunden < 
sind, bestritten und meinerseits behauptet, sie seien wirklich in 
einer gewissen Haft, zum Teil sogar gefesselt, und das, um ihrem 
Gotte zu dienen. Heinrici führt die anschließende neuere Literatur 
an; überall wird in ihr meine Erklärung richtig dargelegt. Wie mnß 
Heinrici sie gelesen haben ! Nach Abschluß dieser Untersuchung erklärte 
ich, wenn wir Kenntnis dieser Sprache bei Paulus annehmen könnten, 
empfinge die Stelle des Philemon-Briefes IlaöXoc ÄpsoßÜTTjc vovt Bk xai 
dicjitoc XptOToü 'Itjooü .... tva (loe Ötaxovfl £ v tot; 8 e s tt o t c 
toö e&afY 8 ^ 00 sprachliche Erklärung und ein wundervolles' Ethos. 
Der Ausdruck Ssojitoc Xptoroü Itjooü sei befremdlich; die Erklärung 
(der Kommentare), aus 8oüXo<; Xptatoö 'Itjooö sei durch Umbildung 
86o[i'.oc Xptotoö 'Itjooö geworden, sei seltsam ') und ließe zudem das 
folgende Seoitoi toö eoctfreXio!) unerklärt. Letzteren Ausdruck würde 
ich erst verstehen, wenn Paulus in seinen Gedanken die 8sou.ol toö 
eoaffsXtou den 8eou.oi einer andern Religion entgegenstellte. Klar war 
gesagt, daß der Anstoß für mich nur in der völlig unverständlichen 
und unerklärten Zufügung der Genetive liegt, die Heinrici — fortläßt. 
Im folgenden war noch ausdrücklich gesagt, daß Paulus wirklich ge- 
fangen ist und den Tod erwartet, daß der in religiöser Haft befind- 
liche xAtoxoc einen Diener braucht und dabei mehrfach vom Staxoveiv die 
Rede ist, endlich daß ich Eph. 3,1. 4,1 und U. Tim. 1,8 nicht für pau- 
linisch halte. Zur leeren Formel sei der Ausdruck herabgesunken 8 ). 

1) Daher entnimmt Heinrici die Behauptung, ich erklärte Soüfcoc 'Itjsoü Xpi- 
ötoü bei Paulus als hellenistisches Mysterienwort im Sinne von xcEtovofc 

2) Dibeljus hat in seinem Kommentar (Handbuch z. N. T.) den Sinn richtig 
aufgefaßt und die Lösung, Paulus vergleiche hier seine Haft im Dienste des 



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Heinrici, Die Hermeamystik und das Xeue Testament 273 

Ist hier fortgelassen, was der Gegner einzig betont und erklärt 
hat, so wird an anderer Stelle eingesetzt, was er nie gesagt hat, und 
dann widerlegt, so in der Polemik, die Heinrici S. 196. 197 gegen 
'Hellen. Mysterienrel.' S. 192 ff. und S. 50 richtet, der Satz >er (Paulus) 
verzichte daher auf jede menschliche Ueberlieferung<, den Heinrici 
mit einem ironischen > Wirklich?« mir ausdrücklich zueignet. In der 
Widerlegung dieses Satzes wird mir dann als übersehen vorgehalten, 
was ich z. T. breit besprochen habe, und was bei ihm aus dem Zu- 
sammenhang gerissen und entstellt erscheint (man vergleiche die Ver- 
wendung von Gal. 1,18 bei uns beiden). Schließlich wird für die 
Paulus-Stelle II. Kor. 5,16ff. ^[U?c ättö toö vüv oü5£va oi3au,sv xata 
aäpxa ' sl Sfe xal ^fvtüxajxev xa*a aäpxa Xpiardv, aXXa vöv o&xdtt 71- 
vcuaxo|iev als sichere Deutung geboten: >er sagt vielmehr, daß das 
Bekenntnis zum erhöhten Herrn entscheidend ist für die Heilsgewiß- 
heit.« Ueberall ist der Wunsch der Vater dieser Referate und dieser 
Interpretationen, Flüchtigkeit und Verschwommenheit ihre Haupt- 
eigenschaften. Das Bild ist immer dasselbe: Heinrici schreibt gegen 
oder über ein Buch, bekämpft es oder spendet ihm auch einmal An- 
erkennung, aber er hat es nie wirklich gelesen; er glaubt den Stand- 
punkt des Verfassers zu kennen, und das genügt. 

Es ist ein unvollendeter Entwurf; was der Verfasser geändert 
hätte, nicht zu erraten. Auch wenn alles geblieben wäre, so gälte 
jetzt: 6 artodavwv £s5ixaio>tat äitb dte au.aptia$. Auch mit dem Her- 
ausgeber, der ja selbst gegen dies Buch polemisiert hat, es also wohl 
kennt, rechte ich nicht darüber, daß er selbst an den angeführten 
Stellen keine berichtigende oder ergänzende Note beifügt; er glaubte 
wohl alle Verantwortung zu vermeiden, wenn er sich jeder Nach- 
prüfung und eigenen Tätigkeit enthielte und nur seine unbedingte 
Zustimmung zu dem dogmatischen Standpunkt überall ausspräche. 
Wenn er aber in der Einleitung gerade Heinricis Buch nun seiner 

Evangeliums mit der Haft der heidnischen xtftovot, als möglich, aber nicht zwin- 
gend erklärt. Ich fürchte, mit Recht. Ich stand damals unter dem Eindruck von 
Ed. Scbwartz's wundervoller Würdigung des Philemonbriefes als des einzig echten 
erhaltenen Privatbriefes von Paulus (Charakterköpfe aus der antiken Literatur ', 
Reihe II S. 136). Im intimen Privatbrief formt sich der Ausdruck ganz nach dem 
Kennen und Erleben des Empfängers und wird für uns rätselhaft; wir können 
gerade darum oft nur mögliche, nicht aber sichere Deutungen bringen. Versuchen 
freilich müssen wir auch sie Als gesichert wurde ich meine Erklärung erst be- 
trachten, wenn uns auf liellcnistisdiem Gebiet ein WofXtO« '\-4W.iuvo; oder dgl. be- 
gegnet. Sie hatte übrigens religiös gar keine Bedeutung; frömmer war sie jeden- 
falls als eine mir von anderer Seite brieflich gebotene, Paulus freue sich so sehr, 
den Namen seines geliebten Herrn anzuführen, daß er es auch einmal in einer 
unlogischen Verbindung tun könne. 

ü»u. R «l. Ah. 1918. Nr, 7 b. 8 18 



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274 Gott. gel. Adz. 1918. Nr. 7 u. 8 

Gesinnung halber als vorbildlich für das neue Unternehmen hinstellen 
möchte und diesem eine wesentlich apologetische Richtung geben zu 
wollen scheint, so habe ich den Eindruck, daß er ihm die Ziele etwas 
zu niedrig steckt. Pflichtmäßige Apologetik ist selten schöpferisch, 
und die Aufgabe, eine Art Schutztruppe gegen die bösen Religions- 
geschichtler heranzuziehen, ist schwerlich die letzte und höchste 
Aufgabe eines Forschungsinstitutes für Religionsgeschichte. Positive 
Leistung hoffen wir von ihm, gleichviel von welchem Standpunkt 
sie ausgehe. Mit jedem verträgt sich echt wissenschaftliche Arbeit, 
und zu tun ist genug. Der Herausgeber verlangt und preist in 
seinem Schlußwort die StÄxptoig, doch wohl die 8idxp;atc 7tvso|j.iTü)v. 
Mag mir dies hohe Charisma versagt sein, wenn mir nur die schlichte 
xptotc zwischen wirklicher Arbeit und |iara*.oJCov[a bleibt, die ihm 
wenigstens in diesem Fall gefehlt hat. Dem Unternehmen selbst 
wünsche ich ein besseres Gelingen bei der >zweiten Fahrt«. 

Göttingen R. Reitzenstein 



Ammiani Marcellini rerum geatarum libri qui supersunt, recensuit rhyth- 
miceque distinxit Curolua U. Clark adiuvantibus Ludovico Traube et Guilelmo 
Heraeo. Vol. II, pars I. Libri XXVI — XXXI. Berolini apud Weidmannoa 
MDCCCCXV. VIII u. 389— 600 S. 8 M. 

Den ersten Band der Ammianausgabe Clarks hatte Leo im 
173. Jahrgang dieser Anzeigen 1. Bd. 1911 S. 132/4 besprochen; mit 
II 1 liegt der Text der Ausgabe abgeschlossen vor, während der noch 
ausstehende Teil die Textgeschichte und Indices bringen soll. 

Der kritische Apparat, wie er in zwei Abschnitte geteilt der von 
Traube Mölanges Boissier (1903) 443/8 skizzierten Ueberlieferungs- 
geschichte Rechnung trägt 1 ), bucht im oberen Absatz die Lesarten 
des Fuldensis und der Bruchstücke des Hersfeldensis (S. 471/7. 479/81. 
529/35), jener beiden der Karolingerzeit angehörigen Abschriften des 
nach 850 anzusetzenden Archetypus. Nach Traubes Darlegungen ist 
dieser >als entscheidender und verhängnisvoller ixsta7paii|j.axtaj).öc< aus 
der insularen Ueberlieferung zu betrachten. Die enge Verwandtschaft 
des Hersfeldensis mit dem Fuldensis lehren die Marburger Fragmente. 
Nur der Neufund einer Abschrift der insularen Urhandschrift, nicht 
aber eine weitere, neben Hersfeldensis und Fuldensis hinzutretende 

1) Traubes mündliche Darlegung des Sachverhaltes sowohl in einem Mün- 
chener Ammian-Colloquium als auch in einer dortigen aus Dozenten, Bihliothekareu, 
Gymnasialprofessoren und Tbesiturusmitarbeitern bestehenden philologischen Ver- 
einigung ist mir eine unvergängliche Erinnerung. 



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Clark, Aramianu8 Marcellinus 275 

Kopie unseres Archetypus vermöchte der lücken- und fehlervollen 
Grundlage der Ueberlieferung aufzuhelfen. Der Schlüsselpunkt der 
von Clark an den Hss. geleisteten Arbeit liegt nun in dem Satze, daß 
die sämtlichen jüngeren Hss. aus dem Vaticanus (Fuldensis) stammen, 
sie nicht einmal aus dem erst zu Ausgang des 16. Jahrhunderts ma- 
kulierten Hersfeldensis Tradition empfangen haben. Lediglich Gelenius 
hat in seiner Basier Ausgabe 1533 den verändert durch die Gelehrten- 
arbeit der Itali ihm zugeführten Vaticanustext durch den von ihm 
entliehenen Hersfeldensis bereichert. 

Da Cl. im unteren Absatz des Apparats an den verderbten Stellen 
die Emendationsversuche der Itali zusammen mit denjenigen der 
Neueren bringt, wird eine Durcharbeitung des Textes zur Prüfung, 
ob man auch von anderen Hss. als von V bei der Kritik ausgehen 
kann. M. E. ist dies zu verneinen, obschon neuestens Gudeman Berl. 
phil. Woch. XXXVI (1916) 1337 ff. (s. auch ebd. XXX, 1910, 1385 f.) 
versucht hat, die Clarksche Auffassung zu erschüttern. Weil Kodex E 
(des Jahres 1445) in einer Reihe richtiger Lesungen mit V 8 stimmt, 
meint er, daß V nach einer vortrefflichen Hs., und zwar einem Apo- 
graphon des Hersfeldensis, durchkorrigiert worden sei, ehe E aus ihm 
abgeschrieben wurde. Aber die Guderaansche Liste solcher von EV* 
dargebotenen guten Lesarten überzeugt nicht, daß die Itali andere 
Tradition als V hatten. Z.B. kann sein erstes Beispiel XIV 11, 4 
p. 31,26 c""' ttuec taliaqup. sollicitas aus aures evcrberarent (italiaqae 
V 1 ) sehr wohl auf Konjektur beruhen. Das von ihm Woch. XXX 1386 
notierte Beispiel XXII 15, 28 terris almo V, tarres ab imo V 8 greife ich 
heraus, weil die Diskrepanz besonders erheblich zu sein scheint; es 
handelt sich aber in Wahrheit um ein Versehen Gudemans: V hat 
tenes ahm (p. 289, 15 = p. 260, 3 Eyssenhardt = p. 301,22 Gardt- 
hausen). Ein Fall wie XXI 13,16 p. 243, 9 hastas quem brenies V, 
hwitusque vibrantes V 9 ist individuell zu erklären, indem das schon 
einmal kurz vorher p. 243, 8 vorkommende vibratae die Korrektur 
erleichterte *). 

Der Grund, warum noch OL Lesarten der Itali außer deren 
guten Konjekturen bringen mußte, liegt in dem Problem, die von V 
abweichenden Varianten der Geleniana in die drei Gruppen: Itali-Le- 
sungen, Konjekturen des Gelenius und Hersfeldensistradition metho- 
disch zu scheiden. Hier zeigt sich der große Fortschritt Clarks über 
Eyssenhardt und Gardthausen. Für jenes von Kießling Fleckeisens 

I) Kürzlich hat Gardthausen Berl. phil. Woch. XXXVII (1917) 1474 io der 
Beurteilung der KV 3 Lesungen zustimmend auf Gudeman hingewiesen, ohne je- 
doch durchschUgende Kinzelstellen darzubieten. Die Clarkschen Prolegomena 
bringen hoffentluh bald die Sache abschließend ins Reine. 

13* 



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276 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

Jahrb. CHI (1871) 483 und Mommsen Hera. VI (1872) 241 (Ges. 
Sehr. VII 373) formulierte Problem unterbreitet das Material Clarks 
die Lösung. Ob freilich in Fällen ähnlicher üeberlieferungsgeschichte 
die Trennung des gesamten Apparats in zwei Staffeln technisch vor- 
bildlich zu werden hat, steht dahin. Grundsätzlich unterscheidet sich 
die Aufgabe der Ammiankritik, wenn man davon absieht, daß die vom 
Vaticanus unabhängige Nebenströmung der Ueberlieferung aus einem 
Druck zu entnehmen ist, nicht von den übrigen Fällen, wo eine offen- 
kundig interpolierte handschriftliche Rezension selbständigen Wertes 
eine lückenreichere, aber getreuere Urkunde ergänzt, mit der sie doch 
engstens verwandt ist. So hat Marx in der Celsusausgabe sämtliche 
Supplemente des interpolierten Florentinus J in Klammern gesetzt und 
unter ihnen wieder die von wahrscheinlichem Konjekturalcharakter 
(z.B. p. 386, 8. 400,14. 404,5) kursiv gegeben (s. Proleg. p. LXII 
und p. 16); so pflegen im Text der Dialoge Senecas die im Ambro- 
sianus fehlenden Zusätze der interpolierten Urkunden, auch solche, die 
fraglos aus Tradition stammen (wie de ira III 8, 8 robur aeeipiat) in 
Klammern gesetzt zu werden. Im Schlußfaszikel Clarks wird man auf 
eine zusammenfassende Erörterung gespannt sein, welche Observa- 
tionen ihm abgesehen vom Klauselgesetz geglückt sind, um unter den 
Gelenius eigentümlichen Lesungen die Konjekturen von der Hers- 
feldensisbenutzung zu sondern. Der Apparat selbst schweigt in dieser 
Hinsicht zu sehr; selbst ein Verweis auf Mommsens klassische Ver- 
teidigung der Geleniusergänzung XXVU, 3, 3 p. 423, 8 durch Heran- 
ziehung einer Inschrift fehlt (s. Ges. Sehr. VII 389 ff.). 

Clarks Zweiteilung des Apparats, so verschwenderisch sie mit dem 
Kaum umgeht, gewährt lebendige Anschauung des Vaticanus; sie ist 
eine am ganzen Objekt, nicht am Beispiel zur Darstellung gebrachte 
Textgeschichte, eine Leistung eigenartiger Bedeutung im Sinne Traubes. 
Dagegen lassen zwei andere technische Eigentümlichkeiten des Appa- 
rates sich schwerlich rechtfertigen. Das eine, was schon Leo für 
Bd. I ausgesetzt hat, ist der Verzicht auf gelegentliche Begründung 
der textkritischen Entscheidung in der jetzt gangbaren, vorbildlich 
z. B. von Piasberg (ed. Cic. parad. usw.) durchgeführten Weise. Um 
die Richtigkeit einer dem Rhythmus zuliebe erfolgten Textesänderung 
wie XXVI 5,3 p. 398,5 partiti {sunt) numeri zu beurteilen, wäre ein 
Hinweis auf das ebd. 1 p. 397, IS sich findende partiti sunt comites 
angebracht; vor allem aber fehlt eine Notiz über die Ellipse, die z.B. 
XXVIII 6, 23 p. 485, 6 zweimal begegnet: apud Sitifim caestts (est), 
reliqui . . . addicti ; ohne Angabe des Grundes wird sie auch hier das 
erste Mal von Cl. beseitigt. — Daß XXVH3, 12 p. 424, 17 conflicta- 
bant(ur) der Geleniana gegen V aufgenommen ist, überrascht. Das 



Originale 



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Clark, Ammianus Marcellinus 277 

Aktiv, das spätlateinischem Gebrauch entspricht, ist auch sonst be- 
legt (Thes. IV 236,45). Vielleicht bestimmte CL die Analogie XXVI 
6,17 p. 404, 6 mente dctestabant(ur), wo der Kursus für die Geleniana 
einzutreten scheint ; doch auch hier ist das Aktiv sonst bezeugt (Thes. 
V 809,77); und zugleich ist fraglich, ob die von W.Meyer gebilligte 
Klausel rO<-^|rvr^ri/^ mit Wortschluß nach der ersten Senkungs- 
silbe überall ausgemerzt werden darf. Die Untersuchungen Harmon's 
The Clausula in A. M. (Transactions of the Conn. Acad. of arts and 
sciences XVI, 1910, 175 f.) dürften in diesem Punkte nicht das letzte 
Wort sprechen (s. u. S. 292). — XXXI 3, 1 p. 562, 15 hat Cl. den Vor- 
schlag von Heraeus consuttudo (cog)nominavU } der dieselbe Meyersche 
Klausel zerstört, in den Text gesetzt, während man vielmehr eine 
Notiz über den spätlateinischen Gebrauch des Simplex für das Kom- 
positum erwartet. Auf diese Eigentümlichkeit der vulgären und 
späten Sprache wird auch in den Vorschlägen XXVII 6,8 p. 431,11 
in augustum (ad)sumere commililium und XXVIII 1,26 p. 453, 19 ad 
eins comitatum (ud)ditci keine Rücksicht genommen; Mommsens 
Schreibung (ad)diicebatur im Satze XXXI 4, 6 p. 565, 11 ita turbido 
instantlum studio orbts Romani pernicies ductbutttr hatte, zumal hier 
der Kursus velox das Simplex schützt, unerwähnt bleiben sollen. — 
Dankenswert wäre auch eine Bemerkung zu dem wohl wegen des 
Rhythmus XXVII 11,1 p. 443, 6 angesetzten Praesens im Satze dam 
administra\ru]t gewesen ; bei A. hat gerade das Plusquamperfekt sehr 
seine Verwendung ausgedehnt; das sogenannte > verschobene« Plus- 
quamperfekt (XXVII 12,3 p. 444,24 XXVIII 3, 6 u. ebd. 7 p. 465, 1 
u. 9 XXVIIU 5,15 p. 510,8 ebd. 20 p. 51 1,12 ebd. 34 p. 514,6, 
XXX 3, 2 p. 532,8. Vgl. Günther Philol. L, 1891, 73) ist bei ihm 
auch nach dum zu erwarten. Die Ausgabe eines Spätlateiners wie A. 
darf nichts aus dem Text entfernen, was dem klassischen Gebrauch 
zuwider als Ergebnis sprachgeschichtlicher Entwickelung begreifbar 
ist; die Kunstregel, das Klauselgesetz muß angesichts seiner von 
jedem auch für A. zugestandenen Ausnahmen und zumal wenn es sich, 
wie hier, nicht um Satzschluß, sondern um eine verschiebbare Kolon- 
grenze handelt, mit größtem Takt bei der Kritik veranschlagt werden 
(s. u.). Ueberzeugend ist Clarks neue Schreibung XXXI 8, 10 p. 577, 15 
sorle disces(serat) für sorte discessisset, wo die Herstellung des Indi- 
kativs im Irrealis der Vergangenheit einerseits einen gebräuchlicheren 
Kolonschluß erzielt und zugleich einer junglateinischen Spracheigen- 
tümlichkeit Genüge tut. — Sehr auffällig fehlt auch eine Rechtferti- 
gung der Lesung XXVIIII 5,47 p. 516, 27 f. quam plures, wo nur zu 
plures l (com)plures Kellerbauer ' angemerkt wird. Dieser erklärte 
Blätter f. d. bayer. Gymn. IX (1873) 138 quam plures für sprachlich 






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278 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

unmöglich, während auf die bislang unbeobachtete Erscheinung quam 
mit Komparativ zuerst Schmalz in einem Nachtrag zur Syntax 4 726 
aufmerksam gemacht hat. 

Der zweite Punkt, worin Clarks Einrichtung des Apparats an- 
fechtbar ist, betrifft die Orthographica. Er hat sich nicht an die Sitte 
gekehrt, Diskrepanzen der Aspiration, von tt und d, tic und e und 
ähnliche in der Praefatio zu benennende Fälle unbeachtet zu lassen, 
sondern diese ganze Masse gleichgiltiger Varianten wahllos gebucht 
(s. z.B. p. 414, 4 saepelivit. 6 aepulas. 19 niceam). Wo M neben V 
erhalten ist, bietet er auch die Orthographica der jüngeren Hss. 
(XXX 2, 10 p. 531, 2 rtttulimus : rdulimus F K Y U C QW H T N E A G), 
gleichsam als ob hierdurch die Einsicht in die Ueberlieferungsgeschichte 
gefördert würde. Diesem Verfahren ist am meisten entgegengesetzt 
die Stellungnahme Mommsens in der Cassiodorausgabe der Auetores 
antiquissimi p. CXVII 'ex apparatu nostro orthographica semovimus 
omnia; ratio enim nobis potior est quam pseudophilologorum inepta 
consuetudo 1 . Freilich wird eine mittellateinischen Studien nachgehende 
Philologie, die uns Maßstäbe geben soll, was die verschiedenen Zeiten 
an den antiken Texten getan haben, mit Recht über Mommsens Stand- 
punkt hinaus auch der Orthographie der mittelalterlichen Zeiträume 
erhöhte Aufmerksamkeit schenken; nur dadurch lassen sich endlich 
speziellere Kenntnisse für die Orthographie der Autoren selber ge- 
winnen. Für A. hat Traube a. a. 0. 446 festgestellt, daß Merkmale 
irischer oder angelsächsischer Orthographie in der Ueberlieferung fast 
ganz fehlen, und ferner, daß der insulare Schreiber sich bemüht hat, 
die überkommenen Fehler vulgärer Gewöhnung wie das Schwanken 
zwischen b und u (v) vom Texte abzustreifen. Aufgabe Clarks war 
es nun, in Tabellen das Bild der Orthographie des Fuldensis über- 
sichtlich vorzulegen und historisch-kritisch zu beurteilen, über die 
Neuerungen der karolingischen Schreibschule ebenso wie über ihre 
orthographische Paradosis Beobachtungen zu bringen. Aber 6eineWeise, 
zerstreut an den einzelnen Stellen die Orthographica anzumerken, 
verschwendet Raum, um das Ziel zu verfehlen. Die einzige Entlastung 
des Apparats, zu der er sich verstanden hat, besteht durin, daß er 
möglichst die Orthographie des Vaticanus in den Text gebracht hat 
(adtttiscens, Pafos, s. Bd. I p. V). Doch selbst hierbei war weiter- 
zugehen. Die Schreibung mit e srptus usw. ist A. zuzutrauen (Lindsay- 
Nohl 47); sie scheint übrigens die regelmäßige des Vaticanus zu sein 
(8. p. 149,14. 193,20. 413,13. 533,11. 539,3. 573,16.583,19.591,1). 
Auch Grecia war p. 565, 19 und 570, 1 aufzunehmen (b. Marx ed. Fi- 
lastr. prol. p. XXXIII), wenngleich bei diesem Wort die Ueberlieferung 
des Vat. schwankt. Wichtig wäre ferner ein Ueberblick über die 






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Clark, Ammianus Marcellinas 279 

Vertauschung von a und 0, die z. T. allerdings lediglich paläogra- 
phische Ursache hat (s. Gardthausen ed. I p. XIIII), in den lautlich 
berechtigten Fällen unter dem Einfluß von v und / angesichts von 
Schreibungen wie p. 553,16 fovore V für favore (s. auch p. 531,2 
fuisse MV für favisse), p. 417, 1 valueratY für voluerat. Was die von 
Heraeus vielfach geförderte Schreibweise der Eigennamen angeht 
(s. z.B. p. 518,1. 520,13. 543,10), so war enger an V z.B. noch 

XXVI 3, 5 p. 397, 7 das von Cl. in der ersten Silbe mit tt geschrie- 
bene Wort Attacotti anzuschließen, wo ata citti hierin richtiger als 

XXVII 8, 5 p. 436, 3 Attacotti überliefert ist. Aticotti (Atecotti) ist die 
durch die sehr alten Hieronymus-Hss. adv. Jovin. und solche der 
Briefe gebilligte, übrigens auch von Hübner Realenz. II 1902 für 
richtig erachtete Form; die Schreibung mit tt herrscht erst seit der 
Karolingerzeit (s. meine Diatribe in Sen. frg. I 402, 9). 

Ein über das Technische hinausgehender Mangel der Ausgabe ist 
das Fehlen einer Rubrik Auetores unter dem Text. Die ganze große 
Literatur über Ammians Imitatio war hier für weitere Forschung in 
knappen Anmerkungen nutzbar zu machen; zu Schlüsse des Werkes 
in einem Register verarbeitet wird sie tot bleiben. Keine der mo- 
numentalen textkritischen Ausgaben antiker Schriftsteller, zu denen 
Clarks Ammian wegen ihrer großzügigen paläographischen Leistung 
und wegen der hier von Heraeus gebotenen schöpferischen Kritik 
allerdings gehört, ist für emendatorische und quellenkritische Weiter- 
arbeit auf Grund gehöriger Ausschöpfung der Imitatio so unergiebig 
und unbequem. Das Imitatioproblem liegt bei A. so, daß die von 
Hertz und Wölfflin angeregten Sammlungen die weitgehendste Be- 
nutzung literarischen Phrasenschatzes aufgedeckt haben. Darüber 
hinaus ist aber auch die sachliche Anlehnung an die ältere Literatur, 
Cicero, Gellius und viele andere in der unbedenklichen Uebernahme 
fremden Textes festgestellt. Dementsprechend ist Unterrichtung über 
die Imitatio an der jeweiligen Stelle nötig für die Textkritik. Eine 
Reihe von Fällen, die Cl. bereits vorlagen, beweist dies. XXVII 4, 10 
p. 426, 26 merkt er für das in den Text aufgenommene repressit an 
(re)pressit Kellerbauer. Hier sind beträchtliche Satzstücke aus dem 
von ihm unerwähnt gelassenen breviarinm des Rufius Festus herüber- 
geschrieben, der c. 9 repressit als älteste urkundliche Instanz dar- 
bietet. XXVI 2, 9 p. 394, 9 non modo (in) imperio, ... verum etiam 
in privatis cottidianisqne rationibus war für die Hinzufügung von in 
Cicero anzuführen, dessen Brief ad Q. fr. I 1 Ammian aufs eifrigste 
kompiliert hat; s. 19 in his privatis nostris cottidianisque rationibus, 
in tanto imperio. Derselbe Cicerobrief hat Valesius das Wort deforme 






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230 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

im Satze XXVIIU21,2 p. 498,22 nihilque sit tarn (deforme) quam ad 
ardua imperii supercilia etiam acerbitatem naiurae adiungi an die 
Hand gegeben ; s. 37 nihil est tarn deforme quam ad summum Impe- 
rium etiam acerbitatem naiurae adiungere. XXV11I 1,34 p. 455, 5 hat 
Cl. im Satze ita homo ferus exarsit, ut machinas omnes in Aginatium 
deinde commoveret t velut serpens vulnere Qg)noti cuiusdam adtritus 
Heraeus' Schreibung (ig)noti aufgenommen ; man könnte an cotis (cautis) 
denken, da dies Wort neben der bekannteren Bedeutung >FeIs<, 
>Klippe< im jüngeren Latein auch überhaupt >Stein< bedeutet (Thes. 
111 712, 13 ff.). Aber der bei Cl. ohne Erläuterung mitgeteilte Vor- 
schlag Eießlings rotae verdient insofern den Vorzug, als er sich auf 
Annahme einer Vergilreminiszenz gründet (Aen. V 273 ff.), wie sie 
z.B. auch Heraeus XI [II 11,4 p. 31,27 zu einem Besserungsvorschlag 
ani(mi) motu miscente geführt hat (s. Aen. XII 217). Mit der Kieß- 
lingschen Heranziehung Vergils veranschaulicht bereits Hertz Opuscula 
Gelliana (1886) 149,2 die Bedeutung der Imitatio für die Textkritik. 
Auch Wirz Philol. XXXVI (1877) 635 ff. hat einige Fälle dieser Art 
zusammengetragen: die Vermutung Kellerbauers XXVI 1,5 p. 390, 19 
procul agebat wird durch Sali. hist. frg. II 32 Maur. geschützt, und 
XXVI 4, 2 p. 396, 13 beruht der von Cl. in den Text gesetzte Vor- 
schlag von Wirz diu (u)oluens auf seiner Heranziehung von Sali. Cat. 
32, 1 und Jug. 113, 1. XXX 8,5 p. 548, 24 ff. bei der Anekdote von 
Papirius Cursor und dem pränestinischen Praetor läßt sich erst durch 
Nachforschen nach Liviusimitation und Aufwerfen der Quellenfrage 
das textkritische Urteil klären. Hier bietet nämlich V p. 549, 2 Visum 
prope tricem, während Gelenius an Stelle des verderbten Wortes fru- 
ticcm, Accursius und der Renaissancekodex E radicem haben. Die 
ganze Erzählung des § 5 einschließlich der anscheinend zufällig an- 
gehängten Charakteristik des Papirius Cursor: soius ad resistcndum 
aptus Alexandro Magno, si calcasset Italiam, aesfimatus kann inhalt- 
lich restlos aus Livius 1X16,17—19 abgeleitet werden. Aber bei 
Livius steht statt fruticem : radicem (18 excide radicem haue); so 
müßte bei Festhalten an Livius als unmittelbarer Vorlage entweder 
an Paraphrase Ammians oder an irrige Konjektur des Gelenius ge- 
dacht werden. Doch wenigstens das letztere zu glauben verbietet 
das maskulinische visum des Vaticanus. Hätte Gelenius in M eine 
Lücke gefunden, so hätte er visam radicem nach Livius oder einem 
der sonstigen Zeugen der bekannten Anekdote geschrieben (s. Plin. 
nat, XVII 81 excide radicem, inquit, istam. Auct. de vir. Hl. 31,4 
p. 43, 24 Pichl. incommodam . . . raiieem excidi iussit), ebenso wie er 
XXVI1II 2, 19 p. 500, 9 Smyrna(ea mulier suholem) propriam die Lücke 
des Vat. mit dem aus Val Max. VIII 1 amb. 2 entnommenen mater- 






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Clark, Ammianus Marcellinas 281 

familias filium ausfüllte und proprium zu proprium abänderte l ). Auch 
das alsbald folgende bei Gelenius vollständige Wort p. 549, 3 (casti- 
ga)tum war nicht aus einem der Parallelzeugen von Gelenius zu ent- 
nehmen. Demnach hat der Renaissancekodex E radicem sich aus Li- 
vius oder einem der sonstigen Zeugen der Anekdote geholt. Die 
Urkundlichkeit der Geleniana dagegen steht an dieser Stelle fest. Für 
die Quellenfrage ergibt sich, daß A., dessen Beziehung zu Livius 
wegen des Zusatzes solus ad resistcndum aptus Alex. AI. usw. unleug- 
bar bleibt, doch nicht direkt aus ihm geschöpft hat. Falls nicht 
Paraphrase A.'s vorliegt, wird die Anekdote aus derselben Quelle wie 
das vorausgehende, sonst noch bei Ps. - Plutarch oucopd. ßao. xtX. 
p. 173 D überlieferte persische Beispiel stammen, dem der nämliche 
ethische Sinn innewohnt. Dieser Sinn gehört zum x6n&z de dementia 
(s. p. 548, 7 clementiae speciem), und wäre demnach die Quelle philo- 
sophisch-rhetorische Literatur. 

Solche Fälle zeigen, daß den Zielen der Clarkschen Ausgabe die 
Buchung der Imitatio so nottat wie wenig anderen Schriftstellern. 
Auch der von Mommsen (Ges. Sehr. VII 424, 1) gegen die Hertzschen 
Arbeiten erhobene Einwand, daß A.'s Nachahmung meist nur eine 
unbewußte gewesen wäre, daß nicht ein Zettelkasten, sondern die 
künstliche, vielleicht späte Erlernung der für den geborenen Griechen 
sozusagen toten Sprache die Anklänge an Cicero usw. verursacht 
hätte, ändert nichts an der Notwendigkeit bei der Textkritik die Stil- 
muster einzusehen. Hierzu kommt, daß die kurze Angabe der für 
Sprache und Stoff von der bisherigen Forschung erkannten Vorbilder 
die Ausgabe zu einer ausreichenden Grundlage für die Quellenunter- 
suchung gemacht hätte. Diese ist besonders für die enzyklopädischen 
Exkurse mit der dort aufgestapelten rhetorischen Bildung brennend. 
Zwei Auffassungen stehen sich bei der Beurteilung der Arbeitsweise 

1) lieber das von Cl., nicht aber von EysseubarUt p. 439, 12 und Gardthausen 
p. 175, 21 an jener Stelle aufgenommene mulier subolem, für das traditionelle 
Autorität anders als für jenes fruticem (so auch Eyss. p. 432, 6 und Gardth. 
p. 224,12) keinesfalls in Frage kommt, b. uoeb unten S. 287. Auch Wo 2, der 
gleichzeitige Korrektor einer Hs. des XV. Jahrb. bietet dort wie Gelenius filium 
proprium, von dem aber nach Cl.'s Stemma Bd. I p. V die Geleniana nicht ab- 
hängt. Hier hat also, wenn Wm 2 richtig datiert ist, jeder der beiden Zeugen 
auf eigene Hand Valerius Maxiraus, bezw. Gellius, der unter Zitierung des Valc- 
rius Maximus jene Anekdote gleichfalls bietet (XII 7), benutzt. Daß Gelenius den 
Val. Max., nicht den Gellius anging, beweist seine Ergänzung mater familias \ Val. 
Max. hat mater familiär . . . filium, Gellius mulier . . . filium. Auch noch eine 
weitere Ergänzung, die kurz nachher folgt, sichert die Beziehung des Gelenius 
gerade zu Valerius Maximus (ab eis occisum comperisset G, ab his . . . occisum 
tonperisset Val. Max.). 






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282 Gott. gel. An*. 1918. Nr. 7 u. 8 

Ammians gegenüber. An den geographischen Exkursen hat Gardt- 
hausen (Fleckeisens Jahrb. Suppl. VI, 1872/3, 509 ff.) die Ansicht ent- 
wickelt, daß ein Handbuch ausgeschrieben sei, und aus den philoso- 
phischen v. Scala (Festgaben zu Ehren Büdingens, 1898, 119 ff.) eine 
doxographische, posidonianisch gefärbte Quelle herauszuschälen ge- 
sucht. Gardthausen gegenüber hat Moramsen (Ges. Sehr. VII 393 ff.) 
die individuelle Leistung Ammians mit Recht höher eingeschätzt und 
für die geographischen Abschnitte gezeigt, daß das vermeintliche 
Handbuch der eigene, in seiner Art kunstvoll aus einer Reihe von 
Quellen zusammengetragene Entwurf Ammians ist. Je mehr nun aber 
die Quellenforschung auf das Suchen nach einzelnen Autorenstellen 
hinauskommt, desto notwendiger ist für die Ausgabe die Rubrik Imi- 
tatio des Editors. Der Nachweis der zuerst einmal zu fassenden la- 
teinischen Vorbilder entscheidet freilich über die Quelle insofern nicht 
endgiltig, als die sachliche Ausschöpfung griechischer Literatur mit 
der formalen Phrasenbenutzung römischer Klassiker Hand in Hand 
gehen kann (Scala a.a.O. 138 u. 142). Aber fraglos sind bedeut- 
same Stücke aus verlorenen Schriften Ciceros und anderer in den Text 
Ammians eingesprengt. Cicero ist namentlich zitiert, sowohl da, wo 
erhaltene, wie da, wo verlorene Werke ausgeschrieben sind; die ohne 
Namennennung vollzogene Benutzung der erhaltenen Schriften ist zu- 
sammengebracht bei Michael De Amm. Marc, studiis Ciceronianis 
(Bresl. Diss. 1874). Andere Quellen, wie der stark ausgeschriebene 
Gellius, Livius, Valerius Maximus, Solin werden nirgends namentlich 
genannt. Ueberhaupt zitiert A. die von ihm kompilierten römischen 
Schriftsteller der Kaiserzeit grundsätzlich nicht (s. das Gesamtver- 
zeichnis der zitierten Namen bei Michael a. a. 0. 1 f.). So bot sich hier 
Cl. ein reiches Feld zu Beobachtungen. Einiges über die vielfach 
auch früheren nicht entgangene Benutzung des Philosophen Seneca 
stelle ich hier zusammen. 

Für die Textkritik kommt die Imitatio von de benef. 11,10 adeoque 
adversus experimenta pertinaces sumus, ut bclla vidi et naufragi maria 
repetamus XXV 4,27 p. 371,22 in Betracht, wo V verderbt bietet 
adeo experimenta quosdam teuere (so) inprovidos, ut bella interdum 
viel (so) et naufragi repetant maria, CL mehrere Besserungsvorschläge 
angemerkt hat, ohne auf den zuerst von Valesius herangezogenen 
Seneca hinzuweisen. Der paradox zugespitzte Begriff XXVIII 4,25 p. 
473,1 debitorem voluntarium stammt offenbar aus demselben Werk 
Senecas V 19,6 volo ine offerre tibi debitorem voluntarium. Dagegen 
tritt XXXI 4,10 p. 566,13 apud sui periculi iudices das Vorbild Sen. 
de benef. II 26,2 nemo non benignus est sui iudex vor dem näher- 
stehenden Cicero Deiot. 4 nemo enim fere est gui sui pericxdi iudex 






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Clark, Ammianus Marcellinus 283 

usw. zurück. Die Benutzung der nat. quaest. im Exkurs über den 
Nil XXII 15,3 ff. p. 284 ff. ist von Gercke Seneca-Studien (Fleckeis. 
Jahrb. Suppl. XXII 1895) 99 ff. in einer vortrefflichen, auch von Rabe- 
nald Quaestionum Solinianarum capita tria (Haller Diss. 1909) 43 an- 
erkannten Ausführung nachgewiesen. Freilich ist die Erudition dieses 
Exkurses, für deren Wertung außer Scala a.a.O. 138 ff. neuerdings 
Schmekel Isidorus von Sevilla (1914) 141 ff. einzusehen ist, doch nicht 
bis auf den letzten Rest aufgehellt. Schwierigkeit bereitet, daß Se- 
neca der Hauptzeuge des Volkes ist, das wegen des Getöses des Nil- 
falles seinen Wohnsitz verlegt hat (nat. quaest. IV a 2,5 obtusis assiduo 
fragore auribus et ob hoc sedibus ad quietiora translatis. epist. 56,3) 
— , daß gerade hier wörtliche Uebereinstimmung mit A. stattfindet 
(XXII 15,9 p. 285,20 ttsu aurium fragore adsiduo deminuto necessitas 
vertere solum ad quietiora coegit), und dennoch A. eine aus seinen 
sonstigen Quellen auch nicht ableitbare Kunde von dem Namen jenes 
Volkes (Ati) besitzt. Darum will Gercke ed. p. 147 in Rücksicht 
auf Seneca den Ammiantext ändern, während Klotz Berl. phil. Wochen- 
schrift XXX (1910) 361,3, wenn ich ihn recht verstehe, meint, daß 
Seneca in dem verlorenen Teil seines Buches noch einmal auf die 
Sache zurückgekommen sei. Gleichwohl ist im ganzen Exkurs die 
direkte Benutzung Senecas wegen der wörtlichen Uebereinstimmungen 
unbestreitbar ; s. noch Amm. 7 p. 285,5 imbres enim apud Aethiopas 
aut nwnquam aut per intervalla temporum longa cadere memorantur. 
Sen. IVa 2,1 in ea parte, quae in Aetkiopiam vergit, aut nuUi imbres 
sunt aut rari (III 6.2). Amm. 7 p. 285,10 vi rererberante ventorum. 
Sen. IVa 2,22 reverberatus. Amm. 20 p. 288,1 audax tarnen crocodilus 
monstrum fugacibus; ubi audacem senserit^ timidissimum. Sen. 14 
fugax animal audaci, audacissmium timido. Auch im Exkurs über 
den Blitzschlag XXIII 5,13 f. p. 307,1 ff. ist Ammians Kompilation der 
nat. quaest. auf den ersten Blick erkenntlich; außer den von Gercke 
Sen.-St. 100 f. angemerkten Parallelen entscheidet die Beobachtung 
Scala's a. a. 0. 1 29 : der Satz 14 p. 307,8 sed esse acrioris Spiritus cursum 
ex aeihere uliqua vi ad inferiora detrusum ist aus Sen. II 18 acri- 
oris . . . Spiritus cursus und ebd. 19 ex aetherc aliqua vis in inferiora 
descendat zusammengesetzt. Mehr die Sache als den Ausdruck be- 
treffen die Berührungen in den Exkursen über die Kometen XXV 
10,3 p. 384,22 (Sen.nat. VII 4,3. 11,2. 12,1. 25,3) und die Parhelia XX 
3,6 p. 187,11 (tamquam e speculo. Sen. vat.l 11,3 in modum special). 
Sicherlich erinnert auch der lange Exkurs über die Natur des Erd- 
bebens XVII 7,9 ff. p. 118,3 ff., den A. mit einer Gelliusstelle (II 28,1 ff.) 
einleitet, vielfach an Seneca: s. zu Amm. 11 Sen. nat. VI 9,1; zu 
Amm. 12 Sen. VI 10,1 u. 23,4. Für die Kritik ist hier Amm. 12 p. 






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284 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

118,16 wichtig, wo bei ihm Ennosigaeon et Sisidhona hergestellt wird, 
während bei Seneca VI 23,4 p. 223,8 Gercke die Herstellung zwischen 
'Evooty^ova und £«afx&ova schwankt. Eindeutige Uebereinstiramungen 
des Wortlautes fehlen freilich in diesem Exkurs. Z. B. kann der ge- 
meinsame Gebrauch des Wortes mugitus (Amm. 14 p. 119,7 taurinis 
rehoare mugitibus. Sen. VI 13,5 p. 210,9 solet mugitus audirx) mit 
Scala a.a.O. 138 im Hinblick auf Aristoteles jutetöp. II 8 p. 368a 
25 u.oxäodat t7]v fijv (Ilepl xÖ9{iOQ 4 p. 396 a 11) erklärt scheinen. 
Hertz Opusc. Gell. 172,2 hat angesichts des Sachverhaltes, daß die 
inhaltliche Uebereinstimmung mit Senecas nat. quaest. vorhanden ist, 
die wörtlichen Anklänge dagegen znrücktreten, vermutet, A. habe aus 
der verlorenen Jugendschrift Senecas de motu terrarum geschöpft. 

Im AnschluG hieran möchte ich dem verlorenen Teil von Senecas 
Werk de dementia einige Ammianstellen zuweisen, bei denen es sich 
um ziemlich wörtliche Zitate handelt. Die erste ist XXVIIII 1,22 p. 
491,16 unde animadversum est, rede hoc definitxm, nullam esse 
crudeliorem sent entiam ca, quae est, cum parcere videtur, 
asperior. Die Bekanntschaft Ammians mit dem Werk de demen- 
tia, dessen Lektüre noch der späte Merobaudes pflegte (s. Rh. Mus. 
LX, 1905, 317), und das vielleicht sogar von dem griechisch- 
schreibenden Zeit- und Kulturgenossen Ammians Themistios eingesehen 
worden ist (s. Arth. Elias De notione vocis dementia apud philo- 
sophos veteres et de fontibus Senecae librorum de dementia, Königsb 
Diss. 1912, 52. W. Pohlschmidt Quaestiones Themistianae, Münsterer 
Diss. 1908, 80 ff.), ist bei dem für die despotische Zeit aktuellen 
Stoff an sich wahrscheinlich. Aus dem mit de dem. in der Ueber- 
lieferung verbundenen Werk de beneficiis wurde oben eine Aramian- 
stelle (XXV 4,27) ausgehoben. Eine Wendung aus dem erhaltenen 
Anfang von de dem. hat Valesius zu Amm. XXVIHI 2,10 p. 498,9 
cui nihil licere debuerat, quia omnia sibi Heere etiam iniusta existi- 
mabat herangezogen, wo drei Senecastellen im ganzen zu vergleichen 
sind: de dem. I 8,2 quam multa tibi non licent, quae nobis beneficio 
tuo licent. de ira III 12,7 nihil tibi Hceat, dum irasceris; quare? 
quia vis omnia Heere, ad Polyb. (dial. XI) 7,2 Caesari quoque ipsi, 
cui omnia licent, propter hoc ipsum multa non licent. Hält man mit 
diesen Senecastellen Ammians Ciceroimitatio in einem verwandten Ge- 
danken zusammen XXVI 10,12 p. 417,6 sententiae illius Ttdlianae 
(frg. ine. J 10 p. 407 Mueller) ignarus, docenfis infclices esse eos qui 
omnia sibi Heere existiwarunt. so erhellt umso besser, daG jene zuge- 
spitzte Verwendung des doppelt gesetzten Heere auf Seneca zurückgeht. 

Die p. 491,17 einführende Phrase rede hoc definitum sagt nicht 






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Clark, AramiamiB Marcellinus 285 

etwa, daß A. sich auf Gemeingut der Rhetorenschule bezieht, sondern 
zielt auf eine spezielle Autorität, wie das bei ihm gewöhnlichere sa- 
pientes definiunt es tut Es handelt sich hier um jenes Zitieren der 
Einzelperson im anonymen Plural oder mit unbestimmtem Subjekt, 
dessen Vorkommen und Geschichte Diels Sitzungsber. d. Akad. zu 
Berlin 1910, 1144 ff. skizziert hat. Stemplinger Das Plagiat in der 
gr. Literatur (1912) 177 ff. hat diese Dielssche Ausführung nicht be- 
rücksichtigt; seine Beispiele vermehren Stählin B. ph. Woch. XXXVI 
(1916) 585 u. Rossbach ebd. XXXVII (1917) 1585. A.'s sapkntes defi- 
niunt führt eine Cicerokompilation ein XXVI 2,9 p. 394, 8 ut mim 
sapientes definiunt non modo in imperio t ubi pericula maxima sunt et 
creberrima, verum etiam in privaiis cottidianisque rationibus, afienum 
ad amiciliam, cum iudicaverit quisquam prudens, adiunyere sibi drbebit, 
non cum adiunxerit, iudicare. Hier sind ad. Q. fr. I 1,19 und Lael. 
22,85 zusammengeschmolzen. — XXV 4, 1 p. 366, 23 cum enint sint, 
ut sapientes definiunt, virtutes quattuor praecipuae usw. schweben 
gleichfalls zwei Cicerostellen, de off. I 5, 15 und de imp, Cn. P. 10,24 
vor (Michael a.a.O. 12); schwerlich richtig hat Scala a.a.O. 148 an 
eine griechische Quelle gedacht. Auch eine Senecakompilation aus 
der erhaltenen Schrift de ira wird mit jener Phrase eingeführt: 
XXVII 7,4 p. 433, 21 hanc (iram) enim ulcus esse animi diuturnum 
interdumquc pcrpetuum prudentcs definiunt, nnsci ex mentis 
mollitia consuetum, id adserentes argumento probabili, quod iracttn- 
diores sunt incolumibus languidi et feminae maribus et iuvenibus senes 
et felicibus aerumnosi. Vgl. de ira I 13,5 irucundissimi infantes se- 
nesque et aegri sunt et invalidum omne natura qucrulum est. 20, & 
mihi videtur veternosi et infeliris animi . . . saepe indolescere, ut exul- 
cerata et aegra corpora, quae ad tactus levissimos gemunt. ita ira tnu~ 
liebre ntaxime ac puerile Vitium est. III 9, 4 iracuntliores sunt vale- 
tudine aut aeiate fessi. Ebd. 5 ut ulcera ad levem (actum . . . con- 
dolescunt usw. Uebrigens wird das Verbum äffiirire wie bei diesen 
anonymen Zitaten, so auch bei Einführung von Apophthegmata mit 
Autornamen von A. gebraucht; 8. XVI 5, 2 p. 75, 17 id enint etiam 
Tusculonus Cato prudenier definiens . . . l magna\ iitquit, l cura cibi r 
magna virtutis incuria 1 (Cato dict. 78) und XV 12,4 p. 68, 22 quam 
(ebrietatem) furoris voluntariam speciem esse Catoniana sententia dc- 
finivit (ebd. 79). Sokrates ist gemeint bei der Sentenz XXII 14, 5 
p. 283, 2 qui (princeps) ut prudens definivit (prudmtes definiunt 
Madvig), inimicorum minuere numerum, augereque amicorum sponte 
sua contendit ac libens; vgl. Themistius or. 7 p. 95a (113 Dindorf) 
Ixoxp&njc . ■ . tooc 5ä fy^P°^C ^7] xaxwc rcotstv, äXXa cpiXooc (J.6tcqpÄ- 
ftoV usw. 






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286 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

Daß die Definition nullam esse crudeliorem senientiam ea, quae 
estj cum parcere vidctur, asperior doch nicht irgendwo in erhaltener 
älterer Literatur steht, dafür bürgt einigermaßen, daß asper bei sen- 
tentia im Thes. II 811,27 u. 52 nur bei Livius und A., crudelis bei 
demselben Substantiv ebd. IV 1227,61 nur noch in der Vulgata ge- 
bucht ist. Die äußere Bezeugung, daß die Sentenz aus dem töjtoc 
de dementia geschöpft ist, gibt A. eingangs seiner Reflexion ebd. 
21 p. 491,10 inde factum est ut clementiae specie usw. Die Be- 
griffe crudelis und asper stehen in gewöhnlichem sprachlichen Gegen- 
satz zu dementia (Quint. inst. IX 2,90 ius asperius petitur . . ., fit 
tarnen spes . . . clementiae). Cicero freilich stellt in dem Brief, der 
zur Lieblingslektüre Ammians gehört, ad Q. fr. I 1 acerbus statt 
asper neben crudelis in Gegensatz zu dementia: § 25 toto denique 
imperio nihil acerbum esse t nihil crudelc atque omnia plena clementiae. 
Auch zwei der von A. übernommenen Stellen dieses Briefes ver- 
wenden acerbitas, wo asperitas möglich wäre 1 ): XXVIII 1,40 p. 456,16 
(Cic. § 39) legitur apud Tullium: l nam si implacabiles iracundiae 
sunt, summa est acerbitas] sin autem exorabiles } summa levitas: quae 
tarnen, ut in malis, acerbitati anteponenda esV. XXVIIII 2, 12 p. 498, 23 
(Cic. § 37) acerbitatem naturae (XXX 8, 2 p. 548,7). A. gebraucht 
übrigens, auch wo an Imitatio nicht zu denken ist, asper und asperitas 
sehr häufig (XIIII 1,1 p. 1,7. 5,4 p. 10,20. XXV 4, 9 p. 368, 16 
poenarum asperitatem. XXVIIII 3, 2 p. 502, 21 per asperos actus. 5, 23 
p. 512, 1. XXX 5, 3 p. 540, 20). Cicero aber verwendet asper weniger; 
bei Affekten mit Vorliebe nur vom Schmerz (Thes. II812,9ff. 822, 
64 ff.); von aktiven Seelenzuständen wird es erst im silbernen Latein 
häufiger: vgl. Cic. ad Q.fr.l 1,21 severitas accrba. Val. Max. 5,9pr, 
asperam severitatem. Cic. Phil. XII 21 acerbissimum . . . odium. Verg. 
Aen. II 96 odia aspera. Sen. contr. IV pr. 3 asperum et nimis iratum 
ingenio suo iudidum. Sen. de ira 1131,4 etiam in bonis moribus 
aliquid exsistet asperius. Prägnanten Sinn erhält Ammians abstrakte 
Definition einer anscheinend schonenden sententia crudelis als asperior 
erat im Hinblick auf Senecas Definition der crudelitas de dem. II 4, 3 
possumus ... ita finire, ut sit crudelitas inclinatio animi ad 
asperior a. Auch die sonstigen Wörter der A.-Stelle kehren im 
Werk Senecas wieder: 15,4 grauiori sententiae. 11,2 dementia m non 



1) Zum synonymen Gebrauch von asper (asperitas) mit acerbus (acerbitas) 
vgl. Cic. Vat, 8 aspera mea natura, ad Q. fr.l 1,37 acerbitatem naturae. Tüll. 8 
iudicia . . . asperiora. Hab. perd. 36 (Plane. 42) iudicium acerbum. — Nebenbei 
bemerke ich, daß Michael a. a. 0. 17 in A. XXIUI 6, 12 p. 349, 11 asperitatibus 
. . . rerum Imitation von Cic. de orat. I 1,3 asperitatibus rerum sieht. 






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Clark, Amniianua Marcellinus 287 

voco lassam crudelitutem. 13,4 aspero remedio. 17,1 nulli magis 
parcendum. 18, 1 parcere. 

Noch an anderen Stellen hat A. über die dementia reflektiert; 
keineswegs aber kommt überall Seneca allein in Frage. XXVIUI 5, 24 
p. 512,7 ugebat autem haec t Tullianum iilud adver Uns, quod K salutaris 
rigor vincit inanem speriem clementiae 1 ist ihm der Brief Ciceros ad 
Brut.IX. 8 (I 2a) 2 p. 111,15 Sjögren zur Hand: vehementer a te. 
Brüte, dissentio iifC clementiae tuae concedo, sed snlutaris severitas 
vincit inanem specirm clementiae. Es gewinnt den Anschein, daß A., 
immer bereit die Taten und den Charakter der Herrscher moralisie- 
rend zu besprechen, gleichsam ein Florileg klassischer Stellen über 
die in Betracht kommenden Eigenschaften zur Hand hat. Nur sind 
die Stellen der auch sonst von ihm benutzten Literatur entnommen, 
und ist deshalb entsprechend Mommsens an den Geographica gewon- 
nener Vorstellung von der Arbeisweise Ammians die Sammlung als 
seine eigene Vorarbeit anzusehen. Senecatext aus dem verlorenen 
Teil von de clementm scheint mir noch XXV IUI 2, 18 vorzuliegen, wo 
freilich auch wieder der, wie bemerkt, vielbenutzte Cicerobrief ad Q. 
fr. 1 1 imitiert ist, und außerdem § 19 die bei Valerius Maxiraus VIII 1 
amb. 2 und nach diesem von Gellius XII 7 erzählte Geschichte von 
der mulier Smyrnwa anschließt. Der ganze Abschnitt p. 499, 22 — 
500, 17 ist ein wichtiges Beispiel für Ammians Ausschreiben älterer 
Lateiner. 

Was die Anekdote des § 19 angeht, so entscheidet sich Hertz 
Opusc. Gell. 174 für Gellius als Vorlage, obwohl Unterschiede bleiben 
(8. ebd. Anm. 1); irreführt Clark >(mulirr subolem) Her. (cf. Gell. 
12,7,1)«, da Gellius zwar mntier an Stelle von mater familiae des 
Valerius Maximus und Gelenius, aber gerade nicht subolem, sondern 
filium gibt, subo/eiH die durch das folgende proprium des Vaticanus 
veranlaßte, vielleicht richtige Konjektur des Accuisius ist (s. oben 
S. — Anm. 1). Immerhin lassen sich die Unterschiede zwischen A. 
und Gellius als Paraphrase deuten. Sicher ist die Entlehnung am 
Anfang des § 18 » praeefam informativ ductrinarum, . . ., quae vel 
vitiosus naturas saepe *xcoluistt aus Cic. ad Q. fr. I 1, 7 ea autem ad- 
hib'ta doctrina est, quae vel vitio^'ss/umm anturam exeohre (A*C vulg. 
C. F. W. Mueller; ac-olere M b d m Rom.; attollere s I I Sjögren 
p. 5, 24) possit. Darnach bleibt zu erledigen die Quellenbestimmung 
des folgenden Abschnittes: ... U*U almd esse Imperium, ut sapi- 
entes il efiniutit , i/isi cura-u salntis nl/enae, bunique esse modera- 
toris restringere potestutem, resi^/en- C'iphiitnti omnium rerum et in- 
placafrililius tracumOts, nossvqi , ut Cm'*<tr dktalor aiebat, miserum 
esse \nstrnmentuin srnrctuti rejnrd'tlhntm ir<idelitatis, ideoque de vita 






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288 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

et spiritu hominis, qui pars mundi est et aniwantium numerum com- 
plet, laturum sentcntiam diu multumque cunctari oportere. 

Auch in diesem Teil wird noch Ciceroimitation angetroffen; tro- 
placabiles iracundiae ist die bereits oben XXVIII 1,40 p. 456, 16 im 
Zitat ad Q. fr. I 1,39 vorkommende Phrase. Die Sentenz nihil aliud 
esse Imperium nisi curam salutis alienae, die A. selber nicht geprägt 
zu haben gesteht, deren Autor darum festzustellen besonders inter- 
essiert, entspricht inhaltlich der Lehre Ciceros, wie er sie gleichfalls 
im Brief ad Q. fr. 24 huc omnia esse referenda iiSj qui praesunl aliis, 
ut ii, qui erunt in cor um imperio, sint quam beatissimi und an an- 
deren Stellen wie de off. I 85 ausgesprochen hat. Zur Wendung im- 
perium . . . curam salutis alienae ist XIIII 10, 12 p. 30,2 imperator . . , 
alienae custos salutis zu vergleichen, wo Michael a. a. 0. 27 wiederum 
Ciceroimitation erkennen will {Plane. 2 Sest. 144 ad AU. IV 1,1). 
Aber mag auch die Verbindung curam salutis gut zu Cicero passen 
(im Thes. IV 1453,25 ist sie aus ihm, epist. VI 13,2, Livius, Tacitus, 
Apuleius, lustin und mit dieser Ammianstelle belegt), so steht sie 
doch nicht schlechter Seneca an; 8. de dem. 117,2 agat prineeps 
curam . . . salutis. ebd. 3, 3 cuius (prineipis) curam exeubare pro Sa- 
lute singulorum atque universorum. ebd. 13,1. 26,5. Hinzu kommt, 
daß das Paradoxe der Definition des imperium als cura salutis alienae 
besonders an Seneca de dementia erinnert, wo auch die apophtheg- 
matische Bestimmung des imperium als nobilis servitus (hdo£o<; SouXsta) 
erscheint (I 8, 1), überhaupt Seneca sich nicht genug tun kann, die 
Herrschergewalt in mannigfacher Zuspitzung als Pflicht auszudeuten: 
I 4, 3 prineipes regesque et quocumque alio nomine sunt tutores Status 
publid. 18, 1 quorum . . . tibi non servitus tradita sit, sed tutela. 19,8 
non rem publicum suam esse, sed se rei publicae. Jedenfalls kommt 
ein griechischer Autor für das sapientes dtfiniunt hier nicht in Be- 
tracht, während an anderen Stellen, an denen A. ähnlich über das 
imperium redet, dies eher der Fall ist. Für das dem sterbenden 
Iulian XXV 3, 18 p. 365, 16 in den Mund gelegte Wort reputans autem 
iusti esse finem imperii oboedientium commodum et saluiem kann Iam- 
blich Ix -rijc £*wtoXf)c tfjc rcpö? AooxöXtov (Stob. IV 5, 74 p. 222, 11 
Hense) toötö kaxi t£Xoc Äp^ovtoc oatoofiatoo tooe Äp^ojj.4vouc äoisiv si- 
$a£t*.ova<; verglichen werden; die Beziehungen Iulians selber zu Iam- 
blich sind bekannt. Auch XXX 8, 14 p. 551, 12 finis enim iusti im- 
perii, ut sapientes docent, utilitas oboedientium aestimatur et 
salus kehrt derselbe Gedanke wieder, zu dem die griechischen Pa- 
rallelen reichlich fließen, die G. Barner Comparantur inter se graeci 
de regentium hominum virtutibus auetores (Marburger D isser t. 1889) 
und Olivieri's Ausgabe Philodems Ihpl toö xad* "Ojujpov a-radoö ßa- 






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Clark, Ammianus Marcellinus 289 

atXfoc (1909) darbieten (s. auch Lippert De epistula pseudaristotelica 
mpt ßaoiXetac commentatio, Haller Dissert. 1891, 15. 20. 29). 

Daß außer Gellius und dem uns erhaltenen Cicero noch eine 
vortreffliche lateinische Quelle A. vorlag, zeigt am sichersten das 
Caesar-Apophthegma : ut Caesar dictator aiebat, miserum esse instru- 
mentum senectuti recordationem crudelitatis. In der Sammlung der 
Caesarfragmente hat Kubier p. 149 zu der Notiz Suetons {lul. 56, 7) 
über die von Augustus zur Veröffentlichung nicht geeignet befundenen 
Dicta colleclanea seines Vaters und zu Ciceros (epist. IX 16,4) Nach- 
richt von Caesars Sammlung fremder Apophthegmata diesen eigenen 
Ausspruch Caesars nicht erwähnt. Zufällig fehlt in den A.-Indices 
der Name Caesars für diese Stelle, sowohl im Index rerum Gardt- 
Jiausens und Eyssenhardts wie im Index historicus Wagner-Erfurdts. 
So wird seit Fabricius Bibl. lat. I p. 275 keine Notiz von dem 
Apophthegma genommen, das in dieser Form den Apophthegmen- 
sammlungen der Augusteischen Zeit zugesprochen werden darf. 
Der Gedanke bewegt sich in dem gewöhnlichen Schulthema der 
hellenistischen Ethik t( äpwtov ffa 10 « fcpöStov (Musonius p. 88 Hense), 
wofür Valesius zur A.-Stelle, aber auch Wyttenbach zu Plutarchs 
Moralia p. 8 c (p. 116 ed. Oxon.) zu vergleichen ist instrumentum wie 
£'f 68tov (viaticum) absolut gesetzt kann dem klassischen Latein ange- 
sichts Cic. ad Att. XII 32, 3 quid viatici, quid instrumenti satis Sit 
nicht abgesprochen werden. Die Möglichkeit, daß das Apophthegma 
aus Ciceros verlorener Schriftstellerei stammt, ist vorhanden, da schon 
für diesen Caesars cletnentia ein beliebtes Thema war: s. ad Att. IX 16,1 
cum eiits clementiam Corfiniensem illam per litt er an collaudavissem* 
ebd. VIII 9,4 epist. XV 15,2 pro Lig.6 o clementiam admirabilem at- 
que omnium laude, pracdicatione, litteris monumentisque decorandam. 
Andrerseits fehlt in dem erhaltenen Teil Senecas de dementia jegliche 
Erwähnung Caesars; und doch ist sicher, daß in diesem Werk von 
ihm die Rede war, vielleicht im 3. Buch, in dem die Beispiele, die 
schon im erhaltenen Teil zahlreich sind, nach Erschöpfung der theore- 
tischen Erörterung noch mehr sich drängen mußten, wie im Werk de 
ira das 3. Buch die reichhaltigste Beispielschau darbietet. Ganz ab- 
gesehen von A. hat Seneca in seiner Empfehlung der dementia an 
.Nero diesem das Vorbild seines großen Ahnen fraglos vorgeführt, 
dessen Gnade er auch anderwärts feiert: de ira II 23,4 C. Caesar 
ille, qui victoria civili clementissime usus est. III 30, 4 de benef. III 24. 
Der von Cicero pro Deiot. 34 gepriesene Grundsatz 'Caesars : solus, 
inquam, es, C. Caesar, cuius in victoria ceciderit nemo nisi armatus 
begegnet als Apophthegma Sen. de benef. V 16, 5 temperavit . . . ius 
crudelitatemque victoriae; quod dicere solebat, praestUU: neminem occi~ 

G4U. f«L Au. 1918. Nr. 7 u. 8 19 



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290 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

dit nisi armatum. Der Gedanke, daü die Erinnerung an früher© 
Härte eine schlechte Wegzehrung für das Alter sei, liegt auch Se- 
necas Aeußerung über Augustus zu Grunde de dem. I 11,1 inadulescen- 
tia caluit, . . ., multa fecit, ad quae invitus oculos retorqucbat. 

Die dem Caesarapophthegma bei A. vorausgehenden und folgenden 
Worte erinnern an Sen. de dem. sehr auffällig. Zu p. 500, 2 restrin- 
gere potestatem } resistere cuviditati otnnium rerutn vgl. I 5,4 potestate 
sua in melius placidiusqut uti. 11,2 non cupiditate aliqua . . . cor- 
ruptuvi... hebetare aciem imperii sui. 14,2. 20,2 II 1,4 expulsa 
alieni cupidine. Tax p. 500, 5 ideoque de vita et spiritu hominis, qui 
pars munäi est et animantium numerum complet, laturum sententiam 
diu multumque cunctari oportere hat schon Scala a. a. 0. 149 Sen. ad 
Belv. (dial. XII) 8,4 animus ... pars eins (mundi) und epist. 66,12 
ratio autem nihil aliud est quam in corpus humanuni pars divini Spi- 
ritus mersa herangezogen ; ich füge hinzu die wörtliche Uebereinstim- 
mung de dem. I 14, 3 in abscidendo (membro) gemat cunctatus multum 
diuqae (II 2, 3). 

Verpflichten die anonymen Zitate Ammians entsprechend seiner 
Arbeitsweise zur Untersuchung ihres Ursprungs, so kann doch das 
Problem da, wo die erhaltene Literatur versagt, nur soweit gefördert 
werden, als die zunächst in Betracht kommende Schrift festgestellt 
wird. Nur mit solcher Verwahrung besteht die Zuweisung der beiden 
Stellen XXVIIII 1,22 und ebd. 2, 18 an Sen. de dem. zu Recht, und 
von hier aus mag an sinnverwandten Stellen weitergegangen werden. 
Vielleicht gehören demselben Werk noch die beiden Beispiele XXX 8, 
4—5 p. 548, 14 ff. an, deren eines, die Erzählung von Papirius Cursor 
und dem pränestinischen Praetor mit der Liviusüberlieferung oben 
S. 280 verglichen wurde, während zum vorausgehenden persischen 
die nächstähnliche Erzählung Ps.-Plutarch (p. 173 D) bietet. An Se- 
neca erinnert hier dessen Vorliebe für persische Beispiele (s. meine 
Diatribe in Sen. frg. I 319 f.) wie auch jene charakteristische Ueber- 
einstimmung in dem Beispielschatz zwischen Plutarch und ihm (s. ebd. 
61 f.). Das den Beispielen vorausgeschickte Lob der beiden mit der 
p. 548,7 genannten dementia verwandten Tugenden: ... humanitatis 
et pietatis, quas sapientes consanguineas virtutum esse definiunt 
bonas ermangelt freilich nächststehender Senecaparallelen. Schon die 
Bedeutung von consanyuinea ('Schwester') ist einzigartig (Thes. IV 360, 
20). Wohl humanitas (?iXav$p<o7rta, s. Lorenz De progessu notionis 
<piXavt>pu>7ttac, Leipziger Dissert. 1914), nicht aber pietas gesellt Se- 
neca mit Vorliebe der dementia (epist. 88, 30 de benef.Vl 29,1). Die 
beiden Tugenden 6ua£ßeta xal <ptXav£pü>7:üt begegnen zusammen The- 
mistios or. 15 p. 191a (235 Dindorf). Für die Verknüpfung der htf- 






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Clark, Ammianus Marcellinus 291 

tnanitas mit der pietas kommt unter den Lateinern jedenfalls eher 
als Seneca Cicero in Betracht; vgl. de off. 111 41 pietatem et humani- 
tatan, und mehr bei Reitzenstein Werden und Wesen der Humanität 
im Altertum (1907) 24. S. auch ihn 26,6 über Senecas Gebrauch des 
Wortes humanitas im allgemeinen 1 ). 

An Senecas Behandlung des x6itos de dementia erinnert schließ- 
lich noch das Alexanderbeispiel XIV 11,22 p. 35,6 Alezandrum Mag- 
num urgenti matri, ut occideret quendam insontem, et dictitanti spe 
inpeirandi postea quae vellet, eum se per novem menses utero portasse 
praegnantem, ita respondisse prudenter: >aliam t parens optima, posce 
mercedem; hominis enim Salus beneücio nullo pensatur<. Wagner zu 
A. Bd. II p. 95 meinte, daß die ganze Anekdote durch Interpolation 
in den A.-Text gelangt sei, so sehr vermißte er die für diesen cha- 
rakteristischen Stileigentümlichkeiten. Daß gute Erudition vorliegt, 
dafür bürgt die inhaltlich verwandte Erzählung Arrians avaß. VII, 12,6 
Xdfoc Tic totöoSs ktp&ptxo 'AXeJävSpoo &p* otc &*fep *i)c l^pöc aot(j> 
UTjYffiXXeto, ßapö S*?] tö ivotxtov twv 86xa jitjvwv eloapArceadai auTÖv 
ttjv tujt^pa. Die Ehrfurcht vor dem Menschenleben, worauf die 
Anekdote hinausläuft, klingt als leitendes Motiv in Senecas Erörte- 
rung immer wieder an: I 1,3 nemo non, cui alia desunt, hominis no- 
mine apud me gratiosus est. 9, 3 unum hominem occidere non poterat, 
17,1 nulli (animali) magis parcendum (quam homini). 18,2 cum in 
servum omnia liceant, est aliquid, quod in hominem licere commu?ie ius 
animantium vttet, Senecas Eifern gegen die feritas Alexanders de 
clem. 1 25, 1 reimt sich übrigens wohl mit einer günstigeren Beur- 
teilung an einer anderen Stelle desselben Werkes im Gegensatz zur 
Olympias. Denn wie schilt er nicht de ira III 17 auf die unmensch- 
liche Wut Alexanders, und doch feiert er seine moderatio und Hoch- 
herzigkeit im Gegensatz zu dem Mißtrauen seiner Mutter ebd. II 23, 2 
quanto animosius Alexander! qui cum legisset epistulam matris, qua 
admonebatur, ut a veneno Philippi media caveret, acceptam potionem 
non deterritus bibit: plus sibi de amico suo credidit. dignus fuit qui 
innocentem haberetj dignus qui faceret! hoc co magis in Altxandro 
laudo, quia nemo tarn obnoxius irae fuit ; quo rarior autem moderatio 
in regibus, hoc laudanda magis est. Ammians Beispiel von Olympias 
und Alexander paßt für Senecas Werk de dementia umso besser, als 

1) Ueber die mit der c^viia in der griech. Moralliteratur zusammenge- 
nannten Tagenden unterrichtet sonst Elias De notione vocis dementia apnd phi- 
losopbos veteres usw. (s. oben S. —0). Nichts ist anzufangen mit Knoellinger 
Suppl. Cic. (1908) p. 81 pieta$ Humanität proficUcuntur a dementia. Der Satz ist 
Knoellingers (s. p. 57, 1) willkürliche Wiedergabe des französischen püii et huma- 
nüi partent de mitericorde (p. 8, 22). 



19 



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292 Gott gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

dessen Wirken gegen Agrippina sofort nach der Thronbesteigung, wie 
die Apocolocyntosis zeigt, eingesetzt hat. 

Es ist bedauerlich, daß der Quellenforschung durch Clarks Aus- 
gabe im Gegensatz zu Mommsens Solin und anderen kritischen Text- 
ausgaben, die ihm hätten Vorbild werden können, nicht die Wege ge- 
ebnet sind. Wie aber der Editor schon für seine nächsten Zwecke 
der Textkritik sich Sammlungen von Parallelen und Imitation anlegen 
mußte, so ist das Problem der Imitatio auch für den Prosarhyth- 
mus, dessen allseitige Erledigung Clarks besonderer Plan war, 
wichtig. Denn die künstliche Sucht des geborenen Griechen, von 
dem gesprochenen Latein der Hof- und Beamtensprache und beson- 
ders auch der ihm geläufigen Konversation seines römischen Wohn- 
sitzes dermaßen abzurücken, daß die Rede überall in die Manier des 
Kursus fiel, mußte mit seiner anderen Marotte in Konflikt kommen, 
in klassischen Phrasen, deren Kadenz ihre eigene war, einherzu- 
Btelzen. Diesen Sachverhalt haben Heraeus und Clark verkannt; sie 
behandeln die Klausel wie ein Naturgesetz der Sprache, über dessen 
Einhaltung bezw. Verletzung sie durch die drucktechnische Einrich- 
tung der Ausgabe berichten. Clarks Gebrauch des Kommas allein 
zu diesem Zweck hat bereits Leo in der Besprechung des Bandes I 
zurückgewiesen. Klammern und Gedankenstriche benutzt er, um an- 
zuzeigen, daß trotz logisch-grammatischen Einschnittes, der in der 
Modulation des Vortrags zu Tage treten mußte, der Kursus fehlt 
Mit dem Kreuz hinter dem Wort bekennt er den Verzicht, die sonst 
in Ordnung befindliche Ueberlieferung wegen des Rhythmus allein ab- 
zuändern. 

Zu dieser textkritischen Ueberschätzung der Klausel ist erstlich 
zu bemerken, daß die bei Cl. gebliebenen unrhythmischen Satz- und 
Kolonschlüsse sich durch geeignetere Erfassung der für A. giltigen 
Prosodie nicht mehr verringern lassen. Was hier zu tun war, hat 
Harmon The Clausula in A. M. (s. oben S. 277) 206 ff. in anzuer- 
kennender Weise getan. Von ihm ist vielfach anscheinend nicht vor- 
handener Rhythmus durch bessere Sachkunde erkannt worden, indem 
er bald auf die vulgärlateinische Betonung von Wörtern wie iudiciölum 
die Aufmerksamkeit lenkte (S. 212), bald die seltsame Mischung grie- 
chisch-lateinischer Aussprache in quibus wie Kölvtoc feststellte (S. 230), 
besonders auch der doppelten Möglichkeit in der Behandlung der 
Halbvokale i und u nachging (S. 223 ff.). Auch die schwierigen Fragen 
der Fremdwörterbetonung hat er gefördert, z. B. den Akzent von 
Wortformen wie cylindris aufgeklärt, wo die griechische Betonung im 
Nominativ übernommen die Casus obliqui trotz griechischen xoXtvSpoic 






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Clark, Ammianua Marcellinus 293 

beherrscht (219). Gardthausens Ablehnung dieser Observationen und 
Methode WochenBchr. f. kl. Phil. XXVIII (1911) 215ff. u. Berl. phil. 
Woch. XXXVII (1917) 1509 f. beruht darauf, daß er — wunderlich 
genug — die klassische Aussprache des Lateins A. unterschiebt, wäh- 
rend Harmon den Gaumen des in später Epoche latinisierten Griechen 
mit allen seinen Besonderheiten zu hören weiß. 

Aber trotz aufmerksamer Beachtung der Prosodie bleibt ein Rest 
unrhythmischer Schlußpunkte, der durch Textkritik, die sich ihrer 
Grenzen bewußt bleibt, nicht beseitigt werden kann. Diese Erschei- 
nung, daß trotz der Pedanterie der Kunst, die im spätlateinischen 
und mittellateinischen KursuB sich betätigt, es Vertreter desselben 
gibt, die Ausnahmen zulassen, hat bereits Winterfeld Rh. Mus. LVII 
(1902) 168 festgestellt 1 ). Für A. liegt der Beweis, daß sein unermüd- 
liches Feilen gleichwohl hier und da, besonders an Kolonschlüssen, 
die Schablone anzubringen übersehen hat, im Buch XXXI, das als 
letztes vor der Edition weniger retraktiert ungewöhnlich viel Aus- 
nahmen zeigt. Ohne in eine vergleichende Statistik, die wegen der 
Unbestimmtheit des Kolonschlusses etwas Subjektives behält, einzu- 
treten, stelle ich hier diejenigen von CL mit dem Kreuz gezeichneten 
Schlüsse dieses Buches zusammen, die gegen das Meyersche Grund- 
gesetz verstoßen: p. 571,23 speciosis feminis. 580,15 domesticörum 
comitem. 581,15 Rhino tränsito. 584,11 luliäno Caesari. 592,20 
aetdtis flore. 593,14 rerum dvidi. 595,11 munimento cönditos. 

Ein Teil der unrhythmischen Schlüsse, die übrigens über das 
.ganze Werk Ammians zerstreut sind, läßt sich nun aber mit seiner 
Quellenbenutzung und Imitatio entschuldigen. Bei wörtlichen Zitaten 
ist von ihm die Umsetzung des Rhythmus keineswegs grundsätzlich 
vorgenommen. Wenn Leo a.a.O. 134 Harmon die Beobachtung zu- 
schrieb, »daß A. keinen Brief oder sonstiges Citat ohne seine eigene 
Stilisirung anführt«, so ist dies ein Mißverständnis; Harmon selbst 
,hat S. 239 u. sonst im Urteil über die direkten Zitate Zurückhaltung 
geübt. Beispielsweise ist in dem XVI 5,2 p. 75, 17 zitierten Aus- 
spruch Catos (dict. 78 Jordan) das Grundgesetz verletzt: 'magna' f 
inquit, aira dbi , magna virtutis inßuria 1 . Ciceros quantitierender 
Rhythmus kann freilich vielfach auch akzentuierend gelesen werden; 
aber z. B. im langen Zitat de rep. V 11 (p. 118 Ziegler) Aram. XXX 
4,10 p. 537,3 ff. ist die metrische Klausel mehrfach nicht in den rhythmi- 
schen Kursus um setzbar : alt enim : *. . . poina dignus sit: . . . pudentem 

1) Ueber die Ausnahmen bei dem Klauselrhytbmus Tertullians vgl. R. Heinze 

;üq der Kritik von Löfßtedt 'Tertullians ApologeticunV usw. D. Literaturzeitung 

1917, 612. Befreiend wirken auch die für die gesamte Klauselforschang metho- 

disth wertvollen Ausführungen von Fr. Marx zur Klausel bei Celsus (Prolcg. CVf.) 






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294 Gott. gel. Änz. 1918. Nr. 7 u. 8 

nemo polest, dicendo pötesf. Unzweideutige Verletzung des Grund- 
gesetzes begegnet auch im Cicerofragment XXX 8, 7 p. 549,13 pro 
Üppio 5 p. 396,4 Schoell konöri miUtis; ebd. ist ein zweiter gleich- 
artiger Verstoß umquam füit schwerlich durch Ansetzung von silben- 
bildendem qu in Wegfall zu bringen ; die Kretiker Ciceros neminijim- 
qudm fuii zu verkennen wäre zwecklos. Am belehrendsten sind 
solche Fälle, wo Cl. das Fehlen des Rhythmus angemerkt hat und, 
ohne daß A. ein Zitieren oder Imitieren äußerlich zu erkennen ge- 
geben hätte, Imitatio festgestellt ist: XVIIII12,5 p. 180, 12 ut erat 
angüsti pectoris steht bei Cl-, um das Fehlen des Rhythmus anzu- 
zeigen, in Klammern, während Michael S. 28 Stilbeeinflussung durch 
Cicero {Tis. 57 de off. I 68) sieht. XX 5, 2 p. 193,21 cumque inter- 
quievisset pcu'dulum f, dum usw. ist gegen Clarks Anfechtung ge- 
schützt durch Cic. Brut, 91 pauhtm interquievisscm (Michael 19). 
XXVII 4, 12 p. 427, 13 erklärt sich der fehlerhafte Satzschluß civitdies 
mdgnas f durch das von Mommsen (Ges. Sehr. VII 401) vermutete 
Ausschreiben der 'Notitia Thraciarum 1 . 

Der von Clark Ammian abgesprochenen Klausel r^r^|r^^.^rs/ 
(s. oben S. 277) erwächst aus der Imitatio eine starke Stütze. Z. B. 
begegnet sie zweimal im Cicerozitat nat. deor. II 12 A mm. XXI 1,14 
"p. 219,5 Tullius K signa ostendüntur* ait, l a dis rerum futurdrum 1 . Der 
das Zitat abschließende eigene Satz Ammians endet mit derselben 
Klausel prospeeta revertdmur, und hier hat schon Harmon S. 176 
gegenüber dem Vorschlag proposita für prospeeta auf den Einfluß Ci- 
ceros hingewiesen; in dieser indirekten Wirkung reicht die Bedeu- 
tung der Imitatio für den Kursus des an klassischer Lektüre sich 
Bättigenden Schriftstellers am weitesten. Angesichts solcher Beob- 
achtungen ist auch XXVI 2, 9 p. 394, 10 cottidianisque rälTönibus, wo 
"der Cicerotext ad Q. fr. I 1,19, ohne zu zitieren, wörtlich über- 
nommen ist, nicht viel Wert auf die Möglichkeit zu legen, durch 
'silbenbildendes qü oder konsonantisches i jener Klausel zu entgehen. 
Aehnliches gilt für den Schluß des Cicerozitates ad Brut. 1X8 (I2a) 2 
p. 111,17 Sjögren Amra. XXVIIII 5, 24 p. 512,8 speciem dementia*. 
•Zweimal begegnet diese Klausel auch in der oben (S. 287) als Seneca- 
fragraent angesprochenen Stelle XXVIIII 2, 18 p. 500, 1 salütis aXlinae, 
"und p. 500, 6 cunctäri öportire f, nur das erste Mal durch konsonan- 
tisches i verwischbar; in Wahrheit liegt beide Male der klassische 
Kretikus gefolgt vom Trochaeus (salätts äMnae und cunctäriypbrtSre) 
zu Grunde. Auch in der ersten Sen. de clem. zugewiesenen Stelle 
XXVIIII 1,22 p. 491, 18 (s. oben S. 284) sucht Cl. die Klausel mit drei 
Senkungssilben zu meiden, wenn er cum parcere vi ietur einklammert ; 






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Clark, Ammianus Marcellinus 295 

klauseltechnisch zusammengehört vidtiür asperlor, und dies ist kre- 
tisch quantitierend aus Seneca stehen geblieben. 

Diese Konkurrenz der beiden, gleicher Wurzel rhetorischer 
Künstelei entspringenden Erscheinungen, Imitatio und Rhythmus, hat 
auch andere Autoren, so Martin von Bracara an der restlosen Durch- 
führung der akzentuierenden Gewöhnung gehindert (s. Rh. Mus. LX, 
1905, 520 u. 542 f.). Zu untersuchen bleibt, ob nicht auch sonstige 
rhetorische Schmuckmittel wie die Anbringung von Figuren (XXVIIU 
1,15 p. 490, 5 facta fingit f Cl., facta (con)ftngit Noväk) die Auf- 
merksamkeit Ammians vom Rhythmus abgezogen haben. 

Was das in der Ausgabe für die Konjekturalkritik geleistete an- 
geht, so tritt neben Valesius in der Ammiankritik nunmehr der Name 
Heraeus. Auch Clark selber sind einige Vermutungen geglückt (z. B. 
p. 434,22. 477,10). Für die Fehler der Ueberlieferung ist jetzt we- 
nigstens die Diagnose meistens gestellt, und kann hier die Weiter- 
arbeit einsetzen. Einige Beiträge zur Texteskonstitution folgen. 

XXVI 4, 5 p. 397, 9 Thracias et diripiebant praedatorii globi Go- 
thorum hat CL nach et Lücke angesetzt, zu deren Ausfüllung Her. 
(]}£oesias) vorschlägt. Die Inversion von et begründet keinen An- 
stoß (Löfstedt Philol. Kommentar zur Peregr. Aetheriae 1911, 312 ff.) ; 
ebensowenig, daß in der sonst asyndetischen Aufzählung Gallias . . . 
Alamanni populabantur ; Sarmatae Pannonias et Quadi ; . . . BrU- 
tanos . . . ; ... Africam . . . ; Thracias et usw. das letzte Glied mit ei 
anschließt. Das nachgestellte et, mit etiam bedeutungsverwandt paßt 
hier besonders gut; denn die Bedrohung Konstantinopels bei dem Ein- 
bruch der Gothen in Thrakien bedeutet eine Steigerung. Jedenfalls 
ist der Vorschlag von Heraeus (Moesias) unmöglich; da für A. Moe- 
aia inferior ein Teil der Thraciae ist (s. XXVII 4, 12 p. 427, 13, wo 
Mysia für Moesia orthogr. Variante ist, der Zusatz inferior fehlt. 
Rufius Festus 9 Moesia inferior. Marquardt R. Staatsverw. I 316), 
müßte Her. doch erst die seltsame Ausdrucksweise Thracias et (Moe- 
sias) aus A. belegen. Dieser sagt vielmehr XVII 12, 1 p. 124, 18 
ßarmatas et Quados . . . Pannonias Moesiarunique alteram . . . incur- 
sare. XVI 10, 20 p. 88, 4 superiorem Moesiam et secundam populari 
Pannoniam. 

XXVI 7, 17 p. 408, 15 qui acriter venerant pugnaturi . . . descivere 
libentes ad eum, et pro (Lücke von Cl. angesetzt) terrißco fremitu, 
quem barbari dicunt bamtum, nwxcupatum imperatorem . . . rediizerunt 
ad castra, testati more militiae lovem, invictum Procopium fore. Die 
Ueberlieferung ohne Lücke nach pro ist in Ordnung; der Vorschlag 
Yon Petschenig et propere terrifico bleibt mir ebenso unverständlich 






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296 Gott gel. Am. 1918. Nr. 7 u. 8 

wie der von Heraeus et perttrrifico. Denn mit schrecklichem barritus 
konnte nicht die Akklamation zum Imperator erfolgen; das Wort wird 
in klarer Umgrenzung bei A. immer nur von dem zum Handgemenge 
anreizenden Singen gebraucht (XVI 12,43 p.98,14 XXI 13,15 p. 243,8 
XXXI 7,11 p. 574,8). Also an Stelle des barritus ertönt jetzt der 
Name Imperator und der Ruf Procopius invicius; nuncupare ist im 
eigentlichsten Gebrauch wie XXX 10,5 p. 553,24 gesetzt. Eine ähn- 
liche Situation finde ich in der vielfach mißverstandenen Horazstelle 
ep. 9,17 ot hurte frtmenits verterunt bis mille equos Galli canentes Cae- 
sar ew. 

XXVI 9,7 p. 413, 14 Valens castra promovit ad Frygiam et prope 
'Wacoliom conlatis manibus partium dum in ancipiti (Lücke nach 
Mommsen von Cl. angesetzt) Agilo rem excursu prodidit repentino, 
eumque secuti ccmplures iompila quatientes et gladios ad imperatorem 
transeunt cum vezillis scuta perversa gesiantes, quod dtfectionis Signum 
est opertissimum. Für die Emendation der an zwei Stellen erheblich 
gestörten Ueberliefemng hat Gelenius den Grund gelegt, der den 
beiden Eigennamen prope Nacoliam in der Verderbnis propensa colium 
V (8. XXVI 10,4 p. 415, 14) mi Agilo (s. XXVI 7, 4 p. 406,1) in der 
Verderbnis dum in aneipitia culorum excursus V zu ihrem Recht ver- 
helfen hat. Daß die noch von Eyss. und Gardth. aufgenommene Ge- 
leniana neuerdings nicht mehr befriedigte, verschuldete ihre Lesung 
du x für dum, obschon diese im Hinblick auf Stellen wie XXIH 5, 20 
p. 308,21 dvx (seit Valesius), dutnV; XXVIH5.1 p. 477,4 dux (seit 
Valesius), dum VM palaeographische Wahrscheinlichkeit besitzt. Aber 
dum paßt trefflich zum Inhalt: eine längere Zeit unentschiedene 
Schlacht wird durch den Uebergang Agilos zum Kaiser entschieden; 
weshalb Ergänzungen wie die von Heraeus dum in ancipiti (störet 
exitus proeliiy} Agilo rem usw. ansprechen. Doch derselbe Sinn wird 
durch ganz geringe Aenderung der Ueberlieferung , Einsetzen von 
diu iür dum gewonnen. Vertauschung dieser beiden Wörter in der 
Ueberlieferung begegnet XXV11I 6,24 p. 485, 12 dum (seit Gelenius), 
'diu V. Vgl. auch XXXI 10, 15 p. 582,15. Daß diu das von der 
"Situation verlangte Wort ist, zeigen die Parallelen XXXI 16,5 p. 599, 11 
diuque extetito certamine pertinaci aequis partes discessere momentis. 
XVI 12,43 p. 98,12 pugnabatur paribus diu momentis. XVIIII8,2 
p. 170,7 diu cruentum proelium stetit, . . ., eoque producta contentione, 
cum sors partium eventu regeretur indeclinabili t diu laborata moles 
illa nostrorum . . . procubuit. XXH 4, 20 p. 344,16. partes sagt ab- 
solut wie hier A. sehr gerne, so XIIII1.1 p. 1,2 XXIHI 6, 10 
p. 351,19 XXVII 10,13 p. 442, 13 XXVIIH 1,4 p. 487,14 ebd. 5,49 
p. 517,11 XXXI 7,8 p. 573, 15 ebd. 7,15 p. 574,27. Zu conlatis ma- 






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Clark, Ammianus Marcellinus 297 

nibtts vgl. XXIIII 8, 1 p.355,3 XXXI 7, 12 p. 574,11 u.a. (Thes. IV 
180, 64). 

Ferner ist an dieser Stelle das überlieferte ezcursus zu halten 
und mit substantivisch aufzufassendem repentino zu verbinden. Ob- 
schon die adjektivische Verbindungsweise bei A. häufiger ist (XX 4,21 
p. 193, 9 äiverso vagoquv, ut in repentino solet, excursu. XXVII 8, 9 
p. 437,4 XXX 5, 14 p. 542, 26 XXVII 10,6 p. 440, 16 repentino . . . 
adsultu. XXXI 3,1 p. 562,17 ebd. 10,12 p. 581,19 ebd. 11,6 p. 585,27), 
ho kennt er doch auch jene nach seiner ganzen Stilrichtung bei ihm 
zu erwartende Konstruktion: XVI 8,6 p. 81,22 in abrupto necessi- 
tatis. XXV 8, 2 p. 379,4 XXX 1,8 p. 525, 24 XXI 12, 11 p. 236, 14 
äiei residuum. Ein weiteres Beispiel ist aus der Hs. herzustellen: 
XVIIII 8, 10 p. 172,4 impetum (so V für impetu) tarn repentino ist der 
Gen. PL flexivisch (s. Neue I 548) wie syntaktisch (vgl. Tac. ann. I 6L 
umido paludum usw.) gerechtfertigt. 

XXVI 9, 11 p. 414, 17 cxcessit autem vita Trocopius ... quoad 
vixerat, incruentus ist qttod ad statt quoad überliefert, quoad vixerat 
bezeugt die Hs. XV 1,2 p. 38,7 XXX 1,2 p. 524,8, quoad vixit 
XXVII 11,2 p. 443, 13. Deshalb wäre es vielleicht doch gleichmachende 
Kritik, das Verbum advivere, auf das die Ueberlieferung quod ad 
vixerat führt und das dem Sprachgebrauch der Zeit besonders an- 
gemessen ist, auszumerzen, quod kann als vulgäre Schreibung für quoad 
genommen werden, wie es Plaut. Men. 769 u. Hör. sat. II 3, 91 ein- 
silbig messen, handschriftliches quod von Lipsius Sen. epist. 123,10 
p. 673 als quoad gedeutet wird (vgl. Rossbach Berl. phil. Woch. 
XXXIV, 1914, 498), und diese Synizese auch in anderen Wörtern 
begegnet: zu dem von Lachmann Coram. in Lucr. 135 u. 331 gesam- 
melten Stoff füge ich hinzu cögulet für coägulet (Dirae 74), congustus 
für coangustus (Thes. III 1384,80). Diese Erklärung der Ueberliefe- 
lHing wird nahegelegt durch eine zweite Stelle XXI 16,7 p. 247,15, wo 
jene anscheinend rätselhafte Schreibung quod ad vixerat für quoad 
vixerat in V wiederkehrt. Allerdings begegnet in mittelalterlichen 
Hss. quod ad auch sonst für quoad (qua ad) Varro rust, 112,17. 

XXVI 10,9 p. 416,11 camifex enim et unci et cruentae quaesti- 
ones sine discrimine ullo actaium et dignitatum per fortunas omnes et 
ordines grassabantur, et pacis obtentu f itum detestandum agitabatur; 
infaüstam victoriam exsecrantibus universis internicivo bello quovis gra- 
viorem. Aus der Fülle der Vorschläge für das verderbte itum hebe 
ich hervor: Vitium Gelenius, (iudi)cium Valesius, iu$ Gardthausen. 
Nach Vernichtung des Gegenkaisers wird unter dem Vorwand den 
frieden zu sichern, eine strafrechtliche Verfolgung seiner Anhänger 
angeleitet, in Formen, die schlimmer als ein mörderischer Krieg sind. 






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298 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 7 o. 8 

Der Begriff des verderbten Wortes muß, wenn nicht ohne Zuspitzung 
des Gedankens ius oder iudicium ergänzt wird, sowohl den Gegen* 
Batz zu bellum ausdrücken, aber auch — denn der durch den Sieg über 
Prokop herbeigeführte Zustand ist ja schlimmer als jeder Krieg — 
einen Gegensatz zu pax f wie denn Eyssenhardt geradezu bellum ge- 
schrieben hat. Um einen solchen nach beiden Seiten hin die Be- 
ziehung öffnenden Begriff zu gewinnen, ergänze ich die Ueberlieferung 
öbtentuitü zu obtentu (q)uitum t d. h. quietum. Synkopiertes quetum ist 
die übliche vulgäre Form (Lindsay-Nohl 164), von der anzunehmen 
ist, daß sie wie andere Reste vulgärer Schreibweise der Capitalis 
rustica in der insularen Ueberlieferung keine Aufnahme gefunden hat; 
wenigstens XX 4,22 p. 193, 12 qu[ie\ti hat der V gleichzeitige Kor- 
rektor erst auf Rasur die klassische Form geschrieben, qui cum für 
quietum bietet V XXVIII 2, 8 p. 462,1, und verwirrt ist die Ueber- 
lieferung des Wortes auch XXII 15,9 p. 285,21 alque dlciora für ad 
quietiora. Der Buchstabe q ist in V XXVUI 6,20 p. 484, 11 (q)ua 
ausgelassen. Substantivisch gebraucht heißt quietum bei Petron 131,9 
die ruhige, stille Luft. Das Bild des Sturmwetters und überhaupt 
der mit Lärm erfüllten Luft für innerpolitische Wirren und Bürger- 
krieg ist A. in mannigfacher Abtönung geläufig, während das quietum, 
die durch jene Prozesse hervorgerufene schwüle Stimmung und Grabes- 
ruhe hierzu in Gegensatz steht. Vgl. XV 7, 1 p. 56, 6 dum has exiti- 
orum communium clades suscitat turbo feralis. XXVIII 1,14 p. 451,6 
iamque lituis cladum concrepant'ibus internarum, rerum atrocitate tor* 
pentibus cunctis. XXVIIII 1,14 p. 490, 2 internarum cladum litui tarft 
sonabant ebd. 19 p. 491,5 qui... omnia turbine intempestivo per- 
flabant. XXX 4, 13 p. 537,23 laborant, ut omnis quies Utibus inpli- 
cetur. XXVI 6,1 p. 400, 13 quietis publicae turbatorem (XXVIIII 5, 21 
p. 511, 15). XXVI 9, 10 p. 414, 11 oppugnatorem internae quietis. 
XXVII 9,9 p. 439,4 tumultu lenito . . . alta quies parta est. XXX 4,1 
p. 534, 10 alto externorum silentio intestina pernicies augebatur. Für 
die Verbindung quietum agitare vgl. übertragene Phrasen wie pacem 
agitare (Sali. Jug. 14, 10. Thes.1 1335,62), außerdem wird das vorauf- 
gehende cruentae quaestiones . . . grassabantur durch quietum detestan- 
dum agitabatur aufgenommen, wie quaestiones agitabantur XV 6, 1 
p. 55,10 (ebd. 13,2 p. 69,19) gesagt wird. 

Schließlich erscheint der Ausdruck quietum agitare, während die 
beiden Wörter nach ihrer eigentlichen Bedeutung nicht zusammen- 
gehören, vielmehr XXVIII 1,1 p. 448,2 perfidia regis tnotus agitat, 
XXVIIII 6, 17 p. 522, 18 talia per turbines ayitantur das Natürliche 
ist, als satirische Verhöhnung der Weise des Valens, für Ruhe zu 
sorgen. Es ist dieselbe gesuchte Ausdrucksweise, die Hertz Opuscula 






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Clark, Ammianus Marcollinua 299 

Gelliana 200 in Wendungen wie XXV 10,4 p. 385,8 flagrante hietne 
festgestellt hat, ein zum Teil gewaltsam witziger Bestandteil in Am- 
mians Ausdruckweise, der oft nicht ohne weiteres erkannt wird. Z. B. 
hat Kellerbauer Blätter f. d. bayer. Gymnasialw. IX (1873) 88 an- 
läßlich seiner Behandlung einer Stelle gleichen Charakters XVIII 7,7 
p. 150,25 lectissimus (laetissimus Mommsen, abieäissimus Petschenig, 
inertissimus Kellerb.) Moderator bellt intcmecivi A. jede Befähigung 
zur Ironie abgesprochen. Für mich entscheiden die Kulturskizzen. 
XXVIII 4 de vitiis senatus populique Romani und XXX 4 de caus- 
sidicina deque iurisconsultis et variis advocatorum generibus : des Me- 
nipp und Lukian Geburtsland ist das A.'s gewesen, sein Talent in 
der neuen Sprache heimisch geworden, hat für den satirischen Genius 
der Römer lebendig empfunden 1 ). 

XXVII 8,8 p. 436,20 mersam difficidtatibus f suis aniehac elvi- 
totem . . . ovantis specie laetissimus introiit ist das Epitheton für dif- 
ficidtatibus — es handelt sich um die Bedrängnisse der Stadt Lun- 
<ttninm infolge des Einbruchs der Nordvölker — herzustellen. C. F. 
W.Müller hat summis, Heraeus arduis vermutet. Dies letztere paßt 
besser zu Bildern wie XXV 3,16 p. 365,7 difficultatibus subeumberem 
arduis, XllII 2, 9 p. 6, 1 superatis difficultatibus arduis, während zu 
mersam difficultatibus ich scrupeis vorschlage. Dies Wort tritt 
Obertragen Zu difficultas bei Ausonius 338,1 p. 132 Seh. nee hie modo 
stellt scrupea difficultas. Bei A. ist die Bildung vom gleichen Stamm 
scruposus im eigentlichen Gebrauch bei difficultas überliefert XX 10,2 
p. 206, 22 scruposa viarum difficultate arcente. Palaeographisch em- 
pfiehlt sich scrupeis für suis wegen der schwer verständlichen insu- 
laren Buchstaben r und p. 

XXVHI 1,44 p. 457,9 ideoque ut eunetator contemptus et ad haec 
fortiter exsequenda parum conveniens, quae efficere restaret (que effi- 
cere testate V, quae efficeret exaete Petschenig, e vicaria potestate Ge- 

lenius Eyss. Gardth., quae efficere (abrogata po}testate Cl. nach 

Heraeus), discessiL Meine Vermutung restaret für testate bedingt 
Aenderung der Ueberlieferung nur im Rahmen ihrer gewöhnlichen 
Fehler; so ist in der Verbalendung r ausgefallen p. 419,6 inhorrisce 
et V für inhorrisceret; so die Endung selbst oft um t verstümmelt: 
p. 392,23 procedere V für procederet, p. 399, 12 exponere V für ex- 
poneret, p. 461,1 interan vice V für intcribant vicit. In Rom hatte 

1) Stellen ähnlichen Charakters wie sie Hertz bei A. findet, sucht, ohne 
A.'a zu gedenken, Hohl Herrn. LH (1917) 472 ff. bei den Scriptores historiaa 
Augustae: »Sich selbst und den Leser zum besten zu halten, das verstehen die 
sogen. Scriptores ausgezeichnet«. Wir erkennen hier also über das Individuelle 
hinaus eine Stilmanier. 






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300 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

der Praefekt Maximinus und sein ihm gleich gesinnter Genosse, der 
Vikar Leo gegen Senatoren und Frauen senatorischen Standes ge- 
wütet. Nach seinem und Leos Abgang zum kaiserlichen Hof setzte 
später ihr Werk der frühere Gehilfe des Maximinus, Simplicius fort, 
der ihnen an Grausamkeit gleichkam und insbesondere die noch von 
Maximinus in Haft gebrachten Esaias, Rufina und andere Vornehme 
kurzer Hand hinrichten ließ. Jener Satz bezieht sich aber auf den 
Vikar Ursicinus, dessen zwischen Leo und Simplicius liegende Amts- 
führung von kurzer Dauer war, weil er zu milde verfuhr und in 
Sachen Rufina usw. erst Berichte eingesandt hatte, statt auszuführen, 
was im Sinne jener ihm zu tun übrig geblieben war. discessit ist in 
der absoluten Bedeutung >abgehen< gebräuchlich: XXIIII 3,7 p. 339,5 
moriar... aiU certe discedam; vgl, XXVIH 6, 25 p. 485, 19 discessit 
ad otium. Ein Zusatz wie abrogata potestate wäre nur nötig, wenn, 
eine gesetzlich begrenzte Amtsdauer für den Vikar der diokletianisch- 
konstantinischen Ordnung bestanden hätte. Dies ist aber nach allem,. 
was über die Amtsdauer der kaiserlichen Präfekturen bekannt ist, 
nicht anzunehmen (s. Moramsen Staatsrecht II 8 868. 1062. 1068* 
1121). Zur Form, in der das discessit vor sich gegangen sein wird, 
dürfte verglichen werden Ael. Spart. Hadr. 9,4 successorem . . . quia 
«o« pettbat, id egit, ut peteret. (S. auch Hirschfeld Die kais. Verwal- 
tungsbeamten 2 1905, 416,2). 

XXVIIIIl, 31 p. 493,7 caerimoniali scientia superstitit cortinulae 
s (Lücke von 8 Buchstaben) pensilcm anulum librans. Bei der Be- 
deutung des Schwefels für den antiken Aberglauben (Tib. I 5, 1 1 ipse- 
que te circum lustravi sulfure puro) denke ich an die Ergänzung 
$(ulfuratae) t die genauer dem Umfang der Lücke entspricht als die 
Vorschläge der früheren s{acerdos) 1 s(acrac) } s(acratae). Vielleicht ist 
auch ebd. 30 p. 493, 1 das verderbte f pure nicht mit Mommsen in 
turi zu ändern, sondern zu (sul)puri zu ergänzen. 

XXVH11 3,4 p. 503,5 piaepositum fabricae oblato thorace polito 
fabernme, praemiumque ideo ezspectantem, ea re praecepU occidi f ri- 
adpraei, quod pondus paulo minus habuit species ferrea, quam die fir- 
marat. Den Verbesserungsvorschlag Haupts occidi (di)ri(t)at(ey pari 
hätte Cl. wegen des Klauselgesetzes nicht erwähnen sollen; Eyssen- 
hardt und Gardthausen haben mit Gelenius die unverständlichen Wort- 
trümmer fortgelassen, die mir die Reste von ira praecipiti zu sein 
scheinen. Zu praei für praecipiti vgl. ähnliche Verstümmelungen : 
p. 508, 15 accipit V für ancipiti, p. 463,15 discere V für discessere, 
Auslassungen von Buchstaben im Wortinnern hat Gardthausen I p. XVI 
gesammelt A. will Kap. 3 die Grausamkeit Valentinians schildern, 
die in seinen Zornesausbrüchen am schlimmsten zu Tage tritt (§ 2 






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Clark, Ämmianu8 Marcellinus 301 

p. 502, 22 adeo ut irascentis saepe vox et vultus et incessus mutaretur 
et color), so daß es fast auffällig wäre, wenn in keinem der Beispiele 
des Kapitels der Zorn erwähnt würde. Schon im Buch XXVII ist 
der Inhalt des Kapitels 7 Valentiniani A. iracundia usw.; dort heißt 
es von seiner Härte § 4 p. 433, 20 Vitium . . . auxit ira acerbius effer- 
vescens und folgt jene aus Seneca de ira genommene Kennzeichnung 
des Zornes (s. oben S. —0). Den Tod erleidet Valentinian an einem 
Zornesausbruch: XXX 6,3 p. 544,18 Imperator ira vchementi perculsus 
usw.; schließlich werden auch in seiner Charakterschilderung die 
Zornesausbrücke wieder erwähnt ebd. 8,12 p. 551,4 cum cum ex in- 
cidentibus ira fervere sentiret. Zur Verbindung ira occidere vgl. Tac. 
Qertn. 25 servum . . . occidere solent . . . impetu et ira ut inimicum. 
Der Begriff praeceps paßt zu ira; vgl. Sen. de ira III 20,4 agebat . . . 
ira regem praccipitem. Tac. Agr. 42 natura praeceps in iram. Zu 
Abstrakten tritt praeceps bei A. XXX 4, 9 p. 537, 1 audacia praeceps. 
XXVII1I2,18 p. 500,7 studio praeeipiti. Vgl. auch die Vermutung 
von Heraeus XXXI 7, 8 p. 573,19 cupiditate (praeeipiti). 

XXVIIII 5, 15 p. 510,4 fessus aerumnis gemini proelii Firmus . . . 
christiani ritus antistites oraturos paeem cum obsidibus misit . qui quo- 
niam suseepü lenius pollicitique victui congrua militibuSj ut praeeeptum 
est t laeta retulere responsa f eprocem missis muneribus Maurus ipse 
fidentius ad romanum perrexerat ducem, . . . curvataque cervice humi 
paene adfixus, temeritatem suam flebiliter ineusabat, pacem obsecrando 
cum venia. Für eprocem schlage ich die aus Iuvencus und Ps.-Cypriaii 
bekannte (s. Funck Archiv f. lat. Lex. VII, 1892, 503) spätlateinische 
Bildung prompt im vor. A. gebraucht gerne derartige Adverbia, so 
XXVI 5, 15 p.400,5 saltuatim. XXXI 2,8 p. 558,18 euneatim. ebd. 
4,5 p. 565,7 agminatim. 7 p. 565,21 turmatim. Er zuerst sagt statt 
secrete XXVIIII 1,6 p. 488,19 secretim (Funck 504). promptissime 
steht bei ähnlichem Sachverhalt XVII 12, 11 p. 126,18 duxeruntque 
obsides postulatos et oboedire praeeeptis deinde promptissime spopon- 
derunt. 

Die zu dieser Stelle von Heraeus gebrachte Vermutung retulere 
responsa et pacem lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Besonderheit 
der Wortstellung Ammians. Wenn er zwei Objekte zu retulere ge- 
setzt hätte, so wäre die Stellung responsa retulere et pacem zu er- 
warten. Die Ursache dieser Gewöhnung liegt nicht unmittelbar beim 
Rhythmus, der in beiden Fällen derselbe ist. Norden hat (Die ant. 
Kunstprosa 649) beobachtet, daß A. auch ohne den Grund des Rhyth- 
mus die übliche Wortfolge verläßt. Und dennoch ist mittelbar der 
Rhythmus die Ursache. Durch ihn war an so zahlreichen Stellen das 
Verlassen der natürlichen Wortfolge bedingt, daß die Eigenheit dahin 






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302 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

übergriff, wo der Rhythmus die gewöhnliche Stellung erlaubt hätte. 
Das Gleiche gilt für die fast regelmäßig sich findende Trennung 
zweier zu einem Substantiv gestellten Adjektiva durch jenes und an- 
dere ähnliche Erscheinungen. Zuerst mögen Stellen vorgeführt werden, 
wo der Rhythmus die Manier unmittelbar erklärt. 

p. 457, 15 nullo noxiorum discrtmlne vil nisöntium, ebd. 22 multa 
pertitnescens et säevä. 458,17 male sanus incitätor et pötSns. ebd. 
21 fidum InvcnTret et efflcäcem. 460, 10 magna animo cancfpiens et 
üttllä. 463,3 varia petentiüm et longlnquä. 464, IS ad res perniciosus 
consurgcbät et növäs. 475,14 taetris vöc/büs €t äbsürdis. 483,7 ar- 
boribus exsectTs et vlttbüs. ebd. 8 nobilis oppidänüs et potens. 507,11 
discordias excitävtt et bt'llä. 508,9 ad yigilias ordinändäs 2t präe- 
teniüräs. ebd. 12 incivüüatis eins erat pärtlceps H furtörüm. 509,20 
agri popidati sunt HTncensl. 511,1 rumores veri distulissent et cr£- 
bri. 516,9 auxilia praestare spöndens et commeätüs. 526,13 maean- 
dros faciebät et gjjros. ebd. 22 diversoria paratürüs et ci'biim. 

In allen diesen Fällen ergeben Umstellungsversuche unrhythmi- 
schen Ausgang oder sicherlich eine seltenere Klausel. Und zwar 
lassen sich diese aus der Umgebung der Stelle, von der ausgegangen 
wurde, aufgegriffenen Beispiele beliebig vermehren. Auch bei Fällen 
wie p. 508,22 missis oratoribus poscibat et scrfptis (p. 11,10 per stra- 
ges multiplices äc rüfnäs u. sonst) ist noch die unmittelbare Ursache 
der verschränkten Stellung der Rhythmus, weil nach den Beobach- 
tungen Meyer's und Harmon's (a.a.O. 191) über die Rücksicht auf 
die Positionslänge , in den Senkungssilben der Ausgang et scrfptis 
plscebät kaum in Betracht kommt. 

Nun aber begegnen auch Fälle wie p. 446, 5 liberali victu cu- 
rändum et cültüj 502, 24 indicia varia testäntür et certä usw., wo die 
natürliche Wortfolge victu et ciiltü cürändüm, varia et certä testäntür 
am Kursus, hier dem planus, nichts ändert, — oder solche Fälle, wo 
die natürliche Wortfolge zwar eine andere, aber gleich gute, wo nicht 
bessere Klausel ergiebt. Z. B. p. 507, 12 multa ciebät et förmidändä 
ergibt die gezierte Wortfolge den velox, die natürliche den planus 
multa et förmidändä ciebät. Daß hier überall A. ohne Rücksicht auf 
die Klausel, auch etwaige Vorliebe für den velox seiner Manier nach- 
gegangen ist, beweisen Beispiele, wo die gezierte Wortfolge im planus 
oder nur tardus ausklingend den velox gerade nicht hat zur Geltung 
kommen lassen: p. 447,17 Armeniis finitima retineret et Läzxs (Arm. 
et L. finitima reiiniret wäre velox). 448, 8 multa reputäntem et varia. 
455,9 Utes minabätür et iärglä. 474,7 ad otiosam plebem veniätnüs 
et desidem. 486,6 ad longe remota declinärünt et abdltä. 569,16 ad 
portum aliquem tranquillum properabänt et pläcxdüm. 






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Clark, Ammianus Marcellinus 303 

Ziffernmäßige Feststellung, wie weit bei A. die verschiedenen 
Möglichkeiten der Wortstellung sich die Wage halten, liegt mir ferne. 
Daß manchmal die Erfordernisse des Rhythmus umgekehrt die natür- 
liche Wortfolge erzwingen mußten, ist an sich klar. S. z.B. p. 365,10 
cum in umbram et angüstiüs ämendärer. 478,9 factum incusabit pcr- 
fidüm et deforme. Und selbst da, wo der Rhythmus die natürliche 
Wortfolge nicht benötigte, wird sie hier und da sich behauptet haben: 
p. 460,15 cum reputaret munimentum cClsiim et ttitüm statt reputäret 
et tütum. Besser aber als durch Statistik wird das Charakteristische 
der besprochenen Erscheinung für A. dadurch erwiesen, daß er bei 
Nachahmung Ciceros Luc. (ac. I) 127 ut exigua et minima contemni- 
mus das Vorbild im Sinne der Manier geändert hat XIIII 6,8 p. 13,22 
exigua haec spernenlem et minima , während ohne Aenderung der 
Stellung sich der velox exigua et minima cÖntemn€ntem ergeben hätte *). 
Auch bei der von Wirz Philol. XXXVI (1877) 632 angemerkten 
Sallustnachahraung hist. frg. IV 24 Maurenbr. Italiae plana ac mollia 
steht dem Vorbild gegenüber XIIII 2,5 p. 5,8 loca plana persultat ei 
mollia und XXIUI 1,2 p. 330, 2 per plana camporum et mollia, ob- 
schon die Beibehaltung der Sallustischen Stellung plana ac mollia die 
gleiche Klausel böte. 

XXX 7,5 p. 546,13 igitur Valentinianus post periculorum nwlestias 
plureSj dum esset privatus, emensas inperitare exorsus, ut arces prope 
flumina sitas et turbines et Gallias petit, Alamanniäs patentis excur- 
sibtts usw. Für die Verderbnis et turbines et lese ich resuscitaret m r 
Heraeus versuchte et urbes (munir)et t Petschenig et urbes (viser)et t 
Novak et urbes (firmar)et. Woher die Lesung urbes stammt, bleibt 
bei der Angabe 'vulgo 1 der Herausgeber, wie der früheren Eyss. 
p. 479,22 und Gardth. p. 221,24, so leider auch Clarks ungewiß 2 ). 
Die Geleniana bietet nach dem ausdrücklichen Zeugnis Gardthausens 
in Uebereinstimmung mit V turbines. Durch Konjektur urbes herzu- 
stellen liegt keine Veranlassung vor. Die Verdienste um die Städte 
Galliens (s. XXVI 5, 12 p. 399, 14) werden in der zusammenfassenden 
biographischen Skizze Valentinians, zu der Kap. 7 gehört, 9, 1 p. 551, 17 
oppidorum et limitum conditor tempestivus erwähnt. Aber seinen eigent- 

1) Piasberg verteidigt in der Ausgabe p. 141,9 minima gegenüber der Va- 
riante minuta mit Recht durch Hinweis auf A. (Das unrichtige Zitat bei ihm 
XVI 5,6 statt XIV 6,8 hat seinen Grund darin, daß ihm zwei Notizen zusammen- 
geflossen sind. Zu Cicero p. 141, 5 f. Piasberg animorum . . . quasi pabulum ge- 
hören jene Ziffern XVI 5,6 mit der Imitatio quasi pabula quaedam animo... 
conquirens, die bei ihm fehlt) 

2) Sehr selten begegnet es, daß Clarks Apparat nicht eindeutig gelesen 
werden kann. XXVII 1,1 p. 419, 1 dum per eoum orbem ist seine Angabe, daß Ge- 
lenius cum bezeuge, offenbar nach Gardthansen p. 94, 1 zu berichtigen. 






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304 Gott. gel. Änz. 1918. Nr. 7 u. 8 

liehen Ruhm hat der Kaiser seit Uebernahme der Regierung in der 
■Wiederherstellung und dem Ausbau des germanischen Grenzschutzes, 
der Befestigung seiner Lager und Höherführung seiner Wachtürme 
gesucht: XXVIII 2,1 p. 460, 10 at Valentinianus magna animo con- 
cipiens et utilia Ehenum omnem . . . magnis molibus communibat, castra 
extollens altius et castella, turresque adsiduas per kabües locos et opor- 
tunos, . . . non numquam etiam ttltra flumen aedifieiis positis usw. . • . 
munimentum celsum et tututn . . . praeterlabente Nicro nomine fluviq 
usw. XX Villi 6,2 p. 519,11 Valentinianus enim studio muniendorum 
litnitum, glorioso quidem sed nimio, ab ipso prineipatm in'Uio flagrans. 
XX Villi 4,1 p.505,2 XXX 3,1 p. 532, 3. Das Verbum resuscitare 
ist in der Bedeutung 'wieder aufrichten 1 , 'wieder aufbauen 1 in der 
Itala (loh. 2,19. Marc. 14,58) des Laktanz überliefert: inst. IV 18,4 
p. 349, 15 si solveritis hoc templum, quod aedificatum est annis XLVI, 
ego illut in triduo sine manibus resuscitabo t und daß hier nicht aus- 
nahmsweiser Gebrauch eines Bildes vorliegt, dafür bürgt die Ver- 
wendung des unerweiterten Verbums suscitare in der Bedeutung 'er- 
richten', 'aufbauen' Paneg. VI (VII) 22,5 p. 219,6 W. Baehr. video 
basilicas et forum, opera regia sedeinque iustitiae in tantam altitudinem 
suscitari, ut se sideribus et caelo digna et vicina promittant (Lucr. V 
1166 delubra deum nova Mo suscitat orbi). 

XXXI 2,8 p. 558,17 ist die Stelle über die Kampfesweise der 
Hunnen noch nicht unter Ausnutzung der Vaticanustradition in Ord- 
nung gebracht. Cl. bietet die Stelle im wesentlichen gleichförmig mit 
Eyss. p. 489,25 und Gardth. p. 233,21: et pugnant non numquam la~ 
cessitiy sed ineuntes proelia euneatim variis voeibus sonantibus torvum. 
tttque ad pernieitatem sunt leves et repentini, ita subito de Industrie 
■dispersi incessunt, ut i?i(con)posita acie cum caede vasta discurrunt, 
nee invadentes Valium nee castra inimica pilantes prae nimia rapid(ita)te 
cernuntur. Die Anstöße des so zurechtgerichteten Textes erhellen an- 
gesichts der dazu gebrauchten Konjekturen : non will Bentley streichen, 
taciti wüuscht für laeessiii Mommsen, sed scheint Heraeus unverständ- 
lich. Konjekturen sind außerdem incessunt und ut (nach incessunt), 
jenes Kellerbauers (Bl. f. d. bayer. Gymn. VII, 1871, 23) von Cl. auf- 
genommene Schreibung für iugeseunt; ut für et hat Her. vorgeschlagen. 
Schließlich sind in(con)posita und rapid{ita)te allgemein angenommene 
Verbesserungen des Valesius. 

Ueberliefert ist et pugnant non numquam lacessitis dineuntis prae- 
lia euneatim und daraus für die Kampfesweise der Hunnen zu ent- 
nehmen, daß sie erst den schwerfälligeren Gegner durch mehrfaches 
Anreiten reizten, seine Reihen zu lockern, um dann plötzlich das 
Umschwärmen abbrechend euneatim auf ihn einzustürmen. Als das 






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Clark, Ammianus Marcellinus 305 

<len Dativ hcessitis regierende Verbum, von dem auch der Akkusativ 
proelia abhängt, bietet sich für dineuntis inferentcs entsprechend den 
Phrasen pugnam, bellum, arma inferre alicui. Vom feindlichen An- 
sturm ist inferentes sese XXXI 16,4 p. 599,6 gesagt, wo zu Unrecht 
€1. und Novak an inserentes denken. Aehnlicher Sachverhalt be- 
gegnet XXXI 7, 11 p. 574, 10 . . . leviora proelia temptabantur. iamque 
verrutis et missilibus alüs utrimque semet eminus latessentes ad con- 
fercndas coiere minaciter manus. 

Die weitere Eigentümlichkeit der Kampfesweise der Hunnen be- 
steht nun nach den Worten subito de industria dispersi..., et ... 
discurrunt, nee invadentes vallum . . . cernuntur darin, daß die zum An- 
griff geschlossene Reiterschaar plötzlich wieder sich in Nichts auflöst, 
der Gegner ins Leere stoßt. Dieser Vorgang des erneuten Aus- 
schwärmens wird bereits durch dispersi angedeutet, das zu euncatim 
im Gegensatz steht: vgl. XII1I 2, 5 p. 5,6 nunc globis confertos, ali- 
quotiens et dispemos. XXIIII 2, 14 p.336, 14 Apul. meL VIII 15 non 
laciniatim dispersa , sei euneatim stipato commeatu. Aber das zu 
dispersi hinzutretende Verbum finitura, wie es aus dem verderbten 
iugeseunt zu holen ist, muß diesen Gegensatz noch schärfer betonen, 
damit das folgende nee . . . cernuntur in seiner paradoxen Zuspitzung 
genügend verständlich wird. Dabei ist zu beachten, daß von einer 
Scheinflucht nach Art der Parther, wie das folgende invadentes vallum 
usw. lehrt, nicht die Rede ist; anderweitige von Wagner III 355 
zur Stelle angeführte Zeugnisse über die Kampfesweise der Hunnen, 
die allerdings von Scheinflucht sprechen, dürften durch jene seit 
alters bekannte Partherweise beeinflußt sein. Das bei dispersi vor 
et . . . discurrunt stehende Verbum iugeseunt deute ich als rareseunt 
(bzw. rariseunt ; über die Schreibung -isco in V s. bereits C. F. W. Müller 
Fleckeis. Jahrb. CVU, 1873, 357). rarescere von A. öfters gebraucht 
(XXII 15, 25 p. 289, 2 XXVI 3, 1 p. 394, 24), bezeichnet das Lichtwerden 
der Kampfesfront bei Silius XVII 422 rarescit multo lassatus vulnere 
miles. 

Kiel E. Bickel 



Eraet Naehuiansen, Erotianstudien. Herausgegeben mit Unterstützung des 
Vilh. Ekmanschen Universitatafonds. Uppsala, A.— B. Bokhandeln; Leipzig, 
Otto Harrassowitz (in Kommission) 1917. XV, 574 S. gr. 8°. 18 Kr. = 30 M. 

Eine durchgreifende Recensio von Erotians Hippokratesglossar ist 
wegen der Wichtigkeit des Buches an und für sich und wegen seiner 
Bedeutung für Textgestalt und Erklärung der hippokratischen Schriften 
schon lange Bedürfnis gewesen. E. Nachmanson, mit der Neuausgabe 

(»U. E el. Au. ISIS. Mr. 7 a 8 20 



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306 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

für das Corpus Medicorum Graecorum beauftragt, hat sich der Arbeit 
mit umfassendster Gründlichkeit gewidmet und bietet in dem vor- 
liegenden stattlichen Bande eine solche Fülle eingehendster Vor- 
studien, daß wir den Abschluß der Edition in kurzer Zeit erwarten 
dürfen. Das Werk ist in sechs Hauptteile gegliedert: I. Die Hand- 
schriften und die Ausgaben des Erotianglossars, II. Die Hippokrates- 
scbolien und Erotianos, III. Gregorios von Korinth und Erotianos, 
IV. Die ursprüngliche Reihenfolge der Glossen, V. Zur Analyse des 
Erotianglossars, VI. Erotianos 1 Hippokratestext; dazu reichhaltige 
Indices. 

Aufs genaueste werden im I. Kapitel (S. 1 — 146) fünfzehn Ero- 
tianhss. beschrieben, eine dem XIV., eine dem XV., alle andern dem 
XVI. Jahrh. angehörend. Der Verf. hat sie teils in Uppsala, teils auf 
einer längeren wissenschaftlichen Reise nach- oder neuverglichen und 
bestätigt gefunden, daß der ältesten, Vatic. graec. 277 (A), die Führer- 
rolle zukommt. Diese führt insbesondere die aus ihr abgeleiteten Hss. 
der x-Klasse, von denen für die Recensio noch eine Wiener (C) und 
eine Cambridger (K) herangezogen werden. Auf den gleichen Arche- 
typus wie A geht die geringere y- Klasse zurück: sie wird im kriti- 
schen Apparat der künftigen Ausgabe fast nur durch Parisinus 2151 
(H), 6owie durch drei Hss. in Brüssel (L), Venedig (M) und Oxford 
(0) vertreten sein. Die Editio princeps des Henricus Stephanus 
(1564) und die lateinische Uebersetzung des Eustachius (1566) kommen 
nur durch ihre Konjekturen in Betracht, da ihre handschriftlichen 
Quellen sekundär sind. 

Der eigentümliche Zustand des Glossars weist seiner indirekten 
Ueberlieferung eine besondere Wichtigkeit zu und führt mit Rücksicht 
auf diese zu fesselnden Problemen. Wir besitzen bekanntlich nur 
einen Auszug davon, doch läßt sich dieser, wie zuerst Daremberg ge- 
lehrt hat, aus Hippokratesscholien beträchtlich ergänzen. Darüber 
handelt Nachman6on im II. Kapitel (S. 147— 232), indem er den vot 
ihm aufs sorgfältigste revidierten und abgeschriebenen Scholienbestand 
der einzelnen Hippokrateshss. einer genauen Analyse unterzieht. Die 
an den Rändern und zwischen den Zeilen dieser Codices aufgespei- 
cherte Gelehrsamkeit ist verschiedenen Ursprungs und absolut wi& 
relativ von ganz ungleichem Wert. Relativ betrachtet kann uns an 
solchen Erklärungen natürlich weniger gelegen sein, deren Quellen 
noch vorhanden sind, wie Galens Kommentare und Glossar oder Hilfs- 
mittel aus byzantinischer Zeit, obwohl auch daraus hier und da 
einiges für die Ueberlieferungsgeschichte der betreffenden Schriften 
zu gewinnen ist. Nachmanson hat dem gesamten Material seine Auf- 
merksamkeit gewidmet und es in weitem Umfange vorgelegt, so d a 






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NachmansoD, Erotianstudien 307 

seine Arbeit über das nächste Ziel einer Erotianausgabe beträchtlich 
hinausreicht und dazu beitragen wird, wie er mit Recht erhofft 
(S. 220), 'dem künftigen Herausgeber der Hippokratesscholien seine 
nicht mühelose und wenig beneidenswerte Arbeit einigermaßen zu er- 
leichtern 1 . 

Erotianisches Gut läßt sich aus der Scholienmenge mit ziemlicher 
Sicherheit aussondern, wie ich nach eigner Untersuchung der wich- 
tigsten dafür in Betracht kommenden Hss. früher erörtert habe. Durch 
Nachmansons Revision haben meine Ergebnisse erfreuliche Bestätigung 
gefunden; er hat sodann weitere, für diese Frage von mir noch nicht 
berücksichtigte Hss. mit herangezogen und die sich anschließenden 
Probleme, so verwickelt sie sind, klar und einleuchtend behandelt. 
Nur zum kleineren Teile sind diese indirekt erhaltenen Fragmente 
noch im jetzigen Glossar vorhanden; es bietet sich daher die Mög- 
lichkeit, die Urform des Werkes und sein Schicksal im Laufe deB 
Mittelalters genauer festzustellen. 

Daß Erotians Originalarbeit nach der in seinem Vorwort ange- 
gebenen Reihenfolge der Hippokratesschriften und ihres Textverlaufes 
angeordnet war, stand fest. Ebenso, daß unsere Hss. und Drucke 
eine eigentümliche Umordnung der Glossen aufweisen: ein Redaktor 
hat sie leichterer Benutzbarkeit halber alphabetisch umgestellt. Das 
tat er freilich nicht in der jetzt üblichen durchgreifenden Art. Er 
hat nicht etwa das gesarate Material zu seinem Zwecke verzettelt, 
sondern sich darauf beschränkt, aus den einzelnen Abschnitten seines 
Exemplars, von denen jeder einer Hippokratesschrift entsprach, erst 
die A-, dann die B-, dann die T-GlosBen usw. bis zum ß ohne weitere 
Umstellung in der ihm vorliegenden Reihe abzuschreiben und hierauf 
die so gewonnenen A-, B-, T-Teile usw. aneinanderzufügen. Im Ur- 
text war die Zahl der Abschnitte ebenso groß gewesen wie diejenige 
der von Erotian berücksichtigten Schriften; die redigierte Form hatte 
nun beträchtlich weniger, nur vierundzwanzig. Als Erotianos seine 
für uns so wichtige lovafco??) tüv 7tap' 'Innoxpdm XäJccov verfaßte, 
dachte er sich deren Benutzung offenbar in der Weise, daß sie der 
Leser einer Hippokratesrolle beim Studium unmittelbar zur Hand 
haben sollte; von Kolumne zu Kolumne des schwierigen Textes fort- 
schreitend konnte man dabei, indem der Sklave das Glossar nach und 
nach aufrollt«, die Erklärungen bequemlich feststellen, ohne, wie bei 
alphabetisch durchgeführter Anordnung nötig gewesen wäre, den Pa- 
pyrus bei jedem dunkeln Ausdruck vorwärts oder rückwärts, mitunter 
vielleicht vergeblich, aufs neue wälzen zu lassen. Das war für die 
antike Lektüre gewiß praktischer als die lexikalische Aufeinanderfolge, 
die man freilich behufs gelegentlichen Nachschlagens ebenfalls an- 

20* 






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808 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

wendete: Erotianos bezeugt sie für das umfangreiche Buch des Em- 
pirikers Glankias wie flir den kurzen Auszug des Epikles aus dem 
Glossenwerke des Bakcheios von Tanagra; Galens alphabetisches 
Hippokrateslexikon besitzen wir ja noch heute. 

Seitdem der Kodex an Stelle der Buchrolle seine Herrschaft an- 
getreten hatte, mußte das alphabetische Lexikon aus äußeren Grüuden 
an Beliebtheit gewinnen; auch Erotianos wurde, wie zahlreiche andere 
ursprünglich dem Texte folgende Glossensammlungen, umgearbeitet. 
Um diesen Prozeß klarzustellen, widmet Nachmanson sein HL Kapitel 
(S. 233 — 259) dem Gregorios Korinthios, in dessen Werk ITept töv 
l8ta)|tdiT«»v twv 3iaX£xTuv Erotianos benutzt worden ist (Ilepl ttJc 'lASoc 
StaXdxToo § 150. 163 — 191). Den Gregorios datiert er früher als 
bisher angenommen wurde und versetzt ihn bereits in die ersten 
Jahrzehnte des XII. Jahrhunderts, indem er ein Versehen des Leo 
Allatius aufdeckt, der in der Subskription des Gregoriuskodex Vatic. 
graec. 1926 aus den Worten bv fett ,cx*Y Iväixtiövoc tptrr]« fälschlich 
die Jahreszahl 1225 statt 1125 herauslas 1 ). Durch die Untersuchung 
der Erotianglossen bei Gregorios gewinnt Nachmanson das Ergebnis, 
aus dem ursprünglichen Erotian (A) sei der unsrige (B2) nicht un- 
mittelbar abgeleitet, sondern er habe eine, ebenfalls bereits alpha- 
betische, Zwischenfassung (B 1) passiert, aus der Gregorios schöpfte. 
Das wird den Kenner unserer lexikographischen Ueberlieferung nicht 
überraschen; naheliegend ist sogar die Erwägung, ob denn das die 
einzige Zwischenstufe gewesen sein möge. Derartige Hilfsmittel zum 
Verständnis vielgelesener Schriftsteller pflegen ja in wesentlich an- 
derer, ungebundenerer Weise fortgepflanzt zu werden, als die ge- 
hüteten Texte selbst, je nach den besonderen Bedürfnissen der Zeit, 
für die sie bestimmt sind. Um auf dem medizinischen Gebiete zu 
bleiben, erwähne ich nur das Hippokrateslexikon des Galenos, das 
zwar ein Teil unserer Hse. im Original überliefert, der andre jedoch 
in wesentlich verkürzter Form: ohne Vorrede, mit Weglassung eines 
starken Fünftels des Glossenschatzes und mit häufiger Epitomierung 
und Umstellung des beibehaltenen Restes. Ob freilich im Falle des 
Erotianos die Differenz zwischen B2 und der von Nachmanson einge- 
führten Fassung B 1 beträchtlich war, läßt sich durch die von ihm 
entdeckten Indizien nicht entscheiden. 

1) Die Polemik gegen Krumbacber auf S. 283 f. beruht auf einem Mißver- 
ständnis. Wenn dieser, die falsche Datierung de« Vaticanui (mit aller Vorsiebt) 
in seine Rechnung einsetzend, Byz. Litt.-Gesch. 1 S. 688 sagt: 'andrerseits soll eine 
Bandschrift des Gregorios dem XIII. Jlidt. angehören 1 , so will das kein 'Argument 
für eine Her Unterdatierung' sein, sondern lediglich die Zeit angeben, über die 
nicht heruntergegangen werden dürfe. 



Original from 
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Nachm&DBon, ErotUnstudien 309 

Im IV., umfangreichsten Kapitel des Werkes, das den Kern des 
Ganzen ausmacht (S. 260 — 460), wird die ursprüngliche Reihenfolge 
der Glossen hergestellt Ich habe es mit besonderer Freude und 
Genugtuung durchgearbeitet, weil der Verf. mit größter Umsicht und 
Ausdauer einen Weg ausgebaut hat, dessen Richtung ich vor fünf- 
undzwanzig Jahren gewiesen hatte. Ohne Festlegung der Textatelle, 
woraus jede einzelne Glosse entnommen ist, kann das Glossar seine 
wichtigen Dienste für die Erklärung und Kritik des Hippokratischen 
Corpus nur unvollkommen leisten. Eine Wiederherstellung des Ur- 
gloßsare (A) ist zwar unmöglich, des Herausgebers Aufgabe bleibt 
nur die Recensio und Emendatio der alphabetischen Umarbeitung un- 
serer Hss. (B2) und der aus den Hippokratesscholien von A gewon- 
nenen Fragmente (sowie der unbedeutenden xXäauÄta von B 1 aus 
Gregorios) — das oben erwähnte Verfahren des Epitomators erlaubt 
jedoch, die alte Glossenfolge noch jezt in der Hauptsache wieder- 
zuerkennen und damit meistenteils zu bestimmen, welches Buch, welche 
Stelle des Corpus Erotianos erklären wollte. Diese Ortsbestimmungen 
der etwa 800 Glossen möglichst vollständig vorzunehmen, eine unum- 
gängliche Pflicht für den künftigen Herausgeber, hat sich Nachmanson 
unverdrossen angelegen sein lassen ; er hat bei dem bedeutenden Um- 
fang des Fundgebietes und dem problematischen Zustande des größten 
Teiles der Texte ein gewaltiges Stück Arbeit erledigt und damit zahl- 
lose Einzelfragen beantwortet oder ihre Lösung vorbereitet. 

Auf 37 Schriften werden die Glossen nach Maßgabe der von dem 
Erklärer eingehaltenen Reihenfolge der Hippocratica und nach dem 
Verlauf ihres Textes verteilt. Dabei sieht sich der Verf. genötigt, 
in einigen Punkten von meiner Liste abzuweichen oder seinem Zweifel 
Ausdruck zu geben; wir müssen ihm für seine Ssütspou ypovriSec;, die 
den überall aufschießenden Problemen mit größter Energie und 
völliger Beherrschung des weitschichtigen Stoffes zu Leibe gegangen 
sind, ungemein dankbar sein. Daß manche Punkte unsicher bleiben, 
hat Nachmanson selbst unverhohlen ausgesprochen ; unsere Mittel sind 
zu völliger Aufklärung bisweilen untauglich. So hat der Versuch gar 
keine Wahrscheinlichkeit für sich, unter die von Erotianos zuerst be- 
rücksichtigten semeiotischen Schriften ') das in seinem Index nicht 

1) Erotianos schließt sein Vorwort (S. 36, 19 Kl.) : ir.tl wir« ™ä; ßeßahu; 
'IniroxpaTO'j; ).^ojj.cv clvat, &i033xa?.i'a; ej;/;joj 2vexev dpx?4ov oüv äv ii») d~*> t*öv oi]- 
fiiuu-rudiv ... N. bringt S. 268, 1 Belege für die 'gebräuchliche Redewendung' 
fttoftsxai.fe tJtjTjpLo;; dagegen ist das Wortspiel ttafpou — orjjutumxäjv natürlich 
Eigentum des Verfassers und charakterisiert diesen Stilkünsüer ähnlich wie die 
Wendung in der Polemik gegen Bakcheios (S. 37, 8); oix «Xöttum U oi r>.avu)|ttvoi, 
OAa 'i>c tixöj i-Xiirfit* xjtöv 'HpöfptXos 0'jviüvup.ov 8cl; tö dX'!t«iv tili rj.-i.-iz'dii. 






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310 Gott. gel. Am. 1918. Nr. 7 n. 8 

erwähnte Werk Ihpl ätaitTjc aufzunehmen. Wegen seines Umfangs? 
Weil es 'zu den in der Antike am meisten behandelten Hippokrates- 
schriften gehört 1 (S. 281)? Er hielt es eben nicht für Hippokratisch 
und wird es deshalb bei Seite gelassen haben, wie ja auch Galenos 
ihm keinen Kommentar gewidmet hat, obwohl er es wenigstens zum 
Teil für 'des Hippokrates würdig' erklärt. Die wenigen einschlägigen 
Glossen sind anderweitig zu Hause. — Die Zuweisung von Glossen 
an die Schrift ITspl y öenoc av$p<o7too, die bei Erotianos in der zweiten, 
physiologisch-ätiologischen Gruppe an zweiter Stelle glossiert war, 
gibt Anlaß zu einem Dilemma. Ich hatte früher angenommen, der 
Glossograph habe den letzten Abschnitt davon, Ilspi 5'.a£rr]<; o-ristvijc, 
getrennt behandelt, wie dieser im Altertum vielfach sogar einem an- 
dern Verfasser zugeschrieben worden ist, und setzte das Schriftchen 
nach Maßgabe der Glossenfolge in die dritte, therapeutische Gruppe 
an dritte Stelle. Nachmanson macht eine anderweitige, von Wellmann 
stammende Lösung der Schwierigkeit geltend und erörtert eingehend 
(S. 314 ff.), die Lemmawörter an jener Stelle 1 ) seien nicht aus ITspl 
Stattt]; oYisivfjc entnommen, sondern aus der verlorenen hippokrati- 
schen Schrift T-risivöv, der Quelle dieses Abschnittes. Ich stehe nicht 
an, dieser Hypothese den Vorzug zu geben. — Das Material zu flspt 
cdzuiv xwv xatä £v&po>7cov erlaubt den Nachweis (S. 339), daß Kap. 47 
am Schlüsse dieser Schrift") auch von Erotianos dort gelesen worden 
ist. Es handelt von Frauenkrankheiten und bildet einen anscheinend 
unorganischen Anhang. Van der Linden und zwei Jahrhunderte 
später Ermerins haben es darum abgetrennt und an die Spitze von 
rovatxetcdv ß gestellt; Nachmanson schließt sich ihnen an. Ich würde 
das kaum wagen, wenn ich das Buch herauszugeben hätte; denn an- 
dere Möglichkeiten sind nicht ausgeschlossen. Sehen wir zu, wie jetzt 
das Problem für uns liegt, seit es durch Nachmansons Feststellung 
bis ins Altertum zurückgeführt worden ist. Jenes Schlußkapitel des 
Buches Ilepi tö;tü>v xtöv xati Ävdpwjrov — ine. Tä ■pvaixeta voasö[i.xta 
xaXs'jjieva VI 344 L., expl. tä xataiujvia xaXsou,sva VI 348 L. — be- 
ginnt mit dem Satze, sämtliche (Frauen-)Krankheiten seien aus einem 
Punkte zu erklären : al oat^pat r&vtmv twv vo<37]u.äTa>v alttat «lotv. Nach 
dieser kurzen ätiologischen Behauptung werden systematisch die Sym- 
ptome einzelner Gebärmutterleiden, die durch Lageveränderung ent- 

1) Bei der Besprerhung der Glosse 4).{;«39:k • ßoij&rji» . o&iv xi\ -rö dX«£i- 
(p'o'Asxo*. hatte N. S. 315, 1 nicht nach einem Standorte doa Worte» dXi$tip4ppAX0v 
im Hip|)okratischen Corpus za forschen brauchen. Erotianos hat keinen solchen 
im Auge, sondern denkt an das ihm geläufige, z. B. von Nikander gebrauchte 
Wort, den er ja eelbst wiederholt zitiert. 

2) Parisinus A, die beste Hs., schließt schon mit Kap. 44 (VI 340, 2 L.). 






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Nachmanson, Erotian Studien 311 

stehen, aufgezählt; es folgt (344,23) ebenso systematisch die Therapie ; 
eine gelegentliche Bemerkung über Verschiedenartigkeit des Monats- 
flusses schließt den Abschnitt. Dieser kann nun entweder absichtlich 
hinzugefügt worden sein, sei es vom Verfasser, sei es von einem an- 
tiken Herausgeber, oder die Hinzufügung ist rein äußerlich zustande 
gekommen. An die zweite Möglichkeit glaube ich nicht, obwohl in einer 
antiken Liste Ilspl töäwv täv xati Ävfyxojtov und rovatxstwv ä ß neben- 
einander gestanden haben 1 ); denn was man bei einem Kodex Ver- 
heftung der Quaternionen nennt, läßt sich nicht auf Buchrollen über- 
tragen. Der Zusatz wird vielmehr mit Absicht gemacht worden sein, 
und zwar, nach unsern sonstigen Erfahrungen im Corpus, höchst- 
wahrscheinlich bei der Diaskeuase. Die charakteristische Darlegung 
aus dem Werke eines Gynäkologen, in der ein Organ als Grund- 
ursache der Leiden anderer Körperteile erwiesen wird, schien geeignet, 
die These des Verfassers der Schrift Ilspl td^cov t. x. 5. zu erhärten : 
toö 5s oa>iiatoc tdt (liXsa sxaata tö etspov T(j> eraptp, 5*dt«v svda $\ 
Svda 6p(j.7Ja-Q (seil, to vä<ri]u^a) f voöoov napaottea notstt, y) xoiXEtj t$ xs- 
tpaXfl xtX. (VI 276, 8 L.), und zu der von diesem vertretenen Lehre 
von den 'Flüssen 1 (£öo:) fügte er die vom pöoe ta xatau^vta xocXsujisva 
(VI 344, 12. 346,10. 348,15). Daß der Diaskeuast dieses Stück ge- 
rade vom Anfang des 2. Buches der rovaixsia genommen habe, ist 
durch nichts erwiesen, begegnet sogar vielleicht Bedenken ■). — Unter 
den Therapeutika widmete Erotianos seine Erklärertätigkeit auch zwei 
Werken Ilspl votouv ä ß. Die Glossierung ermöglicht den Nachweis, 
welche Werke unserer handschriftlichen Betitelung darunter zu ver- 
stehen sind (die von der Erotianischen abweicht, wie auch Galenos 

1) Erotianos nennt sie zusammen in seiner Vorrede S. 36, 14 KI.; noch im 
Index des Vaticanua gr. 276 (V) folgt auf Nr. 20 x r.tpi Teltow täv xari ävftpuirov 
unmittelbar Nr. 21 xä rtepl 7uvatx*(u>v ä ß, und diese Reibenfolge ist auch in V 
selbst innegehalten. 

2) Ein Zusammenhang, wie Ermerins II S. XCIU annimmt, ist nicht vor- 
handen, denn die pathologischen ^*Joi (Kvjxtz, irjppö;, ip-j&p^:) am Anfang von Tu- 
vatxifuv ß sind etwas anderes als die Katamenien am Ende des fraglichen Stückes. 
Uebrigens fällt auf, daß in Tuvanuturj .i der MonatsfluÖ niemals, wie dort, x«a- 
f.'-r J v.a heißt, sondern i::\ixr\-.'.i, wenigateus in der besten Ueberlieferung, dem Vin- 
dobonensis ft, die auch VIH 293, 4 bei Littre" (ebenso in ä z. B. VIII 34, 6 ; 40, 13) 
einzusetzen ist. Da für das Schlußkapitel IIipl xfam tüv xati ävdpumov eine ent- 
sprechend gute Ueberlieferung fehlt, ist es freilich mißlich, die Verschiedenheit zu 
betonen, denn imp^via kann daraus wegglossiert sein. Kxrsp^vta ist im Corpus, 
abgesehen von den Aphorismen, verhältnismäßig selten und wird erst später, neben 
einigen anderen, gebräuchlichster Fachausdruck. 'Eniji^vta (auch später noch ge- 
braucht) herrscht in den gynäkologischen Büchern des Corpus vor; in den Epi- 
demien, Prorrhet. I, Coac. praenot., De liqu. us. heißt dagegen der sehr oft er- 
wähnte physiologische Vorgang -cd YMtxtftt (s. a. Soran, Gyn. I 19 S. 134 ff. R.). 






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312 (iött. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

wiederum eine abweichende vertritt), nur sehr mangelhaft. Meine 
früheren Gleichungen (abgedruckt bei Nachmanson S. 401) werden von 
dem Verfasser in einem Punkte angefochten: Erotians a entspreche 
den Büchern Ilspl voöawv ä, Ilspi £ß5op.£Äa*v, Ilspl voöawv J (nicht ß) 
unserer Hss. (nach Galenos Ilspl vot>a<ov ä oöx öp$ü>c k7tif£fp<x\i.\Uvov r 
ä -6 |itxpöTEpov, ß xb (uxptftepov) ; Erotians ß umfasse in den Hss. 
Ilspl voüocüv ß (nicht 7) und Ilspl tüv evtöc rcadüv (nach Galenos a 
xb |istCov, ß xb [istCov). Aus dem Glossar ist hierfür keine Entschei- 
dung zu gewinnen; ich selbst habe (Griech. Studien H. Lipsius dar- 
gebracht S. 33 fF.) aus äußeren und inhaltlichen Gründen den Beweis 
geliefert, daß Ilspl IßSoitiScov und Ilspl voöoüw Y einerseits, Ilspl voö- 
ocüv ß und Ilspl xwv Jvtöc «a^wv andrerseits zusammengehören (s. 
Nachmanson S. 413), ohne freilich damals auf Erotianos zurück- 
zukommen und dieses Ergebnis auf ihn anzuwenden. Ich zweifle 
nicht, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht es zu tun, wie Nach- 
manson vorschlägt, habe auch bereits (a. a. 0. S. 39) für Ilspl £ß5op.£- 
dcov und Ilspl voöoiov y den gemeinsamen Titel Ilspl voöacov für eine 
ältere Zeit vermutet. Daß Ilepi voüowv a der Erotianischen Vorrede 
(S. 36, 14 Kl.) außer dem genannten Doppelbuche auch noch Ilspl voö- 
<3(ov et unserer Hss. umfaßt hat, was am Anfang des Ganzen stand, 
wird durch die Glossenordnung sichergestellt. Formell ist diese der 
Alexandrinerzeit zuzuschreibende Verbindung rein äußerlich; inhalt- 
lich sind Berührungspunkte allerdings vorhanden, wodurch die unge- 
schickte Zusammenstellung wenigstens erklärlich scheint, denn kni- 
dische Lehre ist auch hier zu erkennen, wie in den übrigen von 
Erotian gelesenen Krankheitsbüchern. Wenn nun freilich Nachmannson 
in diesem Zusammenhang auch Ilspl voöawv 5 behandelt, woraus die 
einzige Glosse xTjptüv xTjpteu X^ovtat ai rcXateiat eXu,iv#sc; (S. 89, 7 Kl.) 
entnommen sei, so geht er mit dieser Vermutung in die Irre. Soll 
Erotian unter Ilspl voöowv ß auch noch das inhaltlich abseits stehende 
vierte Buch einbegriffen haben? Dafür fehlen die Beweise gänzlich, 
denn X7]piu>v ist keiner. Gewiß wäre an und für sich Nachmansons 
Ausweg gangbar, daß die Worte rcspl iX(uvdcov *ü>v fiXatsiüv VII 594, 
18 L. den Urtext iccpi tüv xTjpuov verdrängt haben könnten, und wir 
hätten dann wenigstens einen ganz schwachen Anhalt. Aber gerade 
in diesem Kapitel ist solche Wegglossierung undenkbar, nicht nur, 
weil sie dann gleich an einer ganzen Reihe von Stellen anzunehmen 
wäre, sondern vor allem, weil darin die EXu.tv$e<; tcXsusicu ausdrücklich 
mit den crpo^-föXcn zusammengenannt und ihnen gegenübergestellt 
werden (VUI596.4. 8. 10 L.). Immer noch wahrscheinlicher dünkt 
mich dann doch die Herkunft aus 'ErciS-^ C (V 420, 19). Es wäre 






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Nachmanson, Erotianstudien 313 

dann xtjptyc zu lesen 1 ) (x-npttov A: xopC»? LO: xoptcac M), das dort 
durch tf}c TtXaTEETjc aus dem Texte gestoßen sein müßte, und wir 
hätten zwar eine starke Versetzung der Glosse in der Epitome an- 
zuerkennen, andrerseits aber einen bisher fehlenden Beleg gewonnen 
für die Berücksichtigung des in der Vorrede mitaufgezahlten siebenten 
Epidemienbuches. Ich halte die Glosse für zusammengestrichen. 

Die bei der mühevollen Lokalisierung geleistete Präzisionsarbeit 
hat für die Hippokratesforschung einen reichen Schatz aufgehäuft, 
wie er selten gleichzeitig zu Tage gefördert worden ist. Begrüßen 
muß man dabei, daß nicht allein philologische, sondern auch sprach- 
wissenschaftliche Methode geübt wird. Ein bedeutendes Interesse der 
Sprachwissenschaft an den kostbaren Resten der ältesten griechischen 
Medizinerliteratur ist unzweifelhaft vorhanden, und es lag großenteils 
nur an der Rückständigkeit vieler Texte, wenn diese bisher nicht 
immer nach Gebühr ausgenutzt worden sind. Das Corpus Medicorum 
steht im Begriffe hier Wandel zu schaffen ; wie fruchtbar die Beherr- 
schung der Sprachwissenschaft schon bei seinem Aufbau mitzuwirken 
vermag, zeigen diese *Erotianstudien\ 

Nach erfolgreicher Lösung seiner Hauptaufgabe wendet sich der 
Verfasser im V.Kapitel (S. 461— 498) zur zusammenfassenden Dar- 
legung der Arbeitsweise des Glossographen und der Komposition des 
Werkes, soweit beides für die künftige Edition in Frage kommt. Er 
sammelt (1) die Fälle, in denen je nach der Gelegenheit mehrmals 
die gleiche, eine ähnliche oder eine abweichende Erklärung desselben 
Wortes gegeben wird, vereinigt (2) inhaltlich Verwandtes, unter- 
sucht (3) Wortgebrauch und Stil der Erklärung, den Umfang der 
Lemmata (4) und die Aenderung ihrer Flexionsform (5), endlich be- 
müht er sich (6) ein Bild von der Tätigkeit der beiden nachgewie- 
senen Epitomatoren zu entwerfen. Für die Textkritik ist der fünfte 
Punkt nicht unwesentlich: die Stichwörter aus Hippokrates sind sehr 
oft verändert, freilich nicht durchweg nach festen Regeln. Hierüber 

1) xr)pfij igt in Beiner zoologischen Bedeutung 'Bandwurm' bisher zwar noch 
nicht belegt, wird jedoch darin durch eine Analogie gestützt. Bei hellenistischen 
Aerzten bezeichnet xvjpla 'Binde 1 , z. B. in einem chirurgischen Londoner Papyrus 
(herausg. von Kalbfleisch, Kostocker Lektionskatalog Sommerhalbj. 1902) aus He- 
liodoros (vgl. Oribas. XL1X y, 22 ; 22, 14 usw., Crönert, Arch. f. Papyrusforsch. 
II 475), sowie bei Soranos, Gynaec. II 69; Gl (S. 358, 8; 363, 8 R.); vgl, xatpfa aus 
Herablai bei Oribas. XLVIII 1 ff. (IV 253ff. B.— D., dazu Schol. S. 637,6) und 
Thes. 1. gr. s. v. xetpfo. Es scheint eine ähnliche Ucbertragung stattgefunden zu 
haben, wie sie bei taivfy vorliegt, das zwar im Hippokratischen Corpus nur 'Band* 
heißt (s. II. vo\»3. ß~ VII 92, 13 L.), spater aber und noch heute bekanntlich den 
'Bandwurm' bezeichnet. 






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514 Gott. gel. Anz. 1918. N'r. 7 u. 8 

klar zu sehen ist notwendig für das Urteil über ihren Ursprung wie 
über Erotians Hippokratestext. Es ergibt sich, daß statt der Casus 
obliqui dieses Textes häufig im Glossar als Stichwörter Nominative 
eingesetzt sind, zuweilen Akkusati ve, in einigen Fällen der Plural des 
Körnens statt des Singulars der Ursprungsstelle, von Adjektiven gern 
das Neutrum, bei Verbalformen der Infinitiv praes. oder aor. t auch 
wohl die 3. Person sing, des Indikativs. Zweifelhaft ist mir Nach- 
mansons Ansicht, der Akkusativ des Lemmas sei lediglich deshalb 
bevorzugt worden, weil 'dieser Kasus wie der Nora, als ein mehr all- 
gemeiner, umfassender empfunden' worden wäre (S. 488), wie nahe 
auch dem Sprachhistoriker die vorwiegende Rolle des Akkusativs in 
späterer Zeit liegen mag. Ich glaube, daß sich die akkusativischen 
Lemmata, soweit sie nicht aus Hippokrates unverändert übernommen 
sind 1 ), der Satzkonstruktion des Erklärers anschließen, mag nun ein 
Verbum wie X£?st, xaXsi, ip-qol durch die Epitomierung weggefallen 
oder stillschweigend zu ergänzen sein, wie sich das vielfach sonst in 
der lexikographischen Literatur findet. Für Einsetzung des Neutrum 
Bing, bei adjektivischem Lemma ist bereits die Vorrede typisch 
(S. 35, 15 KL): ooSetc autüv äj^fcltai . . xb xsp^vüSsc . . xai zb <pok- 
XixäÖsc, wo bei Hippokrates Neutra plur. stehen; daß der Glosso- 
graph umgekehrt neutrale Pluralformen für andere im Sing, einge- 
setzt habe, ist wahrscheinlich. 

Das VI. Kapitel (S. 499—545) zieht die Folgerungen über das 
Verhältnis der Erotianüberlieferung zum Hippokratestext. Es be- 
schäftigt sich erst mit den Lemmata, dann mit den Zitaten. Die 
auch hier aufs eingehendste geführte Untersuchung beginnt mit den 
von Erotianos selbst angegebenen Varianten der Lemmata und stellt 
die Tatsache fest, daß er zwar sprachliche, aber keine philologischen 
Interessen in unserm Sinne verfolgte, wenn er von txvufpaya spricht, 
wobei einleuchtend vermutet wird, daß er jene Varianten aus des 
Bakcheios A££eic, seiner Hauptquelle, geschöpft, nicht durch eigne 
Handschriftenvergleichung gewonnen habe. Das hat ihm wohl auch 
kaum jemand zugetraut. Es wird sodann die einheitliche Ueberliefe- 
rung der Hippokrateshss. verglichen und durch lange Listen veran- 
schaulicht, wo einerseits der Erotiantext durch diese, andrerseits 
Hippokrates durch Erotianos verbessert oder vervollständigt wird, 
indem Verderbnisse, Vulgarisierungen und eingedrungene Glossen in 
großer Zahl systematisch zusammengestellt werden, die das Glossen- 

1) Dazu rechne ich allerdings auch ß&Xßo'v S. 59, 10 Kl. rv ßoXßoO VIII 
16G, 7 L., denn hier haben wir nur eine Kürzung des akkusativischen Lemmas 
(So/.ßoO -coü Xrjxoi xapröv f, tö ävbo;. K. scheint dieselbe Ansicht gewonnen zu 
haben; 8. die letzte Zeile seines Buches S. 574. 






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Nachmanson, Erotianstudien 815 

■werk aufdeckt 1 ). Weiterhin werden die wichtigsten Hippokrateshss. 
einzeln für sich in ihren abweichenden Lesarten der Ueberlieferung 
bei Erotianos gegenübergestellt und beurteilt, zuletzt die Zeugnisse 
des Apollonios von Kition, Artemidoros Kapiton und Dioskurides so- 
wie Galenos verhört. Außerordentlich viele Spezialfragen finden da- 
durch Entscheidung; das Gesamturteil fällt in dem Sinne aus, den 
ich in meinen Prolegomena zu Kühleweins Hippokrates (S. XXXII ff.) t 
freilich nur kurz, zum Ausdruck gebracht habe. — Die Hippokrates- 
sitate innerhalb von Erotians Erklärungen werden im letzten Ab- 
schnitte behandelt; sie sind teils der gerade zur Erklärung vorlie- 
genden Stelle entnommen (£v&ä5s-Zitate), teils anderswoher beigebracht 
(ÄXXodsv-Zitate). Beide Gattungen erweisen sich, wie bei der be- 
kannten freieren Zitierart der Alten, z. B. Galens, vorauszusehen war, 
in hohem Grade ungenau und deshalb philologisch nur wenig brauch- 
bar; der Verfasser selbst, oder wer sonst die betreifenden Stellen 
zuerst herangezogen hat, verließ sich vielfach auf das Gedächtnis, 
schon um sich die Unbequemlichkeit der Einsicht in die verschiedenen 
.Schriftrollen zu ersparen und weil es ihm beim Erklären der Wort- 
bedeutung auf weitere Einzelheiten des Urtextes gar nicht ankam. 
Einiges Positive fällt immerhin auch hier ab. — Anhangsweise gibt 
der Verf. eine kritische Uebersicht über die Zitate aus anderen Autoren, 
aus denen xP^ ost c angeführt werden und deren Fragmente haupt- 
sächlich das wissenschaftliche Interesse an Erotianos seit der Zeit 
wach erhielten, in welcher sich die neueren praktischen Mediziner 
vom Studium des Hippokrates abgewendet hatten. Die grammatischen 
Gewährsmänner bleiben vorläufig unberücksichtigt, da Nachmanson 
sich eine genaue Quellenanalyse für später vorbehält, die neben He- 
sychios und den Aristophanesscholien namentlich das Hippokrates- 
glossar und die Kommentare des Galenos heranziehen wird (S. 468, 2). 
Unter den Indices (S. 546— 571), die über den reichen Inhalt des 
Werkes Rechenschaft ablegen, ist Nr. IV von besonderer Wichtigkeit, 
denn er enthält ein vollständiges nummeriertes Verzeichnis sämtlicher 
Fragmente und Glossen des Erotianos, ebenso eine Uebersicht über 
die sehr zahlreichen ausführlicher behandelten Hippokratesstellen, wo- 
durch die Benutzung sehr erleichtert wird. Aber auch im Zusammen- 
hang liest sich das umfangreiche Werk gut, für Uebersichtlichkeit ist 
in jeder Weise gesorgt, Güte und Korrektheit des Druckes anzuer- 
kennen; wegen einer Reihe von Solözismen gehen wir mit dem Aus- 
länder nicht ins Gericht. Die Umsicht im Aufwerfen aller Probleme, 

1) aifj.oxlp£vovTa statt aip.4xcp£va gibt die Erotianüberlieferung 'einhellig' 
.(Nachmanson S. 506) nur S. 42, 9 Kl. ; die richtige Form cüfiöxipxva (von Heriuga 
bei Hipp. Epid. IV t. V 180, 2 L. eingesetzt) steht in Erotians Vorrede S. 35, 18. 






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316 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

die Gelehrsamkeit und liebevolle Sorgfalt, womit ihnen bis ins ein- 
zelnste nachgegangen wird, lassen eine vorzügliche Ausgabe mit 
Sicherheit erwarten. Diese 'Erotianstudien' sind ein Prodromus, der 
sich sehen lassen darf und eigentlich schon jetzt eine Besiegung der 
großen Editionsschwierigkeiten auf der ganzen Linie darstellt, soweit 
sie mit den vorhandenen Mitteln überhaupt erreicht werden kann. 

[Korrekturnote. Bevor die obige Anzeige gedruckt werden konnte, 
ist Nachmansons Ausgabe bereits erschienen, und zwar vorläufig in der Collectio 
scriptorum veterum Upaaliensia: Erotiani Tocum Hippocraticarum coUectio cum 
fragmentia. Gotenburg, Eranosverlag 1918.] 

Leipzig Johannes Ilberg 



Geistlicbe Gedanken eine s National-Oekonomen von Wilhelm Rö- 
scher. Mit einem Bildnisse des Verfassers aus dem Jahre 1893, in Heliogravüre. 
Neue Ausgabe zum hundertsten Geburtstage des Verfassers, 21. Oktober 1917. 
Dresden, v. Zahn und Jaenach 1917. XXXIV, 203 Seiten. Kart. 2,50 M. 

Es ist vielleicht bei keiner der Wissenschaften, die herkömmlich 
in dem Unterricht der Deutschen Universitäten vertreten sind, ein© 
so starke Wandlung während des letzten halben Jahrhunderts vor 
sich gegangen, wie in der Wirtschaftswissenschaft. Hierbei denke ich 
nicht an die Veränderungen, die von innen heraus erfolgt sind und 
nicht sowohl den Unterricht als die Forschung betreffen, die freilich 
auch ihrerseits sehr erhebliche waren, für die man aber wohl von 
manchem anderen Fache Gleiches und Größeres nachweisen könnte. 
Ich meine vielmehr die Wirkung nach außen, die Entwicklung der 
Zuhörerschaft, den Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben, das 
Interesse der Zeitgenossen in jüngeren und älteren Jahrgängen, die 
Vermehrung der Lehrstühle und Lehranstalten, die Lehrerfolge nach 
Art und Menge. Bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus war 
der Zustand meist ein derartiger, daß mit wenigen Ausnahmen und 
selbst bei den größeren Universitäten das Gegenteil von dem das ge- 
wohnte war, was wir heute ziemlich allgemein vorfinden. Ein Zustand, 
der uns öfters wie ein Rest jener verfallenen Universitäten des acht- 
zehnten Jahrhunderts anmutet, da die Inhaber der Stellen müasige 
Pfründner waren, die nicht einmal am Orte ihrer Universität lebten, 
Stellen, die trotz des Wechsels der Personen gelegentlich ihre Tradi- 
tion behaupteten. Derartiges wurde freilich dadurch befestigt, daß 
der nahezu alles umfassende Apparat des staatlichen Prüfungswesens 
dieses Fach draußen ließ. Derselbe Grund besteht innerhalb der 
preußischen Staatseinrichtungen noch heute im Wesentlichen fort. Er 






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Röscher, Geistliche Gedanken eines Xational-Oekonomen 317 

hat aber aus andren Gründen seine Kraft mehr und mehr eingebüßt. 
Zumal seit dem letzten Menschenalter. Weiter zurück war er von 
solcher Bedeutung, daß Wilhelm Röscher seine Leipziger Erfolge auf 
dem Berliner Lehrstuhl gefährdet glaubte, wenn er den Ruf dorthin 
(1869) ohne diese pädagogische Waffe annahm, daher ihn ablehnte. 

Röscher hat reichlich vierzig Jahre lang an der Leipziger Uni- 
versität gelehrt, nachdem er aus Göttingen im Jahre 1848 dorthin 
berufen war, um HansBen zu ersetzen, der an Roscher's Stelle nach 
Göttingen berufen wurde. Diese Wirksamkeit machte ihn zu dem 
berühmtesten Lehrer des Faches in Deutschland, unterstützt von 
seinem Lehrbuch, das gewisse historische Gesichtspunkte in den Stoff 
der herkömmlichen Disziplin hineinleitete, aber namentlich in ge- 
schickter Weise die Einführung in das Fach für Anfänger vermittelte. 
Ob die Fortschritte der historischen Richtung über ihn hinaus, die 
einige Männer der auf ihn folgenden Generation für sich in Anspruch 
nehmen, eben so groß gewesen sind, wie diese meinen, muß dahin- 
gestellt bleiben. Die Abschaffung der Logik, die einer der äußerlich 
Erfolgreichsten im eigenen Interesse vornahm, kann kaum als ein 
Fortschritt gelten. Um so weniger ist zu bestreiten, daß Röscher als 
Typus eines deutschen Professors und gerade eines Professors in un- 
serem Fache durchaus einem andren Zeitalter angehörte als seine 
Nachfolger und teilweise eben jene, die den Anspruch erhoben, eine 
neue historische Schule zu begründen. Verschieden von diesen stand 
er dem öffentlichen Leben fern. Er ist auch, als die Zeit des Deut- 
schen Reiches gekommen war, das ihn noch in den besten Jahren 
der Kraft fand, sich selber treu geblieben. Er hat nicht am Staats- 
leben, nicht am Wirtschaftsleben bemerkbaren Anteil genommen, am 
wenigsten in den nach der Breite der Oeffentlichkeit wirkenden 
Formen. Und ich zweifle, ob er selbst auf dem Boden von Berlin 
ein andrer geworden oder wohl gar in das Agitationswesen der Par- 
teien hinabgestiegen wäre. Auch jene berechnetere Rolle des Bera- 
ters und Vermittlers zwischen Staatsverwaltung und Wissenschaft 
würde er kaum gesucht haben. Ja, nicht einmal innerhalb der be- 
rufsmäßigen Ausübung seines Amtes würde er jenen Durst nach Herr- 
schaft und Ränkespiel entfaltet haben, der dort und anderswo so tiefe 
Wurzeln geschlagen und so unerfreuliche Früchte getragen hat. Er 
war schlechtbin ein deutscher Professor der alten Zeit, wohlmeinend, 
bescheiden, unscheinbar, ein Gelehrtenleben führend und im höchsten 
Maße ein frommer Mann. Das vorliegende Büchlein gibt von der 
letzteren Eigenschaft ein Zeugnis. 

Es erschien zum ersten Mal bald nach dem Tode des Verfassers 
(1895). Es ist jetzt neu herausgegeben worden zu seinem hundert- 






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S18 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

jährigen Geburtstage. Weder der Form noch auch dem Inhalte nach 
ist es ein wissenschaftliches Buch. Vielmehr ist es eine Sammlung 
von religiösen Sentenzen, deren erster Teil (Seite 1 bis 108) bei Leb- 
zeiten für diese Bestimmung aufgezeichnet war, deren zweiter Teil 
(109 bis 192) aus den wissenschaftlichen Werken (volkswirtschaftlichen 
und politischen) nachmals ausgelesen ist. Sie sind daher auch nicht 
zu einer wissenschaftlichen Kritik gemacht, wohl aber mögen sie in 
einzelnen Proben als merkwürdige Denkmale dieser, einer vergangenen 
Zeit angehörenden, Persönlichkeit dienen. Wie immer die Mitglieder 
der heutigen Theologenfakultäten darüber denken (was uns nicht be- 
rührt), so darf gesagt werden, daß innerhalb der staatswissenschaft- 
lichen und verwandten Fächer Deutschlands ähnliche Ansichten selten 
geworden sind. 

Um wenige Monate ist Röscher im Tode dem älteren Fach- 
genossen Georg Hanssen vorangegangen. Er war mit Göttingen, dem 
seine jüngeren Jahre gehörten, verbunden als Mitglied unserer König- 
lichen Gesellschaft der Wissenschaften. Zum Gedächtnisse Hanssen's 
zu reden bin ich damals aufgefordert worden und habe es getan. 
Roscher's ist nicht gedacht worden. Mag diese kurze Erinnerung hier 
ein bescheidener Ersatz sein, der verspätet kommt 

Wir begnügen uns mit einer Auslese charakteristischer Worte. 

> Viele Skeptiker werden schon durch ihren eigenen Tod widerlegt 
werden. Sobald die Seele nach den etwaigen Stürmen des Todes- 
kampfes aus ihrer Betäubung oder dem vielleicht regelmäßig zunächst 
eintretenden Schlafe erwacht, wird sie mit tiefer Beschämung, viel- 
leicht mit heimlicher Freude gewahr werden: also lebe ich doch nocbl 
Ein bedeutsamer Anfang, freilich nur ein Anfang, auch was die bloße 
Erkenntnis anbetrifft. Denn Gott schauen können nur die 'so reines 
Herzens sind'. Aber ich bin überzeugt, daß z. B. Schiller nach seinem 
Tode nur eines kleinen Staarstiches bedurft hat, um rasch ein sehr 
guter Christ zu werden; was ich von Goethe nicht so bestimmt an- 
nehmen möchte< (S. 7— 8). 

> Spötter, die für sich selbst ein ewiges Leben nicht einmal wün- 
schen, haben den Mißgriff frommer Dichtung, als wäre das Leben im 
Himmel ein stetes Palmentragen oder Psalmensingen, wohl dazu be- 
nutzt, die Ewigkeit des Christen als etwas Müssiges und darum Lang- 
weiliges darzustellen. Wenn ich dagegen nur an zwei, von mir sehr 
geliebte große Männer denke, Sophokles und Shakespeare: was werden 
diese in der langen Zeit von mehr als zwei Jahrtausenden der Eine, 
von mehr als zwei Jahrhunderten der Andere, für Werke geschaffen 
haben! Werke ohne Zweifel, die sich an Vielseitigkeit, Höhe und 
Tiefe zu ihren irdischen Werken verhalten werden, wie der Himmel 






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Röscher, Geistliche Gedanken eines National-Oekonomen 319 

zur Erde, wie die Ewigkeit zur Zeit. Da kann nun Jeder, welchem 
schon aus diesen irdischen Werken Bereicherung, Erhebung und Ge- 
nuß zu Teil geworden ist, wenigstens ahnen, was ihm jene himm- 
lischen Werke bieten müssen. Und nun der Lehr- und Erziehungs- 
beruf, der auch drüben fortdauern kann, und welchem die stete Nach- 
Btrömung der durch ihren Erdentod neu eintretenden Geschlechter 
stets neuen Stoff liefert. Voll Ehrfurcht und Hoffnung verliere ich 
mich ganz in diesen Aussichten .. .< (S. 46— 47). 

>Zu den vielen, gewiß heilsamen, aber zunächst schmerzlichen 
Enttäuschungen, welche unserer Seele nach der Trennung vom Leibe 
wahrscheinlich bevorstehen, denke ich oft an folgende. In jeder 
wachsenden Kunst, noch mehr Wissenschaft steht der Nachfolger, 
auch wenn er persönlich minder bedeutend ist, in gewisser Hinsicht 
doch höher als die Vorgänger. Wie oft wurden jene dadurch zu hoch- 
mütigem Herabsehen auf diese verführt! Kommen nun solche jen- 
seits an, welche Beschämung wird es sein, wenn sie merken, daß die 
verachteten Vorgänger seit ihrer Erdenzeit unendlich gewachsen sind, 
wahrscheinlich viel freier und harmonischer als sie selbst. Da wird 
z.B. der geringste Nationalökonom des 16. Jahrhunderts einem Ri- 
cardo, wie er im Augenblicke seines Todes war, unendlich überlegen 
sein. Die Ueberlegenheit der Einsicht wird sich im Himmel gerade 
umgekehrt verhalten als auf Erden; je älter, je länger also in jener 
Welt heimisch, desto weiter fortgeschritten . . .< (S. 87 — 88). 

>... Ich habe allerdings keinen Begriff davon, wie der Beruf 
eines Kriegers, Richters, Arztes usw. drüben fortgesetzt werden 
könnte .. .< (S. 89). 

>Zu Anfang eines akademischen Semesters pflege ich etwa so zu 
beten : Lieber himmlischer Vater, ich weiß noch nicht, ob es viel oder 
wenig ist, was Du mir diesmal bescheren wirst. Aber ich bitte Dich, 
sind's wenig Zuhörer, die ich heute vorfinden werde, so hilf mir, daß 
mich das nicht entmutige, und daß ich für das Wenige ebenso dank- 
bar sei wie für das Viele. Sind's viele Zuhörer, so laß mich das nicht 
zu Eitelkeit und Sicherheit verführen. Und was den Eindruck meiner 
Vorträge auf die Hörer betrifft, so laß Du, was sie etwa Richtiges 
und Gutes enthalten, Wurzel schlagen und Früchte bringen. Was sie 
Unwahres enthalten, das möge einen kräftigen Widerspruch anreizen: 
so daß unter allen Umständen Dein Reich des Wahren und Guten 
bei mir selbst wie bei meinen Schülern gefördert werde. AmenU 
(S. 45—46). 

>... So könnten Kurzsichtige es auch wohl bedauern, daß unser 
Herr, der in allen menschlichen Verhältnissen das höchste praktische 
Vorbild ist, nicht Ehemann und Hausvater geworden, und somit zwei 






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320 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 7 u. 8 

der allgemeinsten und wichtigsten Lebensverhältnisse ohne sein un- 
mittelbares Vorbild gelassen hat. Aber auch, welche ungeheuren, auf 
die Dauer ganz unhaltbaren und darum zerstörenden aristokratischen 
Ansprüche würden erhoben, wenn es leibliche Nachkommen Christi 
gäbe! Man braucht nur an die Söhne des Zeus, die Herakliden usw. 
zu denken, um die auch in diesem Punkte unvergleichliche Erhaben- 
heit des Christentums über die anderen Religionen zu begreifen <. 
(S. 91). 

Die hier wiedergegebenen Stellen des ßuches mögen manchen 
Andren veranlassen, dasselbe zur Hand zu nehmen. Eine Aufgabe 
für sich würde es sein, den Zusammenhang dieser Geistesrichtung sei 
es mit den wissenschaftlichen Arbeiten Ruschers sei es mit seiner 
Persönlichkeit näher zu erörtern. Vielleicht eine angemessene Arbeit 
für eine dazu gestimmte junge Kraft. 

Göttingen, März 1918 Gustav Cohn 



Berichtigungen. 

S. 164. Paul Maas hat in einem von mir übersehenen, mir jetzt 
durch die Freundlichkeit des Verf. zugegangenen Artikel (Philol. 
LXXII 1913 S. 453) die von Blaß und Mekler vertretene und von 
Demianczuk befolgte Auffassung des Phrynichosfragments Kcou.. 1 als 
Alkäische Elfsilber so schlagend als richtig erwiesen, daß meine Miß- 
billigung nicht am Platze war, das kritische Urteil des Herausgebers 
vielmehr Lob verdient hätte. 

S. 173. Der Satz >Dabei brauchen zunächst Miltiades, Aristeides 
und Perikles gar nicht aufgetreten zu sein<, ist bo ungeschickt ge- 
faßt, daß er zu Mißverständnissen Anlaß geben muß. Daß Perikles 
im Prolog der Demen aufgetreten ist, habe ich ausdrücklich vorher 
gesagt und steht durch sichere Zeugnisse fest. Ich hätte daher 
schreiben sollen: »Dabei brauchen zunächst Miltiades und Aristeides 
gar nicht, und Perikles nicht zum zweiten Male aufgetreten zu seine 
Perikles wird es wohl gewesen sein, der den Plan zur Oberwelt hin- 
aufzusteigen den beiden anderen Größen des fünften Jahrhunderts 
übermittelt. 

Halle (Saale) C. Robert 



Für die Redaktion verantwortüch ; Dr. J. Joachim in Göttingen. 






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Nr. 9 u. 10 September u. Oktober 1918 



4. J. Hartman, De Plutarcho scriptore et philoeopho. Lugduni Ba- 
tavoram: E. J. Brill. 1916. X, 690 S. 8°. M 15.—. 

Ein Buch von 700 Seiten, geschrieben in einem flüssigen Latein, 
das rein formal die Lektüre zum Genuß macht, dabei zum weitaus 
größten Teil aus Konjekturen bestehend — also schon äußerlich ein 
echtes Erzeugnis der Cobetschen Schule. Dazu gehört das feine, in 
langjähriger Vertrautheit mit dem Autor erworbene Sprachempfinden, 
auf der andern Seite aber auch die Begrenzung des Gesichtsfeldes. 
Hartman verfolgt allerdings keineswegs nur textkritische Ziele. Oft 
weist er den Leser auf sein 1910 erschienenes Buch >De Avondzon 
des Heidendoms, het leven en werken van den Wijze van Chaeronea< 
hin, durch das er seinen Landsleuten das Verständnis seines Lieblings- 
autors vermitteln will — qui hie in omnium hominum paulo cuUiorwn 
esse solet matübus, sagt er selbst von diesem Buche in der Vorrede — , 
und auch in dem neuen Werke, das großenteils eine Zusammenfassung 
von früher in der Mnemosyne erschienenen Aufsätzen bietet, schickt 
er der kritischen Behandlung der Einzelstellen allgemeine Bemer- 
kungen über die betreffende Schrift voraus, die er in einem Epilogus 
zu einem Gesamtbilde zusammenfügt. Aber was er hier bietet — 
De Avondzon kenne ich nicht — , ist von einer allseitigen historischen 
Würdigung weit entfernt. H. macht kein Hehl daraus, daß ihm die 
moderne Richtung der deutschen Philologie wenig zusagt. Ein Greuel 
sind ihm Quellenuntersuchungen, zumal ihm der Gedanke ganz fern- 
liegt, man könne Plutarchs schriftstellerische Kunst dann erst ganz 
verstehen, wenn man sich klarmacht, was er aus dem vorgefundenen 
Material geschaffen hat. Aber auch den Versuch, Plutarch in die 
literarische oder philosophische Entwicklung einzuordnen, macht H. 
nicht, und ebensowenig will er den Leser dazu führen, Plutarchs 
Leben und Streben aus dem gesamten Geistesleben der Zeit heraus 
zu verstehen. Ihm ist durch jahrzehntelangen unmittelbaren Verkehr 

Gott. gel. Ans. 1918. Nr. 9 o. 10 21 



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322 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u. 10 

Plutarch ein lieber Freund, ein getreuer Berater geworden. Dazu 
will er auch andern verhelfen, und so legt er das, was ihm bei der 
Lektüre als das Wesentliche erschienen ist, vor, ohne sich viel um 
andre antike oder moderne Literatur zu kümmern. 

Ich bin der letzte, einem solchen Standpunkt die Berechtigung 
zu versagen. Plutarch verträgt und braucht solche Leser, und wer 
Hartmans Buch liest, wird so manche Bemerkung finden, die von 
dem Geschmack und Gemüt des Verfassers zeugt, wird manche Fein- 
heiten Plutarchischer Kunst schätzen lernen, an denen er vielleicht 
achtlos vorübergegangen ist. Er wird seine Freude daran haben > 
wenn er auf jeder Seite sieht, wie hier ein Mann das Wort nimmt, 
dem ein Plutarchbuch wirkliche Herzenssache ist, und welche Kritik 
würde nicht entwaffnet, wenn aus tiefster Ueberzeugung H. über 
Plutarchs Trostschrift an seine Gattin das Urteil fällt : 'Nihil tinquam 
scripsit PlutarchuSj atque adeo nihil scrijrium est unquam, quod huic 
exiguo praestaret libellu"? 

Aber es versteht sich von selbst, daß das Bild, das so entworfen 
wird, sehr subjektiv geschaut ist. H. wird nicht müde den Mann zu 
preisen, der ihm für Plutarchs innerstes Wesen die Augen geöffnet 
hat, qui primus mortalium in vitam revocasse Plutarchum dici potest 
(S. 493), Charles L^veque, dessen 1867 in der Revue des deux Mondes 
erschienenen Aufsatz 'Un mödecin de Tarne 1 H. schon 1903 neu her- 
ausgegeben hat. Ein Arzt der Seele ist auch ihm Plutarch. Aber 
wenn er sich nun nach LeWeques Vorbild diesen Arzt vom modernen 
Leben aus verständlich machen will, mischt sich ihm eine andre Vor- 
stellung ein. Unwillkürlich tauchen vor ihm ehrwürdige Gestalten 
seiner Jugendzeit auf, die wie sein eigner Vater als treue Hirten 
über das geistliche Wohl der Gemeinde wachten. Er erzählt uns 
vom einsamen Pfarrhaus am meerumtosten Deiche, und wenn er Plu- 
tarchs Anekdote von Diogenes und dem in der Kneipe ertappten 
Jüngling dem Leser lebendig machen will, so schildert er, wie das 
einzige räudige Schäflein in des Vaters Herde, das dem Alkohol 
etwas über Gebühr ergeben war, in der Schenke stets den Hut be- 
reit hielt, um beim etwaigen Eintritt des Herrn Pfarrers das Glas 
darunter zu verbergen. Natürlich steckt in dieser Betrachtung ein 
berechtigter Kern. Plutarch selbst hätte die Bezeichnung Seelenarzt 
gewiß für sich gelten lassen, so gut oder mehr als die meisten helle- 
nistischen Philosophen. Aber ebenso gewiß ist, daß er seine Philo- 
sophie nicht so einseitig und so engherzig aufgefaßt haben würde wie 
Hartman, der bei allem, was Plutarch tut und schreibt, die Absicht 
unmittelbarer moralischer Wirkung voraussetzt. Daß bei einem solchen 
Standpunkt man Plutarchs Biographien noch weniger gerecht werden 



Original from 
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Hartman, De Plutarcho scriptore et philoeopho 323 

kann als wenn man sie rein historisch ansieht, ist selbstverständlich 
und auch von H. selbst nicht ernstlich bestritten (667 f.). Aber auch 
den Schriften, die mißbräuchlich nach der von Planudes vorangestellten 
Sammlung den Namen Moralia tragen, wird auf diese Weise vielfach 
Gewalt angetan. Eine einfache petitio principii ist es, wenn die Aetia 
Graeca deshalb für unecht erklärt werden, weil die praktisch- ethische 
Tendenz fehlt. Aber verkehrt ist es auch, wenn H. z. B. als Ziel 
von de fade in orbe lunac die Mahnung herausliest auf eine natür- 
liche Erkenntnis der Erscheinungen ganz zu verzichten. Gewiß gilt 
für Plutarch der Satz <ptXoootp(ac t£Xoc dsoXo^Ea, und was H. über 
Plutarchs heitere Frömmigkeit, seinen frohen Glauben an das Wirken 
der Vorsehung in der Welt ausführt, hat ganz meinen Beifall. Aber 
dieser Glaube bedeutet Plutarch nicht Verzicht auf die wissenschaft- 
liche Welterklärung, und wenn er in de facie die Lehre von der sie 
tö |iioov epopä bekämpft und die Lage von Erde und Mond nicht l£ 
dvtiYXTjc erklären will, sondern Stt ߣXttov fy oGtcoc xex&'/pai (928 a), 
so trägt er diese letztlich an Plato anknüpfenden Gedanken im Zu- 
sammenhang mit einer ganz bestimmten uns auch bei Seneca in den 
Naturales Quaestiones und sonst begegnenden wissenschaftlichen Theorie 
vor, nach der die Welt ein lebendiger Organismus, ein C«j>ov i st > bei 
dem die Lage der einzelnen Teile nicht durch die Schwere, sondern 
durch ihre Funktion innerhalb des Organismus bestimmt wird. Diese 
Theorie selber aber braucht Plutarch, um damit den Haupteinwand 
gegen den Erdcharakter des Mondes zu beseitigen, der nach seiner 
Ansicht allein eine wissenschaftliche Erklärung der Mondphänomene 
ermöglicht. Daß auf diese der ganze Aufbau des Dialogs hinzielt, 
kann nur leugnen, wer einzelne Aeußerungen aus dem Zusammenhang 
herausgreift, statt die Gesamtkomposition zu betrachten. 

Aber selbst bei den rein ethischen Schriften Plutarchs versperrt 
man sich den Weg zum vollen Verständnis, wenn man in ihnen nur 
die Predigten sieht und Plutarchs selbständiges wissenschaftliches 
Interesse an den Problemen ignoriert. 

Noch bedenklicher ist die Art, wie sich H. das Leben des Seelen- 
arztes Plutarch konsequent auszumalen versucht. Man kann einver- 
standen sein, wenn er neben 'Predigt* und Jugenderziehung als Tätig- 
keit Plutarchs die private Seelsorge bezeichnet. Sicher haben sich 
so gut wie an Epiktet auch an Plutarch so manche Leute, junge wie 
alte, in ihren Herzensnöten gewandt. Aber was macht H. daraus? 
Wenn Plutarch de frat. am. 4 (479 e) sagt: oI8a -yoöv fe|tauTÖv Iv 
Tcom] Sostv a.8z\<föiv dvctÖ6£ciii.6vov fitourav, so faßt er diese Worte 
nicht, wie es Sprachgebrauch (vgl. kittxpimw SEattav usw.) und Zu- 
sammenhang verlangen, als Uebernahme einer schiedsgerichtlichen 

21* 






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324 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u. 10 

Entscheidung in einem Streite der beiden Brüder (schon im Kodex C 
schreibt der Korrektor die Glosse xptotc über), sondern übersetzt: 
memini nie Jlomac cnrandos reripere duos fratres, und sieht hier die 
deutlichste Analogie zur leiblichen Medizin. Und indem er nun die 
AeuCerung Plutarchs vit. Demosth. 2 heranzieht, er habe in Italien 
nicht genügend Latein lernen können twrt xP 5tö) v «AttaÄv xat zw 
8ta <ptXoacr?iav TtXijotaCövTwv, die er ungenau so wiedergibt: et alias 
ob caitsas et propter multitudinem eorum qui philosophiae mear causa 
guotidie ad nie venire sulcbant, kommt er zu der Vorstellung einer 
überfüllten Sprechstunde, die der Seelenarzt Plutarch in Rom abhielt, 
wobei er sich von seinen Patienten gut bezahlen ließ. Und weil 
sein Bruder Timon in Rom ist und Plutarch de {rat. am. 478 f bei- 
läufig die ganz allgemeine Bemerkung macht, Brüder könnten sich 
gegenseitig aushelfen und vertreten, ist er flugs mit der Kombination 
bei der Hand, Plutarch habe nach etwa fünfzehnjähriger Tätigkeit in 
Rom — die natürlich gerade durch Stellen wie vita Demosth. 2 aus- 
geschlossen ist — seine lukrative atpdjjtc an den Bruder abgegeben, 
aber noch von Chäronea aus die Oberleitung seiner römischen Filiale 
beibehalten und auch sonst noch — alles natürlich gegen gutes Ho- 
norar — brieflich weiter praktiziert. Und solche Phantasien trägt er 
vor, ohne sich zu fragen, ob denn irgendwo bei einem griechischen 
Philosophen Nachrichten vorliegen, die auf eine solche Berufstätigkeit 
deuten oder ob wohl ein solcher so bezahlter Graeculus eine Rolle in 
der römischen Gesellschaft hätte spielen können, wie sie Plutarch 
selbst von sich bezeugt. 

Ganz etwas andres ist natürlich die Honorierung des regelrechten 
philosophischen Unterrichts. Die halte ich auch bei Plutarch durchaus 
für wahrscheinlich. Aber die ganze Lehrtätigkeit Plutarchs ist ja ein 
Thema, das noch dringend einer Untersuchung bedarf. 

Auch wenn Plutarch einem römischen Freunde eine Schrift wid- 
met, nimmt H. ohne weiteres an, daß der klingende Lohn nicht aus- 
geblieben ist. Hier sollen die Adressaten sich aber noch auf andre 
Weise erkenntlich gezeigt haben : Sie ließen durch ihre servi litterati 
die Traktate abschreiben und sorgten so für deren Verbreitung im 
Publikum. H. berührt sich hier mit der Auffassung Birts, der auch 
in der Widmung Eigentumsübertragung sieht (Hermen, u. Krit. 318). 
Aber daß dieser Satz juristisch nicht haltbar ist, mindestens nicht in 
allen Fällen galt, zeigt uns doch Cicero deutlich, wenn er die Bücher, 
die er Brutus widmet, Atticus in Verlag gibt. Praktisch mag sich 
r * cenug ein armer Schlucker in Rom, wenn er ein unverkäufliches 
,: ° Oeffentlichkeit bringen wollte, an einen Gönner gewandt 
das läßt sich eben durchaus nicht ohne weiteres auf 






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Hartman, De Plutarcho acriptore et philosopho 325 

das Verhältnis Plutarchs zu seinen Freunden übertragen. Sollen wir 
wirklich annehmen, jeder der zahlreichen Adressaten Plutarchs habe 
über die servi litterati und die kaufmännischen Beziehungen verfügt, 
die für die Publikation notwendig waren? Warum wählte Plutarch 
diesen unpraktischen Weg für die Verbreitung, wo er doch für seine 
vielgelesenen Schriften gewiß leicht einen berufsmäßigen Verleger 
finden konnte? Und wenn er z.B. seinem Freunde Sarapion die py- 
thischen Dialoge sendet als 6a>pa, & xal StSövat xaXdv iott xal StSdvtac 
avtatteiv 8u;ota jtapa xwv Xau.ßavövcü>v, werden wir da an eine donatio 
im Sinne der Eigentumsübertragung denken? 

Vor allen Dingen wundert man sich aber bei Hartman auch hier, 
daß er solche Anschauungen dem Leser vorlegt, ohne seine subjek- 
tiven Annahmen irgendwie an dem zu messen, was wir tatsächlich 
über das antike Verlagswesen wissen oder erschließen können, oder 
auf Birts ausführliche Untersuchungen zu verweisen. Noch verwun- 
derlicher ist freilich die Art, wie H. gelegentlich die staatsrechtlichen 
Verhältnisse vollkommen ignoriert, so wenn er ohne jedes Bedenken 
S. 256 zu der kleinen Schrift animine an corporis die Vermutung aus- 
spricht, der Statthalter von Achaia sei an hohen Festen nach Delphi 
gekommen, um Gerichtstage für Griechen und Asiaten (!) abzuhalten. 

Richtig ist dagegen, daß in der Verbreitung Plutarchischer Schriften 
von wenigen Seiten Umfang ein Problem steckt, das wir nicht sicher 
zu lösen vermögen. 

In den Bemerkungen Hartmans zu den einzelnen Schriften findet 
sich manches Gute oder Erwägenswerte. So zeigt er ein feines Em- 
pfinden für die verschiedene Färbung des Stils und hebt besonders 
geschickt Stellen hervor, die einen rhetorischen Klang haben. Aber 
wenn er auf Grund von Stellen wie 510 d: tpfXeiodou ßooXöu.evot u.t- 
ooövTat, ^aptCeodat ^dXovtec hoyXoüoi, £aou.aCeodat Soxoövtec xatafe- 
Xüvtat, xepSatvovtec ohdkv avaXioxooatv de garrulxtate als Rede be- 
zeichnet, so kann ich nicht zustimmen. Der Ton von Schriften wie 
animine an corporis, die durch direkte Anreden an die Hörer als 
Ansprachen gesichert sind, ist doch ein andrer, und H. selbst er- 
innert gelegentlich daran, daß der antike Autor auf lautes Lesen 
rechnet. Daß manche Viten ursprünglich rezitiert worden sind, ist 
an sich möglich, kann aber durch eine Wendung wie Thcs. 1 : eö^vco- 
H-övcüv axpoatwv Öe7]aöu.eda nicht erwiesen werden. Auch Isokrates 
denkt ja nur an Lektüre, wenn er Nikokles mahnt dxpoarJjc der be- 
rühmten Dichter zu werden (ad Nie. 13). 

Sonst hat leider H. hier seinem Buche vielfach dadurch ge- 
schadet, daß er die moderne Plutarchliteratur so gut wie gar nicht 
kennt. So kann er sich bei de sollertia animalium nicht genug da- 






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326 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u. 10 

ruber wundern, daß noch niemand in dem dort auftretenden Autobul 
Plutarchs Vater erkannt hat. Tatsächlich hat dies schon 1885 Muhl 
in seinem lesenswerten Augsburger Gymnasialprogramm ausführlich 
dargelegt und Spätere sind ihm gefolgt. Hartmans Bemerkungen 
über die chronologische Folge der Viten sind durch Mewaldts Aufsatz 
Herrn. XLII antiquiert. Was dazu Hartman S. 480 vorbringt , ge- 
nügt nicht entfernt, um die ganz unwahrscheinliche Annahme zu be- 
gründen, Plutarch habe sämtliche Viten in etwa 2 Jahren nieder- 
geschrieben. Insbesondere läßt sich aus der Einheitlichkeit der Ten- 
denz der Viten nicht einmal schließen, daß sie in einem Zuge verfaßt 
sind. Man denke an moderne große Werke, die bei großer Selb- 
ständigkeit der Teile auch die Einheitlichkeit des Planes wahren und 
dabei die Lebensarbeit des Verfassers darstellen. Jedenfalls ist aber 
die Anschauung, als seien die Viten im ganzen erst nach den Moralia 
in Angriff genommen, nach den neueren Untersuchungen unhaltbar. 
Vgl. außer Mittelhaus, den H. nennt, besonders Brokate, De aliquot 
Plutarchi libellis Göttingen 1913 und meinen Nachweis, daß de laude 
ipsius nach den Viten des Demosthenes und Cicero gearbeitet ist 
(Nachr. Gott. Ges. 1913 S. 359). Ueber die Dialogtechnik Plutarchs 
im Verhältnis zu der Piatos hat ausführlicher und tiefer Kahle in 
seiner Göttinger Dissertation 1912 gehandelt. Selbst so wichtige 
Bücher wie Hirzels Dialog und sein Plutarchbuch und so leicht zu- 
gängliche Aufsätze wie der von Wilamowitz über das Gastmahl der 
sieben Weisen im Hermes XXV werden kaum oder gar nicht be- 
nützt. Dadurch sind viele Partien des Buches schon beim Erscheinen 
veraltet *). 

Auch in der Echtheitsfrage setzt er sich nur mit Volkmann aus- 
einander. Grundsätzlich steht er dabei auf dem Standpunkt : Spurius 
ille dicendus est Über quem a Plutarcko scribi non potuisse is sentiai 
qui per multos annos amico Plutarcko usus sit. Der Hiatbeobachtung 
und lexikalischen Momenten komme dagegen nur sekundäre Bedeu- 
tung zu. Das kann man mit gewisser Einschränkung gelten lassen. 
Aber wie subjektiv das Gefühl ist, das H. als Kriterium allein in 
Betracht zieht, das zeigt gerade sein eignes Buch. H. wird wohl die 
Zustimmung weniger Plutarchkenner finden, wenn er mit Sicherheit 
de virtute morali und de exilio für unecht erklärt. De virtute morali 
hält er für ganz töricht; aber das beweist nur, daß er sich den In- 

1) Bei den Erscheinungen der allerletzten Jahre könnte man sich Hartmans 
Verfahren daraus erklären, daß die Aufsätze der MneraoByne, die er aufgenommen 
hat, z. T. schon einige Jahre zurückliegen. Aber ein Buch, das 1916 erscheint, 
muß von diesem Jahre aus beurteilt werden. Und die angeführten Beispiele zeigen, 
daß H. zur älteren Literatur nicht anders steht. 






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Hartman, De Plutarcho scriptore et philosopho 327 

halt der Schrift nicht klar gemacht hat. Sie gehört in den großen 
Streit, der von Peripatetikern, Akademikern und Poseidonios gegen 
Chrysipp über das Wesen der Affekte geführt wird (Ringeltaube, 
Quaest. ad veterum philos. de affectibus doctrinam pertinentes, Gott. 
1913). Die Tendenz ist also echt plutarchisch, und die Ausführung ent- 
spricht vollkommen ihrem Zweck. Auch das cap. 10, das H., wie er 
selber sagt, garnicht versteht. Plutarch spielt hier gegen die Stoiker 
ihren eignen Satz von der Gleichheit der Fehler aus und zeigt, sie 
dürften daraufhin folgerichtig die Affekte nicht einfach als Fehler 
bezeichnen, da sie starke Verschiedenheiten im Grade der Intensität- 
aufwiesen. Echt plutarchisch ist es wieder, daß er diesen Gedanken 
durch Beispiele aus de coh. im erläutert. Und wenn er dabei sagt: 
do[i<4> 6& Tic av Giicot rcpöc 'Avijap^ov taq> xe^p^s^ai Nixoxpsovxa xai 
Tupöc $tXTJu.ova Mdqav; so ist es doch ein starkes Mißverständnis, wenn 
H. verkennt, daß im Folgenden nicht die beiden Handlungen sondern 
die verschiedenen Grade des Zornaffektes einander gegenübergestellt 
werden sollen. Auch wenn es 451 d heißt: oute ?ap olvov o? tpoßoö- 
p.evoi tö |ie\K>stv Ix^odoiv öftre rca&o? ol SeSiörsc tö tapaxtixöv avat- 
poöatv aXXä xepawuoootv, ist Hartmans Spott über dieses Erziehungs- 
prinzip sehr unberechtigt, wie ein Vergleich mit Poseidonios bei Sen. 
de ira H 19 oder auch Plato Polit. 310 d zeigt. Auch das xspawöoooiv 
erhält von da aus seine Beleuchtung 1 ). 

Hier rächt es sich besonders, daß H. den literarischen Zusammen- 
hang, in dem die Schrift steht, ignoriert. Aber auch das Verdam- 
mungsurteil über de exilio würde er kaum gefallt haben, wenn er 
darauf geachtet hätte, wie hier die geläufigen Gedanken über das 
Thema durchsetzt sind mit spezifisch plutarchischen Motiven (Siefert 
Comm. Ien. VI 74 ff. u. meine Bemerkung Herrn. XL 294). Die Schrift 
ist eilfertig abgefaßt, und Plutarch hat manches Allgemeine vorge- 
tragen, ehe er in c. 12 die wirkliche Situation des Adressaten iu Be- 
tracht zieht. Aber daß ihm diese bestimmt vorschwebt, zeigt bekannt- 
lich die mehrfache Erwähnung der Bardischen Heimat des Ver- 
bannten. H. meint allerdings, die Worte o*i fäp o!|iat aoXXou-c slvat 
EapStavöv, o? jj.7] tä oa ftpifixata xai (ista eptyf^c p,äXX.ov 6$sXi}30'jt,v 

1) Die Schrift beginnt: riipl tt); ifitntfi XtTojiivi); <*ptT?j; xai SoxO'iaij«, $ ätj 
fidXtaTa tt)c ÖnupTjTix^c fciatplp«, Ttp tö pkt rcäÖo; üXtjv lytw xöv 8i WfW eBo;, tlxtiv 
itplxct?« tiv 1 ojafov lyti xt).. Hier ist Gedanke und Ausdruck tatsächlich ver- 
zwickt. Plutarch will andeuten, daß er die iflixii aptr^ nicht etwa wie Aristoteles 
in der Nikomachischen Ethik nach ihrem ganzen Umfang behandeln wiU, sondern 
nur mit Rücksicht auf ihre Differenz von der ÖnopTjtix^, die schon in ihrem Namen 
liegt und von der allgemeinen Doxa anerkannt ist, aber genauerer Wesensbestim- 
mung und UnterBuchung bedarf. 






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328 Gott. gel. Anr. 1918. Nr. 9 u. 10 

aototc ojrdpxetv xtX. 600 a (vgl. c. 6 Anf. und 607 e) richteten sich 
nicht an den verbannten Adressaten, sondern an Alkman, der in dem 
kurz vorher zitierten Epigramm davon spricht, wie er sich freue, seine 
Heimat Sardes mit Sparta vertauscht zu haben. Aber das ist un- 
möglich. Denn Plutarch wendet sich in diesen Worten doch an einen, 
der die Verbannung als Unglück empfandet, und das ist eben bei 
Alkman nicht der Fall. Auch wenn H. gegen die Echtheit das exem- 
plum spurcissimum von 601 e geltend macht, übersieht er, daG Plu- 
tarch dieses Dictum aus Herodot II 30 nur aufnimmt, um es sofort 
durch ein aepötepov zu ersetzen. Und ebenso wenig Gewicht haben 
die andern Anstöße, die H. nimmt. 

Auch die ünechtheit von de cupiditate divitiorum zu erweisen, 
ist H. nicht gelungen. Von Schriften, die H. verteidigt, erwähne ich 
außer de communibns notitüs adv. Stoicos namentlich de vitando aere 
alieno. Hier habe ich Bedenken; aber ich erkenne gerne an, daß 
H. die von Volkmann gegen die Echtheit vorgebrachten Gründe 
widerlegt hat. Wenn er de vita et poesi Honieri entweder für echt 
erklären oder jedenfalls starke Benützung Plutarchischer Gedanken 
ansehen will, so kommt natürlich nur die zweite Annahme in Be- 
tracht, in der Form, wie sie Schrader in seiner Schrift De Plutarchi 
Chaeronensis 'Opjptxai«; [ieXstcu«; et de eiusdem quae fertur vita Ho- 
meri 1899 vorgetragen und genauer begründet hat. 

Sehr sonderbar berührt es, wenn Hartman S. 609 eine bewußte 
Absicht Plutarchs darin erblickt, daß uns von ihm je drei polemische 
Schriften gegen die Stoa und gegen Epikur von etwa gleichem Um- 
fang erhalten sind. Dabei wissen wir doch aus dem Lampriaskatalog, 
daß Plutarch noch andre polemische Schriften verfaßt hat, darunter 
eine Ilepl oüVT^ßiac flpöc tooc Etcotxotx; (78), die nach comm. not. 29 
in engster Verbindung mit dieser Schrift stand, ferner Abhandlungen, 
«. 'Erctxoopeiüw 4vavTt(ü(j.äTtov (129) und 8tt irapaÖoJö'tepa ol 'ETttxoöpstot 
twv TconjTwv Xdfooot (143). Gänzlich unbegründet ist es dabei, wenn 
er zu adv. Coloteni, non posse und de latenter vivendo bemerkt: l Sic 
libroram contra Epicureos corpusctdum ipse Fhdarchus disposuit com' 
posuitque\ Aehnlich äußert er sich auch S. 470 über die politischen 
Schriften; S. 346 spricht er davon, de fato sei absichtlich zwischen 
de sera nutninis vindicta und de genio Socratis eingeschmuggelt, und 
zu de amore prolis bemerkt er gar ausdrücklich : 'Libellum de fraterno 
amore hie in codieibus excipit\ Er hat es also überhaupt nicht für 
nötig gehalten zu fragen, ob denn die Folge der Schriften in unsren 
Ausgaben irgend etwas mit Plutarch selbst zu tun haben kann. Tat- 
sächlich geht sie, wie H. mit Leichtigkeit aus den modernen Arbeiten 
ersehen konnte, nur bis auf die Aldina zurück und stützt sich in 






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Hartman, De Flutarcho scriptore et pbilosopho 329 

keinem der angeführten Fälle auf ältere handschriftliche Ueber- 
lieferung. 

Man wird sich über dieses Verfahren Hartmans nicht verwun- 
dern, wenn man sieht, wie er selbst bei seiner Hauptarbeit, der Text- 
kritik vorgeht. Man kann ihm nur dankbar sein, daß er mit seinen 
Bemerkungen nicht bis zum Erscheinen einer kritischen Gesamt- 
ausgabe gewartet hat. Aber unverständlich ist es wirklich, wie er alle 
vorliegenden kritischen Vorarbeiten ignoriert. Patons Ausgaben von 
de cup. dir. und den pythischen Dialogen kennt er ebensowenig wie 
Wegehaupts von de aqua et it/ni oder die zahlreichen neueren Auf- 
sätze zur Ueberlieferungsgeschichte. Er nimmt sich einfach seinen 
Bernardakis vor und sieht nur etwa nach, ob Wyttenbach eine hand- 
schriftliche Variante notiert. So kommt es, daß er z. B. in de E y 
393 d in längerer Ausführung die Tilgung von %i ewpt]|i.iav begründet, 
wo ein einziger Blick in Patons Ausgabe ihm gezeigt hätte, daß diese 
Worte nur in einer Handschrift stehen, während alle übrigen das 
vortreffliche 6t' ewpotav bieten. Und eine ganze Reihe seiner Bemer- 
kungen erledigen sich in derselben Weise. 

Es ist sehr schade, daß Hartman dadurch selber sein Buch so 
beeinträchtigt hat. Denn im ganzen verdient der textkritische Haupt- 
inhalt seines Werkes volle Anerkennung. Daß man auch hier oft 
andrer Meinung sein wird, ist selbstverständlich. Auch hier macht 
sich gelegentlich die Individualität des Verfassers in subjektiven Ur- 
teilen geltend, und als Holländer ist er bisweilen zu schnell mit dem 
Amputiermesser zur Hand, wo psychologische Analyse natürliche Ent- 
wicklung oder auch Wucherung anerkennen wird. Nicht selten muß 
ihn auch die Unkenntnis der wahren Ueberlieferung zu Fehlgriffen 
führen. Aber überall spricht ein Mann, der seinen Plutarch genau 
kennt und einem meist auch da zu denken gibt, wo man ihm nicht 
folgen kann. 

II. behandelt textkritisch nur die Moralia, diese aber von der 
ersten bis zur letzten Seite. Ich muß mich in der Besprechung auf 
einzelne Schriften beschränken und wähle solche aus, für die ich als 
künftiger Herausgeber 1 ) das handschriftliche Material vollständig bei- 
sammen habe. Es ist dies namentlich ein Teil der 21 Nummern um- 
fassenden Sammlung der eigentlichen Ethika, die Planudes an die 
Spitze seines Corpus gestellt hat. Aeltester Zeuge ist für uns der 
Florentiner Palimpsest L s. X nebst seiner Abschrift Par. 1955 C 
(Wegehaupt Berl. SB. 1914). Dazu kommen eine ganze Reibe von 
Handschriften des 11. Jahrh., besonders der durch Sonderlesarten aus- 

1) Die Drucklegung des ersten Bandes, an dem Paton und Wegehaupt be- 
teiligt waren, mußte wegen des Krieges unterbrochen werden. 






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SSO Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u. 10 

gezeichnete Barberinus G, die Marciani X und Y, die Moscuenses M 
(aus dem nach der Korrektur das Planudeum geflossen ist, Wege- 
haupt Berl. SB. 1909) und N, ferner Paris 1956 (D), Vindob. W und 
die eng verwandten Ambr. C 195 inf. I und Vat. 1309 K. Der Text 
ist vielfach ausgeglichen, ein Stemma der Handschriften aufzustellen 
im ganzen unmöglich. Man muß sich vielmehr oft mit der Fest- 
stellung begnügen, daß diese eine oder zwei Lesarten im 11. Jahrh. 
überliefert waren. Dazu treten dann Sonderlesungen, für die Paris. D 
der vornehmste Zeuge ist. Dieser stammt aus einer Handschrift, die 
mit mehreren jüngeren (Mazar. R, Vat. 264 S, Harl. 512 h, Laur. 
56,4 I) eine Familie bildete (A). Während aber A im allgemeinen 
keineswegs einen besonderen Charakter innerhalb der Ueberlieferung 
trug, ist D sehr stark von einer Rezension beeinflußt, deren Spuren 
wir auch in der 8-Klasse (Marc. 511 Z, Ambr. Q 89 a, Brux. 40 b) 
finden. Diese Rezension verfügte zwar auch über eignes handschrift- 
liches Material, ist aber im ganzen eine willkürliche Bearbeitung auf 
Grund eigner Vermutungen. Trotzdem hat sich Bernardakis durch 
den lesbaren Text blenden lassen und seiner Ausgabe D zugrunde 
gelegt. So kommt es, daß er nicht nur einen interpolierten Text, 
sondern vielfach auch ein falsches Bild der Ueberlieferung bietet. 

So schreibt er de vit. pud. 531 f.: %tv 5e npötov S|i|isXeT7]T6ov 
ftoti tote fci6Xoic Wtl 7t>p.vaor£ov jcspi t& (uxpa, rcpöc *b apvsta&ai tote 
atToöaiv oo jrpooTjxdvtü); X7]<Ijg{j.£voi<; ' a>c av [uCCoäty a7C0TSü{satv km- 
xoopeiv I^u|jl6v und bemerkt 'fbrtasse verba X7]<{iQ|jivoLc — fe'^tüjtev omit- 
tenda sunt cum optimo codice D\ Tatsächlich fehlen sie in der ganzen 
Familie A, aber wichtiger ist, daß ü><; — <i;rot6t>£eo*v in den meisten 
alten Handschriften nicht steht. Daraufhin hat offenbar A auch die 
umgebenden unverständlichen Worte weggelassen, während in Wirk- 
lichkeit die Stelle mit Paton (bei Wegehaupt Berl. SB. 1909 S. 1045) 
so herzustellen ist: rcpöc tö apvstofteu tote odtöDosv oo 7tpoa:r}xdvT<ö<;, (Tva 
tote 7rpo37]xdvTci>c) XT^ojiivoic srcixoüpeiv iy^^zv. Damit entfällt Madvigs 
von Hartman gebilligte Konjektur von selber. 

Hier haben wir es mit A, noch nicht mit der Spezialquelle von 
D zu tun. Für diese ein paar Beispiele. Frat. am. 481 d wird der 
Bruderzwist gebrandmarkt als stapajppoaüvT], 5t' fjv tö tj&otov xal ou?- 
^Ev^atatov icpöouicov ßXÄJWtcU axu&püJTrdratov r\ te jrpoapiX-fjc Ix v£o>v 
tpiüvfi xa ^ ouvijth^ axoöaat ^oßsptotirr} y^ovs. So Bernardakis ohne jede 
Bemerkung im Apparat. Aber ßXÄKstat hat nur D, ßXaresiat 6i5sty 
(in ab zu etSet umgestaltet) 8, tiSib] alle übrigen Handschriften, 
woraus das durch den Parallelismus von ocxoöoai zweifellose ISstv mit 
Leichtigkeit zu gewinnen ist. — Coh. ira 453 e heißt es vom Xtffoc: 
eapifc&xotc T^P °^ x ^otxcv aXXa aitEotc utisivoic ^ ä&vap/.c afcoä, [u$* 






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Hartman, De Plutarcho scriptore et philosopbo 331 

ofietac S£tv k\moioboa ^pi]OTT]v oi<; av ffeijtat auv/j$ijc, wozu Bern, be- 
merkt jisd' oftetac* : (Ut 1 eovotac. Aber eivoiac ist eine Konjektur, 
die außer in D diesmal noch in G Eingang gefunden hat, und vielleicht 
ursprünglich auch in stand (s&vstac a, ei>[ieve£ac b, Z fehlt). Ueber- 
liefert war sufevEtac, leicht verderbt aus 6YTONIAC. Denn dieser 
Terminus, der zu der stoisierenden Färbung der Sprache des Dialogs 
paßt, kehrt p. 188, 21 181,25 cf. 195,4 Bern, wieder und ist Plutarch 
auch sonst geläufig (z.B. vit. pud. 536 d: aXX 1 fc'oixev 7j tt)c «l^'/fy; 
ovcovta owjiatoc xpaaei xtX.). 

Aber diese Rezension hat auch tiefer eingegriffen, tranq. an. 471 d 
schreibt Bernardakis nach D : oüSfc -fäp 6 tojeüstv t$ apdtpq) J3ooXtfu.evo<; 
xai tcj> ßol töv Xafcoöv xüVTjYetstv Suotu^tjc sottv oi>5' 6 fpitpoic xal aa- 
•pjvaic iXd'^oüc H-T) Xajtßävüjv ouS' otc 8at[t(ov oü>x evavnoötat (xo)(d7jpöc, 
aXX' äßeXtspEa xai |uopta tote aouvätotc ^'.'/e-poüaa (so Reiske für £~t- 
^stpoüatv), und H. müht sich mit der Frage ab, ob mit Naber oü>5* 
vor ole zu tilgen sei. Tatsächlich kann der Text natürlich nicht 
richtig sein, da die Worte aßeXTspia — £irt)(eipoüaa doch nicht nur von 
der letztgenannten Klasse gelten. Aber so liest eben nur D und (mit 
Auslassung des oux) 8 1 ), die andern codd.: o'jSs t<j> iphp otc . . . p.^ 
XapßdvovTt p/qSS 01c Satpwv evavtioüiai jxo/dTjpöi;, ä).Xä xrX., nur daß 
statt oi« M 1 elc und einige jüngere Handschriften et*, der Harleianus 
h, ein Laurentianus und ein Korrektor von G aber oc bieten. Ob 
das letzte mehr als Konjektur ist, läßt sich sehr bezweifeln. Jeden- 
falls fällt jeder Anstoß weg, wenn wir lesen : ouoe t<j> fpiyo'.G xai oa- 
fTJvai? £Xäcpooc u.7] Xa|j.ßdvovtt jitjÖs 05 Satjxtov 4vavtto5tai po'/^^pöe, aXX' 
aßeXtBpia xai [xwpta (das Iota subscr. wird in den meisten Plutarch- 
handschriften nicht geschrieben; hier steht es sogar in einigen) toi? 
aSivdtotc eirt-/etpoüotv. Wenn uc hier nicht wie sonst wohl bei Plu- 
tarch das zahme Schwein, sondern das Wildschwein bezeichnet, so 
erklärt sich das aus dem Zusammenhang so gut wie bei Polyb. VIHsi,*, 
und z. B. Herodot I.saff. ist diese Bedeutung ja ganz geläufig. 

Aber auch wo es sich nicht um Sonderlesarten von A oder D 
handelt, erweckt Bernardakis oft eine falsche Vorstellung von der 
Ueberlieferung, und es zeugt von Hartmans Vertrautheit mit Plu- 
tarch, daß er dann in einer ganzen Reihe von Fällen das Richtige 
gesehen hat. So verwirft er vit. imd. 582 f. mit Recht das von Bern, 
ohne Variante gedruckte rJjv bzb xüv ävaicr/ovTojy fyiv alo-^öv>]v orco- 
xopiCöu.evoc und liest mit Wyttenbach ^rtav statt o-v.v. Tatsächlich 
ist o'V.v durch falsche Wiederholung aus dem kurz vorher stehenden 
&|>eo>c entstanden und ^ttav in den alten Handschriften mehrfach be- 

1) Bei 9 ist auch sonst mehrfach deutlich, daß eine an den Rand ge- 
schriebene Lesart der Rezension nicht korrekt aufgenommen ist. 






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332 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 o. 10 

zeugt. — Plutarch fährt dort fort: e O uiv ouv Kdtiov £Xefe tcöv v£<ov 
•täXXov äfasrdv toöc epudp-Ävtag t) toöc ar/puövrac, öpd&c ediCcov xal 
ätäaaxcuv töv tjtdfOV jiäXXov t] tqv £Xe7X 0V 8s8i6vat xai vfp bico^Cav (täXXov 
^ töv xivSuvov. So Bernardakis ohne Bemerkung. Aber sXef/ov, das 
weder zu w-/ptü»vtac paßt noch eine Parallele zu xivSuvov liefert, ist 
junge Konjektur, die nur in 8 und dem Planudeum steht, wo sie 
durch den Korrektor von M eingeführt ist. Alle alten Handschriften, 
auch D, haben KaratVGv, und H nimmt auch hier mit Recht Wytten- 
bachs Konjektur scdvov auf; vgl. 29 e: 6 piv IIXätüw e&tCei toöc <|>6- 
70üc tpoßEta&xi xal ta aiaypä u,äXXov 7] toüc rcövooc xai toö« xivßovooc, 
6 5fe Kätwv £Xefs cpiXetv toüc epoftpuövTac jiäXXov i] toüc ib^pKbvTac 
(Arist. 1128 b 13 epudpaivovTat "jap 01 ato^üvö(isvoi, 01 5k töv dävarov 
qpoßoö[i.6vot (ü'/ptwot, fr. 243 u. ö.). 

Auch {rat. am. 484 b ist die von H, gebilligte, von Bern, gar- 
nicht erwähnte Lesung Wyttenbachs: EöXwv . . . Xiav £3o£sv i^Xtxwc 
aptdfir^TtxYjV xai 57][toxpaTtx7jv 67reiaä?etv ävaXofi'av dvTi ttJc xaX^c feco- 
(tETptx^c die alte Ueberlieferung ; öxXixdc . . . eTceiaäfojv haben nur 
D6N. — garr.oQ6c steht 6 Fltrcaxdc . . toö Atpftttov ßaaiX£a>c irfjfc- 
([»avtoc tepstov auT$ xai xeXeüoavToc tö xäXXiotov xai ^stptOTOv IJeXGiv 
xpeac e'7cs|x»{»ev e£eXtuv rqv -rXäTTav, wie H. für ejers^äy verlangt, in 
LGXY und andern codd., und ebenso ist ffpoo5pap.övTa, wie H. mit 
Reiske 512b liest, ebenso gut bezeugt wie icpo6pa|j.<5vTa. — 514b: 6 
o° äSoXeo/Tjc ToüvavTtov, av uev Tic e|i7ceo^] Xö^oc, e£ 00 jta^stv Tt Söva- 
Tat xai icu&£oftai tüv a?vooo|iiva>v, tgötov ijto^ec xai ixxpoöst, juad-öv 
outü) Soövat ßpa-/öv t<j> aiü>jri)aai |i7] Öüvap-evoc. So Bern, mit der An- 
merkung: ,T(|>] tö Emperius. toö?' Tatsächlich steht tö 1 , für das H. 
eintritt, in LCGD0A (e corr.). Für outü), das H. beanstandet, bieten 
die meisten (namentlich G'MNAWY) aÜTö. ßpa/öv Soövat stellen LCG 
Js T A\VXY. Zu lesen ist also wohl: [uodto a&Toö (sc. toö X070U. In G. ist 
toö t*.ad6tv als Glosse eingedrungen) "ßpa^öv Soövat tö ouoTriJaai u.9] Öt>- 
väjievoc. — Gleich darauf 514 d ist ^ rcpöc xb fpdtpeiv oxtaita^ta xai 
ßoTj ohne Artikel vor ßotj, wie es H. erwartet, von fast allen Hand- 
schr. außer DO überliefert und der mit Rücksicht auf das voraus- 
gehende KaXau.oßöac gewählte Ausdruck dann ganz unanstößig. 

Das 10. Kapitel von coh. ira schließt: xai toö t>o|ioö ttjv Tijtoopiav 
jrapeXöjisvoc auTÖc aa^aXwc xai aßXaßü>c xai &ttcXi|MftC ^xöXaas töv ££tov 
oü-^ eauTÖv wojcsp 6 dojioü[tevoc ävT* ixsivou TcoXXaxtg. Mit Unrecht 
sieht H. hier in den Worten oux — rcoXXdxic, die einen auch bei Plu- 
tarch beliebten Topos der Zornliteratur enthalten (Ringeltaube Quaest. 
ad vet. phil. de affect. doctr. pertinentes Gott. 1913 p. 88) den Zu- 
satz eines ineptus magistellus. Richtig vermißt er dagegen mit Steg- 
mann nach rcapeXö'u.svoc das Subjekt. 6 Xo^tojidc bietet G. — Gegen 






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Hartman, De Plutarcho scriptore et philosopho 333 

Ende derselben Schrift (464 b) sagt Plutarch: tajjvoov 3e xäxeivac ü>c 
oix ayap'aTooc o65' ä<piXoa<fcpouc [tac] ev soyaic op-oXo^ia?, [6|iiXtac] 
aqspoSiaitov evtaotöv afveyaai xa ^ olvoo. Hier tilgt H. 6u,tXia<; mit Recht. 
Denn 6u,oXoftac 6jLtXta« hat außer C, wo aber die Kollation nach- 
geprüft werden muß (L fehlt), nur D; 6|uXiac i|itXiac H, nur ojtoXo- 
71'ac GW Planudes, nur GjuXiac XM*NA (außer D) und andre codd., 
6(ttXta? mit einem 7p. öu-oXo^tac am Rande Y. OfFenbar war zunächst 
das nach *byui$ so naheliegende ö\iikix<; versehentlich geschrieben, 
doch hatte sich das richtige 6p.oXo7ia? als Variante erhalten. tä<; 
haben nur D9, unrichtig, da ofioXo-pac Prädikatsnomen ist. Wenn H. 
an derselben Stelle äyapitac und nachher 464 d a/äpir. schreiben will, 
verkennt er, daß Plutarch diese Formen überhaupt nicht hat, sondern 
zu Äyap'.c ^X a P l är/apiv die Ableitungen von ä-^aptatoc als regelrechten 
Ersatz benutzt (vgl. z.B. 716 f. tsXoc ajtoooötaTov xal ayaptotdtaTov 
mit 960 a oüx #|ioooov quo' #yaptv). 

Andere Stellen bespreche ich nach der Folge der Schriften. 

De cohibenda ira. 

453 c: Sarcsp iatpsiav ttva asautoö SteXd 5 *^[xtv (so stellen die 
meisten alten Hdschr.), -fl yp7]aäaevo<; oortoc eotjv.ov xal airXoöv xai rtj> 
Xo^q) TTpctov xai uxr]xoov erof/j^ü) töv dujtöv. Für äjcXoüv hatte ich mir 
ÖLTtaXöv vermerkt, vgl. 987 e vsoaaoi«; ... St* TjXixiav eüa-rüfon; **i <**<*- 
Xof<; oüotv. Ebenso Hartman. — 453 e: oü ?äp (ix; eXX^ßopov, oiu,ai, Set 
^■epaÄEÖaavTa aovexvepE'.v t<j> voaij|iaTt töv Xö^ov, aXV e|X|xevovta fj) «C^XÜ 
ouve/e'-v täc xpiaetc xai soXcHostv. Die Verderbnis hat H. richtig er- 
kannt, wenn er aovex^psps'v in oimxpsEv ändert; doch verdient wohl 
covEx^Epcada*., das ich mir notiert hatte, den Vorzug. — 454 a: &orep 
ot ?:oXiopx{av «poo6£-/ö|j.Evot auväfooo'. xai TrapaudEvrat ta yp^O'-jj-a (vgl. 
gleich darauf otav 6 xf,c ype(a<; ä^ixTjtat xatptfc- R hat tä ypTjp.aTa, nur 
D9 tä enti>]6£'.a). Mit Naber liest H. hier äTcott^Evtat, doch vgl. 
V. Vcrlrf. 26 zapett^svio twv äva-fxaiiov :rpö<; töv 7roXe|j.ov oaa |j.-j] Trpö- 
•cepov E-yov. Sie deponieren nicht einfach Vorhandenes, sondern sta- 
peln das Gesammelte bei .sich auf. — 454 f: xai ?äp xb flöp p/ty 
ffapaoywv uXt^v io^toz xai opfijv 6 p.-yj $pe<J>ac ev apy-jj xai |j.tj fpoaijaac 
iautöv e?üXä£ato xai xaftstXsv. H. tilgt eaotöv. Aber daß es sich hier 
nicht um die Fabel vom sich aufblähenden Frosch handelt, sondern 
um den so oft erwähnten Vergleich des Zornigen mit dem tumidus, 
sieht doch der Leser sofort. Wäre der Zorn Objekt, müßten wir 6 
jj.7] £p£<ba; ev apyg u.7]3e (pocnjoac erwarten. — 455 e: S7<i> foüv, el 
uiv 6pdwc o&x oi5a, taörqv 86 tt)c latpetac «PX"fy v rcon)oa|isvoc . . . 
xats|i^xvdavov rijv 6p7"?jv ev etdpotc. H. tilgt das Komma nach otfia 
und das 5e nach taörqv. Aber was Plutarch will — ei jiev opdöc 
Täonjv r/)c Eatpetac ap^v erconjaäiujv, of>x 018a, ijconjaaiujv 5' oov — , 






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334 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u. 10 

kommt in der läßlichen Wendung der Ueberlieferung viel besser zum 
Ausdruck. 

45Gb: tijv 'AlhjvÄV Xeyoooiv q[ Trai'Covtsc aüXoöaav orcö toö oatüpoo 
voo&£Te:a&at. Reiske vermutete ol jrotTjtai irasfCovrec. H. durchhaut 
den Knoten in hollandischer Manier, indem er ot jra-'CovtEc streicht. 
Der Ausdruck ist etwas auffällig, erklärt sich aber, wenn man an die 
Debatten denkt, die diese Anekdote bei den Musikinteressenten her- 
vorgerufen hat (Athen. XIV 616). — 456d ist gewiß mit H. aütotc, 
nicht aÜTot«; zu schreiben. — 459 c beanstandet H- mit Unrecht die 
Worte: oo fap louv ävaiidprqTQV 6v :ra$£i tö avuTteödovov xataa^etv. 
Das Bewußtsein ungestraften Handelns führt eben gerade in der 
Leidenschaft leicht zu Ausschreitungen, und es ist schwer sich dann 
im Zaum zu halten. Die Tilgung von ev nädet ist schon deshalb un- 
möglich, weil sie die Aenderung des vortrefflichen xarao^stv (H. rcapa- 
ayeiv) nach sich zieht. — Gleich darauf hat H. ein richtiges Gefühl, 
wenn er fiooXs'Jovtac et6potc affö vEÖjiatoc xal otwr^ [xaij Tcpodojio'tEpov 
r) iura z\r\*(M xat OTtY^arwv £täpotc liest. Aber oköttj) kann bei 8ou- 
Xsüovtac doch nicht gut den wortlos ausgedrückten Befehl bezeichnen, 
sondern nur den Gehorsam des nicht murrenden Sklaven (ähnlich 
461c), und Hartmans Ziel wird auch erreicht, wenn man mit der 
Ueberlieferung das erste xal wegläßt. Dieses steht nur in DB und 
zwar in Verbindung mit der Konjektur ocuff^c- — 461a ruft der mit 
Prügeln bedrohte Eseltreiber : 'Aihjvatoc elu.t, worauf der Gegner den 
Esel schlägt, nach Bernardakis 1 Text mit den Worten ob 8e uiv obx 
el 'Afrpocioc. Aber ab 5s uiv, das nur D hat, ist eine einfache Ver- 
mischung der alten Ueberlieferung ob uiv mit der Konjektur ai> 8i 
(so 8). Danach ist nicht mit H. und Cobet ob Bi fe zu lesen, son- 
dern ob |tsv (o5v) odx el 'A$7)vaioc. Vgl. v. Anton. 85: elftdvtoc 86 tt- 
voc ÄpYt) ,*aXa loöta, Xapu.tov' ,xaXXi<JTa uiv oöv' fon. — 463 d: Sei 

5s )(pfjadat t<j> 'Ava£a?dpa, xal xadärEp exetvoc ercl rg tEXsorg 

toö TcaiSöc eIttev ,^8etv ort dvijröv efevvTjaa*, toöto rote Jtapojövooatv 
ixäarot' iKupawsiv au,apT>iu,aotv xtX. Mit Stegmann schreibt H. richtig 
exdoTot' für exaoxov. Nach 'AvaSafdpa will er SiSaoxaXtj) einsetzen. 
Aber G bietet statt des Dativs das vortreffliche 'Avajaftfpoo. 

De tranquillitate animi. 

Gleich im Anfang lobt Plutarch seinen Freund Paccius: t& toö 
tpaftxoö Mspo7toc ou niitov$a<z o&S' <i>c exeivov ,so5at|ioviCtüv $y\os e£- 
&izkri£i as' tü>v qjuatxüv Ttadtöv, aXXä rcoXXdxic äxtjxowc |iV7]u,ove6stc <*>C 
ot)ts jroSAfpac ajraXXämt xaXttoc oote xtX. H. tilgt täv tpoatxüv rca- 
dwv, aber Plutarch liebt es ja, einem Citat durch Zusätze die gewollte 
Beziehung zu geben, und hier will er in sJSjcXtjSe den Sinn hinein- 
legen, den die stoische Affektenlehre so oft durch egtoiavai xüv na- 






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Hartman, De Plutarcho scriptore et pbilosopbo 335 

Xaiüv xptoea>v o. ä. ausdrückt. Ob xäXttoc oder mit H. rcatpixioc xäX- 
ttoc zu lesen ist, läßt sich nach der Ueberlieferung nicht entscheiden. 
Die Handschriften schwanken zwischen ;ra?p{xtoc und xaXuxtoc, das 
auf eine Vermischung von xdXttoc und Tratptxtoc zurückweist. Gemeint 
ist nicht der spezielle calceus patricius, sondern der Senatorenschuh 
(vgl. Mau Realenz. s. calceus), und wie Amm. Marc. XXVIII «,ta den 
Leuten von Rang einfach die calceorum expertes gegenüberstellt, so 
mahnt Plutarch selbst praec. ger. reip. 813 e den griechischen Politiker 
vorsichtig zu sein 6püivta touc xaXtEoix; knävtü ttJc xe<paX7)c (&7:68oov 
tot? xaXxtotc symbolisch von der Tracht des römischen Bürgers 
v. Pomp. 24; vgl. noch v. Pauli 5, praec. coni. 141a). — 465 d: xa- 
xöv |ifcv avata*b]3iac awjtatt aäpiiaxov aTtovfa. H. will aadev6tac lesen ; 
aber das richtige avatafrrjaia ... ajrovEac hat Stob. 29,79, wie schon 
Cobet Mnem. IX m gezeigt hat. — 465 e ist iö u/J] rcpaooetv = ^ 
arcpajta doch ganz unanstößig, und ebensowenig ist 466 f sl 8' t^döv 
kninpaaxst; sc. tt &v ÄffoEetc; zu ändern. — 474 c ist xal vor u.aXiaTa 
schon von mir Hermes XL g?9 getilgt. — 475 a beseitigt H. gut sach- 
liche und formelle Anstöße, indem er für 6 uiv ^ap 'OSoaosuc toö [ifcv 
xovöc -0-avövroc ifeSdxpoas nach p 302 aaEvovtoc schreibt. 

De fraterno amore. 

480 d: »^aXeirol fföXejtot ?ap aÖ6X<pä>v', <*>c EuptTttStjc elp>]X6v, fivtsc 
XaXsKWTatot tote ^oveuotv a&twv sioiv gut H. für a&totc-.— 483b: 
fEfvetai 6fe xat>fropoc äSeX^oö a^oSpÖTaroc rcpöc aotöv 6 Tcpo$0|i<5raToc 
&xip a&Toö aovijfopoc jepöe toö« fovstc 'tsvöjibvoc Hier hat Plutarch 
dem Streben nach Parallelismus zuliebe eine ungewöhnliche Wendung 
zugelassen, und IL durchkreuzt seine Absichten, wenn er xanfropoc 
aSeXcpoü tilgt. Außerdem verliert dann npb<; auröv jede Beziehung, 
da vorher der Plural iÄtXjpotc steht. Es heißt natürlich 'ihm selber 
gegenüber 1 . — 483 c schwankt die Ueberlieferung sehr. 'Affo^avövtoc 
Yfi (jrfjv ratpöe £p.tp(>eadat jiäXXov t) TcpÖTepov ipdüc £x st ^ ■6wfc| tcbv 
aSsXtpwv, eu(K>c H^ v ^ v *¥ oovßaxpöetv xal oüvd^sadat xotvoöji-s- 
vov xb ^iXdoTopfov , oTcovoEac fie dspcurtfvTcov xal 5taßoXä<; ir^pcüv 
(Sta£pa>v CG'e corr. IK) ix&ptm; a&toic ÄpoovsjiövTwv aÄudoö|ie- 
vov xal siott6ovTa xxX. haben die alten Handschriften. Der offen- 
bare Fehler, der hier vorliegt, hat in DB zu folgender Aenderung 
geführt: rjj eivotcf tot>c aSeXcpoös .... xoivoopivooc töv (Versehen) tpt- 
Xöaropfov .... iraEpcbv (£t£pü>v D) srlptuv £t6potc (It6poc a b) aotouc 
irpoov. ajrü)doo|jivoDc xal moTsüovTac (außerdem Saxpoetv versehentlich 
statt ouvßaxpöstv ab; Z, der dritte Vertreter von 6 hat die Konjektur 
nur unvollständig aufgenommen : tüv aSeXcp&v . . . xoivoouivooc töv cpiX. 
.... etatpcov etcpüiv Itfipoic a&toüc «poav. d7Cü>doi>|ievov xal trtoTsöovra). 
Der Plural ist eingesetzt im Hinblick auf das gleich folgende xataY^cE- 






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S36 Gott. gel. Anz. 1913. Nr. 9 u. 10 

Xavtctc, das aber durch aXXijXoic bedingt ist. Unmittelbar vorher 
haben wir am Schluß von cap. 10 den Singular (ebenso wie am An- 
fang: outto 8' arcoXofT] o a u, e v o v $j5t] 7tpöc Ixeivov Sei Tpdrceaö'at), und 
auch hier ist dieser Anstoß glatt behoben, wenn wir töv 43«Xtpöv 
statt twv aSeXtpwv lesen, das tatsächlich G 1 und ein nahe verwandter 

Senensis (twv aSsXcpwv, ss. 1) bieten, aotouc TcpoovetitfvtcDv ist natürlich 
aufzunehmen. Vorher ist StaEpwv trotz H. schon wegen des Gegen- 
satzes zu deparcövTwv unbedingt nötig. Daß dann aber Plutarch noch 
ixiptav itepotc hinzugefügt haben sollte (so Hartm. und DO), halte 
ich schon aus euphonischen Gründen für ausgeschlossen. Plutarch 
will ja aber auch garnicht sagen, daß die einen Freunde sich auf die 
eine, die andern auf die andre Seite schlagen, sondern daß die Be- 
kannten der Brüder — nicht kollektiv sondern als Individuen — 
Partei nehmen und putschen, etipuc allein, das man etwa mit Plato 
Theät. 181 e tö piv tt Äp^ot^pwc tö 6' £t6pcoc verteidigen könnte, paßt 
schlecht zu ffpoovefj.övtü>v ; etspotc ist als Plural unmöglich. So wird 
zu lesen sein : ep/p otö&at . . . opthöc fyti . . . töv afisXtpdv, .... xoivoo- 
jj-evov . . ., üirovotac Öe Öepajrovrcov xai StaßoXac etat'piov itSpwa autoü? 
ÄpoaveitdvTwv aiccö^o6|j.svov. 

487 a: 5>an&p oov iici ti)c y&pi*QS a£ioöot u.e(Cova tot>c Xa^pivovToc 
itfsiobai juxpot^pav 6"e tou$ StSöviac. H. will rrjv a6r?]v zufügen. Aber 
schon der Plural zeigt doch, daß Plutarch den bekannten Gedanken 
ganz allgemein aussprechen will. 'Wer eine Wohltat empfängt, soll 
einen höheren Maßstab anlegen als der Gebende 1 . Auch in der An- 
wendung heißt es einfach töv XP^ V0V - — 4 ^9 f. Auf die falsche Nach- 
richt von Eumenes' Tode v AttotXoc . . . o& u.dvov ßaatXeu«; avrrrop6ü{b] 
3taS7]aä[uvoc, aXXä xal t^jv fovatxa tod aSeX^oö Stpatovtxijv £p)ite xal 
oovf)Xdev. H. liest mit Bernardakis ouvt^p/e. 'Reginae cam loco ha- 
buü sitccessor ille aequissimus\ Aber in ouvtjpxe würde doch liegen, 
daß sie an erster Stelle steht und er Mitregent ist. Tatsächlich ist 
die Uebernahme der Regierung durch Attalos ausdrücklich mit avTj- 
fopeüfhj an den Anfang gestellt, und das Folgende wird hinzugefügt, 
um zu zeigen, daß für Eumenes noch eine persönliche Kränkung hin- 
zukam. Und wenn Attalos die Vermählung mit der Königinwitwe 
nicht nur als offiziellen Akt behandelt, wie er wohl sonst beim Re- 
gierungswechsel vorkam, sondern auch cuv^Xde r$ fovaixi, . dann be- 
wundern wir nachher die Bruderliebe um so mehr, wo Eumenes ttjv 
ßaoiXioaav TJojrÄoato (ietä Ti|i.ijc xai <piXo<ppoaöv7]<; und sie beim Tode 
dem Attalos überläßt, während dieser rcaiötov ooSfe sv ^£XT]aev ix ti)c 
•pvaixö; aveXSadat 1 ). 

1) Möglicherweise gebt auf dieBe Ehe, was bei Stob. IV 630 H. anter dem 






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Hartman, De Platarcho scriptore et philosopbo 337 

De garr uli täte. 

502 f: Vor dem Schwätzer nimmt alles Reißaus, xav ev ■fju.txuxXicp 
Ttvi y.aikCöaavoi xav ireptTtatoövtBc £v xahxy deaacovtat irpoopoittövta. 
Gut bemerkt H., daß wir statt tatatp eine Ortsbezeichnung in Pa- 
rallele mit ^[uxoxXicp erwarten. Zu lesen ist wohl Joaty (vgl. 133 c). — 
Ansprechend ist 503 b JcpooXaXeiv für XaXetv. — 503 e hatte ich mir 
zu u,av£a . . . ^ uifrlj oövotxoc* |iäXXov 5fe p.avEa t<j» uiv XP<W fjttwv 
an zweiter Stelle p.avEac auch vermerkt, und ebenso stimme ich im 
ganzen H. zu, wenn er gleich darauf mit WytUnbach interpungiert : 
Kai xl (xaitoi nur D) xb Sstvöv, <j>5-?] xal -reXa>c xai Öp/Tjot«; o&5fev 
Ä^pt Toütcov ,xat tt faoc ffpoÄTjxsv, Sicsp x J £pp?)tov Äjtstvov* toöt fjÖT] 
£siv<5v. Nur kann man der Ueberlieferung noch mehr folgen, indem 
man schreibt : xai xl xb Sstvötatov; <j>5-f] xal 7 sXc-k xai Äp^Tjai? ; — 
Gut ist 504 b: fjStdv ?£ tot ftovTjpofc 6u.tXetv (für 6u.tXoöatv) &ittÖtJiotc tJ 
XpTjototc aSoX^atc, und richtig urteilt H. auch über die unmittelbar 
vorhergehende Stelle: 6 uiv oov u,6&u-cov XTjpst xap olvov, 6 5' dSöXe- 
o^o« Tcavta^oö XTjpst, iv a*pp4 &v dsatpcp £v 7tspi7catq> iv pifrg u.e$' 
-fjuipav vöxrcop. Hier ist iv ui^rj, das außer DB nur wenige Hand- 
schriften haben, wegen des Gegensatzes zu 6 u-edocov unpassend und 
nur durch Dittographie entstanden. Mit Recht verlangt aber H. an 
seiner Stelle aus Konzinnitätsgründen einen andern Begriff. Für &v 
«XoX-fl oa *er ^ v ß 0ü ^t würde ich lieber ein längeres Wort setzen wie 
Iv odu.7coo'.(]>. — 505 e ist in xai ^ap aorrj rcspl töv xaXöv Ixstvov Sßax- 
Xeoos xpa^fjpa toü £piotoc die Streichung der beiden letzten Worte 
unmöglich , wie auch amat. 766 b zeigt. Natürlich schwebt Piatos 
Symposion vor. — 510e: (ol ßpa^oXö-rot) ao^tötspot Soxoöat twv S|jT]vi(i>v 
toötwv xai ^epouivwv. Näher als (stx^) <pep. liegt noch 6x<pepo|i§v<ov, das 
ja oft von Menschen gebraucht wird, die sich im Affekt nicht im Zaume 
halten (z.B. 441 d), ebenso wie von Pferden, denen man die Zügel 
schießen läßt. — 512a: tococ jiäv 006° £XXo tt xaXö; I/ov lattv alrq- 
äivroc £t£poo . . . aotoöc iTcaYfdXXeaihtt. H. möchte äXXojc schreiben. 
Am nächsten liegt äXXots; vgl. auch p. 126b. — 512c: Imoyßvx* xt- 
X(i>c S/bi xat irpöc xb ßoüXöu-svov xob ipwtcövtoc apu.oodji.svov a>c sjtI 
xXfjatv dXXotptav T7)v ajcöxptatv ato"Y][i<5vü>c xal xoauiuc arcavtäv. Gut 
nimmt H. an tty airdxpto'.v Anstoß und versetzt es hinter ap[ioaä[i.svov. 
Besser tilgt man es vielleicht ganz, vgl. de aud. 43 b: so u,aXa 8£ XP^ 
xal npöc -rijv toö X^ovroc £u,7TEtpEav t) tpootx^v Sävajttv ^p|ioa|x^vov . . . 
Tcoista&at täc ipconjaetc. 

Lemma Ötfiutfou i% to* mp\ tyjlfi (von Wyttenbach Plutarch zugewiesen) leider 
ohne Namensnennung berichtet wird : i'/jA jiuiXttta St^üv örrfÖivc rf,; juv9tix&, ipwv 

iMtl. 7 tl. An:. 1018 Kr. 9 u. 10 - 22 



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838 Gott gel. Anz. 1916. Nr. 9 u. 10 

De curiositate. 

51 5 d verstehe ich nicht, warum H. an den Worten ftapopafufcTuv 
iv toic xaihjxoooiv 'in der Sphäre der pflichtgemäßen Betätigung 1 An- 
stoß nimmt. Ueber den vorausgehenden Vers habe ich Nachr. d. 
Gott. Ges. 1913 S. 343 gesprochen. — 517 b ist gewiß zu lesen otov, 
tX ttc axovftoo fsöoiTO iroXi>icp<XYl">vÄv ^y ffotönjr«, <fddsat tfjc aioihf- 
ößw; -poave/.üjv tov [zpojaio^avöfi-svov, wie ich auch vermerkt hatte. 

518 f IlTÄ (LOt OXaTTTlöV Qpsi, 

fy otc f^ovaatv al ötaX6oetc. 
Hier stellt H. den kühnen Satz auf: l aut fodit aliquis auf garrit, non 
tUrumyue simnV und liest mit kaum erträglicher Elision oxaÄtovt'. 
Aber oxdircwv schließt doch gewiß nicht jede Atempause aus, und der 
Bauer ärgert sich vor allen Dingen, daß der Knecht sich um Dinge 
kümmert, die ihn nichts angehen. — 520 e: zi ?dp y^aktn6v äouv äv 
täte 65oCc *&c W TÄV tdtpoiv em7pacpac |tf) ava-ffrvwoxitv, t) t( fioaxspic 
tv toie «GpMcdtotc ra xata täv toi-/ tov y p de jx jjlcc -coc rjj Ö^it Ktpitpivtiv ; 
Hier vermißt H. den rechten Gegensatz zwischen 68ol und irsptaaxot. 
'Quosnam mtfem parietes />"/** ceteris verborum eorumque spurcorum, 
plenos videmus? Non op".< d'tccre, neque quid hie coniiciam\ Aber 
daß man die verschiedensten Wände vollkritzelte, wissen wir doch 
aus Pompeji, und würden die andstatot wirklich einen geschmackvollen 
Gegensatz zu den tatpot ergeben? Die Grabmäler lassen den Leser bei 
6Soi nur an die Landstraßen denken, denen vortrefflich die TrspiTratot 
in der Stadt gegenübertreten. — 520 f: xaddaep ol xovq-rol *oi>c °*o- 
Xaxac oux ewi:v Sxtp&readai . . . ., o5tü> osi täc e-l rcäv \>saaa xal iräv 
äxooaaa toö ttoXoTTpafiiovoc fexSpOftäc xal ~;p f .~Xavr)o?'.g äpatpeiv xal 
avtto;rav 67ct cä xpTjatiia (poXättovtac. Hier verlangt H. mit Rücksicht 
auf das Bild d<p6Xxsiv. Aber das wäre nur richtig, wenn Objekt tö 
ffoXonpaffLoy wäre. Das Bild selbst liegt doch in äx8po|ial xal nepi- 
atXavTjaetc, und die müssen nicht abgezogen, sondern beseitigt werden. 
— 522 d: out» tic &ott ^Xoxu^txpoc . . 6 ti)c rcoXojrpaf|tooöv7]c fap-raXu*- 
jtöc. waitsp SXxoc alp/taawv laotöv 6iav ap,i>acn)Tat. 'Sensu cassa mihi 
videntur ultima?. Aber kennt H. keine Leute, die an halbvernarbten 
Wunden polken, bis diese wieder zu bluten anfangen, und dabei das 
Gefühl eines fXoxöjrtxpoc ?ap7aXio|itfc empfinden? 

De vitioso pudore. 

530 b: (Nach einem Zitat aus Sophokles, bei dem eine an sich 
nicht unkeusche Frau aus Mangel an Widerstandskraft dem Verführer 
erliegt), &ad' ^ Soatoirta ttpo3tatp$s£paoa (so W8 Planud. e corr.» 
ffpoo5ta<p$s(paaa GXYNRSal., TtpooÖia^dstpooaa MCDhi) tö axd- 
Xaotov avuj-/opa nävta xal ÄxXctaTa xai xaravtr] :rpo6Eö*ujoi tote fcttitifo- 
(Uvotc H. lobt Madvig, weil er ohne Rücksicht auf den Hiat toö 






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Hartman, De Plutarcho scriptore et philosopho 339 

ÄxoXdatoo geschrieben hat. Aber auch wer zugibt, daß gelegentliche 
Hiate bei Plutarch zu dulden sind, muß sich doch sagen, daß eine 
Konjekturalkritik, die neue Hiate einführt, von vornherein auf Wahr- 
scheinlichkeit verzichtet. Hier sitzt der Fehler tiefer. Denn L C G 
XW haben vor Ävo>xopa noch aotTj ^dp, und diese Worte sind sicher 
nicht nachträgliche Zutat, sondern in den übrigen Handschriften als 
die Konstruktion störend weggelassen. Offenbar liegt eine Lücke vor, 
die man etwa folgendermaßen ergänzen mag: r { Soocoirta npo&atp&ttpatoa 
(r?]v $0%tp o&x av<X|i§vst StsfsEpeodat) xb axöXaotov a&rij yap ivä>x- — 
532 d: rj) 8fc Sootoirfcj ot)u.ߣß7)xsv kvxsyyia^ y w ryofa] xarcvöv &5o{tac 
elc iröp ijtßdXXetv ^aotijv. alo^ov^evot fap xtX. ist im Hinblick auf 
die Definition ahr/hrq y6$os &8o£tac (Stoic. fr. IU 407— ») gesagt. Durch 
Tilgung von äSo^'ac zerstört H. die Pointe. Ebenso hat 534 f der Satz 
oh -fap IdeXi^osi Sta tö tpatvd(tfivov a*.o-/,oöv, der auch als Abschluß des 
Vorhergehenden unentbehrlich ist, seinen guten Zweck im Gegensatz 
zu dem wahren aloxptfv, von dem nachher die Rede ist. Als X6jnj 
7ispi ta d; &8o£iav yaivöu.eva cp^peiv t&v xaxüv definiert Aristoteles 
Rhet. 1383 b 13 die alaybvq. — 532 e: 6 jxäv tap tliräv, Stt icdvnc ol 
r?]v 'Aotav xatotxoövTec ivl SodXsüodoiv dvdpwjttp 8ta tö u,-?) Äövaodai 
u.tav etjcstv t9]v ,oo 4 aoXXaßijv, o&x ianotöaaev <&XX' goxaxjit. H. schreibt 
o'jx ^axaxjjsv aXX 3 iairoüSaasv, und fügt ot> oxtojrtcüv aXXä ottod&Cwv 
gerade jetzt im Weltkriege die Begründung hinzu: 'Quid enim certius 
quam omnem vitari servitutem ab eo qui in tempore possit negare? — 
533 f: tüv jidXXov ct&toö rcapÄ t<p ßaotXet Sovapivcöv erklärt H. für 
ungriechisch und verlangt jieiCov. Aber d&vaodat ist doch längst in 
die absolute Bedeutung 'Einfluß haben* übergegangen, und was macht 
H. mit v. Ages. 7, wo Plutarch dieselbe Anekdote mit den Worten 
abschließt: tot>c u.dXXov aotoö Sovauivooc? 

De laude ipsius. 

544 e ist ijctd^vto« für Ixttdfivtoc, das in allen codd., auch in D 
steht, wohl nur Druckfehler bei Bernardakis. — 546 d haben &x tö- 

t r. 

7ca>y ^ycuovlxwv alle Hdschr. außer D (n6xw); aber wtftwv ist gewiß 
richtig, vgl. 704 e u. ö. 

Schwierig ist cap. 9 (542 b): Vorbildlich ist die Art, wie De- 
mosthenes in der Kranzrede das Selbstlob einfließen läßt, indem er 
das Lob der Athener voranstellt. Xavddvet y*P oStio töv ixpoarfjv tot« 
lÄtotc iTratvoic oovBÄtSoöjtevov (aovo7to£oö|L&vov G W Z A corr.) tö (töv 
WG corr. Z corr.) toö Xd-fovtoc ^8ä«öc ffpoa8Kxöu. gvov **l X*P tv (X a ^P etv 
KM 2 hal: x°"P st CJ l G corr. Planudes x a *P° vta X s ) jiiv fcp' ole xat- 
topdwoe XfifOfLivotc, tij> Ck yatpsiv s&doc B«stat tö ^ao^xäCstv xal af anäv 
5c' Sv xatwp&aosv. So die alte Ueberlieferung, auch die zur A-Klasse 

22* 



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340 Gott. gel. Anz. 1918. Nr. 9 u 10 

gehörigen h L Aber R S haben nach oovem8odp,evov (-o; S) die Worte 
to — rcpooSsxo'y.svov und nachher XeYouivotc weggelassen und die da- 
durch entstandenen Lücken hat D so ausgefüllt: Xav&dvst . ..oovazo- 
8odjj.evoc 8? tote 6fffep a&toö Xe-(ou.ev&:; ^8etaf xal x*P tv F** v 
E'p' oic xaTü>pd(oo6v ^x ei > T $ ^ /atfistv xtX. Bernardakis ist ihm 
natürlich treulich gefolgt, nur daß er stolz die Emendation ouvoaroSoö- 
jigvoc für oovaffo8u<5u.6voc vermerkt. Hartman findet mit Recht Ber- 
nardakis' Lesung unverständlich und vermutet : Xavt>av6t fäp o5too t6v 
■Äxpoarijv tote iötotc feffaivote oüvaicoSowv <S>c tote &«ftp aotoö Xe-fouivotc 
^Setat. Diese Lesart erledigt sich mit der richtigen Erkenntnis der 
Ueberlieferung. Sie verfehlt aber auch den Sinn. Denn Plutarch 
will nicht sagen : dum semet ipsittn laudat, simul aperit auditorem . . . 
demonstratque o>c toi« oicip aoToö XG^o^iivot^ ^Sstat, sondern, der Hörer 
nimmt das ihm selbst gezollte Lob gern an und wird dadurch unver- 
merkt auch dem Selbstlob des Redners zugänglich. Vortrefflich ist 
also ~poa8r/djj.?voy, vorher notwendig töv toö X6fovtoc sc. Iiratvov, und 
dieses Lob schleicht sich zusammen mit dem des Hörers in dessen 
Seele ein, also oovu7io8oö{j.evov tote 18tö\c sitalvotc (man könnte freilich 
auch ouvsi<38udu.evov denken). Nachher ist durch die Fortsetzung toi 
56 x<*£pstv eine Form von x a *pw gesichert, wofür x*P tv e * ne häufige 
Verschreibung ist (Wegehaupt Berlin. Abh. 1914, u). Aber wer ist 
Subjekt zu Xavdavet? Nach der Ueberlieferung der Redner, aber töv 
axpoar^v — tot« i8. iitaivotc aovu7co8oö(j.evov töv toö X^ovcoc ^84«c 
«poa5exöiJ.evov ergibt eine kaum mögliche Häufung von Akkusativen 
und nötigt zu einer starken Aenderung von xal yaipv.v. Also ist töv 
dxpoarfjv erst durch die folgenden Akkusative im Anschluß an Xavdavet 
hervorgerufen, und das Richtige sah ein Korrektor von G, der fol- 
gendermaßen schreibt: Xav^avst ?äp ootqk 6 dxpoarfjc toic IStotc 
ÄTToitvotc oovi>no5oö(i.evov töv toö X^yovtoc ^8eu>c 7tpoo86xö|tsvoc, xol x°"P Et 
jj.lv Stp' otc xatwpö-wae XsfO|i.£votCi Tq> 8fe x a *P etv e&^t>C SjteTat tö daop.d- 
Cetv xai dfairdv 8t' 8v xaT<i>pdcooev. — In 536 a und andern Stellen 
wendet sich H. mit Recht gegen den Unfug, den die modernen Her- 
ausgeber damit treiben, daß sie vor dem Nachsatz ein Kolon setzen. 

Zum Vergleich schließe ich ein paar Bemerkungen über eine ganz 
andre Schriftenklasse an, die schwierigen polemischen Abhandlungen 
gegen Stoa und Epikur. Auch hier freue ich mich mehrfach der 
Uebereinstimmung zwischen Vorschlägen Hartmans und eigenen Ver- 
mutungen. So comm. not. 1064 c: TrpdTrooat 81 rcavTa (f. TaöTa). 1075 f: 
3) Ixetvot u£v [oox] dvatpoüot täc ffepi deö»v iwoEac, ootoi 8k xai irspt- 
oßpi'Cotwi xai xXsDdCoüai; non posse 1101a: xal 8aa 8^\ rca&atvd[isvot 
[xai] 7pd?povT6g f>Ypot Ttvsc etvat xal (ptXtxol öoxoüot. adv. CoL 1108e: 






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Hartman, De Plutareho scriptore et pbilosopho 341 

$iä tö ff6pwtso6iv aotöv npötepov täte ap^aic [iccpl <puae<i>c]. 1112 e; 
Tcötspov outwc axoö<i>p.ev (f. äxoüojiev); Handschriftlich werden Hart- 
mans Vorschläge bestätigt Stokos absurd. 1058 c, wo das selbstver- 
ständliche tüoirep ex wirfi)« teppei die Ueberlieferung ist (äXt^tjc nur 
Druckfehler bei Bernardakis?), adv. Col. 1116a: oXX'